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Das Erbe im Ententeich
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eBook238 Seiten3 Stunden

Das Erbe im Ententeich

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Über dieses E-Book

„Eine Geschichte aus dem Leben gegriffen“. Sie spielt in Memmingen. Sie hätte auch in Grünberg, Sylt, Frankfurt, Basel oder sonst irgendwo auf der Welt spielen können. Der Roman beschreibt die Geschichte einer Familie aus Memmingen. Es geht um die Leiden der Kriegskinder wie auch um deren Nachfolgegeneration. Verschwiegene Tragödien kommen ans Tageslicht. Es wird gezeigt, wie diese Familiengeheimnisse auch in Nachfolgegenerationen Missgunst, Hass, Neid und Eifersucht hervorrufen können. Jeder der Protagonisten erzählt die Geschichte aus seiner ganz persönlichen Sichtweise – es werden immer mehr Menschen verwickelt.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum1. Sept. 2013
ISBN9783837251784
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    Buchvorschau

    Das Erbe im Ententeich - Brigitte Kremer

    Widmung

    Es sind die kleinen Dinge, die einen täglich berühren: das Lächeln eines Menschen, die ersten Sonnenstrahlen im Frühling, der Blick auf einen blühenden Garten, der Duft einer guten Tasse Tee, wunderbare Begegnungen und mehr … Dieses Buch widme ich meinen Kindern. Schön, dass es Euch gibt. Bewahrt Euch die Freude über die kleinen Dinge im Herzen. Eure Mama

    Prolog

    Die Menschen, denen wir täglich begegnen, erzählen Geschichten. Manchmal klingen die Geschichten so unglaublich, dass wir uns nicht sicher sind, ob wir diese Geschichten glauben sollen.

    Manchmal stellen wir auch fest, dass unterschiedliche Menschen die gleiche Geschichte mit anderen Erzählungen ausschmücken. Was ist nun die wahre Geschichte? Vielleicht gibt es die wahre Geschichte auch gar nicht, da sich hinter jeder Erzählung eine persönliche Erfahrung, eine ganz persönliche Betrachtungsweise verbirgt.

    „Eine Geschichte aus dem Leben gegriffen" … Sie spielt in Memmingen. Sie hätte auch in Grünberg, Sylt, Frankfurt, Basel oder sonst irgendwo auf der Welt spielen können. Es ist eine Geschichte – vielleicht auch ein schicksalgesteuerter Roman, ein regionaler Krimi, eine Biografie … Jeder wird dahinter eine andere Motivation erkennen. Wichtig ist, dass es eben nur eine Geschichte ist ohne Faktizitätsanspruch! Sie basiert zwar zum Teil auf wahren Begebenheiten und berichtet von Charakteren, die es so oder so ähnlich gegeben haben könnte. Dennoch sind diese Erzählungen keine realistische oder journalistische Schilderung von Personen und Ereignissen. Realistisches wurde bewusst mit Fiktivem vermischt und es entstand eine neue Geschichte. Evtl. Namensähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.

    Achtung, sie beginnt jetzt … die Geschichte:

    Luna Marie Wagner

    Eigenbrötlerin, kreativ, hyperaktiv, hyperengagiert, hypersensibel … vielleicht bin ich genau aus diesem Grunde Journalistin geworden. Schon als Kind habe ich mich ausschließlich darauf konzentriert, was den anderen so passiert, wie sie damit umgehen und was sie letztendlich daraus machen. Ich habe gelernt, Menschen einzuschätzen, zwischen den Zeilen zu lesen. Es war und ist nicht immer richtig, die Menschen in meinem Umfeld zu analysieren – aber es macht mir unheimlich Spaß. Aber es ist dann auch schwierig, mit ihnen umzugehen, und nicht einfach, die Menschen mit all ihren Fehlern und Macken in meiner perfektionistischen Welt zu akzeptieren. Manchmal denke ich auch, ich hätte meine besondere Begabung besser als Kriminalistin einsetzen sollen. Na egal, es ist, wie es ist. Ich werde heute fünfzig Jahre alt – ähm, jung. Still, heimlich und leise werde ich fünfzig. Immer wieder blicke ich auf das Telefon und hoffe doch irgendwie, dass jemand anruft und mir „Happy Bürste singt. Na ja, da ich es aber niemandem erzählt habe, wird natürlich auch keiner anrufen. Da die Geburtstagskalender auch immer noch irgendwo an der Wand hängen und noch nicht in die digitalisierte Welt übernommen wurden – so zumindest bei mir –, kann ich nicht davon ausgehen, dass wirklich jemand heute an mich denkt. Dann schreibe ich doch mal lieber weiter an meinem Auftrag. Mit einem Glas Geburtstags-Champagner geht es vielleicht besser. Und überhaupt helfe ich ja auch damit der Aufklärung von Kriminalfällen. Zumindest unbewusst. Ich recherchiere und veröffentliche meine Erkenntnisse an x-Tausende von Menschen. Heute habe ich nur einen ganz banalen Artikel zu schreiben für eine kleine Zeitung im Allgäu. Schon merkwürdig, dass ich als Freie Journalistin in Hamburg solche Aufträge bekomme. Ich habe eine wirklich große Fangemeinde und darüber freue ich mich sehr. Ich glänze mit Qualität und Leistungsbereitschaft. Wahrscheinlich wurde ich dahingehend erzogen. Meine lieben Eltern sind beide schon gestorben. Ja, ich hatte Eltern älteren Semesters – eben „Ältern; korrekte Hamburger ostpreußischer Herkunft. Sie haben als Kleinkinder so einiges in den Kriegsjahren mitgemacht und waren dadurch sehr geprägt und haben sich über ihr gemeinsames Schicksal wohl auch gefunden und lieben gelernt. Sie wollten, dass ich es mal besser habe. Und somit wurde ich korrekt erzogen: leistungsbereit, höflich, freundlich und eigentlich sollte ich Jura studieren. Na ja, ich konnte mich dann doch durchsetzen – zum Glück. Ich bin nämlich als Journalistin erfolgreich und vielfältig gefragt. Ich bin stolz darauf! Von Kriminalstorys bis hin zu Fachartikeln für Frauenzeitschriften, IT-Community, medizinische Berichte usw. Ja, ich, Luna Marie Wagner, habe mir in den letzten dreißig Berufsjahren einen Namen gemacht.

    Also, zurück zu meinem Artikel für das Allgäuer Blatt. Ich soll aus gesammelten Fakten eine Story schreiben. Fällt mir ja eigentlich nicht schwer. Aber hin und wieder habe ich einfach keine Lust, die Infos zu banal und zu einfach, so dass das Schreiben einfach keine Herausforderung darstellt. Also gut, ich habe den Auftrag angenommen und muss ihn nun auch zu Ende bringen. Außerdem verschaffen mir diese kleinen Artikel das notwendige Kleingeld für meine Existenzgrundlage. Alle großen Recherchen mit viel Zeitaufwand, Reisetätigkeit etc. sind eigentlich nicht rentabel. Auch wenn diese meine ganze Begeisterung anziehen. Ich schreibe und recherchiere aus Leidenschaft. Die kleinen Aufträge sind reine Notwendigkeit. Ich muss mich einfach etwas motivieren, auch die kleinen Dinge bestmöglich zu erledigen.

    Hm, Champagner – und jetzt die Fakten. Wo hatte ich sie noch mal notiert? Ja stimmt, in meinem lilafarbenen Notizbuch, das ich in meiner neuen knallgrünen Aktentasche verstaut habe. Schnell noch ein Schluck aus meinem stilbrüchigen Champagnerglas – einem Trinkglas vom gelbblauen Schweden – und ab auf meine Kuschelcouch im Wohnzimmer. Automatisch schalte ich den Fernseher an. Ja, ich kann mich besser konzentrieren, wenn der Fernseher läuft. Irgendeine schnulzige Geschichte und ich komme in Stimmung für einen umwerfenden Artikel. Meine Freunde finden mich ziemlich durchgeknallt. Tja, das bin ich auch. Ich muss lachen und fühle mich ziemlich gut. Meine besten Storys schreibe ich tatsächlich vor dem Fernseher oder mit einem Diktiergerät beim Joggen, beim Wandern in den Bergen oder beim Autofahren. Ich bin auch noch leidenschaftliche Autofahrerin. Ich kann mich einfach besser konzentrieren, wenn ich neben meiner eigentlichen Tätigkeit noch etwas anderes mache. Multitaskingabhängig würde man dies bezeichnen. Ich wurde als ABC-Schützin dazu erzogen. Meine damalige Lehrerin, Frau Konradi, empfahl den Eltern ihrer Schützlinge, dass während der Hausaufgaben das Radio laufen sollte. Da meine Eltern sehr obrigkeitshörig waren, wurde das natürlich auch vollzogen. Ob ich wollte oder nicht. Ich habe mich im Laufe der Zeit so an das Radio gewöhnt, dass ich schon nach kurzer Übungsphase nicht mehr ohne konnte. Stille und Ruhe sind reines Gift für mich, da kann ich mich nicht konzentrieren und bringe nichts zu Papier. Schon merkwürdig. Wahrscheinlich müsste man das therapieren. Aber ich fühle mich ganz gut dabei und deshalb lasse ich es auch so, wie es ist.

    Zurück zu den Fakten: „48-Jährige im Allgäu, aufopfernde Katholikin, Minijobberin bei Essen auf Rädern, Mutter von vier Kindern, liebende Ehefrau, ehrenamtlich Engagierte in kirchlichen Vereinen wird verdächtigt, systematisch ihre Herkunftsfamilie vernichtet zu haben. Der Rest der verfügbaren Infos ist ziemlich dürftig. Wie soll ich damit einen Artikel schreiben? Ich weiß nicht, ob die Frau verhaftet wurde, was das Wort „vernichtet zu bedeuten hat. Trotzdem spüre ich eigenartigerweise, dass die Infos mich fesseln, mich auf einer anderen Ebene berühren. Kaum zu glauben, eine einfache Frau eine systematische Kriminelle. Na ja, so stelle ich mir das zumindest in meiner kriminalistisch verdorbenen Fantasie vor. Stopp, halt, das darf nicht sein. Ich muss meine Objektivität behalten. Ich darf mich nicht emotional leiten lassen. Uff, ich muss also schauen, wie ich die Infos komplettieren kann. Wen rufe ich an? Mein persönliches Netzwerk ist zwar gigantisch, aber dort im Allgäu habe ich keine Kontakte, die ich mal so spontan anrufen könnte. Den Auftrag habe ich über mehrere Umwege erhalten und außerdem habe ich nur wenige Stunden Zeit dafür. Ich muss noch vor Redaktionsschluss abliefern, da das Ding morgen in der Samstagsausgabe veröffentlicht werden sollte. Vielleicht ein Anruf bei der Polizei in Memmingen?

    Lieber noch einen kleinen Schluck Geburtstags-Champagner. Mmh, ich genieße und werfe mich ans Telefon. Vielleicht bringt mir mein Geburtstag ja etwas Glück. Fünfzig – ein halbes Jahrhundert – und ich habe so viel erlebt. Ich sollte nicht nur Artikel schreiben, sondern meine Lebensgeschichten als Buch veröffentlichen. Aber das machen ja schon so viele. Irgendwie wollte ich mich doch nicht in die lange Reihe der Memoirenschreiber einreihen. Na ja, vielleicht mal später, wenn ich dann noch lebe und es mir im Rentenalter zu langweilig wird. Oder wenn etwas wirklich Außergewöhnliches passieren würde. Mal sehen – sag niemals nie …

    Na, da denke ich lieber morgen darüber nach. Jetzt muss ich mich der Inforecherche und meinem Artikel widmen. Die Leitung ist schon mal frei. Aber es klingelt unendlich lange. Vielleicht ist dort gerade Schichtwechsel oder Zeit für eine gute Tasse Kaffee. Es sei den Polizisten gegönnt. Das Arbeitsleben ist schon schwierig genug für all die Ordnungshüter. Ja, jetzt, endlich nimmt jemand ab. „Wagner, meldet sich eine freundliche Männerstimme am anderen Ende. Ich bin verwirrt. Ich sage auch „Wagner und ich merke, wie auch mein Gegenüber innehält und sich vielleicht sogar ein wenig veräppelt vorkommt. Ich muss lachen und höre mich sagen: „Hallo, Herr Wagner, ja, ich heiße auch Wagner. Wer weiß, vielleicht sind wir sogar verwandt miteinander. Herr Wagner muss jetzt auch lachen und wir plänkeln erst ein wenig hin und her. Na ja, verwandt können wir ja fast nicht sein, da ich ja in Hamburg geboren bin und Herr Wagner wahrscheinlich irgendwo im Allgäu. Hauptsache, er ist mir wohlgesonnen und gibt mir Auskunft über den vorliegenden Fall. Ich stelle mich also vor, erzähle ihm von meinem Artikel, den ich verfassen soll, berichte ihm über die mir vorliegenden Infos und frage nach weiteren Fakten. Herr Wagner ist wirklich sehr freundlich und sympathisch, aber er ist auch sehr vorsichtig. Er möchte nicht so ohne Weiteres die inhaltlichen Angaben vervollständigen. Ich erkläre ihm, dass es keinen Sinn macht, mit nur wenigen Informationen die Öffentlichkeit aufzuschrecken. Ich kann nur professionell arbeiten, wenn ich mit vollständiger Doku einen Artikel verfassen kann. Herr Wagner zeigt großes Verständnis. Nichtsdestotrotz erfahre ich nur wenig Neues. Ich habe das Gefühl, eine falsche Gesprächsstrategie verfolgt zu haben. Aber er macht mir auch klar, dass die Ermittlungen erst beginnen und ich mich bitte mit spekulativen Äußerungen zurückhalten soll, um eben die Bevölkerung nicht aufzuschrecken und die Ermittlungsarbeiten nicht unbewusst zu behindern. Der Fall wäre eine wirklich große Sache und die Ermittlungsarbeiten werden eine gewisse Zeit dauern. Herr Wagner meint: „Schade, dass Sie so weit weg wohnen und arbeiten. Wir haben gute Erfahrung mit Journalisten gemacht. Sie helfen uns bei unseren Recherchen und manchmal ist es eine wirklich gute Zusammenarbeit … manchmal. Erinnern Sie sich noch an den Fall vor ca. fünfundzwanzig Jahren, als im Allgäu die Abtreibungsaffäre für zweihundert Frauen ein Horrorszenario eröffnete? Dabei haben Journalisten so manchem Juristen die Augen geöffnet. Leider zu spät! Ich verspreche Herrn Wagner, dass ich mich mit journalistischen Vermutungen zurückhalten werde. Also gut, dann werde ich mich mal strikt an den wenigen Fakten orientieren.

    Herr Wagner ist mir wirklich sehr sympathisch. Ob es an der Namensgleichheit liegt? Nein, vielleicht auch, weil er so offen zu mir war. Was mache ich nun? Ich kann so doch keinen Artikel schreiben.

    Ich setze mich an meinen Laptop und öffne eine leere Seite. Die Überschrift – vielleicht „Versteckspiel mit der Ehrlichkeit oder „Liebende Mutter eine Mörderin? oder „Religiosität und Katholizismus schützt vor Verbrechen nicht". Ach irgendwie bin ich einfach nicht damit zufrieden. Manchmal glaube ich wirklich, ich kann keine Artikel nur auf der Basis von ein paar wenigen Informationen schreiben. Sobald ich mit meiner Arbeit beginne, packt mich das Interesse, die Leidenschaft und mir bleibt nichts anderes übrig, als mich der Recherche hinzugeben. Sobald ich mehr über die Menschen und ihr Schicksal kenne, fällt mir das Schreiben leichter. Das ist wahrscheinlich mein Erfolgsrezept … die Recherche.

    Spontan nehme ich den Hörer wieder auf und rufe in der Redaktion der Allgäuer Zeitung an. Es meldet sich Frau Mayer. „Hallo, Frau Mayer, mein Name ist Luna Marie Wagner. Ich wurde beauftragt einen Artikel zu schreiben, der Ihnen in zwei Stunden vorliegen soll. Ehrlich gesagt, mit den momentan verfügbaren Informationen kann ich keinen Artikel schreiben. Ich schlage deshalb vor, dass Sie mir Zeit für eine ordentliche Recherche geben und wir mit mehr Fakten eine vernünftige und interessante Story veröffentlichen. Uff, ich höre mich sagen: „Wir mit mehr Fakten … – wir! Oh je, was habe ich vor? Ich kann doch nicht von Hamburg aus recherchieren. Dazu müsste ich mich schon vor Ort begeben und mich um Örtlichkeiten, Gegebenheiten und Beteiligte kümmern, sozusagen im Chaos wühlen, Menschen provozieren, um so Detail um Detail herauszubekommen. So wie ich das vor einiger Zeit mit dem Bundespräsidentenvorwurf gemacht habe. Ja, ich habe die Affäre aufgedeckt und die Bevölkerung über die Machenschaften der Beteiligten informiert. Wir Journalisten sind schon merkwürdig, wir denken, wir wären die besseren Menschen. Wir sind aber stets dabei, Menschen, Familien und Unternehmen zu zerstören. Ja, immer unterwegs mit dem Vorwand, die Welt zu retten. Ob das immer so selbstlos und gut für die Gesellschaft ist, steht dabei in Frage. Aber ich kann nicht raus aus meiner Haut. Der Journalismus ist einfach mein Leben, meine Leidenschaft.

    Frau Mayer ist sehr freundlich und hört sich meinen Gefühlsausbruch ruhig an. Sie gibt mir zu verstehen, dass ich mich einen Moment gedulden muss; sie möchte das kurz mit dem Chefredakteur besprechen. Ich stimme zu und begebe mich in die Warteschleife. Es läuft die Titelmelodie eines Kinofilms. Bei Skyfall verfalle ich glatt ins Träumen und erschrecke kurz, als Frau Mayer mich wieder anspricht. Sie sagt: „Frau Wagner, wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie anrufen. Wenn es Ihren Artikel schon gäbe, dürften wir ihn nicht veröffentlichen. Die Staatsanwaltschaft bittet aus ermittlungstechnischen Gründen um Zurückhaltung. Es kam gerade ein Fax herein. Es liegt bei Ihnen, ob Sie Ihre Recherche trotzdem starten möchten. Das kann uns ja niemand verwehren, Ihnen als freie Journalistin schon gar nicht. Nur wir dürfen aktuell nichts dazu veröffentlichen."

    Was tun? Soll ich wirklich ins Allgäu fahren und für unbestimmte Zeit Hamburg verlassen? Ich rufe meine beste Freundin Rita an – Mailbox. „Hallo Rita, bitte ruf zurück. Ich brauche deinen Rat! Ciao, Luna." Rita ruft nicht zurück. Hm, ich mache mir einen starken Kaffee. Jetzt ist es 15.17 Uhr. So habe ich mir meinen Geburtstag wirklich nicht vorgestellt. Ich bin total unruhig. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Aber es lässt mir keine Ruhe. Diese Geschichte wühlt mich so auf. Ich spüre, dass es eine lange Story hinter der Fassade der wenigen Fakten gibt. Ich bin neugierig, welches Schicksal verbirgt sich dahinter? Wahrscheinlich sind es sogar Schicksale mehrerer Menschen. Und vor allem, was hat die Frau dazu bewogen, ihre eigene Familie zu vernichten?

    Spontanität ist eine meiner Charaktereigenschaften. Ich habe mich noch nie von meinen geplanten Vorhaben abhalten lassen. Ich habe immer schon gemacht, was ich für richtig hielt. So auch jetzt. Ich springe auf, suche meine beste Reisetasche – schwarz mit weißen Blumen. Wo hatte ich sie verstaut? Ah, ich meine mich erinnern zu können, dass ich sie vor ca. acht Wochen unters Bett geschoben habe. Mein Luxus-Wasserbett, meine Wohlfühloase mitten in meinem Ein-Zimmer-Atelier. Ja, ich habe wohl eine ungewöhnliche Wohnung. Ich liebe sie und freue mich nach jeder journalistischen Reise auf mein gemütliches Nest. Gedankenversunken packe ich ein paar Sachen. Dort im Allgäu ist es bestimmt kalt. Ist mir doch egal, ob mich hier in Hamburg irgendjemand vermisst. Wenn mir niemand zum Geburtstag gratuliert, dann sollte ich mir jetzt um die anderen auch keine Sorgen machen. Nur meiner Vermieterin gebe ich noch Bescheid. Wer weiß, wann ich wieder zurückkomme. Vielleicht gießt sie ja auch meine Blumen, die können ja nichts dafür, dass ich fünfzig werde und dies keinen interessiert. Was hält mich noch? Auf ins Allgäu.

    Ich gebe zu, die Entscheidung habe ich nicht allein aus Interesse an meinem Job oder aus reiner Abenteuerlust getroffen. Es spielt auch ein wenig der Lebensfrust eine Rolle. Fünfzig werden ist nicht so einfach. Die Endlichkeit wird einem bewusst und das Bewusstsein, dass ich hätte mehr aus meinem Leben machen können als nur berufliche Karriere

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