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Wie ein Feuer im Wind: Roman
Wie ein Feuer im Wind: Roman
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eBook453 Seiten6 Stunden

Wie ein Feuer im Wind: Roman

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Über dieses E-Book

Der Roman zeigt auf, dass ein Mensch viele Schicksalsschläge verkraften kann; dies jedoch nicht unbegrenzt. Ferner herrscht die Meinung, Blinde lebten in ständiger Dunkelheit: Es gibt aber innere Bilder! Für das Werk konnte ich aus den gesammelten Erfahrungen im Zusammenhang mit der Tätigkeit als Fachausschuss- Vorsitzender einer REHA-Stelle für Späterblindete schöpfen. Werner Emch
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum25. Juni 2012
ISBN9783837250145
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    Buchvorschau

    Wie ein Feuer im Wind - Werner Emch

    Werner Emch

    Wie ein Feuer im Wind

    Roman

    AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG

    FRANKFURT A.M. • WEIMAR • LONDON • NEW YORK

    Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit.

    Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.

    ©2013 FRANKFURTER LITERATURVERLAG FRANKFURT AM MAIN

    Ein Unternehmen der Holding

    FRANKFURTER VERLAGSGRUPPE

    AKTIENGESELLSCHAFT

    In der Straße des Goethehauses/Großer Hirschgraben 15

    D-60311 Frankfurt a/M

    Tel. 069-40-894-0 ▪ Fax 069-40-894-194

    E-Mail lektorat@frankfurter-literaturverlag.de

    Medien- und Buchverlage

    DR. VON HÄNSEL-HOHENHAUSEN

    seit 1987

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    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.d-nb.de.

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    Lektorat: Annette Sunder

    ISBN 978-3-8372-5014-5

    Die Autoren des Verlags unterstützen den Bund Deutscher Schriftsteller e.V., der gemeinnützig neue Autoren bei der Verlagssuche berät. Wenn Sie sich als Leser an dieser Förderung beteiligen möchten, überweisen Sie bitte einen – auch gern geringen – Beitrag an die Volksbank Dreieich, Kto. 7305192, BLZ 505 922 00, mit dem Stichwort „Literatur fördern". Die Autoren und der Verlag danken Ihnen dafür!

    Kapitel I: Verschwinden für immer

    Unter höchster Kraftanstrengung, die Hände über Kopf, versucht Thomas den Kellerladen von innen her, auf der ausgetretenen steinernen Treppe stehend, zuzuschieben. Nach einigem Murksen hört er endlich die halb morsche Eichenholzkonstruktion dumpf in die Halterung des Gemäuers fallen. „Geschafft", seufzt Thom leise, setzt sich alsdann ermattet auf eine der untersten Stufen des Kellerhalses, stellt die Ellbogen auf die Knie und stützt so seinen bleischweren Kopf mit beiden Händen.

    Es ist ihm also gelungen, den Weg nach vielen Strapazen vom Bahnhof her, wo er mit dem letzten Zug angekommen ist, mittels Blindenlangstock hierher in die verlassene Waldlichtung und in sein selbst gewähltes Gefängnis – an die tatsächlich richtige Bezeichnung „Grab" muss er sich wohl erst noch gewöhnen – zu finden.

    Der sonntägliche Spaziergang mit seinem Bruder Fred vor zwei Wochen hatte ihm die Möglichkeit, für immer zu verschwinden, aufgezeigt, und seither liess ihn dieser Gedanke nicht mehr los. Dieser Plan fand in seiner aufgewühlten Seele und seinem zerfetzten Geist zum Gedeihen einen günstigen Nährboden. – Der Keller, in dem Thom nun sitzt, gehört zu einer fast gänzlich zerfallenen ehemaligen Köhlerhütte, die noch lange Zeit, nachdem ihre Zweckbestimmung nicht mehr gegeben war, für die Betreiber der nahe gelegenen Kiesgrube als Gerätemagazin und Unterstand diente. Seitdem die Kiesausbeutung hier eingestellt ist, nagt der Zahn der Zeit an diesem „Gebäude" noch rasanter. – Thomas hat nun auf besagtem Rundgang mit seinem älteren Bruder, der die beiden rein zufällig in diese Gegend geführt hat, erfahren, dass in einem grösseren Umkreis ums ehemalige Köhlerhaus die spärlich vorhanden gewesenen Bäume bereits entfernt und abtransportiert worden sind, die Hütte in absehbarer Zeit mit einem Trax zusammengestossen und hernach das ganze Tobel mit einer Bauschutt-Deponie aufgeschüttet und mit Humus eingedeckt und später neu aufgeforstet werden soll.

    Hier sucht bzw. findet ihn mit hundertprozentiger Sicherheit niemand. So kann er aus seinem Leben, das ihm bis zur Unerträglichkeit so arg zugesetzt hat, spurlos verschwinden, ohne dass der „Makel des Selbstmords" seiner weitherum geachteten Familie anhaften wird. Nichts hat Thom unterlassen, um sein persönliches Umfeld, sei es dasjenige in der Stadt oder das seiner Familie hier auf dem Lande, abzulenken, ja irrezuführen. So hat er allen Kontaktpersonen erzählt, er verreise für vier Wochen zu deutschen Freunden nach Spanien; diese seien gegenwärtig glücklicherweise gerade in Genf, wo er sie treffen werde. Die Fahrkarte nach Genf hat er tatsächlich gekauft, d. h. ein Kollege hat ihm diese besorgt, so gibt es vorerst doch Zeugen für diese vorgegebene Reise. Thom ist sich durchaus bewusst, dass man ihn nach Wochen vermissen und letztlich polizeilich suchen wird. Bis zu diesem Zeitpunkt jedoch dürfte er hier bereits tief und seiner Überzeugung nach praktisch unauffindbar begraben sein. Klar, es gibt dann und wann nach Vermisstmeldungen in den Medien auch Zeugen, z. B. vom Zugpersonal, die ihn gesehen haben wollen, jedoch die verstrichene Zeit verwischt bestimmt das Erinnerungsvermögen bereits recht stark. Er kam ja auch im letzten Zug, in welchem kaum mehr Fahrgäste mitfuhren, und vom Bahnhof des Nachbardorfes aus kam er auf den komischsten Umwegen an sein Ziel. Streckenweise hat er sehr aufpassen müssen, um die Orientierung nicht zu verlieren.

    Ob in dieser Nacht der Mond wohl scheint, werweist Thomas. Er hatte in seiner aufgewühlten seelischen Verfassung schon längere Zeit seinen Blinden-Taschenkalender nicht mehr diesbezüglich konsultiert. „Gesehen hat mich wohl ohnehin keiner, redet er sich ein, auf jeden Fall ist ihm nicht im Entferntesten etwas Verdächtiges aufgefallen. Es ist eine laue Maiennacht. Als er vor dem Einstieg in diese „Gruft noch kräftig die nach üppig spriessendem Grün duftende Waldluft einsog, versuchte eine innere Stimme ihn zu gemahnen: „Eigentlich ist jetzt nicht die Zeit zum Sterben, wo die ganze Natur zu neuem Leben erwacht und sich jegliche Kreatur zum Frühlingsreigen aufmacht. Solcherlei Gedanken schlägt Thomas sogleich energisch in die Flucht. Hier drin hingegen riecht es schon eher dem angestrebten Ergebnis gemäss, und zwar muffig, nach Schimmelpilz und langsamer Zersetzung. Hinten in einer Ecke tropft langsam, stetig, aber kaum hörbar, Wasser vom Gewölbe. Ob sich im Raum noch irgendwelche Gegenstände befinden, könnte Thom wohl besser als ein Sehender in diesem finsteren Loch ertasten; eigentlich interessiert es ihn auch nicht. Er ist sich bewusst, dass es da einiges an gruseligem Getier geben dürfte, das an solchen Orten zu kriechen und krabbeln pflegt. Die Vorstellung, dass sich dieses Ungeziefer dereinst über seine Überreste hermachen würde und es jetzt geradezu wohlduftend in diesem „Lokal sein dürfte im Gegensatz zu jenem kommenden Zeitpunkt, bewirkt bei Thomas doch ein etwas mulmiges Gefühl in der Magengegend, das ansatzweise Beweggrund sein könnte, doch noch aus diesem Verlies zu fliehen. Aber Thom bleibt sitzen, den wirren Kopf immer noch mit beiden Händen haltend. Plötzlich staunt er irgendwie, dass sich sein Körper überhaupt noch meldet. Von der steinernen Stufe her verspürt er langsam, aber sicher am Hintern ein unangenehmes Kältegefühl. Fast reflexartig greift Thom nach seinem Rucksack neben sich und entnimmt diesem eine kleine zusammengefaltete Luftmatratze, die er sogleich aufbläst. „So, darauf sitzt – oder später liegt – sich’s besser, meint er, während er im Rucksack nach seinen Sachen (dem kleinen Radiogerät, den beiden Flaschen hochprozentigen Kirschs und natürlich der Schachtel mit den Tabletten sowie einem grossen Plastiksack) tastet. Fast gierig wie ein Schwerstalkoholiker setzt er nun die eine Flasche an und nimmt einige kräftige Züge des „Feuerwassers.

    Nach der ersten, nicht allzu übermässigen Dosis Alkohol ist Thomas entspannter. Er denkt an seine Eltern und Geschwister, die keine zwei Kilometer entfernt wohl ruhig und nichts ahnend in ihren Betten schlafen. „Verdammt, stösst es Thomas auf, „wie werden sie wohl auf mein Verschwinden reagieren? Zuerst werden sie ja einige Zeit glauben, ich sei wirklich in Spanien, dann vielleicht etwas erstaunt sein, dass nie eine Karte oder sonst ein Lebenszeichen kommt. Schliesslich wird man mich international suchen lassen. Viel Aufwand wird betrieben werden, um meine Freunde, die ja niemand kennt, ausfindig zu machen. Letztlich dann glaubt man wohl an ein Unglück oder gar ein Verbrechen. Doch lange, sehr lange wird ihnen die Hoffnung, ich könnte doch noch wieder auftauchen, den Schmerz etwas bannen. Vor allem Mutter wird zu Gott beten und sich krampfhaft an den Glauben klammern, während Vater mehr und mehr die unsicheren Zustände im Ausland beklagen, ja gar verfluchen dürfte. Meiner Schwester Elisabeth würde ich sogar zutrauen, dass sie mich in den Sommerschulferien in Spanien suchen geht. Leni (meine Schwägerin), die mich zuweilen beinah mehr als erlaubt mochte, mag wohl als Erste heimlich oder auch nicht um mich weinen. Bei solchen Gedanken regt sich bereits wieder ein Zaudern, das jedoch unverzüglich mit einem kräftigen Schluck weggespült wird. Thom ertastet die Uhrzeit. „Schon zwanzig Minuten vor drei. Bald werden die noch in Wipfeln und im Gebüsch schlummernden Vögel einer nach dem andern ins herrliche Morgenkonzert einstimmen. Bis dahin sollte ich eingeschlafen resp. auf dem Wege des Entschlafens sein, sonst hindern mich womöglich diese kleinen verflixten gefiederten Freunde noch daran, meinen ‚Abtretensentschluss‘ in die Tat umzusetzen." So sinniert Thomas weiter und macht es sich auf seinem Lager, so gut dies geht, bequem. Ein weiterer Schuss des gebrannten Wassers darf auch nicht ausbleiben. So schnell haut ihn das Zeug nicht um, denn Thomas ist, besonders in letzter Zeit, mit der Droge Alkohol nicht sonderlich zimperlich umgegangen. – Nun will er dem Leben noch eine letzte hauchdünne Chance geben, indem er es eine Art Revue passieren lässt, um vielleicht doch noch was zu entdecken, das ihn vom letzten Griff zur Tablettenschachtel und dem Schnaps abhalten könnte.

    Kapitel II: Das Leben wie im Film betrachtet

    Hurra, wieder ein Bub!

    Nach einem heissen und sehr trockenen Sommer und mehrheitlich angenehmem Wetter in den Monaten September und Oktober zogen im November doch nach einigen Regengüssen die grauen, nasskalten Nebel, die in alle Ritzen und Winkel eindringen, ins Tal. Am 11.11.1962 herrschte auf dem Tannenhof keinerlei geschäftiges Treiben; lediglich das Herdengeläut der weiss-schwarz gefleckten Rinder auf der Wiese vor dem Haus tönte wie leicht gedämpfte Sommererinnerungen aus dem Nebelschleier. Über dem frisch bestellten dunklen Acker etwas weiter weg flatterten krächzend ein paar Raben. Im Zimmer hinter beschlagenen Fensterscheiben unter dem weit ausladenden Vordach lag eine erschöpfte, aber glückliche Mutter. Sie hatte eben ihr drittes Kind, Thomas, nicht gerade unter den leichtesten Umständen zu Hause zur Welt gebracht. Immerhin wog der jüngste Spross gegen die acht Pfund. In der Stube spielte der achtjährige Alfred mit seinem Traktor, nachdem er auf wiederholtes Drängen der Grossmutter endlich seine Schulaufgaben erledigt hatte. Dem Grosi hing die vier Jahre zählende Elisabeth am Rockzipfel, während es in die Küche ging, um dem hier vergnügt und zufrieden bereits bei einer Flasche Rotwein am Tisch sitzenden Männervolk einen Imbiss zuzubereiten, und die Kleine plapperte unablässig vom Brüderchen, das der Storch kurz nach dem Mittagessen gebracht hatte und das sie vorhin zum ersten Mal im geflochtenen Stubenwagen kurz hatte schauen dürfen. – Elisabeth erinnerte sich später noch oft daran und foppte Thom auch gerne damit, dass sie damals noch nicht viel habe anfangen können mit dem schrumpeligen Ding mit ein paar schwarzen Haarsträhnen am Köpfchen. – Der freudestrahlende Vater prostete dem stolzen Grossvater und dem ebenfalls anwesenden Robert vom Hubelackerhof, der bereits als Taufpate zugesagt hatte, zu. Robert sagte: „Zum Wohl auf den strammen echten Solothurner! He ja, die hoch- und heiliggehaltene Solothurner Zahl 11 hat Thomas ja gleich zweimal in seinem Geburtsdatum. „Ja, aber auch die Narrenzeit beginnt heute, was vielleicht auch kein schlechtes Omen sein kann, warf Grossvater etwas verschmitzt in die Runde. Die aufgeräumte Stimmung hielt sich so, bis es schliesslich Zeit für die Stallarbeiten war und sich Robert leicht beschwipst auf den Heimweg machte.

    So oder ähnlich hat man Thomas des Öfteren den Tag seiner Geburt beschrieben.

    Die Seinen berichteten Thomas auch von der Kuba-Krise, die in jenem Herbst die Welt in Atem gehalten und die Menschheit mit einem vernichtenden Nuklearkrieg bedroht hatte. – Auch davon setzte man ihn in Kenntnis, dass damals auf den afrikanischen Sommer und den sehr angenehmen Herbst ein sibirischer Winter, der über viele Wochen fast sämtliche Seen des Landes mit einer dicken Eisschicht überzogen hatte, worauf sich zum grossen Teil das muntere Volk tummeln konnte, gefolgt war. Es schien fast so, als hätte die Natur Thom damals gleich so richtig abhärten wollen, was ihr wohl auch ganz gut gelungen ist; denn der Kleine gedieh – meist im behaglich beheizten Haus, aber auch immer wieder warm eingepackt im Freien – prächtig. Er war ein schnuggeliges Baby, das von jedermann bestaunt und hochgepriesen wurde.

    Erkunden, Entdecken, Erfahren

    Der Tannenhof – den Namen hat er wegen der drei schwarzgrünen Tannen auf dem Bord hinter dem Haus – mit seiner Umgebung ist ein Paradies für Kinder. So konnten die Eltern auch ihren Jüngsten, nachdem er ab ca. dem 13. Monat hatte gehen gelernt, getrost etwas auf Entdeckungsreisen losziehen lassen. Die damals noch mässig befahrene Ortsverbindungsstrasse zum Nachbardorf führt in angemessener Distanz, jenseits des Bergbaches, der ausser bei Platzregen oder Schneeschmelze einen bescheidenen Wasserstand aufweist, vorbei. Gerne stapfte der kleine Thom auf die Wiese hinaus, wo er um Blümchen herumflatternde Schmetterlinge – meist natürlich erfolglos – zu erhaschen versuchte. Bald schon fand er auch den Weg in den Garten und zu den köstlich duftenden und fein schmeckenden Erd- oder Himbeeren. – Thomas erinnert sich genau, wie er gerne zwischen den Stangenbohnen oder ein kleines Stück in ein benachbartes Maisfeld spazieren ging. Das war für den Knirps irgendwie abenteuerlich. Auch mit der Tierwelt kam er alsbald auf natürlichste Weise in Kontakt. Er weiss noch genau, wie er sich immer wieder Brotrinde aufgespart hatte, damit zum Hühnerhof ging und diese stückchenweise den Hennen und dem Gockel hinwarf, sich dabei amüsierend, wie sich das Federvieh gackernd und flügelschlagend um diese Häppchen stritt. Durch stetes Inkontaktbringen des Kleinkindes auch mit den grösseren Tieren des Hofes entwickelte Thom eine furchtfreie Beziehung zu diesen, sogar zum fast schwarzen, gegen eine Tonne schweren Stier, obschon dieser, wenn fremde Personen den Stall betraten, stampfte, brüllte und schnaubte und bedrohlich an seiner Kette rasselte. Die Kinder hingegen konnten ihn von der Krippe aus am Kopf kraulen, und Thom war mit ihm gut vertraut, da er dem Bullen immer wieder etwas Gerstenmehl zu lecken gab. Nebst den beiden Schäferhunden, vor welchen es den Besuchern des Hofes nie so ganz geheuer war, nahmen die beiden Halbblutpferde nach und nach die Rolle der Lieblingstiere ein. – Thom nahm einzig Reissaus, wenn die Schweine laut quietschten, sei es vor dem Füttern oder wenn sie herumbugsiert wurden. Diesen Ton konnte der Junge um alles in der Welt nicht ausstehen.

    Auch die zahlreichen Landmaschinen, die auf dem Tannenhof zum Einsatz kamen, vermochten Thom schon recht früh zu faszinieren. Er erinnert sich noch genau, wie er z. B. beim Pflügen, während sein Vater den grossen Traktor auf dem langen Acker in mässiger Geschwindigkeit wieder und wieder hin und zurück steuerte, angeschnallt stundenlang auf dem Beifahrer-Sitzchen mitgefahren ist und dabei gestaunt hat, wie die Pflugscharen den Boden aufrissen, die grüne Grasnarbe, gelbe Getreidestoppeln oder was auch sonst auf dem Felde gewesen war, nach unten kehrten, bis schliesslich die ganze Wiese oder das vormalige abgeerntete Getreidefeld zu einem graubraunen Acker wurde. – Zu jener Zeit durfte der um acht Jahre ältere Fred bereits den kleineren Geländetraktor selbstständig lenken und mit den entsprechenden Ackergeräten für die neue Aussaat vorbereiten. – Thom bewunderte seinen Bruder. Dieser sowie sein Vater und auch der Grossvater waren damals eindeutig seine Vorbilder, und es war für Thom sonnenklar, er würde dereinst ebenfalls Bauer werden. Tat er diese seine Überzeugung mal der Mutter gegenüber kund, so strich ihm diese durchs krause schwarze Haar und meinte bloss: „Ja, ja, Bub, ’s wird schon so sein; ob Bauer oder nicht, aus dir wird bestimmt was Rechtes werden."

    In den Kindergarten ging Thom vorerst etwas widerwillig. Nun war’s eben vorbei mit der praktisch unbegrenzten Freiheit des Vorschulalters. Die Kontakte mit den vielen andern Kindern vermochten ihn aber sehr bald umzustimmen. Nach und nach lernte er jetzt das Umfeld ausserhalb des Tannenhofes kennen. Es entwickelte sich eine schöne Freundschaft zwischen Thomas und Kurt aus dem Hause beim grossen Weiher jenseits der Strasse. Sie hielt sich während der ganzen Schulzeit und auch danach in etwas lockerer Form bis in die heutige Zeit.

    Die Wengers vom Tannenhof sowie die Familie von Thoms Mutter, die Rotschis, wie auch die Burgener vom Hubelackerhof, wo Grossmutter herstammte, waren alle ziemlich streng katholisch. Einzig der Grossvater Wenger hielt nicht allzu viel von Religion und erst recht nicht von der Kirche, versuchte jedoch keineswegs, die Familie oder gar die Verwandtschaft zu beeinflussen. Grossvater war im Übrigen eigentlich kein echter Bauer, wenigstens in den Augen der Dorfgemeinschaft, denn er hatte seinerzeit den Beruf des Maurers erlernt und sich als Arbeiter eher der sozialistischen Weltanschauung verpflichtet gefühlt. So ist er auch zu seinem Dorfnamen „Roter Sepp gekommen. Die fachliche Kompetenz als Landwirt hatte sich Sepp Wenger rasch angeeignet; nur von der Gesinnung her wich er oft etwas von den meisten übrigen Bauern ab. Durch seine freundliche und integere Wesensart und die ausgeprägte Hilfsbereitschaft für Schwächere verschaffte er sich trotzdem Beliebtheit und Ansehen. Sogar der Herr Pfarrer hatte mal zu Grossmutter gesagt, als sie ihm klagte, dass sie sich schon sehr darüber Sorgen mache, weil ihr Gatte, ausser bei Hochzeiten, Begräbnissen oder wenn er bei der Musikgesellschaft mitspielte, die Kirche nie von innen sehen würde: „Frau Wenger, Sie haben einen guten Mann, und der Herrgott wird ihn dereinst dennoch bei sich aufnehmen. – Die Familie – eben ausgenommen Grossvater – nahm es peinlich genau mit der Sonntagspflicht, und für Thomas wurde es auch zur Selbstverständlichkeit, an Sonn- und Feiertagen in die heilige Messe zu gehen. – Die Grossmutter half ab und zu, besonders vor Feiertagen, anderen älteren Frauen beim Putzen und Schmücken der Dorfkirche. Thom erinnert sich, dass sie ihn einmal mitnahm. Während die Frauen gerade in der Sakristei sauber machten, behändigte er den Teppichklopfer und begann sogleich die Teppiche auf den Stufen zum Hochaltar zu bearbeiten. Das Klopfen hallte laut durchs Kirchenschiff. Wie aus einem Kanonenrohr kam Grossmutter herbeigeschossen. Sie entriss dem Knaben das „Werkzeug und erklärte ihm mit bloss halblauter Stimme: „Hier darf man nicht einen solchen Lärm veranstalten, hier wohnt der Liebe Gott. Thom wollte wissen, wo genau er denn wohne. Grossmutter zeigte auf das Tabernakel. Der Bub dachte, „das kann kein grosser Gott sein, wenn der hinter diesem kleinen Türchen Platz findet. Als er zu Hause den „Vorfall der Mutter erzählte, versuchte sie – nicht ohne Erfolg – ihn über den unsichtbaren Gott etwas aufzuklären. Von da an betrat der Knabe die Kirche mit sehr grosser Ehrfurcht und später dann nach der Ersten Kommunion war es ihm, wenn während der Wandlung die Glocke kurz läutete und in der Kirche alles mäuschenstill war, als fühle man, wie der Herr vom Himmel herabkommend auf wundersame Weise selbst durch die geschlossenen Fenster in die Kirche eindringe oder vielmehr einströme.

    Auch sehr idyllische Bilder von Weihnachtsfeiern und Mitternachtsmessen erscheinen in diesem Zusammenhang vor Thomas Augen. Eine wirklich heile Welt, die vorerst noch Bestand hatte.

    Die Einschulung machte Thom nur insofern kleine Probleme, weil seine um vier Jahre ältere Schwester, die in der Schule ein „Ass" war, ihm vielleicht allzu viel im Voraus beigebracht hatte. Der ebenfalls aufgeweckte Erstklässler langweilte sich dann, wenn Mitschüler hie und da etwas Mühe bekundeten, den Stoff aufzunehmen. So musste er schon mal durch die Lehrerin in die Schranken gewiesen werden, weil er aus vorerwähntem Umstand heraus zu viel Schabernack trieb.

    Aus der Zeit des ersten Schuljahres ist Thomas auch die Fernsehübertragung der ersten Mondlandung vom Juli 1969 noch gegenwärtig, obwohl er damals selbstverständlich die Bedeutung des Geschehens nicht ermessen konnte. Er sieht aber noch deutlich, wie Grossvater kopfschüttelnd die Stube verliess; denn er hatte vorher immer prophezeit: „Auf dem Erdtrabanten landen, das schaffen die nie."

    Ein erschütterndes Erlebnis

    Im Sommer des ersten Schuljahres, der Sonntag zeigte sich von der schönsten Seite. Die Sonne stach schon heiss aus dem wolkenlosen Himmel herab, als man auf dem Heimweg von der Kirche war. Da gerade keine Erntearbeiten anfielen, sagte der Vater zu Thoms Mutter: „Maja, pack den Picknickkorb, wir fahren zum Fluss runter zum Baden. Dem Thom können ein paar Schwimmstunden nützlich sein; es macht mir ohnehin schon länger gewisse Sorgen, wenn er sich mit den andern Kindern so viel beim Teich aufhält. Alle waren hell begeistert, auch Kurt durfte mit. Bloss die Grosseltern blieben zu Hause. – Mit dem Jeep hatte man das „Sändli, wie das örtliche Flussstrandbad genannt wurde, erreicht. Hier tummelte sich schon einiges Volk im Wasser, einzelne Sonnenhungrige lagen im Sand und liessen sich bräunen oder auch braten, und mehrere kleinere Kinder bauten Sandburgen oder andere Gebilde. – Der Schilfgürtel diente als Umkleidekabine und im Nu war die ganze Familie im Wasser. Der Vater warnte Elisabeth, Kurt und Thomas: „Geht mir ja nicht über die mit Pfählen markierte Linie in den Fluss hinein. Fred, der schon ein sehr guter Schwimmer war, schickte sich bereits mit gleichaltrigen Jungs und Mädels an, den Fluss schwimmend zu überqueren. Elisabeth schwamm brav in Ufernähe, während Mutter und Vater Kurt sowie Thom Anleitungen im Umgang mit dem, besonders an jenem Tage, wohltuenden Element erteilten. Die beiden Buben hatten noch etwas Angst, mit dem Kopf so richtig unter die Wasseroberfläche zu gehen. Die Eltern reichten sich nun im ungefähr einen Meter tiefen Wasser an dessen Oberfläche die Hand, und die Knaben mussten untendurch tauchen. Nach geraumer Zeit machten die zwei Neuschwimmer schon beachtliche Fortschritte, indem ihnen einige Längen ordentlich gelangen. – Als Fred auch gerade wieder in der Nähe war, rief Mutter: „Hallo, Baden macht Hunger und Durst, kommt! So setzte sich die Familiengemeinschaft in den Schatten eines Baumes an die Uferböschung. Etwas Spray gegen lästige Bremsen und Mücken und dann tat man sich am Inhalt des Picknickkorbes gütlich. – Es war jetzt kaum noch wer im Wasser, die sanften Wellen glitzerten in der Sonne und die Hitze flimmerte richtiggehend in der Luft. Um die hängenden Zweige einer Weide flatterten farbenglänzende Libellen, während etwas flussabwärts ein Höckerschwanen-Paar sanft rudernd auf seine Schar graubrauner Jungtiere aufpasste. – Plötzlich waren dumpfe Hufschläge galoppierender Pferde zu vernehmen. Vier Reiter, nur mit Badehose bekleidet, auf ungesattelten Pferden parierten diese schliesslich im Trab und dann im Schritt auf die Sandbank hinaus. Fred meinte: „Eine gute Idee, wir hätten eigentlich unsere Pferde auch zum Baden mitnehmen können. Die vier zu Pferd waren vom Dorf jenseits des Flusses und wollten nun wieder schwimmend nach Hause. Den Tieren behagte wohl das kühlende Nass, denn sie stapften anstandslos in die Fluten und eines nach dem andern ging vom Schritt zum Schwimmen über. Das flussaufwärts gesehen äusserste, etwas abseits gehende Pferd hatte am längsten Boden, bis es etwas überraschend einbrach und abrupt mit dem Schwimmen beginnen musste. Durch diese ruckartige Bewegung erschrocken fiel sein Reiter etwas nach vorn, hielt sich kurz an der Mähne fest und liess dabei fatalerweise die Zügel locker. Vater entfuhr es: „Nein, verdammt! Andere Beobachter stiessen wie auf Kommando einen Schrei aus, denn das Pferd kam bei der nächsten Schwimmbewegung mit seiner rechten Vorderhand in den Zügel und verhedderte sich unweigerlich mit diesem. Das Tier konnte nun seinen Kopf nicht mehr richtig über den Wasserspiegel heben und bei jeder erneuten Schwimmbewegung zog es sich selbst den Kopf tief ins Wasser. Unverzüglich kamen Ross und Reiter in Panik. Auf die Zurufe hin: „Spring ab und schwimm weg! Um Gottes willen spring ab!, erwiderte der in Todesgefahr Schwebende mit angstverzerrtem Gesicht: „Hilfe, Hilfe! Ich kann nicht schwimmen. Das Pferd schlug wild und unkontrolliert um sich, und es dauerte nicht lange, so versuchte es sich durch Wälzen aus der misslichen Lage zu befreien, wobei es, wenn es in Rückenlage kam, hohe Wasserfontänen aus den Nüstern stiess. Das grauenvolle Schauspiel, mal Reiter oben, Pferd unten und wieder umgekehrt, dauerte bestimmt nicht lange, doch den Augenzeugen kam es endlos vor. Ein geübter Rettungsschwimmer ging so nah heran, als es die Situation erlaubte, und als das Pferd den Kampf ums Überleben einstellte, versuchte der Helfer pfeilschnell den noch aus dem Wasser ragenden Arm des Reiters zu fassen. Er verfehlte diesen ziemlich knapp und Ross samt Mann verschwanden in den trüben aufgewühlten Fluten. – Elisabeth und Mutter weinten. Überall hörte man Menschen schluchzen, Vater und die Buben standen kreidebleich und wie versteinert da. – Die Familie hielt nichts mehr hier. Man raffte die sieben Sachen zusammen und ging fast eilend zum Jeep. – Über ihren Köpfen in der Luft kurvte laut dröhnend ein Schleppflugzeug, welches einen Segler hochzog, als wäre nichts geschehen. Ein Vorgang, der in der Gegend zu einem Schönwetter-Sonntag gehörte wie die Orgelmusik zur Kirche, und auf dem Baum, unter welchem sie zuvor gespeist, stimmte eine Amsel ihr sommerliches Mittagslied an. – Gegen Abend war im Dorf zu vernehmen, dass Froschmänner ungefähr zwei Kilometer in Fliessrichtung das Pferd samt Reiter geortet und schliesslich geborgen hatten, der Mann soll sich mit beiden Händen in der Mähne förmlich verkrallt gehabt haben.

    Es brauchte viel Zuwendung und Aufmerksamkeit seitens der Eltern, um die Nachwirkungen dieses seelischen Traumas bei Kurt und vor allem bei Thomas allmählich abzubauen. Thom erwachte anfänglich fast jede Nacht schreiend und schweissgebadet aus Alpträumen. Er sah im Traum meist Pferde in wilden Fluten oder im Feuer. – Der tragische Vorfall liess Thoms Liebe zu den beiden Halbblütern zu einer Pferde-Vernarrtheit anwachsen. – Im Frühherbst nahm Grossvater Thom mit auf den grossen Pferdemarkt in den Jura. Hier gab es Hunderte von Pferden und vor allem Stuten mit Fohlen. Zum Glück hat ihn damals niemand darüber aufgeklärt, dass bedauerlicherweise ein Grossteil dieser lieblichen Tierchen mit den samtweichen Nüstern und dem seidenfeinen Babyfell an Pferdemetzger verkauft würde. – Thom war überglücklich, als Grossvater ein prächtiges pechschwarzes Halbblutfohlen kaufte und meinte: „Dieses Füllen darfst vorwiegend du hegen und pflegen und, wenn ihr beide, du und das Pferdchen, grösser und stärker geworden seid, kannst du dich mit ihm auf die Springreiterlizenz vorbereiten, wie Fred dies zur Zeit mit ‚Fox‘ tut." So wurde Thomas wieder zum lebensfrohen Kind wie zuvor.

    Die „liebe" Verwandtschaft

    Urgrossvater Wenger war seinerzeit aus einem kleinen Dorf hinter dem grossen Wald jenseits des Flusses hierher gezogen; er hatte auf den Tannenhof geheiratet. Da nach dem tödlichen Unfall des älteren Sohnes nunmehr Grossvater als Stammhalter zurückgeblieben ist, haben sich die Wengers im Dorf nicht so sehr ausgebreitet; denn Thoms Vater hat auch wiederum nur einen Bruder, den Onkel Max, der im Dorf eine Zimmerei betreibt, und zwei Schwestern, von denen die eine, Tante Anna, in die Innerschweiz geheiratet hat, während Tante Marie ledig geblieben und im Dorf als Verkäuferin tätig ist. Sie gilt als besonders fromm. Thom erinnert sich, dass Grossvater mal von ihr sagte, nachdem sie ihn vor dem Weggehen wieder einmal daran erinnert hatte, was für ein schlechter Christ er sei: „Ach der Marie schreiben sie mal auf den Grabstein: ‚ungebraucht zurück‘!" Mutter war entsetzt, und Thom hatte damals keine Ahnung, was er damit gemeint haben mochte.

    Grossmutter stammte ja vom Hubelackerhof, wo Thom übrigens sehr gerne war. Dieses Gehöft liegt ziemlich abseits auf einer Anhöhe zwischen Dorf und den ausgedehnten Waldungen des Juras. Hier bietet sich eine scheinbar uneingeschränkte Weitsicht übers Land, die Windungen des Flusses, zum Alpenpanorama und auf der Nordseite hin über die Felskuppen und den bewaldeten Bergrücken der Jurakette. Hinter dem alten, aber heimeligen Haus konnte man bei gewissen Witterungsverhältnissen, während es hier im Tal noch völlig windstill war, den Sturm in den Gebirgswäldern wühlen hören. Dies brauste und rauschte, als fahre ein endloser Zug auf einer Bahnlinie, welche über die Berge führen müsste.

    Die Burgener, die seit zig Generationen das Anwesen bewohnen und bewirtschaften, haben – gelinde ausgedrückt – eine äusserst raue Schale, während der tatsächlich vorhandene weiche Kern wohl fast nur von Leuten, die sie näher kennen, entdeckt wird. So erstaunt der Übungssatz keineswegs, den Robert (Thoms Götti) dem Kleinen vorzusagen pflegte, als Thom den Buchstaben „R noch nicht hatte aussprechen können und den der Bub nachsprechen musste: „Der Robert frisst am Rain einen rasenden Räuber.

    Grossmutter hatte keine besonders schöne Jugendzeit auf dem Hubelacker durchlebt. Sie und ihre Schwester waren viele Jahre älter als der einzige Bruder Robert. Die Mädchen mussten allzu früh und sehr, sehr hart arbeiten, ebenso deren Mutter, die sich förmlich zu Tode geschuftet hat; denn sie starb bereits, als Robert bloss wenige Jahre zählte. Die Frauen mussten gar im zum Hof gehörenden Steinbruch härteste Männerarbeit verrichten, und der Alte hatte die Schinderei dermassen weit getrieben, indem er die Töchter mit der Peitsche antrieb, wenn’s nicht schnell genug ging. Erst nachdem die Frau unter dem Boden war, also eben viel zu spät, hat die Vernunft und schliesslich auch eine gewisse Reue Einzug gehalten. Thoms Grossvater hat seinem Schwiegervater nie ganz verzeihen können und der Letztgenannte war auch mitschuldig, dass Grossvater gegenüber Kirche und Religion ein „gestörtes Verhältnis bekam. Der alte Burgener ist dermassen hart dreingefahren, da er für die „Kirchenfürsten (Kirchgemeinderäte) im Dorf Tausende von Franken Bürgschaftsschulden hatte bezahlen müssen. Noch in der Zeit, als er die Seinen bis aufs Blut zur Arbeit peitschte, war er an den Prozessionen zuvorderst Kreuz- oder Fahnenträger gewesen. Dieser Widerspruch wollte verständlicherweise nicht in den Kopf des „Roten Sepp". Dass seine Frau trotz alledem eine gläubige Kirchgängerin blieb, konnte er nicht verstehen, hat sich aber bekanntlich da rausgehalten.

    Die Verwandtschaft von Thoms Mutter, die Rotschis, ist ziemlich gross. Der Grossvater von Maja Wenger-Rotschi hatte eine stattliche Anzahl Kinder gezeugt; ein Dutzend hat das Erwachsenenalter erreicht. So ist dieser Name im Dorf recht häufig. Das Geschlecht der Rotschis soll übrigens seinen Ursprung bei den Zigeunern haben, was durchaus stimmen kann; mag doch das schöne schwarze, gelockte Haar von Mutter, Elisabeth und Thomas von dieser jenischen Abstammung herrühren. Die Wenger und Burgener sind meist braunhaarig oder europablond. – Der Urgrossvater mütterlicherseits habe jeweils die Geige mit aufs Feld genommen und, bevor man nach den Imbisspausen wieder an die Arbeit ging, habe er sich in Position gestellt und ein Volksliedchen gefiedelt. – Thoms Mutter war mit drei Geschwistern aufgewachsen, die von ihren Eltern – Vater war Postbeamter und Mutter eine ehrgeizige, gründliche Hausfrau, natürlich katholisch bis nach Rom und zurück – wie es sich damals gehörte – streng erzogen worden. Trotzdem sind sie sehr unterschiedlich „geraten. Während Maja mit ihrer Heirat auf den Tannenhof keine schlechte Partie gemacht und der ältere Bruder Edmund es sogar noch weiter gebracht hat mit seinem Uhren- und Schmuckgeschäft in der Stadt, pflegt die Schwester Pia kaum mehr Kontakt zur Familie, nachdem sie mit einem Typen nach Übersee gezogen ist, und der Jüngste, Thoms heimlicher Lieblingsonkel Karl, wurde vollends zum Schwarzen Schaf der „Sippe. Er hatte während seines Musikstudiums eine protestantische Mitstudentin heiraten müssen. Trotzdem ihm seine Familie daraufhin die Unterstützung entzogen und den Kontakt abgebrochen hat, ist aus Karl ein guter Musiker (Klavier und Orgel) geworden und er ist mit seiner Familie viel in der Welt herumgekommen. Thom konnte sich kaum satthören, wenn Karl aus seinem tollen, wenn auch nicht immer einfachen Leben erzählte, und die unkomplizierte, weltoffene Art ist es, die Thom an diesen Leuten so liebt.

    Nachdem Thoms Grosseltern (Fam. Rotschi) früh verstorben waren – Thomas war noch nicht auf der Welt – nahm Maja zu ihrem Bruder Karl doch wieder, wenn auch eher in lockerer Form, Verbindung auf.

    Onkel Edmund mit seiner Gattin (Tante Senta, ein etwas affektiertes Frauenzimmer) samt ihrem einzigen Kind Alice – drei Jahre älter als Thomas – kamen regelmässig zu Besuch auf den Tannenhof. Um diese Gäste machte Mutter stets viel Aufhebens; alles wurde noch gründlicher gefegt und geschrubbt, damit ihre Schwägerin ja kein Krümelchen oder Stäubchen in Küche oder Stube hätte finden können. Bei dererlei Vorbereitungsarbeiten hat Grossvater einmal gesagt: „Was machst du dir auch bloss für Umstände? Diese Leute stinken ebenso wie wir, wenn sie dorthin gehen, wo selbst der Kaiser hin muss. Einmal mehr war Mutter entrüstet. „Die dürfen ja nicht glauben, wir auf dem Lande seien weniger sauber als die Leute in der Stadt, wehrte sich die „Chefin der Hauswirtschaft. Grossvater schüttelte den Kopf, murmelte was in den Bart und ging seines Weges. Er wusste auch genau, wie er Senta ärgern konnte. Er hat den Onkel Edmund ausnahmslos mit „Mundi angesprochen, obwohl Tante Senta, wenn sie es mitbekommen hat, korrigierend eingriff: „Ah! Du meinst Edmund. – Mit Alice hatte Thom des Öfteren etwas Bedauern. Sie musste alleweil so herausgeputzt und in schönster Robe gehen. Wehe, falls beim eher zaghaften Spielen ein Röcklein mal einen Klecks abbekam. Thomas benied sie einzig wegen des schönen Flügels, der ihr im villenähnlichen Haus in der Stadt zur Verfügung stand, und sie machte auch beachtliche Fortschritte beim Klavierspielen; kein Wunder, Senta achtete peinlich genau, dass sie die Übungsstunden absolvierte. Verwunderlich war, dass Thom auch Versuche auf dem prächtigen Instrument wagen durfte, wenn er bei den Rotschis in der Stadt zu Besuch weilte, aber nur, nachdem er vorher die Hände gründlichst gereinigt hatte. Auf diese Weise hat ihm Alice nach und nach ein paar leichtere Klavierstücke beigebracht. Thomas hätte nur allzu gern auch Pianostunden genommen, und es sollte ja nicht gleich ein Steinway-Flügel sein, den er sich auf den Tannenhof wünschte. Nun, Thom war sich im Voraus im Klaren, dass seine Eltern für derlei Pläne wohl kein „Musikgehör gehabt hätten. Musik machten zwar die Wengers auch; Grossvater, Vater und auch bereits Alfred waren tüchtige Bläser bei der örtlichen Musikgesellschaft, während Mutter mit ihrer klaren Sopranstimme als tragende Stütze des Kirchenchors galt. Sie hoffte, Elisabeth gelegentlich in ihr Metier nachziehen zu können. Die „Herren der Schöpfung andererseits sahen Thomas schon als den vierten Blechbläser der Familie. Dieser meinte jedoch: „Da muss man dergestalt reinpusten, dass einem schier die Augen aus dem Gesicht zu springen drohen. Schon beim Blockflötenspiel in der Schule kriege ich bald einmal einen erdbeerroten Kopf. Nach solchen oder ähnlichen Abwehraktionen liess man den Jungen eben sein. Elisabeth hatte man auch schon das Musizieren mit dem Hinweis schmackhaft machen wollen, es gäbe doch schon einige Mädchen in der rassigen Musikantenuniform. Thoms Schwester hat eine Gitarre geschenkt bekommen und ging daher eben in den Unterricht für dieses Saiteninstrument. Im Übrigen war sie eine verbissene Leseratte, welche so ziemlich alle Bücher verschlungen hat, die ihr in die Finger kamen. Ihr Berufsziel, so sagte sie stets, sei Schauspielerin, worauf Fred „bestätigend meinte: „Das glaube ich dir sehr wohl; gibt’s doch schon hier bei uns jeweils ein zünftiges Theater, wenn das liebe Schwesterlein mal was in Haus oder Garten helfen sollte. Mutter beendete solche Zickeleien mit einem souveränen Machtwort.

    In die Fussstapfen, d. h. in die Steigbügel seines grossen Bruders stieg Thomas hingegen beim Reitsport. Die Rappenstute „Blackbird",

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