Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Zwei Wahrheiten: Chroniken einer Binnenschifferfamilie
Zwei Wahrheiten: Chroniken einer Binnenschifferfamilie
Zwei Wahrheiten: Chroniken einer Binnenschifferfamilie
eBook583 Seiten9 Stunden

Zwei Wahrheiten: Chroniken einer Binnenschifferfamilie

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Dr. Roel van Warring ist als pensionierter Physiker in der Forschungsgruppe der Neurologin Professor Christa Selig tätig. Er ist sowohl Patient als auch Mitarbeiter, da er sehr viele und auch sehr reale Träume hat. Während einer Tagung trifft er eine junge Frau, Tanja, die ähnliche Probleme hat und zusätzlich an starken Kopfschmerzen leidet. Er denkt, ihr helfen zu können und nach der Konferenz reisen sie gemeinsam zu ihr nach Hause nach Williamsburg in Virginia. Durch Zufall entdecken sie, dass sie exakt den gleichen Traum hatten. Dabei stellt sich heraus, dass Tanja eine starke zweite Persönlichkeit hat, die immer mehr Besitz von ihr ergreift. Es entstehen zwei Geschichten, die miteinander verbunden sind. Die erste spielt während der Blütezeit der Sklaverei um 1800 und die andere in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts. Die Verbindung zwischen den zwei Geschichten wird noch durch das Baby Dominique verstärkt, das nicht nur auf eine unfassbare Art in beiden Geschichten existiert, sondern dort auch durch Zeit und Raum miteinander verbunden ist.
Van Warring und Tanja finden schließlich nur eine einzige dramatische Lösung, um eine Katastrophe zu verhindern.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum23. Apr. 2013
ISBN9783837213041
Zwei Wahrheiten: Chroniken einer Binnenschifferfamilie
Vorschau lesen

Mehr von Willem Resandt lesen

Ähnlich wie Zwei Wahrheiten

Titel in dieser Serie (40)

Mehr anzeigen

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Zwei Wahrheiten

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Zwei Wahrheiten - Willem Resandt

    Willem Resandt • Zwei Wahrheiten

    Willem Resandt

    Zwei Wahrheiten

    Chroniken einer Binnenschifferfamilie

    AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG

    FRANKFURT A.M. • WEIMAR • LONDON • NEW YORK

    Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen

    – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit. Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.

    Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.d-nb.de.

    Die Autoren des Verlags unterstützen den Bund Deutscher Schriftsteller e.V., der gemeinnützig neue Autoren bei der Verlagssuche berät. Wenn Sie sich als Leser an dieser Förderung beteiligen möchten, überweisen Sie bitte einen – auch gern geringen – Beitrag an die Volksbank Dreieich, Kto. 7305192, BLZ 505 922 00, mit dem Stichwort „Literatur fördern". Die Autoren und der Verlag danken Ihnen dafür!

    Dieses Werk und alle seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.

    Lektorat: Annette Sunder

    Websites der Verlagshäuser der Frankfurter Verlagsgruppe:

    www.frankfurter-verlagsgruppe.de www.frankfurter-literaturverlag.de www.frankfurter-taschenbuchverlag.de www.publicbookmedia.de www.august-goethe-literaturverlag.de www.fouque-literaturverlag.de www.weimarer-schiller-presse.de www.deutsche-hochschulschriften.de www.deutsche-bibliothek-der-wissenschaften.de www.haensel-hohenhausen.de www.prinz-von-hohenzollern-emden.de

    Nachdruck, Speicherung, Sendung und Vervielfältigung in jeder Form, insbesondere Kopieren, Digitalisieren, Smoothing, Komprimierung, Konvertierung in andere Formate, Farbverfremdungsowie Bearbeitung und Übertragung des Werkes oder von Teilen desselben in andere Medien und Speicher sind ohne vorgehende schriftliche Zustimmung des Verlags unzulässig und werden auch strafrechtlich verfolgt.

    Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier, hergestellt aus chlorfrei gebleichtem Zellstoff (TcF-Norm).

    Printed in Germany

    ISBN 978-3-8372-1187-0

    ISBN 978-0-85727-162-4

    ©2013 FRANKFURTER LITERATURVERLAG FRANKFURT AM MAIN

    Ein Unternehmen der Holding FRANKFURTER VERLAGSGRUPPE AKTIENGESELLSCHAFT In der Straße des Goethehauses/Großer Hirschgraben 15 D-60311 Frankfurt a/M Tel. 069-40-894-0 � Fax 069-40-894-194 E-Mail lektorat@frankfurter-literaturverlag.de

    Medien-und Buchverlage DR. VON HÄNSEL-HOHENHAUSEN seit 1987

    Maan

    Heute ist es kalt. Je älter, desto kälter, scheint es. Mühselig hebe ich meine Augenlider und spähe hinaus. Und siehe da, die Welt existiert noch. Direkt neben meinem Kopf liegt eine kleine Katze. Was machst du da, denke ich. Wie tief kann ein Tier sinken, um sich einem Menschen so sehr hinzugeben? Bevor ich wieder einschlafe, sagt mir meine Blase, dass es Zeit ist, aufzustehen. Plötzlich wird es deutlich. Heute ist der große Tag. Der Tag. Ich suche meine warmen Fellschuhe und schlurfe ins Bad. Gerade noch rechtzeitig steuere ich den Strahl in das weiße Loch. In meiner Fantasie sehe ich kurz danach den gelben Fluss unter dem Garten in der Unterwelt ankommen. Ein paar Ratten halten sich gerade noch rechtzeitig die Nase zu. Routinemäßig muss ich jetzt Tee aufsetzen. Das macht mein Körper automatisch. Während ich warte, dass das Wasser kocht, kommt mir ein Gedanke. Gott, was würde Er jetzt machen? Vielleicht Tee kochen? Nein, in Seiner Position muss Er das nicht selbst machen. Ich freue mich. Heute ist der Tag, der Tag, an dem ich Gott finden werde. Ich bin mir sicher. Ich höre unseren Hund Bo aufstehen und schon zur Tür laufen. So wie immer. Das Wasser kocht, kochen ist schön. Bevor der Kessel genug hat, kocht das Wasser noch mal voller Überzeugung. Das Geräusch von kochendem Wasser. Das ist es. Ich lausche. Gott kann mir hier etwas mitteilen, ohne ein Wunder zu vollbringen. Ich höre genau zu, wie das Wasser kocht. Es klingt normal, aber doch wieder anders als gestern. Es ist ja auch ein besonderer Tag. Schade, ich verstehe die Worte Gottes nicht. Das Geräusch ist verhallt.

    „Klick! Ich erschrecke. Der Kessel hat sich abgestellt. Das Wasser beginnt, sich wieder abzukühlen, und schnell setze ich den Tee auf. In der Dose befinden sich noch fünf Beutel. Sie sehen alle gleich aus und ich lasse meine Finger entscheiden, welcher Beutel ins kochende Wasser muss. Deckel drauf. Der Tee kann ziehen. Bo liegt wieder an der Haustür und schläft. Es hat ihr doch zu lange gedauert. Ich werfe einen Blick auf das Thermometer. Innen 22, außen 11 Grad Celsius. Also kurze Hose. Jedoch die Fleece-Jacke. Draußen stehen die Schuhe. Meine Füße schlüpfen hinein. Kalt! Heute klappt es wieder gut. Bo ist wieder wach und läuft schon zum Zaun. Ich nehme die Leine und zwänge sie über ihren Kopf. Es klappt und mit halber Energie laufen wir los. Es ist noch ziemlich dunkel. Die Sterne liegen ruhig an ihrem Platz. Der Morgenstern versucht, ein Loch in den Himmel zu brennen. Im Osten müsste die Sonne bald aufgehen. Viel ist noch nicht zu sehen. Auch vom Mond gibt es keine Spur. Ich schaue, ob ich durch den Morgenstern Schatten entdecken kann. Es scheint so. Warum ist der Morgenstern so hell an diesem Morgen? Ich weiß es nicht. Am Waldrand muss Bo ihr Geschäft verrichten. Ich warte. Es herrscht Totenstille. Herrlich. Bo läuft weiter. Wir sind miteinander verbunden. Ich muss mit. Wir laufen jetzt schnell den Berg hinauf. Oben angekommen sind wir richtig wach. Im Osten wird es schon heller. Hell genug, um in den dunklen Wald einzutauchen. Ich verwende einen langen Stock als eine Art Scheibenwischer, um die Spinnweben wegzumachen. Es gelingt nicht ganz. Für Bo ist helllichter Tag. Der Geruchssinn funktioniert ohne Licht. Der Geruchssinn ist vierdimensional. Raum und Zeit. Der Weg steigt weiter an. Ein großer Vogel erschrickt vor uns, fliegt verstört weg und prallt gegen einige Äste. Es ist wieder still. Am Ende des Weges erreichen wir den Waldrand. Inzwischen ist es viel heller geworden. Die Sonne kommt also doch. Wir laufen jetzt nach Osten der Sonne entgegen. Entlang und über die Weiden. Der Kirchturm meldet sich zu Wort und schlägt sechs Mal. In meinem Kopf hallt es noch nach. Ich versuche, es noch einmal zu zählen. Jetzt komme ich nur auf fünf Mal. Habe einen Hall verloren. Das Echo der Widerhalle bleibt fast ewig in meinem Kopf. Endlich ist es wieder still. Die Natur beginnt zu flüstern. Vögel singen. Der Tag erwacht … Bo stoppt und setzt sich hin. Wir sind an einem alten, kahlen Apfelbaum angekommen. Ich ziehe meine Jacke aus, hänge sie an den Baum und fange mit meinen Gymnastikübungen an. Bo schaut mir gelangweilt zu. Ich habe eine Idee. Ich ziehe meine Hose aus. Schlüpfe aus meinen Schuhen und lege mich vorsichtig auf meinen Rücken in das nasse Gras. Ich schließe meine Augen und konzentriere mich auf nichts. In der Umgebung schmelze ich dahin und öffne mich für das Universum. Es passiert nichts, überhaupt nichts. Trotzdem habe ich ein göttliches Gefühl. Ich sinke tiefer in meinen Gedanken. Ich höre alles um mich herum. Die Natur ist voller Leben. Alles atmet und bewegt sich. In der Ferne höre ich das Geräusch eines Motorrads. Es ist ein schweres Motorrad, eine Harley, denke ich. Das Dröhnen kommt schnell näher. Der Boden bebt dadurch. Bo fängt zu bellen an. Ich fühle mich lächerlich, will aufstehen und mich schnell anziehen. Es geht nicht. Das Motorrad rast mit einem ohrenbetäubenden Lärm dicht an mir vorbei. Endlich kann ich meinen Kopf bewegen und sehe gerade noch, wie ein dunkler, kräftig gebauter Mann mit langen lockigen Haaren, ohne Helm, auf einem großen Motorrad mit Beiwagen vorbeirast. Mit Mühe stehe ich auf und schaue dem Gefährt hinterher. In dem Beiwagen sitzt auch noch etwas. Es scheint Licht zu geben. Dann verschwinden sie und es ist wieder still. Ich werde wieder eingeschlafen und von meiner lästigen Fantasie mitgerissen worden sein. Ich wache auf und ziehe mich wieder an. Ich bücke mich, um Bos Leine zu nehmen. Dann sehe ich es, eine tiefe Spur von einem Motorrad mit einem Beiwagen im nassen Gras. Offensichtlich ist hier doch jemand vorbeigefahren. Was muss der wohl gedacht haben. Ich folge der Spur eine Zeit lang. Sie führt in eine Richtung, in die ich normalerweise nie gehe. Bo bleibt stehen und will nicht weitergehen. Auf einmal ist sie verschwunden, mit Leine und allem. Ich seufze. Wahrscheinlich hat sie sich erschreckt und hat sich losgerissen. Ich mache mir keine Sorgen. Sie rennt bestimmt direkt nach Hause. Ich muss weiter, der Spur folgen. Die Spur führt quer durch Weiden und Wälder, es gibt keine richtigen Wege mehr. Die Umgebung verändert sich, ich erkenne nichts mehr. Ich verliere jegliches Zeitgefühl, bin ich jetzt zehn Minuten oder zehn Stunden gelaufen? Ich weiß es nicht mehr. Hoffentlich macht sich Luna keine Sorgen. In der Ferne sehe ich ein Tal mit einem kleinen Dorf. Ich erkenne deutlich den großen katholischen Kirchturm und die kleine protestantische Kirche daneben. Es ist leicht neblig, alles sieht unscharf und zeitlos aus. Es wimmelt vor Menschen und Tieren. Jeder scheint draußen auf der Straße zu sein. Es fliegen unglaublich viele Vögel herum. Niemand sagt etwas, es herrscht eine süße Stille. Ich spreche jemanden an, einen noch jungen Mann: „Ist etwas passiert? Was geschieht hier? Der Mann reagiert nicht. Es ist, als ob er mich überhaupt nicht wahrnimmt. Es muss etwas Schreckliches passiert sein. Was ist mit Luna, ich muss nach Hause. Ich laufe schnell in die Richtung, aber alles ist doch ganz anders. In unserem Viertel steht nur hier und da ein Haus. Die Straßen sind noch nicht fertig gebaut, nur ab und zu ein kleines Stück. Alles wirkt unecht. Unser Haus ist weg, die Straße vor dem Haus ist weg. Da sind eine Weide, ein paar Bäume und viele Brombeersträucher. Es scheint, als wäre ich in der Vergangenheit. Das glaube ich natürlich nicht. Ich mache mir jetzt doch große Sorgen. Ich muss erfahren, was hier los ist. Das Haus an der Ecke, das große, wo der Vater vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist, steht noch da. Alles sieht gepflegt aus. Der Zaun ist in einem perfekten Zustand. Ich gehe zur Haustür und drücke auf die Klingel. Ich höre nichts, doch die Tür öffnet sich trotzdem langsam. Ich gehe hinein. Am Küchentisch sitzt der Verstorbene. Er sieht mich an und scheint mich zu erkennen. Er sagt nichts. Er sieht mich traurig an, zeigt auf einen leeren Stuhl und schenkt mir eine Tasse Kaffee ein. Dankbar, auf eine Aufklärung von allem wartend, nehme ich die Tasse an und führe sie zu meinem Mund. Die Tasse ist warm und der Kaffee riecht herrlich. Es ist jedoch nichts drin. Der Mann sagt nichts und trotzdem habe ich das Gefühl, dass er mir etwas mitteilen möchte. Doch es gelingt ihm nicht. Enttäuscht stelle ich die leere Tasse ab, stehe auf und bedanke mich für die Gastfreundschaft. Der Mann steht ebenfalls auf und begleitet mich zur Tür. Er winkt mir nach und geht wieder hinein. Ich stehe wieder draußen und weiß nicht, was ich machen soll. Dann sehe ich zwei große grüne Lastwagen lautlos auf mich zukommen. Ich kann gerade noch rechtzeitig auf die Seite springen. Obwohl die Straße hier endet, fahren sie einfach weiter zu der Stelle, wo unser Haus stehen sollte. Ich laufe hinterher und steige den Berg hinauf. Eigentlich war hier ein Spielplatz. Von hier habe ich eine gute Aussicht. Um die Lastwagen herum entsteht eine enorme Aktivität. Bestimmt dreißig, vierzig Figuren rennen als Schatten hin und her und bauen unser Haus. Es ist unglaublich. Ich habe das schon einmal mitgemacht. Aber jetzt geht es tausendmal schneller und einfacher. Innerhalb weniger Minuten steht das ganze Haus. Eine kurze Zeit später verschwinden die Lastwagen. Das Haus ist fertig. Die Straße davor auch. Ich laufe zur Haustür. Die Tür ist nicht verschlossen. Ich gehe hinein und laufe direkt zum Schlafzimmer. Das Bett ist gemacht. Luna ist nicht da. Es herrscht eine merkwürdige Atmosphäre. Das Haus fühlt sich an, als wäre es ein Foto. Alles ist da, erkennbar, aber es ist nicht echt. Nichts ist staubig. Alles fühlt sich steril an. Ich gehe in die Küche und öffne den Kühlschrank. Der Inhalt scheint in Ordnung zu sein. Ich nehme eine Tüte Milch, schüttele, es hört sich normal an. Ich öffne die Tüte und setze sie an meinen Mund. Ich schmecke die Milch in meinem Mund, aber es kommt nichts heraus. Ich beschließe, dass ich in einen seltsamen Traum geraten bin, und will aufwachen. Das klappt nicht, der Traum ist zu stark. Ich werde weitergehen müssen. Vage höre ich das Geräusch des Motorrads wieder näher kommen. Ich gehe nach draußen. Das Motorrad mit Beiwagen und dem dunklen Mann als Fahrer hält direkt vor mir an. Der Beiwagen ist leer. Der Mann hat lange schwarze Haare und eine sehr dunkle Hautfarbe. Er sieht mich freundlich an und sagt: „Sorry, dass ich so spät bin. Es ist auch so viel los. Ich wollte dich vorhin mitnehmen, aber es gab einen Unfall, zu dem ich schnell hinmusste. Steig ein und dann fahren wir los."

    „Wohin? Warum? Was ist los? Wo ist Luna? Wo bin ich? Wie heißen Sie? Ich will wissen, was los ist! „Ach, du weißt noch von nichts?, sagt der Mann, macht das Motorrad aus und steigt ab. „Lass uns mal hineingehen, dann werde ich all deine Fragen beantworten. Ich gehe vor ihm hinein und denke noch, dass ich nicht jeden so einfach in mein Haus lassen kann. Sollte ich ihn nach einem Ausweis fragen? Der Moment passt jedoch nicht, also lasse ich es sein. Wir setzen uns an den Küchentisch. Der Tisch wackelt ein kleines bisschen. Ich denke, dass ich endlich ein Stück Papier unterlegen muss. „Soll ich Kaffee aufsetzen?, sage ich, um meine Gastfreundschaft zu zeigen. „Das ist nicht nötig, antwortet mein Gast. „Der Kaffee steht schon da. Er steht immer da. Tatsächlich sehe ich zwei Tassen Kaffee auf dem Tisch stehen. Scheinbar wurden sie gerade eben erst eingegossen. Ich nehme eine Tasse. Sie fühlt sich warm, sogar fast heiß an. Offensichtlich genau die richtige Temperatur. Ich sehe zur Kaffeemaschine. Sie ist ausgeschaltet. Nun ja, in einem Traum ist alles möglich, denke ich. Der Mann nimmt ebenfalls eine Tasse Kaffee in die Hand und beginnt daran zu schlürfen. „Lecker!, ruft er und sieht mich zufrieden an. „Dann werde ich jetzt anfangen, deine Fragen zu beantworten. Mein Name ist Maan. Du kannst jetzt eine Frage nach der anderen stellen und ich werde eine nach der anderen beantworten. Ich überlege kurz in Ruhe, welche Sprache der Mann spricht. Sie klingt merkwürdig, aber ich kann ihn gut verstehen. „Wo bin ich? Wer sind Sie? „Nirgendwo, sagt Maan. „Du schwebst zwischen Leben und Tod, zwischen Erde und Mond. Daher mein Name. Ich bin du."

    „Sie sprechen in Rätseln, versuche ich. „Wollen Sie mir sagen, dass ich am Sterben bin und dass das ganze Theater hier nur dafür da ist, mich noch ein Weilchen zu beschäftigen? „Du fragst in Rätseln, entgegnet Maan. „Meine Antworten sind deutlich und ich denke, dass du eigentlich schon alle Antworten auf deine Fragen weißt. Wenn du dich damit abfindest, gibt es keine Fragen. Wenn du dich dagegen wehrst, gibt es nur Fragen. Draußen startet das Motorrad und fährt mit viel Lärm davon. Maan sitzt noch gemütlich am Tisch. Wieder eine neue Frage. Wohin fährt das Motorrad jetzt, ohne seinen Besitzer? Wurde das Motorrad gerade gestohlen? „Nein, beantwortet Maan meine unausgesprochene Frage. „Ein Kollege braucht das Motorrad für einen Notfall. Das kommt sehr oft vor. Wir müssen Geduld haben. Vielleicht klappt es wieder nicht. Du bist ein merkwürdiger Kunde. Wir schauen uns gegenseitig an. Maan hat den Augenaufschlag und die Mundwinkel meines Vaters. Ich bekomme Schüttelfrost bei dem Gedanken, lasse mir aber nichts anmerken. „Was machen wir jetzt?, frage ich. „Ach, du musst doch nicht immerzu etwas machen, sagt Maan und wartet kurz. „Lass mich dein Haus mal ansehen. Es war so schnell fertig. Du musst es wirklich gemocht haben. Maan steht auf und geht die Treppe hoch. Ich laufe hinter ihm her. Ich fange an: „Hier links ist die Fernsehecke und rechts mein Arbeitszimmer. Das Büro ist das reinste Chaos. Überall liegen Zettel und Papiere herum. Schranktüren sind halb geöffnet. Aus dem Fax hängt ein Stück Papier. Ich reiße es ab und lese es. Es ist ein Angebot der Firma ‚Spaceral‘ für eine Beerdigung mit dem Verstreuen der Asche im Weltraum. Es ist ein astronomischer Betrag. Ich erinnere mich, dass ich vor Kurzem im Internet nach so etwas gesucht und nach Informationen gefragt habe. Der Tod beschäftigt einen doch jederzeit. Aber ich hatte nicht die Absicht, davon jetzt schon Gebrauch zu machen.

    Maan liest über meiner Schulter mit und lacht. „Was sich die Menschen nicht alles ausdenken, um Geld zu verdienen. Kalt. Mir ist unerträglich kalt. Alles wird unscharf und starke Lichtblitze brennen auf meiner Netzhaut. Ich sehe einen langen, schnell größer werdenden Tunnel. Am Ende sehe ich Maan winken. Seine Lippen formen die Worte: „Zu stark, zu stark, du musst zurück, zurück, zurück, später, später, später … Ich fühle einen unerträglichen Druck auf meiner Brust. Ein Gesicht, dicht über meinem Kopf, bläst Luft in meines. „Er kommt zu sich, er kommt zu sich!", höre ich noch, dann wird es still und dunkel.

    Als ich wieder zu mir komme, ist alles weiß. Technik piept und blinkt. Ich liege auf meinem Rücken. Öffne kurz meine Augen. Luna schaut mich an. Besorgt drückt sie meine Hand. Ich sehe Tränen in ihren Augen. „Du bist wieder da, sagt sie. Ich versuche, etwas Beruhigendes zu sagen. Es klappt nicht. Ich drücke ihre Hand und falle wieder in den Schlaf. „Schade!, denke ich gerade noch. Schade, ich wollte Maan noch so viel fragen.

    Später werde ich richtig wach. Ich begreife, dass ich fast tot gewesen bin, und muss offensichtlich froh und dankbar sein. Wofür? Es ist still um mich herum. Ich liege in einem kleinen, hellen Zimmer. Neben mir steht noch ein Bett. Es liegt niemand darin. Ich muss unglaublich dringend pinkeln und versuche aufzustehen. Die Tür geht auf und ein weiß gekleideter Mann kommt herein. Er trägt ein Stethoskop um seinen Hals. Ich bin also in einem Krankenhaus. Ich fühle mich prima. „Ich muss auf die Toilette, sage ich. Der Mann greift unter das Bett und kommt mit einer Flasche auf mich zu. Ich erschrecke. „Nein, nein, ich kann schon selbst, behaupte ich und rutsche aus dem Bett. Mit einem Plumps lande ich auf dem Boden. „Vorsicht!, ruft der Mann erschrocken und hilft mir wieder ins Bett. Er greift mir zwischen die Beine und steckt meinen Penis in die Flasche. Gerade noch rechtzeitig. Ein kleiner Strahl plätschert in die Flasche. Es dauert lange. Die Flasche wird halb voll. Dann bin ich fertig. Die mittlerweile warme Flasche wird entfernt und das Bettlaken wieder zugeschlagen. „Bin gleich wieder da, sagt der Mann und verlässt das Zimmer. Ein Weilchen später kommen drei Frauen in das Zimmer. Der Mann ist nicht dabei. „Sie haben uns einen gewaltigen Schrecken eingejagt, sagt eine Frau. Sie trägt eine offene weiße Jacke. Sie strahlt Autorität aus. Ist wahrscheinlich die Ärztin. Die zwei anderen Frauen sind jünger. Sie schauen mich alle streng an. Als ob ich etwas angestellt hätte. So fühle ich mich auch. Die Ärztin streckt ihre Hand aus und sagt: „Ich bin Professor Selig und das sind meine Assistentinnen: Frau Dr. Almann und Frau Barb. Willkommen im Universitätsklinikum Mannheim. Wie fühlen Sie sich? Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß noch nicht mal, ob ich Deutsch spreche. Wie bin ich hierher gekommen? Ich versuche, etwas zu sagen. Es ist nicht einfach. Endlich kann ich das Wort „gut aussprechen. Die gelehrten Damen sind sehr froh über das Wort und sehen mich begeistert an. „Dürfen wir Sie mal kurz untersuchen?, fragt die Professorin und schlägt ohne meine Reaktion abzuwarten das Bettlaken zurück. Ich habe nicht viel an und schäme mich ein wenig. Ich fühle den kalten Kopf des Stethoskops auf meiner Brust. Die Professorin horcht und sieht mich durchdringend an. „Das klingt sehr gut, sagt sie. Die anderen zwei, ich weiß nicht mehr, wer wer ist, wiederholen das Ritual und schauen sehr zufrieden. Die Professorin kitzelt meinen Fuß. Ich ziehe erschrocken mein Bein hoch. Sie lacht und sagt: „Versuchen Sie mal aufzustehen, aber ganz vorsichtig, wir helfen Ihnen. Drei Paar Arme kommen auf mich zu. Mit Hilfe eines menschlichen Oktopusses stehe ich vorsichtig auf. Es geht gut. Kurze Zeit später stehe ich ohne Hilfe neben dem Bett. Mir ist etwas schwindlig, wahrscheinlich durch das lange Liegen.

    „Jetzt wieder ins Bett, kommandiert Professorin Selig und weist eine der anderen Damen an, meinen Blutdruck zu messen. Gespannt sehen alle zu, ich auch. „120 zu 80, sagt Frau Barb. „Unglaublich!, rufen die beiden anderen Gelehrten. „Und das, nachdem er klinisch tot war! Anschließend wird mein Körper von allen Seiten mit Nadeln, Schläuchen und Apparaten bestückt. Nach etwa einer Stunde verlassen die noch immer aufgeregten Damen das Zimmer. Es wird still. Ich sehe zum Fenster. Es dämmert draußen. Es ist Vollmond, aber er scheint nur schwach im Dämmerlicht. Man könnte meinen, der Mond möchte mir etwas sagen. Lächerlich! Ich fange langsam an zu verstehen, was mit mir geschehen sein muss. Offensichtlich bin ich während meiner täglichen Gymnastikübungen umgekippt und bin irgendwie in diesem Krankenhaus gelandet. Ich werde wieder müde und falle in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

    Ich sitze in einem Flugzeug. Es ist dunkel in dem Flugzeug. Jeder schläft oder tut so, als schliefe er. Alle Fenster sind verschlossen, das muss immer so sein. Ich sitze am Fenster und döse etwas. Luna liegt halb im Sitz und sieht sich einen Film an. Vorsichtig schiebe ich das Vorsatzfenster etwas nach oben. Ein herrlich dunkler Himmel. Die Sterne haben die unglaubliche Helligkeit, die man nur in 10.000 Meter Höhe sieht. Der Mond ist nur eine schmale Sichel und das von der Erde auf den Mond reflektierte Sonnenlicht ist deutlich sichtbar. Gefesselt von dem fantastischen Schauspiel vergesse ich zu blinzeln und bekomme Tränen in die Augen. Ich starre auf den Mond. Ich denke an Maan. Der Mond fängt an, wie Maan auszusehen. Ich drücke meine Augen fest zu und schüttele meinen Kopf. Je älter, desto verrückter werde ich. Dann öffne ich meine Augen wieder und sehe den grinsenden Kopf von Maan, der mich ansieht. Seine Lippen formen Worte. Ich höre sie in meinem Kopf. „Komm!, höre ich. „Ich habe noch etwas vergessen. Komm zur Tür! Wie in Trance klettere ich über Luna, murmele etwas und gehe nach hinten, wo sich die Toiletten befinden. An der Tür bleibe ich stehen und schaue durch das kleine Fenster. Maan ist draußen und winkt mir zu. Die Tür öffnet sich und Maan nimmt meine Hand. Auf der Tragfläche parkt sein Motorrad mit dem Beiwagen. Ich bin mir sicher, dass ich träume, und so überrascht mich das nicht. Ich habe Angst, dass ich aufwache, denn ich bin gespannt, wie es weitergeht.

    „Steig ein, befiehlt Maan. Ich kann nicht ablehnen. Maan setzt sich auf das Motorrad und wir fallen von der Tragfläche runter. Ich fühle mich merkwürdig. Dann startet Maan den Motor und wir fahren langsam über die Wolken. Es holpert ein wenig, aber nicht schlimm. Es ist herrlich. Wir fliegen über eine große Stadt mit vielen Lichtern und Maan steuert nach unten. Er parkt bei einem großen weißen Gebäude. Es ist sehr still. „Wo sind wir?, möchte ich von Maan wissen, während wir vom Motorrad absteigen. „Dies ist die Zentrale, sagt Maan. „Hier ist jemand, der dich dringend sprechen möchte. „Kenne ich diese Person? „Ich denke nicht, es ist auch keine Person. Du wirst schon sehen! Maan murmelt noch etwas, das ich nicht verstehen kann. Ich belasse es dabei. Das Gebäude ist von innen fast leer und hat nur kleine Zimmer an den Seiten. Es sieht wie ein Gefängnis aus. Maan öffnet eine Tür, schubst mich rein und sagt noch: „Ich hole dich bald wieder ab. Die Tür fällt geräuschlos zu. Ich sehe mich um. Der Raum ist leer und strahlend weiß. Das Licht scheint von allen Seiten zu kommen. Zwei kreidebleiche Gestalten kommen herein. Es scheinen Frauen zu sein, doch ich bin mir nicht sicher. Sie fangen an, meine Kleidung zu entfernen. Ich versuche zu fragen, was los ist, aber ich bekomme kein Wort heraus. Die Kleidung verschwindet irgendwohin. Ich werde auf eine Art Untersuchungstisch gelegt. Es ist, als ob ich dicht darüber schwebe. Eine Art Band gleitet langsam über mich hinweg. Ohne ein Wort zu sagen, verlassen die zwei Gestalten den Raum. Abwartend bleibe ich liegen. Die Tür geht auf und Maan kommt herein. Ich möchte direkt etwas fragen, aber Maan legt seinen Finger auf seinen Mund und schüttelt sachte seinen Kopf. Er nimmt meine Hand und bleibt still neben mir stehen. Das Licht im Zimmer wird langsam schwacher, bis es ganz dunkel ist. Die dunkle Stille scheint ewig zu dauern. Jetzt, wo es ganz dunkel ist, sehe ich in der Ferne ein schwaches Licht, wie ein Stern. Maan beginnt, in die Richtung zu laufen. Ich schwebe mit. Nach einer halben Ewigkeit nimmt das Licht langsam eine Form an. Es ist eine Tür. Dahinter ist helllichter Tag. Wir gehen durch die Tür. Maan bleibt in der Öffnung stehen: „Hier musst du sein, sagt er noch bevor er mit der Tür und allem verschwindet. Ich sehe mich um. Es kommt mir alles vage bekannt vor. Dann weiß ich es. Ich befinde mich in der Gegend von Rotterdam, wo ich früher zur Schule gegangen bin. Ich laufe zum Hauptgebäude. Es ist ein stattliches altes Herrenhaus, das zu einer Schule umgebaut wurde. Es ist still, der Unterricht hat offensichtlich schon begonnen. Als wüsste ich, wo ich hinmuss, gehe ich in das Hauptgebäude hinein und laufe die breite Treppe hinauf. Ich betrete den Biologiesaal. Der Lehrer, Herr Van der Woude, ist mitten in einer Argumentation. Er scheint mich nicht zu bemerken. Die Bänke sind halb voll von Kindern, die aufmerksam zuhören. Ein Mädchen mit einem bekannten Gesicht sieht mich an und winkt mir. Ich setze mich neben sie. Sie lächelt mich an und flüstert: „Endlich bist du da, ich habe so lange auf dich gewartet. Ich versuche mich an ihren Namen zu erinnern, es gelingt mir zwar nicht, aber ich weiß noch, dass ich sehr in sie verliebt gewesen bin. Wohnte sie nicht im Internat für Kinder von Binnenschiffern? Ich beschließe, sie es nach dem Unterricht zu fragen. Herr Van der Woude hat mich doch gesehen und sagt: „So, kleiner Roel, immer zu spät, du bist auch viel zu dick. Wir sind schon auf Seite einunddreißig, schlag schnell das Buch auf. Auf dem Tisch liegt ein Buch für mich. Das Buch heißt: Biologie der Himmel von Mini Board. Das hört sich äußerst interessant an und ich fange schnell zu lesen an. Jeder wartet geduldig, bis ich auf Seite einunddreißig angekommen bin. Ich verstehe noch nicht viel davon, aber es klingt alles sehr logisch. Trotzdem melde ich mich und sehe Van der Woude fragend an. „Was ist jetzt schon wieder, erst müssen wir ohne dich anfangen und jetzt willst du auch noch etwas fragen? „Ja, sage ich vorsichtig. „Es tut mir leid, aber ich muss zuerst dringend etwas wissen. Bin ich gerade tot oder träume ich nur? Es ist ausgesprochen, bevor ich es bemerke, und ich erröte vor Verlegenheit. „Das liegt an der Zeit, erklärt Van der Woude, „aber darüber sprechen wir in den nächsten Wochen ausführlich. Also wirst du noch so lange warten müssen. Also aufpassen, die Fragen werden verschwinden, genauso wie die Antworten."

    Van der Woude dreht sich um und zeichnet auf der Tafel. Es entstehen herrliche mehrdimensionale Formen. Es sieht aus wie Magie. Es hat etwas von Escher. „Das, sagt Van der Woude, „ist die Basis unserer Existenz. Den Rest könnt ihr im Buch nachlesen. Für das nächste Mal wird jeder einen Aufsatz über die Existenz abliefern. Wer es verstanden hat, kommt in die nächste Klasse, wer es nicht begriffen hat, muss vorläufig in dieser Klasse bleiben. Ich bin bestürzt. Will wieder etwas fragen, traue mich aber nicht. Van der Woude ist schon verschwunden. Die meisten anderen Schüler auch. Meine Sitznachbarin ist noch da und sieht mich verständnisvoll an. „So geht es immer, erklärt sie. „Ich sitze schon ewig in dieser Klasse. Du bist meine Hoffnung. Wenn du es verstanden hast, musst du es mir erklären, damit wir zusammen in die nächste Klasse können. Ich verstehe nicht viel davon. Meinen Tod hatte ich mir eigentlich ganz anders vorgestellt. So etwas wie das plötzliche Verstehen des Ziels des Lebens, gefolgt von einer schwarzen Finsternis. Jetzt sitze ich hier im Biologiesaal meiner alten Schule neben einem Mädchen, in das ich früher bis über beide Ohren verliebt gewesen bin. Ich erinnere mich jetzt auch an ihren Namen. Sie heißt Tanja. Sie ist die Tochter einer Binnenschifferfamilie. Sie kam früher oft zu uns. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. „Komm, wir gehen, sagt Tanja und fängt an, ihre Tasche vollzustopfen. „Wohin?, frage ich überrascht und nehme mein Schulbuch. „Zu dir nach Hause natürlich, wir müssen Hausaufgaben machen. Du musst aus dem Buch lernen und es mir erklären." Tanja verlässt den Saal und ich laufe ihr wie ein Schoßhündchen hinterher. Ich wüsste nicht, wo ich sonst hin sollte. Im Fahrradraum steht tatsächlich mein blaues Batavus. Sogar den Schlüssel habe ich in meiner Tasche. Wir fahren den vertrauten Weg zu meinem Elternhaus durch die bekannte Umgebung. Es herrscht kein Verkehr. Es ist noch genau so, wie ich es in Erinnerung habe. Obwohl es mehr ein Wissen als eine Erinnerung ist. Das Büro meines Vaters liegt direkt unter unserer Wohnung. Ich bin stolz darauf.

    VATERS AG IMPORT – EXPORT

    Ich gehe in das Büro und erwarte meinen Vater anzutreffen oder zumindest seine Sekretärin. Es ist niemand da und ich sehe die große Telex-Maschine. Ich schaue durch das gläserne Fenster. Es ist kein Telegramm da. Ich setze mich an den Schreibtisch, wo ich mittags, oft im letzten Moment, meine Hausaufgaben gemacht habe. Tanja ist verschwunden, wahrscheinlich nach oben zu meiner Mutter. Ich schlage das Buch auf und beginne noch einmal von vorn …

    Biologie der Himmel von Mini Board

    Und ich fange zu lesen an …

    Kapitel 1 behandelt nur das Konzept des Hyperraums. Es ist sehr interessant, aber ich verstehe überhaupt nicht, was das mit Biologie zu tun hat. Obwohl keine Formeln verwendet werden, es ist nur ein eindimensionaler Text, hat die Geschichte doch eine sehr mathematische Untermauerung. Der Bericht beginnt eigentlich mit dem üblichen Vergleich von zweidimensionalen Wesen, die auf der Oberfläche einer dreidimensionalen Kugel leben. Diese eingeschränkten Wesen sitzen auf ihrer gekrümmten Oberfläche völlig fest. Wenn sie über ihre Oberfläche von A nach B reisen, dann müssten sie einen Weg zurücklegen, der in der dritten Dimension gekrümmt ist. Könnten sie sich in einer Geraden bewegen, könnten sie ein Stück abschneiden. So wird der Abstand zwischen A und B in einem Hyperuniversum mit unendlich vielen Dimensionen unendlich klein. Im Allgemeinen bedeutet das, dass der Abstand zwischen allen Punkten im Hyperraum unendlich klein ist. Also kann man sagen, dass die Hyperwelt gleichzeitig unendlich groß und unendlich klein ist. Davon wird mir ein wenig schwindlig. Es scheint ein lächerlich abstraktes Konzept zu sein, aber es wird hier doch als Realität beschrieben. Das Buch geht sogar so weit zu behaupten, dass unsere Vorstellung von bestimmten Dimensionen falsch ist und dass der Hyperraum aus einem Kontinuum von Dimensionen besteht. Unsere dreidimensionale Form während unseres irdischen Bestehens ist nur ein temporärer Schatten, verursacht durch das Lebenslicht …

    Irgendwie habe ich mit dieser Ansicht überhaupt kein Problem. Anscheinend kann ich alles leicht verstehen. Jetzt muss ich noch versuchen, es Tanja zu erklären. Das kann doch nicht so schwierig sein, es hört sich alles so logisch an. Wo ist sie eigentlich? Ich stehe auf und gehe vom Büro in den Flur. „Hallo, Tanja, bist du da?", rufe ich nach oben.

    Es kommt keine Antwort. Ich höre auch nichts. Doch, ich höre das Geräusch eines Motorrads in der Ferne. Es kommt schnell näher. Ich öffne die Haustür und sehe Maan gerade vom Motorrad absteigen. „So, du bist noch da, steig schnell ein, du musst wieder zurück." Maan zeigt auf seinen Beiwagen.

    „Ja, aber ich muss Tanja noch das erste Kapitel erklären, das habe ich ihr versprochen. Ich sehe Maan fragend an. „Ach, das war nur eine Ausrede, um dich wiederzusehen. Sie versteht alles, will aber noch nicht loslassen. Komm jetzt. Ich glaube, Maan wird etwas ungeduldig. Ich schaue mich noch einmal um. Tanja ist nirgends zu sehen. „Warte kurz, ich hinterlasse ihr einen Brief." Ich drehe mich um und suche etwas zum Schreiben. Natürlich finde ich nichts. Zu guter Letzt tippe ich auf der Telex-Maschine:

    Hallo, Tanja,

    Maan steht vor der Tür und ich muss mit. Lies das Kapitel noch einmal langsam durch. Es ist alles sehr verständlich. Der Tod existiert nicht. Es geht nur das Licht aus, wodurch der Schatten verschwindet.

    Bis bald, Roel

    Ich überfliege es noch einmal. Viel kürzer kann ich alles wirklich nicht klären. Maan hupt jetzt deutlich und laut. Ich renne raus und springe in den Beiwagen. Ohne etwas zu sagen, fährt Maan direkt los. Oh nein, jetzt habe ich das Buch vergessen. „Maan!", schreie ich und versuche, das Geräusch des Motorrads zu übertönen. Aber Maan hört nichts. Er fährt durch kleine, saubere Gassen, es scheint Tokio zu sein. Wie sind wir jetzt schon wieder hierher gekommen? Nach einer scheinbar endlosen Reise hält er vor einem großen Palast an. Er gibt mir zu verstehen, dass ich absteigen soll, und bleibt selbst sitzen. Ohne mich noch einmal anzusehen, fährt er weg.

    Ich wache in einem Krankenhausbett auf. Langsam vermute ich, was passiert ist. Kurz darauf bestätigt Luna es. „Du hattest einen Schlaganfall. Du warst nicht mehr ansprechbar. Du wurdest sofort aufgenommen und untersucht. Sie konnten nichts Körperliches finden, aber es schien, als wärst du weg gewesen. Du konntest nicht mehr sprechen und du wusstest nicht, wer oder wo du warst. „Ich war mit Maan unterwegs, antworte ich noch etwas verwirrt. „Geträumt, denke ich, füge ich noch hinzu. Sie kommt zu mir und fängt an, mich ausgiebig zu küssen. Nach einer Weile löse ich mich und sage: „Sollen wir etwas unternehmen, ich habe Hunger. Nach dieser Bemerkung gibt sie mir noch innigere Küsse …

    Nach einigen Tagen sind wir wieder zu Hause. Ich rede wirres Zeug, Luna macht sich Sorgen. Sie telefoniert mit dem Krankenhaus und eine Stunde später steht ein Krankenwagen vor dem Haus. Muss ich wieder eingeliefert werden? Frau Professor Selig und ihre zwei Assistentinnen kommen herein. „Wo ist er?, fragt Frau Selig, noch bevor Luna sie begrüßen kann. „Hier, antworte ich. „Bitte kommen Sie mit! Professorin Selig übernimmt sofort die Führung und ich werde in den Krankenwagen gebracht und auf die Trage gelegt. Die drei Damen fummeln an meiner Kleidung herum und kurz danach liege ich fast nackt auf der Trage. Es werden sofort allerlei Messungen an meinem Körper durchgeführt. Auch mein Kopf wird an alles angeschlossen. „Alles normal, rufen die Damen danach fast im Chor. „Sogar der Gehirnscan ist wieder normal, fügt eine der beiden Assistentinnen hinzu. „Wir möchten Sie trotzdem noch mal in der Klinik genau untersuchen, sagt Professorin Selig. „Bitte kommen Sie doch am Mittwoch um 9.30 Uhr vorbei, Sie müssen dann nicht warten. Es ist ein Wunder, wir verstehen es nicht." Ich nehme meine Anziehsachen und klettere aus dem Krankenwagen. Die drei Damen verabschieden sich und fahren davon. Wir gehen hinein und ich ziehe mich wieder an. Luna erzählt von den Tagen, an denen ich wie ein Zombie gelebt haben muss. Ich weiß nichts davon. Es war nur mein Körper. Die ganzen Ereignisse mit Maan und dem Buch von Mini Board waren natürlich nur ein interessanter Traum. Der Traum schien wirklich real und ich kann mich an jedes Detail ganz genau erinnern.

    Am folgenden Mittwoch melde ich mich im Krankenhaus in Mannheim. Ich hab einen Koffer mit Pyjama, Laptop und etwas zu lesen dabei. Ich werde in ein Zweibett-Zimmer gebracht. In dem anderen Bett liegt ein kräftiger Mann mit dem Rücken zu mir. Er hat schwarzes langes Haar. Es scheint Maan zu sein. „Maan!, sage ich. „Bist du das? Der Mann dreht sich um und sieht Maan überhaupt nicht ähnlich. „Mein Name ist Manfred Klein, seufzt der Mann. „Ich habe Prostatakrebs. „Ich heiße Roel und ich habe auch eine Prostata, aber ich bin wegen meinem Kopf hier. Ich glaube, ich bin verrückt. Angenehm. Ich bekomme keine Antwort mehr, der Mann hat anscheinend keinen Sinn für Humor. Das ist auch schwierig, wenn man sehr krank ist. Ich ziehe meinen Pyjama an und lege mich ins Bett. Eine Schwester kommt herein und misst meine Temperatur und meinen Blutdruck. Ich bekomme eine Flasche Wasser und ein Glas. Es wird still und ich döse etwas. Nach etwa einer Stunde werde ich mit Bett und allem abgeholt und in den Gang geschoben. Leider habe ich meinen Laptop nicht bei mir. Das Warten dauert lange und ich fange an, mich zu ärgern. Gerade als ich mich beschweren will, werde ich abgeholt und in einen Kernspintomografen geschoben. Es werden nur MRT-Scans von meinem Kopf gemacht. Danach werde ich wieder zurück in mein Zimmer gebracht. Alles dauert lange. Es ist schwierig, sich mit Manfred zu unterhalten. Er ist in einem sehr fortgeschrittenen Stadium von Prostatakrebs. Schwierig. Es ist schon fünf Uhr nachmittags, als die drei Damen in mein Zimmer kommen. Offensichtlich haben sie die Ergebnisse der Scans erhalten. Sie haben einen kleinen Tumor in meinem Kopf entdeckt und sind überzeugt, dass dies die Ursache meiner temporären Amnesie war. Ich glaube das nicht. Aber es hilft nichts, es ist beschlossene Sache, dass der Tumor sofort entfernt werden muss. Ich sage, dass ich das zuerst mit Luna besprechen möchte, und stelle mich stur. Die Damen verabschieden sich endlich und versprechen, während der Besuchszeit wiederzukommen, um mit Luna zu sprechen. Ich werde nicht gefragt. Ich bin nur ein Patient. Luna kommt schnell vorbei. Professorin Selig hat sie schon informiert. Wir beide sind skeptisch. Ich finde, dass man sich der Sache schon sehr sicher sein muss, um sich in den Kopf schauen zu lassen. Wir beschließen, vorzuschlagen, dass wir zwei oder drei Monate warten und dann schauen, ob der Tumor gewachsen ist. Wir halten es beide für eine gute Idee und warten auf den Besuch der Damen. Dieses Mal kommt nur eine. Es ist Frau Dr. Almann. Sie sagt: „Wir haben beschlossen, dass wir in drei Monaten nochmals einen Scan machen, um zu sehen, ob der Tumor wächst. Sie dürfen jetzt nach Hause. Sie sollten jetzt keine großen Reisen unternehmen. Wenn irgendetwas passiert, rufen Sie bitte sofort diese Nummer an. Frau Almann gibt Luna eine Visitenkarte mit einer Telefonnummer. „Das ist meine Handynummer, ich bin jederzeit zu erreichen, fügt sie noch hinzu und verlässt das Zimmer. Ich bin erleichtert, stehe auf und ziehe mich an. Ich verabschiede mich von Manfred. Er sieht mich traurig an. „Den Tod gibt es nicht. Nur das Lebenslicht erlischt, sage ich noch zu ihm. Ich habe es ausgesprochen, bevor ich es bemerke. Warum sage ich das? Was möchte ich damit erreichen? Manfred denkt lange und tief nach. „Das glaube ich auch!", sagt er und lacht sogar ein wenig. Anschließend gehen wir bei unserem Chinesen essen. Es schmeckt super und wir kommen gesättigt nach Hause. Bo wartet. Alles scheint wieder normal zu sein.

    Mitten in der Nacht wache ich von einem Geräusch auf. Der Drucker arbeitet. Komisch, denke ich und schlafe wieder ein. Am nächsten Tag gehe ich nach oben in mein Zimmer. Aus dem Drucker hängt ein Stück Papier. Es steht etwas darauf. Ich lese. Es läuft mir eiskalt über den Rücken:

    Roel,

    komm bald zurück. Du musst es mir erklären. Ich sitze hier fest.

    Tanja

    Silvia

    Maan lässt mich nicht los. Ich muss immerzu an ihn denken. Was meinte er, als er sagte: „Ich bin du? Mal abgesehen davon, dass ich es für eine schlechte Sprache halte, so etwas sagt man doch nicht einfach so. Bin ich Maan? Das glaube ich nicht. Existiert Maan vielleicht nur in meiner Traumwelt? Ja, das muss es sein. Ich habe mir Maan natürlich nur selbst ausgedacht. Und doch, es scheint alles so echt. Ich setze mich an meinen Computer. Starte den Internetbrowser und Google. Ich suche nach „Maan. Fast zwei Millionen Treffer. Was jetzt? Seinen Nachnamen kenne ich auch nicht. Hat er überhaupt einen Nachnamen? Ich habe eine Eingebung. Ich suche nach „Maan Name. Nur ein einziger Treffer, ein Volltreffer? Es könnte sein. Maan hatte eine sehr dunkle Hautfarbe. Ist er ein Sikh? „Gott ist in uns und überall, sagt der Gurbani. Dann muss ich ja nicht weiter suchen. Oder doch? Wie tief kann man in sich selbst sinken, ertrinken. Davon sind schon Leute verrückt geworden. Ich nehme mir vor, demnächst ein Buch über den Glauben der Sikhs zu kaufen. Ich schalte den Computer also wieder aus. Ich muss mich jetzt wieder meinen banalen Problemen widmen. Ich stehe auf, sage Luna, dass ich kurz zum Arzt gehe, um mein Rezept abzuholen, und laufe hinaus. Da es nur fünf Minuten zu Fuß sind, fahre ich nicht mit dem Auto. In der Praxis ist es ziemlich voll. Schön, die Damen an der Anmeldung erkennen mich, kommen aber nicht gleich auf meinen Namen. Dann fragen sie nach meiner Versichertenkarte. Glücklicherweise steht dort mein Name drauf. Das Rezept wird ausgestellt. Ich muss kurz warten, bis einer der Ärzte es unterschreiben kann. Das dauert eigentlich ziemlich lange. Gibt es einen Notfall und alle mussten dorthin? Wurde plötzlich jemand geboren? Aber nein, es ist alles normal. Eine der Arzthelferinnen verschwindet mit meinem Rezept und kommt kurz darauf zurück. Der Professor möchte kurz mit mir sprechen, heißt es. Oh ja, unser Hausarzt ist ein richtiger Professor, fast ein Gott also. Was für eine Ehre, dass ich seine Aufmerksamkeit bekomme. Er ist so alt wie ich, hat aber eine gute Figur. Sport ist seine Leidenschaft. Das ist deutlich zu sehen. Meine Leidenschaften sind Bier und Wein und das sieht man ebenfalls. Der Herr Professor misst meinen Blutdruck und murmelt hundert. Wer wird hier eigentlich gerade behandelt? Alles ist gut. Ob ich nicht einmal Viagra ausprobieren möchte. Ich habe das eigentlich nicht nötig, aber vielleicht macht es ja Spaß. Er scheint das nicht zu verstehen. Wahrscheinlich nimmt er es täglich, vielleicht, um schön aufrecht zu gehen. Er meint, dass mein Blut noch einmal untersucht werden müsse. Ich soll deshalb morgen früh noch einmal nüchtern vorbeikommen. Endlich unterschreibt er das Rezept. Ich stehe direkt auf, aber ich soll mich wieder hinsetzen. Ohne etwas zu sagen, steht er auf und verlässt das Zimmer. Mir wird ein bisschen schwammig vor Augen. Hat er mir doch etwas verabreicht? Ich fühle mich merkwürdig. Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Welt sieht plötzlich ganz anders aus. Ich habe eine weiße Jacke an und ein Blutdruckmessgerät in meiner Hand. Ich bin der Arzt. Panik steigt in mir auf. Sind unsere Seelen vertauscht? Jetzt bin ich der Arzt und der Arzt ist ich. Ich habe schon einmal einen Film gesehen, in dem Mutter und Tochter den Körper tauschten, das war ziemlich blöd. So etwas passiert doch nicht? Jemand klopft an die Tür, die aufgeht. Ein junger Mann, etwa dreißig Jahre alt, kommt herein. Er hat einen Verband um seinen Arm. Panik. Was muss ich machen? Ich sage nichts und bedeute dem Mann, noch kurz draußen zu warten. Ich bin im Körper von unserem Hausarzt, aber weiß ich auch all das, was ein Hausarzt wissen muss? Eine Arzthelferin kommt herein. „Was ist los, Herr Professor? „Ich fühle mich nicht wohl und lege mich kurz hin. Der Patient soll von jemand anderem behandelt werden, sage ich. Schön, das Deutsche kommt perfekt heraus, ohne meinen typisch holländischen Klang. Ich lege mich auf den Behandlungstisch und schließe meine Augen. Ich überlege, was ich tun soll, und entscheide mich, einfach die Wahrheit zu sagen. Ich kann nicht so tun, als ob ich ein Arzt sei. Ich weiß wirklich nichts darüber. Aber wer wird die Wahrheit glauben? Nur der Professor selbst, denke ich. Ich muss ihn finden. Ich stehe schnell auf, verlasse den Raum, murmele etwas von frische Luft schnappen und verlasse die Praxis. Wenn der echte Professor meine Rolle übernommen hat, müsste er jetzt in der Apotheke sein, um das Rezept einzulösen. Ich laufe in Richtung Apotheke. Durch eine kleine Gasse. Jeder grüßt mich voller Respekt. „Guten Tag, Herr Professor, schönes Wetter. Ich nicke nur. Plötzlich klopft mir jemand auf die Schulter. Ich sehe auf und schaue mir selbst in die Augen. Ein alter Mann mit einem müden Blick. „Wer sind Sie?, kommt es aus seinem Mund mit einem deutlichen holländischen Dialekt. „Ich glaube, ich bin Sie und Sie sind ich, antworte ich. „Was ist passiert? „Unsere Geister haben sich wohl vertauscht, sagt mein Körper lakonisch. Er scheint es nicht schlimm zu finden. Ich finde es überhaupt nicht gut. Ich möchte meinen eigenen Körper wieder zurück, auch wenn er etwas zu dick ist. „Können wir das wieder rückgängig machen?, sage ich mit deutscher Stimme. „Ich weiß nicht, sagt der Professor mit meinem Mund. „Ich habe so etwas noch nie erlebt. Vielleicht wenn wir beide es wollen? Kurz darauf wache ich auf. Ich liege auf dem Untersuchungstisch und mein Professor-Hausarzt beugt sich über mich. Er lässt gerade ein Elektrokardiogramm aufzeichnen. Überall an meinem Körper sind Elektroden mit Saugnäpfen festgemacht. Die Verwandlung hat nur in meiner Fantasie stattgefunden. Der Professor schaut mich ein bisschen merkwürdig an. „Ihr Herzschlag war kurz weg, sagt er. „Ich habe Ihnen einen Stromstoß gegeben, jetzt schlägt das Herz wieder ganz normal. Sie sollten sofort in die Klinik fahren. Ich habe schon mit Frau Selig von der Uni Mannheim gesprochen. Sie werden erwartet. Schön, ich muss halb tot selbstständig nach Mannheim fahren. Luna wurde schon verständigt und stürmt leichenblass in die Praxis. Der Professor kann sie beruhigen und kurze Zeit später sind wir unterwegs. Ohne Skrupel rast sie auf das Gelände der Neurologie. Die Assistentin von Frau Doktor Selig, Frau Barb, kommt aufgeregt auf uns zu. ‚Wieder ein neues Kapitel für meine Doktorarbeit‘, denkt sie wahrscheinlich. Ohne viel Theater werde ich aufgenommen und ins Bett gesteckt. Frau Barb ist eine Frau, die man schön ansehen kann. Sie versucht, Witze zu machen, hat aber keinen Sinn für Humor. Sie spricht nicht mit mir, sondern über mich. Sie muss noch viel lernen. Inzwischen schließt sie mich mit vielen Elektroden an eine Art Computer an. Anschließend gibt sie mir eine Spritze in meinen Oberschenkel. Ich werde fast sofort schläfrig und nehme noch schnell Abschied von Luna. Sie verspricht, in einigen Stunden zurückzukommen. Ich sehe nicht einmal mehr, wie sie die Tür hinter sich schließt, und falle in einen tiefen Schlaf …

    Ich träume. Ich weiß, dass ich träume. Trotzdem kann ich alles um mich herum sehen. Eine Krankenschwester kommt herein und stellt eine Flasche Wasser auf das Schränkchen neben dem Bett. Sie wirft einen prüfenden Blick auf mich. Ich schlafe. Auf einem kleinen Bildschirm an der Wand kann man meinen Herzschlag sehen. Großer Puls, kleiner Puls, großer Puls, kleiner Puls, alles ganz normal. Interessant ist es trotzdem. Ich schlafe und trotzdem kann ich meinen Herzschlag sehen. Ich versuche, meinen Herzschlag zu beschleunigen. Kein Problem. Ich weiß nicht, wie ich das mache, aber ich bringe meinen Herzschlag auf 100 und halte ihn genau dabei. Anschließend lasse ich mein Herz aussetzen. Ein durchdringendes „Piiieeeep", genauso wie im Fernsehen. Sofort stürmen allerhand Personen ins Zimmer und fangen an, auf Knöpfe zu drücken. Mein Körper fängt an zu zucken. Ich beschließe, dass es reicht, und bringe mein Herz wieder auf 80. Die Panik ist vorbei und jeder ist sowohl froh als auch besorgt. Frau Barb kommt hereingerannt, sie ist nicht wirklich ordnungsgemäß angezogen. Sie hatte sicher frei. Ich träume einfach weiter und genieße die Show. Herrlich, dieses Träumen, man schläft, ruht sich aus und langweilt sich nicht. Frau Barb bleibt alleine zurück und nimmt meine Hand, um meinen Puls zu fühlen. Witzig, so viel Technologie und trotzdem noch ganz gewöhnlich den Puls fühlen. Ich bringe meinen Herzschlag auf 200. Sie erschrickt und lässt meine Hand fallen, als ob die Hand glühend heiß sei. Auf ihrer Stirn entstehen Schweißperlen. Sie hat Angst. Sie sucht ihr Telefon und rennt aus dem Zimmer. Ich folge ihr, sie telefoniert mit Professorin Selig und erzählt die Geschichte von dem verrückten Puls. Ich kann nicht hören, was die Professorin sagt. Sie kommt wieder in mein Zimmer und dreht an einigen Knöpfen. Mein Herzschlag sinkt auf 60, ohne dass ich etwas machen kann. Das ist jetzt blöd, ich habe keinen Einfluss mehr darauf. Ich versuche noch mal, mein Herz auszusetzen. Das geht auch nicht mehr. Das macht keinen Spaß mehr. Frau Barb bleibt neben meinem Bett stehen. Sie versucht, die Ursache herauszufinden. Ich gehe auf Entdeckungstour. Ich war schon des Öfteren in diesem Krankenhaus und kenne den Weg ein wenig. Ich schwebe aus dem Zimmer und gehe durch den langen Flur. An den Wänden sitzen überall Menschen und warten. Sie scheinen mich nicht zu sehen. Das ist auch gut so, denn außer dem lächerlichen Krankenhaushemdchen habe ich nichts an. Ich werfe das Hemdchen in den nächsten Abfalleimer. Inzwischen bin ich am Haupteingang angekommen. Draußen ist schönes Wetter, ein bisschen frisch, aber das kümmert mich nicht. Ich schwebe geradeaus zum Neckar. Alles sieht normal aus und ich fühle mich prima. Nackt folge ich dem Weg längs des Neckars in östlicher Richtung. Ich kenne den Weg. Ich bin hier oft mit Bo entlanggelaufen, als Luna zur Kontrolle ins Krankenhaus musste. Jetzt ist es anders, ich bin alleine, überall sehe ich Menschen, Autos. Ein langer Rheinkahn fährt langsam gegen den Strom in Richtung Schleuse. Hinten auf dem Schiff steht ein Auto. Vorn auf dem Schiff steht eine hübsche junge Frau, sie ist ebenfalls nackt. Sie winkt mir zu. Verlegen winke ich zurück und wir lächeln uns an. Warum kann sie mich sehen und die anderen nicht? Wahrscheinlich träume ich dies alles und habe mir selbst ein schönes Bild spendiert. Obwohl ich sehr schnell laufe, holt mich das Boot ein und manövriert langsam in die Schleuse. Ich laufe etwas schneller auf die Schleuse zu. Bei der Schleuse angekommen schließen sich die Tore und das Wasser strömt in die Schleuse. Auf dem Weg zum Boot klettere ich über einige Zäune. Das Boot liegt noch sehr tief, kommt aber langsam höher. Ich suche die junge Frau auf dem Boot. Sie ist verschwunden. Schade, ich hätte so gerne gewusst, warum sie mich

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1