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Das Leben - Ein Maskentanz durch die Zeit: Erzählungen
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eBook332 Seiten4 Stunden

Das Leben - Ein Maskentanz durch die Zeit: Erzählungen

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Über dieses E-Book

Ein fragwürdiges Experiment, Kindheitserinnerungen einer Vertriebenen, die Wirtschaftskrise, ein alter Mann, der sich an die Erinnerungen an seine verstorbene Tochter klammert, schließlich ein Familientreffen, in das sich die Angst vor der atomaren Katastrophe einschleicht – es sind kleine und große Geschichten, sehr persönliche, aber auch weltbewegende, die in diesem Buch zusammenfinden.
Was dem Menschen zustößt, das ist das Leben selbst. Wer nach dem roten Faden, nach einer Konstante sucht, erkennt schnell, dass der Mensch im Laufe seines Lebens bewusst oder unbewusst, freiwillig oder unfreiwillig verschiedene Masken trägt, um das Leben leichter zu ertragen. Nicht selten entstehen dadurch Identitätskonflikte, die bewältigt werden müssen.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum1. Juli 2013
ISBN9783837250367
Das Leben - Ein Maskentanz durch die Zeit: Erzählungen
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Autor

Renate Dalaun

Renate Dalaun (Pseudonym), 1935 in Karlsbad-Fischern geboren, 1946 Aussiedlung in die BRD, Studium der Pädagogik, Lehramt für Volks-, Real- und Fachoberschulen (II. Bildungsweg). Nach 41 Dienstjahren Versetzung in den Ruhestand. Veröffentlicht Lyrik, Kurzepik, Hörbücher, Erzählungen, Romane und Bühnenstücke.

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    Buchvorschau

    Das Leben - Ein Maskentanz durch die Zeit - Renate Dalaun

    dafür!

    Vergewaltigte Wissenschaft

    Mit dem Oberkörper liegt sie auf der Banklehne und schickt den Blick in Richtung Fluss, der im Überschwang der Wassermassen verdächtig rauscht. „Die hat keine Ahnung, sagt einer der Männer, die in der Parkanlage Sträucher und Blumen vom Laub befreien und einen Karren damit füllen. „Schau, obwohl sie völlig unschuldig verfolgt wird, gesteht ihr die Sonne keinen Schatten zu. „Hmmmm, brummt sein Partner und ruht sich lange auf dem mmm aus. Nach kurzer Pause setzt er wieder an: „Es besteht keine Aussicht, diese Dreckarbeit loszuwerden, aber ist eben eine Möglichkeit zu überleben. Der Andere sagt noch einmal „Hmmmm".

    Der Gesichtsausdruck der Frau auf der Parkbank ändert sich, scheint sich zu entwickeln. Eine Art der Befreiung folgt den ängstlichen Blicken, die einem plötzlichen Interesse und der Neugierde Platz machen, als wäre sie auf etwas gekommen, dem nachzugehen es sich lohnen würde. Sie hört es nicht, dass die Arbeiter hinter ihr von steigenden Preisen reden, über Mindestlöhne klagen. Fast täglich beklagen sie ihr Schicksal.

    Der Vater des Sprechers, ein Trinker, Alkoholiker, ermöglichte seinem Sohn keine Berufsausbildung, zwang ihn frühzeitig, durch Jobs seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei war es zu seinem Leidwesen geblieben. Aber er gehört nicht zu den Jungen, die wie ihre Vorbilder sich dem Alkohol verschreiben. Fritz begnügt sich mit Wasser und Limo, und nützt in der Freizeit das Geschenk einer Bibliotheks-

    karte, um sich zu unterhalten und seine neu erwachten Interessen zu befriedigen. Kriminalpolizist wäre er immer gerne geworden, aber dazu fehlte ihm die Schulbildung. Das ist der Grund, warum ihn das Schicksal jener Frau auf der Parkbank interessiert. Er hat ihn beobachtet und glaubt zu wissen, was die Betroffene nicht weiß, was der, der ihr oft folgt, von ihr will. Fritz bewohnt ein Dachzimmer im Hause eines Psychiaters, dessen Sohn die Dame beschattet. Er hat noch mehr beobachtet, den Verfolger selbst und dessen Schwester, denn der vielversprechende Sohn, den Fritz eigentlich beneidet, hat eine Familientragödie ausgelöst.

    Immer bestrebt, die besten Leistungen zu erbringen, galt Roland als hochintelligent und extrem ehrgeizig und war an Auszeichnungen und Preise gewöhnt. Die Lehrer lobten den vorbildlichen Schüler, die Eltern rühmen immer noch den vielversprechenden Sohn und schmieden große Pläne. Die „kleine Schwester" liebt und bewundert ihn, und er fühlt sich verantwortlich und verpflichtet, sie vor allen Gefahren zu schützen.

    Plötzlich scheint aber Unvorhergesehenes das Familienidyll empfindlich zu stören.

    Am Abend schaut Fritz dem Sohn des Hausherrn beim Malen zu. Zwei Mädchen auf der gegenüberliegenden Dachterrasse haben sein Interesse geweckt, seine Schwester und deren nicht weniger attraktive Freundin.

    Ich weiß nicht, ob es in dieser Stadt üblich ist, unter Seinesgleichen zu wohnen, aber in diesem Viertel bewohnen die Begüterten der Stadt ihre sehr vornehm ausgestatteten Häuser mit großen Dachterrassen. Man kennt sich, und die Damen treffen sich gelegentlich beim Kaffee. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Rolands Schwester mit der Freundin auf dem Nachbarhaus liegt.

    Der junge Maler malt die Damen farbenprächtig in Badeanzügen. Ein Konflikt, der sich daraus ergibt, als die Mutter zufällig sein Gemälde sieht, soll geheim bleiben, aber Fritz hat sein Fenster weit geöffnet. Die Mutter fragt, ob er auch seine Freundin in einem so freizügigen Anzug gemalt habe. Die Antwort schockiert sie. Der junge Mann gesteht ihr, dass er alle bekannten Mädchen, auch die Freundin, mit der Schwester verglich, ohne ein gleichwertiges Mädchen zu finden. Sein unsicheres Lächeln bietet der Mutter Gründe, nicht an der Ernsthaftigkeit der Aussage zu zweifeln. Dass die 19-jährige Tochter ähnliche Erfahrungen durchstand, erfährt sie noch am gleichen Tag. Entsetzt warnt sie vor Schande und Inzestgefahr und glaubt die Augen der Nachbarn bereits lachend auf sich gerichtet zu sehen.

    Der Vater hält die Vorstellung der Geschwister für eine pubertäre Erscheinung, die sich mit zunehmender Reife ändere, erkennt aber wie die Gattin einen verhängnisvollen Erziehungsfehler als Ursache.

    Oft warnten sie vor falschen Freunden, von denen sie glaubten, dass sie nicht in ihrem Sinne erzogen wurden. Dass die eigenen Kinder so keine gleichwertigen Freunde und Freundinnen, Partner finden konnten, war nicht vorauszusehen. Die Mutter bringt die Erkenntnis ihrer Schuld fast zur Verzweiflung. Sie fühlt den Konflikt der Beiden, und das Gemälde beweist die Liebe des jungen Malers. Nicht die Freundin, die Schwester erscheint in allen ihren Vorzügen auf der Leinwand. Liebevoll versteht Roland die Details wiederzugeben, wie das Verhältnis von Stirn- und Mundpartie, das geheimnisvolle Lächeln des Modells, die Konturen der Lippen und die glatt nach hinten gekämmten dunkelbraunen Haare, die dem Gesicht mit den großen braunen Augen ein apartes Aussehen verleihen. Das Bild sagt aus, was er nicht auszusagen gewagt hätte. Weiche Übergänge und das Schweben zwischen Licht und Schatten unterstützen das staunende Lächeln in diesem ausdrucksstarken Mädchengesicht, von dem nur das farbliche Schimmern des zierlich schmalen Körpers, das unbestimmte Licht, das ihn in hellen Tönen und Farben wirken lässt, das Auge des Betrachters ablenkt.

    Die Verbindung von Hautfarbe und komplementären Schattentönen erzeugen diesen Effekt. Das Modell scheint im Gegensatz zur Freundin den Maler zu ahnen, rückt den biegsamen jungen Körper so ins Licht, dass der Lustgewinn für den Maler kaum zu leugnen ist.

    Die Mutter bedauert die Euphorie, mit der sie Freunden und Bekannten gegenüber Sohn und Tochter rühmte. Die schönen, klugen und erfolgreichen Kinder suchen erfolglos diese Vorzüge auch bei ihren Partnern. Die Mutter bedrängt den Gatten und findet keine Argumente gegen die als Ursachen erkannten Erziehungsfehler.

    Der Mieter Fritz im Dachappartement wächst langsam als Dorn im Auge des Hausherrn heran. Er scheint ein sehr guter Beobachter zu sein und beneidet nicht nur den Sohn des Hauses; er amüsiert sich auch über die Situation, die er als lächerlich empfindet.

    Der böse Leumund schwebt über den strapazierten Nerven der Hausfrau, beeinträchtigt die Atemluft der Eltern und verhilft weder Angelique noch Roland zu geeigneten Partnern.

    Dass der Vater der Geschwister psychologische Theorien befragt, ist verständlich, trägt aber nicht zur Lösung des Problems bei. Fritz glaubt durch seine Beobachtungen aufgefallen zu sein. Das verunsichert ihn, veranlasst ihn zu besonderer Höflichkeit und Distanz. Seine Schadenfreude wird ihm selbst nicht sofort bewusst. Alle seine Gedanken umschwirrt ein Satz: Warum sollten nicht auch die Begüterten endlich einmal … Er hat so üble Erfahrungen gemacht, hat den Eindruck, seiner Tätigkeit wegen für primitiv und dumm gehalten zu werden. Das ärgert ihn. Die Kette seiner Beobachtungen verwebt er zu einer Geschichte, die sich am Abend in seinem Kopf abspult, zuweilen wuchert. Dass sich die Kinder des Hausherrn den Eltern verpflichtet fühlen, weil sie teuere Reisen und Skiurlaube finanzierten, weiß er. Sie fühlen sich veranlasst, die Wünsche der Eltern, die immer noch deren Wünsche erfüllen, ebenfalls zu erfüllen, und glauben gebildeter und charakterstärker zu sein als jene Altersgenossen, die sich endlos gegen die ältere Generation auflehnen, wie deren Eltern halten sie sie für „Chaoten". Die sich durch Jobs Taschengeld verdienen müssen und sich Reisen dieser Art nicht leisten können spotten über die Verwöhnten.

    Die Mutter sparte auch nie mit teueren Kosmetika. Daher wirken beide gepflegt. Roland und Angelique gewöhnten sich an dieses Leben, isolierten sich im Laufe der Zeit von den „Vulgären wie von den „Wohlstandsverwahrlosten.

    Die Situation eskalierte schließlich, als ein junger Mann, der sich später als ehemaliger Schulkamerad erwies, Angelique beim Tanzen zu küssen versucht. Roland, Zeuge des Geschehens, springt auf, stößt den zudringlichen jungen Mann zurück und droht ihm eine Ohrfeige an. Dass seine krankhafte Eifersucht seinen Arm lenkt, zweifelt niemand an. Der Übeltäter lässt sich nicht in ein Handgemenge ein und verlässt den Saal.

    Da Roland jeden weiteren Tanzpartner der Schwester ersetzt, lachen die Zeugen.

    Ein Reporter sorgt dafür, dass Fritz tags darauf über das Ereignis informiert wird. Sein spöttisches Grinsen bei jeder Begegnung mit dem „Maler" verweist auf seine heimliche Schadenfreude. Er verlangsamt den Schritt, und sein überlanger Blick folgt dem Blamierten, der es in diesen Tagen immer eilig zu haben scheint.

    Als er Zeuge wird, wie der Verfolger mit dem Vater im Auto wegfährt, nachdem er der Dame zum Fluss gefolgt war, und im Auto immer noch den Kopf schüttelt, während der Vater etwas notiert, beschließt Fritz, die Spur zu verfolgen, die nicht einmal in seiner Vorstellung exakt existiert.

    Tagelang beobachtet er die sportlich gekleidete Spaziergängerin bei der Arbeit, wenn ihm diese die Möglichkeit dazu bietet. Sein abgehetzter Gedanke findet einen Anker, als er nach Feierabend auf einer der Parkbänke sitzt und ein belegtes Brötchen verzehrt. Unentdeckt findet er Gelegenheit, ein Gespräch zwischen seinem Hausherrn und dessen Sohn mitzuhören, bevor sie in das in Flussnähe geparkte Auto steigen. „Sie widerlegt mein Ergebnis, jammert der Sohn ohne zu erläutern, worum es sich handelt. Der Vater rät: „Ergebnisse kann man trotzdem nicht frisieren! „Das ist schon die Dritte, die nicht spurt, klagt Roland weiter. Sie sprechen über Verhaltensänderung, wobei Begriffe, wie „Sturheit, „keine Reaktionsbereitschaft" fallen. Fritz versteht die Fachausdrücke nicht, aber er begreift, dass der Sohn des Hauses eine wissenschaftliche Arbeit schreiben will und von drei Damen aus seiner Stichprobe widerlegt wird. Die Gedanken fallen über ihn her, lassen sich nicht zügeln. Die Straßenarbeiter lachen längst über sein Interesse, seine Spurensuche, und glauben, dass ihn die Frauen interessieren.

    Als er an einem Sonntagnachmittag, nachdem er die Freundin nach Hause gebracht hat, die Verfolgte vor sich hergehen sieht, folgt er automatisch ihren sportlichen schnellen Schritten über die geschwungene Holzbrücke auf einen unwegsamen Pfad bis zur Straße. Als sie abbiegt und er sie im Profil sehen kann, glaubt er, sich getäuscht zu haben.

    Eine Doppelgängerin? Die Verfolgung der vermuteten Dame verunsichert ihn. Er setzt sich auf die kleine Bank am Rasenrand und schweigt vor sich hin. Fritz hat sich die Bewegungen der Frau genau gemerkt, wie sie sich über den Kopf fährt, die Art, wie sie die Knie aufeinanderzulegen pflegt. Er spreizt die Finger, wiederholt die Bewegung mit der Hand. Mit drei gespreizten Fingern streicht er dicht am Scheitel das Haar nach hinten.

    Gibt es zwei Frauen, die der junge Student verfolgt? Er könnte sich getäuscht haben, da er eine der Damen nur in der Abenddämmerung sah.

    Am Wochenende teilt er seine Beobachtung der Freundin mit, hofft auf Verständnis für sein Interesse. Die aber lacht, hält ihn für verrückt.

    Am nächsten Morgen bittet ihn die Hausbesitzerin, Zeitungen am Dachboden zu deponieren. Fritz darf auswählen und lesen, wenn er möchte. Es sind zum Teil wissenschaftliche Hefte. Längst interessieren ihn Dinge, die bisher nie sein Interesse erregten. Zwei Artikel über Verhaltensforschung hat er entdeckt. Er vermutet, Informationen über seine Beobachtung zu finden. Ungeahnte Möglichkeiten bieten sich an, und er glaubt es zu spüren, wie sich sein Horizont langsam weitet.

    Eigentlich hat er das Bedürfnis, sich nach diesem anstrengenden Tag auszuruhen, aber als er von Weitem den Sohn des Hauses mit der Freundin im Gespräch hört, ist seine Müdigkeit verflogen. Es geht um den verseuchten Erdboden, und er fühlt sich schon seit der Kindheit als Naturschützer.

    Des beißenden Spottes des Vaters zum Trotz beobachtete er als Kind Regenwürmer und Käfer. Der Lehrer hatte die Veredelung des Bodens erklärt. Die Geheimnisse der Erde zu erforschen, reizte ihn immer. Die Erde lässt wachsen, sterben, verkümmern und neu aufleben, denkt er. Vom Gesteinszerfall hat er gelesen, wie Gestein zerbröselt und Erde daraus hervorwächst, von verrotteten Pflanzen und der Humusbildung, von Pilzen und Bakterien. Die Männer und die Frau streiten über die Schädigung der Erde durch die Industrie. Es geht um Entsorgung, und Fritz erinnert sich an die Regenwürmer, die Kali, Kalk und Magnesium zurücklassen, den Boden ernähren wollen. Mitreden können bedeutet ihm alles. Aber er vermutet, vom Sohn des Hauses für einen Dummkopf gehalten zu werden.

    Die Freundin wirft ihm Wissenswahn vor. Sie verstehen sich nicht mehr. Eines hat sie allerdings begriffen, dass der Sohn des Hauses sein Vorbild ist, dass er so sein möchte, Erfolg wünscht, einen anderen sozialen Status. Noch nie scheint er so unzufrieden mit sich selbst gewesen zu sein. Ein Satz aus ihrem Mund trifft ihn doppelt: „Deshalb bleibst du doch ein ungebildeter Straßenarbeiter für den."

    Fritz ertappt sich tatsächlich dabei, wie er sich wie Roland frisiert, so zu denken, sogar zuweilen so zu sprechen versucht, wobei ihm das Wort „na und" auf die Lippen fällt. Unbewusst identifiziert er sich mit Roland, scheint plötzlich blind für dessen Schwächen zu sein. Fritz kann es nicht lassen, ständig bei der Arbeit an ihn zu denken, zu überlegen, wie er sich in bestimmten Situationen verhalten würde.

    Ein Sonntagvormittag ist es, an dem er der Unbekannten bis zu ihrer Wohnung folgt. Sie scheint in diesem kleinen Haus allein zu wohnen, entleert den Postkasten, grüßt im Vorübergehen eine Nachbarin und verschwindet im Haus.

    Die Entfernung zwischen ihrem Haus und dem der Verfolger ist gering. Die beiden Männer könnten sie im Blick behalten.

    Vor der Türe sitzt eine grau-gestreifte Katze, die er sofort als die seiner Hausfrau gehörige erkennt. Wie kommt sie hierher? Seine Beobachtungen geben ihm Rätsel auf, aber die Ergebnisse faszinieren ihn.

    Die Dame reagiert mit Ablehnung auf die Katze. Sie schlägt nach Mücken, scheint die Katze für die Insektenplage verantwortlich zu machen und verscheucht das fremde Haustier. Fritz erfährt später, dass die Insekten immer gleichzeitig mit dem Erscheinen der Katze auftreten und stechen, wenn sich die Katze in der Nähe befindet.

    Von diesem Abend an geht Fritz öfter an diesem Haus vorbei, beobachtet die Besitzerin beim Heckenschneiden und anderen Gartenarbeiten. Schwärme von Vögeln, meist Spatzen, sitzen auf den Bäumen, bevölkern die Hecken am Zaun. Die Beobachter trifft er nie an.

    Die zweite der Damen wohnt in der Stadt in einem alten Mietshaus. Interessieren den jungen Forscher wirklich beide, oder täuscht er, um abzulenken, das Interesse nur vor?

    Die Damen übertreffen sein Alter weit. Sein 28. Geburtstag fällt auf den Sonntag. Roland, der Student im letzten Semester, kurz vor dem Examen, scheint wenig jünger zu sein. Noch nie hat Fritz den Geburtstag gefeiert. Derartige Feiern waren in seiner Familie nicht üblich. Aber es entdeckte auch keiner seine künstlerischen Fähigkeiten. Seit er in diesem Hause wohnt, Roland beim Malen und Zeichnen beobachtet, greift er gelegentlich auch zum Stift, bis die neue Tätigkeit eines Tages zum Hobby wird. Mit Hilfe eines Spiegels versucht er sich zu porträtieren. Vielleicht liegt darin seine sorgfältigere Toilette begründet. Fritz belegt einen Zeichenkurs an der Volkshochschule, seit er ihn zufällig an der Schultüre, vor der er kehrte, angekündigt fand. Seine Arbeitskollegen lachen, aber Fritz lernt und übt von dieser Stunde an wie besessen. Er lernt mit dem Verhältnis von Gesicht und Hinterkopf umzugehen, studiert im Spiegel seine Mundpartie, schaut seine Arbeitskollegen genau an und probt am Abend das Vor- und Zurücktreten der Mundpartie, was ihn sogar dazu veranlasst, zum Zahnarzt zu gehen. Mit Hilfe des Zeichenlehrers studiert und probiert er Längenverhältnisse aus. Betrachtet nicht nur die eigenen Nase-Mundverhältnisse, sondern auch die seiner Mitmenschen. Der Lehrer spornt ihn an, und er zeichnet am Wochenende den ganzen Tag. Im Spiegel betrachtet er seinen Kopf frontal, fertigt einfache Strichzeichnungen an. Auch Haare fehlen nicht. Angeleitet, Kiefer und Augenhöhlen einzusetzen, verbringt er seine Freizeit mit Zeichnen. Er tastet Mund, Lippen, Nase und Ohren vor dem Spiegel ab, bevor er sie zu zeichnen vermag. Viel später erst wagt er sie aus der Vorstellung wiederzugeben. Erst nach wochenlangen Übungen gibt er dem Gesicht einen Ausdruck. Er grinst, staunt, lacht den Spiegel an, äußert sich wütend, verstimmt. Fasziniert betrachtet er die Spiegelbilder wie Geschenke. Mit aufgerissenen Augen, spöttisch, höhnisch und vergnügt schaut er aus dem Spiegel und bringt sein Spiegelbild auf Papier. Mit anderen darüber zu reden hat er sich abgewöhnt. Die neue Freizeitbeschäftigung nimmt ihn so in Anspruch, dass er die Beobachtung der Verfolgten vergisst. Als sie an einem sonnigen Nachmittag an ihm vorbeigeht, während er einen bunten Laubberg auf den Wagen lädt, beschließt er, sie von vorne genauer anzuschauen, um sie malen zu können. Sie geht wie immer allein, schlendert langsam am Bach entlang. Fritz legt die Schaufel weg, als hätte er etwas vergessen, um ihr von vorne zu begegnen. Er betrachtet sie so genau, dass ihr das Manöver auffällt, aber er muss sich Gesicht- und Kopf-Verhältnis, Kiefer- und Augenstellung, jede Einzelheit genau einprägen. Die zu groß geratene Nase, die Schrägstellung der Augen fallen auf. Am Abend will er seine Beobachtung aus dem Gedächtnis abrufen, auf das Zeichenblatt bannen. Er freut sich über sein neu erwachtes Interesse. Rolands Verhalten gibt ihm Rätsel auf, denn er scheint oft ein völlig anderer Mensch als am Vortage zu sein. Aus dem wohlerzogenen Sohn wurde ein lauter Neinsager, der sich auch im Elternhaus auflehnt. Da er die „Metamorphose der Dame beobachten, erforschen wollte – das hatte der Vater einem Bekannten erklärt – verunsichert Fritz der Gesichtswechsel des Studenten. Er ist nicht mehr der, der er war, scheint eher der zu sein, der er gerne wäre, der Forscher, der Streiter für eine Idee, einer, der etwas zu sagen hat, während er seine Veränderung bewusst anstrebt. Wenn ihm auch das Geld dazu fehlt, seinem Vorbild, das er glühend beneidet, nachzueifern, so kann er sich doch sein neues Hobby und jedes Jahr eine billige Auslandsreise leisten, für die er spart. Dass auch Roland die Verfolgte malt, verwundert ihn nicht, aber die Perspektive, aus der jener sie betrachtet, lässt ihn staunen. Er bewundert das Bild, nimmt die Gelegenheit wahr, über die Dame zu sprechen, wird gegen seinen Willen zum Komplizen. Während Fritz porträtiert, schaut die Frau, mit Rock und Jacke bekleidet, erstaunt aus dem Bild des Anderen. Der Maler spart nicht mit Rot- und Gelbtönen auf tiefblauem Grund. Dass der, den er den „Straßenkehrer nennt, wenn er von ihm spricht, sein Forschungsobjekt zeichnet, ärgert ihn zuerst, dann benützt er den „Zufall" zu seinem Zweck, als ihn der Protest nicht mehr in Atem hält.

    Behinderten Neugeborenen die Behinderung ersparen war Rolands Ziel, das aber seinem Berufswunsch entgegensteht.

    Aufbrüche werden von Hoffnung eingeholt. „Revolte" nennen es Rolands Eltern.

    Es ist ein Aufstand müder Studenten, die im Kielwasser der Revolte eine Idee realisieren wollen. Euthanasie nennen es die Gegner, aber die Revoltierenden glauben helfen zu können und schwerbehinderten Ungeborenen ein qualvolles Leben zu ersparen. Atemlose Kommentare in der Presse motivieren die Studenten. Die versuchen die Macht der Gegner, auch die der Kirche, abzuschütteln. Ob der Mensch gesund oder schwer behindert auf die Welt kommt, soll nicht der Zufall entscheiden. Sie sagen nein, wie jeder Revoltierende. Die Revolte ist religiös und politisch geladen, das Thema Sprengstoff zu dieser Zeit.

    Roland, der ruhige, angepasste Sohn, kann dem Bedürfnis zu revoltieren nicht widerstehen. Er scheint aus Fritzens Perspektive an der Stelle seines Forschungsobjektes häufig das Gesicht zu wechseln, zwischen dem ernsthaft forschenden, ruhigen Studenten und dem Aggressiven, an der Revolte Beteiligten, während die beiden Damen immer das gleiche Verhalten zeigen, scheinbar nicht beeinflussbar sind. Eine von ihnen sieht er täglich, wenn er arbeitet, am Bach oder Fluss entlang spazieren. Sie geht zügig, wirkt sportlich. Der anderen, der eher elegant Gekleideten, begegnet Fritz oft an Abenden oder Wochenenden in der Stadt vor einer Auslage. Beide sind allein unterwegs.

    Nicht die Damen interessieren Fritz, nein, sein Interesse gilt Rolands Forschungsobjekten. Oft schlendert er hinter ihnen her. Roland malt sie, und Fritz legt seine Zeichnung vor. Der Verfolger beschattet seine Opfer mit und ohne Auto, während Fritz arbeitet. Roland nützt die Gelegenheit, Fritz zum Komplizen zu gewinnen, trägt ihm auf, den Frauen zu folgen, Informationen zu liefern. Er beschreibt den Herrn, den er auf die Dame „ansetzen" will – so nennt es jedenfalls Fritz. Roland hofft, dass das Opfer Gesicht und Einstellung ändert. Verhaltensforschung betreibt er.

    Dass der Herr mit einer Dame ankommt, ehe sich ihre Wege trennen, wundert nur Fritz. Roland kennt die Beiden. Ihre Absprache bleibt geheim.

    Fritz versteht lange nicht, was er beobachten soll, aber er folgt dem Unbekannten.

    Ein Samstag ist es, ein dienstfreier Tag, und er nimmt sich Zeit. Roland hat ihm gönnerhaft einen Geldschein in die Tasche gesteckt, ihn bereits für seinen Dienst entlohnt. Die Erfüllung des Auftrages bereitet Fritz Freude, Spaß. Zuerst folgt seiner Bespitzelung Enttäuschung. Er kann nichts Außergewöhnliches beobachten. Der unbekannte Herr spricht die Dame an. Sie erteilt Auskunft. Er möchte wissen, ob sie täglich diesen Weg geht. „Oft, sagt sie, „aber nicht immer so weit. Es sind Spaziergänge. Er geht ein Stück des Weges neben ihr her, biegt dann, auf ihre Anweisung hin, ab. Als Fritz eine Woche später Beiden zur selben Zeit begegnet, gehen sie nebeneinander, als gingen sie spazieren. Am dritten Samstag aber erscheint der Herr umsonst. Die Dame ändert den Zeitpunkt für ihren Ausflug. Das geschieht auch in den folgenden Wochen. „Man merkt die Absicht und ist verstimmt, sagt Roland und ärgert sich während die „Sturheit der Frau, so Roland, Fritz amüsiert. „Sie will nicht", bemerkt er. Die andere der Damen scheint sich anders verhalten zu haben.

    „Angebissen?, fragt Fritz. „Warum lässt sie sich nicht beeinflussen?, fragt Roland. Der Herr spielt die vorgeschriebene Szene offensichtlich mit. Fritz ist stolz, dass ihn der Sohn des Hauses in seine Forschungsarbeit einweiht.

    An den folgenden Samstagen sieht Fritz die Verfolgte zu veränderten Zeiten spazieren gehen. Er sieht sie kommen und in Richtung Fluss gehen. Dann bleibt der Herr aus. Er scheint zu begreifen, dass er unerwünscht ist. Fritz erstattet genau Bericht, und der Forscher schüttelt den Kopf.

    Ihr Verhalten erscheint ihm nebulos, da auch der andere Versuch scheitert. Diesmal ist es eine weibliche Person, die mit der Dame spazieren geht.

    Sie soll ihr Handy und Internet „gegen die Einsamkeit schmackhaft machen, sie zum Kauf anregen, aber die Dame fühlt sich nicht einsam, ist froh, allein leben zu können. Handy und Internet lehnt sie ab. Roland stöhnt: „Sie widerlegt meine Ergebnisse ständig, und Fritz erlaubt sich, naiv zu fragen. „Kommt man nicht durch solche Tiefschläge auf die Fehler? Nein, Roland will nicht Fehler, er will Übereinstimmung sehen. Er murmelt nur „Große Stichprobe, aber das versteht sein Partner nicht.

    Er streckt sich, fährt mit der Hand durch sein kurzgeschnittenes braunes Haar, ohne seine Frisur in Unordnung zu bringen. Roland redet scheinbar an ihm vorbei über die Person, die er unter anderen auswählte. Offensichtlich spezialisiert er sich auf die Damenwelt. Fritz beschränkt sich auf Nicken und Kopfschütteln, obwohl er dessen Gedankengang kaum folgen kann. Sein Interesse ist wach, und er konzentriert sich, aber er versteht nicht, warum der „Forscher seinen Opfern die eigene Vorstellung aufzwingen will. Viele Damen – es handelt sich weitgehend um ältere Menschen, die ihren Partner verloren und allein leben – fühlen sich, den Aussagen nach, einsam oder alleingelassen. Ob weitere Damen unerwünscht reagieren, weiß Fritz nicht. Er kennt nur die Beiden am Ort, die, die Rolands Behauptungen widerlegt. „Die interessiert der nicht und die Veranstaltung auch nicht, stellt Fritz fest. Inzwischen wissen Beide, dass sie die Einladung zu einem Gartenfest, bei dem Kinder tanzen und singen, unbeachtet lässt. Sie besorgte sich keine Eintrittskarte.

    Er hat dem Eingeweihten nie die medikamentöse Beeinflussung erläutert. Er soll ihm nur Informationen liefern. Warum auch der junge „Forscher das Gesicht wechselt und gelegentlich zum Revoltierenden wird, kann sich Fritz noch weniger erklären. Er scheint oft nicht der zu sein, der er war, wirkt nervös, ungeduldig, schreckhaft. Fritz, zu schweigen verpflichtet, verdächtigt ihn im Geheimen eines „schlechten Gewissens.

    Etwas Dunkles liegt auf Rolands Seele. Er hat es selbst bemerkt, dass Witz und Humor in seinen Gesprächen keinen Anlauf mehr finden. Eine seltsame Ungeduld verschattet seine Züge.

    Einseitig zielen seine Experimente auf Übereinstimmung, auf Bestätigung seiner Thesen. Mit dem Zeigefinger wischt er sich den Ärger aus der Stirne, eine Gewohnheit, die Fritz längst beobachtet hat. Er ordnet sie seiner neuen Rolle zu.

    Ein Tiefausläufer hängt über dem Hausberg. Der kleine untätige Vulkan kündet ein Unwetter an.

    Die Arbeitskollegen wundern sich über die Schweigsamkeit des Kameraden, aber Fritz hat sich beim Laub-Kehren und Pflanzen der Blumen, die der Jahreszeit entsprechen, das Beobachten der Außenwelt angewöhnt. Er glaubt, bei der Arbeit alles zu sehen und zu hören. Der Herr aber, der die Dame auf ihren Spaziergängen begleiten sollte, fällt aus seinem Blick.

    Als er ihn Wochen später mit einer anderen Dame im Gespräch sieht, verlegt er kurzfristig den Arbeitsplatz und kehrt in der Nähe. Das Gespräch aber rudert auf seichter Unterhaltung über Wetter und Fernsehprogramm. Mit keinem Wort berührt er sein Missgeschick. Aus müdem Gerede dann plötzlich der ironische Ton: „Glücklich, wer allein ist, fit und gesund." Fritz begreift: Seit Roland ihm Aufträge erteilt, sieht er mehr als bisher, nimmt Einzelheiten wahr, verknüpft und versteht weit besser als je zuvor. Auf seinen Zeichenkurs freut er sich immer. Auch er verhilft zu genauem Beobachten.

    Im Verborgenen zeichnet er Roland mit zwei Gesichtern.

    Wenn der Tag einschläft, greift er zum Stift. Seichte Unterhaltung reizt ihn lange nicht mehr.

    Er sitzt am Fenster, während um diese Zeit Rolands Auto-Scheinwerfer das Licht aus dem Vorhof zieht.

    Ihn hat er besonders genau beobachtet, glaubt es zu sehen, wie er sich hinter der Stirne auf Argumente vorbereitet, wie seine Gedanken arbeiten, bevor oft der Vater kommt, Fragen stellt, die er nicht immer beantworten will oder kann. Dass er brutal in die Welt der Dame einbricht, ihr seine Vorstellung aufzwingen, sie seinen wissenschaftlichen Ergebnissen anpassen will, wirft er ihm vor. Es gelingt nicht. Die Dame lässt sich nicht beeinflussen, fällt aus dem Rahmen, weil sie sich nicht

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