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Reifegrad 3: Ein Business-Roman über leistungsstarke Produktentstehung im Mittelstand

Reifegrad 3: Ein Business-Roman über leistungsstarke Produktentstehung im Mittelstand

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Reifegrad 3: Ein Business-Roman über leistungsstarke Produktentstehung im Mittelstand

Länge:
318 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Dez. 2017
ISBN:
9783947142002
Format:
Buch

Beschreibung

"Sie sind ein mittelständisches Industrieunternehmen. Sie sind erfolgreich. Sie wachsen. Sie müssen die Effizienz Ihrer Produktentstehung steigern."

Henrik Van Weyden ist Bereichsleiter Entwicklung der Luga Spezialmaschinenbau AG. Der neue CEO verlangt, die F&E-Quote und die Entwicklungsdauer drastisch zu verringern. Dabei ist die Entwicklung ohnehin schon unter Druck. Wie soll er das schaffen? Er hat nicht die leiseste Ahnung, bis zu einer kurzen Begegnung mit Wolf Reichenbach. Der versteht offenbar eine Menge von Produktentstehung und gibt ihm einen zunächst rätselhaften Hinweis: die Luga müsse ein Reifegrad-3-Unternehmen werden. Reifegrad 3 – was heißt das? Wer ist der Mann? Ist er der Schlüssel zur Problemlösung? Van Weydens Bauchgefühl sagt: Ja …

Dieser Business-Roman thematisiert typische Herausforderungen der Produktentstehung, vor denen mittelständische Industrieunternehmen im globalen Wettbewerb stehen – egal ob Maschinenbau-, Automotive- oder Elektronikunternehmen. Effizienz in der Produktentstehung setzt voraus, dass alle Fachbereiche interdisziplinär von Anfang an eng zusammenarbeiten. Dazu müssen sich funktional aufgestellte Unternehmen zu prozessorientierten Matrixorganisationen wandeln. Plattform- und Modulstrategien sind umzusetzen; neue Prozesse für Portfoliomanagement, Vorentwicklung, Produktentstehung und Projektmanagement müssen greifen und agile Entwicklungsmethoden wie Scrum und Kanban auch für Hardwareentwicklung zum Einsatz kommen.
Wie sieht ein Veränderungsprozess aus, der F&E nachweisbar leistungsstärker macht? Wie lassen sich Entwicklungsdauer und -kosten signifikant und dauerhaft verringern, ohne dass Innovationskraft und Qualität darunter leiden? Welche Schritte erfordert der Transformationsprozess? Der unterhaltsame Roman "Reifegrad 3" – erzählt aus der Perspektive des liebenswerten und etwas skurrilen Entwicklungsleiters Henrik Van Weyden – liefert Antworten auf diese aktuellen Management-Fragen.
Herausgeber:
Freigegeben:
5. Dez. 2017
ISBN:
9783947142002
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Reifegrad 3 - Dirk Meißner

ist.

1

Die Quadratur des Kreises?

1

Ich schließe das Fenster. Im Blick das neue Gebäude, also relativ neu, meine ich. Wir nennen es das neue Gebäude. „Das neue Gebäude sagen wir, wenn wir über das Ding reden. Ist so eine Art Eigenname. Ein schnörkelloses Bauwerk, so viel ist klar. Ein Blickfang aus Glas und Metall, wenn man so will. „Eine kompromisslose Kombination aus Glas-, Stahl- und Aluminiumelementen, sagte der Architekt seinerzeit zu mir. Oder so was in der Art jedenfalls. Ein ganz bekannter Mann, hab ich mir sagen lassen. Ein Sternearchitekt sozusagen. Ist die Glas- und Stahlkonstruktion schön? Ich weiß nicht so recht. Eher nicht, würde ich sagen. Aber von Architektur, Ästhetik und so was verstehe ich nichts, das gebe ich offen zu. Da bricht mir auch kein Zinken aus der Reichskrone, ganz ehrlich. Du kannst nicht von allem Ahnung haben. Das ist meine Meinung.

Vor genau hundert Tagen hat er drüben sein Büro bezogen. Ich sehe Glas, ich sehe Stahl, ihn natürlich nicht. Aber er ist jetzt sicher schon da. Er sitzt oder steht. Vielleicht geht er auch hin und her. Oder nur hin oder nur her. Was weiß ich. Im Kiton-Anzug tut er das, was er tut. Das steht fest oder ist zumindest sehr wahrscheinlich. Um die vier- bis fünftausend Euro kostet so ein Anzug. Tatsache! Also, wenn Dieter Braun nicht übertrieben hat. Ich habe das nicht eigens überprüft. Mit italienischer Designerkleidung kenne ich mich nicht aus. So was interessiert mich nicht die Bohne. Kiton Napoli ist seine Marke, sagt Dieter Braun. Also nicht die Marke von Dieter Braun, sondern die von Tom Willer, das meine ich. Dieter ist der Bereichsleiter Marketing. Dieter Braun. Mit dem verstehe ich mich gut. Er hat sein Büro auch drüben. Ein Stockwerk tiefer als der Neue.

Kiton Napoli. Feinstes italienisches Tuch, sagt Dieter. Pure Eleganz in Reinkultur, sagt er. Ich habe gestern mal das Firmenmotto gegoogelt: meglio del meglio, più uno – Das Beste vom Besten plus eins. Der neue CEO – ein Kiton-Mann. Das Beste vom Besten plus eins. Soso!

Vorstandsvorsitzender hätte man früher gesagt. Der Ausdruck ist aus der Mode gekommen. CEO sagt man heute. Chief Executive Officer. Englisch ist das. Gut, das ist eigentlich klar, muss man nicht unbedingt dazu sagen. Englisch kann heute ja praktisch jeder. Si-I-O spricht man die Abkürzung aus. Der Angelsachse sagt I, wenn er E meint, aber Ei, wenn er I meint. Und das C spricht er, wie gesagt, auch merkwürdig aus. Das ist quasi eine angelsächsische Konvention. Die musst du einfach hinnehmen. Einen logischen Grund dafür kann ich nicht erkennen. Si-I-O sagt man. Hätte früher hier keiner gesagt. Niemand hätte CEO gesagt, im Leben nicht. Aber Zeiten ändern sich, so ist das eben. Tom Willner, der Mann mit den feinen italienischen Anzügen. Er ist jetzt unser Leader. CEO der Luga Spezialmaschinenbau AG.

Ich muss mich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, erst noch daran gewöhnen, dass Willner jetzt unser Häuptling ist … unser … unser Sitting Bull, um es bildlich auszudrücken. Oder unser Winnetou oder wie auch immer … Der Haas, das war ein Vorstandsvorsitzender nach meinem Geschmack. Hans-Dieter Haas. Schon lange tot. Aber das ist eine andere Geschichte … Tom Willner ist ein echtes Alphatier, ein … ein … Charismatiker, sagt Dieter Braun. Morgen hält er seine große Rede. Also nicht Dieter Braun. Willner meine ich. Ich bin gespannt.

Nein, gespannt ist eigentlich nicht das richtige Wort. Ich bin schon ein bisschen nervös, wenn ich ehrlich bin. In meiner Jugend dachte ich, dass man nicht mehr nervös wird, wenn man die Vierzig überschritten hat. Dann bist du ja gewissermaßen schon auf allen Weltmeeren gesegelt und mit allen Wassern gewaschen. Nichts und niemand kann dich mehr aus der Ruhe bringen, dachte ich. Stimmt aber nicht, stelle ich fest.

Ich bin vorletzten Monat Achtundvierzig geworden. Sieht man mir aber nicht an. Ich könnte glatt für Siebenundvierzig durchgehen … kleines Späßchen. Ein kleiner Schabernack hier und da muss erlaubt sein, finde ich … Nein, im Ernst, ich habe mich vergleichsweise gut gehalten. Achtundvierzig Jahre, ja, ja … in zwei Jahren bin ich schon Fünfzig, ich darf gar nicht dran denken. Und in fünfzig Jahren habe ich meinen achtundneunzigsten Geburtstag schon seit zwei Monaten hinter mir. Großer Gott, wo ist nur die Zeit geblieben.

Achtundvierzig Lenze und ich bin nervös. Nicht wegen der Rede. Nein. Die interessiert mich im Grunde gar nicht. Eine Sonntagsrede, vermute ich. ‚Unsere Mitarbeiter sind das größte Kapital der Luga Spezialmaschinenbau AG …‘ so in dem Stil. Die große Rede des Tom Willner. Seit hundert Tagen in Amt und Würden. Ich habe eigentlich Besseres zu tun, als mir Reden anzuhören. Aber ich muss da hin. Die anderen Bereichsleiter kommen auch. Dieter Braun aus dem Marketing, Schmidtke aus dem Einkauf, Dietmar Lauser-König, der leitet das Produktmanagement, der Bereichsleiter Qualitätsmanagement, ich wie gesagt und so weiter und so fort. FiBu, Controlling, Vertrieb. Auch die erste Führungsebene wird natürlich da sein. Aber auch meine Leute werden kommen, meine Abteilungsleiter und meine Teamleiter. Selbstverständlich nicht nur meine. Die Entwicklung ist wichtig, keine Frage, aber sie ist nicht alles. Auch die Abteilungsund Teamleiter der anderen Bereiche sind eingeladen, logisch. Die Projektleiter, die mir zugeordnet sind, kommen auch. Großes Publikum für Tom Willner.

Nein, nicht diese Rede macht mir Sorgen. Aber sie ist ein Anzeichen. Ein Indiz würde ein Rechtsanwalt sagen, John Grisham oder so. Eine Rede vor großem Publikum ist ein Wink. Eine Spur würde sie der Kriminalist nennen, Philip Marlowe, Columbo oder Sam Spade oder so. Ich kann diese Spur lesen. Sie sagt mir, dass etwas im Busch ist. Alles muss anders werden. Schneller, höher, weiter. So was in der Art. Mache ich mich verständlich? Die Rede ist ein Fingerzeig. Ein Indikator, wie Tom Willner sagen würde. Danach könnte es heikel werden.

Einzelgespräche im Büro des Vorstandsvorsitzenden im Anschluss an die Rede. Das macht mich nervös. Ich face to face mit dem Chief Executive Officer. Tom Willner, CEO, und Henrik Van Weyden, Bereichsleiter Entwicklung. Ein Vieraugengespräch. Ich habe ein mulmiges Gefühl. Die Entwicklung ist ohnehin schon unter Druck. Ziemlich unter Druck. Einen Extra-Hammer von Tom Willner kann ich gar nicht gebrauchen.

Aber so wird es vermutlich kommen. Ich bin gut in Prognosen. Wahrscheinlichkeiten abschätzen kann ich. Im Leben geht es immer um Wahrscheinlichkeiten. Und natürlich um Probleme – Probleme und Lösungen. ‚All life is problem solving‘, sagt der Philosoph Sir Karl Popper. Ich weiß das von meinem Sohn Paul, der hat Philosophie Leistungskurs. Physik oder Mathematik wären mir lieber gewesen. Man denkt ja immer, die Apfelsine fällt nicht weit vom Stamm. Aber er hat Philosophie gewählt. Und Erdkunde. Ich habe Erdkunde früher gehasst. Die erste Fünf, die ich geschrieben habe, war in einer Erdkundearbeit. In der 7. Klasse war das. 7 b. Drüben, am Niels-Bohr-Gymnasium. Von hier fußläufig zu erreichen. Die Kieselstraße runter und unten beim Edeka rechts in die … wie heißt die noch gleich …? Na, spielt auch keine Rolle … Erdkunde, da wird doch der Schäferhund auf der Herdplatte verrückt. Aber mein Sohnemann hat halt seinen eigenen Kopf. Er wird schon sehen, was er davon hat. Philosophie und Erdkunde, ich habe dafür kein Verständnis, sage ich ganz ehrlich. Nur, was willst du machen? Erdkunde und Philosophie. Meine Welt ist das nicht. Ich habe Maschinenbau an der TH Darmstadt studiert.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Tom Willner morgen den großen Hammer auspackt, liegt, würde ich sagen, bei ungefähr 85 Prozent. Subjektive Schätzung. Plus/ minus 3 Prozent. So in dem Dreh. Wahrscheinlich habe ich also morgen ein weiteres Problem an der Backe, das ich lösen darf.

2

Ich schaue auf meine Armbanduhr. Verdammt, schon Viertel vor acht, gleich ist es mit der Ruhe vorbei. Ich muss noch schnell meine E-Mails überfliegen. Ich setze mich vor meinen guten alten Hewlett-Packard. Immer noch ein gutes Gerät, wie ich finde. Ein Klick und ich bin im Posteingang. Was, so viele? 142 neue Mails? Nein, das geht so nicht, das ist eindeutig zu viel. Also beim besten Willen. Das muss sich ändern. Nein, Frau Kronenberg, das gefällt mir nicht. Ich werde sie am besten gleich darauf ansprechen. In zehn Minuten oder so wird sie da sein. Hoffentlich vergesse ich es nicht. So geht das wirklich nicht. Sie muss besser ausfiltern, das habe ich ihr doch gesagt, oder? Ich bin mir nicht sicher. Gut, sie ist erst zweieinhalb Monate meine Assistentin, aber trotzdem, das muss sie besser hinkriegen.

Es klopft. Ich gehe zur Tür, dabei fällt mein Blick auf den alten, rotbraunen Linoleum-Fußboden. Matt und ziemlich zerkratzt, denke ich. Aber eigentlich finde ich ihn ganz schön. Er müsste bloß mal gründlich gereinigt und mit dem Tellerschleifer abgeschliffen werden. Dann noch eine 2k-Versiegelung und das alte Schätzchen ist wieder wie neu.

„Herein, wenn’s kein Maßschneider ist", sage ich, als ich die Tür öffne.

„Störe ich?"

„Nein, passt schon, kommen Sie rein, Herr Krömer. Ich dachte nur gerade, der Linoleumboden müsste mal aufgearbeitet werden."

„Yep! Grundreinigung. Dann mit dem Tellerschleifer drüber. 2k-Versiegelung drauf und fertig ist die Laube."

„Sehe ich genauso. Was kann ich für Sie tun, Herr Krömer? Setzen Sie sich."

„Danke. Ich wollte mit Ihnen kurz über das PLM-Lastenheft sprechen. Wir sollten damit jetzt mal anfangen, würde ich vorschlagen."

„Wir? Sie! Lastenheft – das ist Ihre Aufgabe."

„Ja, Herr Van Weyden, ich weiß. Aber eigentlich hab ich gar keine Zeit dafür.

Ich muss dringend …"

„Ja, ja, ich weiß. Hab ich alles auf dem Schirm. Aber mit dem Lastenheft müssen wir jetzt beginnen. Haben Sie ja selbst gesagt. Sie kennen meine Einstellung dazu. Ich sage, es muss schon vor der Longlist fertig sein."

„Die einen sagen so, die andern so."

„Papperlapapp. Vor der Longlist! Und zwar bereits in der Langfassung. Dann kürzen. Zack! Longlist erstellen. Kurzversion an alle Anbieter schicken. Bewährte Vorgehensweise."

„Ja, ich weiß. Und die Langfassung dann für die Shortlist."

„Richtig. Und wenn wir das hinkriegen wollen …"

„Ja, klar, genau deshalb sprech ich’s ja an, Herr Van Weyden. Ich hab mit dem Mirko Mettmann aus der IT gesprochen. Der würd’s machen. Er ist zwar erst sechsundzwanzig, aber …"

„Ist er nicht noch ein bisschen grün hinter den Ohren?"

„Glaube ich eigentlich nicht. Wie gesagt, der würd’s machen. Und ich wollte jetzt im Grunde genommen nur fragen, ob Sie damit einverstanden sind."

„Der will’s machen? Weil er am leisesten Nein geschrien hat? Oder warum hat der jetzt die Kappe auf? Oder ist Lastenheft seine große Leidenschaft? Kriegt er das hin?"

„Ich würde sagen, ja, kriegt er hin. Hat er zwar noch nie gemacht, aber ich halte den für gut. Ein kluger Kerl. Der wird das vernünftig machen, da bin ich mir eigentlich sicher. Der Mettmann wird liefern, Herr Van Weyden."

„Sie sind ein guter Mann, Herr Krömer. Ich weiß das. Und Sie wissen, dass ich das weiß. Und ich weiß, dass Sie wissen, dass ich das weiß. Und so weiter und so fort. Sie werden diesen Mett … Wie heißt er?"

„Mettmann. Mirko Mettmann."

„Sie werden den also schon richtig beurteilt haben. Und will er das auch wirklich?"

„Na ja, er ist jedenfalls bereit, das Ding zu schreiben. Der fuchst sich da schon rein, da bin ich mir sicher. Aber er hat es eben noch nie gemacht. Ich hab ihm gesagt, er soll sich ein gutes Lastenheft-Template aus dem Internet …"

„Und fertig ist die Laube oder wie? Nein, Herr Krömer, keine gute Idee. Nichts gegen Templates, aber …"

Mein iPhone klingelt. Dieter Braun. Einer aus der Peer Group. Der Mann, von dem ich weiß, dass Tom Willner Kiton-Anzüge trägt. „Wir reden später weiter, sage ich zu Herrn Krömer. Er nickt, steht auf, murmelt „alles klar und geht.

„Hallo Dieter, was kann ich gegen dich tun?"

„Grüß dich Henrik. Bin gerade im Auto unterwegs. Heidelberger Landstraße. Höhe ‚La Paloma Bar‘ …"

„‚Seemanns Braut ist die See. La Paloma ade‘ …"

„Ähm, ja, weswegen ich anrufe, ich würd gern heute Mittag mit dem Bereichsleiter Entwicklung was schnabulieren. Wir wär’s mit unserem Lieblingsthai?"

„Nein Dieter, geht nicht. Tut mir leid. Keine Zeit. Die Entwicklung muss heute durchgehend Probleme lösen."

„Lunch is for losers, oder wie?"

„Geht echt nicht. Ich lass mir später was bringen."

„Lieferservice. Okay, dann nicht, gehe ich eben alleine. Wie wird das morgen? Einzelgespräch mit Tom Willner. Was meinst du? Vielleicht verdoppelt er ja mein Marketingbudget."

„Das ist wahrscheinlich ziemlich unwahrscheinlich, wenn ich mich nicht irre."

„Wahrscheinlich unwahrscheinlich. Gut, aber was wird er von uns wollen, Henrik?"

„Das wird sich morgen rausstellen. Einsparungen. Was weiß ich. Schneller, höher, weiter. So in der Art … alles muss anders werden …"

„Was heißt das?"

„Dass alles anders werden muss."

„Ach. Keine positive Idee im Kopf, Henrik?"

„Nein, ich hab schon nachgesehen."

„Echt? Du meinst, morgen wird kein guter Tag?"

„Ja, genau das meine ich. Kein guter Tag für uns, Dieter."

„Sicher, Henrik?"

„Nein, aber ich halte diese Vorhersage für unwahrscheinlich wahrscheinlich."

„Henrik, du Pessimist. Ihr Pessimisten könnt in den schillerndsten Farben schwarzmalen."

„Pessimisten sind Optimisten, die nachgedacht haben. Dieter, du weißt, ich bin gut mit Prognosen. Meistens liege ich richtig."

„Morgen wissen wir’s."

„Richtig, Dieter. Gung Schub Päng Thod oder Ped Phat King?"

„Wie?"

„Bei Jacky Woo. ‚Essen wie in Thailand!‘ Die 67 oder die 68? Was bestellst du?"

„Ach so, beim Thai. Mmh, die 68. Ja, ich glaube, ich nehm heute die 68."

„Ped Phat King. Mist, ich hatte auf Gung Schub Päng Thod getippt. Manchmal liege ich auch daneben."

„Tom Willner will nur unser Bestes, Henrik."

„Ja. Das Beste vom Besten plus eins."

3

Vier Uhr morgens. Ich sitze am Küchentisch und nippe an einem bitteren Espresso. Ich konnte nicht mehr schlafen. Senile Bettflucht würde mein Sohn sagen, wenn er mich jetzt sehen könnte. Ein frecher Kerl ist das. Aber er schläft um diese Zeit natürlich, genau wie meine Frau. Meine Tochter selbstverständlich auch und das sicherlich noch eine ganze Weile. Sie hat heute die ersten beiden Stunden frei. Aber, wer weiß, vielleicht ist sie ja auch bereits wach und denkt an Samstag. Da hat sie ein wichtiges Spiel und ist deshalb schon ganz aufgeregt. Fußballprofi will sie später werden, sagt sie. Warten wir’s mal ab. Sie ist noch in der Grundschule.

Um 14 Uhr beginnt die Rede. Anderthalb Stunden später wird’s dann ernst. Tom Willner und Henrik Van Weyden. Ich bin als Erster dran. Wilhelm gähnt. Er sitzt neben mir. Wilhelm sieht aus wie Grumpy Cat, nur nicht so übellaunig. Grumpy Cat in freundlich quasi. Ich liebe Wilhelm sehr, obwohl er manchmal mit der Pfote nach mir schlägt. Wie aus heiterem Himmel. Peng. Krallen ausgefahren. Das kann richtig wehtun. Aber ich bin Wilhelm nie böse. Gerade fängt er an zu schnurren. Ich mag dieses Geräusch, es hat etwas Beruhigendes, finde ich.

Jetzt springt er auf den Tisch und schubst dabei ein Buch hinunter. „Nicht auf den Tisch, Wilhelm, sage ich in strengem Ton. Er schaut mich an und gähnt. Natürlich rührt er sich nicht vom Fleck. Ach, was soll’s, denke ich, und hebe das Buch wieder auf. Kinky Friedman. „Kill Two Birds & Get Stoned: A Novel. Sagt mir nichts. Muss von meinem Sohn sein. Hat er Erdkunde durch Englisch Leistungskurs ersetzt? Ich werde ihn heute Abend mal fragen.

„Weißt du, warum ich nervös bin?, frage ich Wilhelm. Die Katze sagt natürlich nichts. „Ich bin nervös, weil ich heute ein Vieraugengespräch mit Tom Willner habe. Wilhelm schließt die Augen. „Weißt du, wer das ist?, frage ich. Auch das eine rhetorische Frage. Woher soll das Tier das wissen? Aber ich unterhalte mich einfach gern mit Wilhelm. „Ich sag’s dir, sage ich zu ihm. „Tom Willner, mein lieber Wilhelm, ist unser neuer Oberboss. Der Superentscheider, wenn du so willst. CEO sagt man. Ein harter Hund, nach allem was ich gehört habe. Ich kann ihn ehrlich gesagt nicht richtig einschätzen. Bisher hatte ich nämlich noch nicht sonderlich viel mit ihm zu tun. Er ist erst seit hundert Tagen unser Leader."

Ich trinke ein Schlückchen Espresso. Es ist lauwarm. Gibt Schlimmeres, sage ich mir. „Weißt du was mehrachsige Multitasking-Maschinen sind?, frage ich Wilhelm. Er gähnt. „Ist jetzt vielleicht auch nicht so wichtig, sage ich. „Tom Willner ist das Thema. Der ist wichtig. Der Mann hat Erfolge vorzuweisen. Nur die wichtigsten Stationen jetzt. Wilhelm dreht den Kopf weg. „Hör zu, wenn ich mit dir rede, sage ich in einem gespielt ärgerlichen Tonfall. Wilhelm schaut mich wieder an. „Ich mach’s kurz. Tom Willner. Karrierestationen. Werksleiter war er zum Beispiel. Bei einem großen OEM. Also ein Fürst, Wilhelm. Schon in jungen Jahren. Das schafft nicht jeder. Du schon gar nicht, Wilhelm. Dann COO. Chef aller Werksleiter. Werke auf der ganzen Welt. Dortmund, Augsburg, Bratislava, Mexiko, Brasilien, China, Indien – schlag mich tot. Jetzt CEO bei der Luga Spezialmaschinenbau AG. CEO, Wilhelm. Chief Executive Officer. Der Mann ist Zweiundvierzig, also sechs Jahre jünger als ich. Und CEO. Wilhelm schnurrt. „Steile Karriere. Und seine Werke hat er alle auf Vordermann gebracht. Der Mann kann führen. Das kann ich dir sagen. Und das musst du anerkennen. Neidlos anerkennen. Neid ist unsere Sache nicht, Wilhelm. Vor Leistung haben wir Respekt, gell Wilhelm.

Wilhelm gähnt. Dann springt er vom Tisch und läuft in den Flur.

4

Den Anfang der Rede kriege ich gar nicht mit. Ich achte nur auf den Anzug, den Tom Willner trägt. Ein Einreiher mit zwei Knöpfen. Ich finde ja drei Knöpfe besser. Aber das ist Geschmackssache. Die Edelkluft ist dunkelgrau und hat dunkelrote Nadelstreifen. Ein feines, zeitloses Stöffchen, das steht außer Frage. Aber wieso, frage ich mich, muss man dafür so viele Scheine hinblättern? Vier-bis fünftausend Euro, sagt Dieter Braun. Und Dieter kennt sich mit Klamotten aus. Ich wusste gar nicht, dass Anziehsachen so teuer sein können. Ist doch nur ein Anzug.

Ich trage natürlich auch einen Anzug. Er besteht zu 100 Prozent aus Schurwolle. Also vom Innenfutter und den Knöpfen abgesehen, meine ich. Reine Schurwolle. „Boss steht innen auf dem Etikett. War vergleichsweise günstig. Es ist ein grauer Zweireiher ohne Nadelstreifen. Aber rote Nadelstreifen können doch nicht so teuer sein. Ich kaufe meine Business-Anzüge bei Peek & Cloppenburg. Meistens Boss. Die sind tadellos im Stoff. Der Zweireiher, den ich heute trage, Modell Don Corleone, schließt mit einem Knopf. Eine Al-Capone-Joppe besitze sich übrigens auch. Wenn ich Anzugdesigner wäre, würde ich eine Machine-Gun-Kelly-Kollektion entwerfen. George „Machine Gun Kelly ist mein Lieblingsgangster. Der Mann entstammte einer wohlhabenden Familie aus Memphis. Geboren ist er aber in Chicago. Memphis, im äußersten Südwesten von Tennessee. Am Ostufer des Mississippi River gelegen. Memphis. In den USA liegt das. Mississippi. Das ist da, wo Tom Sawyer und Huckleberry Finn mit Floß … aber das ist eine andere Geschichte. Mein Don-Corleone-Zweireiher ist das Thema. Hinten hat er einen wunderschönen doppelten Gehschlitz. Und er war sogar im Preis deutlich herabgesetzt. Meiner Frau, muss ich dazu sagen, gefällt er überhaupt nicht. Das Ding sei altbacken, sagt sie, Zweireiher wären aus der Mode. Ich finde, Klassiker kann man immer tragen. Bei einem Modell, das Don Corleone heißt, kannst du nichts verkehrt machen. Das ist meine Meinung.

Ich sitze neben Dieter und stoße ihn mit dem Ellenbogen an.

„Warum ist sein Herrenkostüm so schweineteuer?", flüstere ich.

„Weil es saugut ist", sagt Dieter.

„Kann die Edeltracht was Besonderes?", frage ich.

„Wie? Was Besonderes? Klavier spielen kann das Ding nicht. Ist ein Anzug."

„Völlig unmusikalisch, sagst du. Kann der Anzug was anderes?"

„Nein, kann er nicht", sagt Dieter.

„Und wieso ist das Gewand dann so teuer?", frage ich.

„Feinster italienischer Stoff. Alle Knopflöcher sind von Hand genäht", flüstert Dieter. Was für eine Zeitverschwendung, denke ich.

„Und durchknöpfbare Manschetten hat er. Echte Handstichnähte innen und außen."

„Ist das alles?", frage ich.

„Schneidernaht am Revers, sagt Dieter. „Und pikierte Einlagen im Frontbereich.

Für mich sind das böhmische Dörfer. Ich konzentriere mich auf die Rede von Tom Willner.

Der große Naturforscher Charles Darwin hat uns gelehrt, dass Flora und Fauna stetigem Wandel unterworfen sind. Arten entstehen, sie verändern sich, passen sich an die oftmals schroffen Gegebenheiten an – oder aber sie vergehen. Was auf die Natur zutrifft, gilt auch für soziale Gefüge wie Gemeinwesen,

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