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Die Söhne des Scheiks: Auf der Suche nach Marah Durimeh, Reiseerzählung

Die Söhne des Scheiks: Auf der Suche nach Marah Durimeh, Reiseerzählung

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Die Söhne des Scheiks: Auf der Suche nach Marah Durimeh, Reiseerzählung

Länge:
750 Seiten
10 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
21. Sept. 2017
ISBN:
9783780216267
Format:
Buch

Beschreibung

Franz Kandolfs in den 1930er-Jahren entstandene spannende Karl-May-Pastiche knüpft inhaltlich an Ereignisse aus den Bänden 2 und 3 der Gesammelten Werke an, "Durchs wilde Kurdistan" und "Von Bagdad nach Stambul".

Die geheimnisvolle Marah Durimeh schickt Brief und Amulett an Kara Ben Nemsi mit der Bitte, sich des Ssali Ben Aquil anzunehmen. Diese Gestalt, die im Werk Karl Mays eigentlich eine Nebenfigur ist, wird von Kandolf nun in den Mittelpunkt seiner Fortsetzungsgeschichte gerückt. Die zwei Söhne eines kurdischen Scheiks sind vom rachsüchtigen und goldgierigen Sekmet Beg entführt worden. Kara Ben Nemsi macht sich zusammen mit seinen Gefährten Hadschi Halef Omar, dessen Sohn Kara Ben Halef und Sir David Lindsay auf die Suche nach den beiden Kindern.

Mit einem erläuternden Nachwort von Prof. Dr. Christoph F. Lorenz.
Herausgeber:
Freigegeben:
21. Sept. 2017
ISBN:
9783780216267
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Söhne des Scheiks - Franz Kandolf

Einleitung

„…und wen ich da oben auf dem Felsen fand?"

Viele Personen sind mir auf meinen Reisen begegnet, die einen starken Eindruck hinterlassen haben, wenige dagegen, bei denen dieser Eindruck so nachhaltig war wie bei Ssali Ben Aqil.

Meine Leser wissen, wo ich diesen merkwürdigen Mann zum ersten Mal traf. Es war in dem kleinen Ort Khoi, nahe der persischen Grenze. Sein erstes Auftreten gegen mich und meinen Freund Hadschi Halef Omar war indes ein äußerst feindseliges – er trachtete uns nach dem Leben. Die Geschehnisse brachten es aber im Lauf von wenigen Stunden mit sich, dass sein Hass sich in Dankbarkeit, ja in Freundschaft verwandelte und dass der fanatische mohammedanische Theologe schließlich von mir, dem verachteten und gehassten Christen, mit einem Gefühl des Bedauerns schied. Ich habe von dieser ersten Begegnung in Band III meiner Reiseerzählung Im Lande des Mahdi erzählt.

Nach Jahren sollte er in einer Gegend, wo ich ihn am wenigsten erwartet hätte, zum zweiten Mal meinen Weg kreuzen. Die Verfolgung des berüchtigten Sklavenjägers Ibn Asl hatte mich bis in den tiefsten Sudan hineingeführt. Auf der Rückkehr, und zwar in der Nähe der Insel Aba, wo der Derwisch Mohammed Achmed auf den Zeitpunkt seiner ‚Berufung‘ harrte, kam ich abermals auf die Spur eines Sklavenzugs. Es gelang mir nicht nur, das Versteck der Sklavenjäger zu entdecken und die Sklaven zu befreien, sondern auch einem Gefangenen besonderer Art die Fesseln zu lösen. Es war – – Ssali Ben Aqil.

Der junge Wunderprediger war auf seiner Suche nach dem Mahdi – das baldige Erscheinen eines ‚Führers‘ lag damals gewissermaßen in der Luft – nach Ägypten gekommen, und man hatte ihn an den Derwisch Mohammed Achmed verwiesen als denjenigen, auf dem die Hoffnungen des Islam ruhten. Aber die Lehre des ‚Führers‘, die nichts als Gewalt und Hass predigte, hatte den Wahrheitssuchenden eher abgestoßen als angezogen, und er hatte dieses Gefühl seinem Lehrer nicht verschwiegen. Doch der ‚Führer‘ war nicht gewillt, auf eine solche Kraft – Ssali verfügte über eine glänzende Rednergabe – ohne Weiteres zu verzichten. Und da er seinen hoffnungsvollen Schüler nicht durch Worte von seiner ‚Berufung‘ überzeugen konnte, so ließ er ihn einsperren und ihm die Nahrung entziehen, in der Erwartung, die Qualen des Hungers würden ihm die fehlende Überzeugung beibringen.¹

Als ich Ssali fand, war er dem Tode nahe. Ich nahm ihn mit mir, und während der Tage und Wochen unseres Beisammenseins schloss er sich noch viel inniger an mich an, als in den wenigen Stunden unserer ersten Begegnung möglich gewesen war. Ich führte ihn nach Jerusalem und zu den heiligen Stätten der Christenheit, und als wir zum zweiten Mal voneinander schieden, teilte er mir mit, dass er sich nicht nur innerlich von Mohammed und seiner Lehre entfernt habe, sondern dass er entschlossen sei, diesen Trennungsstrich auch äußerlich zu ziehen. Er wolle Christ werden, ja noch mehr, er fühle die Berufung zum Priester und zum Verkünder der christlichen Liebe in sich.

Ich war darüber nicht im Geringsten erstaunt, doch unterließ ich es nicht, ihm die Schwierigkeiten vor Augen zu stellen, die auf ihn warteten. Er hörte mich lächelnd an und meinte dann frohgemut:

„Effendi, ich weiß, dass ich viel, unendlich viel zu lernen haben werde, bis das Ziel erreicht ist. Aber mit Fleiß und der Hilfe Allahs hoffe ich es so weit zu bringen, dass ich auch vor einem Abendländer, was Wissen anbelangt, nicht zu erröten brauche. Oder meinst du vielleicht, dass mir die dazu notwendigen Fähigkeiten mangeln?"

„Das wollte ich natürlich nicht sagen, sondern nur andeuten, dass dein Weg in den nächsten Jahren nicht mit Rosen bestreut sein wird."

„Das verlange ich auch gar nicht, Effendi. Ich fürchte mich vor keinem Opfer und vor keiner Anstrengung, so groß sie auch sein mögen. Das Ziel, das ich im Auge habe, ist es wert, dass ich mich durch nichts abschrecken lasse."

Vor solcher Hoffnungsfreudigkeit mussten meine Bedenken freilich verschwinden. Nun, Ssali schien mir aus hartem Holz geschnitzt zu sein, und die Stürme des Lebens würden nun, da er seine Lebenslinie endlich gefunden hatte, es wohl fertig bringen, ihn mit scharfem Meißel zu ritzen, nie und nimmer aber zu zerbrechen. – –

Wir haben uns hernach öfters geschrieben. Wenn ich von einer längeren Reise nach Hause zurückkehrte, konnte ich stets damit rechnen, einen mit arabischen Schriftzeichen bedeckten und mit einer türkischen Marke beklebten Brief vorzufinden. Die Nachrichten lauteten immer günstig und ich konnte ihnen entnehmen, dass seine Studien, die er im Seminar zu Mossul betrieb, rasch voranschritten. Von ihrem Abschluss erfuhr ich indes nichts, denn ich war vorher wieder auf Reisen gegangen, in den Orient, zu meinem Hadschi Halef Omar. Da mich mein Weg diesmal nicht über Mossul führte, konnte ich Ssali nicht besuchen, so sehr ich das gewünscht hätte, und ich war daher über sein ferneres Schicksal im Unklaren.

Monatelang vergruben wir uns – Halef und ich waren meistens allein – in die Berge und Täler des wilden Kurdistans und schlugen uns mit den dortigen halbwilden Stämmen herum. Was wir damals erlebten, gehört nicht hierher; ich habe an anderer Stelle davon erzählt.² Über Bagdad und Tekrit suchten wir dann die Weidegründe der Haddedihn zu gewinnen. Dabei gelang es uns, zwei Männer aus der Hand räuberischer Schiiten zu befreien. Der eine von ihnen war ausgezogen, um den Anezeh-Arabern das Lösegeld für seinen Vater zu bringen, der von ihnen in ihrem Duar zurückgehalten wurde. Der junge Mann gewann unsere Teilnahme und wir schlossen uns ihm an, bereit ihn in seinem gefährlichen Vorhaben zu unterstützen. Denn es war anzunehmen, dass die Anezeh, anstatt seinen Vater auszuliefern, sich seiner und des Lösegelds bemächtigen würden.

Die Abteilung der Anezeh, bei der der Gefangene zurückbehalten wurde, lagerte zu der Zeit südwärts der Sindscharberge am Fuß des einsam aus der Ebene emporragenden Felsens Wahsija. Auf diesem Felsen hauste in einer Höhle ein Einsiedler, der sich nicht nur bei den Anezeh, sondern auch bei den übrigen in der Nähe schweifenden Stämmen des größten Ansehens erfreute. Ihm und seinem Einfluss war es denn auch hauptsächlich zu verdanken, dass unser Schützling sein Ziel erreichte. Ja, noch mehr! Der Gefangene wurde ohne Lösegeld freigegeben und erhielt sogar die Summe wieder zurück, die man ihm abgenommen hatte. Mir aber ließ der Einsiedler sagen, ich möchte ihn am nächsten Morgen auf seinem Felsen besuchen.

In der Erzählung „Himmelslicht"³ habe ich von diesem Erlebnis berichtet. Eines aber habe ich damals dem Leser vorenthalten, nämlich, wen ich am nächsten Morgen oben auf dem Felsen fand. Da dies nicht unbedingt zum Verständnis der Erzählung gehörte, glaubte ich darüber hinweggehen zu dürfen.

Heute will ich die Lücke ergänzen und das Versprechen einlösen, mit dem ich damals den geduldigen Leser auf ein andermal vertröstete. Indem ich dies niederschreibe, bin ich mir freilich bewusst, dass der scharfsinnige Leser bereits hinter das Geheimnis gekommen ist. Ich aber hatte damals, als die Lichter des Weihnachtsbaums von oben herableuchteten, nicht die leiseste Ahnung. Im Gegenteil, ich zerbrach mir den Kopf über die geheimnisvolle Persönlichkeit dort oben. Ein Weihnachtsbaum mitten unter Beduinen! Kaum zu glauben! Es konnte sich nur um einen Europäer handeln, der die Sitte des Weihnachtsbaums kannte, vielleicht sogar um einen Deutschen, auf alle Fälle aber um einen Christen. Und doch, wenn ich ernsthaft nachdachte, wollte mir diese Schlussfolgerung wieder als falsch erscheinen. Ein christlicher Einsiedler, der eine solche Macht über die diebischen Anezeh ausübte, die doch Muslime waren! Fast unmöglich! Wahrscheinlich war es doch einer jener frommen Büßer, die im nordwestlichen Afrika Marabuts genannt werden. Aber gegen diese Annahme sprach wieder der Weihnachtsbaum!

Ich wandte mich an den Scheik der Anezeh um Aufschluss, aber er konnte mir nicht mehr sagen, als was ich bereits wusste. Den frommen Marabut hatte überhaupt noch niemand gesehen außer den beiden Knaben, deren Mutter am Fuß des Felsens wohnte und deren er sich beim Verkehr mit der Außenwelt bediente. Die Leute, die ein Anliegen hatten, teilten dies den Knaben mit, und diese stiegen zu ihm hinauf, um den Bescheid zu vernehmen, den sie den Wartenden bringen sollten. Aber hinauf zu ihm in seine Zelle durfte keiner.

Das war die ganze Auskunft, mit der ich mich wohl oder übel einstweilen zufrieden geben musste.

Bereits zu früher Morgenstunde des nächsten Tages stellten sich die beiden Knaben ein, um mich zum Einsiedler zu führen. Halef wäre gern mitgegangen, aber da nur ich in der Einladung genannt war, bedeutete ich ihm, zurückzubleiben. Er schien mir das übelzunehmen, denn er zog sich schmollend zurück. Ich konnte ihm aber diesmal wirklich nicht helfen und ging.

Der Wahsija war ein Felsen, der unten einen Umfang von sicher einer Viertelstunde und eine Höhe von wenigstens achtzig Ellen besaß. In der Zeit von Jahrhunderten hatten sich Sträucher, ja sogar Bäume angesetzt, die jetzt grünten; zwischen ihnen führte, von Absatz zu Absatz, ein sich rund um den Felsen drehender Pfad hinauf. Oben, nicht ganz auf der Höhe, öffnete sich eine Art Höhle, deren Eingang zum Teil von einem Nadelbaum verdeckt war.

Mit einer Spannung, die von Schritt zu Schritt wuchs, folgte ich den voranschreitenden Knaben. Ich bog um das letzte Felsstück, das mir den Anblick der Höhle entzog, und…

„Ssali Ben Aqil!, rief ich, fassungslos vor Staunen. „Du bist es also, du!

Ich war vor Überraschung stehengeblieben und starrte nun mit weit geöffneten Augen auf die Gestalt, die mit ausgebreiteten Armen, ein Lächeln auf den Lippen, neben der Tanne stand. Ja, er war es wirklich, der ehemalige kurdische Reiseprediger, oder vielmehr, er war es doch nicht! Sein bei unserer ersten Begegnung in Khoi mit einem grünen Turban geschmücktes Haupt war jetzt unbedeckt und das schwarze Haar hing ihm lang auf die Schultern herab. Ein ebenso schwarzer Vollbart reichte ihm bis auf die Brust, und die hohe, stolze Gestalt war mit einem langen, bis auf die Knöchel herabfließenden Gewand bekleidet, das um die Hüften von einem Kamelhaarstrick zusammengehalten wurde, in dem ein schmuckloses Kreuz steckte. Mit seinen hageren, durchgeistigten Zügen, die allerdings jetzt vor Freude leuchteten, glich er beinahe – ja, wem glich er nur? War das nicht der ‚Prediger in der Wüste‘? War das nicht Johannes der Täufer?

„Kara Ben Nemsi, mein Freund, mein Retter! Welche Freude!, rief er nun seinerseits, indem er rasch auf mich zutrat und, die Arme um mich schlingend, mich auf beide Wangen küsste. „Ich preise Allahs Güte, der mir in dir das liebste Weihnachtsgeschenk bescherte. Sallam u rahhmet Allâh aleik – der Friede und die Barmherzigkeit Gottes sei mit dir!

Ich erwiderte Ssalis Begrüßung herzlich, indem ich ihn ebenfalls auf beide Wangen küsste. Dann winkte er den Knaben, worauf diese wieder den Abstieg antraten. Mich aber fasste er bei der Hand und zog mich in die Höhle.

„Tritt ein in meine armselige Behausung und sei mein Mivan⁴, der liebste und der erste, der diese Schwelle überschreitet!"

Ich sah mich in dem ziemlich niedrigen Raum um. Er enthielt auf den ersten Blick nichts als zwei verschieden große Felsblöcke, die als Tisch und Stuhl dienten, und einen Haufen dürren Laubs, über das eine Pferdedecke gebreitet war – das Lager meines Gastfreunds.

Aber als sich mein Auge an das Halbdunkel gewöhnt hatte, bemerkte ich noch einen Gegenstand. Aus dem Felsen im Hintergrund schien ein viereckig zubehauener, länglicher Block zu wachsen, der mit einem groben, weißen Linnen zugedeckt war. Ein einfaches Holzkreuz und zwei schmucklose Leuchter aus Messing vervollständigten den – Altar.

Ssali war in eine Ecke gegangen, aus der er einen flachen Maiskuchen hervorholte.

„Erlaube, dass ich dich nach der Sitte meiner Heimat willkommen heiße."

Damit brach er aus der Mitte des Fladens ein Stück heraus, aß davon und gab auch mir.

„So, jetzt bist du sicher unter dem Dach des Kurden, meinte er dann schalkhaft lächelnd. Und gleich wieder ernst werdend, fügte er hinzu: „Wunderst du dich, dass ich dich nach der Weise meiner Väter bewillkommne? Ich glaube dich zu kennen, und darum wirst du mich verstehen, wenn ich sage: Ich bin Christ geworden mit Überzeugung und Hingabe, aber ich will auch Kurde bleiben, der die durch die Jahrhunderte geheiligten Sitten und Gebräuche seiner Heimat liebt und pflegt.

„Ich habe nichts anderes von dir erwartet, erwiderte ich ernst. „Denn wer nicht an seiner Heimat hängt, der ist kein guter Mensch und kann noch viel weniger ein guter Christ sein und erst recht nicht ein – ein…

Ich zögerte, den Satz zu vollenden, denn ich wusste ja eigentlich noch nicht, als was ich Ssali Ben Aqil anzusehen hatte, aber ich warf einen bezeichnenden Blick auf den Altar im Hintergrund.

„Sprich das Wort nur aus, lächelte er. „Du wolltest sagen: ein Priester nach dem Herzen Gottes?

„Du hast es erraten."

„So hast du meinen letzten Brief nicht erhalten?"

„Ich war jetzt lange Monate nicht in der Heimat."

„Also darum! Nicht wahr, du warst äußerst überrascht, mich hier zu treffen?"

„Sehr!"

„Vielleicht gar ein wenig enttäuscht?"

„Das nicht!, widersprach ich eifrig. „Eher könnte man sagen, es hätte mich seltsam berührt, dich, den ich am Ziel glaubte, in einem Wirkungskreis, wie dieser ist, zu finden, wenn…

„…wenn alles mit mir in Ordnung wäre, meinst du wohl?, ergänzte er lächelnd. „Aber beruhige dich! Es ist alles in Ordnung – und ich bin hier richtig in meinem Wirkungskreis – und ich habe mein Ziel erreicht.

Ich reichte ihm die Hand, die er drückte und dann in der seinigen behielt. „Sei überzeugt, dass sich niemand mehr darüber freut als ich! Möge Allah alle deine Unternehmungen mit dem reichsten Segen krönen!"

„Ich danke dir! Nicht wahr, du hättest eher erwartet, mich in der Kirche und auf der Kanzel zu sehen?"

„Ich kann es nicht leugnen. Ich vermute, dass du hier so eine Art Probezeit durchmachst, bevor du dein Amt antrittst."

„Du hast mit der Probezeit Recht. Aber vermutlich machst du dir eine falsche Vorstellung von meinem Amt. Ich werde nämlich dieses Amt, so wie du es meinst, nie ausüben."

„Ich verstehe dich nicht."

„So höre! Ich werde nie predigen! – Ich werde nie taufen! – Ich werde überhaupt nie Mission im landläufigen Sinn treiben."

„Aber warum bist du dann…"

„Warum ich Christ und sogar Priester geworden bin?, unterbrach er mich. „Weil ich einen unwiderstehlichen Herzensdrang dazu verspürte. Aber je mehr ich mich in meine Studien und in meine zukünftige Aufgabe vertiefte, desto mehr überzeugte ich mich von einer Tatsache mit vollster Klarheit. Effendi, kennst du die Fortschritte des Christentums in den Ländern des Islam?

„Ich kenne sie. Seine Erfolge stehen in keinem, aber auch in gar keinem Verhältnis zur aufgewandten Mühe."

„Du hast Recht. Angesichts des zu langsamen Gangs der Islammission wenden zum Beispiel jetzt die Weißen Väter⁵ ihre Hauptarbeit dem äquatorialen Afrika zu, während sie nicht einmal ein Dutzend Missionare für das ungeheure Gebiet der Sahara abstellen. Spricht das nicht Bände? Und wie in Afrika so ist es auch in meiner Heimat bei den Kurden, die an religiösem Starrsinn den übrigen Bekennern Mohammeds in nichts nachstehen. Ich als Kurde weiß das am besten."

„Aber wie willst du dagegen arbeiten?"

„Du wirst es gleich hören. Wenn ihr einen Missionar im gewöhnlichen Sinn zu den Kurden schicken würdet, so würde man ihn empfangen, wie man in Dschermanistan einen Türken aufnehmen würde, der die Lehre Mohammeds predigen wollte, ja wohl noch schlimmer. Es fehlt eben jede innere Fühlung, ja, ich behaupte, es fehlt jeder Weg zum Herzen des Muslim und – er kennt als sogenannte Christen nur ungerechte, tyrannische Ausbeuter, die ein lasterhaftes Leben führen. Mein Gedanke ist nun folgender: Mit einer ‚Bekehrung‘ meiner Landsleute durch Unterricht und Predigt ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen, es muss zuerst der Boden bearbeitet, es muss zuerst der Weg bereitet werden in mühseliger, vielleicht jahrzehntelanger Arbeit. Dann werden vielleicht die Bekehrungen nach 25 oder 50 Jahren von selber kommen, wie Früchte, die von selbst reifen."

„Ich beginne dich zu verstehen. Aber wie soll dieses ‚Wegbereiten‘ anders als durch Predigt und Unterricht geschehen?"

„Du irrst. Hast etwa du mich durch Worte überzeugt oder vielmehr durch etwas ganz anderes? Worte bewegen nur, Beispiele aber reißen hin, so heißt doch wohl ein lateinisches Sprichwort. An Worten und wieder an Worten hat es in unseren Bergen nicht gefehlt. Die römischen Väter haben gepredigt, die Sendboten aus Amerika haben gepredigt, die Armenier haben gepredigt, viele andere haben gepredigt und gelehrt. Und was war der Erfolg? Nein, ich fasse meine Aufgabe anders auf. Nicht predigen will ich das Evangelium, die Lehre der Liebe, sondern leben will ich sie und damit mehr erreichen als durch tausend Predigten. Ich will mir eine Klause bauen in meiner Heimat unter meinen Landsleuten mit einer Kapelle daneben und mehreren Gelassen, um arme Wanderer zu beherbergen; ich will Fühlung zu gewinnen suchen mit meinen Landsleuten; ich will ihre Achtung, ihr Vertrauen erwecken, ich will mich ihnen geradezu unentbehrlich machen; ich will mein Leben teilen zwischen Studium, Gebet und Werken der Nächstenliebe; ich will die Unglücklichen trösten und die Kranken heilen – zu diesem Zweck habe ich Arzneikunde studiert; ich will versuchen, allen zu dienen, ich will allen alles werden – mit einem Wort, ich will ihnen das Leben eines einfachen, demütigen, selbstlosen Dieners Christi vorleben. Und wenn dann, nach Jahren vielleicht, oder erst nach meinem Tode, meine Landsleute mit Achtung von mir reden, von mir, dem Christen, wenn sie die Lebenswerte der christlichen Religion nicht mehr leugnen können, vielleicht gar sich heimlich danach sehnen, dann, ja, dann und nicht eher ist meine Aufgabe erfüllt. Dann habe ich den Missionaren den Weg bereitet und das Erdreich gelockert, in das sie mit vollen Händen ihren Samen streuen mögen. Und dann werden sie sich über die Ernte nicht zu beklagen haben."

Ssali Ben Aqil schwieg. Er hatte meine Hand losgelassen und stand nun mit geröteten Wangen und blitzenden Augen vor mir. Wieder musste ich mir denken: wie Johannes der Täufer! Und jetzt, nachdem er mir seinen Lebensplan entwickelt hatte, glich er der Vorstellung von dem großen Vorläufer und Wegbereiter noch mehr!

Nach einer Pause des Schweigens wandte ich ein: „Weißt du, welch undankbare Aufgabe du damit auf dich nimmst? Dass du damit auf jede sichtbare Frucht deiner Arbeit verzichtest? Dass du nie vor der Öffentlichkeit einen persönlichen Erfolg verzeichnen kannst? Dazu gehört eine Größe des Verzichts, die ich für meine Person, wie ich glaube, nicht aufbringen könnte."

„Du machst dich schlechter, als du bist, lächelte Ssali. „Ich weiß, was du meinst. Aber für mich genügt es, dass ich überzeugt bin, das Richtige getroffen zu haben. Auch mein höchster Vorgesetzter, der Patriarch in Mossul, billigt mein Vorhaben. Er hat mir nur die Auflage einer einjährigen Probezeit gemacht. Bestünde ich sie, so stehe der Ausführung meines Plans nichts im Weg. So kommt es, dass du mich hier findest und dass mir die Freude eines unerwarteten Wiedersehens zuteil wurde.

„Erlaube mir noch eine Frage! Wie kommt es, dass du ausgerechnet auf diese undankbare und schwierige Aufgabe verfallen bist? Du konntest deinen Wirkungskreis doch auch anderswo wählen und bei deinen Fähigkeiten…"

Ssali ließ mich nicht ausreden. „Effendi, ich bin Kurde und lasse meine armen Landsleute nicht im Stich! Wie arm sie sind, arm an irdischen und seelischen Gütern, weiß ich erst jetzt. Soll ich, der ich mich ihnen gegenüber für reich, unendlich reich halte, diesen meinen Reichtum meiner Heimat vorenthalten und andere damit beglücken? Das käme mir wie ein Verrat und wie ein Diebstahl an meinen Volksgenossen vor. Nein, Effendi, das meinst du wohl nicht im Ernst und das hast du wohl nur gesagt, um mich zu prüfen."

„Und doch halte ich es für meine Pflicht, dich zu warnen. Wer sagt dir denn, ob deine Landsleute von dir und deinem Reichtum überhaupt etwas wissen wollen? In meinem Vaterland gibt es ein Sprichwort: Kein Prophet ist in seinem Vaterland geehrt. Glaubst du denn, dass die Bewohner Kurdistans gegen einen ihrer Volksgenossen entgegenkommender und gefälliger sind als Dschermanistan gegen die seinen? Da fällt mir eben in diesem Zusammenhang ein: Du hast mir nichts darüber geschrieben, wie sich deine Verwandten zu deinem Vorhaben, Christ werden zu wollen, stellten."

Ein Schatten flog über seine Züge.

„Natürlich waren sie, meinen Vater ausgenommen, dagegen."

„Bloß dagegen? Sollten deine beiden überaus lieben Vettern, die Scheiks Ahmed Azad und Nizar Hared, keinen Schritt unternommen haben, dich umzustimmen?"

„Sie taten es. Sie verboten mir sogar ein für allemal ihr Zelt, für den Fall, dass ich ihnen diesen furchtbaren Schimpf, wie sie es nannten, wirklich antäte."

„Siehst du? Das Sprichwort vom Propheten im eigenen Vaterland scheint sich auch bei euch zu bewahrheiten."

„Was schadet das? Auf Kampf, sogar auf den heftigsten Kampf musste ich mich von Anfang an gefasst machen."

Dann nahm er mich bei der Hand und zog mich vor die Höhle hinaus bis neben die Tanne, wo der Blick ins Lager hinunter frei wurde.

„Schau da hinunter! Noch gestern standen sie sich dort unten mit den Waffen in der Hand gegenüber, deine Haddedihn und meine Anezeh, bereit zu gegenseitiger Vernichtung. Und heute? Kannst du dir ein friedlicheres Bild denken als das, das sich jetzt unseren Augen zeigt? Und wer hat diese Männer unter das sanfte Joch des Friedens gebeugt? Der Gedanke der Liebe, der in dem Weihnachtsbaum verkörpert ist, den ich gestern Abend angezündet habe. – Effendi, ich kann mir denken, dass du über diesen Anblick sehr erstaunt gewesen bist."

„Und wie! Die Sache war mir ein unlösbares Rätsel."

„Das sich aber jetzt auf die einfachste Weise gelöst hat, nicht? Du hattest mir von der schönen Sitte deiner Heimat erzählt, und ich – nun, mir hatte der Gedanke so gut gefallen, dass ich diese Gewohnheit in Zukunft auch zu der meinen zu machen beschloss. Wie war ich gestern erstaunt, als ich von deinem Kommen erfuhr, und wie freute ich mich, dich mit dem Weihnachtsbaum überraschen zu können!"

„Diese Überraschung ist dir auch vortrefflich gelungen. Ich danke dir."

„Kehren wir zur Sache zurück! Wir sprachen von der siegreichen Macht der christlichen Liebe. Diese konnte gestern freilich den Sieg nur deshalb so schnell erringen, weil die Haddedihn dich, den Christen, lieben gelernt haben und weil auch ich meine Anezeh in der Hand habe. Deshalb sind indes deine Haddedihn wie auch meine Anezeh noch lange keine Christen. Darüber sind wir uns klar. Und doch! Hätten wir, selbst wenn wir es hier mit Christen zu tun gehabt hätten, mehr von ihnen verlangen können? Sind sie nicht schneller und bereitwilliger auf unsere Wünsche eingegangen, als dies zwei christliche, sich gegenseitig bekriegende Völker auf die Vermittlung eines dritten hin fertig gebracht hätten? Müssen sie, die halbwilden Natursöhne, nicht das ganze Abendland mit seinen Friedenskonferenzen und -kongressen beschämen? Und ist nicht gerade den Menschen, die ‚guten Willens sind‘ – und den haben sie da unten doch an den Tag gelegt –, der Friede vom Engel verheißen? Der Friede im vollsten Umfang und ohne jede Einschränkung?"

Ssali Ben Aqil machte eine Pause, als ob er von mir eine Antwort erwarte. Als diese nicht erfolgte, denn ich hätte ihm doch nur Recht geben müssen, fuhr er fort: „Und was du den Haddedihn geworden bist all die Jahre hindurch und ich den Anezeh in der kurzen Zeit meines Hierseins, nämlich ein ‚Wegbereiter‘, sollte mir das in meiner Heimat nicht gelingen? Ich zweifle nicht daran. O Effendi, – dabei breitete er in Begeisterung die Arme aus –, „und wenn sie mich bekämpfen mit den schärfsten Waffen, die ich kenne, mit der Lauge des Spotts, mit dem Stachel der Verleumdung und mit dem Gift des Hasses, ich fürchte mich nicht! Ich werde ihnen mit meiner Waffe entgegentreten, mit der einzigen, aber gefährlichsten Waffe, über die ich verfüge, und das ist meine ganze, volle Menschenliebe. – Ihr sind sie nunmehr rettungslos verfallen – sie soll sich so in ihre Herzen krallen – dass sie in dieser Liebe Meer ertrinken – und an die Brust der ewigen Liebe sinken. – – –

Als ich ins Lager zurückkehrte, sah ich die Blicke nicht nur der Haddedihn, sondern auch der Anezeh, fast hätte ich gesagt, mit scheuer Verehrung auf mich gerichtet. Es hatte einen gewaltigen Eindruck auf sie gemacht, dass ich, der Christ, die unerhörte Vergünstigung genoss, den heiligen Marabut persönlich sehen und sprechen zu dürfen. Ich merkte wohl, dass man gern Fragen an mich gerichtet hätte, aber ich hatte keine Veranlassung, ihre Neugierde zu befriedigen. Der Einzige, mit dem ich darüber sprach, war Halef, der ja Ssali Ben Aqil kannte.

Ich ahnte damals nicht, auf welch seltsame Weise ich nach Jahren abermals an ihn erinnert werden sollte.

1. Eine rätselhafte Botschaft

„Sihdi, wann kommst du wieder zu uns? Doch sicher im nächsten Jahr?"

Ich musste über diese Frage Halefs, der längere Zeit schweigend neben mir geritten war, lachen.

„Dass du mich darum fragst, ist, seit wir gestern am Wadi Tharthar von deinen Haddedihn Abschied genommen haben, genau das sechste Mal."

„Daraus magst du die Innigkeit meiner Gefühle und die Tiefe meiner Hingabe an dich ermessen."

„Kara, dein Sohn, und Omar Ben Sadek, die hinter uns reiten, haben mich doch auch lieb. Aber keiner quält mich so mit dieser Frage wie du."

„Istaffer Allâh – Allah möge dir verzeihen! Ich hätte nicht erwartet, dass du meine Anhänglichkeit an dich als Qual empfinden würdest."

Damit wendete sich der kleine, schnell hitzige Hadschi halb von mir ab, ein Zeichen, dass er sich gekränkt fühlte. Ich lenkte ein.

„Aber ich kann dir mit dem besten Willen keine genaue Auskunft geben. Ich bin jetzt sehr lange Zeit von zu Hause fort gewesen, und es wird sich unterdessen viel Arbeit angehäuft haben. Außerdem würde meine Frau wenig erbaut sein, wenn ich sie so bald wieder verließe."

„Maschallâh! Das verstehe ich nicht. Die Gebieterin deines Frauenzelts hat sich deiner weiseren Einsicht unterzuordnen."

„Erlaube, Halef, da bin ich anderer Meinung. Die Frauen des Abendlands sind keine willenlosen Puppen."

„Damit willst du wahrscheinlich einen Vergleich ziehen, bei dem die Frauen des Morgenlands nicht allzu gut wegkommen würden. Aber du irrst, Sihdi! Meine Hanneh wenigstens, die wonnige Erfreuerin meines Daseins, ist alles eher als eine willenlose, leblose Ulubi⁶, mit der ihr Gatte spielen kann, wie es ihm beliebt, Allâh bjarif – Allah weiß es!, fügte er seufzend hinzu. „Aber das eine weiß ich sicher: Meine Hanneh würde nicht das Geringste dagegen haben, selbst wenn ich mit dir zehnmal hintereinander um den ganzen Erdball ritte. Dafür schätzt sie dich zu sehr.

„Als ich von den Frauen sprach, meinte ich deine Hanneh nicht."

„Wer käme denn sonst in Frage? Wenn wir beide durch die Länder reiten, um Abenteuer zu erleben, wie Harun al Raschid und sein Großwesir, so geht das sonst niemand etwas an als höchstens meine und vielleicht deine Herzensgebieterin."

„Du vergisst, lieber Halef, dass es auch eine Pflicht gibt, der ich gerecht zu werden habe, und dieser Pflicht kann ich nicht genügen, wenn ich immer nur reise. Du magst dich also damit zufrieden geben, wenn ich sage: Warte und habe Geduld! Einen bestimmten Zeitpunkt, wann ich wiederkomme, kann ich nicht nennen."

Halef seufzte. „Warten! Du kannst leicht reden! Weißt du denn, wie einem Wartenden zu Mute ist, der auf ein Glück hofft, aber nicht weiß, wann es sich einstellen wird?"

„Nun?"

„Seine Seele gleicht einem bis zum Nordpol gespannten Habl⁷, auf dem sich zwei Bazzakat⁸ aufeinanderzubewegen. Sihdi, kannst du es vielleicht erwarten, bis sich die zwei beklagenswerten Tiere endlich begegnen?"

„Allerdings nicht", gestand ich.

„Siehst du? Mir aber mutest du so etwas zu!"

„Ich wusste nicht, dass deine Seele ein so langes, ausgedehntes Ding ist."

„Uskut – schweig still!, rief er zornig. „Wer ist daran schuld? Etwa ich? Oder bist es nicht vielmehr du, der meine Seele so weit auseinanderzuziehen versucht, dass sie Gefahr läuft, in der Mitte zu reißen?

„Beruhige dich! Es kann mir nicht einfallen, deiner Seele eine solche Belastungsprobe zuzumuten. Ich verspreche dir, die Qualen des Wartens möglichst abzukürzen. Sobald ich mich freimachen kann, eile ich zu dir."

„Hamdulillah! Nun wird mir das Herz wieder leicht, denn ich weiß jetzt, dass ich dich bald wiedersehen werde. Sag aufrichtig, lieber Sihdi! Du kannst deinen Zeitpunkt ja selber kaum erwarten!"

„Ajjuha – oho!", stellte ich mich ablehnend.

„Tu nur nicht so, Sihdi! Ich kenne dich besser. Du kannst es in Wirklichkeit ohne mich, deinen treuen Halef, gar nicht aushalten. Sag selber, wen hast du denn jetzt noch außer mir, seitdem dein roter Freund, der Scheik aus Amerika – Allah schenke ihm den siebenten Himmel! – nicht mehr am Leben ist?"

„Hm!"

„Bist du seitdem vielleicht auch nur einmal in den Duars der Beduinen gewesen, die dort Indianer heißen?"

„Nein."

„Da haben wir es ja! Ich wüsste auch gar nicht, was dich dorthin noch ziehen könnte. Aber zu uns bist du immer und immer wieder zurückgekehrt, zu deinen Haddedihn, die dich lieben, und zu mir, der an deiner Seite unbedenklich in den Rachen der Dschehenna reiten würde, wenn du es von mir verlangtest." –

Als Halef diese Worte sprach, befanden wir uns ungefähr eine Tagreise südlich von Mossul. Nach den Ereignissen, die ich in meinem Buch „In Mekka" geschildert habe, hatte ich noch vier Wochen in den Zelten der Haddedihn der Ruhe gepflegt. Dann aber musste geschieden sein. Der ganze Stamm hatte bis zum Tharthar das Ehrengeleit gegeben, dann waren wir weitergeritten. Unter ‚wir‘ sind Halef, sein Sohn Kara, Omar Ben Sadek und ich zu verstehen. Die drei Genannten wollten mich ganz bis Mossul begleiten, von wo aus ich meinen Weg nach Hause allein weiter zu verfolgen dachte. Wir waren vorzüglich beritten. Meinen Sattel trug selbstverständlich Assil Ben Rih, der Sohn meines unvergesslichen Rih, Halef ritt seinen Barkh⁹, Kara Ben Halef die unvergleichliche Stute, das Geschenk des Großscherifs von Mekka¹⁰. Und Omar Ben Sadek? Nun, wen anders sollte er reiten, als die allen Lesern bekannte Aladschy-Schecke, die trotz ihres nicht mehr ganz jugendlichen Alters die Beine in einer Weise von sich warf, als läge zwischen ihrer im ‚Lande der Skipetaren‘ verlebten Jugendzeit und dem jetzigen Ritt nicht die beträchtliche Anzahl von zwanzig Jahren.

Wir hatten gestern Nachmittag das jetzt vollkommen ausgetrocknete Wadi Tharthar überschritten, heute am späten Vormittag das Wadi el Ahmar gekreuzt und hofften bis zum Abend das Wadi el Kasab zu erreichen. Morgen hatten wir nur noch die östlichen Ausläufer des Dschebel Sindschar zu durchqueren, und am Nachmittag konnten wir bereits, wenn nichts dazwischen kam, in Mossul sein.

Die Gegend, durch die wir kamen, machte den Eindruck einer Wüste. Sieht die Dschesireh im Frühjahr wie ein einziger Blumengarten aus, so bot sie jetzt, im Spätsommer, einen trostlosen Anblick. Kein Grün, soweit das Auge reichte! Was von den Weidetieren der Beduinen übrig gelassen worden war, hatte die Sonne vollständig versengt; überall trat der nackte, steinige Boden hervor.

Kurz vor der Dämmerung erreichten wir den steilen Rand des Wadi el Kasab und schlugen unser Nachtlager unten im Schutz eines kümmerlichen Wermutgebüschs auf. Dieses sowie ein schmaler, mit spärlichem Grün besetzter Grasstreifen deuteten die Richtung an, die der Wasserlauf in der Regenzeit genommen hatte. Jetzt war allerdings nicht ein Tropfen Feuchtigkeit zurückgeblieben. Während wir die Lagerdecken ausbreiteten, machten sich unsere Tiere über die halbverdorrten Zweige des Wermuts und das magere Gras her. Später wurde gegessen und dann wickelten wir uns vorsorglich in unsere warmen Decken, denn die Nächte begannen um die Jahreszeit bereits empfindlich kalt zu werden.

Am nächsten Morgen ritten wir nach kurzem Frühstück weiter. Da die Ersteigung des jenseitigen, abschüssigen Ufers für unsere des Kletterns ungewohnten Tiere eine unnötige Anstrengung bedeutet hätte, wendeten wir uns dem oberen Teil des Wadi zu. Dort war eher eine Stelle zu finden, die sich für unsere Absicht, die offene Steppe zu gewinnen, eignete.

Wir mochten vielleicht zehn Minuten auf dem Weg sein, da öffnete sich nach rechts ein schmales Seitental. Da es in unserer Richtung lag, lenkte ich – ich ritt an der Spitze – in dieses ein, zügelte jedoch im nächsten Augenblick mein Tier.

Ich bemerkte nämlich im lockeren Grus des Bodens eine Fährte. Sie kam aus dem Seitental und führte im Haupttal weiter, doch nicht abwärts, sondern aufwärts. Diese Beobachtung machte mich stutzig und ich stieg ab, um die Fährte näher zu betrachten.

Es handelte sich, wie sich nach kurzer Untersuchung ergab, um zwei Reiter, die ein lediges Tier mit sich führten. Halef, dem ich meine Beobachtung mitteilte, meinte sorglos:

„Die zwei gehen uns wohl nichts an. Reiten wir weiter!"

„Halt, warte noch! Mir kommt die Sache nicht ganz geheuer vor."

„Warum? Ich sehe nichts Besonderes dabei."

„Aber ich! Zwei Reiter, die ein lediges Pferd in der Steppe spazieren führen! Fällt dir das nicht auf?"

„Wahrscheinlich ist es ein Packtier."

„Nein. Ich erkenne an der Spur, dass es keine Last zu tragen hatte."

„Auch dann wüsste ich nicht, was uns besorgt machen sollte. Vielleicht sind es zwei Händler, die ihre Ware in Mossul abgesetzt haben und jetzt heimkehren. Daher das unbeladene Tier."

„Das wäre wohl eine Erklärung. Aber außerdem ist es die Richtung der Spur, die mein Bedenken hervorruft. Der Kasab entspringt im wildesten Teil des Sindschar, wo, wie du ja selber weißt, Ausgestoßene aus allen Stämmen ein lichtscheues Dasein führen. Und diese Spur weist ziemlich genau in diese Gegend."

Nun war es Halef, der ein besorgtes Gesicht machte.

„So meinst du, dass wir es am Ende gar mit Räubern zu tun haben?"

„Vielleicht sogar mit Mördern."

„Du denkst immer gleich das Schlimmste. – Was aber jetzt? Sollen wir den Männern nachreiten?"

„Nein. Sie haben uns nichts getan und ein Verdacht ist noch kein Beweis. Trotzdem wollen wir auf dieser Spur einstweilen bleiben, die für uns keinen Umweg bedeutet. Sie ist höchstens eine halbe Stunde alt und ich vermute, dass wir bald die Stelle erreichen, wo die beiden die Nacht zugebracht haben. Vielleicht machen wir dort eine Entdeckung, die uns mehr über sie sagt als diese Spur."

Ja, wir machten allerdings eine Entdeckung. Eine Entdeckung, durch die das eingangs des Kapitels erwähnte Gespräch mit Halef gegenstandslos wurde, und von der wir nicht ahnten, wie einschneidend sie für uns alle werden sollte.

Die Sohle des Wadi, an dem wir jetzt aufwärts ritten, hob sich allmählich; es war klar, dass es keine große Ausdehnung besaß und eines jener Regenbetten war, die nur während der Winter- und Frühjahrsniederschläge Wasser führen.

„El Büdsch¹¹!", rief da Kara Ben Halef plötzlich und zeigte auf einen großen Vogel, der in einiger Entfernung vor uns aufgeflogen war.

Kara hatte Recht. Es war wirklich der Raubvogel, den ich auf meinen Reisen oft genug angetroffen hatte. Es musste also da vorne irgendein Aas geben, von dem er sich durch unser Erscheinen nicht vertreiben zu lassen schien, denn er suchte nicht das Weite, sondern zog in der Luft weite Kreise.

Ein grässlicher Anblick erwartete uns, als wir die Stelle erreichten, wo der Geier sich erhoben hatte. Der erste Blick sagte mir, dass hier ein Mord geschehen war. Ich sprang vom Pferd und die Gefährten folgten meinem Beispiel.

Vor uns lag, mit einer klaffenden Wunde in der Brust, ein Mann, dem die Mörder nicht ein einziges Kleidungsstück gelassen hatten. Während Halef sich in allen möglichen Ausdrücken des Bedauerns und der Entrüstung erging, machte ich mich an eine Untersuchung der Leiche. Sie war nicht mehr warm, aber die Glieder zeigten noch jene leichte Beweglichkeit, die darauf schließen ließ, dass der Mord vor nicht allzu langer Zeit verübt worden war. Da der Boden nicht das geringste Zeichen aufwies, aus dem auf einen vorausgehenden Kampf zu folgern gewesen wäre, so lag die Wahrscheinlichkeit nahe, dass die Mörder ihr Opfer im Schlaf überfallen und getötet hatten.

Die Wunde rührte von einem Lanzenstich her, der auf der Stelle tödlich gewesen sein musste. Der Geier hatte sein grausiges Mahl bereits begonnen, aber obgleich das Gesicht von ein paar Schnabelhieben zerfetzt war, konnte ich doch erkennen, dass der Tote noch jung gewesen war; ich schätzte ihn auf nicht mehr als dreißig Jahre. Der Gesichtsfarbe nach zu schließen war er sicher kein Europäer, aber ob ich einen Beduinen oder einen Kurden oder einen Perser vor mir hatte, konnte ich nicht feststellen.

Ich schritt, den Blick auf dem Boden, nach dem oberen Ende des Wadi und fand die Spur eines einzelnen Reiters, die von gestern herrührte, aber auch die frischen Eindrücke von zwei Pferden, die sich erst heute Morgen, von Norden her kommend, mit der Einzelspur vereinigt hatten. Das Übrige war mir klar: Die zwei Mörder hatten sich ohne Weiteres über den Schlafenden hergemacht, ihn mit einem einzigen Lanzenstich getötet und dann vollständig ausgeraubt. Die Räuber hatten reinen Tisch gemacht und alles mitgenommen, was sich im Besitz des Ermordeten befunden hatte.

Wirklich alles? Im Begriff, zu den Gefährten zurückzukehren, sah ich etwas Weißes zwischen den Steinen blinken. Ich hob es auf; es war ein abgerissener und offenbar achtlos weggeworfener Fetzen Papier, der mit arabischen Schriftzeichen bedeckt war. Ein Windstoß hatte ihn fortgetragen und zwischen die Steine geklemmt, wo ich ihn gefunden hatte.

Ich las die ersten Worte und – starrte in ungläubigem Staunen auf das Papier. Na, war es denn wirklich möglich? Oder träumte ich am hellen Tag? Ein liebes Greisenantlitz tauchte vor meinem geistigen Auge auf, ein Gesicht, das sich meinem Inneren mit unvergesslichen Zügen eingeprägt hatte.

Ein lauter Ruf brachte meine Gefährten zur Stelle.

„Halef, Kara, Omar, sucht! Um Gottes willen sucht! Vielleicht findet ihr noch so ein Stück Papier, wie ihr es in meiner Hand seht. Fragt nicht lang und schaut nicht lang, sondern sucht, sucht!"

Natürlich musste ihnen meine Aufregung unverständlich sein, aber ich wartete ihre Entgegnung gar nicht ab. Wie ein Hypnotisierter schritt ich, die Augen auf den Boden geheftet, weiter. Zoll um Zoll untersuchte ich das Erdreich, jeden Stein wandte ich um, hinter jede Gesteinsecke blickte ich – umsonst!

Und doch nicht umsonst! Meine Gefährten waren glücklicher als ich. Ein Ruf Omars zog mich zu ihm hin; er hielt ein Stück zusammengeknülltes Papier triumphierend in die Höhe. Ich riss es ihm förmlich aus der Hand und faltete es auseinander.

„Es fehlt noch ein Stück! Vielleicht sind es auch zwei! Sucht weiter! Sucht nur immer weiter!"

Ich selber beteiligte mich freilich nicht mehr am Suchen, sondern setzte mich da, wo ich stand, auf den Boden. Mit der Hand die beiden zerknüllten Bruchstücke glättend, suchte ich in den Sinn des Briefs – denn ein solcher konnte es nur sein – einzudringen.

Was war es, das mich so sehr aus der Fassung gebracht hatte? Der Leser meiner Reiseerzählungen möge sich erinnern, dass Marah Durimeh, meine mütterliche Freundin, bei unserer letzten Begegnung im Kulluk der Dawuhdijeh-Kurden¹² einen Satz in mein Notizbuch geschrieben hatte. Er sollte eine Art Amulett für mich sein und ich sollte davon Gebrauch machen, wenn ich mich in einer Not befände, von der ich glaubte, dass sie sich auf diese Schrift beziehe.

Das waren ihre eigenen Worte. Ich hatte den Satz – er war kurdisch – so oft gelesen, dass ich ihn auswendig kannte. Sogar im Traumzustand wäre er mir immer gegenwärtig gewesen.

„Melak a ditir, an Scheitan a ta khwa – sei deinem Nächsten ein Engel, damit du dir selber nicht zum Teufel werdest." So hatte Marah Durimeh geschrieben und hinzugefügt, dass dieser Satz das Geheimnis ihres Lebens enthalte.

Ich hatte mich über diese Worte nicht gewundert. Ihr Inhalt gehörte ja mit in den Gedanken- und Vorstellungskreis, in dem Marah Durimeh lebte und in den sie mich eingeführt hatte. Auffallend war höchstens, da es sich offenbar um ein geheimes Losungs- und Erkennungswort handelte, die Länge des Satzes. Doch darüber konnte sich auch nur jemand wundern, der die Verhältnisse nicht kannte. Denn einerseits liest sich die deutsche Übersetzung viel weitschweifiger und schwülstiger als der kurdische Satz, und dann weiß jeder Kenner des Landes, dass der Kurde ein großer Liebhaber von Sprichwörtern ist. Es gibt wenige Länder, die einen solchen Schatz von geflügelten Worten und Sätzen besitzen wie Kurdistan. Daher konnte einem Kurden der Gebrauch eines Sprichworts als Erkennungswort kaum auffallen. Und außerhalb Kurdistans kam die Anwendung dieses Losungswortes, das Marah Durimeh als einen Talisman bezeichnet hatte, wohl nicht in Frage.

Man kann sich darum mein Erstaunen vorstellen, als ich auf einmal hier, in der Dschesireh, diesen Satz vor die Augen bekam. Freilich war er nicht vollständig, aber für mich bestand kein Zweifel, dass es sich um den Satz Marah Durimehs und nur um diesen handelte.

Der Orientale schreibt bekanntlich von rechts nach links. Ich war jetzt im Besitz von zwei Bruchstücken eines Briefs, und zwar hatte ich die zwei äußeren schmalen Teile eines länglich breiten Zettels, der indes nur wenige Sätze enthalten hatte. Der mittlere, breite Teil fehlte noch – hoffentlich wurde er von den Gefährten gefunden.

Diese Erwartung sollte sich leider nicht erfüllen. Während ich in die Entzifferung der einzelnen Bruchstücke vertieft war, kam einer meiner Gefährten nach dem anderen zurück. Die Suche war ergebnislos gewesen. Als Letzter kehrte Halef zurück, der seinem Verdruss über den Misserfolg in seiner bekannten Weise Luft machen wollte. Aber ich ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.

„Tröste dich, lieber Halef! Ich brauche das Fehlende nicht. Ich lese den Brief auch so."

„So ist es also ein Brief? An wen?"

„An mich."

„Maschallâh! An – – dich! Also darum deine Aufregung! So steht wohl dein Name darauf?"

„Nein."

„Woher weißt du dann, dass – – ach so!, unterbrach er seine Frage. „Du schließt es wahrscheinlich aus der Unterschrift! Von wem ist denn der Brief?

„Von Marah Durimeh."

„Allâh kerim! Von unserer alten, lieben Freundin! Das muss ich sehen! Sihdi, zeig mir den Namen!"

„Er steht nicht da."

„Er – steht – nicht – – da?"

„Nein. Wenn mein Name und die Unterschrift Marah Durimehs überhaupt enthalten waren, so standen sie auf dem fehlenden Teil."

„So folgerst du wohl aus der Handschrift, dass der Brief von Marah Durimeh kommt?"

„Nein, es ist nicht ihre Handschrift, die ich kenne. Sie hat das Schreiben aus irgendeinem Grund nicht selber angefertigt, sondern durch jemand anderen anfertigen lassen."

„Aber dann ist es mir rätselhaft, wie du zu dem mir ganz und gar unbegreiflichen Schluss kommst, dass der Brief für dich, ausgerechnet für dich bestimmt ist."

„Da, lies selbst!"

Ich drückte ihm die beiden Zettel in die Hand. Er buchstabierte eine Weile an den arabischen Zeichen herum, wurde aber der Sache bald überdrüssig.

„Sihdi, daraus werde ich nicht ein bisschen klug. Du weißt, dass ich mich nicht mit Rätselraten befasse, und kannst nicht von mir verlangen, dass ich an diesen kläglichen Überresten herumknabbere wie ein Hund an den Knochen, die ihm sein Herr übriggelassen hat. Übrigens weißt du genau, dass Kurdisch nicht meine Glanzseite ist."

„Das weiß ich freilich und ich mute dir darum diese Gedankenarbeit gar nicht zu. Du wirst aber sehen, dass das Ding gar nicht so schwierig ist."

Zum besseren Verständnis soll der Brief hier in abendländischer Schreibart, also von links nach rechts, wiedergegeben werden.

Melak a d ................ a khwa

be hei ................ en Aqil

ek dehab ................ zin sil

pur wa emr ................ bo min

„Kennst du, Halef, begann ich mit der Entzifferung, „den Satz: ‚Melak a ditir, an Scheitan a ta khwa?‘

„Natürlich! Diese Worte hat Marah Durimeh ja in dein Notizbuch geschrieben. Ich habe sie mir gut gemerkt."

„Nun, da stehen sie wieder."

„Was? Wo?"

„Da auf den Papierschnitzeln, die du noch in der Hand hast."

Halef warf einen Blick auf das Geschriebene, dann blitzte es verständnisvoll in seinen Augen auf.

„Maschallâh! Du hast Recht. Jetzt, da du meine Nase auf die Fährte gestoßen hast, sehe ich ein, dass die erste Zeile nicht anders heißen kann."

„Diese Worte haben mich mehr davon überzeugt, dass dieser Brief für mich bestimmt ist, als wenn ich meinen Namen oder die Unterschrift Marah Durimehs selber gelesen hätte."

„Hm! Es wäre aber immerhin möglich, dass auch noch andere außer uns diese Worte kennen."

„Ohne Zweifel! Aber du vergisst den Boten."

„Wieso?"

„Marah Durimeh sendet einen Boten mit diesem Brief. Denke dir eine Linie von der Gegend, in der sich die Absenderin aufhalten muss, bis hierher und führe sie dann weiter! Wohin kommst du dann?"

„Allâh akbâr – Gott ist groß! Jetzt weiß ich, wo du hinaus willst. Die Linie würde geradewegs zu den Weidegründen der Haddedihn führen."

„Glaubst du, dass in dieser Richtung außer uns noch eine andere Person lebt, an die der Brief gerichtet sein könnte?"

„Ausgeschlossen! Sihdi, fahre weiter! Ich folge dir wie ein junges Fohlen seiner Mutter, von der es lernen soll."

„Die nächsten Worte lauten: ‚be hei‘. Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich ergänze: ‚be heiidi‘ und übersetze: komm sogleich!"

„Kuwajjis – vortrefflich!"

„Die folgenden Worte fehlen. Sie enthielten wohl die Ortsbestimmung, wohin ich mich zu wenden hätte. Aber wir können sie entbehren, denn wir haben ja den Namen der Person, die ich aufsuchen soll, wenn der Name auch nicht mehr ganz erhalten ist."

„Sihdi, sollte – sollte am Ende gar unser Freund Ssali Ben Aqil gemeint sein?"

„Sieh, wie scharf du auf einmal denken kannst, lachte ich. „Er, und nur er kann gemeint sein. Und das ist der zweite Grund, warum ich von allem Anfang an wusste, dass ich der Empfänger des Schreibens sein sollte. Neu ist mir nur, dass sich Ssali und die Absenderin kennen. Das war früher nicht der Fall, sonst hätte Ssali es mir sicher mitgeteilt.

„Sihdi, ich bin gespannt, wie es weitergeht. Was bedeuten wohl die nächsten Worte?"

„Auch sie sind nicht vollständig. Es muss wohl heißen: ‚ek dehabini wi‘ – wenn du ihn lieb hast. Ssali muss sich also in einer Gefahr befinden, und zwar in keiner kleinen, sonst würde sich Marah Durimeh wohl nicht auf meine Liebe zu ihm berufen."

„Könnte man nicht denken, dass es heißen muss: wenn du mich lieb hast?"

„Natürlich könnte man so deuten, aber nur dann, wenn man Marah Durimeh nicht kennt. Bei ihrem zurückhaltenden, herben Wesen würde sie sich nie und nimmer auf meine Liebe zu ihr berufen. Das würde ihr zu gefühlsselig erscheinen. Dafür kenne ich auch ihre Anspruchslosigkeit zu gut."

„Höre, Sihdi, nennst du das anspruchslos, wenn sie dir zumutet, alles liegen und stehen zu lassen und einen Ritt nach dem gefährlichen Kurdistan zu unternehmen?"

„Das ist mir eben ein Beweis dafür, dass es sich nicht um sie, sondern um jemand handelt, der ihr sehr nahe steht. Dieser Jemand ist natürlich Ssali Ben Aqil, der sich in Bedrängnis befindet, was die folgenden zwei Silben zeigen. ‚Zin sil‘ gibt keinen Sinn; es kann nur ‚mezin sil‘ gelautet haben, und das heißt eben: große Bedrängnis."

„Sihdi, das Dunkel beginnt sich immer mehr zu lichten."

„Es wird bald die volle Helle des Tages herrschen. Denn nachdem wir uns einmal über die Hauptsache im Klaren sind, folgt das Übrige leicht und wie von selber. Ssali Ben Aqil ist also in großer Bedrängnis. Ja, noch mehr, sein ganzes Lebenswerk ist in Frage gestellt."

„Steht das auch in dem Brief?"

„Wo denn sonst? Es geht nämlich weiter: ‚pur wa emr‘ – mehr als das Leben. Was kann das bei der geistigen und religiösen Einstellung unseres Freundes anderes heißen, als dass seine ganze Lebensaufgabe, die er sich gestellt hat, in Gefahr ist zusammenzubrechen?"

„Maschallâh! Das geht alles so leicht bei dir, Sihdi, als ob nicht Marah Durimeh, sondern du den Brief geschrieben hättest. Aber was sollen die beiden letzten Silben ‚bo min‘ bedeuten?"

„Das kann ich nicht mit solcher Sicherheit behaupten wie das Vorhergehende. Aber ich vermute, dass der Sinn der Stelle gewesen ist: Wenn du den Auftrag ausgeführt hast, den ich dir gegeben habe, dann komm zu mir! ‚Bo min‘ heißt nämlich ‚zu mir‘."

„Hamdulillâh! Das schwere Werk ist vollbracht! Ich bin mir vorgekommen wie ein Mann, dem zugemutet wird, herauszubringen, was in einer leeren Tandschara¹³ gewesen ist, Sirup oder Buttermilch. Wenn du mir in meiner Not nicht beigesprungen wärst, so würde ich noch heut übers Jahr ratlos in den leeren Topf gucken."

„Wollen wir das Ergebnis noch einmal zusammenfassen. Zuerst kommt die nur uns bekannte geheime Losung, die wohl auch den Zweck gehabt hat, den Boten zu beglaubigen. Dann folgt der eigentliche Brief, der ungefähr gelautet haben muss: Komm sofort zu Ssali Ben Aqil, wenn du ihn lieb hast. Er befindet sich in großer Bedrängnis. Mehr als sein Leben steht auf dem Spiel. Dann aber komm zu mir!"

Kara und Omar Ben Sadek, die stumm, aber in großer Spannung zugehört hatten, gaben jetzt ihrer Zustimmung lauten Beifall. Halef aber wollte noch mehr wissen.

„Sihdi, du hast den leeren Topf mit köstlichem Sirup gefüllt. Aber mir geht noch eine ganze Kamellast von Fragen im Kopf herum. Weißt du, wo die Bebbeh-Kurden gegenwärtig ihre Weidegründe haben?"

„Ja, die Abteilung, zu der Ssali Ben Aqil gehört, hat ihre früheren Wohnsitze aufgegeben und ist an den Urmia-See gezogen."

„Welcher Art wird wohl die Bedrängnis sein, in der sich unser Freund befindet?"

„Darüber bin ich mir ebenso wenig klar wie du. Der Bote hätte wohl darüber Aufschluss geben können, aber der ist tot."

„Ja di’ano – schade! Was hätte uns der Mann alles erzählen können! Zum Beispiel, wo sich Marah Durimeh aufhält. Das müssen wir doch wissen, wenn wir sie besuchen wollen. Oder ist es dir vielleicht bekannt?"

„Nein. Ich habe keine Ahnung, wo diese merkwürdige Frau in den Zwischenpausen wohnt, von denen ihr Wandern landauf, landab naturgemäß unterbrochen sein muss. Und ich bezweifle, dass ihr Bote besser unterrichtet war als wir. Es ließe sich nämlich ganz gut denken, dass sie ihre Botschaft dem nächstbesten vertrauenswürdigen Mann anvertraute, den sie irgendwo traf, sodass er gar nicht im Stande gewesen wäre, uns irgendwelche Auskunft zu geben."

„Das wäre allerdings möglich. Rätselhaft ist mir nur, wie Marah Durimeh wissen konnte, dass du gerade jetzt bei den Haddedihn warst."

„Mir nicht. Gerade du hast dafür gesorgt, dass Marah Durimeh um mein Hiersein recht gut wissen konnte."

„Wieso?"

„Nun, wer hat denn jedem, der es hören wollte, von unseren Erlebnissen auf unserer Reise nach Mekka erzählt? Glaubst du, dass solche Neuigkeiten innerhalb der Zelte deiner Haddedihn bleiben werden?"

„Hm!", brummte Halef nachdenklich.

„Und erinnere dich, wie es vor zwanzig Jahren war! Wir sind damals doch sofort zur Befreiung Amad el Ghandurs aufgebrochen und haben schnelle Tagesritte zurückgelegt. Und doch ist die Kunde von der Schlacht im ‚Tal der Stufen‘ schneller gewesen als wir.¹⁴ Überallhin ist sie uns vorangeeilt, sogar bis ins tiefste Kurdistan hinein."

„Sihdi, du verstehst es, alle meine Bedenken zu zerstreuen wie Mücken, die die Flucht vor dem Qualm ergreifen, der entsteht, wenn am Abend ein Lagerfeuer von Kamelmist angefacht wird."

„Das ist ein wunderschöner Vergleich, lieber Halef", lachte ich.

„Meine Vergleiche sind alle prachtvoll. Und du hast gar nicht zu lachen. Denn mein Vergleich spielte natürlich nur auf die Mücken an, nicht auf den Kamelmist, zu dem ich in deinen Worten nicht die geringste Beziehung finde."

„Das beruhigt mich. Ich danke dir."

„Bitte."

Nun holte Halef tief Atem. Sicher kam jetzt die Hauptsache!

„Was wirst du nun beginnen?", forschte er weiter.

„Kannst du noch fragen? Natürlich werde ich dem Hilferuf Marah Durimehs Folge leisten."

„Natürlich, sagst du? Aber deine Pflicht, die dich in die Oasen deiner Heimat zurückruft?"

„Meine Pflicht liegt augenblicklich nicht in Dschermanistan, sondern in Kurdistan."

„Aber die Gebieterin deines Herzens? Wird sie damit einverstanden sein?"

„Sie wird es. Ja, sie wäre die Letzte, die mich von der Erfüllung dessen, was ich als heilige Pflicht erkenne, abhalten würde."

„So ist also deine Reise nach Kurdistan eine fest beschlossene Sache?"

„Ja."

Da machte sich die Spannung Halefs in einem gewaltigen Seufzer der Erleichterung Luft.

„Hamdulillâh! Allah sei Lob und Preis! Sihdi, nun entsprichst du wieder ganz dem Bild, das ich von dir im Herzen trage. Du wirst nach Kurdistan reiten, anstatt Tinte zu trinken und Gänsefedern zu kauen, und wir werden Heldentaten vollbringen, wie wir sie noch nie…"

„Du sagst ‚wir‘. Wen meinst du denn damit?"

„Maschallâh! Kannst du im Ernst fragen? Natürlich meine ich dich und mich, vielleicht auch noch meinen Sohn Kara."

Da war es heraus, was ich erwartet und – gefürchtet hatte. Denn so lieb mir die Begleitung Halefs und seines Sohnes auch gewesen wäre, so gab es diesmal doch Gründe, die entschieden davon abrieten, die beiden mitzunehmen.

„Von dir ist im Brief Marah Durimehs nicht die Rede", widersprach ich daher.

„Malesch – das tut nichts. Wie sollte auch Marah Durimeh etwas so Selbstverständliches eigens erwähnen? Oder ist es vielleicht nicht so? Gehöre ich nicht zu dir wie das Husân¹⁵ zur Arabaji¹⁶, ohne das dieses nützliche Fuhrwerk zum wertlosen Sanduk, zum ganz und gar bewegungslosen, schwerfälligen Kasten wird? Hat man jemals von dir allein reden hören, oder ist nicht vielmehr neben dem Namen Kara Ben Nemsi immer auch der seines treuesten Freundes genannt worden, des Scheiks der Haddedihn vom großen Stamm der Schammar, Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah?"

„Das mag alles richtig sein. Aber du vergisst die Thar."

„Die Blutrache? Was hat die mit mir zu tun?"

„Sehr viel! Stehen nicht die Bebbeh, zu denen ich soll, mit den Haddedihn in Blutrache? Und aus wessen Pistole stammte denn die Kugel, die einst Scheik Gasahl Gaboya niederstreckte? Etwa nicht aus der deinen?¹⁷ Siehst du nicht ein, dass es gerade für dich das größte Wagnis, ja die verwegenste Tollkühnheit bedeutet, den Bluträchern unter die Augen zu treten?"

„Ach, Sihdi, wer spricht denn von diesen alten Sachen!, meinte Halef sorglos. „Seitdem ist die Thar längst eingeschlafen.

„Halef, sei nicht leichtsinnig! Eine Thar mag eingeschlafen sein, aber deshalb ist sie nicht tot, sondern sie kann beim geringsten Anlass wieder erwachen. Erinnere dich an unser Erlebnis vor Jahren, als wir das Grab Mohammed Emins besuchten!¹⁸ Mit knapper Not entrannen wir damals dem Verderben."

„Du siehst zu schwarz, Sihdi! Oder du tust nur so, um mir bange zu machen. Aber das greift bei mir nicht im Geringsten. Ich weiß, wo mein Platz ist: an der Seite meines Sihdi, dessen Beschützer ich immer gewesen bin und auch in aller Zukunft sein werde."

Da war nichts zu machen. Ich wandte mich also an Kara Ben Halef: „Kara, mit deinem Vater ist in dieser Sache nicht zu verhandeln. Ich bitte dich von Herzen, rede du ihm zu, damit er sein Vorhaben aufgibt, das ihm leicht verhängnisvoller werden kann, als er glaubt. Ich wiederhole: Die Gefahren, die auf ihn lauern, sind weitaus größer als die, denen ich entgegengehe."

Der Angeredete sah eine Weile vor sich nieder und ich sah, wie sich auf seinen jugendlichen, offenen Zügen die widersprechendsten Gefühle malten. Dann hob er mit einem Ruck

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