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Verschwörung in Germanien: Kriminalroman aus der Römerzeit

Verschwörung in Germanien: Kriminalroman aus der Römerzeit

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Verschwörung in Germanien: Kriminalroman aus der Römerzeit

Länge:
258 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
25. März 2012
ISBN:
9783402196724
Format:
Buch

Beschreibung

Rom zu Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts - Rufus beginnt seine politische Karriere. Er ist 27 Jahre alt, als er in den Kreis der 26 gewählt wird. Da er hier für das Geldwesen zuständig ist, beauftrag Kaiser Trajan ihn, einen Münzfälscher zu entlarven und dingfest zu machen. Rufus verfolgt den Verdächtigen bis in das nördliche Germanien, die Germania inferior. In der neuen Stadt Trajans, der Colonia Ulpia Traiana, geschehen - ebenso wie in dem nahe gelegenen Legionslager Castra Vetera - merkwürdige Dinge. Mit Hilfe seiner Freunde gelingt es ihm, den unwöhnlichen Kriminalfall aufzuklären.
Herausgeber:
Freigegeben:
25. März 2012
ISBN:
9783402196724
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Verschwörung in Germanien - Wolfgang Dietsch

ASCHENDORFF

CRIMETIME

WOLFGANG DIETSCH

VERSCHWÖRUNG

IN GERMANIEN

KRIMINALROMAN

Aschendorffs

EPUB-Edition

Vollständige E-Book-Ausgabe des im Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2007/2012 Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Münster

ISBN der EPUB-Ausgabe: 978-3-402-19672-4

ISBN der Druckaugabe: 978-3-402-00438-8

Sie finden uns im Internet unter

www.aschendorff-buchverlag.de

1

I

Er verließ die Colonia Ulpia Traiana, Traians Stadt am Niederrhein, durch das Nordtor. Gemächlich schlenderte er auf der Straße in Richtung Nimwegen. Als er sich weit genug von der Stadt entfernt hatte, bog er nach rechts ab. Vor ihm lag der Fluss.

Marcus Asinius Rufus war 27 Jahre alt. Er hielt sich selbst für durchschnittlich: von durchschnittlicher Intelligenz, von durchschnittlicher Größe, von durchschnittlicher Statur. Seine Freunde behaupteten, er sei ein athletischer Typ und mit seinem offenen, freundlichen Gesicht, seinen dunkelblonden Haaren und seinen blauen Augen wirkte er auf Frauen beneidenswert attraktiv. Rufus hatte seine himmelblaue, im Laufe der Jahre verwaschene Lieblingstunika angelegt, dazu seine leichten Sandalen.

Bald hatte er eine ruhige Bucht erreicht, eine Weide spendete Schatten. Entspannt und zufrieden ließ er sich im Gras der Uferböschung nieder. Das also war der Rhenus Fluvius – kaum zu glauben, denn was er sah, hatte mit dem Rhein, wie er ihn kannte, wenig Ähnlichkeit. Es waren eher mehrere Flüsse, in die der Rhein sich aufgeteilt hatte. Sie alle wälzten sich träge von rechts nach links durch die weite Tiefebene. Braungrüne, vereinzelt mit Bäumen bewachsene Inseln trennten die graublauen Flussarme voneinander.

Rufus kannte den Tiber zwischen Rom und Ostia recht gut. Auch nicht gerade ein Rinnsal, dieser Tiber, aber man hätte ihn in den Rhein leiten können, ohne einen erkennbaren Unterschied zu bewirken. Er schätzte die Entfernung vom ersten bis zum letzten der Rheinarme auf 2000 Doppelschritte.

Auf dem zweiten dieser Arme näherte sich von rechts ein Geschwader von Kriegsschiffen, er zählte dreizehn Liburnen. Es waren prächtige Schiffe, rot und golden. Am Bug des ihm nächsten erkannte er unter dem goldenen Schnabel ein weit geöffnetes, blaues Auge. Die Segel waren leider gerefft, sonst wäre ihm das Bild sicherlich noch eindrucksvoller erschienen. Er erinnerte sich an den Beginn seiner Reise nach Norden. Auch in Ostia hatte ihn der Anblick des auf ihn wartenden Geschwaders tief beeindruckt. Dieses Geschwader der Classis Germanica war wahrscheinlich unterwegs in Richtung Mare Germanicum, denn in der Nähe von Utrecht im Batavierland sollte es Unruhen geben, so hatte er gehört.

Heiß war es an diesen Iden des Monats Julius. Noch vor wenigen Wochen hätte er sich kaum vorstellen können, dass es in der Germania Inferior so heiß werden konnte. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und ließ sich auf den Rücken fallen. Die turbulenten Ereignisse der letzten Zeit hatten ihn erschöpft.

Über sich sah er dünne, weiße Schäfchenwolken. Sah die eine Wolke nicht wie ein Pferdekopf aus? Nein, wie ein ganzes Pferd – oder doch nicht? Die Formen verwischten ziemlich schnell. Eigentlich erstaunlich, war es doch hier unten windstill.

Die Wolken zogen über den Rhenus längs der Lippe in Richtung Germania Magna, so wie fast einhundert Jahre zuvor die Legionen des Varus.

Vor einiger Zeit hatte Rufus ein historisches Werk gelesen, von einem Meister auf feinsten Papyrus kopiert. Allein die drei Köcher aus hellbraunem, goldverziertem Leder waren Kunstwerke. Sein Onkel hatte ihm das Buch zur Wahl in das Kollegium der 26 Männer, den Einstieg in die römische Beamtenlaufbahn, geschenkt.

Dieses Werk, die Historia Romana, verfasst von Marcus Velleius Paterculus, war für ihn der Anlass, sich mit den Germanen selbst und der römischen Germanenpolitik zu beschäftigen. Nachdem seine Ermittlungen abgeschlossen waren, fand er dazu genügend Zeit und Muße. Er versuchte, sich an die entscheidenden Ereignisse zu erinnern. Rufus konnte so etwas am besten im lautlosen Selbstgespräch und erinnerte sich so auch an die Geschichte, die ihm der Legatus Augusti in Mogontiacum, des Kaisers Statthalter in Mainz, erzählt hatte.

„Nachdem Caesar vor eineinhalb Jahrhunderten zur Demonstration seiner Macht den Rhein überquert hatte, spielten die Germanen kaum noch eine Rolle, bis der Princeps Augustus einen Überfall auf die Römer in der Gegend von Aachen zum Anlass nahm, das Gebiet der Germanen auf Dauer neu zu ordnen. Er selbst begab sich an die Germanengrenze. Vielleicht hatte er selbst den Grundstein zu dem Legionslager Castra Vetera gelegt, das sich ganz in der Nähe befand. Von diesem Lager aus, strategisch günstig gegenüber der Lippemündung gelegen, sollten die Legionen längs der Lippe nach Osten marschieren. Gleichzeitig sollte ein Heer von Mainz aus zur Elbe vordringen. In einer Zangenbewegung sollte die Germania Magna erobert werden.

Einzelne Expeditionen durch das unbekannte Land zwischen den Strömen bereiteten die Umorganisation Germaniens nach römischen Vorstellungen vor. Auch hier sollten das römische Recht und das römische Steuersystem eingeführt werden.

Gefährlich konnte den Römern allerdings der Zusammenschluss germanischer und keltischer Stämme unter König Maroboduus werden. Ein Angriff gegen diese bedrohliche Machtkonzentration war nur deshalb unterblieben, weil im entscheidenden Augenblick ein Aufstand in der Provinz Ungarn die ganze Kraft der Römer in Anspruch genommen hatte. Unter den Offizieren, die bei diesem Feldzug Germanische Auxilia in römischem Sold befehligt hatten, war auch ein junger Cherusker namens Arminius, der wenig später in der Umgebung des Statthalters von Germanien, Publius Quinctilius Varus, wieder auftauchte.

Varus kommandierte das größte Heer, das jemals zwischen Rhein und Elbe aufmarschiert war. Fälschlicherweise nahm er an, das Land sei unterworfen und habe sich in sein Schicksal gefügt. Er glaubte es sogar noch, als sich seine germanischen Hilfstruppen und ihr Anführer Arminius unter einem Vorwand absetzten. Warnungen, der Cheruskerfürst plane Verrat, hatte er ignoriert.

Marcus Velleius Paterculus, der nicht nur Offizier und Geschichtsschreiber, sondern auch Zeitgenosse des Geschehens war, beschreibt ihn wie folgt:

„Publius Quinctilius Varus, der aus einer eher angesehenen, altadeligen Familie stammte, war ein Mann mit sanftem Wesen und ruhigem Charakter, unbeweglich an Körper und mehr noch an Geist und eher an das geruhsame Lagerleben als an den Kriegsdienst gewöhnt. Als er das Kommando über das Heer in Germanien innehatte, besaß er die Vorstellung, die Germanen seien Wesen, die nur Stimme und Körperbau mit Menschen gemein hätten, und die man nicht mit Schwertern bezwingen, sondern nur durch das Recht zähmen könne."

Nach dieser Auffassung schien er auch sein Amt geführt zu haben.

Tja – und dann die Clades Variana, das Disaster des Varus, bei der zweimal so viele Legionäre ihr Leben gelassen hatten wie die neue Colonia Einwohner hatte. Die Schlacht im Teutoburger Wald war allerdings eher ein Schlachten als eine Schlacht; der wortbrüchige Verräter Arminius hatte dem Statthalter einen Hinterhalt gelegt."

Marcus schreckte auf. War er eingenickt? Die Sonne stand schon recht tief. Es wurde höchste Zeit, in die Stadt zurückzukehren. Zum Sonnenuntergang hatte er sich mit seinem Freund Longus im Gasthaus verabredet. Der Rückweg dauerte nicht lange. Durch das Nordtor, nach links, die Befestigung war hier noch eine Wall-Graben-Anlage, jetzt nach rechts, an der vor einiger Zeit fertig gestellten Mauer entlang, links das Hafentor, rechts die Tempelbaustelle. Er musste einem Trupp von Legionären ausweichen, der in dröhnendem Gleichschritt an ihm vorbei marschierte, endlich, da vorn lag die Herberge.

2

II

Voll und laut war es im Wirtshaus, ein Stimmengewirr aus verschiedenen, ihm nicht geläufigen germanischen und gallischen Dialekten empfing ihn. Er meinte, selbst hispanische Laute zu hören. Irgendwo in dem Menschengewirr wurde ein Lied gesungen, ein Bauhandwerkerlied, das wohl im gesamten Imperium unvermeidlich war, er kannte es aus Rom.

Flinke, hübsch anzusehende Sklavinnen wuselten durch das Gedränge, sie balancierten Schüsseln und Krüge. Rufus ahnte, dass sich ihre Bedienung nicht auf Speisen und Getränke beschränken würde, in Wirtshäusern wie diesen waren sie im Nebenberuf gewöhnlich Freudenmädchen.

Longus saß an einem kleinen Tisch in der Ecke. Es dauerte einige Zeit, bis sich Rufus zu ihm durchgedrängt hatte.

„Hallo Longulus, Du bist ja die Eleganz in Person!"

„Die Götter mögen Dich segnen, Rufus! Du weißt doch, dass Du der einzige bist, der mich Longulus nennen darf?"

„Du weißt doch, dass Du mich das nicht zum ersten Mal fragst?"

Tatsächlich war Longus hoch gewachsen, er überragte Marcus um eine Handbreite. Longus war von dunkler Hautfarbe, sein schwarzes Kraushaar und seine dunkelbraunen, fast schwarzen Augen ließen erkennen, dass seine Vorfahren ursprünglich aus Aethiopia stammten. Seine dunklen Farben reichten ihm offensichtlich noch nicht aus, also trug er eine schwarze Tunica und schwarze Sandalen und wirkte so ausgesprochen elegant.

Sie hatten sich verabredet, um zu beraten, in welcher Form sie dem Imperator Caesar Traian über die Ereignisse der jüngeren Zeit, ihre Ermittlungen und deren Ergebnisse berichten sollten.

Zuerst aber wollten sie sich eine für ihre Verhältnisse umfangreiche Cena gönnen.

Zur Einstimmung genossen sie einen kräftigen Schluck Mulsum. Diese mit Honig gesüßte Weinzubereitung hatten sie erst hier in Niedergermanien zu schätzen gelernt.

Die beiden sprachen den Leckereien, weich gekochten Eiern verschiedener Vögel, gefüllten Oliven in gewürztem Öl, gedörrten Pflaumen, geräuchertem Fisch und mit Garum zubereiteten Würstchen, tüchtig zu. Auf die Würzsauce Garum wurde nie verzichtet. Es war kaum zu glauben, dass aus dem Sud verfaulter Fische etwas so köstliches wie Garum entstehen konnte.

Das Mahl wurde mit Honigkuchen und Äpfeln beschlossen.

„Lass uns noch einen Krug Wein genießen!"

„Carpe diem, sage ich immer, pflücke den Tag! Manchmal hast Du wirklich gute Ideen."

Rufus hatte es aufgegeben, seinem Freund das Zitieren berühmter Sinnsprüche abzugewöhnen. Warum auch? Manchmal waren sie ja ganz lustig.

Sie winkten eine Kellnerin in weißer Stola herbei. Ein ausgesprochen hübsches Mädchen war sie, schlank, hochgewachsen, ihr weizenblondes Haar reichte bis zu den Hüften und ihre leuchtend blauen, von dunklen Wimpern umrandeten Augen strahlten, als sie die beiden Freunde in ausgezeichnetem Latein nach ihren Wünschen fragte.

Longus starrte sie mit offenem Mund an, so eine schöne Frau hatte er noch nie gesehen, sicherlich war sie eine Göttin, die in der Rolle einer Sklavin die Menschen einmal aus der Nähe erleben wollte.

„Hallo Longulus – aufwachen!"

„Äh… ja… bitte bring uns einen Krug vom besten Wein."

Lächelnd erklärte die Sklavin: „In der vorigen Woche hat uns ein Schiff ein paar Fässer Weins von der Mosel mitgebracht, auch wir durften ihn probieren, ein frischer, würziger Wein, ich kann ihn guten Gewissens empfehlen."

Longus war zurück in der Wirklichkeit. „Bitte bring uns davon einen großen Krug!"

Während sie sich den Wein Becher um Becher unverdünnt schmecken ließen, erinnerten sie sich nicht ohne Wehmut an Erlebnisse ihrer gemeinsamen Kindheit in Italica, einer römischen Stadt in Spanien.

„Erinnerst Du Dich noch an Euglethos, unseren Grundschullehrer?, wollte Rufus wissen, „dem wir rücksichtslos und unbekümmert böse sein Stuhlbein präpariert haben; er machte keine besonders gute Figur als er – die Rute bereits erhoben, um Dich zu züchtigen – unter lautem Schülergelächter der Länge nach zu Boden schlug.

„Ja, ich erinnere mich. Dem armen Kerl haben wir oft übel mitgespielt, dabei hätten wir bei ihm, dem unterbezahlten Gelehrten von Rhodos, eine Menge lernen können."

„Da hast Du recht, hätten wir nur, aber wir waren eben Kinder, allerdings Kinder, die bereits genug gelernt hatten, um sich am Fluss ein eigenes Baumhaus zu bauen, wie oft haben wir da geheimen Kriegsrat gehalten!"

„Du machst Dich doch nicht über unseren Kaiser lustig?"

„Wie kommst Du denn darauf?"

„Du weißt schon, was ich meine. Das klang gerade, als wolltest Du ihn zitieren; Genau diese Geschichten hat uns vor ein paar Wochen Traian erzählt; seine Kindheit in Italica scheint der unseren recht ähnlich gewesen zu sein."

So ging das noch eine Weile weiter. Als sie den zweiten Krug bestellten, nannte die blonde Kellnerin auch ihren Namen: Iringa.

Oh – welch göttlicher Name, als Longus schon wieder zu träumen begann, musste Rufus ihm einen Rippenstoß versetzen.

Die beiden vervollständigten ihre Erinnerungen über das riesige Amphitheater von Italica, zu dem sie einen versteckten, unterirdischen Zugang gefunden hatten, über die Garumfabrik, wo sie manches Mal einen Topf Garum stibitzt hatten, um ihn in ihrem Baumhaus mit einem Stück Brot zu verzehren.

„Wie hieß noch mal der kleine Goldschmied, den wir oft besucht haben, kam er nicht aus Etrurien?", fragte Rufus.

„Stimmt, er kam aus Veji, sein Name war Procerna, vor drei Jahren ist er gestorben. Nachdem Du Italica verlassen hattest, hat er mich zum Goldschmied ausgebildet – ein hochinteressanter, hochintelligenter Mann, der nicht nur über seine Schmiedekunst genauestens Bescheid wusste. So hat er mir beispielsweise auch erklärt, wie unsere beiden Namen Procabo und Procerna miteinander zusammenhängen. Leider habe ich vergessen, was er damals erklärt hat. Wann bist Du eigentlich nach Ephesos gegangen?"

„Nicht in Ephesos, in Pergamon war ich bei dem Rhetoren Tullios. Er war nicht Grieche, sondern Römer, ursprünglich sogar Germane, ein glühender Cicero-Verehrer, wahrscheinlich nannte er sich auch deswegen Tullios. Das ist übrigens ziemlich genau neun Jahre her. Er hat mich zu einem leidlich guten Schreiber und Redner gemacht. Wir haben uns aber auch mit der Philosophie und der Mathematik beschäftigt, vornehmlich mit Eukleides von Alexandria und Pythagoras von Samos. Mein Lehrer Tullios war auch ein armer, vom Schicksal nicht eben verwöhnter Schlucker – genau wie unser alter Euglethos. Übrigens: Tullios’ Großvater war zur Zeit des Germanicus in römische Gefangenschaft geraten und als Sklave verkauft worden. Sein Sohn, also der Vater meines Tullios, konnte sich frei kaufen, und da er sehr an griechischer Kultur interessiert war, zog er nach Athen. Meinem Julius Tullios war Athen zu groß und zu laut, er ist nach Pergamon gezogen – vom Regen in die Traufe."

„Wir hatten uns etwas vorgenommen. Wann wollen wir mit unserem Bericht beginnen?"

„Ich fürchte, heute Abend wird nichts mehr draus."

„Nein – ich meine wo und wann ist der Anfang unseres Berichtes?"

„Ah, so war das gemeint. Ich schlage vor, in Rom, immerhin haben wir dort unsere üblen Erfahrungen mit dem Bankier Marianus Laertes gemacht."

„Gut, halten wir das schon mal fest! Du wirst doch wohl Wachstafel und Schreibstift dabei haben?"

„Wieso ich? Wer ist denn hier der Dichter? Ceterum censeo, äh, im übrigen meine ich, dass aus unserer Arbeit heute nichts mehr…"

„Schon gut, schon gut, Cato, brechen wir also die Veranstaltung ab und gehen wir schlafen! Die Rechnung darfst Du begleichen. Wann und wo treffen wir uns morgen?"

„Zur selben Zeit am selben Ort."

3

III

Longus hatte eine Kammer in der Herberge gemietet. Auch Rufus hatte hier zunächst zwei Zimmer gehabt, war aber bereits am zweiten Tage ausgezogen. Ihm war es zu laut und zu stickig gewesen. In dem Gasthaus hatte Rufus gleich am ersten Abend beinahe eine Auseinandersetzung mit einem muskelbepackten Riesen gehabt. Rufus und Longus saßen gemütlich an einem Ecktisch, um sich an einer Cena zu erfreuen, als plötzlich dieser Riese vor ihnen stand. Außergewöhnlich an dem Menschen war seine grüne Ledertunica. Soweit man bei der Kerzenbeleuchtung erkennen konnte, hatte er rotblondes Haupthaar, und aus einem feuerroten Vollbart drangen einige unflätige Verwünschungen: Er wollte unbedingt an seinem angestammten Tisch Platz nehmen, an dem Rufus gerade saß. Er beschwerte sich mit einer hohen, piepsigen Stimme, die zu seiner Erscheinung ganz und gar nicht passen wollte. Rufus musste unwillkürlich lachen, und der Riese drohte handgreiflich zu werden. Gern hätte Rufus an dem Kerl ein paar von den gemeinen Griffen und Überraschungsübungen ausprobiert, die er tagtäglich mit seinem Sklaven Pendorix übte. Er wollte aber nicht gleich am ersten Tag in der CUT auffallen, also zogen sich Rufus und Longus an einen anderen Tisch zurück.

Rufus hatte bei einer jungen Witwe eine Wohnung gefunden, die er mit Pendorix bezogen hatte. Mollia, die Wirtin, war seinerzeit gemeinsam mit ihrem Mann Lucius in die zivile Siedlung der Castra Vetera gezogen, er war Centurio der Legio XXII Primigenia gewesen. Ein Unfall während eines Manövers hatte ihn das Leben gekostet: Bei einem Übungswerfen hatte ihn versehentlich ein Wurfspeer der Infanterie getroffen – so jedenfalls hatte man ihr erklärt.

Mollia, eine fröhliche Person mit kupferrotem, halblangem Haar, schien unter dem Verlust ihres Mannes nicht mehr allzu sehr zu leiden, sie war ein ausgesprochen lebensfroher Mensch.

Ziemlich müde erreichte Rufus den Hintereingang des Stadthauses, er wurde vom mürrisch dreinblickenden Pendorix mit Vorwürfen überfallen.

„Wo warst Du, Herr? Seit der Mittagszeit warte ich ohne ein Lebenszeichen von Dir und ohne zu wissen, wohin Du gegangen bist."

„Schon gut, schon gut, Pendorix; ich habe vergessen, Dich um Erlaubnis zu bitten, einen Spaziergang zu machen. Im übrigen sollst Du mich nicht immer Herr nennen, wie oft habe ich Dir das schon gesagt? Mein Name ist Marcus Asinius Rufus, nenne mich Marcus! Außerdem bin ich viel zu erschöpft, um mich mit Dir zu streiten."

Rufus wusste, dass er Pendorix nicht so behandelte, wie man einen Sklaven behandeln sollte – nämlich wie einen Gegenstand. Im Gegensatz zu den meisten Römern war er der Meinung, Sklaven seien auch Menschen. Zudem war Pendorix eine Generation älter als er. Rufus ging mit Pendorix um wie mit einem Partner, fast

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