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Heimkehr: Kriminalroman

Heimkehr: Kriminalroman

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Heimkehr: Kriminalroman

Länge:
253 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
25. März 2012
ISBN:
9783402196656
Format:
Buch

Beschreibung

Hans Dörfner, bekannter Soziologieprofessor, kommt nach Jahrzehnten zurück in seine Heimatstadt Unna, um einen Vortrag zu halten. Kurz vor Veranstaltungsbeginn verschwindet er auf unerklärliche Weise aus seinem Hotel. Anselm Becker, Dortmunder Kommissar, macht sich lustlos auf die Suche. Der Professor ist ein Frauentyp, sein Verschwinden scheint ihm eine harmlose Ursache zu haben. Erst als er entdeckt, dass der Professor von Neonazis, über die er geforscht hat, bedroht wurde, beginnt er, seinen Auftrag ernst zu nehmen. Gleichzeitig tauchen Menschen aus Dörfners Vergangenheit auf, und die Zusammenhänge werden immer undurchsichtiger. Zu all seinen Ermittlungen bewegt Becker unverhofft auch noch eine private Veränderung.
Herausgeber:
Freigegeben:
25. März 2012
ISBN:
9783402196656
Format:
Buch

Über den Autor


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Heimkehr - Heinrich Peuckmann

ASCHENDORFF

CRIMETIME

HEINRICH PEUCKMANN

HEIMKEHR

KRIMINALROMAN

Aschendorffs

EPUB-Edition

Vollständige E-Book-Ausgabe des im Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2010/2012 Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Münster

ISBN der EPUB-Ausgabe: 978-3-402-19665-6

ISBN der Druckaugabe: 978-3-402-12855-8

Sie finden uns im Internet unter

www.aschendorff-buchverlag.de

1

1.

Die Sonne spiegelte sich im Wasser des Aasees, seine Wellen glitzerten golden. Anselm Becker genoss es, den asphaltierten Weg am Ufer entlangzuschlendern. Der glitzernde See, die ruhig dahindümpelnden Segelboote, das leise Plätschern der Wellen, das alles wirkte beruhigend auf ihn.

Vorhin war er an den Aasee-Terrassen vorbeigekommen und hatte kurz überlegt, ob er sich in eines der Cafés setzen sollte. Aber er hatte keinen freien Tisch gefunden und war weitergegangen. Zu stark war der Wunsch, das Treiben am und auf dem See aus der Ferne zu beobachten, im Übrigen aber ungestört von Tischnachbarn seinen Gedanken nachzuhängen. Der Wanderweg schien ihm der richtige Ort zu sein.

Die Bänke, an denen er vorbeikam, waren besetzt. Es kam ihm so vor, als hätte sich die halbe Stadt aufgemacht, um das schöne Wetter nach einer langen Regenwoche am Aasee zu genießen.

Anselm blickte hinüber zur Straße. Auf der bebauten Seite befand sich ein Studentenheim. Drei junge Leute saßen auf den Treppenstufen davor und redeten miteinander, sonst war es ruhig. Kein Wunder, dachte Anselm. Es war Samstag, da waren die meisten Studenten zu Hause bei ihren Eltern. Zu Hause, dachte Anselm. Ja, irgendwie war er das inzwischen in Münster, zu Hause bei Tanja. Und wenn sie mal Abstand voneinander brauchten, hatte er immer noch seine Junggesellenbude in Werne. Eine Lösung, mit der er sich arrangiert hatte, bis, ja

bis …

Ein älteres Ehepaar kam ihm entgegen. Der Mann hatte sich bei der Frau eingehakt und ging weit vorgebeugt, so dass es aussah, als ließe er sich von der Frau ziehen. Obwohl es warm war, trug er seine Jacke bis zum Hals geschlossen. Anselm drehte sich nach ihnen um, nachdem sie an ihm vorbeigegangen waren. So ist also das Alter, dachte er. Wie gut, wenn man dann jemand hat, der einen stützen konnte. Aber war es auch gut, jemand zu haben, den man stützen musste? Er schüttelte den Kopf. Was dachte er da? Vor allem, worüber machte er sich Sorgen? Sein Problem war ein ganz anderes. Problem, dachte er dann, war das wirklich das richtige Wort für das, was ihn bewegte?

Plötzlich fand er doch eine unbesetzte Bank und steuerte sofort auf sie zu. Ein bisschen ausruhen mit Blick auf das Wasser tat ihm jetzt gut. Er legte die Arme ausgestreckt auf die Lehne, als wollte er die Bank ganz für sich allein in Besitz nehmen. Auf dem See herrschte großes Getümmel. Die Optimistenboote der Jugendlichen, die größeren Segelboote, die Tretboote für die Familien, alles schipperte durcheinander. Anselm fiel der schwarze Schwan ein, der sich in ein Tretboot in Schwanengestalt verliebt hatte. Keinen Moment ließ das Tier sein geliebtes Tretboot aus den Augen. Das Fernsehen hatte mehrfach über ihn berichtet, selbst in China war der falsch gepolte Schwan aus Münster bekannt. Er hielt Ausschau nach dem Vogel, konnte ihn aber nicht entdecken. Vielleicht war es besser so, dachte er. Ein Schwan, der sich in eine Holzattrappe verliebt hatte, war kein erfreulicher Anblick, im Gegenteil, er war so bemitleidenswert wie Menschen, die sich in einer virtuellen Welt verloren. Die sich in Personen verliebt hatten, die es überhaupt nicht gab. Sterile, fruchtlose Liebe war das, in beiden Fällen.

Anselm musste grinsen. Könnte sein, dass er als Dortmunder Kommissar demnächst auch noch in dieser Welt einen Mord aufklären müsste. Zum Beispiel einen Mann zu überführen, der aus Eifersucht seine virtuelle Freundin in „second life" ermordet hatte. Vielleicht würde der Mörder aus tiefer Betroffenheit heraus sogar noch geständig sein und sich der Polizei stellen, aber wo blieb die Leiche? In welche Sphären der Computerwelt hätte sie sich verflüchtigt? Und ohne Leiche taugte auch das beste Geständnis nichts. Der Täter könnte es jederzeit widerrufen, Anselm stünde ohne Beweise da.

Er schüttelte den Kopf. Was dachte er da? Langsam fing er an zu spinnen.

Ein Liebespaar ging vorbei. Gott sei Dank, der Anblick einer ganz realen Liebe lenkte ihn ab. Das Mädchen, schwarzhaarig und deutlich kleiner als ihr schlaksiger Freund, neckte ihn. Sie puffte ihm in die Seite, lief aus Spaß weg und ließ sich von ihm einholen. Immer sind wir es, die hinterherlaufen müssen, dachte Anselm, obwohl auch das nicht stimmte. Tanja war bei ihm geblieben, sie war nicht weggelaufen, auch nicht zum Spaß. Sie war da, und wie sie das war.

Seine Gedanken waren wieder bei ihr, und gerade in dem Moment, als hätte ihn eine innere Stimme herbeigerufen, kam ein Mann vorbei, der einen Kinderwagen schob. Das passte. Das passte zu all dem, was ihn bewegte. Er schätzte den Mann auf etwa vierzig, höchstens auf zwei, drei Jahre jünger, als er es selber war. Wenn ein Mann in Dortmund in diesem Alter einen Kinderwagen schob, handelte es sich um den Opa. Hier, in der Uni-Stadt Münster mit langer akademischer Ausbildung, war es wahrscheinlich der Vater.

Vater. Da war das Wort. Er wiederholte es in Gedanken, um zu spüren, welche Gefühle es in ihm auslöste. Zuerst einmal keine. Zu fremd war es ihm in Zusammenhang mit seiner Person. Obwohl … Er rief sich die Szene von vorhin in Erinnerung. Eine knappe Stunde war seither vergangen. Tanja hatte sich angezogen, um zum Kaffeetrinken zu einer Freundin zu fahren. Eine Freundin, die gleichzeitig Kollegin in der Uni-Bibliothek war, in der Tanja arbeitete. Die beiden hatten schon lange vorgehabt, sich zu einem Frauengespräch zu treffen. Während sie sich anzog, normale Jeans, eine weiße Bluse, sagte sie ihm im Vorübergehen, dass sie seit zwei Monate über ihrer Zeit sei. Anselm hatte zuerst gar nicht begriffen, was sie damit meinte. Über welche Zeit denn? Gott sei Dank hatte er seine Frage nicht gestellt, so dass Tanja seinen fragenden Blick missverstanden hatte.

„Was guckst du denn so?, hatte sie gesagt, „das muss noch nichts bedeuten. Ich gehe nächste Woche zum Arzt und lasse testen, ob ich schwanger bin oder nicht.

Schwanger! Erst da hatte er ihre Andeutung kapiert. Mein Gott, es konnte sein, dass sie ein Kind bekam. Ein Kind von ihm! Oder besser gesagt, es konnte sein, dass er Vater wurde. Ein Gedanke, der ihn aus der Fassung brachte. Vater. Er, Anselm Becker.

Wollte er das überhaupt? Er wusste es nicht. Deshalb hatte er, nachdem Tanja gegangen war, unbedingt raus gemusst aus der Wohnung, die ihm plötzlich zu eng erschienen war, um sich über sich selber klar zu werden. Aber je mehr er beim Spaziergang darüber nachdachte, desto mehr senkte sich Nebel vor sein inneres Auge. Noch eine halbe Stunde Wanderung um den Aasee, und er würde überhaupt nicht mehr ein noch aus wissen.

Wenn er das seiner Mutter erzählen würde, fiel ihm plötzlich ein. Um Gottes Willen, seine Mutter! Sie würde ihm gar keine Wahl lassen, wenn sie es erführe. „Endlich, würde sie rufen, „wie lange habe ich darauf warten müssen. Ein Enkelkind! Ich werde doch noch Großmutter! Dem Himmel sei Dank.

Dann würde sie anfangen, etwas zu stricken für das Kind, das es noch gar nicht gab, Söckchen, einen kitschig bunten Strampler. Und natürlich würde sie Tante Lisbeth anrufen, ihre Schwester.

„Stell dir mal vor, Lisbeth, ich werde Oma", würde sie rufen. Anselm glaubte schon, ihre Stimme zu hören, vor allem ihre unüberhörbare Schadenfreude, die einzig eines bewirken sollte. Dass Tante Lisbeth neidisch wurde. Die beiden gönnten sich einfach nichts. Stets nahm die eine die Erfolgsmeldungen der anderen mit aufgesetzter, zähneknirschender Freundlichkeit zur Kenntnis und schaffte es nur mit Mühe, die Missgunst zu unterdrücken.

Wenn ihm bis jetzt noch nicht viel klar geworden war, eines wusste er auf jeden Fall. Dass seine Mutter nichts davon erfahren durfte. Auf keinen Fall durfte er ihr gegenüber auch nur die geringste Andeutung machen.

Ansonsten bewirkte sein Nachdenken keine Klarheit, sondern immer größere Unruhe. Er schaffte es einfach nicht, ruhig auf der Bank zu sitzen, sprang auf und lief weiter. Was sollte er jetzt machen? Hoffen, dass es Fehlalarm war? Und wenn es das nicht war, wenn sie wirklich schwanger war, sollte er Tanja etwa zu einer Abtreibung überreden? Und falls sie das nicht wollte, sollte er sie dann heiraten, nach Münster ziehen und in Familie machen? Eine Familie mit zwei Kindern. Mit Tanjas computersüchtigem Sohn Thomas und einem leiblichen Kind? Wollte er das?

Wie er es auch drehte und wendete, er kam einfach nicht weiter. Nervös blickte er auf seine Uhr. Kurz vor halb vier. Gleich würde im Radio die Fußballbundesliga-Übertragung beginnen. Das erste Spiel in der neuen Saison, seine Borussia gegen den 1. FC Köln. Er beschloss, zurückzugehen zu Tanjas Wohnung in der Wilmergasse und dort die Übertragung im Radio zu hören. Vielleicht lenkte ihn das ab. Borussias Start in die neue Saison. Eigentlich müssten sie gewinnen, dachte er. Die Kölner waren nicht stark, außerdem fehlten ihnen ihre beiden besten Stürmer wegen Verletzung. Das könnte ein guter Einstieg in die Saison werden, und wenn das erste Spiel erst mal gewonnen war … Er beeilte sich mit dem Rückweg. Wenn nichts ihn aus seinen Gedanken retten könnte, der Fußball würde es schaffen. Plötzlich war ihm etwas leichter zumute.

2

2.

Er hatte gerade das Hotelzimmer betreten, da klingelte auch schon das Telefon. Im ersten Moment hatte er geglaubt, der Mann von der Rezeption hätte vergessen, ihm etwas mitzuteilen, was das Hotel betraf und wollte das jetzt nachholen. Etwa wo sich der Frühstücksraum befand und ab wann er es zu sich nehmen könnte. Ein wenig unwirsch hatte er nach dem Hörer gegriffen und war überrascht gewesen, wer sich meldete. Nein, mit diesem Anruf hatte er nicht gerechnet. Ja, er hatte zugestimmt. Er war sofort einverstanden gewesen mit dem Vorschlag, der ihm gemacht wurde.

„Ja, ist gut, hatte er gesagt, „ich komme.

Es war ein angenehmes Gefühl gewesen, das ihn durchströmte. Danach hatte er sich erst mal hingelegt. Die lange Zugfahrt aus Hamburg mit dem Umsteigen in Dortmund und Hagen hatte ihn angestrengt. Er hatte sich die Fahrt hierher einfacher vorgestellt, obwohl er doch wissen musste, wie schwierig es war, Unna mit dem Zug zu erreichen. Daran würde sich, da konnten noch so viele Jahre vergehen, nichts ändern. Er hatte bei der Planung dieser Reise einfach nicht daran gedacht.

Die Arme unter dem Kopf verschränkt und mit ausgestreckten Beinen lag er auf dem Oberbett. Die Entspannung, das spürte er, tat ihm gut. Zwischendurch blickte er auf seine Armbanduhr. Bis zu seinem Auftritt hatte er noch gut zwei Stunden Zeit, kein Grund also, unruhig zu werden. Er musste sich auch nicht mehr auf seinen Vortrag vorbereiten, denn während der Zugfahrt hatte er in seinem Buch, aus dem er gleich etwas erzählen sollte, geblättert und Papierschnipsel in die Seiten gelegt, aus denen er etwas vorlesen oder zitieren wollte. Das reichte. Nach fast 30 Jahren Lehrtätigkeit brauchte er kein Konzept für einen Vortrag. Das Buch lag griffbereit neben ihm auf dem Nachtschränkchen.

Plötzlich spürte er doch eine innere Unruhe, die ihn aufstehen ließ. Er war zurückgekehrt, mein Gott, nach wie viel Jahren? Er trat ans Fenster und blickte hinaus. Drüben war der Bahnhof. Viel hatte sich nicht geändert seit damals, seit das alles seine Stadt gewesen war. Das Gebäude war dasselbe, nur war es hell gestrichen. Damals, zu seiner Zeit, war es grau gewesen. Aber auf dieser Seite, dem Bahnhof gegenüber, hatte sich alles verändert. Damals hatten hier Bänke gestanden, auf denen er und seine Freunde gesessen und geredet hatten. Oder waren es gar keine Bänke gewesen? War es eine kleine Steinmauer gewesen, die eine Treppe begrenzte, über die man vom Bahnhof in die Innenstadt gehen konnte? Er wusste es nicht mehr. Jedenfalls hatten ein paar Bäume dort gestanden, unter denen sie oft gesessen und geredet hatten, so viel war sicher.

Jetzt standen dort das Hotel, in dem er abgestiegen war und das neue Rathaus. Er hatte es schon mal gesehen, vor vielen Jahren, aber er konnte sich nicht mehr genau erinnern. Damals war er zu einem Zwischenstopp nach Unna gekommen, um eine Studentin abzusetzen, die hier wohnte. Er hatte niemanden getroffen, den er von früher kannte, und auch der Studentin, die als Hilfskraft bei ihm gearbeitet hatte, nichts von seinem Bezug zu Unna erzählt. Er hatte auch nicht das Bedürfnis gehabt, das Auto irgendwo zu parken und durch die Stadt zu laufen, sondern er hatte sie so schnell wie möglich wieder verlassen. Es war die Zeit gewesen, in der er eine Rückkehr an die Orte der Kindheit und Jugend für sentimental gehalten hatte.

Es fiel ihm ein, dass dort, wo jetzt das Rathaus stand, zu seiner Zeit eine Ladenzeile gewesen war mit dem kleinen Kaffeelädchen, in dem er sich mit seinen Schulfreunden getroffen hatte. Mein Gott, daran hatte er in all den Jahren nicht mehr gedacht. Bei „Mutti Jakobs", wie Martin den Ort aus Spaß genannt hatte. Auch das fiel ihm plötzlich wieder ein. Immer mittwochs zur ersten Stunde hatten sie sich dort getroffen, während des Schulgottesdienstes in der Stadtkirche. Gottesdienste empfanden sie als spießig, als Ausdruck eines konservativen Weltbilds, das sie ablehnten. Da kamen sie lieber in dem kleinen Lädchen zusammen, quetschten sich um einen der Stehtische, diskutierten über Gott und die Welt und tranken Kakao. Kaffee schmeckte ihm und seinen Freunden noch nicht. Doch, ihre Gespräche damals hatten was. Um soziale Gerechtigkeit ging es ihnen, um das Vertreiben der Altnazis von den Schalthebeln der Macht, um den Zusammenhang von Wissenschaft und Religion. Er musste schmunzeln, als er daran dachte. Wahrscheinlich waren sie viel religiöser gewesen, als sie sich das damals zugeben wollten. Und dann, kurz vor neun Uhr, waren sie doch noch in die Stadtkirche geschlichen, hinauf auf die Empore und hatten das Schlusslied aus voller Kehle mitgesungen, so dass sich ihre Lehrer umdrehten, ihnen wohlgefällig zunickten und dachten: Na bitte, da sind sie doch.

Sie hatten die Schau nicht aus Angst vor den Lehrern abgezogen, den Konflikt mit ihnen hätten sie in Kauf genommen. Sie waren aufmüpfig gewesen, schon gut zwei Jahre vor der Studentenrevolte in Berlin. Sie hatten es getan, weil es ihnen Freude machte, die Lehrer auf den Arm zu nehmen.

Er musste lachen, rief sich aber im nächsten Moment selbst zur Ordnung. Solche Erinnerungen sind nichts als Kitsch, dachte er. Sie sind verklärt und Verklärung liebte er nicht. Die Fakten, die messerscharfe Analyse, das war sein Metier. Nicht die Romantisierung.

Er hätte gar nicht hierherkommen sollen, dachte er dann, aber die Versuchung war einfach zu groß gewesen. Als die Anfrage zu einem Vortrag kam, hatte er nicht einmal überlegt, ob er annehmen sollte, sondern sofort zugesagt. Jetzt, wo er mit klarem Kopf darüber nachdachte, war ihm auch klar, warum. Er wollte sich beweisen. Er wollte jenen, aus deren Umfeld er stammte, zeigen, was aus ihm geworden war, egal, ob sie zu seinem Vortrag kamen oder nicht. Sie würden es ja auf jeden Fall mitkriegen, durch den Tratsch in der Stadt, durch die Berichte in der Lokalpresse. Das war die Versuchung gewesen, der er erlegen war. Denen, die mit ihm ins Leben gestartet waren, beweisen, dass er etwas geschafft hatte. Er schüttelte den Kopf. Dass er so etwas nötig hatte, jemand wie er.

Er schaute wieder auf die Uhr. Noch eineinhalb Stunden, dann wollte ihn der Mann, der ihn engagiert hatte, abholen. So hatte er es ihm gestern Abend bei einem Anruf versprochen. Irgendwie freute er sich auf diese Begegnung. Der Mann war freundlich gewesen am Telefon. Er hatte interessiert gewirkt und sich bestens ausgekannt in seinem Werk. Das hatte ihm den Mann sofort sympathisch gemacht, weil so was selten genug vorkam, selbst bei seinen Studenten. Sonst reagierte er eher abwartend und prüfte sorgfältig, bevor er jemanden an sich heranließ. Auch dann, wenn er sein Werk gut fand. Komisch, dass er bei diesem Mann eine Ausnahme gemacht hatte. Irgendwas war es gewesen, das ihn angesprochen hatte, aber er wusste nicht, was.

Vielleicht hatte er ja nur seinetwegen zugesagt, dachte er, und nicht aus Gründen der Nostalgie oder um sich vor den Leuten in Unna zu beweisen. Vielleicht war es einfach nur deshalb gewesen, weil jemand ihm gegenüber den richtigen Ton getroffen hatte.

Wieder schüttelte er den Kopf. Was sollte das, das glaubte er doch selber nicht. Wie lange wollte er sich etwas vormachen? Kühlen Kopf bewahren, nahm er sich vor, sachlich bleiben. Jetzt bist du eben hier, warum auch immer. Dann ziehst du das auch durch und zwar ganz ohne dir etwas vorzumachen. Es ist wie es ist, und auch du bist nicht frei von Schwächen.

Plötzlich klingelte wieder das Telefon. Ist das etwa schon der Mann, der ihn abholen wollte? Möchte er vielleicht früher kommen, weil er noch etwas mit ihm besprechen wollte? Oder war es der Anrufer von vorhin? Aber warum, es war doch alles klar. Sie hatten sich geeinigt. Nachher, nach der Veranstaltung, wollten sie sich treffen. Da gab es doch gar nichts mehr zu klären.

Er griff zum Hörer und hörte zuerst ein merkwürdiges Rauschen. Erst nach längerer Zeit der Eingewöhnung nahm er eine verschwommen sprechende Stimme wahr. War das die Stimme von eben? Aber warum spricht sie dann so unklar, während sie eben noch so klar und verständlich geklungen hatte, fragte er sich. Dann endlich konnte er einzelne Worte heraushören, wenn auch immer noch unklar. Noch jemand möchte ihn sprechen, jemand ganz

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