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10 Morde, 10 Killer - 10 Krimis auf 1400 Seiten: Ermordet und ermittelt
10 Morde, 10 Killer - 10 Krimis auf 1400 Seiten: Ermordet und ermittelt
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eBook1.984 Seiten21 Stunden

10 Morde, 10 Killer - 10 Krimis auf 1400 Seiten: Ermordet und ermittelt

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Über dieses E-Book

10 Morde, 10 Killer - 10 Krimis auf 1400 Seiten: Ermordet und ermittelt

von Alfred Bekker, Peter Schrenk & A. F. Morland, Manfred Weinland, Cedric Balmore

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1400 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Manfred Weinland: Tiefgefroren schläft man länger

Peter Schrenk: ...und dann Berlin

Alfred Bekker: Tot und blond

A. F. Morland: Flucht in die Berge

Alfred Bekker: Wir fanden Knochen

A. F. Morland: Die Highway-Banditen

A. F. Morland: Heißer Schnee aus Kanada

Alfred Bekker: Die Apartment-Killer

Alfred Bekker: Der Hacker

Cedric Balmore: Kommissar Morry – Das Phantom

Hauptkommissar Vitus H. Benedict, Leiter der Düsseldorfer Mordkommission, hat alle Hände voll zu tun: Nicht genug, dass ein sexuell gestörter Serientäter, der eines seiner Opfer getötet hat, weiterhin sein Unwesen in der Landeshauptstadt treibt und deshalb die neue Kollegin, Kommissarin Leiden-Oster, ihm und den anderen männlichen Polizeikollegen die Hölle heißmacht, weil diese keine Fahndungserfolge liefern. Das hat erhebliche Auswirkungen auf das Arbeitsklima.

Als besondere Herausforderung erhält der kompetente, aber etwas überforderte Leiter des 1. Kommissariats den Auftrag, eine SOKO zu leiten, die für den sicheren, reibungslosen Ablauf des königlichen Staatsempfangs von Prinz Charles und Lady Diana auf Schloss Benrath sorgen soll. Gemeinsam mit den beiden irischen und dem englischen Kollegen arbeitet Benedict fieberhaft daran, ein Terrorkommando der IRA rechtzeitig zu enttarnen und das geplante Attentat auf die Royals zu verhindern.

SpracheDeutsch
HerausgeberAlfred Bekker
Erscheinungsdatum7. Sept. 2019
ISBN9781540107268
10 Morde, 10 Killer - 10 Krimis auf 1400 Seiten: Ermordet und ermittelt
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Autor

Alfred Bekker

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

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    10 Morde, 10 Killer - 10 Krimis auf 1400 Seiten - Alfred Bekker

    10 Morde, 10 Killer - 10 Krimis auf 1400 Seiten: Ermordet und ermittelt

    von Alfred Bekker, Peter Schrenk & A. F. Morland , Manfred Weinland, Cedric Balmore

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 1400 Taschenbuchseiten.

    Dieses Buch enthält folgende Krimis:

    Manfred Weinland: Tiefgefroren schläft man länger

    Peter Schrenk: ...und dann Berlin

    Alfred Bekker: Tot und blond

    A. F. Morland: Flucht in die Berge

    Alfred Bekker: Wir fanden Knochen

    A. F. Morland: Die Highway-Banditen

    A. F. Morland: Heißer Schnee aus Kanada

    Alfred Bekker: Die Apartment-Killer

    Alfred Bekker: Der Hacker

    Cedric Balmore: Kommissar Morry – Das Phantom

    Hauptkommissar Vitus H. Benedict, Leiter der Düsseldorfer Mordkommission, hat alle Hände voll zu tun: Nicht genug, dass ein sexuell gestörter Serientäter, der eines seiner Opfer getötet hat, weiterhin sein Unwesen in der Landeshauptstadt treibt und deshalb die neue Kollegin, Kommissarin Leiden-Oster, ihm und den anderen männlichen Polizeikollegen die Hölle heißmacht, weil diese keine Fahndungserfolge liefern. Das hat erhebliche Auswirkungen auf das Arbeitsklima.

    Als besondere Herausforderung erhält der kompetente, aber etwas überforderte Leiter des 1. Kommissariats den Auftrag, eine SOKO zu leiten, die für den sicheren, reibungslosen Ablauf des königlichen Staatsempfangs von Prinz Charles und Lady Diana auf Schloss Benrath sorgen soll. Gemeinsam mit den beiden irischen und dem englischen Kollegen arbeitet Benedict fieberhaft daran, ein Terrorkommando der IRA rechtzeitig zu enttarnen und das geplante Attentat auf die Royals zu verhindern.

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

    © by Authors

    © dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    Tiefgefroren schläft man länger

    Krimi von Manfred Weinland

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 103 Taschenbuchseiten.

    Die FBI-Agenten Jesse Trevellian und Milo Tucker müssen den Mord an ihrem Kollegen Jay Bonner aufklären. Offenbar war der G-Man bestechlich und er und ein Drogendealer töteten sich gegenseitig wegen des Schmiergeldes. Außerdem stellt sich heraus, dass Bonner Kunde von Trans Time war - eine dubiose Firma, die damit wirbt, Menschen nach ihrem Tod mittels Einfrierverfahren zu konservieren. Beim FBI ermittelt Sonderstaatsanwalt Salomon Frost, der für Korruption innerhalb Bundespolizei zuständig ist, auch gegen sie, denn er vermutet eine weitreichende Korruptionsaffäre. Tatsächlich findet Frost bei einer Hausdurchsuchung in Milo Tuckers Apartment jede Menge Bargeld, das von dem toten Dealer stammt ...

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

    © by Author

    © dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

    Alle Rechte vorbehalten.

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    1

    Jay Bonner wischte den modrigen Vorhang beiseite und trat hinter die Theaterbühne. Nur ein läppisches Notlicht brannte. Die Heizung war ganz ausgefallen. Es war so kalt, dass sich Atemfahnen vor dem Mund bildeten.

    »Kid?«, rief der G-Man fröstelnd.

    Ein Scheinwerfer flammte direkt über seinem Kopf auf und verwandelte sein Gesicht in einen gleißenden Fleck, der in der umgebenden Dunkelheit auseinanderzulaufen schien.

    Pournelle gefiel sich in der Mephisto-Rolle. Sein Lachen rollte wie ein teuflisches Echo von allen Seiten heran.

    »Hier!«, rief er. »Hier bin ich!«

    Bonner wirbelte auf dem Absatz herum. Hinter ihm - nur Schritte entfernt - stand Josh Pournelle, der Drogenkönig, den sie »Kid« nannten, weil er seine Kundschaft vornehmlich an den Schulen und Kindergärten der Stadt rekrutierte.

    »Ich hörte, du hattest unangemeldeten Besuch«, sagte Bonner rau. Die Worte sollten das übliche Zahlungsritual einleiten.

    Pournelle trug einen schwarzen Umhang, der vermutlich aus einer vergessenen Requisite stammte. Sein sanftes Onkelgesicht sah aus wie ein aufgeblasener Ballon, den jemand mit Augen, Mund und Nase bemalt hatte. Eine Karikatur - aber eine gelungene.

    So freundlich sieht also der Tod aus, dachte Bonner. Er war erstaunlich dünnhäutig an diesem Abend.

    Er selbst hatte Pournelle einmal beobachtet, wie er auf Kinder am Rande einer Schule zugegangen war und seine »Geschenke« unter sie verteilt hatte. Bunte Klebebilder mit Superman, Disney-Figuren oder bekannten Baseball-Spielern. Eine Woche später war er wiedergekommen. Das LSD auf der Gummierung hatte inzwischen seine Arbeit getan. Über Mund- oder bloßen Hautkontakt war das Gift in den Körper der Kinder gelangt und hatte sie süchtig gemacht. Bei manchen klappte es nicht auf Anhieb; aber Pournelle war ein geduldiger »Onkel«. Er erschien an wechselnden Orten, aber in regelmäßigen Abständen. Einmal der Sucht verfallen, gab es nichts mehr umsonst. Die Kinder, die bei ihm einkauften, bestahlen zu Hause ihre Eltern, um an das Geld heranzukommen. Manche beraubten auch ihre schwächeren Klassenkameraden.

    Gott sei Dank habe ich selbst keine Bälger, dachte Bonner, als »Kid« Pournelle auf ihn zukam. Einen Moment drohte ihn ein Schwindel zu erfassen, doch er kämpfte erfolgreich dagegen an.

    »Dein Tipp kam goldrichtig, danke!«, lächelte der Dealer. »War das eine Razzia! Und haben die Knaben Augen gemacht, als sie nichts fanden.« Pournelle wollte in neues, wieherndes Gelächter ausbrechen, überlegte es sich aber anders, als er Bonners Miene deutete.

    »Was ist mit dem versprochenen Lohn?«, fragte der G-Man. »Es ist nicht gut, wenn ich mich zu lange aufhalte.«

    »Angst?«, erkundigte sich Pournelle lauernd.

    »Das Geld«, verlangte Bonner ungeduldig. Er hatte Angst - aber eine Art Angst, die sich Pournelle nicht hätte vorstellen können. Niemand konnte das. Nicht einmal sein Arzt.

    »Schon gut ...«

    Der Dealer holte eine abgesägte Schrotflinte unter dem Umhang hervor und richtete sie auf den Mann im gefütterten Trenchcoat.

    Bonner hielt die Luft an. Als er erkannte, was Pournelle vorhatte, tauchte seine Hand wie tausendfach geübt unter den Mantel.

    Aber zu spät.

    Pournelle drückte aus allernächster Nähe ab.

    Der Knall pflanzte sich wie schauriger Donnerhall durch die verlassenen Zuschauerränge.

    »Bombige Akustik!«, rief Pournelle begeistert.

    Bonner war von der Wucht der Schrotladung nach hinten gegen eine alte Pappkulisse geworfen worden. Staub wirbelte auf, als er rudernd und blutüberströmt zu Boden glitt.

    Pournelle wandte sich ab und schlenderte den Gang hinunter, der zu den Garderoben führte.

    »Armer Narr«, murmelte er.

    Mit der Stiefelspitze stieß er die angelehnte Tür nach innen und betrat die erleuchtete Kammer. Während er nachdenklich den Verschluss des Umhangs aufknöpfte und die Waffe auf einem Tisch ablegte, wanderte sein Blick zu dem offenen Koffer auf der Spiegelkommode.

    Die Dollarbündel darin waren Balsam für seine angeschlagene Seele. Er hätte Bonner auszahlen können, natürlich - aber das hätte weit mehr gekostet als die Ladung Schrot, mit der er ihn nun ins Jenseits befördert hatte. Außerdem wollte Pournelle keine Zeugen auf seiner Flucht zurücklassen. Bonner hatte ihm zwei Jahre lang den Rücken freigehalten. Mit einer gehörigen Portion Glück hatte es Pournelle immer wieder geschafft, seinen Kopf aus der schon geknüpften Schlinge zu ziehen. Aber die letzte Razzia war das Signal gewesen, dass er den Bogen nicht überspannen durfte. Deshalb hatte er beschlossen, sein »Erspartes« zusammenzukratzen und alle Brücken hinter sich abzubrechen. Ein Vetter von ihm führte ein lukratives Immobiliengeschäft in Boston. Dort wollte Pournelle mit seinem Blutgeld als Teilhaber einsteigen. Er würde ...

    Das Geräusch ließ ihn herumfahren.

    Ein Schatten wuchs durch die offene Tür herein.

    »Kid.« Pournelle gab einen erstickten Laut von sich, als er Jay Bonner erkannte. Mit einem Sprung war er dort, wo er die Flinte abgelegt hatte. Er riss sie an sich und legte auf den G-Man an, der zombiehaft auf ihn zutappte. Der Mantel des Mannes war gespickt mit dunklen Punkten, aus denen das Blut wie durch eine Lochmatrize quoll. Bonner schnaufte asthmatisch. In seiner Faust wackelte die Waffe, und ehe Pournelle wusste, wie ihm geschah, löste sich der Schuss aus dem dunklen Lauf.

    Dass er selbst noch einmal abdrückte, war ein Reflex, der Bonner fast den linken Arm kostete. Doch im letzten Moment taumelte der G-Man zur Seite.

    Fast zeitgleich mit dem Dealer stürzte er zu Boden.

    Dort entwickelte er hektische Aktivität. Während das Blut in immer längeren Intervallen aus seinem Körper strömte, fischte er seine ID-Card aus der Tasche und klammerte sich daran fest, als würde sein Leben davon abhängen.

    Es nützte nichts.

    G-Man Jay Bonner starb fast zeitgleich mit seinem Mörder.

    Als der zweite Schuss fiel, stürmten wir bereits in den Zuschauerraum. Beim ersten Knall waren wir gestartet.

    Das Bild, das sich uns kurz darauf bot, war von jener blutrünstigen Sorte, mit der wir fast täglich zu tun hatten. Nur mit dem Unterschied, dass einer der Toten unser Kollege Jay Bonner war, den wir auf meine Initiative hin »beschattet« hatten.

    Er war mir in letzter Zeit aufgefallen, weil es gesundheitlich mit ihm bergab zu gehen schien. Kürzlich war dann noch hinzugekommen, dass er Soloeinsätze startete, die schon an Lebensmüdigkeit grenzten.

    Mr. McKee hatte mir eine Antwort auf die Frage, was wirklich los mit Bonner sei, verweigert. Diplomatisch, versteht sich. Er hatte aber auch nichts dagegen gehabt, dass wir ihm ein bisschen auf die Finger sahen. Ihn vor Übereifer und damit vor sich selbst schützten.

    Wie es augenblicklich aussah, hatten wir versagt.

    Eine kurze Prüfung bestätigte, dass Bonner tot war. Ebenso wie der andere Mann, der fast Kopf an Kopf mit ihm lag.

    Auf was hatte er sich da wieder eingelassen?

    »Sieh dir das an!«, lenkte Milo meine Aufmerksamkeit auf einen randvollen Geldkoffer. »Jay muss einer großen Sache auf der Spur gewesen sein.«

    So sah es im ersten Moment wirklich aus.

    Aber wer den Ort der Schießerei unvoreingenommen betrat, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier zwei Menschen aufeinander losgegangen waren, die sich kannten. Wäre Bonner nicht einer von uns gewesen ...

    Ich kniete neben ihm und öffnete seine erstarrte Hand. Nicht die, die den Revolver hielt, sondern die andere.

    »Was ist das?«, fragte Milo.

    »Sein FBI-Ausweis.« Durch den Ärmel war Blut gesickert und hatte auch die in Plastik eingeschweißte Karte erreicht. Ich drehte sie um und entdeckte auf der Rückseite etwas, das dort nicht hingehörte. Der Besitzer hatte es jedoch so platziert, dass es im Todesfall eine hohe Wahrscheinlichkeit gab, entdeckt zu werden.

    Ziemlich deprimiert erhob ich mich.

    »Probleme?«, fragte mein Freund.

    Ich zuckte mit den Schultern und sagte: »Keine Ahnung.«

    Dann zeigte ich Milo den Aufkleber auf der Rückseite des Ausweises.

    »Verdammt!«, fluchte Milo. »Was ist das? Gehört er einer Sekte an?«

    Erneutes Schulterzucken.

    Wir warteten noch das Eintreffen der Kollegen ab. Auch Doc Howard war informiert. Als er in verschneitem Hut und Mantel eintraf, zeigte ich ihm, was zuvor schon Milo zum Fluchen gebracht hatte.

    »Wie sollen wir uns verhalten?«, fragte ich.

    Er kniff die Augen zusammen und schüttelte nach kurzem Überlegen den Kopf. »Rufen Sie an«, sagte er. »Die Scharlatane werden sich ein Geschäft nicht entgehen lassen.«

    Ich zögerte. »Ich habe nie von einem solchen Institut in Jersey City gehört ...«

    »Ich schon«, meinte Howard brummig. »Aber ich hätte nicht geglaubt, dass ein G-Man darauf hereinfällt. Rufen Sie an. Wir werden sehen, was passiert.«

    Ich nahm die Karte und ging mit Milo nach draußen, wo mein Sportwagen zwischen Schneegestöber parkte. Vor dem Theater hatte sich die übliche Menge Schaulustiger versammelt, die keine noch so späte Vorstellung ausließ.

    Per Funk nahmen wir Kontakt mit unserer Telefonfee Linda Sanders auf. Sie vermittelte das Gespräch, um das ich sie bat.

    »Trans-Time-Company«, meldete sich trotz der fortgeschrittenen Stunde eine sonore Frauenstimme wie von einem Automaten. »Was ist Ihr Problem?«

    »Das haben Sie schön gefragt«, erwiderte ich, während ich Jays blutverschmierte Karte in den Fingern drehte. »Ich habe hier etwas, auf dem steht: ›Im Todesfall sofort diese Nummer anrufen. Trans Time - Ihr Schlüssel zur Zukunft.‹ Dann eine Registriernummer ...«

    Ich schilderte kurz, was passiert war. Die Stimme am anderen Ende der Leitung wurde spröde. »Gewaltsame Tode werden von unserem Service nicht abgedeckt, tut uns leid. Aber das steht eindeutig in unseren Aufnahmebedingungen.«

    »War Jay Bonner als Organspender bei Ihnen gemeldet?«, fragte ich.

    »Sind Sie ein Verwandter?«

    »Nein ...«

    Die Verbindung wurde unterbrochen.

    Einfach so.

    »Kann mir endlich mal jemand sagen, um was es eigentlich geht?«, beschwerte sich Milo. »Ich verstehe nur Bahnhof und Abfahrt. Was soll das für ein Institut sein - und was für ein ›Service nach dem Tode‹ ...?«

    Ich wusste es selbst nicht genau. Wir stapften durch den Schnee zu Doc Howard zurück und teilten ihm das Ergebnis des Anrufs mit.

    Sein Lächeln wurde wissend - als hätte er nichts anderes erwartet.

    »Sie nehmen nur die Unversehrten, keine von Kugeln Durchlöcherten ... Das dachte ich mir schon. Ich schätze, Trans Time ist nichts anderes als ein etwas exklusiveres und aufwendigeres Bestattungsunternehmen - mit dem einzigen Unterschied, dass es seinen zahlungskräftigen Kunden vorgaukelt, ihnen auch nach dem Tod eine Chance auf ein künftiges Leben zu garantieren.«

    Jetzt kapierten auch wir. »Eines dieser Tiefkühlunternehmen?«, fragte ich respektlos. Ich hatte davon in Illustrierten gelesen.

    Howard nickte abfällig. »Die Dummen sterben nie aus. Die reichen Dummen am allerwenigsten.«

    »Jay Bonner war bestimmt nicht reich«, widersprach ich.

    »Das wundert mich auch.« Der Doc klang nicht, als sähe er seine These dadurch widerlegt.

    Wir folgten seinem Blick zu dem offenen Koffer, in dem sich die Dollarbündel stapelten. Plötzlich hatte wohl jeder von uns ein ungutes Gefühl. Aber noch sprach niemand den Verdacht offen aus.

    2

    »Der andere Tote heißt Josh Pournelle«, sagte Clive Caravaggio, unser italostämmiger Kollege mit dem untypischen Blondschopf, später im Büro. »Wir fanden ein Flugticket bei ihm. Er scheint gerade vor einer Fluchtreise gestanden zu haben.«

    »Und dafür braucht man natürlich Taschengeld«, nickte Milo. »Aber soviel...?«

    »Wohin wollte er?«, fragte ich.

    »Boston.«

    »Ein teures Pflaster. Wie viel war im Koffer?«

    »Eine halbe Million ...«

    »Dafür«, grinste Milo, »muss eine alte Frau lange stricken.«

    »Ein Dealer auch«, gab Clive bissig zurück. Er zählte uns Pournelles Vorstrafenregister auf und holte dann aus, um uns Einzelheiten aus dem Geschäftsgebaren des Toten zu schildern.

    »Schon mal was von Window Pane gehört?«

    Wir schüttelten die Köpfe.

    »Eine bunte Karte mit aufgemaltem Gitter. Das Gitter kann ausgeschnitten werden und im Mund zur Farbveränderung gebracht werden - leider absorbieren die Schleimhäute dabei gleichzeitig LSD. Selbst ohne Mundkontakt wird das Rauschgift bei Berührung über die Haut absorbiert. Das Zeug ist jüngst in Little Italy aufgetaucht. Wie es aussieht, haben wir bislang erst die Spitze des Eisbergs entdeckt. Wenn Leute wie Pournelle sich mit einer halben Million Bares irgendwohin absetzen können, dann müssen die Geschäfte schon eine Zeit lang blendend im Verborgenen laufen!«

    »Das ist anzunehmen«, sagte ich rau.

    Auch Milo war ernst geworden. Bei solchem Missbrauch von Kindern hörte der Spaß auf.

    »Wie sieht es mit Jays Weste aus?«, fragte ich.

    Clive zögerte. »Nicht gut«, verriet er schließlich. »Wir haben ein Bargelddepot entdeckt, von dem seine Lebenspartnerin offenbar nichts wusste.«

    »Wie viel war drin?«

    »Rund 180.000 Dollar.«

    Milo pfiff durch die Zähne. »Wir werden mit Mr. McKee über unsere Bezüge reden müssen - am besten gleich. Entweder bekam Jay sein Gehalt in Coca-Cola-Aktien ausbezahlt ...«

    »... oder er hatte eine lukrative Nebeneinnahme«, ergänzte ich.

    Bislang hatte in dubio pro reo gegolten: Im Zweifel für den Angeklagten. Folgerichtig waren wir davon ausgegangen, dass Jay Bonner dem Dealer Pournelle in dem kleinen Theater, wo Pournelle seiner Tarnexistenz als zweitklassiger Schauspieler nachgegangen war, eine Falle gestellt hatte.

    Seit Howards achtloser Bemerkung waren anderen Spekulationen Tür und Tor geöffnet.

    Spekulationen, die sich nach Clives neuesten Recherchen zu bestätigen schienen.

    »Hat sich dieses merkwürdige ›Gefrierunternehmen‹ nochmal gemeldet?« Clive verneinte. »Milo hat mir davon erzählt. Makaber, makaber ...«

    »Manche klammern sich an den letzten Strohhalm«, sagte ich. »Vielleicht war Jay kränker, als wir alle glaubten ...«

    Zu diesem Zeitpunkt war es reine Vermutung.

    Das sollte sich ändern.

    3

    »Wie konnte so ein Fehler unterlaufen?«, hallte die Stimme gespenstisch aus der Lautsprecherbox. »Ein G-Man ...!«

    Trigger stand da wie einer der potentiellen Todeskandidaten, die sich bei ihm die Klinke in die Hand gaben. Nervös rieb er sich die Knöchel seiner schlanken Hände. Sein Blick war auf den monströsen Schreibtisch geheftet, der aus einem futuristischen Film entliehen zu sein schien. Obwohl er seinen Gesprächspartner nicht sehen konnte, hielt er es umgekehrt für durchaus möglich.

    »Er machte falsche Angaben über seinen Beruf«, sagte Tripper mit belegter Stimme. »Offenbar fürchtete er, von uns nicht anerkannt zu werden. Normalerweise könnte sich kein Polizist bei uns einkaufen - weder was seinen Verdienst, noch was unsere 'Firmenphilosophie' angeht ...«

    »Das sollte man meinen«, gab der Kasten auf dem Schreibtisch ungnädig zurück. »Aber dafür haben wir schließlich unsere Kontrolleure. - Wer hat versagt?«

    »Brian Congers, glaube ich.« Trigger antwortete widerstrebend. Er ahnte, was er damit anrichtete.

    »Sie glauben? Ich fürchte, dann hätten Sie im Vatikan anheuern müssen, nicht bei uns. - Also?«

    »Congers.«

    »In Ordnung«, sagte die Stimme halbwegs besänftigt. »Eliminieren!«

    4

    Als Max Hayden die Empfangshalle von Trans Time Co. betrat, beschlich ihn ein Gefühl wie in einer Kirche. Er konnte nichts dagegen tun. Sein Körper überzog sich mit einer Gänsehaut.

    »Wir haben miteinander telefoniert«, bestürmte Hayden die brünette Empfangsdame.

    »Dann müssen Sie Mr. Hayden sein«, lächelte die Frau, nach kurzem Abtauchen in ihren Terminkalender, geschäftsmäßig.

    Hayden nickte. Der prüfende Blick der Frau war ihm unangenehm, obwohl er sie nicht weniger ausführlich taxierte. Sie erkennt mich, dachte er. Das Alter könnte hinkommen ...

    Natürlich war seine Befürchtung unbegründet. Kein Mensch erinnerte sich mehr an Max Hayden, den Star Dutzender Billig-Western nach dem beliebten Schwarzweißmuster: »böse« Indianer gegen »gute« Siedler. Es wäre eine Illusion gewesen zu glauben, dass ihn heutzutage noch irgendjemand auf der Straße oder sonst wo erkannte. Sein letztes Autogramm hatte Hayden vor zehn Jahren gegeben. Damals hatte ihn jemand, wie sich später herausstellte, mit Ronald Reagan verwechselt ...

    »Pünktlich auf die Minute!«, lobte die Frau. Sie erhob sich, kam auf ihn zu und riss ihm fast den Arm ab, als sie seine Hand schüttelte.

    Sie behandelt dich wie einen senilen Trottel, erkannte Hayden.

    »Sie sind Schauspieler, nicht wahr?«

    Hayden war nicht sonderlich überrascht. Dass sie seinen Beruf kannte, hieß nicht, dass sie ihn kannte. Vermutlich wusste sie es aus dem Aufnahmeantrag, den er auf dem Postweg erhalten und zurückgesandt hatte.

    »Ja«, sagte er rau, verschwieg aber, dass sein letztes Engagement auch schon Jahre her war. Damals hatte er im Werbefernsehen die Vorzüge eines Mittels gegen Krampfadern anpreisen dürfen. Sogar erfolgreich. Auf seine Beine konnte er sich auch nach sechzig Jahren noch verlassen. Der Spot war gut angekommen. Leider hatte die Vertreiberfirma bald darauf einen Schadensersatzprozess an den Hals bekommen, weil etliche Patienten nach Gebrauch der Salbe an akuten Thrombosen litten. Die Firma hatte Konkurs angemeldet, und weitere lukrative Werbeangebote waren ausgeblieben. Offenbar klebte seitdem ein unsichtbarer Makel an Max Hayden, dem alten Haudegen.

    »Wie interessant«, sagte die Frau im kirschroten Kostüm. »Ich gratuliere Ihnen. Es freut mich besonders, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Ihr Antrag auf Annahme in unserer Kartei vom Gremium positiv beschieden wurde.«

    »Das heißt im Klartext?«, schnauzte Hayden. Er kam sich verulkt vor. Aber dann erkannte er, dass die Frau für ihr exaltiertes Verhalten nicht verantwortlich zu machen war. Ein Fehler in ihrer Genstruktur, vermutlich erblich bedingt ...

    »Sie sind aufgenommen«, erklärte sie verschreckt. Ihr Adamsapfel hüpfte beim Sprechen auf und ab wie ein Jojo.

    »Danke«, sagte Hayden versöhnlich. »Wie geht es jetzt weiter?«

    »Sie müssen sich einer kleinen Untersuchung unterziehen«, sagte die Frau, deren Namen er zwar gehört, aber wieder vergessen hatte, zaghaft.

    »Ich weiß selbst, wie krank ich bin«, giftete Hayden. »Denken Sie, ich hätte aus Spaß unterschrieben?«

    »Es hat weniger mit Ihrer Krankheit zu tun«, rechtfertigte sich sein Gegenüber, »als mit der Feststellung grundsätzlicher Werte, die wir später zur optimalen Feinabstimmung der Hydriergeräte benötigen.«

    Später, dachte Hayden. Wenn der Schnitter mit der Sense gekommen ist. »Hmm.« Er hatte nicht das ganze Kleingedruckte gelesen. Das hatte er früher in seinen Verträgen auch nie getan - und häufig bereut. »Wo?«

    Die Frau zauberte eine Visitenkarte hervor. »Hier steht der Name des Arztes und die Adresse der Privatklinik. Erledigen Sie den Check bitte umgehend - zu Ihrer eigenen Sicherheit.«

    »Und das Geld?«, fragte Hayden barsch.

    Die Reaktion der Frau schien ausdrücken zu wollen, dass es ohne eine hübsche Summe Geldes zwar nicht ging - dass man aber ungern über den schnöden Mammon redete. Es gehörte zur Philosophie von Trans Time, einen regelrechten Kult um die tatsächlichen Kosten zu machen, die auf den Kunden zukamen. Hayden hatte lange bohren müssen, bis ihm das Fixum von 250.000 Dollar genannt worden war. 50.000 Dollar fällig am Tage der Unterschrift. 200.000 Dollar mussten ebenfalls sofort notariell abgesichert bei einer Bank hinterlegt werden - zugriffsbereit beim Tod des Klienten. Dafür durfte man dann mit der Sofortversorgung rechnen, sobald einem auf amerikanischem Boden etwas zustieß. Die Kosten waren einmalig; kein böser Verwandter konnte später den Geldhahn nach Gutdünken einfach abdrehen. Nur Krieg oder Naturgewalten konnten die künftige Wiedergeburt in einem Zeitalter verhindern, in dem man in der Lage sein würde, jede noch so tückische Krankheit und vielleicht das Altern selbst zu besiegen.

    Die Sache war wasserdicht. Selbst gegen drohenden Konkurs war das Unternehmen versichert - wie man Hayden anhand von Policen belegt hatte.

    »Sie erhalten die Zahlungsaufforderung in Kürze«, erfuhr er.

    »Gut.« Hayden gab nicht zu erkennen, dass das Geschäft gegen den Tod, das er gerade abgeschlossen hatte, seine gesamten Ersparnisse verschlingen würde.

    Als er hinauskomplimentiert werden sollte, bremste er ab.

    »Ist noch etwas? Haben Sie hoch Fragen?« Die Höflichkeit der Frau wirkte plötzlich gekünstelt. Sie wollte ihn loswerden. Hayden spürte es genau.

    »Ich hätte eine Bitte«, sagte er - ebenso aufgesetzt freundlich.

    »Nur zu ...«

    »Ich würde gern einen Blick auf die ›Särge‹ werfen«, eröffnete er der verdutzten Frau. »Ich meine, könnte ich mir meinen künftigen ›Wohnort‹ vielleicht noch zu Lebzeiten kurz ansehen? Aus reiner Neugierde ...«

    Die Frau rang sichtlich um Fassung.

    »Sie - haben doch unseren Prospekt ...«

    »Bilder!«, fauchte Hayden verächtlich. »Würden Sie sich in irgendwas hineinlegen, das Sie nur von Bildern kennen?«

    Mit dieser Frage schien sie noch weniger anfangen zu können.

    »Ich werde Ihre Bitte dem Direktorium vortragen. Sie erhalten Nachricht von mir.«

    Es war eine halbherzige Versprechung. Aber Hayden war entschlossen, seinen Willen durchzusetzen.

    »Denken Sie nicht, dass ich mich abwimmeln lasse! Ich höre von Ihnen, meine Werteste. Oder Sie hören von mir!«

    Max Hayden setzte seinen Cowboy-Hut auf den kantigen Schädel und winkte zum Abschied. In der Tür blieb er noch einmal stehen und räusperte sich: »Äh, übrigens: Sie gefallen mir. Haben Sie heute Abend schon etwas vor? Wollen wir zusammen essen?«

    Er wusste, dass sein Charme etwas eingerostet war, und sie empfand dies wohl ähnlich. Es hätte schon mehr als eines Wunders bedurft, keinen Korb zu bekommen ...

    5

    Brian Congers hatte ein mulmiges Gefühl, als er das Firmengelände an diesem Abend verließ. Begonnen hatte sein Unbehagen, nachdem Trigger ihn angerufen und Auskünfte über einen Klienten namens Jay Bonner verlangt hatte. Congers hatte die erforderlichen Daten aus dem Computer abgerufen und mit einem Boten zum Direktor der Trans Time Co. bringen lassen. Um auf eventuelle Anfechtungen vorbereitet zu sein, hatte er sich die abgespeicherten Angaben zu diesem Bonner selbst noch einmal vorgenommen. Dabei war er auf nichts Ungewöhnliches gestoßen.

    Laut PC war Bonner ein alleinstehender Lebenskünstler, der durch Erbschaft an ein mittleres Vermögen gelangt war, dies aber wohl nicht mehr allzu lange genießen konnte. Er war an Blutkrebs erkrankt. Seine weitere Lebenserwartung lag unter der einer gewöhnlichen Stubenfliege.

    So weit, so schlecht.

    Doch dann war es zu Ungereimtheiten gekommen. Am Ende von Bonners Eintrag fand sich ein Vermerk, der nicht von Congers eingebracht worden war: »Vertrag erloschen«.

    Congers wusste es genau - er hatte während seiner gesamten Zeit bei Trans Time noch nie einen solchen Vermerk eingegeben. Vertragsrücktritte gab es praktisch nicht. Die Klauseln sahen bei einer Aufhebung dermaßen horrende Stornokosten vor, dass man den Vertrag auch gleich ohne finanzielle Einbußen erfüllen konnte.

    Nein, der Vermerk stammte nicht von ihm ...

    Congers kannte Trigger mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass er nichts grundlos tat. Schon gar nicht, einen Computerausdruck mit sensiblen Kundendaten anfordern.

    Seltsamerweise hörte er aber bis zum Eintritt seines Feierabends nichts mehr aus der Direktionsetage. Die Angelegenheit - um was auch immer es sich gehandelt haben mochte - schien im Sande verlaufen zu sein.

    Congers hatte hin und her überlegt, ob er selbst die Initiative ergreifen und Trigger darauf ansprechen sollte. Aber insgeheim hatte er Angst, einen Fehler begangen zu haben, der zu seinem sofortigen Rausschmiss führen konnte.

    Er war von Natur aus immer ein Schwarzseher gewesen. Zudem machte es sich mitunter nachteilig bemerkbar, dass er seine einstige Nervenstärke während seiner fünfjährigen Haft auf Riker’s Island zurückgelassen hatte.

    Trans Time gab augenscheinlich nicht nur Schwerkranken oder Toten eine »Chance« - auch Vorbestrafte wussten ein Loblied auf dieses unkonventionelle Unternehmen zu singen.

    Congers hatte herausgefunden, dass er nicht der einzige Ex-Sträfling war. Ein Großteil derer, mit denen er täglich verkehrte, gehörten dieser Spezies an, wie er aus den Unterhaltungen herausgefiltert hatte.

    Eigentlich hätte er zufrieden sein müssen, einen solchen Arbeitgeber gefunden zu haben.

    Eigentlich ...

    Doch schon auf der langen Ausfahrtsstraße, die vom Firmengelände am Liberty State Park vorbei nach Jersey City führte, fühlte er sich beobachtet ...

    Er machte sich eindringlich klar, dass er Gespenster sah, aber es half nichts. Jedes Fahrzeug, das auf dem Weg zur Innenstadt längere Zeit hinter seinem Caddy verweilte, erschien ihm wie der Wagen eines potentiellen Verfolgers.

    Zuletzt blieb ein besonders hartnäckiger Chrysler Transporter übrig, wie sie von Trans Time als Lieferfahrzeuge benutzt wurden. Eine Firmenaufschrift konnte Congers nicht erkennen - aber dafür wäre er auch viel zu nervös gewesen. Mit schweißnassen Händen lenkte er seinen Wagen durch das Verkehrsgewühl.

    Sein Verfolgungswahn nahm konkretere Formen an.

    Der Feind, von dem Congers nicht einmal ahnte, was er von ihm wollte, saß im Chrysler!

    Bullen, dachte er. Vielleicht waren es Bullen, die ihm etwas anhängen wollten.

    Oder tatsächlich jemand von der Firma ...

    Er verwarf den Gedanken, auf direktem Weg zu seinem kleinen Apartment in der Henderson Street zu fahren. Er machte einen Umweg am J.C. Medical Center vorbei und hielt vor einer Telefonzelle.

    Der Chrysler stoppte in respektvollem Abstand am Fahrbahnrand.

    Ehe Congers ausstieg, überlegte er, wen er eigentlich anrufen sollte. Die Polizei? Er kannte so gut wie niemanden in der Stadt. In New York schon - aber das waren Kreise, mit denen er nach Möglichkeit keinen Kontakt mehr haben wollte, zumindest nicht, solange seine Bewährung noch lief.

    Charlene, dachte er unvermittelt. Charlene Fadden.

    Als sie noch bei Trans Time gejobbt hatte, waren sie locker befreundet gewesen. Ein paarmal waren sie zusammen ins Bett geschlüpft und hatten die Grenzen des sexuell Möglichen ausgelotet - wie sie es einmal formuliert hatte. Es waren unvergessliche Episoden geblieben. Ihre Freundschaft hatte darunter nicht merklich gelitten. Aus den Augen verloren hatten sie sich, als Charlene aus »privaten Gründen« - wie sie es entschuldigt hatte - quasi über Nacht bei Trans Time ausgestiegen war.

    Congers ahnte natürlich, was unter dieser Umschreibung zu verstehen war. Wahrscheinlich hatte sie einen Lover gefunden, der sie im Bett ebenso wie in der Geldbörse zufriedenstellte. Deshalb zögerte er seinen Anruf hinaus. Im Rückspiegel sah er den wartenden Chrysler, der sich tatsächlich nicht weiterbewegte und damit einen zufälligen gemeinsamen Stopp fast ausschloss.

    Die Scheiben des bulligen Transporters waren getönt. Deshalb war nicht zu erkennen, was sich im Innern abspielte und wer sich darin aufhielt.

    Nach weiteren fünf Minuten stieg Congers aus seinem Cadillac und betrat mit weichen Knien die Zelle. Das Verfolgungssyndrom, das zunächst bloßer Intuition entsprungen war, verdichtete sich so sehr, dass er Herzstechen bekam. Er stand unter Druck. Ob Bullen oder Trans Time - er wusste nicht, was er verbrochen hatte, aber er wollte weder seinen Job noch seinen Hals verlieren!

    Mit fahrigen Bewegungen warf er das Münzgeld ein und kramte Charlenes Nummer aus der Brieftasche. Er hoffte, dass Charlene zu Hause war.

    Sie meldete sich beim zweiten oder dritten Klingelzeichen. Im Hintergrund waren Radiostimmen zu hören.

    »Ja?« Er hatte ihre Stimme lange nicht mehr gehört. Als sie ging, war der Kontakt völlig abgebrochen.

    »Charly?«, fragte Congers unbeholfen.

    Das nächste Ja kam zögernd: »Wer spricht da?«

    »Brian ... Brian Congers ... Du erinnerst dich?«

    »Natürlich. Hallo! Wie geht es dir?« Congers schwitzte. Verstohlen spähte er zum Chrysler hinüber. Dort öffnete sich in diesem Augenblick die Beifahrertür und blieb wie ein Schild vor der aussteigenden Person stehen. Nur Beine und Schuhe waren erkennbar. Aber das genügte, um die »Bedrohungsstufe« in Congers Vorstellung von Gelb auf Rot umspringen zu lassen.

    Ein Anflug von Panik färbte seine Stimme. »Ich habe Probleme. Könnten ... wir uns sehen?«

    »Probleme?«, echote Charlene und fügte dann nur scheinbar zusammenhanglos hinzu: »Wann?«

    »Jetzt«, flüsterte Congers. Er senkte die Stimme, als fürchtete er einen Lauschangriff auf offener Straße. Als es ihm bewusst wurde, dachte er: Sie muss mich für verrückt halten. Für vollkommen durchgedreht ...

    »Okay«, sagte sie. »Bei mir. Komm einfach vorbei.«

    Um Congers Lippen zeichnete sich ein bitterer Zug. »Ich weiß nicht einmal, wo du jetzt wohnst.«

    »Ach ja, tut mir leid.« Sie nannte ihm die Adresse. Es war nicht weit von seinem jetzigen Aufenthaltsort.

    Congers legte auf und kehrte zu seinem Caddy zurück. Das Verfolgerfahrzeug war wieder geschlossen; der Mann, dessen Schuhe er gesehen hatte, musste entweder fortgegangen oder wieder zurückgestiegen sein.

    Congers startete und ließ den Rückspiegel nicht aus den Augen. Bleib stehen!, dachte er eindringlich. Zur Hölle, bleib wo du bist!

    Als er schon glaubte, es geschafft zu haben, setzte sich der dunkle Chrysler doch noch unwiderstehlich in Bewegung und hängte sich wie an einem unsichtbaren Schleppseil hinter ihn ...

    6

    Charlene öffnete die Tür nach nur einmaligem Klopfen. Als hätte sie dahinter gewartet. Congers drängte sofort an ihr vorbei ins Innere des zweistöckigen Reihenhauses. Ihr provokantes Auftreten erkannte er erst richtig, als er stehen blieb und eindringlich bat: »Tür zu! Bitte schnell!«

    Sie stand fragend da, im Aussehen einer Göttin nur geringfügig unterlegen (sofern es Göttinnen in dieser Art Fummel gab). Es schien, als hätte sie zur Feier des Tages ganz tief in der Sentimentalitätskiste gekramt. Der Anblick ihres hinreißenden Körpers war mehr, als Congers im Moment verkraften konnte. Er schluckte. Unter dem schwarzseidenen Hausmantel, der nur locker gegürtet war, blinzelten die Ansätze eines Spitzen-BHs hervor. Charlenes schwere Brüste bei ansonsten fast knabenhaft schlanker Figur füllten das aufregende Dessous zum Bersten. Als sie endlich gehorchte und die Tür schloss, klaffte das feine Tuch im Schritt auseinander und entblößte ihre langen Beine bis hinauf zu den raffinierten Strumpfhaltern.

    Congers bekam einen roten Kopf und begann zu schwitzen.

    Sie hatte genügend Zeit, sich umzuziehen!, schoss es ihm durch den Sinn. Wenn sie mich in diesem Aufzug empfängt, dann mit voller Absicht.

    »Was ist los?«, fragte Charlene. »Du benimmst dich, als wollte dir jemand an die Kehle.«

    Sie legte die Sicherheitskette vor und trat auf ihn zu. Ihr exotisches Parfüm brachte ihm die Unwirklichkeit dieser Situation zu Bewusstsein. Offenbar hatte sie keine Ahnung, weshalb er wirklich angerufen hatte. Ganz offensichtlich erwartete sie, dass er alte Betterinnerungen auffrischen wollte.

    Es gab nichts, was ihm im Moment ferner lag.

    Er packte sie an den Armen.

    »Ich brauche Hilfe!«, stieß er hervor. Der Druck seiner Hände musste ihr Schmerzen bereiten. Erst als sie das Gesicht verzog, lockerte er seinen Griff.

    »Ich wusste nicht, wohin sonst ich mich wenden sollte. - Sie sind hinter mir her!«

    »Wer ist hinter dir hier?«

    »Ich weiß es nicht, verdammt. Erst dachte ich, ich spinne nur. Aber als ich eben hier ankam, war er immer noch hinter mir ...!«

    »Wer?«

    »Der Chrysler ...« Congers schilderte, was passiert war.

    Sie ließ ihn ausreden, aber ihre Skepsis war unverkennbar.

    »Warum sollte die Firma hinter dir her sein?«

    Congers berichtete von dem merkwürdigen Passus, den er über einen Klienten namens Bonner gefunden hatte.

    »Du siehst weiße Mäuse«, sagte Charlene daraufhin mit verführerischer Stimme und schmiegte sich an ihn. Dabei rieben ihre gehärteten Brustwarzen über sein dünnes Hemd, das er unter der dicken Parka-Jacke trug. Draußen fiel gerade mal wieder Schnee. Ein eisiger Wind pfiff ums Haus.

    Ein anderer Gedanke drängte sich vor: Charlene hatte gar nicht ihn erwartet, sondern den Mann, der sie von Trans Time weggelotst hatte. Ihren »Neuen«.

    »Wenn ich ungelegen komme ... Vielleicht kann ich wenigstens kurz telefonieren ...«

    Er war entschlossen, nun doch die Polizei zu informieren. Entgegen aller Vorbehalte, die sich aus seinem Lebenslauf ergaben.

    »Unsinn!« Sie führte ihn ins Wohnzimmer, wo eine Bettcouch empfangsbereit im Kerzenschimmer wartete. Draußen dämmerte es bereits. Die Nacht kam schnell in dieser Jahreszeit. »Setz dich hin. Vielleicht bist du nur überarbeitet und siehst weiße Mäuse ...«

    Sie ging zum Fenster und spähte vorsichtig durch einen Vorhangspalt hinaus auf die Straße.

    »Schließ wenigstens die Jalousien«, sagte er.

    Danach entspannte er sich etwas.

    »Ich konnte nichts entdecken«, sagte sie, als sie sich zu ihm setzte. »Auch keinen Transporter, wie du ihn beschrieben hast.«

    Congers schloss kurz die Augen und massierte sich die Stirn. »Sie sind da - ich weiß es.«

    »Ich mach’ dir erst mal einen Drink.« Sie erhob sich. Bei dieser Gelegenheit fiel ihm auf, dass sie selbst nervös war. Auch wenn sie es nicht zugab, hatte er sie offensichtlich mit seiner Nervosität angesteckt. »Immer noch dasselbe?«

    Er nickte und lehnte sich in den Polstern zurück. Die Wärme und Behaglichkeit des Raumes ließen ihn daran zweifeln, dass er sich wirklich in konkreter Gefahr befand. Bei näherem Nachdenken musste er sich eingestehen, dass all das, was er als Indizien dafür angesehen hatte, eigentlich Lappalien waren.

    Kam jetzt der verspätete Knast-Koller?

    Sie kehrte zurück und reichte ihm einen Bourbon pur. Statt daran zu nippen, kippte er ihn in einem Zug. Als sie erneut aufstehen wollte, um nachzugießen, hielt er sie fest. »Nein«, sagte er. »Bleib hier.«

    Er umarmte sie und schloss die Augen. Dabei hatte er das Gefühl, in einem schwarzen Loch zu versinken. Ohne dagegen anzukämpfen, ließ er sich treiben. Ihr betörender Duft vernebelte seine Sinne, und es gelang ihm, die Angst tatsächlich für einige Zeit zu verdrängen. Als ihre Hand zwischen seine Beine fuhr, ließ er es geschehen.

    »Entspann dich«, flüsterte sie. Geschickt öffnete sie seinen Gürtel. Congers hielt die Augen geschlossen und ergab sich ihren Wünschen, die allmählich zu seinen eigenen wurden.

    Bis das schwebende Gefühl in seinem Magen einsetzte.

    Das behutsame Dahintreiben seines Bewusstseins wurde urplötzlich zu einem rasanten Sturz ins Nichts.

    Er riss die Augen auf und stieß Charlene, die ihn nun starr fixierte, von sich.

    Zum ersten Mal nahm er die nuttige Kälte in ihrem Blick wahr und kam sich vor wie ein unliebsamer Freier, dem für ein paar Scheine Begehrlichkeit vorgegaukelt wurde.

    »Charly!«, keuchte er. »Du ...!«

    Jetzt schlich sich Angst in ihre Augen.

    Er versuchte, sich zu erheben, und bemerkte die bleierne Schwere, die ihn erfasst hatte. Sein Blick streifte das leere Whiskyglas.

    »Ist dir nicht wohl?«, fragte Charlene in falscher Anteilnahme.

    Ihr Blick ging an ihm vorbei zur Tür - als erwarte sie jeden Moment das Eintreffen eines anderen. Fast gleichzeitig hörte Congers einen schweren Wagen unmittelbar vor dem Haus halten.

    Obwohl er keine Erklärung für Charlenes Verhalten fand, wankte Congers an ihr vorbei zum Fenster. Seine Hand schien Zentnergewichte stemmen zu müssen - dabei war es nur der Zug der Jalousie, die er schwer atmend etwas anhob.

    Draußen klackten Schritte auf dem Zuweg zum Haus.

    Als Congers den Mann im wehenden Kaschmirmantel erkannte, fuhr es wie ein Blitz durch sein Gehirn.

    Marvin Trigger!

    Der Direktor der Trans Time Company eilte auf den Hauseingang zu.

    Congers ruckte auf dem Absatz herum. Charlene Fadden stand vor einer Schrankkommode und wühlte tief in einer offenen Schublade.

    Die Erkenntnis, was hier gespielt wurde, schmetterte ihn fast nieder. Mühsam kämpfte er gegen das Verlangen an, sich auf die Frau zu stürzen, der er vertraut und die ihn verraten hatte. Als er aus dem Wohnzimmer in den Flur taumelte, hörte er, wie ein Schlüssel ins Haustürschloss geschoben wurde. Hinter ihm heulte Charlene auf. Sie schien das, was sie suchte, nicht finden zu können. Zu Congers Glück.

    Er hastete weiter, ohne sich aufzuhalten. Die Hintertür des Hauses war abgeschlossen, aber der Schlüssel steckte von innen. Obwohl sich die Welt um ihn herum scheinbar in unzählige Puzzleteile aufzulösen begann, gelang es Congers, aus dem Haus in den Garten zu flüchten.

    Draußen fand er zwei Verbündete: Die Dunkelheit und gerade einsetzendes heftiges Schneetreiben. Während hinter ihm Triggers Stimme mit Charlenes Schreien verschmolz.

    Congers tappte wie blind durch die eisige Kälte, die das Kunststück fertigbrachte, ihn wieder einigermaßen klar denken zu lassen. Mehrfach stolperte er. Aber immer wieder rappelte er sich auf. Er kletterte über einen niedrigen Zaun zum Nachbargrundstück, das hinter dichtem Tannengehölz verborgen war. Sein Herz klopfte bis zum Hals. Er schleppte sich auch an diesem Haus vorbei über einen neuen Zaun, blieb hängen, befreite sich, schleppte sich weiter.

    Sein Zeitgefühl war längst wie vieles andere in seinem Körper erloschen, als er auf eine Seitenstraße gelangte und ein Taxi sah, das sich vorsichtig Über die verschneite Fahrbahn bewegte.

    Obwohl Congers zerzaust wie ein Yeti daherkam, hielt der Fahrer des Yellow Cab auf seinen Wink hin.

    »Bringen Sie mich ... in ein ... Krankenhaus!«, keuchte Congers. Dann brach er auf dem Rücksitz zusammen.

    7

    »Verdammt!« Marvin Trigger kehrte nach erfolgloser Verfolgung ins Haus zurück. Charlene wartete im Flur und sog an einer Zigarette. Ihre Wäsche war unter einem dicken Ozelot-Pelzmantel verschwunden. Trigger hatte genügend Türen aufgerissen, um die Wohnung völlig auszukühlen. »Wie konntest du ihn fortlaufen lassen?!«

    »Warum warst du nicht schneller?«, konterte Charlene Fadden. »Ich habe euch gleich Bescheid gegeben, nachdem er bei mir anrief. Ich habe hier die Show meines Lebens gegeben - oscarreif. Und ihr Stümper seid nicht einmal in der Lage, euren Arsch hierherzubewegen. Ihr hattet ihn doch im Visier. Er behauptete, ihr hättet ihn bis vors Haus verfolgt ...«

    »Das waren Bates und Maddison. Die beiden stehen immer noch draußen. Ich musste von der Firma hierherkommen. Etwas stimmte mit dem CB-Gerät nicht. Ich konnte sie nicht über Funk erreichen. Daraufhin wäre es an dir gewesen, ihn zu erledigen!«

    »Na und?«, gab sie kühl zurück. »Ich habe ihn so mit Gift vollgepumpt, dass er ohnehin gleich tot umfällt.«

    »Dafür rannte er aber noch ganz munter durch den Schnee ...«

    Sie schleuderte ihm die Kippe vor die Füße. »Armleuchter! Deine Gorillas werden ihn schon aufstöbern. Ich habe mein Bestes getan!«

    »Schade«, antwortete Trigger, »dass es damit offenbar nicht weit her ist ...«

    Seine Enttäuschung entlud sich so geballt über Charlene. Nur er wusste, dass es jemanden gab, dem auch er Rechenschaft über Congers Entkommen würde ablegen müssen. Charlene und alle anderen mochten weiter glauben, dass die Firma ihm gehörte. Was eine fatale Fehleinschätzung war.

    Fatal für Trigger ...

    8

    Einige Tage später .

    Milo und ich waren frühmorgens im FBI-Hochhaus an der Federal Plaza, Manhattan Süd, eingetroffen und direkt am Lift abgefangen worden.

    Mandy, Mr. McKees zauberhafte Sekretärin, hatte uns noch vor dem ersten Kaffee ins Chefzimmer gelotst. Ihren dezenten Hinweisen zufolge herrschte dicke Luft. Den Grund dafür erkannten wir zu spät, um uns erfolgreich zu wappnen.

    »Das«, stellte Jonathan D. McKee, der Leiter des FBI New York, vor, »ist Salomon Frost. - Special Agents Trevellian und Tucker.«

    Der Mann auf dem Besucherstuhl war uns bekannt. Er musterte uns listig, aber wortlos. Ein kaum wahrnehmbares Nicken deutete den Gruß an.

    »Frost«, lächelte Milo. »Sie passen glänzend in diese Jahreszeit ...«

    Sein Scherz fand keinerlei Resonanz.

    Unser Chef brach das Eis, indem er erklärte: »Mr. Frost ist Sonderstaatsanwalt des Staates New York. Er soll Fällen von Korruption innerhalb der Bundespolizei nachgehen.« Seine Miene blieb ausdruckslos, als er ergänzte: »Ähnliche Aktionen gab es bereits bei der City Police. Nun sind wir dran. Mr. Frost genießt volle Rückendeckung.« Von wem, sagte er nicht, aber die Pause, die er einfügte, signalisierte, dass Frost nicht unbedingt auf seiner Linie lag.

    »Sie, Jesse, Milo, habe ich hergebeten, damit Sie dem Sonderstaatsanwalt ein paar Fragen beantworten. Er hat erfahren, dass Sie die Leichen von Jay Bonner und Josh Pournelle im alten Theater fanden.«

    Frost nickte. Sein skeptischer Blick krallte sich wie mit Widerhaken in meinen Augen fest. Gierig. »Sie waren mit Jay Bonner befreundet?«

    Ich schürzte die Lippen. Mein Verstand sagte mir, dass höchste Vorsicht geboten war. Frost sah mit seinen Glupschaugen nicht nur aus wie eine Muräne - er benahm sich auch ähnlich aggressiv und räuberisch. Ich konnte mir vorstellen, dass er durch seine bloße Ausstrahlung schon manches Geständnis provoziert hatte. »Wir kannten einander«, nickte ich. »Befreundet wäre zu viel gesagt.«

    Frost starrte mich an. »Sie wussten, wie krank er war? Todkrank ...«

    »Nein«, nahm Milo mir die Antwort ab, die mir schwergefallen wäre.

    »Niemand außer mir und seinem Arzt wusste davon«, griff Mr. McKee ein. Die Schärfe, mit der er sprach, war ungewöhnlich. Normalerweise brachte ihn nichts so leicht aus der Fassung.

    »Was fehlte ihm denn?«, fragte ich.

    »Leukämie«, antwortete Mr. McKee mit gesenktem Blick. »Er wollte nicht, dass irgendwer zu Lebzeiten davon erfährt. Er hätte noch ein knappes Jahr zu leben gehabt und wollte dies so normal wie möglich ...«

    »Bonner arbeitete allem Anschein nach mit diesem Pournelle zusammen«, unterbrach Frost taktlos. »Ich war ihm ganz dicht auf den Fersen - schon wegen früherer Unstimmigkeiten - als es passierte. Genau genommen hatte er Glück, sich so aus der Affäre zu stehlen ...«

    »Herzig«, sagte Milo, als wir nach Beantwortung weiterer Fragen entlassen worden waren und den Flur zu unserem Büro langschlenderten. »Ein seltenes Exemplar der prähistorischen Gattung homo cotzbroccus.«

    »Weißt du, was aus Bonner geworden ist?«, wechselte ich zu einem Thema, das mich viel brennender interessierte. Die Nachricht von seiner tödlichen Erkrankung hatte mich tief getroffen.

    »Nein. Nur, dass er noch immer nicht beerdigt wurde. Es gab Komplikationen.«

    »Trans Time?«, fragte ich.

    »Keine Ahnung.«

    »Clive erwähnte doch eine Lebensgefährtin ...«

    »Und?«

    »Wir werden ihr einen Besuch abstatten.«

    »Wozu?«

    »Um unser Beileid zu bekunden.«

    »Etwas spät, oder?«

    »Besser als nie.«

    Das ließ er gelten.

    9

    Laureen Cronenberg war jung, hübsch und erschreckend reich. Und sie hatte Krebs im letzten Stadium. Metastasen wucherten wie Unkraut unter ihrer kosmetisch gebräunten Haut.

    »Drei Wochen«, flüsterte der Henker unentwegt in ihrem Kopf. Der Henker trug einen klinisch weißen Kittel und einen Professorentitel. Laureens Vater hatte ihn ausgesucht. Er war immer noch der Meinung, dass man für Geld alles kaufen konnte. Auch das Leben seiner einzigen Tochter. Deshalb saß er auch relativ unangefochten unten im warmen Florida bei seinen Geschäften, während Töchterchen im kalten New York krepierte.

    Laureen wanderte wie eine eingesperrte Raubkatze durch ihren Loft. Wo sie hinblickte, begegneten ihr Zeugnisse ihres früheren exzessiven Lebens. Mittlerweile war ihr klar geworden, wie jämmerlich es in Wahrheit um sie bestellt war. Ihr Leben lang hatte sie einen goldenen Käfig gegen einen anderen eingetauscht. Die teuersten Internate in der Schweiz waren gerade gut genug für sie gewesen. Auf dem College war sie dann die Einzige gewesen, die nicht nur eine tolle Wohnung und ein Auto, sondern auch noch eine Art »Leibsklaven« - keinen simplen Butler - gehalten hatte.

    Laureen hatte ihn im gleichen Atemzug gefeuert, wie sie mit ihrem Freund Harold Schluss gemacht hatte - kurz nach dem Empfang ihres Todesurteils.

    Der »Sklave« hatte ihre Entscheidung nicht verstanden - das konnte sie akzeptieren. Harolds Unverständnis traf sie ungleich härter. Nach allem, was zwischen ihnen gewesen war, hätte sie mehr von ihm erwartet. Sie hatte ihm reinen Wein eingeschenkt, und er hatte mit kühler Anteilnahme reagiert. Ähnlich wie ihr Vater, nur dass sie diesen nicht so einfach loswurde. Beide waren aus ähnlichem Holz geschnitzt. Deshalb hatten sie sich wahrscheinlich auch immer gut verstanden ...

    Nun war Laureen jedenfalls allein. Anrufe nahm sie nicht mehr entgegen. Sie verließ das Haus nur noch, um einen Happen essen zu gehen, aber auch das wurde von Tag zu Tag unwichtiger. Von ihrer sexy Figur, der die Kerle stets hinterhergestarrt hatten, war nicht mehr viel übrig. Sie ruinierte ihren Körper mit System. Weil sie ihn hasste. (Warum hatte er ihr das nur angetan?)

    An diesem Tag war Laureen spät aufgestanden. Es war schon Mittag, als sie aus dem Bett stieg und ziellos durch die Wohnung geisterte. Durch die Fensterscheiben sah die Stadt aus wie einem Weihnachtsmärchen entsprungen - dabei wusste Laureen nicht einmal, ob sie nächste Weihnachten noch erleben würde.

    Dinge, über die sie früher nie nachgedacht hatte, fielen ihr in solchen Situationen ein.

    Ein Geräusch an der Tür lenkte sie ab.

    Etwas wurde durch den Briefschlitz geworfen.

    Welcher Bote kam noch so spät?

    Obwohl Post neuerdings zu den vernachlässigbaren Dingen gehörte, schleppte sich Laureen in den Flur.

    Werbung, dachte sie abfällig, als sie das großformatige Hochglanzkuvert entdeckte, das auf den Teppich gesegelt war. Papierkorb ...

    Aber als sie sich danach bückte, wurde sie von zwei einfachen Wörtern förmlich elektrisiert: Angstfrei sterben, stand in goldenen Lettern quer über dem Adressfeld, in das ihr Name handschriftlich eingetragen war. Der Brief war durch keine Frankiermaschine gesurrt, sondern mit echten Briefmarken beklebt und abgestempelt worden und suggerierte einen Respekt, der längst nicht mehr selbstverständlich war. Es schien, als seien die Empfänger handverlesen worden.

    Keine anonyme Massendrucksache.

    Angstfrei sterben.

    Laureen zitterte, als sie den Umschlag öffnete. Leer, dachte sie im ersten Moment enttäuscht. Dann fand sie doch noch ein einzelnes Blatt. Es war mit Tinte beschrieben, wiederum per Hand, und gab Laureen Rätsel auf.

    ›Sie sind verzweifelt?‹ stand da. ›Man hat Sie alleingelassen mit Ihren Ängsten? Vergessen Sie alles, was Sie erdrückt. Wir zeigen Ihnen den Ausweg aus Ihrem Dilemma. Der Tod muss nicht das Ende sein ...‹

    Laureens erster Gedanke war: Woher, zur Hölle, wissen die von meinem Schicksal? Verkaufen neuerdings bereits Ärzte ihre Schweigepflicht an zahlungskräftige Adressfirmen?

    Doch der erste Unmut verflog, je weiter sie in dem Brief las. Eine irrationale Hoffnung machte sich in ihr breit. Sie glaubte, was sie las - weil sie es glauben wollte.

    Früher hätte sie andere dafür ausgelacht.

    Früher ...

    ›Nutzen Sie Ihre Chance! Kontakten Sie uns sofort!‹ stand am Ende des Schreibens. Danach folgte eine Telefonnummer, an deren Vorwahl Laureen erkannte, dass es sich um New Jersey handelte.

    Bis zum Nachmittag verbrachte sie die Zeit damit, das Für und Wider dieses Angebots abzuwägen.

    Innerlich wusste sie jedoch längst, dass sie gar nicht mehr anders konnte, als es zumindest zu probieren und sich näher informieren zu lassen.

    Ein paar Gläser Gin spülten die letzten Hemmungen hinweg. Laureen griff zum Hörer ...

    10

    Brenda Perkins war nicht erreichbar. Erst am Abend gelang es uns, eine Verabredung mit ihr zu treffen. Wie wir erfuhren, war sie bereits ein halbes Jahr zuvor in Jay Bonners Wohnung am Times Square eingezogen.

    Als sie uns einließ, handelte es sich um eine Premiere für uns. Unsere Bekanntschaft mit Jay hatte sich im Wesentlichen auf das Dienstliche beschränkt, auch wenn Salomon Frosts Verhalten anzumerken gewesen war, dass er es gerne anders gewünscht hätte. Vielleicht bekam er »Abschussprämien«, so wie er sich ins Zeug legte ...

    Seine Rechnung war simpel: Wenn Bonner korrupt war, mochten es engere Freunde auch sein!

    Brenda Perkins führte uns ins Wohnzimmer. Sie war keine Schönheit, aber wer Jay gekannt hatte, ahnte, was er an ihr gefunden hatte. Sie wirkte wie eine emanzipierte, ungeheuer starke Frau auf uns.

    »Sie waren Kollegen meines Mannes?«, fragte sie. Ohne Trauschein bestand sie auf ihrem Recht, ihn »mein Mann« zu betiteln. Nur die Gerichte würden es vielleicht anders sehen. Wenn es an die Verteilung von Jays Hinterlassenschaft ging.

    Brenda Perkins konnte einem jetzt schon leid tun. Auch der interne Fonds, den wir für im Dienst umgekommene Kollegen gegründet hatten, würde ihre Schwierigkeiten kaum mindern.

    Wir nickten. »Wir waren es, die ihn im Theater fanden«, sagte ich.

    Ich sah, wie sich ihre Gesichtsmuskulatur verspannte. »Dann habe ich die ganzen Schwierigkeiten vermutlich Ihnen zu verdanken.«

    Die Bitterkeit, mit der sie sprach, war von ihrer Warte aus irgendwie verständlich.

    »Was meinen Sie?«, fragte Milo.

    »Tun Sie doch nicht, als ob Sie es nicht wüssten«, fauchte sie.

    »Wenn Sie das Ermittlungsverfahren meinen, das gegen Ihren Mann läuft ...« begann ich vorsichtig.

    »Ich meine das Geld, das man unter fadenscheinigen Erklärungen konfisziert hat!«, schrie Brenda Perkins. »Ein Vermögen, von dem ich nicht einmal wusste! Was sind das für Methoden, rechtschaffene Leute auszuräubern, indem man Gerüchte über ihre vorgebliche Bestechlichkeit in die Welt setzt? Ich nenne das schlicht Rufmord! Gibt es einen einzigen Beweis, der die Kampagne rechtfertigt, die gegen euren Kollegen gestartet wurde, der noch dazu im Schrothagel eines dreckigen Kindermörders sterben musste?!«

    Sie nannte Pournelle einen Kindermörder - und mochte damit aus ihrer Warte nicht einmal falschliegen, auch wenn die Gerichte es differenzierter beurteilt hätten. Aber hieß es nicht: »Volkes Mund tut Wahrheit kund« ...

    »Sie wussten wirklich nichts von dem Geld?«, lenkte Milo ihren heiligen Zorn auf das Näherliegende.

    »Nein, zur Hölle! Glauben Sie ernsthaft, wir hätten länger in einer solchen Bude gehaust, wenn ich es gewusst hätte?«

    Das war schwer zu beurteilen. Milo zog sich aus der Affäre, indem er sagte: »Dann hat er es also heimlich zur Seite gelegt. - Sie wissen selbst, dass die Wahrscheinlichkeit, eine solche Summe allein vom Gehalt eines G-Man anzusparen, unter null liegt. Ich gebe kein Geheimnis preis, wenn ich Ihnen verrate, dass mein Bankkonto deutlich bescheidener aussieht. Oder hatte Jay eine Erbschaft gemacht, von der wir nichts wissen?«

    »Was weiß ich?« Die Antwort kam postwendend und kaum weniger heftig. »Ich bin offenbar ohnehin die Letzte, die hier überhaupt etwas erfährt. Nicht einmal beerdigen darf ich ihn!«

    »Warum nicht?«, mischte ich mich ein.

    »Das wissen Sie doch!«

    »Nein.«

    »Ihre Behörde gibt ihn nicht frei - spielen Sie doch nicht den Ahnungslosen!«

    Ich nahm mir vor, das zu prüfen.

    »Haben Sie noch einmal von der Firma gehört, mit der Ihr Mann einen Vertrag im Todesfalle abgeschlossen hatte?«, erkundigte ich mich.

    »Trans Time? Dieses Krematorium für Verrückte?«

    Ich nickte. Die Mühe, sie über den Unterschied zwischen einem Krematorium und einer »Kältekonservierung« aufzuklären, sparte ich mir. Sinngemäß sprachen wir von der gleichen Sache.

    »Nein«, grollte sie. »Ich wusste auch nicht, dass ich all die Jahre mit einem leutseligen Narren verbracht habe!«

    »War er das?«, fragte ich.

    Sie starrte mich an wie eine Rednerin, die man aus einem vorgefertigten Konzept gebracht hatte. Ihre Stärke zerfiel wie ein Kartenhaus. »Nein!«, flüsterte sie. »Er war der feinste Kerl, den man sich vorstellen kann ...!«

    Milo warf mir einen Blick zu. Ich gab ihm zu verstehen, dass sie ein Recht auf ihren Schmerz hatte. Wir warteten, bis sie sich gefangen hatte. Danach war sie viel zugänglicher. Dennoch fiel es mir schwer, Kapital daraus zu schlagen.

    »Wie war Jay privat?«, fragte ich. »Was kann ihn dazu veranlasst haben, bei einer so obskuren Sache zu unterschreiben?«

    »Sie meinen, was man ihm anlastet, könnte mit seiner testamentarischen Verfügung zusammenhängen?«

    »Indirekt ja«, nickte ich. »Wie viel Geld verlangt Trans Time, wissen Sie das?«

    »250.000 Dollar«, murmelte sie.

    »180.000 Dollar, von denen niemand wusste, hatte er auf der hohen Kante. Fehlten noch etwa 70.000 ... Ich will ihn bestimmt nicht vorverurteilen, aber der Verdacht, dass Jay auf nicht legale Weise versuchte, sich seine Überlebenssumme zusammenzusparen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.«

    Brenda Perkins dachte darüber nach.

    »Haben Sie Unterlagen von oder über das Trans-Time-Unternehmen gefunden?«, bohrte ich weiter. »Informationsmaterial ... Eine Vertragskopie vielleicht ...«

    Sie machte eine wegwerfende Geste, signalisierte aber zugleich Kooperationsbereitschaft. »Ich werde nachsehen. Solche Dinge hielt er gewöhnlich unter seinen Herren-Magazinen versteckt ... Sobald ich sie gefunden habe, rufe ich bei Ihnen an. Dann können Sie sie abholen.«

    »Die Herren-Magazine?«, erkundigte sich Milo.

    11

    Max Hayden bewohnte eine ehemalige Ranch vor den Toren New Yorks, in der Nähe von Woodhaven. Seit dem Tod seiner Frau vor knapp zehn Jahren lebte er hier allein. Einmal täglich schaute eine Frau aus der Nachbarschaft bei ihm für ein, zwei Stunden vorbei und erledigte für ein kleines Entgelt die Wäschearbeiten. Mehr nicht. Er war nicht menschenscheu, aber er hatte einfach keinen Grund mehr gesehen, sich noch einmal fest an einen Menschen zu binden. Dass allmählich die gemeinsamen Freunde ausgeblieben waren, hatte er erst bemerkt, als er von dem Urteil erfahren hatte, das auf höherer Bühne über ihn verhängt worden war.

    Nun war er einsam und verlassen. Ein fossiler Schauspieler, ohne Kinder, der von seinen Ersparnissen aus besseren Zeiten zehrte. Und der bald so tot sein würde wie der gute, alte Wildwestfilm.

    Allüren hatte er auch.

    Einen Spleen, der ihn nicht mehr losließ.

    Unsterblichkeit hieß das Zauberwort. Ewig leben. Zumindest aber einen Blick in die Zukunft wollte er trickreich erhaschen. In seiner Jugend war die Hochzeit der Fortschrittsgläubigen gewesen. Science Fiction hatte damals Hochkonjunktur. Zeitschriften wie Weird Tales, Amazing Stories oder Mystery Magazine waren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Dann die erste bemannte Mondlandung. Amstrongs Schritte in ein neues Jahrtausend ... Damals hatten alle geglaubt, es ginge nun immer so weiter in Siebenmeilenstiefeln.

    Mittlerweile war Nüchternheit ins Reich der Wissenschaften eingekehrt. Man hatte die Grenzen erkannt und abgesteckt. Seitdem ging es in den wirklich großen Entdeckungen nur noch schleppend voran. Kühle NASA-Rechner zweifelten ebenso wie die Weltbevölkerung am Sinn beispielsweise eines Marsfluges - von noch ferneren Zielen ganz zu schweigen.

    Die Welt war arm geworden.

    Arm an Wundern.

    Hayden war entschlossen, sein eigenes Wunder zu produzieren. Mit der Hilfe einer Firma, die ebenfalls noch Kraft für Visionen zu haben schien.

    Und im Zeitalter der Gentechnologie und der »Krebsmaus« gab es wieder erste Hoffnungsschimmer ...

    Hayden hatte alle erdenklichen Anstrengungen unternommen, um eine Unterredung mit dem Firmendirektor selbst zu erzwingen. Bislang war er jedoch an derselben kühlen Empfangsdame gescheitert, die ihn erst wieder vor ein paar Tagen bei der Vertragsunterzeichnung hatte abblitzen lassen.

    Aber Hayden wäre nicht Hayden gewesen, wenn ihn das entmutigt hätte. Nur die Zeit rann ihm wie Sand durch die Finger. Die Zeit ...

    Problemlos hatte er den medizinischen Test in der Privatklinik absolviert. Überraschungen hatte es keine gegeben. Die Diagnose deckte sich mit der, die Hayden bereits in der Tasche hatte.

    Nun hoffte er, durch beschleunigten Zahlungseingang nachhaltigen Eindruck bei der gestrengen »Torhüterin« zu machen. Deshalb hatte er sich schon am frühen Morgen persönlich mit einem Scheck auf die Fahrt über die winterlichen Flüsse, die Manhattan V-förmig umgaben, zur anderen Seite nach Jersey City gemacht.

    Pünktlich zu Beginn der Geschäftszeiten betrat er den Eingangsbereich des lang gezogenen, einstöckigen Firmengebäudes, das von außen wie ein abgeflachter Flugzeughangar der Air Force wirkte. Nur die leuchtend blaue Farbe war hübscher.

    An der Rezeption befand sich niemand. Nur eine Tasse mit dampfendem schwarzem Kaffee deutete darauf hin, dass Haydens »Freundin« in Kürze von irgendwoher zurückkehren würde. Vielleicht ein kleiner Abstecher auf die Toilette ...

    Ein irrwitziger Gedanke blitzte bei ihm auf - in Anlehnung daran, wie man hier Verstorbene im Tiefkälteverfahren wie Gefriergut auf eine künftige Wiedererweckung vorbereitete. Moderne Pharaonen, dachte Hayden belustigt. Und fügte hinzu: »Ob hier wohl stilgerecht Eiswürfel gepinkelt werden ...?«

    Die Empfangsdame kehrte auch in den nächsten Minuten nicht zurück. Hayden war nur in der Gesellschaft der automatischen Kamera, die den gesamten Vorraum kontrollierte. Beobachtet fühlte er sich deshalb nicht - gehemmt schon gar nicht. Elektronische Augen verfolgten einen heutzutage überallhin. Daran gewöhnte man sich. In den wenigsten Fällen wurde das aufgezeichnete Material jemals gesichtet, sondern binnen kürzester Frist gelöscht und neu überspielt. Nur wenn etwas Besonderes vorfiel ...

    Hayden verlor die Geduld.

    Der Scheck zwischen seinen Fingern wies schon bedenkliche Knitterspuren auf, und auf Haydens Rufe reagierte niemand.

    Von wachsender Ungeduld bis zu dem Punkt, da ihm seine Bitte einfiel, auf die er immer noch keine Antwort erhalten hatte, war es nicht mehr weit.

    Die Lady war selbst schuld. So durfte man mit einem Max Hayden nicht umspringen. Er setzte sich in Bewegung.

    Aber nicht dorthin zurück, von wo er gekommen war - sondern hinter die Theke und immer weiter. Die erste Glastür war verschlossen, reagierte aber bei Annäherung über einen Sensor und wich einladend vor Hayden zurück.

    Das gab den Ausschlag.

    »Ich würde gern einen Blick auf die Särge werfen«, hatte er vor Tagen höflich erbeten. Die Resonanz hatte zu wünschen übrig gelassen. Aber vielleicht fand er den Weg dorthin auch auf eigene Faust. Eine lange vermisste Unternehmungslust breitete sich in ihm aus. Es wunderte ihn nur, dass er nirgends eine Menschenseele sah oder hörte. Die ganze Firma wirkte wie ausgestorben - als hätte die Belegschaft selbst Platz in den blank polierten Kupfertanks genommen, die Hayden bislang nur von den Hochglanzprospekten kannte.

    Neugierig betrat er den sterilen Korridor, der sich hinter der Glastür aufgetan hatte. Verborgene Lampen streuten indirektes Licht. Fenster zur Außenwelt gab es nicht. Der Korridor sah aus wie ein Tunnel oder der Verbindungsgang in einem Raumschiff. Star Trek ließ grüßen - was wohl Absicht war. Psychologie. Etwaige Besucher sollten von vornherein ein Gefühl für das Anliegen des Unternehmens erhalten.

    Hayden grinste. Bei solchen Abenteuern vergaß er sogar sein persönliches Elend. Galgenhumor war jetzt gefragt. Bald würde er ohnehin weder lachen noch weinen können. Die Schmerzen im Unterleib kamen bereits in bedrohlichen Intervallen. Manchmal versuchte ein Schwindelgefühl ihn regelrecht wegzuschwemmen.

    Seine Schuhe verursachten ein hallendes Echo. Er blieb kurz stehen. Das Geräusch verschwand. Außer ihm war niemand unterwegs. Auch nicht hinter der nächsten Kurve.

    Dafür kam eine Metalltür. Ohne Infrarotsensor. Und ohne Klinke.

    Schade, dachte Hayden. Die wirklich interessanten Dinge schienen ihm verschlossen zu bleiben.

    Doch als er leicht dagegen drückte, hob die Tür nach oben ab wie die Luke einer Pilotenkanzel. Dahinter herrschte Zwielicht, aber es reichte aus, um Hayden klarzumachen, dass er an seinem Wunschziel angelangt war.

    Zwei lange Reihen mit »Kupfersärgen«, getrennt durch einen schmalen Gang, füllten den Raum bis in den hintersten Winkel. Das Licht, das sich in der Oberfläche der wannenförmigen Gebilde spiegelte, war grünlich wie bei einem Oszillographen. Und es änderte sich ständig, warf Schatten, die in einem pulsierenden Rhythmus kamen und gingen. Von irgendwoher kam ein Zischgeräusch, und über dem Boden waberten knöchelhohe künstliche Nebel.

    Ein atemberaubendes Szenario.

    Hayden lenkte seine Schritte voran. Er hatte das Gefühl, von einer magnetischen Kraft erfasst worden zu sein. Der Tod, dachte er beeindruckt. Es ist der Tod, der mich anzieht ...

    Gleichzeitig nahm eine fast sakrale Stimmung Besitz von ihm. Die Vorstellung, dass hier Menschen in ihren eisigen Gräbern ruhten, war von gespenstischer Faszination.

    Hayden erreichte den vordersten Behälter und streckte die Hand aus. Andächtig berührte er das kühle Material, das nur den Außenmantel einer effektiven Dämmung darstellte. Deshalb fiel es Hayden auch nicht sonderlich schwer, die Hemmschwelle zu überwinden, die ihm suggerieren wollte, die Finger könnten vor Kälte festkleben.

    Als er jedoch einen Blick ins Innere des Hightech-Sarges zu werfen versuchte, wurde er enttäuscht. Der hermetisch verriegelte Deckel, der aus der Entfernung

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