Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Das Buch der Tiere: 100 animalische Streifzüge durch die Weltliteratur

Das Buch der Tiere: 100 animalische Streifzüge durch die Weltliteratur

Vorschau lesen

Das Buch der Tiere: 100 animalische Streifzüge durch die Weltliteratur

Länge:
441 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 29, 2017
ISBN:
9783903005877
Format:
Buch

Beschreibung

Tiere und Literatur: Das ist seit Anbeginn ein Liebesverhältnis. Martin Thomas Pesl hat Fährten aufgenommen, Spuren verfolgt und festgestellt: Der Einsatz vierbeiniger Freunde, gefiederter Feinde, schwimmender Gefahren und trompetender Hindernisse in literarischen Werken ist vielfältiger, als man denkt.
Vom Affen Rotpeter bei Kafka über die Esel bei Orwell und Cervantes bis zu Murakamis Frosch, von Nabokovs Grauhörnchen über den Fuchs im Kleinen Prinzen bis zu Martin Suters Elefant und Michail Bulgakows Kater – ihnen und noch vielen mehr ist er auf seiner literarischen Spurensuche von der Antike bis zur Gegenwart begegnet.
Ein kurzweiliger und amüsanter Trip für Leser, Tierliebhaber & Abenteurer.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 29, 2017
ISBN:
9783903005877
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Das Buch der Tiere - Martin Thomas Pesl

Pesl

Die

Schwimmenden

und Tauchenden

MOBY DICK

AUTOR: Herman Melville

TITEL: Moby Dick oder Der Wal

(aus dem Amerikanischen von Matthias Jendis)

ORIGINALFASSUNG: 1851

Aye, aye! Es war dieser verfluchte weiße Wal, der mir den Mast abgeschlagen hat, der aus mir bis ans Ende meiner Tage einen erbärmlichen, humpelnden Krüppel gemacht hat!« Darauf schüttelte er die Fäuste gen Himmel und schrie seine maßlosen Verwünschungen hinaus: »Aye, aye, und ich werd ihn ums Kap der Guten Hoffnung hetzen und auch ums Horn herum und um Norwegens Mahlstrom und durch die Flammen der Verdammnis, eh ich die Jagd verloren gebe. Und, Männer, das ist es, wofür ihr angeheuert habt! Diesen weißen Wal zu jagen, auf beiden Ozeanen, in allen Winkeln der Welt, bis schwarzes Blut er bläst und tot im Wasser treibt.«

Man muss sich auch mal die andere Seite ansehen. Klar, diese gekränkten Männer und ihre Besessenheit von hungrigen Meerestieren haben etwas Lächerliches: dieser Captain Hook mit seinem Krokodil, dieser alte Mann im Meer auf der Jagd nach dem Riesenmarlin und durchaus auch dieser immer fanatischer werdende Kapitän Ahab. Sie können nicht gewinnen, aber sie müssen kämpfen, um ihre fehlenden Gliedmaßen zu rächen (oder auch einfach nur ihren Stolz zu befriedigen).

Aber trotzdem. Jetzt mal im Ernst: Moby Dick! Du Wal, du Weißer Wal du! Stellvertretend für die anderen Wassergenossen, die im Menschen einen irrationalen Tunnelblick auslösen, lass dir gesagt sein: Es ist ja verständlich, dass du nicht gejagt werden willst, und vor 150 Jahren hattest du auch noch keinen WWF, um dich zu schützen. Aber bitte, reiß dich zusammen, anstatt uns Menschen das Bein ab. Die ganze Umgebung leidet doch unter den ahabschen Gewaltobsessionen. Ismael, Starbuck, Queequeg – die müssen sich mit dem Mann ein Schiff teilen! Und das sind auch nur Säugetiere, so wie du.

Bliebest du doch wenigstens ein »Phantom des Lebens«, wie du an einer Stelle bezeichnet wirst, eine omnipräsente, doch ungreifbare, numinose Nemesis, ein dämonischer Teufel, der in Wahrheit nur in den Köpfen derer existiert, die dich jagen! Das wäre ohnehin schon tierisch gemein.

Aber nein, du lässt dich auch noch aufspüren von der irre gewordenen Mannschaft: Absichtlich, könnte man dir unterstellen, lockst du sie in dein Revier, in die Höhle des Löwen sozusagen, nur bist du größer, lauter, dicker (tut mir leid, aber du hast »dick« schon im Namen!) und gefährlicher als ein Löwe. Und da sind sie dann und nähern sich dir, nicht wissend, was sie tun, stoßen sich an dir und kentern. Du hast kaum eine Flosse gerührt, hast dann nur ein bisschen das Schiff gerammt und dabei halt alle vernichtet. Hattest wohl nach dem Ahab-etitanreger noch Lust auf den Rest der Mahlzeit?

Wer den Wal hat, hat die Qual. Und wer ihn nicht hat, quält sich selbst. Es ist ein Wunder, dass sich nach dir Weißem Wal und deinem ideellen Nachkommen, dem »Weißen Hai«, noch irgendjemand ins Wasser traut.

Und hier noch ein paar Fun Facts über euch Pottwale: Wusstest du, dass ihr eine sogenannte Junk-Melone in eurem rechteckigen Schädel habt, die euch den Kopf schwer macht und beim Rammen unterstützt? Dementsprechend werdet ihr Männchen auch Bullen genannt.

GATTUNG

: Physeter macrocephalus

LEBENSRAUM:

Kap der guten Hoffnung

FIGUR:

dick

ERNÄHRUNG:

Seemannshaxe

SOZIALVERHALTEN:

bissig

ARTENSCHUTZ:

nicht empfohlen

NATÜRLICHER FEIND:

Kapitän Ahab

DIESES EINE KROKODIL

AUTOR: James Matthew Barrie

TITEL: Peter Pan

(aus dem Englischen von Bernd Wilms)

ORIGINALFASSUNG: 1906

Zum Schluss kommt ein riesiges Krokodil. Nach wem es Ausschau hält, werden wir noch sehen.

Das berühmteste Krokodil der Welt? Da streiten sich jetzt wahrscheinlich zwei: jenes, das im Kasperletheater stets den Knüppel auf die Nase kriegt, und jenes, das Captain Hooks Arm verspeist hat. Nun, beide haben keinen besonders guten Ruf. Aber: Armfresser vor Armleuchter.

Er fürchte sich keineswegs vor Krokodilen, korrigiert der rachsüchtige Captain seinen Bootsmann Mr. Smee, »sondern vor diesem einen Krokodil«. Sein Arm, den Peter Pan ihm abgeschlagen habe, habe dem Tier so gut geschmeckt, dass er nun auch noch den Rest verzehren wolle. Als veritabler Allesfresser hat das Krokodil aber auch einen Wecker verschluckt, der seitdem ganz laut aus seinem Magen heraus tickt. Das Anschleichen gestaltet sich daher schwierig. Und so wie Captain Hooks Name prophetisch voraussah, dass er einst einen Greifhaken anstelle einer Hand haben würde, heißt im Disney-Film Peter Pan das Krokodil Tick-Tack.

Aber irgendwann ist auch im Nimmerland die Batterie leer, und dann kommt das Krokodil schallgedämpft daher. Das weiß Captain Hook, und davor fürchtet er sich gerade so sehr wie vor dem Anblick seines eigenen Blutes. Dazu kommt das Ärgernis, dass Peter Pan ein brillanter Stimmenimitator ist, der nicht nur Captain Hook selbst hervorragend nachzuahmen versteht, sondern auch das schwimmende Reptil beziehungsweise dessen innere Uhr.

In den zahlreichen Verfilmungen des Peter-Pan-Stoffs ist das alles ein bisschen anders. In Hook hat Hook seine Rache an dem Krokodil genommen und sich daraus – nein, keine Lederhandschuhe (das hätte wahrlich Stil), sondern einen Uhrturm (auch elegant) gemacht.

Scheint aber nichts zu nutzen, die nimmerländische Nimmerlogik lässt zu, dass das Krokodil einzig zu dem Zwecke, Hook am Ende zu fressen, wieder zum Leben erwacht. Und täglich grüßt das Krokodil.

In den 2000er-Jahren wurde dieses eine Krokodil immer dinosaurisch monströser und vermehrte sich. Dafür – um wieder in literarische Sümpfe zurückzukehren – hat Geraldine McCaughrean 2006 eine offizielle Fortsetzung geschrieben (Titel: Peter Pan und der rote Pirat

GATTUNG

: Crocodylus porosus

LEBENSRAUM:

Nimmerland

GESCHLECHT:

weiblich

ALTERNATIVNAMEN:

Tick-Tock the Croc, Mr. Grin

ERNÄHRUNG:

Tic-Tacs

KNUDDELFAKTOR:

ÖKOLOGIEVERSTäNDNIS:

hoch (pladiert für ganzheitliche Verwertung)

ARTENSCHUTZ:

nicht empfohlen

DER MARLIN

AUTOR: Ernest Hemingway

TITEL: Der alte Mann und das Meer

(aus dem Amerikanischen von Annemarie Horschitz-Horst)

ORIGINALFASSUNG: 1952

Der Fisch traf den Draht noch verschiedene Male, und jedesmal, wenn er mit dem Kopf stieß, gab der alte Mann ein bißchen Leine ’raus. – Ich darf seine Schmerzen nicht größer werden lassen, dachte er. Meine sind ganz egal. Meine kann ich beherrschen. Aber seine Schmerzen könnten ihn zum Wahnsinntreiben.

Die Erzählung trägt den Titel Der alte Mann und das Meer, aber eigentlich müsste sie Der alte Mann und der Marlin heißen. Mit dem Meer an sich kommt der alte Fischer Santiago nämlich ganz gut klar, das Problem ist nur, dass es relativ leergefischt ist. Und das vor sechzig Jahren, als noch nix war mit globaler Ressourcenausbeutung und Co.!

Als der alte Mann eines Tages ohne seinen jungen Freund und Helfer Manolin zum 85. Mal hinausfährt, um etwas zu fangen, begegnet er dem riesigen Blauen Marlin, auch Speerfisch genannt, »zwei Fuß länger als das Boot« oder sogar noch größer. Ein Verwandter des Schwertfisches, er hat mit diesem auch Ähnlichkeiten, aber kein spitzes, scharfes, sondern ein zylindrisches »Maul«. Mithilfe dieses Mauls frisst er tatsächlich die Ködermakrelen vom Haken ab und bleibt dann hängen.

Das ist der Beginn eines monströsen Pas de deux, eines mehrtägigen Duetts oder Duells zweier erbitterter Feinde, von denen einer den anderen aber als Freund bezeichnet, sich um ihn sorgt und dennoch sagt: »Aber ich werde ihn töten. In all seiner Größe und Herrlichkeit.«

Wenn das so einfach wäre! Viel zu schwach ist der alte Mann, zu stark der Fisch. »Fisch, du mußt sowieso sterben«, sagt er ihm. »Mußt du mich auch töten?« Der Klügere gibt nach, in diesem Fall aber weiß der Klügere, dass Nachgeben die schlechteste Lösung wäre.

Nur einmal bekommt Santiago seinen seltsamen Tanzpartner zu Gesicht, kurz vor dessen Tod: »größer als ein großes Sensenblatt und ganz hell lavendelfarben über dem dunkelblauen Wasser«. Er sieht seine violetten Streifen und die angelegte Rückenflosse und fühlt sich seinem Herzen besonders nahe. Derlei Sentimentalitäten und die faszinierende Bewunderung für den namenlosen Numinosen halten ihn aber nicht davon ab, dem Tier mit seiner Harpune, mit Müh und mit Not den Garaus zu machen. Es schreibt dies schließlich ein tougher Amerikaner der Fünfzigerjahre mitten in der Schwüle Kubas.

GATTUNG

: Isithiophoridae

LEBENSRAUM:

Atlantik

FARBE:

Lavendel

GRÖSSE:

zwei Fuß länger als das Boot, größer als ein großes Sensenblatt

MAUL:

Speer statt Schwert

ERNÄHRUNG:

Makrelen

BESTER-FREUND-DES-MENSCHEN-FAKTOR:

ARTENSCHUTZ:

empfohlen

BERUF:

Duetttänzer

DER WEISSE HAI

AUTOR: Peter Benchley

TITEL: Der Weiße Hai

(aus dem Amerikanischen von Vanessa Wieser)

ORIGINALFASSUNG: 1974

Was wird Martin denn nun mit diesem Hai tun?«, fragte sie.

»Ich weiß es nicht. Ich nehme an, sie werden versuchen, ihn zu fangen.«

»Kannst du den Leviathan ziehen mit dem Haken und seine Zunge mit einer Schnur fassen?«

»Wie bitte?«

»Buch Hiob«, sagte Minnie. »Kein Sterblicher wird jemals diesen Fisch fangen.«

Moment mal, es gibt ein Buch über den Weißen Hai!? Ja, es war sogar sehr erfolgreich damals im Jahr 1974. Der Autor Peter Benchley war seit seiner Kindheit ein Hai-Fan gewesen und wurde von der raschen Verfilmung seines Romans (nämlich: 1975) nachhaltig traumatisiert. Einerseits schrieb er zornige Briefe an die Produzenten betreffend Fehler im Drehbuch, andererseits war er unendlich dankbar, an ein »Genie namens Steven Spielberg« geraten zu sein.

Dem »Fisch« gegenüber, wie er ihn an den empathischen Stellen seines Romans bescheiden nennt, hatte Benchley zeitlebens ein schlechtes Gewissen, weil er ihn so biblisch böse dargestellt hatte (Spielberg freilich fand bei der Lektüre alle menschlichen Charaktere so unsympathisch, dass er zum Hai hielt). Benchley betreute fürderhin hai-tere Umweltschutzprojekte.

Ähnlich wie im Film jedenfalls taucht der Große Weiße Hai – die Länge der Gattung wird mit sechs bis 35 Metern spekuliert – vor dem Ferienort Amity, Long Island, New York auf und beißt ohne größeren Widerstand badende Menschen durch. Bis ein Triumvirat aus Polizeichef Martin Brody und zwei unerschrockenen Hai-Experten ihn jagen und töten geht – alle in Kapitän-Ahab-Manier schon ein bisschen wahnsinnig geworden –, gehen einige Wochen vorbei und einige Menschen drauf.

Dann aber sehen sie ihn endlich: »An jedem Seitenende der Schnauze, wo die graue Farbe in Cremeweiß überging, waren die Nasenlöcher – tiefe Schlitze in der gepanzerten Haut. Das Maul war nicht ganz bis zur Hälfte geöffnet, eine verschwommene, dunkle Höhle, beschützt von riesigen dreieckigen Zähnen. Fisch und Männer standen einander etwa zehn Sekunden gegenüber.« Wenig später bemerkt der Polizeichef fröstelnd: »Er sah aus, als ob er grinsen würde.« Und am nächsten Tag erlebt er dann das grausige Bild des halb aus des Fisches Maul hängenden Oberkörpers eines der Haiologen (der im Übrigen natürlich mit Brodys Frau geschlafen hat). Den anderen, einen geldgierigen Irren, frisst der Weiße Hai dann am nächsten Morgen.

»Der Fisch schien nie dagewesen zu sein«, heißt es einmal. Benchley beschreibt ihn zwar plastisch, zoomt hin und wieder auf seine Bewegungen, versucht seine Wahrnehmung nachzuvollziehen, aber die Fake News der intendierten Bösartigkeit schafft er nicht zu entkräften.

Der zwischen Supererfolg und zoologischer Integrität schwankende Peter Benchley starb 2006. Wahrscheinlich war das zu seinem Besten: Die Sharknado

GATTUNG

: Carcharodon carcharias

LEBENSRAUM:

Atlantik

SCHNAUZE:

kegelformig

ZÄHNE:

dreieckig

ERNÄHRUNGSTYP:

»Müllschlucker«

ARTENSCHUTZ:

empfohlen

LÄNGE:

variabel

Natürliche FEINDE:

keine ernst zu nehmenden

DER ORCAFERON

AUTOR: Stefano D’Arrigo

TITEL: Horcynus Orca

(aus dem Italienischen von Moshe Kahn)

ORIGINALFASSUNG: 1975

Ein Koloss von einem Körper, um die fünfzehn Meter lang und einige Tonnen schwer, von fetter Haut, die dampft wie erkaltende Lava und schwitzt so gemeine Düfte aus, dass man meint, alle seine Funktionen würde er mittels Ausschwitzen durch die Poren seiner Haut erledigen …

Er ist ein Kubikkillerwal, ein Orkan-Orca, ein überwältigendes Wesen, dem Moby Dick wahrscheinlich sofort sein Pausengeld herausgäbe. Ihn elefantös zu nennen, täte jedem Elefanten Ehre. Der mythische Orcaferon oder Orcinus Orca oder Tiergigant präsentiert sich so numinos, so unvorstellbar groß, dass selbst seine Beschreibung in einem Satz sich exzessiv breitmacht und am besten in Scheibchen zu genießen ist:

»… eine Körperform wie ein riesenhafter Torpedo, von ungeheuerlicher, schreckenerregender Düsternis; eine geschlossene, undurchdringliche Form, eine leichenartige Färbung von warmem, schimmerndem Schwarz …«

So monströs wie sein fabelhafter Meeressäuger ist Stefano Fortunato D’Arrigos ganzes Werk. Der 1975 erschienene Klassiker über die Odyssee eines Kriegsheimkehrers nach Sizilien hat 1500 Seiten und etwa 2000 Wortneuschöpfungen, zum Beispiel »Fere« für eine Art tückischen Delfin, der das gewisse Etwas und weiblichen Charme besitzt, statt nur männlich angeberisch herumzuplanschen. Wir schalten zurück zur Walberichterstattung:

»… der Kopf mit dem Knochen aus zwei Öffnungen des Atemlochs, das sich da befindet, wo der Hals hätte sein sollen, er ist mit dem Rest zu einem Ganzen verleibt, eine miteinander verschmolzene Einheit …«

Immer noch nicht fertig. Vor der letztlich 1975 erfolgten Veröffentlichung »überarbeitete« D’Arrigo seinen Roman noch einmal: Das dauerte 16 Jahre, und er fügte bei der Gelegenheit etwa tausend neue Seiten hinzu. Alle waren sich einig: Ein schwindelerregendes Meisterwerk von poetischer Kraft und absoluter Unles- und vor allem Unübersetzbarkeit war geboren.

Einer versuchte es dennoch, das Lesen und das Übersetzen: Der deutsche Moshe Kahn, der den 1992 verstorbenen D’Arrigo vor dessen Tod noch einige Male persönlich begegnet war. Er schuf seinerseits neue Wörter wie »erohräugen« (sehen und hören) und »Chinesischesdingsda« (Penis) und brachte 2015 eine preiswürdige Übersetzung heraus: den neuen Killerwal unter den Wälzern.

Ach ja, das Ende der Beschreibung fehlt noch:

»… alarmierend, unentzifferbar und Schauder hervorrufend, etwas, das man von weitem für ein geheimnisvolles Todeswerkzeug halten könnte, wie eine Art lebendiger und dauernd herumirrender Torpedo.«

GATTUNG

: Orcinus orca

KLASSE:

Säugetier (= Fisch mit Chinesischemdingsda)

LEBENSRAUM:

Das Meer vor Sizilien

SOZIALVERHALTEN:

zermalmt Fischschwärme

WWF-FAKTOR:

GERUCH:

bestialisch

DER BUTT

AUTOR: Günter Grass

TITEL: Der Butt

ORIGINALFASSUNG: 1977

Solange die Anklageschrift verlesen wurde, lag der Butt reglos auf dem Wannenboden aus Zinkblech, als betreffe ihn nicht der Vorwurf, seit Ende der Jungsteinzeit in beratender Funktion ausschließlich, und bewußt zum Schaden der Frauen, die Männersache betrieben zu haben.

Nicht Gott im Himmel: Butt im Wasser. Nicht Gott zum Gruße: Butt zur Buße. Der Fisch, geliehen aus dem alten Märchen Von dem Fischer und seiner Frau von Philipp Otto Runge, ist es, der bei Günter Grass wie eine auktoriale Instanz die Menschheitsgeschichte bestimmt. Im Gegensatz zu jenem, dem Originalbutt, berät dieser Butt aber nicht die Frau mit dem schönen Namen Ilsebill, sondern ihren Mann.

Der platte Fisch aus dem plattdeutschen Märchen hat es sich also bis zum Jahr 1977 anders überlegt. Er, selbst ein gestandener Milchner (im Gegensatz zum Weibchen, dem Rogner), steht jetzt dem Manne beratend zur Seite.

Damit ist nicht zuletzt der Autor selbst gemeint: »An einem zeitlosen Tag, heiter bis wolkig, fing ich den Butt.« Seither ist er das Teufelchen auf seiner Schulter und stiftet ihn zu klotzigen Gesten von historischem Ausmaß an: zu Kriegen, zu Gier und zu Völkerwanderungen.

Aus der Küche duftet es derweil köstlich. Die stets kochenden Frauen, von Ilsebill, prominenten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts und diversen Köchinnen repräsentiert, haben die fischige Macho-Kiste irgendwann satt.

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Das Buch der Tiere denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen