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Krause - Bastard und Held des Flämings
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eBook359 Seiten4 Stunden

Krause - Bastard und Held des Flämings

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Über dieses E-Book

"Als Sohn eines Freiherrn fließt blaues Blut in meinen Adern. Aber mein Vater, der Freiherr Victor Hugo von Braun, erkennt mich nicht an, bin ich doch das fleischgewordene Zeugnis seiner Schwäche zu einer Dienstmagd.
Unverstanden von den Menschen schwor ich dem Fläminger Land, den Armen zu helfen, auf dass solche Ungerechtigkeit nicht ungesühnt bleibt.
Meine Hilfe wird gern angenommen, wo es darum geht, sich die Finger schmutzig zu machen. Ich, der bereits als schwarzer Fleck zur Welt kam, gebiete der Willkür Einhalt, und mir folgen Segen und Fluch zugleich.
Helene, meine schöne Frau, deren Tragik ich kaum beschreiben kann, zeigt mir, dass Menschen ein gutes und reines Herz haben können.
Der Wald ist meine Heimat, die Erde bietet mir Obdach und die Tiere sorgen für mein Überleben. Hier bin ich frei, hier lebe ich und hier werde ich sterben. Doch trete ich nicht ab, bevor ich mir einen Spaß mit den Gendarmen erlaubt habe!"

August Krause

Das Original "Aus dem Leben eines Vagabunden – Ein alter Bekannter Vater Krause (genannt Stein)" wurde im Jahr 1914 erstmalig veröffentlicht. Der Redakteur Fr. R. Arndt verlegte in seinem Verlag "F. R. Arndts Verlag in Jüterbog" die Geschichte des Landfahrers August Krause, geborener Stein. Der Wandersmann erzählte von seinem Leben und so, wie er seine Geschichte offenbarte, wurde sie sofort gesetzt und gedruckt. Dabei schmückte er so manches Abenteuer frei aus.
Der Wiesengrund Verlag verlegt dieses Buch nun neu, 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung.
Swetlana Neumann überarbeitete die Originalausgabe, baute sie aus und ergänzte einige Passagen. Sie übertrug etliche Texte aus dem Fläming Platt sanft in unsere moderne Sprache. Zwar wird der alte Dialekt regional weiter gepflegt, doch wir finden, dieses Buch und seine Geschichten sollten auch über die Grenzen der Region hinaus Verbreitung finden.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum22. März 2014
ISBN9783944879055
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    Krause - Bastard und Held des Flämings - August Krause

    August Krause

    Swetlana Neumann

    KRAUSE

    Bastard und Held des Flämings

    Aus dem Leben eines Vagabunden 

    Ein alter Bekannter 

    Vater Krause

    genannt Stein

    Die Geißel der Bauern 

    40 Jahre Höhlenbewohner

    im Kreise Jüterbog-Luckenwalde

    Imprint

    1. Auflage

    © 2014 by Wiesengrund Verlag

    www.wiesengrund-verlag.de

    Alle Rechte vorbehalten.

    Text: August Krause

    Überarbeitung: Swetlana Neumann

    Lektorat: Jörg F. Nowack

    Foto: Robert Knoll

    Model: Sirko Neumann

    Satz: Maya L.Heyes

    Druck und Bindung: Druckhaus Köthen

    ISBN Print: 978-3-944879-04-8

    ISBN Ebook:978-3-944879-05-

    »Als Sohn eines Freiherrn fließt blaues Blut in meinen Adern. Aber mein Vater, der Freiherr Victor Hugo von Braun, erkennt mich nicht an, bin ich doch das fleischgewordene Zeugnis seiner Schwäche zu einer Dienstmagd.

    Unverstanden von den Menschen schwor ich dem Fläminger Land, den Armen zu helfen, auf dass solche Ungerechtigkeit nicht ungesühnt bleibt.

    Meine Hilfe wird gern angenommen, wo es darum geht, sich die Finger schmutzig zu machen. Ich, der bereits als schwarzer Fleck zur Welt kam, gebiete der Willkür Einhalt, und mir folgen Segen und Fluch zugleich.

    Helene, meine schöne Frau, deren Tragik ich kaum beschreiben kann, zeigt mir, dass Menschen ein gutes und reines Herz haben können.

    Der Wald ist meine Heimat, die Erde bietet mir Obdach und die Tiere sorgen für mein Überleben. Hier bin ich frei, hier lebe ich und hier werde ich sterben. Doch trete ich nicht ab, bevor ich mir einen Spaß mit den Gendarmen erlaubt habe!«

    August Krause

    Inhalt

    Die Geliebte des Freiherrn

    Verstoßen

    Noch zu jung zum Sterben

    Aus seinen Kindertagen

    Vater, hier ist Dein Sohn

    Unsicherer Kantonist

    Hunger tut weh!

    Als blinder Passagier nach Jüterbog

    Als Freund der Bedrängten

    Die Häscher kommen

    Auf Festung

    Der gefoppte Gendarm

    Seine erste und einzige Liebe

    Am Weihnachtsabend

    Lebendig begraben

    Wieder allein!

    Sechs Jahre später

    Im Schnee begraben

    Der rote Hahn

    Flucht aus dem Jüterboger Gefängnis

    24 Stunden im Wasser

    Im Kampfe mit der Polizei

    Ein dunkler Plan

    Der Nachtwächtermord in Dahme

    Wenzels Rache

    Die Höllenbrüder

    Die Apachen im Fläminger Wald

    Eine schaurige Nacht

    Fläminger Frauen verehren ihn

    Leichenfledderer bei der Arbeit

    Der falsche Ortsschulze

    Vom Unglück verfolgt

    Tief im Fläminger Wald

    Ertränkt

    Ein sonderbarer Zufall

    Krause als Gemeinde-Exekutor

    Es will Abend werden

    Auf dem Altenteil

    Abgebrannt

    Sein letzter Wunsch

    Informationen zum Original

    Danksagung

    Programmvorschau

    Die Geliebte des Freiherrn

    »H aben Sie Erbarmen mit einem armen, schwachen Mädchen«, schluchzte die junge Dienstmagd. Ihre Hände hatte sie so fest in ihre weiße Schürze gekrallt, dass diese Falten davontragen musste. Dafür würde sie Schelte beziehen, doch dachte sie in diesem Moment nicht darüber nach. Was hatte sie denn zu befürchten, wenn der Hausherr in dem Moment vor ihr stand und er nichts weiter wollte, als ihr Herz zu gewinnen? Von Zuneigung sprach er, berührte sie sanft an der Hand und gab ihr zu verstehen, dass er nur gute Absichten verfolgte.

    Er, ein Freiherr, sah sie mit einem Blick an, den er nur für seine Ehefrau reserviert hatte. Und sie, wer war sie denn, dass sie wirklich hoffen durfte? Eine einfache Dienstmagd von geringem Stand. Sie sollte die Aufmerksamkeit ihres Hausherrn auf sich gelenkt haben? Nein, das konnte nicht wahr sein!

    »Sprechen Sie nicht von Liebe, wo ich weiß, dass Sie solche nicht mehr zu vergeben haben, wo ich weiß, dass ich nur ein Spielball in Ihren Händen werden soll!«

    Sie wandte sich ab, doch eine große Hand legte sich auf ihre Schulter. Diese Berührung, so sanft und einer Liebkosung gleich, ließ sie erschaudern. In ihrem Kopf war ein undurchdringliches Netz von Gedanken und sie vermochte nicht, diese zu entwirren. Was sollte sie nur tun?

    »Oh mein Gott, ich ahne, dass man mich bald als Ehrlose vom Hofe jagen wird, wenn man erfährt …«

    »Nichts soll man erfahren, Fräulein Anna, nichts«, wollte der Freiherr ihre Bedenken zerstreuen und drehte die junge Dienstmagd zu sich herum. »Und glauben Sie mir, ich liebe Sie wie eine der Unsrigen. Ich liebe Sie bürgerliche Kleine mit der ganzen Glut meines Herzens«, sprach er Worte aus, die sie sich schon immer erhofft, die sie herbeigesehnt und doch gleichzeitig verteufelt hatte. Er durfte nicht weitersprechen, doch er folgte ihrer stummen Bitte nicht, legte einen Finger unter ihr Kinn und zwang sie mit sanfter Gewalt, ihn anzuschauen.

    »Ich will, ich muss Sie besitzen! Ganz oder …« Seine Stimme nahm einen dunkleren Ton an und seine Hand wanderte in seine Brusttasche, »… mein Leben ist nur noch einen Schuss Pulver wert.«

    Entsetz wich die junge Frau einen Schritt zurück, die Hand leicht erhoben. Doch wagte sie nicht, den Freiherrn zu berühren, denn das schickte sich nicht für eine Person ihres Standes. Aber er war doch in Gefahr! Was sollte sie nur tun?

    »Halten Sie ein, Freiherr!«, versuchte sie, ihn an dieser Todsünde zu hindern, »Lassen Sie mich fliehen von hier und vergessen Sie … ja, vergessen Sie Ihre schwache Stunde, so wie ich es versuchen will!«

    Aber der Freiherr schien zu allem entschlossen und hielt sich die Waffe an den Kopf. »Nein, nein, ich mag nicht. Ich bin reich, ich brauche die Welt nicht fürchten, ich kann tun und lassen, was ich will.«

    Er sah ihr in die Augen, wie es nur ein verliebter Mann vermag, und entzündete endgültig das Feuer im Herzen der jungen Frau. Seine nächsten Worte fegten jegliche ihrer Bedenken beiseite, die sie bisher eisern umklammert hielten. »Ich kann allen Menschen zum Trotz auch eine Bürgerliche heiraten.«

    Diese Worte waren neben der Liebeserklärung von ebenso großer Bedeutung für die junge Frau. Sie mochte ihren Ohren kaum glauben und legte unsicher eine Hand auf ihre Brust.

    Ihr Mund war trocken und ihre Kehle fühlte sich an, als würde rauer Sand dagegenreiben. Aber die folgende Frage musste sie aussprechen, sonst würde die Ungewissheit ihr den Schlaf rauben, wenn nicht sogar ihr Herz. »Wie, Sie wollen mich heiraten?«, brachte sie mühsam heraus, ihre Stimme flatternd wie ein dünnes Band im Sommerwind. »Sie wollen mich nicht nur unglücklich machen? Sie wollen Stand und Ansehen aufs Spiel setzen, eines armen, verlassenen Mädchens wegen?« Die Fassungslosigkeit auf ihrem Gesicht wechselte sich mit der vorsichtigen Hoffnung ab, endlich einmal Glück in ihrem Leben zu haben. Der Freiherr liebte sie, sie hatte es selbst aus seinem Mund gehört. Und dieses Lächeln, das er ihr nun schenkte! »Sie fürchten nicht den Spott ihrer Standesgenossen? Sie fürchten nicht den Zorn Ihres Vaters? Sie wollen mich nicht dem Verderben weihen?«

    »Ich will es«, kam es sacht von den Lippen des Freiherrn und er steckte die Waffe wieder in seine Brusttasche. Dann nahm er die Hände der jungen Frau zwischen seine, zog sie dichter an sich heran, sodass sie seinen Atem auf ihrer Wange spüren konnte.

    »Doch«, fuhr er fragend fort, während seine Augen hypnotisierend die der jungen Frau trafen, »Anna, liebst Du mich auch wirklich?«

    Sie senkte das Gesicht zu Boden, blutheiß stieg es ihr zu Kopfe und sie kämpfte mit den Tränen. Dann blickte sie angstvoll um sich. »Ich könnte es, Freiherr, wenn mein Vertrauen mich nicht trügen würde, ich …«

    »Ich schwöre es Dir, Du Reizende aller Schönen Deines Geschlechts, ich …«, rief der Freiherr laut auf, dass seine Worte fast aus dem Zimmer dringen mussten.

    Dies wollte Anna nicht, der Schwur durfte das Zimmer nicht verlassen. Sie legte schnell ihre Hand auf seine Lippen, die so sanft und weich waren. Wie würden sie sich wohl auf ihrem Mund anfühlen?

    »Schwöre nicht, Hugo, schwöre nicht, ehe Du Dich nicht selbst erkannt hast! Mache Dich nicht zum Meineidigen um einer Laune willen!« Sie wechselte von der förmlichen in eine persönlichere Anrede und stellte sich damit auf eine Stufe mit dem Freiherrn.

    »Du glaubst noch immer nicht«, fuhr er in leidenschaftlicher Erregung dazwischen, »Du sprichst von Laune, wo bei mir die Fackel der Liebe in meinem Herzen glüht, wo ich imstande bin, Stand und Reichtum aufzugeben, um mit Dir hinauszuziehen in die weite, in die schöne, lachende Welt!«

    »Doch Hugo, ich will Dir vertrauen. Du sprichst so lieb, so gut zu mir. Du kannst mich nicht betrügen, denn Du bist besser, als ich zu hoffen wagte.«

    Mit leuchtenden Augen hörte ihr Gegenüber zu. Er hatte gesiegt und die junge Frau war wie Wachs in seinen Händen. Er küsste ihre Fingerkuppen, die dicht vor seinen Lippen schwebten, nahm ihre Hand und hauchte, wie es nur ein Gentleman mit einer Dame seines Standes sich erlauben würde, einen Kuss auf ihren Handrücken. Dann zog er sie zu sich heran, schlang seine Arme um ihren Körper und küsste sie. Seine Lippen berührten die ihren und sie waren genauso warm und weich, wie sie es sich vorgestellt hatte.

    Leidenschaft durchflutete die junge Anna und sie spürte Gefühle, die ihr bisher unbekannt waren. Sie gab sich ihm hin und vertraute ihm blind, wie es nur eine junge und unerfahrene Frau vermag.

    Nachdem Victor Hugo von Braun sie verlassen hatte, eilte sie wie ein aufgeschrecktes Huhn in ihr Kämmerlein und sank schluchzend auf ihr Bett. Es war falsch gewesen, was sie gerade getan hatte und das Korsett der Stände, das ihr die Luft zum Atmen nahm, war überdeutlich zu spüren. Aber ihr Herz! Das wiederum sprach anders zu ihr und die Augen des Freiherrn hatten sie auch von der Richtigkeit ihrer stürmischen Handlung überzeugt.

    Die Müdigkeit legte sich wie eine bleierne Decke über ihren Körper und zog sie in die Welt der Träume. Dort sah sie noch einmal, wie es zu der Situation gekommen war, in der sie sich jetzt befand.

    Seit geraumer Zeit weilte Anna Stein auf dem administriellen Rittergut zu Hohenkuhnsdorf, dessen Verwalter der Freiherr Victor Hugo von Braun war.

    Mit Eifer und der Treue gegenüber ihrem Herrn im Herzen arbeitete sie jeden Tag, und nie kam auch nur ein klagendes Wort über ihre Lippen. Die Zeit verging und es war im Jahr 1836, als sich alles für das junge Mädchen ändern sollte.

    Eines Tages war es ihr, als ob der Freiherr sie länger als nötig betrachtete. Eine ungeheuere Angst überfiel sie und sie konnte ein leichtes Zittern ihrer Hände kaum verbergen. Sie ahnte, dass ihr etwas Schreckliches bevorstünde, denn der Blick des Freiherrn war lauernd wie der eines Jägers, der seine Beute entdeckt hatte. Nur sie sah er so an und die junge Anna rechnete schon damit, dass er eines Tages sie in ihrer Kammer aufsuchen und ihr etwas antun würde.

    Bisher war der Freiherr ihr gegenüber immer so freundlich gewesen und verhielt sich stets wie ein richtiger Gentleman. So vornehm und edel, dazu hübsch anzusehen, fühlte sie sich geschmeichelt. Er sah nicht durch sie hindurch, wie sonst alle Angehörigen seines Standes. Nein, sein Blick blieb auf ihrer Person haften, berührte sie wie ein warmer Sommerregen und …

    Als Anna sich das Verhalten des Freiherrn genau überlegt, da deutete sie seinen Blick nicht mehr als lauernd, sondern voller … Zuneigung, wahrer und edler Zuneigung.

    Eines Abends begegneten sie sich im Garten des Herrenhauses. Sie wollte eiligst entfliehen, um nicht in eine Situation zu geraten, deren Ausgang ihr unbekannt war.

    Er aber befahl: »Anna bleiben Sie!« Mit ausgreifenden Schritten kam er auf sie zu und in seinem Blick las sie die Hingabe, die sie sich so sehr wünschte.

    Als sie sich dann auf einer Bank niederließen, da ergriff er ihre Hand und sagte zögernd: »Anna, könnten Sie einen Mann, so wie ich einer bin, gernhaben?«

    Sie stutzte. Also doch! Wieder kam es wie ein Angstschrei von ihren Lippen: »Nein, ja … doch … nein, nimmermehr, und wenn ich es könnte, ich dürfte es nicht!«

    Da sah er sie fest an. Sie konnte seinem Blick nicht widerstehen und versuchte vergeblich, die Lider niederzuschlagen, um ihm nicht in die Augen schauen zu müssen. Was würde sie dann sagen? Wie würde sie sich verhalten und es vielleicht später bitter bereuen?

    Eine dämonische Gewalt hielt sie gebannt, sie konnte sich nicht bewegen, nicht die Augen von dem Freiherrn abwenden und Verzweiflung stieg in ihr hoch. Wenn sie nicht tat, was er wollte, dann würde man sie mit Schimpf und Schande von dem Rittergut verjagen und das konnte ihr Todesurteil bedeuten. Auf der anderen Seite waren seine Gefühle ihr gegenüber doch bestimmt ehrlicher Natur und sie konnte sogar … Konnte sie die Frau an seiner Seite werden?

    Eine innere Stimme warnte sie davor, dem Edelmann Gehör zu schenken, aber ihr Herz sprach anders. Dieser Konflikt war zu viel für die junge Anna und sie weinte laut auf. Tränen setzten ihre Augen unter Wasser und rollten ihre Wangen hinab. Ihre ganze Verzweiflung brach sich Bahnen und der Freiherr stand erschrocken auf.

    »Es war nicht bös gemeint, ein andermal mehr, Fräulein Stein«, sprach er mit brüchiger Stimme und entfernte sich schnellen Schrittes.

    An dieser Stelle erwachte Anna und sie spürte die Tränen, die ihr Gesicht hinabliefen. Doch dann hörte sie ein Geräusch und sie riss erschrocken die Augen auf. Es war der Freiherr, der vor ihr stand. Jetzt lief er nicht davon, als er ihre Verzweiflung sehen konnte, sondern setzte sich auf die Kante ihres Bettes.

    »Erschrecke nicht, Anna, Du bist mein«, versicherte er ihr und nahm vorsichtig ihre Hand. Kalt und zittrig ruhte sie in seiner und er führte sie zu seinen Lippen. Vorsichtig küsste er ihre Fingerspitzen, um ihr zu zeigen, dass er nichts Übles im Sinn hatte.

    »Die Sehnsucht ließ mich zurückkehren. Du hast es mir ja gestanden, dass Du mein sein willst«, kamen liebende Worte flüsternd aus seinem Mund.

    Wenn er so viel Zeit darauf verwandte, ihr seine Liebe zu gestehen und es sogar riskierte, in ihrer Kammer entdeckt zu werden, dann mussten seine Gefühle ihr gegenüber wahr sein!

    Sie sollte ihm gehören? – Dann wollte Anna ihm auch nicht widersprechen und die Glut in ihrem Herzen für den Freiherrn wurde übermächtig. Nun war sie sein und das Schicksal nahm seinen Lauf.

    * * *

    Verstoßen

    Ein Jahr war vergangen und das junge Fräulein Stein lebte noch immer auf dem Gutshof. Aber ihre Wangen waren um einen Schein bleicher geworden, ihre magere Gestalt wurde nur von Sehnen und dünner Haut zusammengehalten und sie war immer noch die einfache Magd und nicht Frau Freiherr von Braun.

    Es war Sonntagabend, draußen eilten die Mägde zum Tanz, während Anna still vor sich hinschaute, bis ihr Blick auf der Wiege in ihrem Zimmer haften blieb. Ja, es war lebendig geworden in ihrem Heim. Ein kleiner Knabe schaute keck aus seinem Lager und streifte mit seinem Blick die Mutter, dann die Umgebung seiner Wiege. Er war das Zeugnis einer Liebe, die doch nur einseitig geblieben war.

    Der kleine August war ihr Stolz! Er sollte erst auch Hugo heißen, so wollte sie es gern. Doch der Vater riet davon ab, denn seine Freunde sollten nicht zu oft darauf aufmerksam werden, dass auf seinem aristokratischen Wappen ein dunkler Fleck entstanden war.

    Ein dunkler Fleck! So benannte der Vater seinen Sohn und diese Bezeichnung hatte Risse in die wunderschöne heile Welt gebracht, die sich Anna aufgebaut hatte und an der sie so krampfhaft festhielt. Was hatte sie sonst, wenn nicht die Sonnenseite des Lebens, wo der Freiherr sein Heim hatte?

    Sie, eine einfache Dienstmagd, dem Hausherrn verfallen und ein uneheliches Kind zur Welt gebracht? Sollte er seinen Liebesschwüren nicht treu bleiben, dann blieben Mutter und Kind nur der dunkle Wald. Diese Vorstellung war so grauenerweckend, dass sie die Augen vor der Realität verschloss und das Unglück nicht kommen sah.

    Nein, er hat doch Recht, hatte sie sich gedacht und es durfte kein Makel auf die reine Weste des Freiherrn kommen. So hatte sie ihrem Sohn den Namen ihres eigenen Vaters gegeben.

    Mit jedem Tag, wo der kleine Mann lebendiger wurde, wurde ihre Mutterfreude größer. Er sollte einmal ein tüchtiger Mensch werden und seine Mutter stolz machen. Wenn der Freiherr erst sah, wie fleißig und schlau sein Sohn war, dann konnte er ihn nicht mehr ignorieren und auch in seiner Brust würde der Vaterstolz alle Hürden davonfegen. Da war sich Anna sicher, denn ihr blieb auch nichts anderes, als sich an diese Hoffnung zu klammern.

    Ihr Sohn würde nicht erst um sein Glück kämpfen müssen, er war doch mitten hineingeboren und würde auch seine Mutter nicht vergessen.

    »Das Glück«, murmelte sie vor sich hin und ein Schatten legte sich auf ihr Gesicht. Sie sah zum Fenster und beobachtete den Lauf der Sonne. Es war schon spät und eigentlich musste sie noch etlichen Aufgaben nachkommen. Aber sie wurde in ihre Kammer geschickt und sollte dort verbleiben.

    »Victor lässt lange auf sich warten, sollte …«, stellte sie traurig fest und beugte sich über die Wiege ihres Sohnes. Dieser schlief fest und ein zufriedener Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Er sah seinem Vater so ähnlich und das schmerzte ihr Mutterherz, obwohl sie wusste, dass sie ihrem Kind damit Unrecht tat.

    Wenn er mich nun verstößt? »Nein, nein, er wird mich heiraten, er wird mich zu seiner legitimen Frau machen, er wird mich nicht verstoßen!«

    Es klopfte und Anna zuckte erschrocken zusammen. Jetzt war es so weit und der Freiherr würde seinen Sohn legitimieren! Endlich würden die Lästermäuler verstummen, die sie, seit ihre Liebe zum Hausherrn sichtbar geworden war, ständig verfolgten. Sie war noch jung an Jahren und musste sich öfters anhören, dass sie nur auf Grund der Liaison mit dem Freiherrn eine große Kammer und einen halben Tag frei in der Woche bekommen hatte. Ihre Stellung unter den Dienstboten verschlechterte sich zusehends, seitdem ein Kind unter ihrem Herzen heranwuchs. Jeder wusste, wer der Vater war und dass sie einen Bastard zur Welt bringen würde.

    Der Gärtner hatte ihr prophezeit, dass der Freiherr sie des Hauses verweisen, und dass er niemals das Kind anerkennen würde. Aber das stimmte nicht, wie die junge Mutter wusste. Victor Hugo von Braun hatte ihr zugesichert, ihren Sohn zu legitimieren. Nur war dafür noch nicht der rechte Moment gekommen.

    Jetzt allerdings war die Zeit des Wartens vorbei und das Klopfen an der Tür war wie das Signal für Anna, dass ein neues Leben für sie begann.

    »Herein!«, rief sie hoffnungsfroh.

    Durch die schmale Tür trat der Freiherr, in der Hand ein Schreiben. Seine Züge waren ernst, und es schien, als spiegelte sich ein spöttischer Zug um seine Mundwinkel.

    »Guten Abend, Fräulein Stein«, begann er leise. »Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«

    »Fräulein Stein«, wiederholte Anna lang gedehnt. »Warum nicht, ›teure Anna‹ wie sonst?«, wollte sie von ihm wissen und die Risse ihrer heilen Welt wurden so groß, dass die Schwärze des Unglücks bereits hineinsickerte.

    »Fräulein Stein«, erklang es noch einmal etwas schärfer, »man kann nicht ewig tändeln. Leute von Adel tun das nicht!«

    Leute von Adel tun das nicht! Wie ein Echo gingen die Worte der jungen Frau durch ihren Kopf.

    »Ach ja?«, gab sie bissig zurück und ihre Lippen wurden schmal wie Klingen. »Leute von Adel sind nicht alle Tage gleich. Doch Freiherr von Braun, was wollen Sie mir sagen?«

    »Ich will Ihnen sagen, dass ich Besuch bekomme. Eine entfernte Verwandte mit ihren zwei Töchtern gedenkt, die Sommerzeit hier zu verleben und … und da meine ich, das Kind im Schlosse könnte stören. Da möchte ich Sie bitten, fortzugehen, bis alles vorüber ist.«

    Mit einem Aufschrei sank die Mutter seines Kindes zu Boden. Sie hatte gedacht, er würde sich endlich zu seinem Sohn bekennen und nun warf er sie den Wölfen zum Fraße vor!

    Dann aber sprang sie auf, krampfhaft zuckte ihr Gesicht, als sie hervorstieß: »Ach so, Leute von Adel wollen ihr Tun nicht verraten, wollen ihr Spielzeug beiseite werfen, suchen nach einem neuen. Leute von Adel haben kein Herz!«

    Wild klopfte sie auf ihre Brust, um ihre Aussage zu unterstreichen. Tränen rollten ihre Wangen hinab und tropften auf den Boden. Aber im Gegensatz zu den vergangenen Monaten kam der Freiherr nicht auf sie zu, um sie liebevoll in den Arm zu nehmen und zu trösten. Nein, er schien eher peinlich berührt, wenn nicht sogar mit einer Spur Widerwillen.

    »Reden Sie nicht solch dummes Zeug, Fräulein Anna! Sie wissen recht gut, dass ein Freiherr gesellschaftliche Pflichten hat, die er nicht irgendeiner Person wegen preisgeben darf.«

    Als wenn er das nicht schon gewusst hätte, als er sie in ihrer Kammer das erste Mal besuchte und ihr Herz stahl. Damals war ihm seine und ihre Herkunft bekannt gewesen und die Standesunterschiede hatte er von ihren Lippen weggeküsst. Nun nahm er seine geheuchelte Liebe wieder an sich und ließ eine entehrte junge Frau zurück.

    »Wann heiraten Sie mich?«, versuchte die Getretene, sich und ihren Sohn das sichere Heim zu erhalten. Ihr Atem ging schwer und stoßweise, die Welt begann sich schon, zu drehen.

    »Heiraten?«, kam es entsetzt aus dem Mund des Freiherrn, als wenn sie nie über dieses Thema gesprochen hätten. »Wie heiraten? Sind Sie toll geworden? Jetzt, wo ich erst jüngst den Ehrenorden erhielt für meine Verdienste in der Landwirtschaft? Nein, nein, heiraten jetzt noch nicht!«

    »Meineidiger!«, donnerte sie ihm entgegen. »Meineidiger, der Sie mir die Ehe versprachen, der Sie alles, alles für mich tun wollten. Sie wollen mich jetzt hinausjagen und Ihr Fleisch und Blut im Stich lassen?«

    Dem Freiherrn war bewusst gewesen, dass er sich nicht so einfach seines Spielzeugs entledigen konnte, dass sie sich wehren würde. Er wollte noch einen Versuch wagen, an ihre Vernunft zu appellieren und setzte ein freundliches Gesicht auf.

    »Ich bitte Sie darum: Gehen Sie! Tun Sie es mir zuliebe.« Bisher hatte die naive junge Frau auf seine Bitten immer in seinem Sinne reagiert. Aber er hatte ihr das Herz bereits herausgerissen und an dessen Stelle einen kalten Klumpen eingesetzt.

    »Zur Liebe – haha!«, schrie sie ihm entgegen. »Sie, der Sie mit der Liebe spielten, der Sie mein Herz zu Tode verwundeten, der Sie unzählige Male Treue gelobten, Sie wagen es, von Liebe zu reden? Sie wollen eine Hilflose mit ihrem Kinde dem Schicksal überlassen!«

    So einfach sollte er ihr nicht davonkommen! Sie hatte nun nichts mehr zu verlieren, denn das Haus war nicht mehr ihr Heim. »Ich werde gehen, aber erst mit Ablauf meines Vertrages.«

    »Das ist unmöglich«, stieß der Freiherr hervor. »Die Gäste kommen in der nächsten Woche. Sie müssen fort, ich wünsche es, es muss sein, muss heut noch sein!«

    »Ich gehe nicht«, gab sie zurück, schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust.

    »Anna, reizen Sie mich nicht! Sie müssen … oder …«

    Die junge Frau unterbrach ihn mit einer herrischen Geste. »Oder machen Sie das Maß voll, Herr von Braun? Ich weiß, was kommt: Bringen Sie mich um?«

    »Oder ich brauche Gewalt«, beendete er seinen Satz. Seine Stimme war so scharf wie geschliffener Stahl und genauso kalt. Er konnte kein Herz haben und war nicht mehr als ein Dieb, ein Dieb von fühlenden und warmen Herzen.

    Verzweiflung stieg in das Gesicht der Betrogenen, eine wahnsinnige Glut leuchtete ihr aus den Augen, als sie rief: »Nun immer zu, brauchen Sie Gewalt!«

    Sie konnte nicht glauben, dass er mit derselben Hand, die einst sanft über ihren Körper strich, sie heute schlagen würde.

    Solche Gewalt hatte er auch nicht vor. Sie würde dennoch bleiben und er hätte das Problem einer gekränkten Dienstmagd. Das würde ihn in Erklärungsnöte bringen, auch wenn man ihm und nicht Anna glauben würde. Doch das Risiko konnte er nicht eingehen und so tat er das, was jede Mutter schwer treffen würde.

    Im nächsten Moment hatte der Freiherr das Kind in der Wiege ergriffen und eilte mit ihm den Korridor entlang. Mit dem Geschrei einer verwundeten Löwin stürzte die Geliebte ihm nach. Was hatte er nur vor? Das Kind war doch auch sein Fleisch und Blut und nun packte er es wie einen Sack Mehl!

    Der Freiherr verließ das Haus, sein Sohn schreiend in seinen Armen und Anna folgte ihm auf dem Fuß. Sie durchquerten den Park und kamen an der Bank vorbei, wo einst der Mann ihrer Träume sie mit seinen Einflüsterungen umwickelt hatte wie eine Spinne ihre Beute. Aber für diesen schönen Ort hatte Anna keinen Blick, denn sie fürchtete um das Leben ihres Sohnes.

    Der Barbarenvater ging auf das Tor zu, das für Anna die Pforte in eine dunkle Welt offenbarte. Eine Welt, wo nur der Tod und das Verderben auf sie warten würden.

    Von Braun warf das schreiende Kind zur Erde, als sich die Mutter an den Hals des Freiherrn klammerte.

    »Scheusal von Mensch! Du wirfst Dein Kind hinaus, nachdem Du ein junges Menschenleben vernichtet hast, nachdem Du Dich ein Jahr lang gesonnt hast in betrügerischer Heuchelei. Der Himmel strafe Dich, Elender …!« Ihre Worte, so laut und vernichtend in ihrer Bedeutung, verklangen doch ungehört im angrenzenden Wald.

    »Hinaus!«, befahl von Braun, »oder mein Jagdhund reißt Dich in Stücke.«

    Er meinte es bitterernst, denn schon zu lang wehrte sich die Magd. Er hatte ihr ein Leben geschenkt, das sie so nie zu hoffen wagte. Was hatte sie denn gedacht? Dass er seinen Stand wegen ihr riskierte? Stattdessen beschimpfte sie ihn und nahm sich einen Tonfall heraus, der ihr leicht den Strick bringen konnte.

    Immer fester klammerte sie sich an seinen Hals, der Atem drohte ihm auszugehen. Da raffte

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