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Die Chroniken der Seelenwächter - Band 24: Vergiss mich nicht

Die Chroniken der Seelenwächter - Band 24: Vergiss mich nicht

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Die Chroniken der Seelenwächter - Band 24: Vergiss mich nicht

Bewertungen:
4/5 (1 Bewertung)
Länge:
475 Seiten
9 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
25. Okt. 2017
ISBN:
9783958342736
Format:
Buch

Beschreibung

Es geht los: Jaydee sucht verbissen einen Weg nach Ud-dáva, um Cassandra endlich aus der Hölle zu befreien, während Jess immer mehr mit den Auswirkungen der Magie in ihrem Körper zu kämpfen hat.
Auch Ananka bleibt nicht untätig und zurrt ihre Fäden Stück für Stück enger zusammen, um den Schlag gegen die Seelenwächter zu vollenden. Doch sie hat nicht mit einem Feind in ihren Reihen gerechnet: Andrew erhält eine Waffe, die ihn mächtiger werden lässt als sie selbst. Und er hat keine Scheu, sie einzusetzen.

Dies ist der 24. Roman aus der Reihe "Die Chroniken der Seelenwächter".
Herausgeber:
Freigegeben:
25. Okt. 2017
ISBN:
9783958342736
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Chroniken der Seelenwächter - Band 24 - Nicole Böhm

Table of Contents

Vergiss mich nicht

Was bisher geschah

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

News zur Serie

Die Übersicht der Charaktere

Impressum

Die Chroniken der Seelenwächter

Band 24

»Vergiss mich nicht«

von Nicole Böhm

Was bisher geschah

Jess hat endlich herausgefunden, wo ihre Mutter ist: in Ud-dáva. Einer der vier Welten, die von dem Engel Sophia und den Seelenwächtern vor Urzeiten errichtet wurde, um Lilija gefangen zu halten.

Noch ist unklar, ob Cassandra in dieser Welt überleben kann. Dennoch gibt Jess ihre Mutter nicht auf. Mehr denn je will sie nun für sie kämpfen. Gemeinsam mit Jaydee und Aiden sucht sie in Ilais alten Notizen nach Hinweisen, wie sie nach Ud-dáva gelangen können. Doch die Magie, die Jess‘ Körper belastet, wird zu viel für sie: Sie klappt bewusstlos zusammen.

Akil hat mit Hilfe von Ben, Will und Anna die Personen auf das Anwesen gebracht, die er einst gerettet hatte. Payden, Emma und Barry sind vorerst sicher, aber Akil traut dem Frieden nicht. Er kennt Ananka – und er weiß, dass sie stets ein Ass im Ärmel behält.

Tatsächlich hat Ananka vorgesorgt und einen Spion bei den Seelenwächtern eingeschleust. Fernab bereitet Ananka mit ihrem Helfer Tobias alles vor, was sie für ihr finales Ritual benötigt. Sie will endlich an ihr Ziel gelangen: die Seelenwächter ihrer Fähigkeiten zu berauben.

1. Kapitel

Jaydee

»Deine Seele ist mit sehr viel Magie belastet. Ich weiß nicht, was mit dir passiert, aber du musst vorsichtig sein. Ein Mensch verkraftet nur ein gewisses Maß an Zauber.«

Sophias Worte.

Eine Warnung.

An uns. An Jess.

Nicht die erste.

Wir hatten gewusst, was auf uns zukommen würde, wir hatten die Gefahr gekannt, die in Jess schlummerte, und nun war sie vor meinen Augen kollabiert. Leise keuchend lag sie in Akils Armen, den Kopf gegen seine Brust gelehnt, während er die Hand auf ihre Stirn hielt und beruhigend auf sie einredete.

Ich lief in der Bibliothek auf und ab, ohne die beiden aus den Augen zu lassen.

Zwei Meter vor.

Zwei Meter zurück.

Ein Schritt.

Noch einer.

Und noch einer.

Akil funkelte mich an, weil ich ihn ablenkte, aber ich konnte unmöglich stillstehen.

»Sie wird wieder«, sagte er.

Ich schnaubte. Er wusste wie ich, dass dies eben weit von einem normalen Zusammenbruch entfernt gewesen war. Dass ihr Körper an seine Grenzen kam und etwas Dunkles von ihr Besitz ergriff. Sie hatte Tinte gespuckt, zum Teufel!

Ich kam an dem Fleck vorbei. Die Farbe hatte sich ins Holz gezogen und einen Abdruck hinterlassen. Auf dem Boden und meinem Herzen. Für immer womöglich.

Mit anzusehen, wie Jess dieses Zeug erbrach, hatte schlimmer geschmerzt als die Gefangenschaft bei Anthony. Auch da war ich ihr hilflos gegenübergesessen, aber wenigstens hatte ich meine Wut auf eine Person projizieren können. Ich hatte mein Opfer vor mir gehabt, und ich wusste, was zu tun war, sobald ich freikam. Nun war da dieses Nichts, das Jess von innen heraus terrorisierte. Ich konnte es weder schlagen noch foltern noch töten. Ich konnte rein gar nichts tun, als danebenzustehen und ihre Hand zu ha... Nein, das konnte ich auch nicht.

Ich war aufs Nichtstun reduziert worden. Und das war genau die Sache, die ich nicht ertrug!

Ich hielt vor dem Kamin an und sah in die Flammen, die sich mir zuwandten. Vor der Erweckung meiner neuen Fähigkeiten war mir nie bewusst gewesen, was es für einen Seelenwächter wirklich bedeutete, mit seinem Element verbunden zu sein. Sie lebten nicht nur im Einklang miteinander, sie bildeten sogar eine Art Symbiose. Ich fühlte es jeden Tag. Wenn ich nach draußen trat und mich automatisch der Wind umschmeichelte, wenn ich im Sand oder über eine Wiese schlenderte und sich die Erde unter meinen Füßen wärmer anfühlte, ihre Kraft durch meine Fußsohlen in die Beine kroch und sich in mir ausbreitete wie ein angenehmer starker Strom aus purem Leben.

Die Elemente brauchten unseren Kontakt, genau wie umgekehrt.

»Ich bring sie auf ihr Zimmer«, sagte Akil schließlich. »Sie benötigt Ruhe, und ich brauche Konzentration.«

»Ich komm mit.«

»Den Teil mit der Konzentration hast du gehört?«

»Scheiße, Akil.« Aus Reflex donnerte ich die Hand gegen den Kamin. Ein Riss zog sich durchs Mauerwerk.

»Du hilfst weder ihr noch mir, wenn du mir auf die Finger glotzt. Lass mich meine Arbeit machen. Ich kann das.«

Natürlich tat er das. Ich vertraute Akil mit meiner Seele, und dennoch wusste ich, dass auch ihm Grenzen gesetzt waren, dass sich am Horizont eine unüberwindbare Mauer abhob und wir mit Vollgas darauf zurasten. »Du verständigst mich, sobald etwas ist.«

»Versprochen, Bruder.«

Er stand auf und hob Jess mit Leichtigkeit auf seine Arme. Ihr Kopf sackte gegen seine Brust, sie seufzte leise meinen Namen, aber sie wurde nicht wach.

Ich biss so hart die Zähne aufeinander, dass es in meinem Schädel knirschte. Akil warf mir einen letzten Blick zu. »Bis später.«

Er verließ die Bibliothek mit der Frau, die sich meiner Seele bemächtigt hatte, und ließ Aiden, mich und meinen Zorn zurück.

Kaum war er draußen, fuhr ich herum und drosch noch mal mit aller Wucht gegen die Vertäfelung des Kamins. Der Riss wurde größer, sogar die Flammen züngelten auf, als fühlten sie sich angesprochen von meiner Rage. Der Schmerz des Schlages kroch meinen Arm hinauf, aber er heilte, bevor er sich weiter in meinem Körper ausbreiten konnte. Ich holte noch mal aus, schlug härter zu.

Und noch mal.

Und noch mal.

Und noch mal.

Aiden schrie erstickt. Sie konnte mit so viel Zorn nichts anfangen. Das war nicht ihre Welt, es war meine, und so brüllte ich mit jedem Hieb meinen Frust, meine Hilflosigkeit, meine Verzweiflung hinaus. Ich trat gegen den Kamin, haute wieder und wieder zu, bis mir der Schweiß im Nacken stand und mein Atem nur noch abgehackt kam. Das Feuer brannte lichterloh. Die Flammen tanzten meinen Tanz, sie ergaben sich meinem Rhythmus; meiner Wut.

»Jaydee ...«, sagte Aiden vorsichtig.

Ich drehte mich zu ihr um. Ihre Schultern waren verspannt, ihr Körper war in Alarmbereitschaft. Eine Hand hatte sie auf ihre Brust gelegt, vermutlich, um sich zu beruhigen, die andere zur Faust geballt. Ich machte ihr Angst, und ich konnte es ihr nicht verübeln. Aiden hatte den Jäger live erlebt. Sie hatte Seite an Seite mit mir gegen eine Horde Schattendämonen gekämpft, die Ralf damals auf uns gehetzt hatte, um an Will heranzukommen.

Ohne sie zu beachten, stiefelte ich zurück zum Tisch, schnappte mir meinen Jadestein und band ihn um, dann klappte ich Ilais Buch zu, nahm die Kugel von Ashriel, das Tuch von Cem und ... bei Jess‘ Dolch und der Feder stockte ich. Es fiel mir schwer, die Gegenstände zu berühren. Sie wollten mich nicht, ihre Energie stieß mich ab, und der Jäger hasste dieses Metall. Vor allen Dingen die Feder hatte mich, dank Anthony, ordentlich leiden lassen. Er hatte mir damit den halben Arm aufgeschlitzt, mich wieder und wieder bluten lassen.

Ich lief zu einem der Schränke an der Wand und öffnete ihn. Ich brauchte eine Tasche.

»Was hast du vor?«

»Das sagte ich bereits: Ich gehe zum Ratstempel und suche den verdammten Eingang nach Ud-dáva.«

»Und wie stellst du dir das vor?«

»Keine Ahnung.« Ich würde improvisieren, wie immer. Etwas anderes blieb mir in diesem Chaos nicht übrig. Ich fand eine lederne Umhängetasche, holte sie heraus und eilte zurück zum Tisch, wo ich alles hineinstopfte. Auch den Dolch, auch die Feder.

»Du kannst nicht gewaltsam in den Tempel eindringen, er ist geschützt.«

»Ich finde einen Weg.« Genau wie ich es bei Ashriel getan hatte, als wir uns Zugang zu ihrem Theater verschafft hatten. Mithilfe von Jess‘ Energie, die noch auf meiner Haut haftete, sollte es mir gelingen, den Zauber ebenfalls auszuhebeln.

»Jaydee, warte.« Aiden wollte nach mir greifen, aber ich wich ihr aus und schulterte die Tasche.

»Frag wenigstens beim Rat nach. Du kannst ihnen erklären, was los ist. Warum du den Zugang zu den vier Welten brauchst und ...«

Ich drehte mich zu ihr um, sie wich erschrocken zurück. Ihre Iris zog sich zusammen, Furcht trat in ihre Augen. Der Jäger war da. Er lauerte. Sie spürte ihn.

»Dieser verdammte Rat hat Jess damals aus dem Weg räumen wollen, nur weil ihre Fylgja Ralf in die Hände gefallen war. Es hatte niemanden einen Scheiß interessiert, was aus Jess wurde, Soraja wollte sie sogar töten lassen!«

»Unfug. Seelenwächter bringen keine Unschuldige um. Das können sie gar nicht.«

»Na klar doch.« Sollte Aiden glauben, was sie wollte. Ich war dabei gewesen, genau wie Jess und Will und die anderen. »Der Rat würde mich nie auch nur in die Nähe der vier Welten lassen. Sie hätten viel zu viel Angst, dass ich Lilija befreie.«

»Vielleicht nicht zu Unrecht. Wir wissen doch gar nicht, wie die Welten sich verhalten. Selbst wenn du einen Zugang findest, was dann? Stiefelst du kopflos hinein? Es ist die Welt des Vergessens. Wer sagt dir, dass es keine Auswirkungen auf dich hat?«

Niemand.

Ich hatte keine Ahnung, was passieren würde, aber ich konnte auch nicht mehr warten. Nicht mehr herumsitzen. Ich musste da raus, ich musste aktiv werden, denn alles andere war mir zu viel. Ich schulterte die Tasche und verließ die Bibliothek.

»Jaydee! Bitte, tu das nicht! Wenn sie dich erwischen, wirst du ...« Der Rest des Satzes ging unter, als ich die Tür hinter mir schloss, aber mir war schon klar, was Aiden sagen wollte: Ich würde bestraft werden. Womöglich steckten sie mich zurück in die Isolation. Marysol hatte es mir damals sogar gesagt, als sie mich zurückholte: Wenn ich mir noch einen Fehltritt erlaubte, war es das gewesen.

Und das hier war genau solch ein Fehltritt. Derek würde ein Freudentänzchen aufführen und mich mit Pauken und Trompeten abführen lassen. Ich wäre endlich kein Schandfleck mehr in der Gemeinde der Seelenwächter.

»Zum Teufel mit euch allen.« Ich starrte in den klaren Nachthimmel. Die frische Luft tat gut, aber sie half nicht gegen die Hitze in mir drinnen. Wohin sollte ich gehen, wenn jede Richtung die falsche war?

»Was hast du nur getan, Cassandra.« Sie hatte nicht nur das Leben ihrer Tochter zerstört, sondern viele Schicksale gleich mithineingezogen. Ariadne. Violet. Mich.

Und sie hatte uns keinen Ausweg hinterlassen.

Das Ritual, das sie durchgeführt hatte, konnten wir nicht wiederholen. Katarina hatte es uns extra erklärt: Wir mussten alles exakt so nachstellen, wie Cassandra es ausgeführt hatte, bis hin zu einer Nachfahrin mit der Gabe. Und wir hatten keine.

Ich musste in den Tempel, verflucht.

Bevor ich weiter grübeln konnte und doch noch Zweifel kamen, stapfte ich zu den Stallungen, trat ein und knipste das Licht an. Einige Parsumi waren in ihren Boxen, andere noch draußen auf der Weide. Akil hatte in den zurückliegenden Monaten den Stall umgebaut, sodass sie nach Belieben raus- und reinkonnten. Amir stand in seiner Box und fraß Heu. Er horchte auf, als er mich registrierte, und wieherte freudig. Ich lief zu ihm und tätschelte ihm die Nase. »Wir beide machen einen Ausflug.«

Er brummelte. Keine Ahnung, wie viel ein Parsumi von dem verstand, was wir erzählten, aber es beruhigte mich manchmal, mit ihnen zu reden.

Ich drehte mich um, wollte in die Sattelkammer, als die Tür ein weiteres Mal aufging. Ich musste nicht hinschauen, um zu wissen, wer hereingekommen war: Anna.

Sofort dehnte sich meine Seele nach ihr aus. Der Duft nach Mandarine wehte zu mir herüber und umschmeichelte meine Haut. Ich ballte die Hände zu Fäusten und kehrte ihr demonstrativ den Rücken zu. »Aiden hat dich geschickt.«

»Nein. Ich habe dich gehört, als du vorhin Akil gerufen hast. Da war ich bei Barry und habe seine Erinnerung an die Entführung verändert.«

Ich schnaubte. Okay, den Knilch hatte ich zu ruppig angepackt, aber ich hatte unter Strom gestanden, und er war mir im Weg gewesen.

»Es geht ihm übrigens besser. Ich habe einiges von dem Trauma beseitigen können, das du in ihm ausgelöst hast. Er schläft.«

»Gut.« Oder auch nicht. Es kümmerte mich nicht. Ich lief weiter zur Sattelkammer, öffnete die Tür, doch auf einmal versperrte mir Anna den Weg. Blitzschnell wie immer. Sie legte ihre Finger auf meine. Ein kleiner Stromstoß rauschte durch mich. Ihre Gefühle dehnten sich sofort in mir aus, ihre Liebe, ihre Sorge um mich.

Das war ein Teil ihrer Magie. Sie wusste, wenn etwas nicht mit mir stimmte. Unsere Verbindung war intensiv und innig und sehr speziell. Sie verstärkte ihren Griff und beugte sich nach vorne. Ihre Emotionen wurden markanter, dämmten die Wut und die Hilflosigkeit in mir ein, ohne dass ich es verhindern konnte.

Akil und sie. Sie waren meine Anker. Mein Halt.

Jetzt nicht.

»Hör auf«, sagte ich und wollte an ihr vorbei, doch sie stoppte mich, indem sie mir die Hände auf die Brust legte. »Anna. Ich kann nicht ... Ich habe keine Zeit.«

»Was hast du vor? Was wühlt dich so auf?«

»Alles.« Ich drückte mich gegen sie, doch sie hielt mir stand. Natürlich konnte ich sie gewaltsam aus dem Weg räumen. Ich war stärker als sie, aber sie wusste, dass ich ihr nie ein Haar krümmen würde. Sie hatte weiß Gott genug gelitten.

»Du sagst es mir auf der Stelle.«

Wut kochte in mir hoch. Sie schob sich von meinem Herzen aus nach oben, schnürte mir die Kehle zu und baute so viel Druck in mir auf, dass ich am liebsten nur noch laut schreien wollte!

Ich funkelte Anna an, ließ sogar den Jäger hervortreten, doch sie schürzte die Lippen und bot mir eisern Paroli. »Damit machst du mir keine Angst, und das weißt du.«

»Ich will dir auch keine machen, ich will nur vorbei.«

»Um was zu tun? Sag es mir doch, bitte!« Sie kam näher, nahm mein Gesicht in ihre zarten Hände, zog mich zu sich hinunter und legte ihre Stirn an meine.

Ich keuchte, so intensiv war der Kontakt mit ihr. An der Stelle, an der sie mich berührte, schoss die Energie in meinen Körper. Mir wurde schwindelig, der Boden schwankte, meine Seele fing an zu schweben.

»So aufgewühlt habe ich dich zuletzt mit sechzehn erlebt.«

Als ich hier angekommen war und nichts und niemanden an mich herangelassen hatte. Erst Anna war in der Lage gewesen, durch meinen Panzer zu dringen. Genau wie jetzt. Sie riss mich entzwei und baute mich danach wieder besser und ruhiger zusammen. Ihre Berührung fegte mir durch Mark und Bein. Ich ließ die Luft aus der Lunge, die sich auf einmal anfühlte, als könnte sie gar nicht mehr genügend Sauerstoff für meine Zellen bereitstellen. Mein Herz raste, Annas Finger schienen mit meiner Haut zu verschmelzen. Die Grenzen zwischen unseren Körpern verschwanden, bis da nur noch ihre Liebe war.

So rein.

So tiefgründig.

So bedingungslos.

Hatte ich eben noch gedacht, ich wäre stärker als sie? Den Teufel war ich! Anna griff tief in mich hinein, bis an den Ort, wo der Jäger hauste, wo all der Schmerz darauf wartete, endlich loszubrechen und zu zerstörten, was sich ihm entgegenstellte. Sie packte meine Wut, umklammerte sie mit ihrer Kühle und ihrer ganz eigenen Magie, bis dieses Feuer in mir zur Ruhe kam und langsam erlosch. Mein gesamter Körper wurde von ihrer Energie geflutet, von ihrem Duft, von ihrer Hingabe.

»Wie machst du das?« Meine Stimme war nicht mehr als ein Kratzen. Die Wogen glätteten sich, das Blut rauschte leise in meinem Kopf, wie eine Brandung, die sich abschwächte, weil das Unwetter nachließ.

»Mit Liebe, Jaydee. Nur mit Liebe.« Annas Finger rutschten hinter meine Ohren, über meine Kopfhaut, in meinen Nacken. Sie umschlossen mich wie eine Klammer, aus purer Energie und Hingabe. »Du musst nicht immer kämpfen. Nicht immer drauflosstürmen.«

Es wäre auch nicht mehr gegangen. Anna hatte sich meiner bemächtigt, sie hatte die Kontrolle über meine Seele erlangt und wiegte sie sanft in ihren Armen hin und her. Ich hielt die Augen geschlossen, und doch sah ich ihre Aura. Sie strahlte hell und durchdringend und reinigend. Seit sie mit Will zusammengewesen war, trat diese Veränderung in ihr hervor. Wie ein eiskalter kristallklarer Bergbach, der das Schlechte und Grausige einfach wegspülte.

»Anna«, flüsterte ich, völlig berauscht von ihrem Wesen. Konnte es sein, dass sie ihre Gabe wiederherstellte? Bekam ich einen Hauch dessen zu spüren, was die Nachfahren zu leisten imstande waren? Wenn Jess ihr Talent wiederhatte, würde sie mich dann genauso beruhigen können?

Ich kannte die Antwort, noch bevor ich mir über die Frage überhaupt klargeworden war: ja. Ja, sie konnte es, denn genau dafür war sie erschaffen worden. Sie konnte den Jäger kontrollieren. Sie konnte ihn eindämmen und für immer tief in mir drinnenhalten.

Ein leises Knurren kam über meine Lippen, der Protest des Jägers. Aber Anna ließ nicht von mir ab. Sie flutete mich weiter mit ihrer bedingungslosen Liebe, die sie mir wieder und wieder schenkte, egal wie daneben ich mich benahm.

»Atme«, sagte sie. »Atme einfach.«

Und genau das tat ich.

2. Kapitel

Erst als Jess endlich eingeschlafen war, nahm Akil die Hand von ihrer Stirn. Seine Haut kribbelte durch die intensive Berührung mit ihr. Er hatte tief in sie hineingegriffen, bis zum Zentrum ihres Seins, hatte ihr alles gegeben, was er konnte, und hoffte, dass es ausreichen würde, aber er hatte keine Ahnung.

Wenn er einen Menschen heilte, bekam er ein geistiges Abbild der Person und erkannte sofort, wo Heilung benötigt wurde und was er zu tun hatte. Bei Jess war es keine Krankheit oder Verletzung, keine Veränderung einer Zelle oder ein Gerinnsel, das er lösen musste.

In Jess war die Finsternis gekrochen. So tiefschwarz, dass sie jegliches Licht absorbierte. Für den Moment hatte Akil diese Schwärze eingedämmt, aber wie lange würde es halten?

Und vor allem: Wenn Jess zu viel Magie im Körper hatte, sollte er es dann nicht lieber lassen, sie zu heilen? Er war schließlich auch Magie, Seelenwächter waren Magie. Gab er Jess durch die Heilung mehr von dem Gift, das sie innerlich auffraß?

»Ach, Mädchen.« Er strich ihr eine verklebte Haarsträhne aus der Stirn und zog die Decke an ihr Kinn. Er hatte ihr die verdreckten Klamotten ausgezogen, die vollgesogen waren von Blut und Kämpfen in Ashriels Reich. »Du solltest das nicht durchmachen müssen.«

Nichts von alledem.

Sie war zu jung, zu unschuldig, zu menschlich.

Genau wie Noah. Akil erkannte es immer wieder: Es hatte einfach keinen Sinn, das Leben mit ihm zu teilen. Menschen und Seelenwächter waren nicht kompatibel; nicht in Sachen Beziehung.

Ein leises Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Akil warf Jess einen letzten Blick zu, stand vom Bett auf und öffnete.

Ben.

»Wie geht es Jess?«

»Besser.« Akil zog die Tür zu, damit sie ihre Ruhe hatte, und trat zu Ben in den Flur. »Wir müssen abwarten.«

»Was war denn los?«

»Wenn ich das wüsste, Mann. Sie ist in der Bibliothek zusammengeklappt und hat Tinte ausgespuckt. Schätze, wir bekommen die Quittung für all die Magie, mit der sie konfrontiert wurde.«

»Beim heiligen Ikandu.« Ben sah besorgt zur Tür. Er und Jess hatten ihr ganz eigenes Verhältnis. Sie waren Verbündete, beides Menschen, die unfreiwillig in die Welt der Seelenwächter gezogen worden waren. »Kann ich irgendwie helfen? Oder kann Abe helfen?«

Abe. Verflucht. Ben wusste noch gar nicht, dass sein Großvater ins Exil gegangen war. Es hatte noch keine Gelegenheit gegeben, ihn aufzuklären.

»Ich weiß nicht. Hast du zufällig Jaydee gesehen?« Akil musste sich zuerst innerlich sammeln, bevor er Ben die Nachricht übermitteln konnte. »Muss ich ihn suchen und davon abhalten, Amok zu laufen?« Ben war bei Payden, Emma und Barry im Gästehaus gewesen, als Jaydee wie von Sinnen hereingestürmt kam, um Akil zu holen.

»Ich habe ihn nicht gesprochen, aber Anna wollte nach ihm sehen. Sie meinte, sie würde spüren, wenn es ihm schlecht geht.«

»Das tut sie.« Akil rieb sich über sein Herz. Auch er merkte Jaydees Anspannung. Sie hatten schon immer einen intensiven Draht zueinander gehabt, aber seit Jay ihm das Armband abgenommen hatte, war diese Bindung enger geworden. Etwas hatte Jaydee in Akil verändert. Er konnte noch nicht genau den Finger darauflegen, aber er hatte das Gefühl, dass er mächtiger wurde. Akils Geist öffnete sich für etwas Neues, Größeres.

»Ich wollte mit dir noch wegen etwas anderem sprechen, worüber ich die ganze Zeit nachdenke«, sagte Ben und lenkte Akil wieder zurück.

»Schieß los.«

»Paydens Buch über Damia.«

»Ja.« Sie besaß einen kleinen Schmöker, der die Stammbäume bis zu Damia zurückverfolgte. Payden hatte ihnen das Buch gezeigt, als sie sie retteten, aber sie hatten keine Gelegenheit gehabt, weiter darauf einzugehen.

»Damia hat doch die Seelenwächter erschaffen, richtig?«

»Hm ...«, machte Akil vorsichtig. Normalerweise gingen sie mit diesen Geschichten nicht hausieren. Über die Zeit aber, in der Ben mit ihnen Kontakt hielt, hatte er es mitbekommen. Genau wie Jess.

»Und nun steht in Paydens Buch, dass Damia eine Dowanhowee gewesen war, ...«

Du kombinierst richtig, mein Freund.

»... das heißt ja, dass die Seelenwächter von meinem Volk abstammen, oder verpasse ich hier was?«

Langsam verstand Akil Ilai immer besser. Sobald ein Geheimnis einer Person erzählt wurde, war es keins mehr.

Akil seufzte und nickte. »Jaydee hat es herausgefunden, als Abe ihn auf eine Seelenreise geschickt hatte, aber es sollte eigentlich nicht weitererzählt werden.«

»Warum?«

»Um die Dowanhowee zu schützen. Damals mussten alle einen Eid leisten, der bis heute anhält.« Wobei die Geheimniskrämerei mittlerweile vielleicht übertrieben war. Ja, die Dowanhowee waren immun gegen die Fähigkeiten der Seelenwächter. Aber das machte sie nicht zu Feinden. Im Gegenteil. Ohne Ben wäre Akil nicht hier, denn er war derjenige gewesen, der Joannes Pfeifzauber überwunden und sie gerettet hatte, und er hatte geholfen, Mikaels Geist aus dem Totenreich zu rufen, damit er den Emuxor besiegte. Es war eine fruchtbare Zusammenarbeit, die die Seelenwächter weiterbrachte. Manchmal wünschte Akil sich, sie kämen aus ihrer selbst gewählten Isolation voller Geheimnisse heraus und würden sich den Menschen mehr öffnen.

Dafür könnte ich sorgen, wenn ich im Rat säße ...

»Ich frage mich, ob Abe davon wusste«, sagte Ben.

Jetzt. Sag es ihm!

Akil musste in diesen Apfel beißen, egal wie sauer er schmeckte. Er trat einen Schritt auf Ben zu. »Wir müssen reden.«

»Wie oft hast du diesen Satz schon gesagt und danach ein Herz gebrochen?« Er grinste Akil an, doch er würde es gleich nicht mehr. »Okay, wenn du die Augenbrauen so ernst zusammenziehst, muss es heftig sein.«

»Es geht um deinen Großvater.«

Er hätte Ben auch einen Aderlass verpassen können, denn mit einem Mal wurde er so blass, als wäre sämtliches Blut aus ihm geflossen.

»Was ist los?«

Atmen. Zählen.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Fünf.

Jetzt: »Abe ist mit Leoti und Tate ins Exil gegangen, als Strafe, weil er das Geheimnis um die Dowanhowee und die Seelenwächter gelüftet hat. Rowan und Flo sind in die Stadt gezogen. Deine Familie ist weg.«

Ben blinzelte.

Einmal.

Noch einmal.

Er öffnete den Mund.

Schloss ihn.

Atme, Ben, atme.

»Was?«

Nur ein Wort. Ganz leise und dennoch so laut, dass es in Akils Herzen nachhallte. Er hatte eben etwas in Ben zerstört, und er hasste sich selbst dafür. »Sie sind weg. Niemand weiß, wohin.«

Ben schluckte hart. Sein Puls raste, Akil hörte ihn laut und pochend in seinem Schädel.

»Das ist nicht ... er kann doch nicht ... ohne etwas zu sagen?«

Akil nickte. Ja.

Ben stieß die Luft in einem Lachen aus. Reiner Schmerz. »Er kann nicht ...«

Akil ließ ihm die Zeit, die er brauchte. Er hatte Ben erlebt, wie er in der Gegenwart seines Großvaters war. Ein Teil von ihm sehnte sich so sehr nach Abes Liebe, während ein anderer glaubte, er könnte diese Liebe nie erhalten. Aber Abe liebte Ben. Aus voller Seele.

Ben wich zurück, lehnte sich gegen die nächste Wand und stemmte die Hände auf die Knie. »Er ist einfach so weg?«

»Ja.«

Ben schüttelte den Kopf, rieb sich über den Nasenrücken und unterdrückte mit aller Macht ein Schluchzen. »Beim heiligen Ikandu.«

»Lass dir Zeit.«

»Ich ... ich kann nicht ...«

»Ich weiß.« Bei allen Göttern, und wie er das wusste. Akil hatte so viele Verluste erlitten über die Jahrtausende. Es war jedes Mal ein harter Schlag mitten in die Eingeweide, und mit jeder Seele, die er verlor, starb auch ein Teil von ihm. Abe war nicht tot, das war das einzig Gute daran, aber es war fast so endgültig. Die Dowanhowee machten keine halben Sachen. Akil wusste das. Ben auch.

»Er ist weg.«

Akil trat näher, legte beide Hände auf Bens Schulter und sandte seine Energie zu ihm, auch wenn sie bei Ben wirkungslos verpuffte. Akil konnte nichts tun, um diesen Schmerz zu mildern, keine Worte sprechen. Ben beugte sich vornüber, alles in ihm krampfte sich zusammen. Ein leises Schluchzen drang über seine Lippen, und er wischte sich rasch die Augen.

»Schon gut, Mann.« Nein, nichts war gut, aber Ben musste wissen, dass Akil für ihn da war. Immer.

Er biss hart den Kiefer aufeinander, gab sich alle Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihm soeben der Boden unter den Füßen weggerissen worden war.

»Dieser verdammte ...«

»Ja.«

»Und das alles, um ein Geheimnis zu wahren, das bald keines mehr ist? Payden muss nur mehr über die Seelenwächter herausfinden, dann weiß auch sie Bescheid.«

»Deshalb darf sie es nicht erfahren.« Doch Akil wusste jetzt schon, dass es unmöglich sein würde. Payden war eine pfiffige Frau. Sie würde das nicht loslassen.

Akil dachte an den Tag zurück, als Jess bei ihnen aufgetaucht war. Sie waren hier durch den Flur gelaufen, sie hatte ihn darum gebeten, mehr über die Seelenwächter zu erzählen – und er hatte es getan. Er hatte damals schon gewusst, dass es Ärger geben konnte.

»Wir werden dieses Wissen wieder aus Paydens Geist löschen müssen«, sagte Akil. »Hast du zufällig erfahren, woher sie das Buch hatte?«

»Ich habe sie nicht gefragt, aber das werde ich tun. Ich wollte auch nur nach Jess ... also ... verdammt. Abe ist weg.«

Akil massierte Bens Schulter. Es zerriss ihm fast das Herz, was Ben wegen ihnen erdulden musste. Und obgleich Akil unendlich froh über Bens Freundschaft war, so wurde ihm einmal mehr vor Augen geführt, wie verrückt ihre Welt war. Jess und Ben. Beide opferten so vieles, um bei den Seelenwächtern überleben zu können. Und genau deshalb würde er Noah ein- für allemal den Laufpass geben. Er konnte und wollte nicht verantworten, dass noch jemand so tief in diese Scheiße gezogen wurde. In diesem Moment wurde ihm endlich klar, was er zu tun hatte.

»Wie kann ich dir ...« Auf einmal wimmerte Jess. Akil hielt inne und sah zurück zum Zimmer.

»Geh rein und hilf ihr«, sagte Ben. »Ich kümmere mich um das Buch und Payden.«

»Sicher?«

»Ja. Jess braucht dich.«

Akil zögerte noch, doch Jess beruhigte sich nicht mehr.

»Los«, wiederholte Ben. »Ich komme klar.« Er drückte sich von der Wand ab und lief den Flur hinunter. Die Bürde der Nachricht über Abe lastete schwer auf seinen Schultern, und Akil wünschte sich, sie ihm abnehmen zu können.

»Es tut mir leid«, flüsterte Akil, als Ben schon um die Ecke gebogen war. Die dümmsten Worte in so einer Situation, aber es war alles, was er hervorbringen konnte. Er seufzte, öffnete die Tür und ging zurück zu Jess, die sich unruhig in den Laken wälzte. Akil streifte die Schuhe ab, lief zum Bett und kroch zu ihr. Sie glühte, und ihr Atem kam viel zu schnell.

»Schon gut, Kleines. Ich bin da.« Er zog sie an sich, rollte sich hinter ihr zusammen und legte eine Hand auf ihre Stirn. Sie atmete hörbar aus. Ihr Herzschlag beruhigte sich umgehend, und das Glühen ließ nach.

»Jaydee ...«, murmelte sie schlaftrunken und kuschelte sich enger an Akil.

Er schmunzelte. »Nicht ganz. Aber du darfst dir gerne vorstellen, dass er dich festhält.« Er gab ihr einen sachten Kuss in den Nacken und schloss sie fester in seine Arme. Jess ließ sich gegen seinen Körper sinken. Voller Vertrauen. Voller Genuss. Akil vergrub seine Nase in ihren Haaren, atmete ihren Geruch ein, der sich in den letzten Stunden verändert hatte. Sie roch krank. Er konnte es nicht ignorieren, und es war nicht das erste Mal, dass es ihm auffiel. Als Jaydee aus der Isolation gekommen war, hatten sie und Akil sich hier in Jess‘ Zimmer getroffen. Sie hatte geniest, und ihm war dieser komische Geruch aufgefallen. Er war da schon misstrauisch gewesen, er hätte mehr nachhaken müssen, hätte nicht so schnell lockerlassen sollen.

Hätte ... hätte ... hätte ...

»Wir bekommen das wieder hin.« Er gab alles an Heilenergie in seine Finger und in ihre Zellen. Sie stöhnte, ihr Körper wurde schlaffer, als sie zurück in den Schlaf fand.

»So ist’s gut.« Akil schloss ebenfalls die Augen und fokussierte sich auf sie und den Sturm, der in ihr tobte. Er hatte so etwas noch nie gespürt. In Jess herrschte heilloses Durcheinander, ihr Innerstes war aufgewühlt, als würde ein Orkan hindurchfegen. »Heile.«

Aber er wusste, dass es nicht möglich war. Was auch immer in Jess wütete: Es war größer als er.

3. Kapitel

Payden kauerte im Wohnzimmer des Gästehauses und hatte die Bücher vor sich aufgeklappt, die sie aus ihrer Wohnung mitgenommen hatte. Seit Stunden saß sie schon so da und sortierte ihre Gedanken.

Es war auch bitter nötig, denn in Paydens Innerem herrschte Chaos. Angefangen von Ben und Akils Einbruch bei ihr daheim bis hin zur Ankunft hier in Arizona. Im Nachhinein tat es ihr sogar ein bisschen leid, dass sie Akil mit dem Pfefferspray attackiert hatte, aber sie war so erschrocken gewesen, als die beiden vor ihr gestanden hatten, dass sie sich nicht anders zu helfen gewusst hatte. Schließlich hatte Akil auch im Altersheim das Schloss zerstört und sich gewaltsam Zutritt verschafft. Payden hatte ihn für einen Irren gehalten, und gepaart mit dem Gefühl der letzten Monate, dass sie beobachtet wurde, war ihr die Sicherung durchgebrannt. Ganz unrecht hatte sie ja auch nicht gehabt: Das hier war irre!

Payden hatte zwar die Worte verstanden, mit denen Akil und Ben ihr alles erklärt hatten, aber den Sinn begriff sie noch nicht; als würde sie ein abstraktes Gemälde anschauen und sich überlegen, was der Künstler damit ausdrücken wollte. Hätte sie von ihrem Großvater nicht stetig eingebläut bekommen, wie sie sich jeder Situation anpassen konnte, wäre sie längst durchgedreht.

Ganz im Gegensatz zu Emma, die seit Stunden durch das Gästehaus wuselte, sich wie ein Kleinkind freute, das einen Spielwarenladen für sich hatte, und alles in sich aufnahm. Dabei rief sie Dinge wie »Schau dir das an!« oder »Ich flipp aus!«, »Es ist so genial hier«.

Wie sich herausgestellt hatte, war Emma die Schwester von Karen – einer alten Jugendfreundin Paydens. Es war gewiss kein Zufall, dass die beiden sich kannten, und Payden brannte schon darauf, auch Barry zu treffen. Er lag nebenan und schlief, seit Anna bei ihm gewesen war. Mittlerweile hatte sie das Haus verlassen und kümmerte sich um Jaydee.

Payden erinnerte sich noch sehr gut an ihn. Er war jüngst mit Akil im Altersheim aufgetaucht und wollte mit Auguste Witz sprechen. Die alte Lady war nach dem Besuch wie ausgewechselt gewesen, machte seither viele Ausflüge und genoss ihr Leben in vollen Zügen. Was auch immer er zu ihr gesagt hatte: Er hatte ihr die Freude zurück ins Herz gebracht.

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