Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Dorian Hunter 90 - Der Tod der Uhrmacherin

Dorian Hunter 90 - Der Tod der Uhrmacherin

Vorschau lesen

Dorian Hunter 90 - Der Tod der Uhrmacherin

Länge:
241 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Dec 1, 2017
ISBN:
9783955720902
Format:
Buch

Beschreibung

Der Testlauf war erfolgreich, die Dämonenbevölkerung von Großbritannien wurde so gut wie ausgelöscht. Es sieht so aus, als könnte Dorian Hunter diesen Kampf endlich ein für alle Mal gewinnen. Doch natürlich legen seine Gegner nicht einfach die Hände in den Schoß und sehen ihm dabei zu. Während die Uhrmacherin Vorbereitungen trifft, den Rest der Welt von der Schwarzen Familie zu befreien, entfesselt Salamanda Setis den Totentanz.
Freigegeben:
Dec 1, 2017
ISBN:
9783955720902
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Dorian Hunter 90 - Der Tod der Uhrmacherin

Buchvorschau

Dorian Hunter 90 - Der Tod der Uhrmacherin - Simon Borner

Der Tod der Uhrmacherin

Band 90

Der Tod der Uhrmacherin

von Simon Borner und Susan Schwartz

nach einem Exposé von Susanne Wilhelm

© Zaubermond Verlag 2017

© Dorian Hunter – Dämonenkiller

by Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt

Titelbild: Mark Freier

eBook-Erstellung: Die Autoren-Manufaktur

www.Zaubermond.de

Alle Rechte vorbehalten

Inhaltsverzeichnis

Der Tod der Uhrmacherin

Was bisher geschah:

Erstes Buch: Marionetten

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

Epilog

Zweites Buch: Der Tod der Uhrmacherin

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

Vorschau

Was bisher geschah:

Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen verschrieben, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor. Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den gesamten Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es Dorian, ihnen die Maske herunterzureißen.

Bald kommt Hunter seiner eigentlichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als französischer Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Bösen, der ihm die Unsterblichkeit sicherte. Der Pakt galt, und als de Conde selbst der Ketzerei angeklagt und verbrannt wurde, wanderte seine Seele in den nächsten Körper. Im Jahr 1713 wurde er als Ferdinand Dunkel in Wien Zeuge, wie Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie, von einem Nachfolger verdrängt wurde, der sich fortan Asmodi II. nannte. Ihn kann Dorian schließlich töten.

Nach vielen Irrungen nimmt Lucinda Kranich, die Schiedsrichterin der Schwarzen Familie, die Rolle des Asmodi an. Niemand weiß, dass sie in Wirklichkeit hinter dem wiedererstandenen Fürsten steckt. Und letztendlich wird ihre Maskerade Wirklichkeit. Dass Lucinda sich einen Teil Asmodis einverleibt hat, um seine Macht zu erlangen, wird ihr zum Verhängnis. Der in ihr schlummernde Asmodi übernimmt die Kontrolle über ihren Körper und ersteht so tatsächlich wieder auf.

Und die Umstände wollen es, dass ausgerechnet Coco Zamis die neue Schiedsrichterin wird. Das Dämonenkiller-Team droht zu zerfallen, Dorian stirbt. Die Dämonen scheinen gesiegt zu haben.

Aber mit vereinten Kräften gelingt es Dorians Freunden, ihn ins Leben zurückzuholen. Das Team formiert sich neu, und Coco Zamis nimmt zum Schein den Posten als Schiedsrichterin der Schwarzen Familie an, um aus dem Inneren heraus gegen die Dämonen zu kämpfen.

Gerade als sich alles wieder eingependelt zu haben scheint, taucht die Uhrmacherin auf, Dorians lang verschollene Tochter Irene. Sie behauptet einen Weg zu kennen, wie man die Schwarze Familie ein für alle Mal ausrotten kann. Es gelingt ihr tatsächlich, die gesamte dämonische Bevölkerung Großbritanniens zu töten. Aber dann holen Asmodi und seine neue Schiedsrichterin Salamanda Setis zum Gegenschlag aus.

Erstes Buch: Marionetten

Marionetten

von Susan Schwartz

nach einem Exposé von Susanne Wilhelm

Prolog

April

Es stank nach Schwefel. Die Luft in dem an sich großen Raum war von »höllisch heiß« nicht mehr weit entfernt und kaum noch zu atmen.

Salamanda Setis kauerte mit untergeschlagenen Beinen in dem reichlich unbequemen Sessel neben dem brennenden Kamin in der Bibliothek. Für den Moment zog sie es vor zu schweigen, solange Asmodi seiner Wut freien Lauf ließ und alles Mögliche an Einrichtung, was in Reichweite war, mit glühendem Blick zu Ascheklumpen verkohlte oder mit roher Gewalt erlesene Sammlerstücke gegen die Wände schmetterte. In diesem Moment dachte er wohl nicht daran, dass er sich in einem seiner vielen Anwesen befand und sein eigenes Mobiliar sowie kostbare Kunstgegenstände zertrümmerte.

Der Rabisu lag wegen dieser Unbeherrschtheit durchaus das eine oder andere Wort auf der Zunge, wie etwa: »Bedrückt dich etwas?«, aber natürlich war sie nicht so lebensmüde, laut zu sprechen. Schiedsrichterin hin oder her, in dieser Stimmung legte man sich besser nicht mit dem Schwarzen Fürsten an oder versuchte gar, seinen nichtvorhandenen Humor herauszukitzeln.

Asmodi wütete, tobte und fluchte, dass selbst die altehrwürdigen Steinwände zu beben anfingen, ja, sogar zu schwitzen. Natürlich war es kein echter Schweiß, sondern Kondenswasser, das bedingt durch den Hitzeausbruch aus dem klammen alten Gemäuer drang. Aber der Vergleich passte, fand Salamanda. Sie konnte es den Steinwänden nachempfinden. So äußerlich gelassen, wie sie sich gab, war sie keineswegs. Doch sie lebte schon zu lange, um nicht gelernt zu haben, wie man sich verstellte. Und dass jeder Tobsuchtsanfall letztendlich vorüberging. Man musste nur darauf achten, aus der Schusslinie zu bleiben.

Schließlich wandte der Fürst der Finsternis sich ihr zu. »Wie kannst du da so gelangweilt herumlümmeln?«, brüllte er sie an.

Salamanda hätte schwören können, dass sein heißer Atem ihr die Haare nach hinten blies. Die krallenartigen Nägel ihrer Finger bohrten sich tief in die Armlehnen, bis die Knochen weiß hervortraten. Die einzige Regung, die ihren wahren Gemütszustand verriet, doch das bemerkte Asmodi selbstverständlich nicht. Feinfühligkeit war kaum seine Stärke, das Verhalten anderer zu beobachten, kam gar nicht in Frage. Es ging immer nur um ihn.

Die Rabisu verfluchte zum inzwischen mindestens tausendsten Mal den Eidesstab und ihre Verpflichtung. Schuld an allem war Dorian Hunter, wer auch sonst, verflucht möge auch er sein! Auf eine Verwünschung mehr oder weniger kam es nicht an.

Nachdem der Widerhall von Asmodis Gebrüll sich gelegt hatte und das Summen in ihren Ohren nachließ, sagte Salamanda langsam: »Bist du fertig?«

Das schien ihn aus dem Konzept zu bringen. Durch die weiße Leere vor seinem Gesicht war seine Miene nicht abzulesen, selbst die Augen waren nicht mehr als rotglühende Kohlen. Ein unbescholtener Mensch, der den Schwarzen Fürsten so erblicken mochte, würde schreiend flüchten und von da an jede Nacht bis ans Lebensende nur noch von der Erinnerung an diesen Anblick gepeinigt werden. Dennoch verriet Asmodis Körperhaltung einiges – und jetzt stand er völlig still, verblüfft, davon war Salamanda überzeugt.

Ruhig fuhr sie fort: »Worüber regst du dich so übermäßig auf?«

Das fachte seine Wut erneut an. Seine Hände ballten sich mehrmals zu Fäusten und öffneten sich wieder, doch er bezähmte sich. Anscheinend hatte er sich vorhin genug ausgetobt und hatte sich wieder einigermaßen in der Gewalt.

»Hast du den Verstand verloren?«, fauchte er. »Dorian Hunter und seine Brut haben sämtliche Dämonen Großbritanniens ausgelöscht! Von diesem Schlag werden wir uns nie wieder erholen!«

»Nanana«, machte Salamanda. »Dass es dazu kommt, haben wir doch gewusst, oder? Und aus diesem Grund haben wir – hast du – dafür gesorgt, dass die wichtigsten Mitglieder der mächtigen Familien rechtzeitig da rausgeholt werden!«

Dorian Hunters Tochter Irene, die Uhrmacherin, hatte Lebensuhren für jeden Dämon der britischen Insel angefertigt, ihm zugestellt – und dann durch ihre papiernen Gehilfen, die als Untote auftraten, dafür gesorgt, dass die Zeiger angehalten wurden. Die Dämonen waren in Massen gestorben, innerhalb Sekunden dahingerafft wie Fliegen in einer Wolke Insektengift.

Salamanda fuhr fort, als Asmodi sich weiterhin nicht rührte. Er schien zu überlegen, ob sie für ihre Impertinenz bestraft werden sollte oder nicht. »Also wurden diejenigen gerettet, auf die es ankommt. Die anderen mussten geopfert werden, du konntest sie schließlich nicht alle rechtzeitig in Sicherheit bringen. Doch dafür hast du ihnen noch einen Sinn im Tod gegeben.«

Asmodi hatte verbreiten lassen, dass die Anhänger des chinesischen Totengottes Yama »eine gefährliche Seuche« in der Schwarzen Familie freigesetzt hatten, um »Großbritannien zu säubern« und die Macht zu übernehmen. Daraufhin waren die loyalen Dämonen auf die Yama-Anhänger losgegangen und hatten auch deren Zahl gewaltig dezimiert. Was von ihnen noch übrig war, spielte keine nennenswerte Rolle mehr.

»Aus dieser Katastrophe …«

»Apokalypse!«, unterbrach er schnaubend.

»… ging wenigstens noch etwas Positives hervor. So wie wir werden auch die verbliebenen Yama-Anhänger sehr lange brauchen, um sich von dieser Niederlage zu erholen.« Sie hob die Arme. »Du hast das Beste daraus gemacht!«

»Darum geht es aber nicht.« Er wandte sich ab, griff nach einer Vase, die der Zerstörung bisher entkommen war, und schleuderte sie zu Boden, wo sie klirrend zersprang. Wenn schon, denn schon.

Der Grund für Asmodis Zorn lag nicht nur in der Massenvernichtung der Dämonen Großbritanniens. Er hatte zwar das Beste aus der Situation gemacht, um vor allen als Retter dazustehen, wie es von ihm erwartet wurde – aber ihn fuchste es gewaltig, dass es ihm nicht möglich gewesen war, dieses Massaker von vornherein zu verhindern. Er hatte keinen Ausweg gewusst, lediglich die Gegebenheiten genutzt und die Wahrheit ein wenig gedehnt. Untertrieben gesagt.

»Wir sind uns doch beide im Klaren darüber, dass die Insel lediglich ein Testlauf gewesen ist?«, fuhr der Schwarze Fürst endlich ruhiger fort und richtete seinen glühenden Blick wieder auf die babylonische Vampirin. »Die ideale Umgebung, eine Insel, nicht zu groß, nicht zu klein, besetzt mit bedeutenden Familien. Der gesamte Verlauf kann genau ab Start beobachtet werden, mögliche Fehler ausgemerzt, der nächste Angriff dadurch strategisch perfekt geplant werden.«

Salamanda nickte unbehaglich. Ja, die Uhrmacherin, ganz die Tochter ihres Vaters, würde es ganz gewiss nicht dabei bewenden lassen. Ihr nächstes Ziel mochte vielleicht Europa insgesamt sein. Und von da aus weiter, immer weiter, bis die »Seuche« über die ganze Welt zog …

Wut packte nun auch sie, vermischt mit Hass. Vor allem auf Irene, die alles darangesetzt hatte, Salamanda aus dem Team des Dämonenkillers zu werfen.

»Das ist doch die Gelegenheit für Hunter«, murmelte sie. »Natürlich wird er Irene zusetzen, ihre Uhren auf die Dämonen der ganzen Welt loszulassen. Und mit Nachschub hat sie ganz offensichtlich keine Probleme.« Sie sah ihn förmlich vor sich, wie der Dämonenkiller sich ins Fäustchen lachte. Sich eine Kippe anzündete und dann den besten Scotch orderte. Wahrscheinlich konnte er es gar nicht mehr erwarten!

»Wir müssen ihm – ihnen beiden, Vater und Tochter, das Handwerk legen«, fügte sie, mehr für sich, hinzu.

»Ach, wirklich!« Asmodis Stimme troff vor Hohn. »Darauf wäre ich nie gekommen. Im ganzen Leben nicht!«

Salamanda winkte ab. »Vor allem drängt die Zeit. Deine auf schwachem Fundament gebaute Lüge wird auffliegen, sobald die ersten Dämonen auf dem Kontinent über die Klinge springen.« Fürst der Finsternis hin oder her, das brächte Asmodi in gewaltigen Erklärungsnotstand der gesamten Schwarzen Familie gegenüber.

»Soweit wird es nicht kommen«, erwiderte er, und seine Stimme nahm einen lauernden Klang an. »Nicht wahr?«

Zwei harmlose Worte und dennoch eine unverhüllte Drohung durch die Art der Betonung. Salamanda wurde es innerlich eiskalt.

»Nein«, antwortete sie und hoffte, dass kein Zittern in ihrer Stimme lag. »Der Totentanz funktioniert. Die Lebensuhren können quasi entschärft werden.« Indem das Abbild des betreffenden Dämons schlichtweg verschwand. Die Rabisu war das erste Versuchskaninchen gewesen, mit ihrer eigenen Uhr. Das Ritual funktionierte – und konnte auch weiterhin zum Einsatz kommen.

»Ja, nur dauert das bei weltweitem Einsatz vermutlich zehnmal so lange, wie die Uhrmacherin braucht, um neue zu schaffen, zu verteilen und anzuhalten!«, warf Asmodi höhnisch ein.

»Deshalb müssen wir das Übel bei der Wurzel packen«, stellte Salamanda fest und hoffte, dass Asmodi durch den Gebrauch der menschlichen Redewendung keinen weiteren Anfall bekam.

Doch er verschränkte die Arme vor der Brust. »Und?«

»Wir müssen Irene außer Gefecht setzen.« Die Schiedsrichterin hob die Hand, bevor der Schwarze Fürst eine weitere beißende Bemerkung abgeben konnte. »Wir wissen, dass sie von Yama ihre Fähigkeiten erhält. Aus dem Grund sollten die Yama-Anhänger in Großbritannien ja auch verschont werden. Also müssen wir ihre Verbindung zu dem Totengott kappen. Ich bin sicher, dass mir das mit dem Totentanz gelingen kann.«

»Klingt sehr gut – hat nur ein paar geringfügige Fehler.« Asmodi hob die Hand und zählte auf. »Die Uhrmacherin hält sich zumeist in ihrer Werkstatt auf. Diese liegt außerhalb des normalen Raums – und ist für uns nicht zugänglich.« Der zweite Finger. »Tut sie das nicht, ist sie mit Dorian Hunter zusammen.« Und drittens. »Nicht zu unterschätzen ist ihre Armee von Untoten. Das sind Hunderttausende. Mindestens.« Er ließ die Hand sinken. »Irgendeine Idee, wie du an sie nah genug herankommen willst, um deinen Plan durchzuführen?«

»Wenn’s weiter nichts ist …« Salamanda winkte lässig ab, und das war nicht gespielt. »Wir müssen Irene in eine Falle locken. Ich weiß auch schon, wie – dazu brauche ich nur einen von ihren Botenvögeln. Ich werde einen Weg finden, einen zu fangen.«

»Hoffentlich unauffällig?«

»Selbstverständlich müssen meine Aktivitäten verborgen bleiben. Das heißt, Hunter müsste abgelenkt werden. Den Part könntest du übernehmen.«

Asmodi schwieg kurz. Dann lachte er.

»Und ob ich das werde, meine Liebe.« Sein Lachen brach sich dröhnend an den Wänden. Schlagartig war er bester Laune, nun da die Rettung greifbar nahe war. »Das ist die beste Gelegenheit, zum Gegenschlag auszuholen!« Er streckte die Hand aus, und seine Stimme sank zu einem schnurrenden Locken herab. »Wie sieht es aus … wollen wir die Einzelheiten bei einem entspannenden Bad besprechen, mit anschließender gemeinschaftlicher körperlicher Ertüchtigung?«

Dazu sagte Salamanda nicht nein.

1.

Ungarn

Erster Mai.

»Gehen wir zur Kundgebung, Vater?«, wollte Milan Absa wissen.

»Igen a fiam«, lautete die Antwort: »Ja, mein Sohn. Das lasse ich mir nicht entgehen.«

»Ich weiß schon, was du dir nicht entgehen lässt«, erklang die Stimme der Mutter aus der Küche. »Palinka in rauen Mengen, und wenn du dir genug Mut angetrunken hast, legst du deinen faltigen alten Arm um schlanke Taillen und tanzt, bis du umfällst!«

»Nein, nein«, versicherte der Vater.

»Doch, doch.«

Milan lachte. Die Kundgebung war tatsächlich nur ein Vorwand für das, worum es eigentlich ging – fröhlich in einer Prozession durch die Straßen zu marschieren und Parolen zu skandieren, während der Obstbrand, der Palinka, die Runde machte. Mittags würden sie alle miteinander in den vielen Kneipen und Gasthäusern einfallen, und wenn das Wetter mitmachte, wenig später draußen den Maitanz beginnen.

Darauf freute sein Vater sich schon jedes Jahr ab März, wenn die Vögel zu singen begannen. Milans Mutter hatte damit gar nichts am Hut, aber sie verzieh Mann und Sohn, dass diese sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten, und sie verzieh ihrem Mann auch die schnapsseligen, ungeschickten schüchternen Küsse auf rosige Mädchenwangen. Wer würde ihn schon ernstnehmen oder gar verführen wollen? Sie kannten sich doch alle! Und was Milan betraf, so drängte sie ihn schon seit Wochen, sich an dem Tag ja nichts anderes vorzunehmen – sie wartete darauf, dass Milan endlich Arika mit nach Hause brachte und sie als seine Verlobte vorstellte.

Das hatte Milan auch vor – er hoffte, Arika auf dem Maitanz zu treffen und ihr endlich einen Antrag machen zu können. Seit einem halben Jahr nahm er sich das schon vor, und es hatte nie geklappt, der Rahmen dazu nie gepasst. In den letzten Wochen hatten sie sich kaum getroffen, und Arika hatte sich auch heute nicht fest verabreden wollen. Sie war erpicht darauf, ihren Ruf als »Rebellin« zu wahren. Aber in dem kleinen Lenti legte man Wert auf Traditionen, und Zusammenziehen ohne Trauschein kam nicht in Frage. Für den neumodischen städtischen Kram hatte man nichts übrig, fertig, aus. Also sollte es heute geschehen! Milan konnte es kaum mehr erwarten. Der Tag sollte ein ganz besonderer werden.

Sie brachen frühzeitig auf, um die besten Plätze zu erwischen für den »offiziellen Marsch« mit dem Bürgermeister an der Spitze, bevor sie sich anschließen konnten. Wer sich ganz hinten einreihen musste, bekam dann oft keinen Platz mehr. Aber Bier- und Schnapsgläser gab es immer genug, die gefüllt werden wollten …

Die Hauptstraße war schon recht belebt, und Milans Vater rümpfte die Nase. »Ah, diese Österreicher wieder, als ob es noch k. u. k. gäbe! Was die sich immer einbilden … haben die bei sich keine eigenen Märsche?«

»Wahrscheinlich nicht so wie bei uns«, meinte Milan. In vielen Hauptstädten Europas kam es bei den politischen Märschen oft zu Ausschreitungen und Krawallen. Aber an kleinen, abgelegenen Orten wie diesem war es eben bevorzugt ein Festtag, um die schönste Jahreszeit zu begrüßen und gesellig zu sein.

»Außerdem kennst du die doch!« Milan wies auf einige bereits sichtlich angeheiterte Österreicher. »Die sind doch praktisch unsere Nachbarn.« Die Grenze war nicht weit, die Pendler zahlreich auf beiden Seiten.

Bald stießen die ersten Freunde mit gezückten Flaschen zu ihnen. Hochprozentiger Brand aus Apfel, Pflaume, Aprikose. Heute durfte man öffentlich dem Alkohol frönen. Milan nahm einen ordentlichen Zug; nicht nur sein Vater, auch er musste sich Mut antrinken. Suchend sah er sich nach Arika um. Wollte sie dem Marsch tatsächlich fernbleiben? Das sah ihr aber gar nicht ähnlich.

Plötzlich stieß Milan seinen Vater in die Seite. »Da! Sie ist gekommen! Kann ich dich allein lassen, sag?«

»Geh nur, mein Sohn.« Die Nasenspitze seines Vaters rötete sich schon leicht,

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Dorian Hunter 90 - Der Tod der Uhrmacherin denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen