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Tatort Mallorca: Vamos a la Playa

Tatort Mallorca: Vamos a la Playa

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Tatort Mallorca: Vamos a la Playa

Länge:
448 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
18. Okt. 2017
ISBN:
9783864741029
Format:
Buch

Beschreibung

Für Ulla Liebich erweist sich die Einladung ihres Verlages nach Mallorca zu reisen als Desaster. Die Polizei verhaftet sie bereits am Flughafen: In ihrem Handgepäck befindet sich ein Sprengsatz. Verdächtig ist ihre Verbindung zu Enno Carlotta, einem verdeckten Ermittler, der übergelaufen zur kalabrischen Mafia als Schleuser in Mali tätig ist. Sie kommt gegen Kaution frei. Als zwei weitere Bombenattentaten kurz darauf die Insel erschüttern, die durchaus ihr gegolten haben können, vergeht der sonst so lebenslustigen Ulla das Lachen. Auch die Medien stürzen sich auf sie und drücken ihr das Etikett "Mafiosobraut" und "La bomba" auf. Im Radio wird sie mit dem alten Schlager "Vamos a la playa" verspottet. Gern nimmt sie das Angebot des reichen Immobilienmaklers Svevo Angeletti an, sich in seiner Villa zu verstecken und ahnt nicht, welche tragische Reichweite ihre Entscheidung hat...
["Vamos a la playa" hat alles, was ein Urlaubskrimi braucht: Spannung, Humor und Liebe.]
Herausgeber:
Freigegeben:
18. Okt. 2017
ISBN:
9783864741029
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Tatort Mallorca - Barbara Ludwig

Nachwort

Tag eins – Sonntag

Flughafen Palma de Mallorca

Ulla lächelte, als der Flieger mit einem Ruck andockte. Sie lächelte, als der Steward die Tür öffnete und ein Schwall warmer Luft ins Innere drang. Und sie lächelte, als sie an ihre speziellen Kräutertropfen dachte. Sie halfen in der Tat, der hinderlichen Flugangst bye-bye zu sagen. Was sollte ihr jetzt noch passieren?

Sogar eine Creme hatte sie im Bord Shop erstanden und am Fenster gesessen. Gut, auf den scheußlichen Kaffee aus dem Plastikbecher würde sie künftig verzichten.

Mit einem Patent auf das Mittel und den Einnahmen aus dem Buchvertrag könnte sie in Mallorca ein neues Leben beginnen. Dem Glück stand nichts mehr im Wege.

Um sie herum erhoben sich die Passagiere und begannen hektisch, ihr Handgepäck aus den oberen Fächern zu nehmen. Während Ulla sich entspannt zurücklehnte und den blauen Himmel über dem Flugfeld betrachtete. In München hatte sie ein grauer Tag mit Nieselregen verabschiedet, der Kalender wies Ende März aus. Zwar hatte Ulla bei einem Spaziergang im Westpark vor zwei Tagen an einigen sonnenzugewandten Zweigen der Obstbäume bereits vorwitzige weiße Blüten entdeckt, aber Frühling? Der ließ wie immer in Deutschland auf sich warten. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sich ein Leben auf Mallorca vorstellte. Als Heilpraktikerin konnte sie sich überall niederlassen.

Sie würde unter das Kapitel Enno endgültig einen Schlussstrich ziehen, ob er lebte oder nicht. Schließlich existierten genügend andere attraktive Männer.

«Warten Sie! Ich bin Ihnen mit Ihrem Handkoffer behilflich.»

Ulla schob die Sonnenbrille auf die blonden Haare und stellte den Kragen ihrer Bluse auf. Wie bei den meisten Männern blieb sein Blick ein wenig länger als notwendig an ihrer Oberweite hängen. Sie war daran gewöhnt, und bei einem interessanten Typen wie diesem störte sie das Schauen nicht.

«Danke», quittierte sie mit einem Lächeln. Sie wartete einen Moment, ehe sie aufstand, um sich in die Schlange der Aussteigenden im Mittelgang einzureihen.

Ihre Verlegerin Almuth Mann hatte vorn fast den Ausgang erreicht und warf ihr aus kühlen Augen einen prüfenden Blick zu. Jeder Neuanfang besaß seine Herausforderungen. Getrost durfte man Almuth Mann mit ihrer herrischen Art in die Kategorie schwierig einordnen und dazuzählen.

Seit Ulla den Vertrag unterzeichnet und dem Verlag die Geschichte Mein Leben als Kräuterfrau in Kalabrien verkauft hatte, war kaum etwas übrig vom geschäftsmäßigen Charme der Frau Mann. Anscheinend bereute sie, Ulla nach Mallorca eingeladen zu haben.

«Sie können mir in den Pausenzeiten des Meetings Ihre Vorstellungen zum Buch erläutern. Das spart Zeit. Zur Bekräftigung der Geschehnisse wäre es in meinen Augen zweckmäßig, Ihren Commissario di Flavio einzubeziehen», so ihre Worte vor einer Woche.

Ulla ordnete sich in das Gewirr der Fluggäste ein, die drängelten und schubsten und mit Rollkoffern oder Riesentaschen durch die Gänge hasteten. Vorbei an den Bänken vor den Gates, auf denen Jugendliche lungerten oder ihren Ballermann-Rausch ausschliefen. Sie meinte, den kurzen Haarschopf der Verlegerin vorn rhythmisch auftauchen zu sehen.

Ein Rad ihres Handkoffers verklemmte sich von Zeit zu Zeit und verhinderte ein rasches Aufschließen. Darüber hinaus merkte Ulla, wie schwer sie sich tat, mit Menschenansammlungen und mit eiligen, nervösen Zeitgenossen in diesen überdimensionalen Hallen des Riesenflughafens zurechtzukommen. Das Leben auf dem Land hatte sie entwöhnt.

Sie blieb stehen und schaute auf den glänzenden Fußboden. In ihren Augen sonnte er sich verträumt im einfallenden Licht der riesigen Fensterscheiben. Der Anblick erdete Ulla und tröstete sie.

Plötzlich erhielt sie einen Stoß in den Rücken. Jemand packte unversehens ihren Arm. Ulla schreckte zusammen, als zusätzlich die Notsirenen aufheulten.

«Halt, mein Handkoffer», lamentierte sie lautstark. Der durchdringende Ton der Sirenen übertönte ihren Einwand. In der entstehenden Panik drängelten die Menschen, schubsten und rannten rücksichtslos Richtung Ausgang. Während der unbekannte Arm sie grob an die Seite führte und sie durch eine Tür in eine Art Kammer schob.

«Sind Sie wahnsinnig?», beschwerte sie sich. Ihr Mund wurde unsanft verschlossen. Ulla wehrte sich, wand sich, ohne Erfolg. Der Druck des Armes, der ihren Oberkörper umklammerte, verstärkte sich nur. Die Sirene heulte jetzt in Abständen. Die Hand ließ ihren Mund frei. Sie hustete.

«Was hat das zu bedeuten?», quetschte sie heraus. «Lassen Sie mich sofort los!»

«Wir bitten alle Passagiere, den Flughafen umgehend zu verlassen, bitte bewahren Sie Ruhe, es besteht keine unmittelbare Gefahr. Es handelt sich um eine Notfallübung. Wir bitten um Verständnis», informierte eine leiernde Stimme außerhalb des Vorratsraums in Spanisch, Englisch und Deutsch aus dem Lautsprecher.

Sie sah, dass sich die angespannte Miene des Mannes lockerte. Ein winziges, kauziges Lächeln erschien um seinen Mund mit dem Dreitagebart.

Ulla wurde erst jetzt bewusst, dass sie dicht beieinanderstanden. Sie nahm seinen Geruch wahr und tippte auf Nivea Creme oder Babyseife. Mit einem Hauch Marzipan? Im nächsten Moment spürte Ulla seine Lippen auf den ihren. Ihre Hände versuchten, den Oberkörper des Mannes beiseitezuschieben. Keine Chance. Sie presste ihre Lippen zusammen. Sollte er doch ihren Lippenstift schmecken. Auch der zu schade für ihn!

Ehe sie zu einer anderen Aktion fähig war, stieß der Mann sie von sich. Sie prallte gegen das Regal und strauchelte. Als sie sich aufrappelte, war der Mann verschwunden. Ulla stand allein unter dem Funzellicht des Abstellraums inmitten zahlreicher Flaschen mit Flüssigseifen und Unmengen heruntergefallener Toilettenrollen. Die Sirenen schickten ihren lang gezogenen Heulton erneut durch die Flughafengänge. Der Ton durchdrang mühelos die dünne Wand und kroch jetzt einem Ungeheuer gleich in Ullas Eingeweide. Vergeblich suchte sie nach einem Türknauf und begriff, dass der Typ sie eingesperrt hatte.

«Mist», fluchte sie und: «Das kann nur mir passieren, blond halt.» Der spontane Ausruf rang ihr trotz der unerfreulichen Situation ein Lächeln ab, weil er sie an ihren Sohn Dennis erinnerte.

Sie inspizierte das Schloss und wetterte erneut. Ohne einen Vierkantschlüssel war ein Öffnen aussichtslos. Sie beugte sich zum Schlüsselloch. Deprimiert schaute sie hinaus und geradewegs auf ihren Koffer. Er behauptete sich ein Stück entfernt, gleich neben der Abgrenzung zum Transportband im gähnend leeren Gang. Die Sirenen schwiegen. Ulla fühlte sich, als wäre sie eine der letzten Überlebenden nach einem Super-GAU. Sie bummerte sinnlos mit den Fäusten gegen die schwere Tür, bis die Handballen ihr wehtaten und wiederholte das Ganze mit den Füßen, bis sie vor Schmerz das Gesicht verzog. Erschöpft hockte sie sich nieder, holte Luft. Bevor Selbstmitleid sie zu übermannen drohte, bezog sie wieder ihren Beobachtungsposten am Schlüsselloch. Sie starrte den Koffer an, der Koffer starrte sie an. Der Boden glänzte nach wie vor. Nicht einmal eine Maus wagt sich heraus, schimpfte sie innerlich, und sehnte sich den Sirenenton regelrecht herbei. Aber es blieb still.

Um Ort, Zeit und ihre Angst zu verdrängen, begann sie zu singen. Ihre Stimme klang seltsam blechern und piepsig. Sie lachte, als ihr der Vater mit seinem von der klassischen Musik geprägten Geschmack einfiel. Er war überzeugt, seine Tochter sei unmusikalisch. Er hielt Schlager für unterstes Niveau. Und ihr fiel nichts anderes ein als der Anton von Tirol.

Ihr Rücken schmerzte vom Bücken, sie streckte sich für einen Moment. Im nächsten presste sie das Auge wieder vor das Loch.

Als sie schwere Schritte hörte, machte ihr Herz einen Sprung. Die Hand fast am Holz der Tür, um dagegen zu hämmern, zögerte sie.

Ein Rücken, breit, schwarz, ein Maschinengewehr. Aus der niedrigen Perspektive wuchs die Gestalt in die Höhe wie ein Schreckgespenst. Gebannt verfolgte sie die unnatürlichen, ruckartigen Vorwärtsbewegungen. Erneut schob sich der Lauf eines Gewehrs ins Sichtfeld. Ulla hielt den Atem an. Ihre Gedanken überschlugen sich. Würden die Männer auf die Tür feuern, falls sie sich bemerkbar machte? Szenen aus den Krimis der letzten Monate flimmerten über ihre Gedankenleinwand. Sie zwang sich zur Ruhe. Männer einer Spezialeinheit oder Terroristen? Unmöglich festzumachen, wenn sie nicht reden!

Alles spielte sich lautlos ab, die zwei Männer verständigten sich nur mit Handzeichen.

Schwarzer Stoff, ganz nah. Jetzt wieder Sicht. Ein dritter Mann näherte sich dem Koffer, ein Gerät in den Händen. Die beiden anderen entzogen sich ihrem Blickfeld. Es dämmerte Ulla: Die Männer suchten nach einer Bombe!

Die Sirenen?

Keine Übung!

Realität!

In ihrem Koffer?

Eine Bombe?

Für einen Moment war sie in ihrer Aufmerksamkeit abgeschweift. Schon glänzte der Flur leer. Der Koffer war verschwunden.

Ullas Gedanken überschlugen sich, während sie dahockte und verharrte, als wäre sie paralysiert.

Die Tür splitterte, Holz flog durch die Luft. Ulla schützte mit dem Handrücken die Augen. Ehe sie einen Laut von sich geben konnte, überwältigte man sie, drückte man ihr Gesicht zu Boden und riss ihre Arme brutal nach hinten. Sie spürte das kühle Metall von Handschellen an den Gelenken und hörte das Geräusch des Zuschnappens. Gefesselt wurde sie hochgezerrt und auf die Beine gestellt. Eine rohe Hand schubste sie hinaus in den Gang. Die Männer verfrachteten sie wie einen Gegenstand auf eines dieser Flughafen-Elektromobile. Es fuhr auf der Stelle los. Sie schmeckte Staub im Mund.

Ein Hohn! Und sie hatte geglaubt, nach der Landung könne ihr nichts mehr passieren.

Ihre nächste Station ließ nicht ahnen, dass sie auf einer Sonneninsel weilte. Der sterile deckenhoch gekachelte Raum enthielt einen Tisch und zwei Stühle. Eine Neonröhre verteilte kaltes Licht. Ulla wurde roh auf einen Sitz gedrückt. Mit Handschellen an der Lehne befestigt, fragte man sie in Spanisch nach ihrem Namen.

«Ich spreche nicht Spanisch. Eine Verwechslung, ich …», versuchte Ulla, in Deutsch zu erklären.

«Esperan un momento.»

Als der Beamte die Tür öffnete, bemerkte Ulla den Mann, der vor der Tür postiert war, er war mit einem Maschinengewehr bewaffnet. Die Situation machte ihr Angst. Sie zwang sich, Ruhe zu bewahren. Sie befand sich nicht in der Gewalt von Terroristen, sondern im Gewahrsam der Polizei. Die Angelegenheit würde sich klären lassen. Ihre Verlegerin, Frau Mann, würde sie vermissen und sie könnte notfalls Commissario di Flavio zu Hilfe rufen. Kurze Zeit später erschien der Beamte mit einem Kollegen in Zivil.

«Mein Name ist Schneider, Hauptkommissar. Ich werde die Befragung in Deutsch fortsetzen. Sind Sie einverstanden, dass wir das Gespräch aufzeichnen?»

Ulla nickte. Er stellte ein Aufnahmegerät auf den Tisch und betätigte den Einschaltknopf.

«Name, Vorname, Wohnsitz?» Ulla ratterte die Angaben herunter. Notgedrungen nannte sie ihre letzte Adresse in Kalabrien. Ihr entging nicht, dass die Beamten bei der Nennung der Anschrift Blicke tauschten.

«Sie haben Ihren Mädchennamen wieder angenommen?»

«Ja.»

«Woher kamen Sie, mit welchem Flug?»

Auch das nicht schwer zu beantworten.

«Warum aus München, was haben Sie in München gemacht?»

Ulla erklärte, dass München ihre Heimatstadt wäre und sie sich dort niederlassen wolle. Sie verschwieg dem Beamten ihren vagen Plan, in dessen Mittelpunkt ein zukünftiges Leben in Mallorca stand, und führte aus, dass ihr Sohn in München leben würde und überhaupt. Das Überhaupt interessierte Kommissar Schneider überhaupt nicht.

«Halten Sie sich bitte an die Fragen», schnitt er ihr das Wort ab.

«Aus welchem Grund sind Sie nach Mallorca gereist?» Ulla bemühte sich, die Frage so knapp wie möglich zu beantworten.

«Gehört der Handkoffer Ihnen?» Er zeigte ihr ein Bild des einsam im Gelände stehenden Gepäckstücks, so wie sie es aus ihrer Schlüssellochperspektive wahrgenommen hatte.

«Ja. Ein Mann packte mich am Arm und schob mich in diese Kammer, als die Sirenen losgingen.»

«Wir fanden in Ihrem Gepäck eine Schachtel mit einem Cremetiegel. Der Tiegel enthielt plastischen Sprengstoff und einen Zünder. Zum Glück war er nicht fachgerecht angebracht, sodass keine Detonation erfolgte.»

«Um Gottes willen.»

Der Beamte zeigte ihr auf seinem Laptop ein Foto. Ulla erkannte die Verpackung.

«Das ist die Aloe-vera-Creme, die ich im Bord-Shop erstanden habe. Jemand hat mir den Sprengstoff hineingeschmuggelt! Der hilfsbereite Mann aus der Nebenreihe. Ich fand es überaus charmant von ihm, mir meinen Koffer aus der Ablage herunterzuheben», dachte sie mehr laut, als zu antworten.

«Ist es nicht so, dass Sie die Bombe in Ihrem Handgepäck selbst deponiert haben? Hegten Sie die Absicht, Selbstmord zu begehen und dabei ein paar Menschen mitzunehmen? Wir haben die Aussage eines Psychotherapeuten, den Sie kurz vor ihrer Abreise aufgesucht haben.»

«Meine Konsultation bei Herrn Dr. Seibling hatte einen anderen Grund. Ordnete er mich als suizidgefährdet ein?», antwortete sie selbstbewusst. Dachte dieser Hauptkommissar, bei jedem Besuch bei einem Psychologen ginge es um solche schwerwiegenden Gründe? Sie kannte Dr. Seibling schon lange und hatte ihn um Rat gefragt. Schließlich stand ihr Leben auf dem Prüfstand, aber Selbstmord?

«Sie sind ohne Arbeit und ohne festen Wohnsitz. Ihr Lebenspartner ist seit einem Jahr verschwunden. Man hat ihn aus dem Polizeidienst entfernt, weil er zur kalabrischen Mafia, der 'Ndrangheta übergewechselt ist. Wir vermuten, dass der Mann, der Sie Ihren Angaben nach in der Kammer einsperrte, Ihr Komplize oder der Komplize Ihres Lebenspartners ist. Halten Sie Kontakt zu Terrorgruppen?»

«Nein, weder bin ich dem Mann freiwillig gefolgt, noch kenne ich den Mann. Haben Sie ihn festgenommen? Er hat mich in diese vermaledeite Kammer eingesperrt! Und er oder ein anderer hat mir diese ominöse Bombe untergeschoben. Wie steht es denn mit Bildern aus den Überwachungskameras?»

«Auf den Bildern einer nahegelegenen Kamera sieht man Sie und den Arm eines Mannes. Die Geste, mit der er Ihren Arm berührt, wirkt vertraut. Sein Gesicht befindet sich außerhalb der Reichweite der Kamera. Offensichtlich kannte er deren Position.»

«Sehen Sie, der Mann hat alles geplant.»

«Beschreiben Sie den Mann.»

«Er stand neben mir und versuchte, mich zu küssen. Ich habe mich gewehrt. Sein Aussehen war für mich nicht relevant, außerdem war es schummerig in der Kammer. Aber gut, er war etwa so groß wie ich, sein Bart kratzte, so ein Dreitagebart. Er war jünger als ich.»

«Können Sie sagen, ob der Mann mit Ihnen im gleichen Flugzeug angereist ist?»

«Keinen Schimmer. Ich weiß nicht einmal, ob ich ihn wiedererkennen würde.»

So lief das Frage-Antwort-Spiel noch eine Weile. Im Kern drehte es sich stets um die gleiche Frage: «Mit wem hatten Sie in der letzten Zeit Kontakt?» Sie wurde darüber informiert, dass ihre Handydaten ausgewertet werden würden und ihr E-Mail Account. Froh, als die Befragung endete, registrierte sie kaum, was der nächste Satz Schneiders bedeutete.

«Bis die Zusammenhänge geklärt sind, nehmen wir Sie in Schutzhaft. Wir werden Sie in ein Gefängnis überstellen.»

Mit ihrer Kraft am Ende protestierte sie halbherzig:

«Ich möchte einen Rechtsanwalt hinzuziehen und bitte, sprechen Sie mit Commissario di Flavio, er kann Zeugnis für mich ablegen. Er ist als Ausbilder bei den Eurocops tätig.»

Schneider ging nicht auf Ullas Worte ein, sondern bedeutete dem wachhabenden Beamten, dass das Verhör beendet war. Zwei Männer der Spezialtruppe erschienen, lösten ihre Handschellen vom Stuhl, baten sie, aufzustehen, die Hände nach hinten zu strecken und befestigten die Marterinstrumente erneut. Flankiert von den beiden, sie erschienen ihr wie Riesen, stolperte sie auf einen Gang hinaus und durch eine Tür ins Freie. Die Nacht hatte sich inzwischen über die Insel gesenkt und Ulla sog gierig die milde Luft ein. Sie hörte in der Nähe einige Grillen zirpen. Ihre Freiheit währte nur kurz, im nächsten Moment saß sie im Dunkel eines gepanzerten Fahrzeugs. Nach dem Anlassen dröhnte der Motor des schweren Wagens unangenehm in ihren Ohren.

Ulla schloss erschöpft die Augen, ihr Vorrat an Kraft war aufgebraucht. Nach einer Weile hielt der Transporter, die Tür wurde geöffnet und ein Schwall frischer Luft schwappte herein. Ehe sie sich einen tiefen Atemzug gönnen konnte, wurde sie unmissverständlich mit einem Gewehr im Anschlag aufgefordert, auszusteigen. Nicht leicht, ohne die Arme zu Hilfe nehmen zu können. Schließlich half ihr einer der Beamten hinunter.

Ein kurzer Rundblick zeigte ihr zwei dürftige Palmen, deren Wedel sich sanft im Abend- oder besser Nachtwind wiegten, und am Ende eines großen Innenhofes eine imposante Treppe, die auf eine Galerie führte. Ulla erinnerte sich an das recht große Gebäude, es lag ziemlich weit oberhalb im Ort und imponierte wie die meisten Häuser in einem warmen Ockerton. Sie befand sich im Ort Andratx. Nicht im mondänen Hafen, der von der feinen Gesellschaft bevorzugt wurde, sondern im alten Ort im Landesinnern.

Jeden Mittwoch wurde hier Markt abgehalten. Neben den Fakes aller Marken gab es die landestypischen Schmalzkringel, die Ensaimadas, den herrlichen Schinken und anderes zu kosten. Hunger meldete sich und Durst. Sie verbot sich alle Gedanken an Essen. Existierte nicht ein neues Gefängnis in der Nähe eines großen Einkaufszentrums, nördlich von Palma? Warum machte man sich die Mühe, sie hier unterzubringen? Ihre Gedanken verhedderten sich, und sie gab es auf, nachzudenken.

Sollte man sie in eine Zelle sperren. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als den verkrampften Rücken zu strecken, die Augen zu schließen, abzutauchen, das Ungeheuerliche zu vergessen. Morgen war ein anderer Tag, ging ihr das Motto der Scarlett O’Hara aus Vom Winde verweht durch den Sinn. Ja, morgen würde ein neuer Tag anbrechen.

Aber vorher führte man sie erneut in ein Vernehmungszimmer. Ein Beamter in Zivil, der sich als Hauptkommissar Meinhardt vorstellte, richtete Fragen und nochmals Fragen an Ulla. Irgendwann sackte sie vor Erschöpfung vornüber. Ihre Stirn landete unsanft auf dem Tisch. Es gelang ihr kaum noch, die Augen offen zu halten. Sie barg den Kopf in den Armen. Als ihr Kaffeegeruch in die Nase stieg, hob sie ihn ein Stück an und blinzelte gegen das Neonlicht. Die verlockend duftende Tasse stand direkt vor ihr.

«Warten Sie, ich befreie Sie von den Handschellen. Trinken Sie.»

Meinhardt umrundete den Vernehmungstisch und befreite ihre Hände. Sie rieb sich die vom Metall angeschwollenen Handgelenke.

«Ich müsste zur Toilette, bitte.» Er nickte und rief eine Beamtin, die sie ein Stück weit einen Flur entlang zu einem altmodischen Klo führte. Nicht einladend, aber ein Klo. Das kalte Wasser beim Händewaschen tat gut, sie ließ es eine Weile über die Schwellungen laufen. Ein Spiegel, um das Aussehen zu prüfen, fehlte. Zurück im Vernehmungsraum griff sie nach der Tasse und schlürfte das inzwischen lauwarme Getränk dankbar in sich hinein.

«Ein Letztes, bevor wir Sie für die Nacht in eine Zelle bringen», Meinhardts Ton fiel milder als vorher aus, «schauen Sie sich bitte die Fotos genau an, die ich Ihnen jetzt zeige.» Er legte zwei Aufnahmen vor Ulla auf den Tisch. «Erkennen Sie den Mann in der Mitte des Bildes? Bitte nehmen Sie sich Zeit.»

Ulla nahm eines der Fotos in die Hand und warf einen Blick darauf. Es zeigte eine Gruppe Männer in Tuareg-Gewändern, in ihrer Mitte, wie ein Fremdkörper, ein Mann in europäischer Kleidung. Die Landschaft unwirklich, eine Wüste. Mastix säumte den Rand der Fahrstraße, die kaum mehr als eine breitere Spur im Sand zu sein schien. Der Europäer auf dem Bild ähnelte von der Gestalt her Enno. Das Bild war aus der Höhe aufgenommen und ziemlich unscharf. Ulla griff nach dem nächsten Foto. Auf diesem war das Gesicht des Mannes herangezoomt und besser zu erkennen. Der Mann sah Enno verdammt ähnlich! Es war Enno! Die Erkenntnis versetzte ihrem Herzen einen Sprung.

Er lebt, er lebt, er lebt. Der Gedanke schwang in ihr wie eine Glocke und trieb ihr Röte ins Gesicht.

Im gleichen Augenblick das Aufleuchten von tausend Achtungslämpchen.

«Egal, wer dich fragt, auch wenn es die Polizei ist. Und egal welche Behauptungen aufgestellt werden, merke dir bitte: Du kennst mich nur flüchtig, wir hatten eine kurze Beziehung, die unglücklich verlief und du weißt nichts Näheres über mich. Versuche zu schauspielern, denke daran, mein Leben könnte davon abhängen. Mein Gott, Ulla, ich hoffe, man bringt dich nie in eine solche Situation. Es war falsch von mir, mich mit dir einzulassen. Aber …», hatte Enno ihr wieder und wieder eingeschärft. Seine Worte im Ohr, klammerte sie sich mit ihrem Blick an dem Bild fest. Im Hinterkopf die Angst, sich mit einer Geste, einer unbedachten Reaktion zu verraten. Erst nach einer Weile fühlte sie sich gewappnet und schaute auf.

«Entschuldigen Sie, ich wollte sichergehen. Nein, ich erkenne niemanden.» Sie deponierte die Fotos auf dem Tisch und legte die Hände in den Schoß.

«Gut, wenn Sie das sagen. Der Mann», Meinhardt legte den Finger auf den Europäer, «ähnelt ihrem Lebenspartner Enno Carlotta, fanden wir.»

«Eine vage Ähnlichkeit besteht. Aber Lebenspartner? Wir hatten eine kurze Liebesbeziehung. Aber das ist mehr als ein Jahr her», rettete sie sich mit einer Schutzbehauptung, Ennos Worte im Ohr.

«Gut, für heute machen wir Schluss. Bitte führen Sie Frau Liebich in ihre Zelle.»

Ulla atmete erleichtert auf. Sie ahnte nicht, dass ihr die erkennungsdienstliche Behandlung noch bevorstand. Ein Beamter fertigte Fotos von ihr an. Unter anderen Umständen hätte sie gescherzt und gesagt: «Schicken Sie mir einen Abzug für meine Website», oder so ähnlich. Das Lachen verging ihr endgültig, als sie sich vor einer Beamtin ausziehen musste und abgetastet wurde.

Endlich war alles vorüber. Sie nahm, ohne zu protestieren, den leichten Anstaltsanzug, streifte ihn über und folgte der Wachhabenden. In der Hand das Stück Seife, das Handtuch sowie die zwei Wolldecken, die man ihr gegen Quittung ausgehändigt hatte. Als sie die Zelle erreichte, wollte sie nur eines: ausruhen.

Bari (Süditalien)

Commissario di Flavio bat den Fahrer, ihn abzusetzen, als der Militärjeep die Altstadt von Bari erreichte.

«Das Meeting ist für siebzehn Uhr anberaumt. An Bord erhalten Sie allen Service.»

«Si, si. Grazie. Ich möchte mir nur die Beine vertreten. Erst der Flughafen, dann das Flugzeug, jetzt das Auto, ich bitte um Verständnis. Ich finde das Schiff, keine Sorge. Zwei Jahre Marine.»

Ein Zucken der Augenbrauen, der Wagen stoppte, und di Flavio kletterte hinaus. Im nächsten Moment stand er auf dem Corso. Besser ausgebaut als zu seiner Zeit, schlängelte sich die imposante Straße am Meer entlang. Die Stadtmauer zog sich linker Hand hin, jetzt mit einem üppigen Grünstreifen davor. Es roch nach Salz, nach Fisch, nach Wiese und dazwischen mischte sich der Geruch nach Heimat.

Die Vorzeigestraße ähnelt heute in vielem der Hafenpromenade in Palma. So di Flavios Gedanken beim Blick auf die Wellen, die gegen eine massive Kaibefestigung rollten und ein gleichmäßig klatschendes Geräusch verursachten. Der Himmel spannte sich wolkenlos in einem hellen Blau über dem Meer, und die Sonne warf Glitzereffekte auf das Wasser.

Er beobachtete ein paar Jungen. Sie spielten auf den Befestigungspoldern Fangen. Dann wandte er sich ab und schlenderte durch das alte Tor in der Stadtmauer. Trutzig mit unvollendeten Turmstümpfen erhebt sich dahinter seit fast tausend Jahren die Basilika San Nicola, wie eh und je das Ziel von Touristengruppen. Di Flavio lächelte, als er die Worte einer Reiseführerin aufschnappte, die geehrten Damen und Herren mögen dem erst kürzlich aufgestellten Denkmal, rechter Hand neben dem Eingang, Beachtung schenken. Die Figur des heiligen Nikolaus, des Schutzheiligen der Seeleute sei durch eine großzügige Stiftung des russischen Staatspräsidenten Putin ermöglicht worden. Die Statue war neu für ihn.

Er hielt sich an das Alte und tauchte in das Dunkel der Kathedrale ein, um bei den Gebeinen des heiligen Nikolaus eine Kerze anzuzünden und ein kurzes Gebet zu sprechen. Als er die Kirche verließ, rief jemand hinter ihm: «Hallo, alter Kumpel.» Ehe er sich umdrehen und feststellen konnte, wen der Rufer meinte, schlang jemand die Arme um seinen Hals, drückte ihm ein Küsschen auf jede Wange, um ihm anschließend einen kräftigen Schlag auf die Schulter zu verpassen.

Den Mann hätte er nicht gleich erkannt, nur die Stimme war annähernd gleich geblieben. «Monte?» Sein Gegenüber wirkte trotz der modernen, aber gediegenen sportlichen Kleidung antiquiert, wie aus der Zeit gefallen. Klein, fast schmächtig, das Gesicht grau wie die Haare, der Blick unruhig. Nicht unbedingt sympathisch.

«Ja, alter Kämpe. Ewig nicht gesehen. Nun ja, war seit Langem nicht mehr in der Heimat und fische anderswo im Geheimen, du verstehst.»

Di Flavio konnte sich nicht erinnern, jemals vertraut mit Monte gewesen zu sein. Monte stammte wie er aus der Umgebung von Tropea und in einer so kleinen Stadt läuft man sich zwangsläufig ab und zu über den Weg. Zusätzlich hatten sie vor einem Jahrzehnt einmal drei Monate zusammen in Mailand an einem Fall gearbeitet, aber es war ein sehr distanziertes Verhältnis gewesen. Keines, welches derartige Gefühlsausbrüche rechtfertigte. Notgedrungen akzeptierte er Montes Gesellschaft und sie liefen Seite an Seite durch das Gewirr der verwinkelten Altstadtgassen. Montes Mund stand nicht still.

«Mich haben Sie nach Rom verbannt Tino, ich sage dir, exklusiv und kostspielig. Ich verrate dort niemandem, dass ich aus Kalabrien stamme, sofort heißt es: Ah, Gruß an die 'Ndrangheta. Oder: Na, die Typen aus San Luca schon auf dem Schirm? Sind die etwa in Rom aktiv? – Nein, würden ja gleich als Dorftrottel auffallen. Damit wollen sie mich treffen, für sie ist jeder Nicht-Römer ein Stoffel. Eingebildet ohne Ende, diese Römer. Worauf, frage ich mich, die Ministeriumsaffen sind überall aus demselben Holz geschnitzt. In Rom, nun ja.»

Di Flavio lächelte verhalten. Er dachte an seine Frau Erica und den Dünkel, was ihre Heimatstadt Mailand betraf. «Nimm‘s mit Humor. Die Mallorquiner tendieren ebenfalls zum Separatismus», antwortete er und ärgerte sich gleich darauf, dass er dem anderen damit einen Hinweis auf seinen jetzigen Job gegeben hatte. Dass Monte nicht nachfragte, begründete er mit dessen Redseligkeit.

Als dieser jedoch bei einem Espresso meinte: «Tino, du bist ein Glückspilz. Du bist nicht gezwungen, dienstlich mit den Einheimischen zu verhandeln, sondern hast frische, junge Kollegen aus allen EU-Staaten vor dir», stutzte er, aber schob sein Misstrauen beiseite. Sicher hatte jemand in Tropea geschwatzt. Und es war ja kein Geheimnis, dass er als Schulungsoffizier bei Eurocop seine Brötchen verdiente. Scherzhaft antwortete er: «Wenn es mir gelingt, die Frischlinge zum Hochschauen zu überreden. Am besten klappt es, wenn ich ihnen eine SMS oder eine Nachricht über WhatsApp schicke. Erste Regel in meinem Job: eine gute Handy-Verbindung.»

Sie waren stehen geblieben und beobachteten die Frauen auf der Straße, die von Hand Nudeln fertigten.

«Hoffe, die Jungens von der Marine haben einen passablen Koch und wir bekommen heute Abend diese wundervollen Spezialitäten vorgesetzt», meinte Monte. «Und darüber hinaus, dass die Marine uns nicht die älteste Fregatte ausgesucht hat.»

«Zu meiner Dienstzeit haben sie ausgezeichnetes Essen serviert. Ich habe ja fast zwei Jahre bei der Marine in Bari Dienst geschoben. Eine schöne Zeit», sagte er leichthin, ehe es bei ihm Klick machte. «Du bist ebenfalls bei dieser Fortbildungsveranstaltung, Monte? Ah, auf die Idee hätte ich auch früher kommen können.»

«Habe deinen Namen auf der Liste entdeckt und mich gefreut, dich zu treffen. Wir Kalabrier müssen zusammenhalten.» Das erklärte natürlich manches. Monte hatte sich schlaugemacht. Di Flavio warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

«Zeit, sich auf den Weg zum Hafen zu machen.»

Beim Castello Svevo winkte er einen Taxifahrer heran, bat, sie zum Pier zu bringen.

Im Hafen wartete eine Korvette der Marine auf sie. Ein Schiff, das in der Regel in der Straße von Sizilien patrouillierte. Die dunkelblaue Flagge mit dem europäischen Sternenkreis wehte neben der italienischen in Grün-Weiß-Rot. Neben dem Kriegsschiff im typischen Tarn-Grau hatte ein Cruising-Schiff festgemacht. Gegen den hochragenden weißen Leib des Kreuzfahrtschiffs wirkte das wendige Kriegsschiff wie ein Wohnwagen neben einem Wolkenkratzer.

Sie betraten das Terminal und begaben sich zum Sicherheitscheck. Der Beamte an der Kontrolle zwinkerte di Flavio nach einem Blick in den Dienstausweis vertraulich zu und meinte in breitem Italienisch scherzhaft: «Guten Abend, alles beim Alten?»

Der Commissario nickte. «Der Nikolaus steht noch, danke.»

«Ja dann.»

Ein Leutnant zur See hieß sie beim Betreten der Korvette mit einem strammen Gruß willkommen.

«Die Herren. Unser Bootsmaat wird Ihnen Ihre Kabinen zuweisen. Treffen zur Einsatzbesprechung in 20 Minuten.»

Erneut landete ein kumpelhafter Schlag Montes auf di Flavios Schulter.

«Wir sehen uns.»

Di Flavio schluckte. Als er in der Kabine stand, bemerkte er mit einem Lächeln: «Immer noch eng hier», und war froh, die Kabine nicht mit Monte teilen zu müssen.

«Kein Kreuzfahrtschiff», antwortete der Maat.

«Klar.»

Di Flavio stellte seine Reisetasche auf dem Bett ab, strich nach einem prüfenden Blick in den Spiegel seine vom Wind zerzausten Haare glatt und folgte dem Maat wieder nach oben. Die Schar der Geladenen erwies sich als überschaubar. Unter den zehn Personen entdeckte er keine bekannten Gesichter und übte sich in den üblichen Floskeln. Sie bereiteten ihm Unbehagen und seinem Gefühl nach erging es den Männern ähnlich. Das Gespräch blieb beim unverfänglichen Thema Wetter hängen, bis Monte auftauchte und die Gesprächsführung an sich riss.

«Ein Horror diese Flüchtlingsströme! Fast waren wir so weit, die Hintermänner dranzukriegen, da weitete sich der Schlamassel nach Libyen aus. Der Arabische Frühling! Hat das Gleichgewicht endgültig verschoben. Überall Werber für den IS! Wir könnten das dreifache Personal gebrauchen. Die Politik verspricht, passieren tut nichts!»

Zwei der Gesprächsteilnehmer lächelten höflich, ohne Stellung zu beziehen. Di Flavio fiel ein, dass sich Monte stets aufgeplustert hatte, wo er konnte. In diesem Fall stellte er den Sachverhalt für seinen Geschmack zu einfach dar. Aber was wusste er, di Flavio, schon. Bei seinem Posten auf Mallorca verlor man rasch den Bezug zum wirklichen Leben. Ließ sich von der heilen Urlaubslandschaft einlullen. Seit den Terroranschlägen in Tunesien, in Ägypten und in der Türkei zog die Insel noch mehr Touristen an. Außer Sonne und Meer schätzen sie die Sicherheit. Und sie sorgen neben den Reichen und Schönen, seien es Mallorquiner, Spanier, Russen oder Deutsche, für eine ausgezeichnete Beschäftigungslage. Vermutlich war Monte besser informiert. Der anschließende Workshop würde sein Wissen sachlich und kompetent auf den neuesten Stand bringen, so seine Hoffnung.

Inzwischen waren die Teilnehmer vollständig versammelt und jeder wurde einzeln dem Kapitän vorgestellt, bevor dieser als Hausherr zu Tisch bat. Zwei große runde Tische warteten gedeckt unter einem Sonnensegel auf dem Schiffsdeck. Etwas irritiert schaute di Flavio nach oben, als ein Windstoß den Sonnenschutz über ihren Köpfen zum Knattern brachte.

Er saß neben einem Commissario aus Apulien. Man servierte ein Carpaccio aus fein geschnittenen Steinpilzen in einem wohlschmeckenden Olivenöl, dazu Scheiben eines reifen Pecorinos mit Kartoffelschnitzen. Als secondo gab es Spanferkel mit Morcheln geschmort und dazu die herrlichen Nudeln. Di Flavio genoss alles wortlos. Zum Glück war sein Nachbar offensichtlich mit einem Kollegen hier und vermisste die Unterhaltung von seiner Seite nicht.

Das ließ ihm Zeit, während der Servierpausen hinunter zum Terminal zu schauen und die Gäste des Kreuzfahrtschiffes zu beobachten, die an Bord gingen. Sein Blick streifte mehr als einmal das Wrack einer Fähre, das am gegenüberliegenden Pier vor Anker lag.

«Wissen Sie etwas über das ausgebrannte Schiff?», fragte er seinen Kollegen aus Apulien, als dieser sich einmal zu ihm umwandte.

«Eine abgehalfterte Fähre. Wurde vor einigen Jahren entführt. Ist auf See in Brand geraten, weil einige der Afrikaner an Bord meinten, unbedingt ein Feuer entfachen zu müssen. Das Wrack wurde hierher geschleppt. Der Eigner streitet sich mit der Versicherung. Ich bin neugierig, welche Stellungnahme die Marine

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