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1918 - Wilhelm und Wilson

1918 - Wilhelm und Wilson

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1918 - Wilhelm und Wilson

Länge:
1,226 Seiten
16 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 26, 2017
ISBN:
9783874683647
Format:
Buch

Beschreibung

Der Erste Weltkrieg gilt als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Das wurde er vor allem durch sein Ende, das seit 1918 viele neue Konflikte schuf. "1918-Wilhelm und Wilson" spielt in der großen Politik. Es geht um die Fiktion eines Verhandlungsfriedens. Warum erst 1918? Erst dann lagen mit Wilsons 14 Punkte-Programm und dem Ende des Krieges zwischen Deutschland und dem bolschewistischen Russland neue Chancen vor, um die festgefahrenen Kriegsziele von Entente und Mittelmächten zu überwinden.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 26, 2017
ISBN:
9783874683647
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Buch

Über den Autor


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1918 - Wilhelm und Wilson - Magnus Dellwig

113.

1Charité

Ich wache in einem fremden Bett auf. Unter meinen Händen fühlt sich das Bettlaken angenehm an, frisch gewaschen und gestärkt. Sein Duft nach dem guten Persil steigt in meine Nase und vermag es, den Duft von Reinigungsmitteln, Essen und Desinfektionschemikalien weitgehend zu überdecken. All diese Gerüche zeigen mir an: Ich bin in einem Krankenhaus. Offenkundig liege ich in einem recht luxuriösen Einzelzimmer für Privatpatienten. So großzügig wirken auf mich der Grundriss, die brokatenen Vorhänge, so einladend sind die kleine Sitzecke aus zwei samten bezogenen Sesseln mit kleinem, rundem Beistelltisch und Stehleuchte. Gedämpfte Geräusche von Straßenlärm dringen an mein Ohr. Ich wende den Kopf leicht nach rechts zum auf Kipp geöffneten, doppelflügeligen Fenster hin. Dabei lege ich unvorsichtigerweise zu viel Schwung an einer wenn auch nur mäßig kraftvollen Bewegung in meinen Oberkörper - und ich könnte aufschreien vor Schmerz. Meinen Brustkorb durchfährt blitzartig ein Stich, der mich wie ein Elektroschock durchzuckt. Schlagartig wird mir unglaublich heiß und Schweiß tritt mir auf die Stirn. Mir entfährt ein leises Stöhnen, unmittelbar darauf ein Prusten wie ein Seufzer, bei dem mir die Luft, einer Erleichterung gleich, aus den Lungenflügeln entweicht. Erst jetzt bemerke ich, wie fühlbar mein Kopf einen starken und dumpfen Druck verspürt. Ich fühle mich miserabel und nehme mir vor, den behandelnden Arzt sogleich bei seinem ersten Erscheinen in meinem Zimmern ausführlich nach meinem Zustande zu befragen, danach, was mich aufs Neue hierher verschlagen hat.

Hierher, das ist offensichtlich die Privatstation der Inneren Medizin an der Berliner Charité. Nicht allein der mir bereits von einem vormaligen Aufenthalt im Frühsommer 1928 bekannte Eindruck von der angenehm gediegenen Einrichtung verschafft mir diese Orientierung, sondern ebenso der Blick aus dem Fenster in den grau getrübten Berliner Morgenhimmel. Denn am linken Rand des mir vom Fensterausschnitt gewährten Sichtfeldes überragt die imposante Kuppel des Reichstagsgebäudes die Häuserreihe der gegenüberliegenden Straßenzeile. - Ach, der deutsche Reichstag! Welch angenehme Gefühle, welche großen Erinnerungen, welch eindrucksvolle persönliche Begegnungen waren mir vergönnt, im Verlauf der zurückliegenden zwanzig Jahre in den mächtigen Hallen des Hohen Hauses erleben zu dürfen! Und meine liebe Käte hat tatsächlich an alles gedacht, dass sie mir in dieser feinen Klinik sogar ein Zimmer zuweisen ließ, dass den Blick auf die wichtigste Wirkungsstätte meiner Arbeit frei gibt! Werde ich wohl jemals gesundheitlich so wiederhergestellt sein, dass ich nicht nur dieses Krankenhaus werde verlassen, sondern auch meine politische Arbeit werde erneut mit vollem Einsatz aufnehmen können? Obgleich ich nun viel lieber in Gedanken über große und schöne Tage meiner politischen Wirkungszeit, über bedeutende Ereignisse unserer nationalen Geschichte seit dem Weltkriege sinnieren würde. Mich zwingt die nüchterne Pflichterfüllung doch mehr dazu, meine Erinnerung an die letzten Tage zu bemühen. Ich will es versuchen, damit die Ereignisse zum mindesten ein wenig zu ergründen, die mich in die aktuelle missliche Lage, begleitet von unvorteilhaften Schmerzen im Brustkorb und einem dumpfen Druck in meinem Schädel gebracht haben.

Die unentwegte, zuweilen aufreibende, mich jedoch immer mit Begeisterung und innerem Glück ob der Nützlichkeit meiner Arbeit für das Wohle meines geliebten Vaterlandes erfüllende Tätigkeit in der Politik unseres mächtigen Deutschen Reiches hatte in den letzten Jahren doch sehr an meinen Kräften gezehrt. Seit 1907 saß ich für die Nationalliberale Partei im Reichstag dort drüben am ruhigen Laufe der Spree. Doch erst seit 1917 auf dem Höhepunkte jenes unsäglichen Völkerringens, des Weltkrieges, begann für mich persönlich wie übrigens auch für Deutschland eine sehr eigentümliche Mischung aus zuweilen Beschleunigung, dann wieder subjektiv erlebter Verlangsamung und aus einem intensivierten Erleben jener großen Ereignisse, die so entscheiden den Einfluss auf den Gang des 20. Jahrhunderts würden nehmen sollen. Seit 1917 jedenfalls empfinde ich mein Leben als unermüdliches Wirken für das Wohle unseres deutschen Vaterlandes, dass sämtliche übrigen Facetten des Lebens, wie insbesondere die Familie, gesellige Treffen im Freundeskreise, das Erleben von Muße und Entspannung bei einem guten Buch, bei einem erhebenden Opernbesuch oder auch einmal in einem Urlaube, in meinem Leben nicht einmal annähernd den gleichen Stellenwert einzunehmen vermochten wie das üblicherweise im bürgerlichen Leben Deutschlands, in der Reichshauptstadt zumal, der Fall zu sein pflegt. Jetzt bin ich mittlerweile 51 Jahre alt und meine liebe Frau Käte hat schon so manches mit einem Gatten auszuhalten gehabt, der trotz aller aufrichtig empfundenen Liebe ihr dies nie mit der Aufmerksamkeit zu zeigen vermochte, wie ich mir das heute aus der Rückschau doch so sehr wünschen würde. Und auch manches weitere gute Gespräch mit meinen beiden so recht gelungenen Söhnen wünsche ich mir für die Zukunft ebenfalls. - Sollte das Schicksal mir noch eine zweite Chance eröffnen und die Gesundheit für einige weitere Jahre schenken, so zählt dies zu meinen festen Vorsätzen, die bisherige Zurückstellung des privaten Glücks, des Familienlebens endlich doch für meine liebe Käte sicht- und spürbar zu beenden!

Doch wie Erfolg versprechend sind die Aussichten für ein neues Leben in Gesundheit für das alte liberale Schlachtross Gustav denn nun wirklich? Schon vor zehn Jahren, im Juni 1919 erlitt ich aus völlig heiterem Himmel einen Herzanfall, in dessen Folge meine körperliche Rüstigkeit nicht allein kurzzeitig litt, sondern sich die Gesundheit zu allem Überdruss auch noch stetig zu verschlechtern begann.

Na ja, so ganz aus heiterem Himmel war das nun wieder auch nicht. Die davor liegenden 18 Monate mit allen Turbulenzen der Regierungsbildung, vor allem aber natürlich mit den intensiven, spannenden, ja schicksalhaften Friedensverhandlungen mit Premierminister Lloyd George, mit Präsident Wilson und dann natürlich mit Seiner Majestät Kaiser Wilhelm, waren keineswegs ein Zuckerschlecken. So aufregend und anregend jene Zeit war, ebenso anstrengend musste sie natürlich für all jene sein, die mit derart vollem Einsatz wie etwa meine Freunde Walther Rathenau und Albert Ballin, Richard von Kühlmann, Philipp Scheidemann, Matthias Erzberger, Conrad Haußmann, der junge Kaiser und ich für die friedliche Zukunft Deutschlands und der Welt stritten. Mein Gott, was war das für eine Zeit! Welch ein Glück, persönlich mitgewirkt haben zu dürfen an den Ereignissen vom Regierungsantritt Wilhelms III. im Februar 1918 bis zum Friedensschluss kurz vor Jahresende!

Mit einem kräftigen und durchaus geräuschvollen Schwung wird die breite, schwere Zimmertüre aufgestoßen und ein knappes Dutzend in weiße Kittel gekleidete Herren und Damen betritt gemessenen Schrittes, ja sogar etwas ehrfürchtig zögernd, den Raum. Aus der Mitte der Gruppe tritt ein großer schlanker Herr mit dünnem grauen Haar um die Mitte sechzig hervor und an das Bett des Patienten. Professor Friedrich Kraus, der auch nach seiner Emeritierung als Chefarzt der Internistischen Klinik 1927 weiterhin fast täglich seinen Dienst tut und seine privaten Patienten behandelt, genießt den glänzenden Ruf des größten Fachmanns für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland. Ich bin seit meiner ersten Herzschwäche im Jahr 1919 sein Patient und fühlte mich seitdem stets bestens und kompetent aufgehoben.

„Lieber Herr Reichsminister des Äußeren, Herr Doktor Stresemann, wie sehr wir uns alle freuen, dass sie zu Bewusstsein gelangt sind und nun mit uns sprechen können.

Übrigens habe ich veranlasst, dass Ihre Gattin umgehend fernmündlich darüber verständigt wird, dass sie nun wieder ansprechbar sind. Sie wird sicherlich sehr bald am heutigen Tage hier im Hause erscheinen."

„Lieber Herr Professor Kraus, da sie es ja nun gerade ansprechen, welchen Tag haben wir denn heute überhaupt?"

Die anwesende Visite zeigt ein kollektives Schmunzeln. Chefarzt Kraus räuspert sich und entgegnet in vergnüglichem Tonfall.

„Lieber Herr Doktor Stresemann, wir haben heute den 25. September, des Jahres 1929 selbstverständlich. Und sie erfreuen sich nun bereits seit beinahe vollen drei Tagen der Obhut meines Hauses.

Dabei möchte ich sogleich betonen, wie sehr es uns mit Freude erfüllt, dass ihre verehrte Gattin erneut unserer Klinik das Vertrauen geschenkt hat, als ihr Gesundheitszustand einen entsprechenden Aufenthalt erforderlich machte. Wo wir dabei sind: Am frühen Nachmittag des 22. September erlitten sie daheim eine durchaus sehr ernst zu nehmende Herzattacke, die wir hier im Hause erfolgreich medikamentös zu behandeln vermochten. Dabei mussten wir leider feststellen, dass seitdem sowohl ihr Herz rhythmische Störungen aufweist als auch die in ihrem Hirn messbaren elektrischen Ströme starken Schwankungen unterliegen. Wir sind geneigt zu diagnostizieren, dass sie vor drei Tagen zugleich einen Schlaganfall von mittlerer Schwere erlitten haben. Es ist gar anzunehmen, dass dieser Schlaganfall der Auslöser für ihre akute Herzschwäche ist. Einen Herzinfarkt haben sie nach dem Stande meiner persönlichen Untersuchungen jedoch voraussichtlich nicht ebenfalls erlitten. Bitte wundern sie sich daher keineswegs, falls sie jetzt aktuell unter fühlbaren Kopfschmerzen und/oder Beschwerden im Brustkorb leiden sollten."

Ich nicke zustimmend, und fühle mich gleich wieder ein wenig schlechter, angesichts der nicht sehr ermutigenden Erläuterungen des mir seit zehn Jahren persönlich recht gut bekannten lieben Professors Kraus.

„Jetzt weiß ich ja wenigstens, wo das alles so herrührt, dass ich mich hier in ihrem gemütlichen Krankenhausbette nicht einfach einmal von rechts nach links wenden kann, weil ich das Gefühl verspüre, dass mir der Brustkorb förmlich zerspringen möge. Doch nichts für ungut, meine Damen, meine Herren. Ich bin hart im Nehmen und gedenke keineswegs, meine irdische Anwesenheit so bald aufzugeben."

Ein fröhliches, ja nahezu befreites Gelächter der gesamten Gruppe zerreißt die Stille, die sich schon während der Erläuterungen des Professors eingestellt hatte. Ich hingegen beginne ernsthaft an meinen Genesungsaussichten zu zweifeln, wenn die Stimmung unter der versammelten Ärzte- und Schwesternschaft auf mich derart angespannt wirkt. Doch dieser Spekulation kann ich nicht weiter nachhängen, denn Kraus setzt seine für mich hoch informativen Erläuterungen fort.

„Mein lieber Herr Doktor Stresemann, bereits bei Ihrem letzten Aufenthalt in unserem Klinikum vor einigen Monaten war ich darum bemüht, Ihnen und mir selbst ein umfassendes und zutreffendes Bilde vom Gesundheitszustand des Herrn Reichsaußenministers zu verschaffen. Sie wissen sicher noch, dass ich seiner Zeit mit den Befunden keineswegs zufrieden sein konnte. Sie erinnern sich sicherlich ebenfalls noch, wie schwer es der heutigen Medizin, trotz all der immensen Fortschritte aus den letzten Jahren, weiterhin fällt, sich ein vollständiges diagnostisches Bild von ihrer Erkrankung zu machen."

Kraus atmet ein Mal tief ein und aus. Währenddessen ist er sichtlich bemüht, mich so aufmunternd wir nur irgend möglich anzuschauen. Um seine Mundwinkel spielt ein Lächeln und er nickt ein wenig. Doch in den schönen blauen Augen des Professors erspähe ich nichts von der Begeisterung des Forschers, der seinem Patienten kurz darauf eine bahnbrechende neue und vor allem hoffnungsfrohe Erkenntnis zu vermitteln vermag. Nun bin ich aber kein Pessimist und ich verzage keineswegs schnell! Doch das ändert nichts daran, dass an mir der Quell des Zweifels nagt, ob es auch dieses Mal wohl wieder so kommen möge wie schon so manches Mal während der zurückliegenden zehn Jahre: Dass der alte Gustav sich trotz seiner weniger robusten Konstitution als altes Schlachtross erweist und wieder auf die Beine kommt.

„Im Sommer noch konzentrierte ich all meine Aufmerksamkeit auf Ihr Herz, lieber Stresemann. Das hat ja nun auch eine gute Tradition, fing doch die Malaise im ersten Friedensjahr 1919 mit Ihrem Herzinfarkte an. In den letzten beiden Tagen haben wir ihnen jetzt jedoch nicht allein die Herzfrequenz gemessen und das Herz geröntgt, wir haben ihnen zudem im so eben noch vertretbaren Ausmaße Blut entnommen, um eine Reihe allerneuester chemischer und pharmazeutischer Untersuchungsverfahren anzuwenden. Und ich sage ihnen, lieber Stresemann, es hat sich wahrlich gelohnt! Denn wir haben heraus gefunden, dass ihr Herz zwar mit etwas zaghafter Kraft, dennoch stetig und verlässlich schlägt. Dass gilt trotz einer, sagen wir einmal, Aussackung, die ihre linke vordere Herzkammer vom Infarkt vor zehn Jahren wohl davon getragen hat. Jene Aussackung zeigt uns das Röntgenbild. Die erfreuliche Zusammensetzung des Blutes mit den nötigen Anteilen an Eisen, Magnesium und weiteren Teilchen bestätigen uns die neuen chemischen Verfahren.

Und was diese neuen Verfahren uns vor allem noch zeigen, ist ein neuer medizinischer Blick auf ihre Nieren, verehrter Herr Doktor Stresemann. Dort stelle ich gemeinsam mit den Herren Kollegen Medizinern der Klinik für innere Medizin an unserer Charité folgendes fest: Ihre Nieren leisten leider nicht mehr die volle Reinigungskapazität, die der menschliche Körper benötigt, um sich aller Gifte zu entledigen. Wir sind uns nunmehr auch einig geworden, dass diese - nennen wir es - Nierenunterfunktion selbst wiederum kaum die Primärerkrankung sein dürfte, welche sie schon seit Jahren plagt. Es ist möglich, indes keinesfalls gewiss, dass wir hier auf einen Zusammenhang mit der unzulänglichen Funktion der Schilddrüse treffen. In medizinischen Fachkreisen wird die von uns angenommene Fehlleistung der Schilddrüse als die Basedowsche Erkrankung bezeichnet. Sie dürfen sich unverbrüchlich gewiss sein, dass wir die nun einmal auf das Intensivste aufgenommenen Laboruntersuchungen nicht werden ruhen lassen, bis wir die Krankheit des Herrn Reichsministers einwandfrei diagnostiziert haben."

Der Vortrag des Professors hat mich fasziniert, und ebenso ermüdet. Ich spüre schlagartig, wie schwach mein Körper weiterhin ist, wie leicht ich von einer kurzen geistigen Anstrengung erschöpft werde.

Nun sei es drum, was Friedrich Kraus zu berichten wusste, hört sich in meinen Ohren des vollständigen blutigen medizinischen Laien doch zunächst positiv an: Die Herrschaften Ärzte haben neue Erkenntnisse über meine Krankheit gewonnen. Das wird es ihnen erleichtern, eine Erfolg versprechende Therapie aufzusetzen, wenn es dafür nicht bereits zu spät sein mag. Ach was! Gustav, alter Schwede! Du zählst weiland einmal 51 Jahre. Das ist noch nicht die Zeit, um vor unseren Herrgott zu treten! Aber ich sollte Kraus und seine Bande nicht mit der bisherigen Erklärung so billig davon kommen lassen.

„Mein verehrter Herr Professor Kraus. Das erfreut mich ungemein, welche Fortschritte die moderne deutsche Medizin nicht nur im Allgemeinen, sondern speziell sogar in meinem Fall macht. Nun bin ich wohl ein Optimist in den Dingen des Lebens. Dessen ungeachtet stellt sich mir medizinisch völlig ungebildetem Nationalökonomen die Frage: Reichen die neuen Einsichten ihrer Wissenschaften in mein Krankheitsbilde denn wohl noch hin, um eine Heilung herbeizuführen, bevor mich das Schicksal auf den Heldenfriedhof rufen werde?"

„Nun ja, lieber Herr Doktor Stresemann, sollte es sich bei Ihrem Krankheitsbilde um eine Ausprägung der so genannten Basedowschen Erkrankung handeln, dann können wir Folgendes konstatieren. Seit den Forschungen des Leipziger Mediziners Paul Julius Möbius Ende des 19. Jahrhunderts ist nachgewiesen, dass die Fehlfunktion der Schilddrüse die Ursache für eine sogenannte Autoimmunerkrankung darstellt. Das bedeutet vereinfacht ausgedrückt: Üblicherweise stellt die Schilddrüse Stoffe her, die für die Immunabwehr des Körpers von grundlegender Bedeutung sind. Versagt diese Funktion der Schilddrüse, so sind komplexe Reaktionen des Körpers die Folge. Bis heute vermag die Medizin noch nicht, diese Prozesse allesamt nachzuvollziehen. Und ebenfalls bis heute ist noch keine medikamentöse Therapie entwickelt, die sichere Heilung verspricht. Mit jodiertem Wasser werden regelmäßig gute Erfolge erzielt. Das gilt indes hauptsächlich in solchen Fällen, in denen die Erkrankung erst wenige Monate alt ist und in minder schwerer Form auftritt."

Kraus schweigt für einige Sekunden. Mehrere junge Ärzte seiner Visite blicken ein wenig verschämt zur Seite. Sie wollen mir offenbar nicht direkt in die Augen sehen.

„Und beides können wir in meinem Fall nun nicht konstatieren, nicht wahr Herr Professor?"

„So ist es, mein lieber Stresemann. Es ist sehr erfrischend, dass sie mir mit ihrer raschen Auffassungsgabe selbst das etwas unangenehme Wort förmlich aus dem Munde nehmen."

Kraus lächelt, eher verlegen als überzeugend.

Das bedeutet nun aber keineswegs, dass wir ratlos wären, lieber Stresemann. Halten sie zuerst einmal strenge Bettruhe und schonen sie sich. Das wird dem Herzen schon wieder den nötigen Schwung verleihen! Wer weiß, möge es unser Schöpfer fügen, dass auch die Nieren davon erneut bessere Leistungswerte verzeichnen werden.

Nach nur wenigen weiteren belanglosen Freundlichkeiten hat Professor Kraus mein Krankenzimmer verlassen. Er ließ es sich natürlich nicht nehmen, die Stationsschwester auf das Ernsthafteste zu ermahnen, sie möge mir bitte jeden Wunsch von den Lippen ablesen und sogleich erfüllen. Ich komme mir vor wie ein Sterbender auf Raten und empfinde das Dasein zum ersten Male seit dem Erwachen heute als frustrierend. Mich überkommt eine merkwürdige Leere. Soll es das jetzt bald gewesen sein? Hat der alte Gustav denn schon genug für den Fortschritt in Europa und für das Bündnis der großen drei germanischen Weltmächte Deutschland, England und Amerika getan während seines Erdendaseins?

Im nächsten Augenblicke denke ich an Käte. Sie muss verzweifelt sein seit meiner Einweisung in die Charité vor bald drei Tagen. Ich muss gefasst und hoffnungsfroh auf sie wirken, wenn sie gleich erscheint! Kraus sagte doch eben, die Klinik habe bereits nach ihr geschickt. Und unfassbar müde bin ich. Mit einem nur noch mäßig brummenden Schädel lasse ich mich in das weiche Kopfkissen sinken, verschnaufe und falle in einen Erleichterung verschaffenden Schlaf.

Die Klinke wird vorsichtig, ja sogar sanft heruntergedrückt und die schwere, breite Krankenhaustüre schwingt mit einem leisen Schnappen aus dem Schoss. Davon erwache ich und blicke sofort zum sich öffnenden Türspalt. Käte kommt herein. Sie ist blass, hat Ränder unter den Augen und in den zurückliegenden drei Tagen ganz sicher weder genügend gegessen noch getrunken. Doch sie trägt ihr neues, seidenes Kleid in einem kräftigen Blau, so leuchtend wie der Sommerhimmel über dem Wannsee. Es ist mir immer eine Freude, sie darin zu sehen. Hinter Käte folgen in schlichten, jedoch modernen grauen Anzügen meine beiden Söhne Wolfgang, 25, und Joachim, 21 Jahre alt. Käte lächelt, die Jungens, nein die beiden jungen Männer blicken ernst drein. Käte stürmt auf mich zu, als sie sieht, dass ich erwacht bin, umarmt mich und ruft geradezu aus:

„Schön, Gustav, dass es dir wieder besser geht! Du bist wach und siehst recht gut aus. Vielleicht noch etwas schwach, aber aufgeweckt, wie der alte."

Joachim drückt mir mit seinen beiden Händen feste die Linke.

„Lieber Papa, Deutschland wartet schon wieder auf deine Genesung. Wir hoffen alle, dass du bald wieder zu Kräften kommst. Wir werden vom Ministerium sehr schön von der Presse abgeschirmt. Aber der Kaiser hat am Tage deines Zusammenbruchs bei Mama höchst persönlich angerufen, und heute schon wieder! Seine Majestät ist sehr besorgt und lässt dir seine allerherzlichsten Grüße zur Genesung ausrichten."

Von hinten stellt sich Wolfgang links neben Joachim an das Bett. Er lächelt jetzt, sehr zurückhaltend, wie es so seine Art ist, und dennoch spürbar erleichtert.

„Lieber Gustav, du musst ganz schnell wieder so fit werden, dass Seine Majestät dich in den nächsten Tagen besuchen kann. Der Kaiser besteht darauf, wie er Mama gesagt hat."

Meine Familie! Ich blicke alle drei der Reihe nach in die erschöpften und ein wenig erleichterten Gesichter. Es ist ein großes Glück, so vorbehaltlos gemocht zu werden, so frei von Etikette und Form miteinander umzugehen. Meine geliebte Käte ist die immer warmherzige und besorgte Ehefrau. Joachim ist der impulsivere von beiden Jungs, auch was! Sie sind auf dem besten Wege, Männer zu werden. Wolfgang, der ältere, bleibt dagegen stets der Vernunftmensch, dem Pflichterfüllung als Jurist und preußischer Beamter alles bedeuten, mehr jedenfalls als vordergründig Karriere zu machen dank des klingenden Namens seines Vaters. Wie sträflich habe ich sie alle drei doch in den zurückliegenden zwanzig Jahren vernachlässigt! Und trotzdem sind sie mir so unsagbar nah ans Herz gewachsen. Und trotzdem sind sie mir in den Tiefen ihrer Herzen so innig verbunden geblieben! Es wäre ein Glück, falls es meine Lebensspanne noch hergeben sollte, zum mindesten einen Teil davon wieder gut zu machen, was ich allen Dreien so sehr schuldig geblieben bin: die große Aufmerksamkeit des Gatten und Vaters.

Was wollen sie jetzt von mir? Gesund werden soll ich! Natürlich. Natürlich will ich das auch. Doch ich spüre, dass ich wohl besser genese, wenn mir zum Mindesten für einige Tage die Ruhe der Erholung bleibt, um Kraft zu schöpfen. - Das heißt sicher nicht, dass ich meinem lieben Wilhelm einen Korb geben dürfte oder auch nur wollte. Wenn es ihm ein inneres Bedürfnis ist, so soll er kommen!

„Liebe Käte, lieber Wolfgang, lieber Joachim, wie schön das ist, euch hier bei mir zu sehen. Ich bin zwar entkräftet, aber ich bin klar bei Verstand und fühle mich einigermaßen. Zwar schmerzt die Brust. …"

„Ja das Herz, lieber Gustav. Sei bloß vorsichtig!"

So unterbricht mich meine Käte.

„ … doch die Kopfschmerzen lassen beständig nach. Ich hoffe wohl, dass mir nur ein weiteres Mal ein wenig Ruhe fehlt, damit ich dieses Klinikum hier recht bald wieder verlassen darf."

Es ist nicht ganz redlich, von den neuen Erkenntnissen des Professors Kraus meiner Familie nicht gleich zu berichten. Doch ich zögere, nein, ich bin mir sicher, dass dies jetzt nur neue Sorgenfalten in Kätes Gesichtszüge treiben würde. Das will ich für heute nicht. Und nichts für ungut, bessere Aussichten auf Heilung hätte ich davon auch nicht gerade, wenn meine Familie sich von nun an das Hirn über den Zustand meiner Nieren oder gar meiner Schilddrüse zermartern würde.

Selbstverständlich fragt Wolfgang sogleich nach, ob denn die Ärzte mir nicht schon Näheres hätten über ihre Untersuchungsergebnisse berichten können. Und ebenso besorgt aufmerksam verfolgen Käte und Joachim meine knappe Schilderung über die Visite vom Vormittag. Doch ich rede mich ein wenig damit heraus, dass ich noch sehr müde, wenig erholt und mit nur mäßiger Auffassungsgabe den Ausführungen des Herrn Professors Kraus habe zu folgen vermocht. Wolfgang nickt daraufhin mit sichtlich zusammen gekniffenen Lippen und schlägt vor, dass er sich gleich nach dem Besuch mit der Ärzteschaft konsultieren werde. Ich bin dankbar dafür, kein weiteres Krankenbulletin abgeben zu sollen, und frage so munter wie es mir möglich ist nach dem Alltag, nach Kätes Mutter, nach Joachims Studium in Heidelberg und nach Wolfgangs neuer Tätigkeit als Assessor beim Regierungspräsidenten in Küstrin. Eine schöne Stadt mit der herrlichen Festung, die Friedrich der Große schon unfreiwillig zur vorübergehenden Haft von innen kennen lernen durfte. Meine Familie scheint überrascht über meine Geselligkeit, der selbst die Mattigkeit des Krankenlagers fürs Erste nichts anhaben kann. Doch es mag eine halbe Stunde gewährt haben, da pocht erneut die Schläfe und der Kreislauf sinkt in sich zusammen. Joachim holt die Schwester. Der Stationsarzt misst den Puls und den Blutdruck, dann verordnet er dem Patienten strikte Ruhe. Käte und die Jungen drücken mich zum Abschied. Im Hinausgehen wirft mir Joachim noch aufgeräumt entgegen.

„Bis morgen, Papa. Wieder auf eine halbe Stunde. Aber spare dir die Kraft noch für einen weiteren Besuch auf! Ich sage dir: Seine Majestät wird sich wohl nicht mehr länger abwimmeln lassen."

Mit einem zufriedenen Lächeln um die Lippen und einem laschen Wink der rechten Hand verabschiede ich meine geliebten drei Stresemännchen. Ich entspanne wieder im frisch aufgeschüttelten Bett. Die Schwestern schließen das Fenster und gehen. Es herrscht Ruhe. Ich genieße das. Ich möchte einschlafen. Und doch gelingt es mir nicht. Wilhelm, Seine Majestät der Kaiser, kommt morgen zu mir ins Krankenhaus. Das ist Freundschaft. Die ist gewachsen in nunmehr über zehn Jahren. Meine Erinnerungen werden wach an den großen Krieg, an die wechselvollen Zeiten, bevor uns der Tod Seiner Majestät, Wilhelms II., aus so vielen gewohnten, eingeschlagenen Pfaden riss. Doch bevor es dazu kam, durchlebten wir das große Vorspiel, das unglaubliche Jahr 1917!

21917 - Das große Vorspiel

Lenin reist auf Geheiß der deutschen Reichsregierung nach Sankt Petersburg.

Deutschland eröffnet erneut den uneingeschränkten U-Boot-Krieg gegen Großbritannien.

Deshalb treten die Vereinigten Staaten von Amerika in den Krieg ein.

Der Deutsche Reichstag verabschiedet die Friedensresolution.

Der Kaiser entlässt während der Beratungen Reichskanzler Bethmann-Hollweg.

In Russland bricht nach der Februarrevolution auch noch die Oktoberrevolution aus. Die Bolschewiki scheinen bereit zum Frieden.

All das war das unglaubliche, das wahnsinnige Jahr 1917. So ein Jahr hatte ich noch nie zuvor erlebt. Und ich bin mir recht sicher: die meisten Politiker im Deutschen Reich und in vielen weiteren Teilen Europas auch nicht.

Doch was ist in meinem Gedächtnis eigentlich das Wichtigste an jenem Vorbereitungsjahr für die Entscheidung über den weiteren Gang unseres Jahrhunderts geworden? Es waren für mich persönlich gar nicht all die eben in meine Erinnerung gefluteten großen Ereignisse. Es waren für mich selbst der Beginn meiner Freundschaft mit Walther, mit Walther Rathenau, mit dem ich fortan auf das Engste würde zusammenarbeiten dürfen, zuerst in der Friedensdelegation des Reiches und dann über viele Jahre in der Reichsregierung. Das verbrecherische, zum Glück gescheiterte Attentat auf ihn riss mich dann 1922 aus der trügerischen Illusion, alle bedeutenden Gruppen der deutschen Gesellschaft hätten ihren eigenen Frieden mit der großen Errungenschaft des Weltfriedens von 1919 gemacht. Und doch ist da eine zweite Erinnerung an 1917, denn es war das Jahr der großen Vorbereitung auf eine neue Zeit. In mir begann ein abgründiger Zweifel zu nagen, ob meine bisherigen, unverbrüchlichen politischen Überzeugungen davon, was für das Wohl unseres Vaterlandes nicht nur das Beste, sondern zugleich das allein Richtige sei, noch in Gänze Bestand hätten. Durch all die besagten großen Ereignisse der Geschichte im Inneren wie in der Weltpolitik wurde mir, Gustav Stresemann, damals 1917 noch stellvertretender Vorsitzender der Reichstagsfraktion der Nationalliberalen Partei, jedoch wegen der fortschreitenden Erkrankung des armen Bassermann schon ihr meistbeachteter Redner, plötzlich bewusst, wie weit meine eigenen, sehr persönlichen politischen Anschauungen im Sinne althergebrachter Vorstellungen von links und rechts, liberal und konservativ doch auseinander lagen. Im Äußeren passte zwischen die westdeutsche Schwerindustrie und mich kein Blatt, denn ich trat für Annexionen im Westen, für den U-Boot-Krieg als tödliche Waffen gegen England, somit gegen jedes Ansinnen nach einem Verständigungsfrieden ein. Im Inneren erkannte ich im Sommer 1917 dagegen, wie brüchig die Herrschaft der Monarchie zu werden drohte, falls es uns, Adel und Bürgertum, nicht gelänge, die einzigen beiden großen Volksparteien des Reiches, nämlich das katholische Zentrum und die Sozialdemokratie, in Gesellschaft und Staat zu integrieren und damit alle Gruppen unseres Landes mit dem Ziel großer gemeinsamer Überzeugungen zu versöhnen. Ich erinnere mich plötzlich wieder an so wichtige Gespräche, die sich in den Logen des Reichstages mit den Großen der sich am Horizont der Zukunft abzeichnenden Parlamentsmehrheit abspielten: Erzberger vom Zentrum, Ebert und Scheidemann von der Sozialdemokratie. Und außerhalb des Hohen Hauses traf ich schon seit dem Herbst 1916 immer wieder die Wirtschaftsmagnaten Albert Ballin von Deutschlands größter Schifffahrtsgesellschaft, der HAPAG, und natürlich Walther Rathenau von der AEG. Diese Begegnungen begannen mein Weltbild zu formen, und darüber veränderten sie mein politisches Denken, Fühlen und Handeln. Ohne diese tiefe Veränderung, die in mir selbst sich vollzog, wäre mein tatkräftiges Mitwirken an den bahnbrechenden Ereignissen hin zum Friedensschluss 1918 gar nicht vorstellbar geworden.

Was war es denn noch einmal, das meine Sicht auf die deutsche Innenpolitik so deutlich verschob? Es war nicht, wie für die meisten Sozialdemokraten, der tiefe Eindruck, den die Februarrevolution im Russischen Reiche bei der öffentlichen Meinung in Deutschland hinterließ. Durchaus subtiler nahm ich bereits im Frühjahr - so ab März 1917 - wahr, wie sich der Umgang der führenden Leute des Zentrums und der SPD miteinander wandelte. Und auch nicht wenige Liberale suchten merklich den Kontakt, das Gespräch mit jenen Herrschaften. Noch 1916 waren mir selbst die Herren Erzberger und Scheidemann ziemlich, nein ich muss sagen eher vollkommen zuwider. Da gibt es nichts zu beschönigen. Beide traten als Wortführer ihrer Parteien im Reichstage offen für einen Verhandlungsfrieden und gegen die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges gegen England ein. Für mich bedeutete dies damals noch Verrat an unserem Vaterland, an seinen lebensnotwendigen wirtschaftlichen Interessen. Dennoch vermochte ich zu jener Zeit meine persönlichen Meinungen und Antipathien sehr wohl von den Geboten der politischen Klugheit zu unterscheiden. Wie mancher Liberaler in der Fortschrittspartei rechnete ich mir aus, dass SPD und Zentrum bei den ersten Wahlen zum Reichstag nach dem Kriege zusammen vielleicht die absolute Mehrheit erringen würden. Dann rückten sie in eine unsägliche strategische Vetoposition: Kein Haushalt mehr, kein Flottengesetz und keine Heeresvorlage, ja nicht einmal mehr ein Steuergesetz würden zukünftig noch ohne die Massenparteien zu beschließen sein. Man bedenke, es handelte sich um jene zwei Parteien, welche der ehrwürdige Fürst Bismarck noch als die Feinde des Reiches öffentlich verurteilte und auszugrenzen trachtete. - Spätestens im März/April 1917 wusste ich unwiderruflich: Die Ausgrenzung der Katholiken im Westen sowie der sozialistischen Arbeiter überall im Reich war endgültig gescheitert! Wollte die Monarchie selbst nicht am Ende dieses wahrlich großen Volkskrieges scheitern, musste sie sich bewegen: Preußen und das Reich, Adel, Industrielle und der Kaiser selbst würden entweder die deutsche Gesellschaft weit öffnen, oder aber sie liefen hohe Gefahr, in einem zukünftigen, vielleicht gar nicht all so fernen Bürgerkriege selbst von Grund auf überrollt, von der Geschichte hinweggefegt zu werden, zu großen Teilen gegen ihren Willen versteht sich.

So wurde ich im Frühjahr 1917 vom Wolf des Annexionismus insgeheim zum Brückenbauer einer parlamentarischen Volksgemeinschaft ganz anderer Art, als die etablierten Eliten im Reich sich das damals noch vorzustellen vermochten. Das besagte indes keineswegs, dass ich zu jener denkwürdigen Zeit bereits meine Vorstellungen von den Kriegszielen des Reiches nennenswert zu ändern begonnen hätte. Nein, Nein! Davon war ich noch ein gehöriges Stück entfernt. - Doch halt! Meine Gedanken werden unsystematisch, kreisen mehr um mich selbst denn um die großen Linien unserer nationalen Geschichte am Ende des Weltkrieges. Dem will ich Einhalt gebieten! Das Einzige, und das ist freilich gar nicht wenig, was wirklich von nationaler Bedeutung war am Wirken des Gustav Stresemann im Jahre 1917, war seine Verwobenheit in die Netzwerke gewichtiger Teile der Entscheidungsträger auf recht verschiedenen Ebenen unseres deutschen Volkskörpers. Es waren tatsächlich drei kleine Gruppen, Zirkel gar von konspirativer Kraft, in denen mir vergönnt war mitzuwirken. Und ich selbst war wohl der Einzige, der in allen drei Kreisen zugleich tätig wurde. Das mutete mir schon damals einzigartig an und ich beschloss im Frühling und im Frühsommer 1917, daraus das Beste zum Wohle unseres Vaterlandes zu machen. Nun, um welche Kreise handelte es sich denn?

Zum ersten, da mir persönlich so sehr vertraut und nahe stehend, gab es ein Grüpplein von Wirtschaftsführern, Vertretern der modernen, auf den Export gerichteten Industrien und von Dienstleistungen mit ähnlichen Interessen. Die unangefochtene Autorität hatte der ehrwürdige Albert Ballin, Generaldirektor der HAPAG-Schifffahrtslinie, inne. Ich lernte ihn 1913 kennen, als wir beide eine Reise in die USA und nach Kanada unternahmen. Damals übte ich das Amt eines Syndikus der sächsischen Industrievereinigung aus. Dieses Erlebnis festigte in uns beiden die Überzeugung, dass der freie Welthandel und die Kooperation des Reiches mit den Vereinigten Staaten als der größten Wirtschaftsnation der Erde zentrale Weichenstellungen für eine gute Zukunft sein sollten. Ebenso wichtig wie Albert war mein inniger Freund Walther Rathenau, Präsident der AEG und anerkannter Experte auf dem Gebiete der Kriegswirtschaft seit seinen Tagen als Leiter des Kriegsrohstoffamtes 1914 und 1915. Aus jenen ersten Monaten nach Kriegsbeginn einte Walther und mich die Überzeugung davon, dass der freie Markt unter so besonderen Umständen wie im Krieg der Lenkung durch etwas noch Größeres, nämlich unseren deutschen Staate bedürfe. Uns verbanden zudem nicht mehr zu zählende subtile Erlebnisse vom alltäglichen, unterschwelligen Antisemitismus in Deutschland. Während Walther Rathenau selbst prominente Zielscheibe war, musste ich für meine liebe Frau Käte erfahren, was es bedeutete, aus der ja schließlich zum Protestantismus konvertierten jüdischen Industriellenfamilie Kleefeld zu stammen. Nie werde ich Walthers unglaublich scharfes und zugleich so bitter wahres Zitat zum Judenhass vergessen: „Der Antisemitismus ist die vertikale Invasion der Gesellschaft durch die Barbaren." Wie sehr sollte der Anschlag auf sein Leben von der Hand radikaler, verblendeter Mörder ihm Recht geben!

Wir drei, Albert, Walther und ich, trafen uns seit 1916 regelmäßig, mindestens einmal monatlich, um über den Krieg, die Lage in Deutschland, das Notwendige in der Politik zu beratschlagen. Selten kamen weitere führende Repräsentanten der Wirtschaft hinzu. Doch Wert legten wir sehr wohl auf die Meinung der IG-Farben-Direktoren Carl Duisberg und Carl Bosch, die vereinzelt unsere Treffen in Berlin bereicherten. Ich selbst sprach ferner noch häufig mit Karl Helfferich, einer wahrlich schillernden Persönlichkeit. Er vereinigte den Vorstand der Deutschen Bank, den Staatssekretär des Inneren vor Kriegsausbruch und den konservativen Politiker in sich. Es versteht sich von selbst, dass wir unsere Treffen möglichst geheim hielten, schließlich hätte dies meinen „Parteifreunden bei den Nationalliberalen aus den Kreisen der Kohle, der Eisen- und Stahlerzeugung gar nicht gefallen. Forderten jene vehement die Eingliederung der französischen Erze in Lothringen in das Reich, stand bei uns eine kontinentaleuropäische Zoll- und Wirtschaftsunion unter deutscher Lenkung im Vordergrund der Kriegsziele. Beharrten jene mit dem „Herr-im-Hause-Standpunkt in den Betrieben auf dem Dreiklassen-Wahlrecht in Preußen, konnten wir uns auch andere Lösungen vorstellen. - Doch jetzt schweife ich erneut ab von den persönlichen Netzwerken hin zu den politischen Streitfragen von 1917. Zuvor will ich mich erinnern, welche weiteren Zirkel mein Denken und Handeln bestimmten, als im Februar die Revolution in Russland begann und damit eine Kette unabsehbarer Ereignisse auslöste.

Die Spitze von Staat und Armee, Reichsregierung und Oberster Heeresleitung, war 1917 selbstverständlich das starke Machtzentrum unseres Reiches. Mir als designiertem Vorsitzenden der Nationalliberalen Reichstagsfraktion, also einer ohne jeden Zweifel wichtigen staatstragenden Kraft, der Repräsentanz des Industriebürgertums aller Schattierungen, standen so manche Türen und Ohren offen, wie das sich die Vertreter der nur ein wenig weiter links im Parteienspektrum verorteten Fraktionen oftmals sehr gewünscht hätten. Deshalb wurde ich ja zu genau jener Zeit im März 1917 deren privilegierter Gesprächspartner über die Reform der Reichsinstitutionen selbst, obgleich nicht jeder von ihnen auf meine absolute Loyalität gewettet hätte. - Aber zurück zur Reichsleitung: Im Mittelpunkt meiner informellen Gespräche schon 1916 standen zwei herausragende Persönlichkeiten unseres Landes, nämlich seine königliche Hoheit, Kronprinz Wilhelm höchst persönlich, und weiter der Generalquartiermeister der Obersten Heeresleitung, Generalleutnant Erich Ludendorff, der starke Mann hinter dem geistig weit weniger wendigen Oberbefehlshaber Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Mittelsmann zu Ludendorff war der damals legendäre Oberst Max Bauer, der Vertraute Ludendorffs schlechthin und sein Mann für zuweilen delikate politische Kontakte, ob nun in den Reichstag hinein oder zu solchen Vereinigungen wie dem säbelrasselnden Alldeutschen Verband mit seinen maximalistischen Kriegszielen. Der Kronprinz und Ludendorff betrachteten mich als den zukünftigen starken Mann der Nationalliberalen, meine Partei wiederum als den Dreh- und Angelpunkt des politischen Systems in unserem Lande. Die Konservativen als Partei des Adels und der Bauern standen bei aller Staatsräson zu weit rechts, um mit den beiden größten Fraktionen, dem Zentrum und der Sozialdemokratie überhaupt nur sprechen zu können. Folglich fiel mir in den Augen der alten ostelbischen Elite wie selbstverständlich die Rolle zu, für die Politik der Regierung zu werben, gleichzeitig auszuloten, welche Kompromisse möglich waren, aber ebenso, welche Zugeständnisse das alte Reich wohl würde machen müssen, um die eigene Macht im Lande nicht zu schwächen oder gar zu gefährden.

Ich denke wohl, den Herren Hohenzollern, Ludendorff und Bauer nicht ganz geheuer gewesen zu sein. Dafür sprach allein schon mein fortwährendes Werben für einen Ausbau der sozialen Systeme aus der Vorkriegszeit. Zu wichtig war mir nämlich, die wachsenden Schichten der Angestellten mit der preußisch-deutschen Monarchie zu versöhnen und darüber in der Zukunft liberale Wähler zu gewinnen. Letzten Endes doch verlässlich erschien ich den kaiserlich-militärischen Herren indes wohl deshalb, weil ich 1916 und auch sehr wohl 1917 aus vollster Überzeugung und ohne Unterlass für die Kriegsziele des Reiches in aller Öffentlichkeit, im Reichstag und in allen Blättern eintrat. Sicher trauten wir uns nicht restlos, aber jeder von uns Dreien gab etwas auf das Wort, die Meinung des anderen und dachte gehörig darüber nach, ob nicht das wohl unseres Landes danach verlangte, ein inniges Bündnis aus Reichsleitung und Nationalliberaler Reichstagsfraktion zu schmieden und zu wahren.

Wie sehr ein Bündnis ganz anderer Art zum Wohle unseres Vaterlandes würde gedeihen mögen, darüber spekulierte ich mit völlig anderen Herren: Wieder war es ein vertrauter Dreier-, dann Viererkreis, in dem sehr geheime Gespräche über die Zukunft der politischen Ordnung unseres Landes geführt wurden. Matthias Erzberger vom Zentrum, Conrad Haußmann von der Fortschrittlichen Volkspartei, also den Liberalen links von uns Nationalliberalen, und Philipp Scheidemann von der Sozialdemokratie trafen sich im März 1917. Als ich davon erfuhr, beantragte ausgerechnet ich, der Nationalliberale, im Reichstag hoch offiziell die Einrichtung des Verfassungsausschusses. Ich war mir sicher, dass eine tragfähige Übereinkunft der demokratischen Mehrheit im Parlament mit uns Nationalliberalen eben nur über die behutsame Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechtes zu erzielen war. In jenem März 1917 zogen mich die drei Fraktionsführer zu ihren Gesprächen hinzu, weil sie für ihr Vorhaben der Unterstützung meiner Fraktion dringend bedurften. Die drei Kollegen Reichstagsabgeordnete und Fraktionsvorsitzende einte die Erwartung, dass die soeben begonnene Revolution in Russland nicht ohne Folgen für die beiden Kaiserreiche der Mittelmächte bleiben würde. Wir vier dachten ähnlich. Wir befürchteten ein Erlahmen der Kriegsunterstützung bei den Massen an der Heimatfront. Und sehr bald bestätigten sich unsere Erwartung. Vom 6. Bis zum 8. April fand der Gründungskongress der so genannten „Unabhängigen" SPD statt, getragen von 20 Abweichlern aus der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion samt ihres Anhangs.

Wenn nun aber die Männer und Frauen in den Fabriken nicht mehr ihr Bestes gaben, um zehn Stunden am Tag Munition und Waffen, Uniformen und alles Weitere herzustellen, ja wie sollten wir dann diesen brutalen Material- und Abnutzungskrieg gegen einen materiell und zahlenmäßig überlegenen Gegner gewinnen? Unsere Gespräche kreisten um zwei Themen, das Wahlrecht in Preußen und eine denkbare Friedensinitiative des Reichstages. Jeder von uns hatte wiederum in seinen Reihen wichtige Gesprächspartner, die uns stets das Gefühl vermittelten, in unseren Parteien jeweils nicht alleine da zu stehen. Für Scheidemann war sein Parteivorsitzender Friedrich Ebert wohl ein genau so bedeutender Rückhalt wie mein noch Parteivorsitzender Ernst Bassermann für mich. Dieser gute alte Freund, so gebrechlich er in seinen letzten Lebensmonaten bis zum Juli 1917 auch wurde, so uneingeschränkt hat er mir Mut zugesprochen, zum Wohle des Reiches eine große Koalition aus linken wie rechten Liberalen, Zentrum und eben auch SPD zu erreichen.

Doch erneut springe ich von den inneren Kreisen der Macht zu den Inhalten der Politik in jenem Schicksalsjahr 1917. Also will ich nur die wichtigsten Ereignisse einmal der Reihe nach zusammen bringen.

Februar 1917, der Beginn des uneingeschränkten U-Boot-Krieges des Deutschen Reiches gegen Großbritannien, anschließend werden die diplomatischen Beziehungen durch die USA gegenüber dem Reich abgebrochen.

März 1917, Sankt Petersburg, in der Hauptstadt des Russischen Reiches bricht die Revolution aus. Die Liberalen, die Demokraten und die Menschewikí als die gemäßigten Sozialdemokraten bilden in der Folge eine Regierung. Russland bleibt zwar an der Seite der Entente, doch seine Kampfkraft sinkt rapide, nicht zuletzt durch Massendesertationen der einfachen Soldaten, die endlich wieder nach Hause, auch die Ernte einfahren wollen.

März 1917, die Sozialdemokraten im Deutschen Reichstag fordern unter dem Eindruck der revolutionären Ereignisse in Russland so vehement wie niemals zuvor die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes in Preußen. Wer millionenfach für sein Vaterland als Soldat sein Leben riskiere oder diszipliniert bis zur Erschöpfung in den Fabriken arbeite, so die Argumentation, habe das uneingeschränkte Wahlrecht verdient - ein Wahlrecht, das übrigens ja seit 1871 für die Wahlen zum Deutschen Reichstag bereits Gültigkeit besitze.

7. April 1917. Kaiser Wilhelm II. kündigt auf erheblichen Druck Bethmann-Hollwegs hinter den Kulissen der Reichshauptstadt in seiner Osterbotschaft die Aufhebung des Preußischen Drei-Klassen-Wahlrechtes für die Zeit nach dem Kriege an.

April 1917, 20 Abgeordnete der SPD im Reichstag gründen die USPD. Der Parteiführer der radikalen russischen Sozialdemokraten, der Bolschewiki, Lenin, durchquert im berühmt gewordenen blombierten Eisenbahnwaggon - Ausdruck der Exterritorialität seines Verkehrsmittels - aus dem Schweizer Exil kommend Deutschland bis zur Ostseeküste, um dann über Schweden und Finnland ankommend ab Ostern in die Russische Innenpolitik einzugreifen.

Ebenfalls April 1917, die Vereinigten Staaten von Amerika erklären dem Deutschen Reich den Krieg. Im Juni beginnt die Mobilmachung von Truppen, deren erste Verbände im Juli in Frankreich eintreffen.

Juli 1917, am 2. des Monats weicht der Reichskanzler uns vier Fraktionsführern gegenüber in der Frage der Wahlrechtsreform und des Friedens auf unerträgliche Art und Weise aus. Mit der Friedensresolution des Deutschen Reichstags vom 16. Juli befürwortet die Parlamentsmehrheit aus Zentrum, Sozialdemokraten, Fortschrittlichen und einem Teil der Nationalliberalen die Aufnahme von Friedensverhandlungen, im Grundsatz auf der Grundlage des Status quo ante Bellum.

Zeitgleich im Juli 1917, nach acht Jahren Kanzlerschaft wird Theobald von Bethmann-Hollweg als Kanzler des Deutschen Reiches entlassen. Wegen seiner Sympathien für eine Wahlrechtsreform und seiner - angesichts der Debatten um die Friedensresolution sichtbar werdenden - Distanz zu Kriegszielen, die mit der Entente wegen ihrer Maßlosigkeit schlicht nicht verhandelbar sind, betreiben Konservative und Schwerindustrie, Oberste Heeresleitung und der Kronprinz den Vertrauensentzug durch den Kaiser. Aber auch wir von der Reichstagsmehrheit stehen nicht mehr hinter ihm, nachdem er uns noch im Gespräch am 2. Juli jede Unterstützung versagt hatte. Gewonnen hatten wir dadurch leider nichts, denn die OHL alleine bestimmte mit Michaelis den neuen Kanzler. Auch ich war noch nicht reif, oder besser gesagt abgebrüht genug, um schon damals klug modellierte, selbst für Kaiser und OHL unabweisbare Forderungen nach einer Regierungsbeteiligung meiner Partei und der drei demokratischen Fraktionen zu erheben.

September 1917, Gründung der Deutschen Vaterlandspartei unter dem Vorsitz von Admiral Alfred von Tirpitz. Mit der Parteigründung verfügen die Alldeutschen erstmals über eine parteipolitische Organisation zur Verfolgung ihrer maximalen Kriegsziele zur Annexion großer Gebiete in West- und Osteuropa.

November 1917, Wilhelm II. ernennt den bayerischen Zentrumspolitiker Georg Graf von Hertling als Nachfolger von Georg Michaelis zum Reichskanzler. Oktober - Revolution in Russland, die Bolschewiki an der Macht.

Dezember 1917, Beginn von Friedensverhandlungen zwischen Russland, dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn in Brest-Litowsk.

Denke ich an jene rasante Abfolge zukunftsträchtiger Entwicklungen aus dem Jahre 1917 zurück, so scheint eine gewisse Zwangsläufigkeit vorgeherrscht zu haben und alles auf den Zeitpunkt der großen Entscheidung über Krieg und Frieden, Sieg oder Niederlage im Folgejahr 1918 zugesteuert zu sein. Aber das stimmt so selbstverständlich nicht! Aus der Warte eines der Beteiligten fehlte dem Jahre 1917 über lange Zeit die klare Richtung, die Tendenz, wohin uns der Weg tragen werde. Umschwünge, Rückschläge, Ratlosigkeiten herrschten immer wieder vor. Genau so lösten Hochgefühle Tage oder Wochen von überwiegender Niedergeschlagenheit ab. An alles erinnere ich mich auch tatsächlich nicht mehr. Doch es bleiben mir Szenen von erheblicher Bedeutung als Schlüsselereignisse in meinem Leben und im Leben meiner Nation tief ins Gedächtnis eingebrannt. An sie werde ich immer aufs Neue denken, solange unser Herrgott mir vergönnt, jeden Morgen wieder die Sonne am Himmel über Berlin aufsteigen zu sehen.

18. März 1917. Vor zwei Tagen hatte Zar Nikolaus II. in Petrograd abgedankt. Als mich die Nachricht am frühen Abend erreichte, griff ich sofort zum Telefonhörer und rief meinen Freund Albert Ballin in Hamburg an. Albert wirkte auf mich verstört, sogar verwirrt. Dann gab er unumwunden zu, sich noch keinen rechten Reim auf die neue Lage machen zu können. Er würde dennoch oder gerade deshalb gerne mit mir sprechen. Ich lud ihn spontan nach Berlin ein, da ich hier derzeit nicht abreisen könne. Albert nahm sogleich an und wünschte unser Treffen um Walther Rathenau zu erweitern. Selbstverständlich war ich einverstanden. So kam es, dass wir drei am frühen Nachmittag des 18. März zusammenkamen.

Und plötzlich werden aus Gedanken Bilder. Jetzt habe ich die Erinnerung wie im Film vor mir: Als ich in Walthers Villa in der Koenigsallee 65 in Grunewald eintreffe, zündet sich Albert Ballin im Wintergarten erst einmal eine Zigarre an. Bei Kaffee und Kuchen sitzen wir etwas wortkarg beisammen - und benötigen erst einmal ein wenig Zeit, um ins Gespräch zu kommen. Nach ein paar belanglosen Sätzen über das Wetter, die Reichsbahn und den Sport kommt Albert dann zur Sache.

„Vielleicht hast du, lieber Gustav, es bemerkt, als wir miteinander telefonierten: Ich war vollkommen perplex. Die Nachricht von der Revolution in Petersburg nahm ich am 14. März recht euphorisch auf, weil ich mir davon zuallererst eine größere Aussicht auf Frieden versprach. Als dann aber der Zar abdankte und sein Bruder gleich mit auf den Thron verzichtete, da war ich erschüttert. Ich empfand das so, als bräche eine Welt, unsere moderne Welt, gepaart mit ihren zugleich alten, ehrwürdigen Dynastien plötzlich auseinander."

„Was hast du denn geglaubt? Bist du so erschreckt, Albert, weil du dich fragen musstest, ob unser Kaiser denn überhaupt noch fest im Sattel sitze?"

Walther Rathenau trägt seine Bemerkung mit einem verschmitzten Lächeln und einem süffisant-oppositionellen Tonfall vor. Albert Ballin blickt ihn unvermittelt betroffen und niedergeschlagen an.

„Ja genau. Unter uns dreien darf ich das ja wohl sagen, was ich in Gesellschaft niemals so zugeben würde. Alles, woran ich glaube, die große preußische Monarchie, unser Staat, der getreu dem Geiste Hegels als fairer Sachwalter über den niederen Interessen gesellschaftlicher Gruppen steht, ja dieses Königtum und unser Reich spürte ich Wanken, und den Boden unter meinen Füßen gleich mit. Ich dachte mir, das überlebst du nicht, falls auch bei uns in Deutschland die Revolution und das Chaos ausbrechen sollten. Für solche Fälle hast du in deiner Schreibtischschublade zu Hause in Hamburg, im Arbeitszimmer im ersten Stock deines Hauses an der Elbe, deinen kleinen, handlichen Damenrevolver liegen. Ich meine, falls ich einmal nicht mehr ertragen möchte, was aus unserer Welt zu werden droht."

„Na, na, lieber Albert. Werde doch nicht zum Defätisten! Das passt doch ganz und gar nicht zu dir. Ich bin ja nun auch zwanzig Jahre jünger als du. Aber bei aller vaterländischen Liebe zum Hause Hohenzollern denke ich immer nur an die Zukunft und wie ich zu ihr beitragen kann. Ich denke indes niemals an mein Ende."

„Jawohl, mein lieber Gustav. Das macht nun einmal den guten Politiker aus, dass du immer nur an deine Möglichkeiten zur politischen Einflussnahme denkst. Albert und ich sind da wohl doch noch etwas mehr Männer der Wirtschaft, um zuvörderst die Folgen für die Welt der Arbeit zu erblicken, falls es zur Revolution in Deutschland kommen sollte. Aber ich gebe euch unter den aktuellen Umständen unumwunden Recht: Die Verhältnisse sind ganz besondere. Und weil das so ist, erfordern sie ebenfalls sehr besondere Handlungen. Ich habe deshalb auch etwas unternommen, dass ich mir nur eine Woche zuvor wohl kaum zugetraut hätte."

Walther Rathenau lehnt sich in dem bequemen, dick gepolsterten Strohsessel zurück und lächelt uns ein wenig herausfordernd an.

„Ihr kommt einfach nicht darauf, wen ich gestern Mittag angerufen habe."

Walther lässt die Stille einige Sekunden im Raum stehen, und uns regelrecht vor Spannung schmoren. Doch ich bleibe ganz ruhig, und still. Auch Albert strahlt völlige Ruhe aus, obgleich das Leuchten in seinen Augen mir die Spannung verrät, unter der er steht.

„Na schön, meine Freunde. Ihr seid richtige Spielverderber, dass ich euch so wenig aus der Reserve zu locken vermag. Ich habe bei einem prominenten Mitglied der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion angerufen."

„Nein! Das kann doch nicht wahr sein." So entfährt es mir vor Überraschung.

„Wer war es denn und was wolltest du von ihm?"

„Na, jetzt habe ich euch aber doch neugierig gemacht, nicht wahr? Selbst der stets sehr beherrschte Albert kann seine Neugierde kaum verbergen. Tja, ich habe mit Scheidemann gesprochen."

„Ausgerechnet der, der unseren Kaiser vor dem Krieg gleich mehrmals im Reichstag auf derart unverschämte Weise beleidigt hat!"

Albert Ballin vermag aus seiner Geringschätzung der Person Philipp Scheidemanns, des Vorsitzenden der SPD-Reichstagsfraktion, keinen Hehl zu machen. Doch das ruft nur erneut Walther auf den Plan.

„Das habe ich mir schon gedacht, lieber Albert, dass du von Scheidemann nichts wissen willst. Aber ich habe mal gedacht wie ein Politiker, und ich glaube, unser Freund Gustav wird mir gleich recht geben müssen:

Philipp Scheidemann ist neben dem Parteivorsitzenden Ebert allen verbalen Attaken der Vergangenheit zum Trotz der Mann der Zukunft innerhalb der deutschen Sozialdemokratie. Er kann nicht nur reden, er hat das nötige pragmatische Gespür für die Notwendigkeiten der Situation. Er hat ferner den nötigen Ernst, um die durchaus prekäre Lage zu erkennen, in welcher Reich und Monarchie sich befinden. - Und ich habe ihn angerufen, weil ich darauf vertraue, dass Scheidemann allen Vorwürfen vom vaterlandslosen Gesellen zum Trotz doch der Mann ist, der als deutscher Patriot in der Stunde der Not zum Reich steht und bereit ist, die von ihm geführte Arbeiterschaft in der nun beginnenden Entscheidungsphase des Krieges vollends in den Dienst der Nation zu stellen. - Aber das gilt sehr wohl nur dann, wenn hier ein Handel auf Gegenseitigkeit gelingt. Kannst du dir vorstellen, was Scheidemann verlangt, lieber Gustav?"

Ich bin tief in die Polster meines Sessels gesunken und starre Walther mit offenkundigem Erstaunen im Gesicht an. Das hindert mich allerdings nicht daran, den Ausführungen Rathenaus zu folgen und insgeheim blitzschnelle Auswertungen vorzunehmen.

„Scheidemann hat sich im Jahr 14 für die Bewilligung der Kriegskredite eingesetzt. Ich kann mir vorstellen, dass er seinen Beitrag dazu leisten würde, den Krieg von nun an für das Reich zu gewinnen. Ich habe auch eine persönliche Vermutung, dass es ihm neben der höchst bescheidenen Lebensmittelversorgung um etwas anderes, größeres für die Gestaltung der Nachkriegszeit geht. Machtvolle Entscheidungen, zum Beispiel über die öffentlichen Finanzen, fallen gar nicht im Reichstag, sondern im Preußischen Abgeordnetenhaus. Ein Staat, der zwei Drittel aller Bürger, der Wirtschaftskraft und aller Steuern des Reiches stellt, wird auch in Zukunft so mächtig sein, dass die Sozialdemokratie auf respektablen Einfluss dort drängen muss. Und was finden wir dann vor? Das preußische Dreiklassenwahlrecht. Selbst wenn alle Arbeiter die SPD wählten, käme die Partei realistisch betrachtet auf weniger als 30 Prozent der Mandate im Abgeordnetenhaus. Denn ein Arbeiterlohn reicht einfach nicht aus, um in der zweiten Steuerklasse wählen zu dürfen. Das ist für Ebert und Scheidemann unter keinen Umständen akzeptabel."

„So ist es, Gustav. Ich habe Scheidemann gerade heraus gefragt: Was verlangen sie von Adel und Bürgertum, von den herrschenden Eliten in Deutschland, damit der deutsche Arbeiter weiter kämpft und arbeitet, damit unser Reich den Krieg zumindest im Osten gewinnt und einen ehrenvollen Frieden erlangt? Seine Antwort folgte wie aus der Pistole geschossen: Das allgemeine und gleiche Wahlrecht in Preußen natürlich."

Nachdenklich sitzt Albert Ballin in seinem Sessel.

„Wäre das wohl das Ende der Hohenzollern-Monarchie? Oder aber wäre es ganz im Gegenteil die Grundlage dafür, die Russen zum Frieden zu zwingen und die Westmächte daraufhin zu überzeugen, dass sie gegen uns nicht mehr zu gewinnen vermögen? Ich weiß es nicht! Aber ich gebe euch natürlich recht, dass wir uns diese Frage schonungslos stellen müssen. Und Walther hat deshalb sicher auch recht, wenn er auf die Sozialdemokraten zugeht und sie einfach mal fragt: Wie geht es denn jetzt weiter?"

„Da sind wir am springenden Punkt angelangt, lieber Albert. Dürfte ich darauf vertrauen, dass Gustav oder sein Parteifreund Bassermann für die Nationalliberalen und dann am besten auch ebenso das Zentrum auf die SPD zugingen und dort meine Frage anbrächten, ja dann hätte ich nicht gefragt. Dass der Reichskanzler selbstverständlich eine solche Sondierung nicht durchführen darf, ohne sein Amt zu verspielen, versteht sich von selbst. Habe ich nicht recht, Gustav?"

Ich fühle mich von Walther Rathenaus Erwartung, dass auch ich auf die SPD zugehen müsse, einigermaßen überrollt. Ich brauche einige Sekunden, um mich zu fassen. Das gelingt am besten mit einem genüsslichen Schluck Bohnenkaffee, der mir eine kleine Verschnaufpause verschafft.

„Die Ereignisse in Petersburg sind auch für mich noch all zu frisch, um schon heute mittels spontaner, vielleicht nicht ganz zu Ende gedachter politischer Aktionen tätig zu werden. Ich bin sicher, dass unser Freund Walther zunächst einmal der Schnellste war, im Denken wie im Entschluss zum Handeln. Halt ein wahrer Mensch der Tat! Es könnte sich tatsächlich als richtig erweisen, dass wir neue Wege beschreiten müssen, um die Stabilität des Reiches im Inneren durch ganz neuartige Maßnahmen zu bewahren. Wenn die russischen Arbeiter den Zaren davonjagen und nach Frieden verlangen, dann dürften nicht wenige deutsche Arbeiter rufen: Tun wir es ihnen gleich! Das ist internationale Solidarität der Arbeiterklasse und zugleich wird dann an einer unserer Fronten schon nicht mehr gekämpft und gestorben. Das müssen wir natürlich verhindern! In einem solchen Fall wären nicht allein all unsere großen Kriegsziele im Osten verloren. Ebenfalls stünden wir dem Westen gegenüber einigermaßen hilf- und machtlos dar, sobald auch nur die Möglichkeit bestünde, dass die ruhmreiche preußische Armee nicht mehr ohne Zweifel hinter Seiner Majestät, dem Kaiser, stehe."

„Wenn die von Walther soeben herauf beschworene Gefahr jedoch einen wahren Gehalt hat, lieber junger Freund Gustav, dann hätte Walther selbstverständlich auch mit seiner Schlussfolgerung vollständig Recht: Dann müssten wir Arbeitgeber und mit uns die Regierung den Sozialdemokraten und ihren Gewerkschaften erklären: Wir stellen die deutsche Gesellschaft zukünftig auf eine neue Grundlage. Adel, Bürger und Arbeiter sind gleicher maßen die Stützen. Adel, Bürger und Arbeiter dürfen daher in Zukunft auch als gleichberechtigte Staatsbürger wählen und Gerechtigkeit erwarten. Trotz aller messerscharfen Nüchternheit und Konsequenz seiner Worte blickt Albert Ballin dabei ungläubig drein. Zu unfassbar erscheint ihm wohl weiterhin die Vorstellung, aus den „Staatsfeinden der Sozialdemokratie zukünftig ehrbare Partner und Verbündete der etablierten politischen, militärischen und wirtschaftlichen Eliten des Deutschen Reiches zu machen. Ich spüre die Spannung, die im Raum liegt, eine Spannung, die aus der ungeheuerlichen Tragweite der eben gesprochenen Worte entspringt. Ich möchte diese Betroffenheit bei Albert überwinden und weiß, dass dies nur gelingen kann mit Walthers Hilfe, der die Lage weniger emotional betrachtet. An Nüchternheit indes scheint es meinen beiden Gesprächspartnern und Freunden nicht zu mangeln.

„Na, was hat der tolle Reichstagsabgeordneter Philipp Scheidemann denn nun genau gesagt, als du mit ihm gestern telefoniert hast, Walther?"

Meine Frage reißt Albert aus der Melancholie und Walther aus einem kurzen Tagtraum, denn er schüttelt leicht sein Haupt und entgegnet:

„Entschuldige Gustav. Ich war mit meinen Gedanken gerade ganz woanders. Natürlich, ihr wollt erst einmal wissen, wie die sozialdemokratische Reichstagsfraktion denn nun Position einnimmt. Scheidemann hat eigentlich gar nicht viel gesagt: Der deutsche Arbeiter, der preußische Arbeiter dürfe nicht mehr länger abgespeist werden. Er dürfe nicht mehr länger in dem Bewusstsein kämpfen, dass der Wert seines Lebens für den Staat abhängig sei von seiner Lohntüte, statt von seinem Mut und seiner Pflichterfüllung im Felde. Und dann sagte er etwas höchst bemerkenswertes:

ˏSehr geehrter Herr Doktor Rathenau, es ist ja sehr schön, dass sie sich bei mir erkundigen, welche Auswirkungen die Ereignisse im jüngst umbenannten Petrograd auf das Leben in Deutschland wohl haben mögen. Und immerhin ist ihr Unternehmen ein wahrlich wichtiger Arbeitgeber. Doch sie sind seit bald zwei Jahren nicht mehr Inhaber eines öffentlichen Regierungsamtes. Für meine Partei wird alles darauf ankommen, ob die Herren der Regierung das Gespräch mit mir suchen werden. Und falls die Reichsleitung selbst über diesen Schatten nicht zu springen vermag, so bin ich doch sehr gespannt, wie sich die bürgerlichen Parteien vom Zentrum über die Fortschrittlichen bis zu den Säbel rasselnden Nationalliberalen des feinen Herrn Stresemann zu verhalten gedenken. Sie dürfen ihren Freunden auf der Wilhelmstraße oder im Reichstag getrost einen herzlichen Gruß von mir bestellen. Die deutsche Sozialdemokratie ist zu Gesprächen über die Zukunft des Reiches bereit, wenn es dabei auch und gerade um die Zukunft Preußens gehen darf.ˋ

So war das. Dann war unser Telefonat auch bereits beendet. Ich blieb wie benommen zurück, beeindruckt von der Ernsthaftigkeit, von der Geradlinigkeit, die aus Scheidemanns Worten sprach. Und ich war beim zweiten Gedanken natürlich froh und glücklich darüber, dass wir drei unsere heutige Verabredung bereits unter Dach und Fach hatten. Denn mit wem auf der ganzen Welt könnte ich besser, vorausschauender und unabhängiger über Scheidemanns Offerte reden als mit euch, meine lieben Freunde? Walther Rathenau lächelt Albert und mich dann so herzlich an, dass wir von seiner Zuversicht über die neuen Möglichkeiten einer Kooperation mit den „Vaterlandslosen Gesellen inspiriert bis tief in den Abend Plan- und Gedankenspiele anstellen. Als Ergebnis halten wir schließlich fest: Bethmann-Hollweg dürfe es sich niemals erlauben, einen Emissär zu Scheidemann zu schicken, um über das preußische Wahlrecht zu verhandeln. Aber die staatstragenden Parteien der politischen Mitte in Deutschland könnten es wohl riskieren, zu einem informellen Austausch einzuladen. Ich selbst bleibe indes gespalten in meiner Abwägung der Vorzüge und Nachteile eines solchen Vorgehens. Würde uns die nationale Presse nicht zerfleischen, falls sie von einem solchen Austausch Wind bekäme?

„Du hast völlig recht, lieber Gustav. Deine Nationalliberalen mit den Hugenbergs und Thyssens dieser Welt würden es dir nie verzeihen, der Initiator einer solchen Gesprächsrunde zu sein. Ich könnte Erzberger von den Ultramontanen bitten, aktiv zu werden. Er sollte sich im ersten Schritt vielleicht auf ein Treffen mit Scheidemann und einem ihm geeigneten, vertrauten Vertreter der Fortschrittlichen verständigen. Falls das gut liefe, kämst du, lieber Gustav dazu. Dann käme keiner mehr auf den Gedanken, dass wir hier die ganze Geschichte ausgeheckt und eingefädelt hätten. Dann könnte dich auch kein Stahlbaron von der Ruhr mehr zu Fall bringen wegen so einiger weniger, gänzlich zu nichts verpflichtender Gespräche unter Reichstagskollegen."

Und so machten wir es tatsächlich. Eine wichtige Weichenstellung der deutschen Innenpolitik war an jenem Nachmittag des 18. März 1918 bei Walther Rathenau im Wintergarten seiner Grunewalder Villa bei Kaffee und Kuchen, später am Abend dann bei einer hervorragenden Zigarre und einem milden Portwein auf die Reise gebracht worden.

Ich schrecke auf. Was für ein Geräusch hat mich da aus meiner Erinnerung gerissen? Die schwere Türe meines Krankenhauszimmers fällt mit einem satten Klicken ins Schloss. Jemand von der Ärzteschaft oder vom Pflegepersonal muss eben im Zimmer gewesen sein. Ja tatsächlich. Ich bemerke, neu gebettet zu sein. Das Bettzeug duftet noch eine Spur frischer als bei meinem letzten Wachen. Ich fühle mich beinahe wohl, wäre da nicht jene vollständige Mattigkeit, die mir jede Kraft raubt. Mit Mühe gelingt es mir, meinen linken Arm über den Oberkörper zu beugen und ein Wasserglas auf meinem Nachtschrank zu erreichen. Der Durst lässt mich die Distanz überwinden und ich trinke mit Genuss und zittriger Hand. Ich bin froh, als ich das geleerte Glas ohne Schaden erneut auf dem Nachtschrank abstelle. Mein Oberkörper sinkt erschlafft noch tiefer in das frisch aufgeschlagene Kopfkissen. Ich schließe wieder meine Augen und es dauert nicht lange, bis der Schlaf mich erneut übermannt.

Ich erinnere mich genau: Am 2. April muss es gewesen sein, dass die Herren Reistagsabgeordneten Scheidemann von der SPD, Erzberger vom Zentrum und Haußmann von der Fortschrittlichen Volkspartei zu einem vertraulichen Gespräch zusammenkamen. Inzwischen hatte meine Initiative im Reichstag zur Gründung des Verfassungsausschusses einiges Aufsehen erregt. Vor allem aber sicherte mir der Vorstoß einen kräftigen Vertrauensvorschuss bei all jenen Vertretern der drei demokratischen Parteien, die in mir bislang einen glasklaren Verfechter imperialer, ausgreifender Kriegsziele erblickt hatten. Erst meine jüngste Initiative ebnete den Weg zu jenen vertrauensvollen Gesprächen, die fortan jenseits offizieller Parlamentsgremien folgen sollten.

Walther Rathenau hatte Matthias Erzberger gegenüber unter vier Augen von der Möglichkeit eines Austausches zwischen den bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie zur Sicherung der Zukunft unseres Reiches gesprochen. Ungläubig verlangte Erzberger nach Belegen für die Bereitschaft der SPD, gerade jetzt, nach den „revolutionären Ereignissen im ehemaligen Zarenreich. Walther führte mich daraufhin als Zeugen für die ehrlichen Absichten Scheidemanns an. Also traf ich Erzberger zwei Tage später im Reichstag. Mir gelang es, seine Neugierde zu wecken. Schwerer fiel es mir allerdings, ihn davon zu überzeugen, dass ein erstes Treffen ohne mich, nur mit Conrad Haußmann von den Fortschrittlichen stattfinden müsse. „Warum?, hatte Erzberger wissen wollen.

„Weil Scheidemann Rücksicht nehmen muss auf diejenigen in seiner Fraktion, die mich als Ausgeburt der Expansionisten verachten. Aber ebenso, weil ich auf jene in meiner Partei Rücksicht nehmen muss, die ein Gespräch mit der SPD per se als Hochverrat bezeichnen würden."

Da hatte Erzberger gelacht. Er stimmte dem Treffen mit Scheidemann und Haußmann unter zwei Bedingungen zu:

„Sie müssen an einem Folgetermin, sagen wir noch im April, unbedingt teilnehmen. Und zweitens müssen Sie Herrn Hugenberg und Herrn Stinnes bei Ihrem nächsten Parteitreffen mit der Schwerindustrie so ganz beiläufig einen schönen Gruß von mir ausrichten. Nichts weiter. Sollen Sie doch rätseln, weshalb ich so etwas mache."

Und wieder hatte Erzberger gelacht.

Meine Abstimmung mit Conrad Haußmann dagegen war ein Kinderspiel. Wir trafen uns zum Mittagessen im Adlon. Ich hatte eingeladen. Dann bat ich ihn um das besagte Treffen zu dritt und sagte gleich zu, am Folgetermin teilzunehmen.

„Und Sie sind sich dessen absolut gewiss, lieber Doktor Stresemann, dass Scheidemann unser Treffen nicht propagandistisch ausnutzen wird?"

„Auf keinen Fall, Herr Scheidemann wird die Ziele des inneren und äußeren Friedens über sämtliche parteilichen Erwägungen stellen, dessen bin ich mir sicher." So antwortete ich aus dem Brustton tiefster Überzeugung. Und schon war es abgemacht.

So wunderte es mich nicht, dass es Haußmann war, der mich noch am Abend des 2. April zu Hause per Fernsprecher davon unterrichtete, wie das Gespräch zu dritt verlaufen war. Das Ergebnis ist kurz erzählt: Scheidemann verlangte nach der Unterstützung des Bürgertums für die Wahlrechtsreform in Preußen, anderen Falls werde die Sozialdemokratie die Arbeiterschaft nicht mehr daran hindern können, vom um sich greifenden Schlendrian allmählich zu spontanen Arbeitsniederlegungen überzugehen. Conrad Haußmann entgegnete darauf scharf und emotional, das sei Erpressung, und dieser werde sich die Fortschrittliche Volkspartei niemals beugen. Erzberger dagegen bat die Herren um Mäßigung und sinnierte nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Dreierrunde. Er vermutete diesen in einer möglichst zeitnahen Beendigung des Krieges. Dies sei nur zu erreichen, indem die Summe der politischen Kräfte auf Junker und Stahlbarone, auf OHL und Reichsregierung einwirkten. Man müsse den alten Eliten endlich klar machen, dass wir mit unseren deutschen Maximalforderungen niemals einen Frieden erreichten, es sei denn es gelänge uns, die Engländer und Franzosen bei Calais ins Meer und über die Pyrenäen nach Spanien zu treiben.

Plötzlich musste auch der bis dahin recht ernsthafte Scheidemann lachen. Er stimmte zu, dass die Fraktionen der Gesprächsteilnehmer bitte sehr beide Zielsetzungen zu verfolgen hätten: über den Reichstag auf die Wahlrechtsreform wie auf einen Verhandlungsfrieden zu drängen. Erzberger brachte das Ergebnis dann gleich unter Dach und Fach, indem er erklärte, das wolle er umgehend dem Herrn Stresemann mitteilen. Die drei waren sich nämlich nun auch noch darin einig, dass ihre Initiative nur dann Aussicht auf Erfolg haben werde, falls

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