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Thymian, Brennnessel und Karotten, das könnte unsere Revolution sein: Ein Lesebuch über westliche Pflanzen aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin

Thymian, Brennnessel und Karotten, das könnte unsere Revolution sein: Ein Lesebuch über westliche Pflanzen aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin

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Thymian, Brennnessel und Karotten, das könnte unsere Revolution sein: Ein Lesebuch über westliche Pflanzen aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin

Länge:
593 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 16, 2017
ISBN:
9783746083483
Format:
Buch

Beschreibung

Wollen Sie die chinesische Medizin kennenlernen? Dieses Buch gibt einen Einblick in ihre wichtigsten Strukturen und Zusammenhänge. Anhand von 108 Pflanzenporträts möchte es Ihnen die ­fernöstliche Heilkunst auf unterhaltsame Art näherbringen. Dabei erfahren Sie viel über die Heilkraft der einzelnen Pflanzen für Körper und Geist und können im Krankheitsfall schnell passende Pflanzen und Methoden finden, auch zu speziellen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Thrombosen, Myomen, Milchfluss, Magen- und Darmbeschwerden, Essstörungen, Husten, Antibiotika, Burn-out, Akne, Angst, Liebeskummer, Eifersucht oder Unfruchtbarkeit. Hinzu kommt eine kurze Einführung in die Ernährungslehre der TCM. Ein Lesebuch, das Spaß macht. Für AnfängerInnen und LiebhaberInnen der chinesischen Medizin!
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 16, 2017
ISBN:
9783746083483
Format:
Buch

Über den Autor

Nathali Winckler ist Heilpraktikerin mit den Schwerpunkten Traditionelle Chinesische Medizin und Shiatsu in eigener Praxis. Sie lebt und arbeitet in Freiburg im Breisgau.


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Buchvorschau

Thymian, Brennnessel und Karotten, das könnte unsere Revolution sein - Nathali Winckler

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1. Einführung in die Traditionelle Chinesische Medizin

Grundprinzipien der TCM

Die TCM hat sich im Laufe der Jahrtausende aus verschiedenen Strömungen entwickelt und ist weiter in Veränderung wie jedes lebendige Wissen. Zwei wichtige Richtungen haben zum Ausbilden von zwei ineinandergreifenden Theorien geführt: das Prinzip von Yin und Yang und die Lehre der fünf Wandlungsphasen. Aus diesen beiden Prinzipien entstehen die sogenannten Syndrome oder Muster.

Das Prinzip von Yin und Yang

In allen Teilen und Lebewesen des Kosmos hat die chinesische Medizin die sich bedingenden Kräfte Yin und Yang für sich wiedererkannt. Ich verwende nicht den Begriff »Polaritäten«, da sich in jedem Yin auch ein Anteil Yang befindet, ebenso wie in jedem Yang ein Anteil Yin. Ein reiner Yang-Zustand bedeutet ebenso den Tod wie ein reiner Yin-Zustand. Jedes Yang wandelt sich zum Yin und jedes Yin zum Yang. Dieser Prozess findet beständig statt. Entscheidend ist der Energiefluss zwischen beiden, den die Methoden der TCM unterstützen.

Jeder Yang-Aspekt kann wiederum in einen Yin- und einen Yang-Aspekt unterteilt werden und umgekehrt. Jeder noch so feine Yang-Aspekt beinhaltet gleichzeitig auch immer einen noch feineren Yin-Anteil.

Im menschlichen Körper befindet sich die meiste Energie immer abwechselnd in zwei Yin- und dann in zwei Yang-Meridianen. Diesen Energiefluss kann man in der sogenannten Organuhr ablesen. Der Wechsel passiert gleitend alle zwei Stunden: Beispielsweise ist die meiste Energie von 3 bis 5 Uhr in der Lunge, dann von 5 bis 7 Uhr im Dickdarm. Erkrankungen in einem bestimmten Organ treten ausgeprägter in der Zeit gemäß der Organuhr auf. Zudem hat jedes Organ noch seinen eigenen Yin-Yang-Rhythmus. Bei der Gebärmutter braucht der Wechsel beispielsweise ungefähr einen Monat.

Die beiden Kategorien Yin und Yang können nicht übersetzt werden, da es in der deutschen Sprache keine Entsprechungen gibt. Deshalb werden Yin und Yang im Folgenden durch ihre Qualitäten charakterisiert.

Die Qualitäten von Yin

Yin umfasst die Materie und die Substanz, die Struktur, die Nacht, die Ruhe und die Kälte.

Yin ist alle Substanz und setzt sich im Menschen aus Flüssigkeiten, Blut, Nähr- und Abfallstoffen zusammen. Yin ist auch kompakt. Die festen Substanzen gehören ebenfalls zum Yin: die Knochen, die Muskeln, die Sehnen, Haare und die Haut. Wenn Erkrankungen an die Substanz von Organen gehen, ist immer das Yin beteiligt. Beispielsweise kann ein stechender Schmerz im Magen durch zu scharfes Essen (Yang) hervorgerufen werden und einen akuten Yang-Überschuss im Magen (empor loderndes Magen-Feuer) bewirken. Wenn die Beschwerden jedoch anhalten und die Magenschleimhaut angegriffen ist, wurde das Magen-Yin verletzt.

Auch Erkrankungen, die mit der Bildung von vermehrter Substanz wie Tumore, Zysten oder Ödeme einhergehen, haben Yin-Charakter.

Ausdruck von Yin ist das Blut. Ein Mangel an Blut kann sich in den Organen Herz, Milz, Lunge und Leber mit jeweils spezifischen Symptomen äußern (→siehe Bluttonika).

Yin ist kalt. Kälte kann als Körpertemperatur wahrgenommen werden. Kälte deutet auf einen Mangel an Yang und somit einen (relativen) Yin-Überschuss oder auf einen Blut-Mangel hin. Kühlende Heilpflanzen sind wichtig, um Hitze im Körper zu kühlen und Entzündungsprozesse abzubauen.

Yin ist passiv, Yin ist die Ruhe. Yin-Beschwerden sind an einer Stelle fixiert und verschwinden nicht so schnell. Yin-Beschwerden treten verstärkt in der Ruhe auf und verschlechtern sich durch diese. Bei einem Yin-Mangel fällt es schwer in die – ersehnte – Ruhe zu kommen. In der Ruhe aber erst kann sich das Yin regenerieren. Diese Problematik findet sich häufig bei ADHS.

Yin ist feucht. Das Wasser zählt zum Yin. Die dünnen Flüssigkeiten zählen zum Yin. Wenn Yin im Mangel ist, besteht im Körper Trockenheit, die sich zum Beispiel an der Haut, den Haaren oder den Schleimhäuten zeigen kann.

Feuchtigkeit entsteht im Körper durch einen Mangel an Yang (→siehe »Die Milz liebt es warm und trocken«).

Yin ist absteigend. Kälte und Nässe haben die Tendenz, nach unten zu sinken. Klassisch sind kalte Füße und Ausfluss ein Zeichen von Yang-Mangel.

Yin ist langsam. Schon durch seine Kompaktheit ist Yin schwerer, träger und somit immer relativ langsamer als Yang. Dies ist in bei Heilungsverläufen zu beachten. Viele yin-tonisierende Heilpflanzen wie Baldrian, Johanniskraut und Rotklee benötigen auch eine längere kontinuierliche Einnahmedauer, bis sie ihr Wirkungsoptimum erreichen.

Yin ist zentrierend, zusammenziehend. Die Yin-Energien richten sich nach innen. Beim Schlafen schließen wir die Augen. Haben wir einen Yin-Mangel blicken wir unruhig durch die Gegend, die Konzentration fällt uns schwer. Bei einem Überschuss von Yin beispielsweise in den Lungen hat sich dort zu viel Schleim angesammelt, der nicht abgehustet werden kann.

Yin ist im menschlichen Körper die Vorderseite, im Inneren und die untere Körperhälfte. Pilze nur im unteren Körperbereich haben mehr Yin-Qualität. Je tiefer ein Husten, desto mehr Yin-Bezug hat er (→siehe »6-Schichten«).

Yin ist Ernährung. Versorgungsaspekte der materiellen Art gehören zum Yin.

Zum Yin gehört die Gebärmutter. Wobei diese wieder in einen Yin- und Yang-Aspekt zu unterteilen ist s.o.. Da Frauen eine Gebärmutter haben, besitzen sie meistens mehr Yin als Männer. Dies ist heute sehr relativ zu sehen. Durch einen yang-betonten Lebenswandel kann sich dieser relative Yin-Überschuss auch kaum mehr bemerkbar machen. Ebenso können Männer ihr relatives Yin-Defizit durch ein yin-betontes Leben ausgleichen. Dies passiert durch die allgemeine Yangisierung der Gesellschaft leider eher selten (→siehe »Wie schnell läuft die Zeit?«). Männer, die sich den Versorgungsaspekten des Lebens mehr widmen, können ihr Yin stärken. Warum dies wieder rum Potenz steigernd sein kann, erkläre ich in dem Kapitel über ungewollte Kinderlosigkeit und Sexualität (→siehe »Ihr Kinderlein kommet« und »Pflanzen der Liebe«).

Yin ist nachts. Alle Symptome, die sich nachts zeigen oder verschlechtern haben einen Yin-Bezug – entweder einen Yin-Mangel oder einen Yin-Überschuss. Zuviel Schleim in den Lungen ist eine Yin-Fülle und führt oft zum Abhusten nachts. Wenn das Yang morgens ansteigt, kommt die zweite Welle des Abhustens. Das Lungen-Yang kann den Schleim nach außen befördern.

Das Syndrom der unruhigen Beine (»Restless legs«) verschlechtert sich in Ruhe und sind Ausdruck eines Yin-Mangels meistens auf der Blutebene. Nachtarbeit (vor allem im Schichtdienst) kann langfristig die Yin-Reserven erschöpfen. Nachts im Yin bauen sich die Kräfte für den Tag auf.

Die Qualitäten von Yang

Yang umfasst die Bewegung und die Funktion, den Tag, die Sonne, die Aktion und die Wärme.

Yang ist Funktion. Wenn Yin der Schweiß ist, dann ist Yang das Schwitzen. Das Menstruationsblut ist Yin, das Bluten ist Yang. Das Wasser im Körper ist Yin, die Wasserverteilung Yang.

Ausdruck von Yang ist das Qi. Ein Mangel an Qi kann sich in den Organen Niere, Blase, Gallenblase, Herz, Dünndarm, Milz, Magen, Lunge und Dickdarm mit jeweils spezifischen Symptomen äußern

Yang ist hohl. Im Bild von Yin und Yang, sind die festen Substanzen Yin und die Hohlräume, die Räume der Möglichkeiten Yang. Aber auch hier ist Verwandlung: die Gebärmutter als Muskel ist Yin, der Freiraum Yang. Bei einer Schwangerschaft wird der Freiraum immer mehr mit dem Baby (Yin) gefüllt. Bei der Geburt ist der kontraktierende Muskel Yang und das Baby als Körper Yin.

Yang ist warm. Hitzegefühle deuten auf eine (relative) Yang-Dominanz hin. Es gibt auch eine sogenannte Leere-Hitze, die auf einen Yin-Mangel zurück zu führen ist (→siehe Lavendel).

Durch viel Bewegung nimmt die Wärme, das Yang im Körper zu. Die Backen werden gerötet und zeigen die bessere Durchblutung (Yang ist Zirkulation) an.

Yang ist aktiv. Yang ist Bewegung. Auch gerade im gesellschaftlichen Bereich erfährt das Yang eine große Wertschätzung: Handeln anstatt Warten; eher im Fitness-Studio als auf der Coach und viel Reden (am besten mit dem Smartphone) anstatt Zuhören und dabei Schweigen.

Ohne Yang würden wir zweifelsohne nur an Heilkräuter denken, ohne aufzustehen und einen Tee zu kochen. Yang ist es auch nachts aus dem Schlaf gerissen ein weinendes Kind durch die Wohnung zu tragen auf Kosten des eigenen Yin.

Yang ist trocken. Wärme trocknet. Trockene, rissige Haut verweist auf einen (relativen)Yang-Überschuss. Trockener Reizhusten durch Rauchen ist Ausdruck eines (relativen) Yin-Mangels der Lungen, wobei das Lungen-Qi langfristig in beiden Aspekten geschwächt wird.

Yang ist aufsteigend. Auch Wärme hat eine aufsteigende Richtung. So findet sich bei Yang-betonten Prozessen im Körper auch eine aufsteigende Tendenz bzw. die Zustände befinden sich oberhalb des Bauchnabels, der die Grenze zwischen oben und unten darstellt.

Yang ist zerstreuend. Die Energien von Yang richten sich nach außen. Der kleine Flirt in der Straßenbahn hat Yang-Charakter ebenso wie ein kräftiges Niesen, das angesammeltes Yin endlich nach außen befördern kann. Scharfe Nahrungsmittel verfügen über relativ mehr Yang wie süße Speisen.

Yang ist schnell. Dies ist auch an der vergleichsweisen schnellen Abhilfe durch stark yang-haltige Heilpflanzen wie Ingwer und Thymian bemerkbar. Bei einem akuten Befall von Wind-Kälte können diese beiden Pflanzen ein tieferes Sinken der Pathogenen verhindern (→siehe »6 Schichten«).

Yang ist der Rücken, die Oberfläche und die obere Körperhälfte. Deshalb hat ein allergisches Hautekzem mehr Yang-Qualität als ein allergisches Asthma.

Yang ist Abwehr-Energie. Yang ist eine feine, leichte Schicht von Energie, die uns umgibt, um pathogene Faktoren abzuwehren. Sie ist immateriell und wird von dem Lungen-Yang um den Körper verteilt. Wenn das Immunsystem geschwächt ist, kann eine Stärkung des Lungen-Yang helfen (→siehe Engelwurz, Alant, Anis).

Zentral: das Zusammenspiel von Yin und Yang

Yin und Yang können nur gemeinsam agieren. Sie begrenzen und kontrollieren sich, bringen sich gegenseitig hervor und gleichen sich aus und verwandeln sich ständig ineinander. Wenn wir erkranken, liegt immer auch in diesem Gleichgewicht der Hase begraben:

Handeln (Yang) ohne Kontemplation (Yin) bringt keinen Erfolg, sondern rote Augen und Erschöpfung (Zeichen von überschießendem Yang).

Nahrung (Yin) ohne Verdauungsbewegungen (Yang) führt zur Nahrungsstagnation (Yin-Fülle).

Heilpflanzen und auch Nahrungsmittel sind nach ihrem Gehalt an Yin und Yang einzuordnen. Eine stark erwärmende Pflanze hat Yang-Gehalt wie beispielsweise Ingwer oder Wacholderbeeren. Eine Pflanze, die den Schlaf fördert, besitzt eindeutige Yin-Qualitäten wie beispielsweise Melisse oder Hopfen. Bei der Zusammenstellung von Kräuterrezepturen wird darauf geachtet, dass die Mischung genau dem individuellen Bedürfnis der KlientIn hinsichtlich Yin und Yang entspricht.

Die Grundsubstanzen

Die Energie im menschlichen Körper wird über verschiedene Medien, auch »Grundsubstanzen« genannt, transportiert. Diese werden nach dem Grad ihrer Stofflichkeit Yin oder Yang zugeordnet.

Jing ist die Quelle aller Grundsubstanzen. Jing ist die Energie von den Eltern und dem Kosmos, aus der wir entstehen. Diese dichte Yin-Form der Energie liegt auch in jedem Samenkorn vor. Mit Hilfe des Nierenfeuers wird Jing zu Yuan-Qi (→siehe unten) transformiert und über die Nieren an alle anderen Funktionskreise verteilt (→siehe Bocksdornfrüchte).

Die materiellen Energieformen gehören zum Yin: Blut und die Körpersäfte (Jin ye). Sie sind auch in der westlichen Schulmedizin wichtige Parameter zur Diagnose. Blutwerte sind beispielsweise messbar, die Qualität und Quantität von Körpersäften ebenso.

Das Blut ist die dichteste Substanz. Die Qualitäten des Bluts gehen über die messbaren Parameter der westlichen Schulmedizin hinaus. Das Blut wärmt und befeuchtet den Körper. Es ernährt den Körper und beruhigt und festigt den Geist. Aus einem Blut-Mangel kann ein Yin-Mangel entstehen.

Zu den dünnen Körpersäften (Jin) gehören der Schweiß, die Tränenflüssigkeit, die Spucke und die Vaginalsekrete (genannt: «Säfte der Liebe«). Sie versorgen die Haut und die Muskeln. Sie zirkulieren oberflächlicher als Blut zusammen mit dem Abwehr-Qi (s. u.) und können als Schweiß abgegeben werden.

Zu den dicken Körperflüssigkeiten (ye) werden die von der Konsistenz her dichteren Säfte gezählt, die die Gelenke, den Rücken, das Gehirn und das Mark befeuchten. Sie zirkulieren zusammen mit dem Nähr-Qi (s. u.) in den tieferen Strukturen des Körpers. Sperma ist die verflüssigte Form von Jing. Deshalb verlieren Männer auch bei jedem Samenerguss einen Teil ihrer Lebenskraft (→siehe »Pflanzen der Liebe«).

Die feinstofflichen Yang-Formen sind Qi und Shen. Sie sind ebenfalls wahrnehmbar, aber nicht unbedingt mit schulmedizinischen Methoden messbar.

Qi regelt die Grundfunktionen. Es hält, hebt, bewegt, nährt, schützt und transformiert. Nach seiner Funktion werden folgende Qi-Formen unterschieden: das Ursprungs-Qi, das Leitbahn-Qi, das Nahrungs-Qi, das Atmungs-Qi, das Sammel-Qi, das Abwehr-Qi und das Aufrechte Qi.

Das Ursprungs-Qi (Yuan-Qi) stammt aus umgewandelten Jing und wird von den Nieren in die drei Erwärmer verteilt. Dort liefert es die Grundenergie für alle Prozesse und Substanzen. Alle Qi-Formen stammen letztendlich aus dem Ursprungs-Qi. Ist das Jing geschwächt wie etwa nach einem Schock oder im Alter, ist das Ursprungs-Qi vermindert und je nach vorhandenen Ungleichgewichten wird sich diese Schwäche in der einen oder anderen Qi-Form oder in unterschiedlichen Funktionskreisen manifestieren.

Das Leitbahn-Qi (Ying-Qi) zirkuliert in den Meridianen und Blutgefäßen. Mit diesem Qi wird in der Akupunktur und im Shiatsu verstärkt gearbeitet.

Das Nahrungs-Qi (Gu-Qi) entsteht aus Essen und Trinken in den Funktionskreisen Magen und Milz.

Das Atmungs-Qi (Da-Qi) wird nach der Einatmung von den Lungen gebildet.

Das Nahrungs-Qi und das Atmungs-Qi werden zum Sammel-Qi (Zhong-Qi) verbunden und in weiteren Transformationsprozessen mit Hilfe der Milz und des Herzens zu Blut. Dies erklärt auch, warum es bei Blut-Mangel einer vertieften Atmung und Bewegung bedarf. Das Blut braucht das Atmungs-Qi ebenso wie die Nahrung. Andersherum erklärt es, warum einige wenige Menschen nur mit Licht und Atmung leben können.

Das Abwehr-Qi (Wei-Qi) wird von den Lungen als feiner Film um den Körper verteilt. Es bildet die oberflächlichste Schutzschicht gegen pathogene Faktoren.

Das Aufrechte oder Wahre Qi (Zhen-Qi) hat eine Schutzfunktion im Inneren des Körpers inne. Es entspricht zusammen mit dem Wei-Qi in etwa unserem Begriff des Immunsystems. Dabei verhindert es das Fortschreiten eines pathogenen Faktors nach innen (→siehe 6-Schichten).

Shen könnte mit »Geist, Verstand, Spiritualität, Gegenwärtigkeit« kläglich übersetzt werden. Shen bedeutet »die Begeisterung für das Leben, lebendig sein und auch andere begeistern können«. In einer Gesellschaft wie unserer, der es so oft eben an »Shen« fehlt, fehlen auch die treffenden Worte. »Shen« ist m.E. die Weitsicht, die uns auf der kognitiven Ebene mit dem Kosmos verbindet und uns immer wieder für das Leben einnehmen – begeistern – lässt. Aber auch das Funkeln in den Augen, wenn wir uns mit vollem Herzen und klarer Sicht für etwas begeistern, sprechen von der Stärke des Shen. Wem es an Shen fehlt, der hat einen trüben, matten Blick oder die Augen irren wirr umher wie wir es bei Menschen mit einer starken Drogenabhängigkeit finden. Das Shen ist dann nicht mehr verwurzelt, sondern der Mensch sucht nur nach Befriedigung durch die Droge.

Der Shen kann durch alles genährt werden, was unserem Herzen tiefe Freude bereitet. In schwer belastenden Zeiten wie Krieg muss der Shen auch versteckt werden können, damit diese Energie nicht verströmt wird. Ungeschützt kann die sich entleerende Energie zu einem Schock oder anderen Zusammenbruch führen.

Alle Grundsubstanzen bedingen sich gegenseitig und bilden in ihrer Komplexität den Energiekörper.

Die fünf Wandlungsphasen

In der Sichtweise der TCM hat alles eine Wurzel, ist alles eins. Deshalb geht Yin in Yang über und umgekehrt, es sind nicht zwei Dinge sondern das sich ständig verwandelnde Eine. Diese Theorie wurde mit der Lehre der Fünf Wandlungsphasen verbunden, um die beobachtbaren Unterschiede weiter auszudifferenzieren. Es gab auch verschiedene Richtungen der Lehre der Fünf Wandlungsphasen. Und die heutige TCM ist wie schon in der Einleitung erwähnt ist eine Synthese verschiedener Schulen.

Erde, Metall, Wasser, Holz und Feuer sind Elemente des Einen. In jedem Element sind alle fünf Elemente wieder vertreten. Dies findet sich plastisch in der Akupunktur wieder. Um ein Beispiel zu geben: Der Milzmeridian ist der Yin-Meridian der Wandlungsphase Erde. Der dritte Akupunkturpunkt ist der Erdepunkt. Er besitzt die Qualität am stärksten zu erden, während der neunte Punkt der Wasserpunkt ist und zum Sedieren (=ableiten) geeignet ist, wenn zu viel Wasser droht, die Erde zu überfluten.

Da die Elemente sich gegenseitig hervorbringen, transformieren und nicht als statische Elemente zu verstehen sind, werden sie als »Wandlungsphasen« bezeichnet. In jedem Lebewesen sind alle fünf Wandlungsphasen vertreten. Dennoch begegnen uns als Konstitution besondere Stärken oder Schwächen einer Wandlungsphase. Auch entspricht jeder Lebensabschnitt energetisch einer Wandlungsphase: Die Geburt und der Tod gehören zum Wasser, die Kindheit zum Holz, die Pubertät und das junge Erwachsenenalter zum Feuer, das Mittlere Alter zur Erde, das frühe Alter zum Metall und mit dem Tod schließt sich dieser Kreislauf.

Der Kreis schließt sich auch bei der Entstehung der Wandlungsphasen: Die Erde bringt das Metall hervor. Das Metall lässt das Wasser kondensieren, das Wasser bringt das Holz hervor, aus dem Holz kann das Feuer entstehen und aus der Asche des Feuers wieder die Erde. Dieser Zyklus wird auch als Hervorbringungszyklus bezeichnet.

Die einzelnen Elemente kontrollieren sich auch gegenseitig: Die Erde kann das Wasser dämmen, das Wasser kann das Feuer begrenzen, das Feuer kann das Metall schmelzen, das Metall kann das Holz sägen, das Holz kann die Erde durchwurzeln. Dies wird als der Kontrollzyklus bezeichnet. Wenn die Kontrolle überhand nimmt, spricht man vom Überkontrollzyklus. Die analogen Ungleichgewichte im menschlichen Körper habe ich in Klammern hinzugefügt.

Die Erde trocknet das Wasser ein (Milz-Yin-Mangel), das Wasser löscht das Feuer (Herz-Yang-Mangel), das Metall schmilzt durch das Feuer davon (Hitze in den Lungen /Hitze im Dickdarm), das Holz wird durch das Metall zerstückelt und sein Wachstum verhindert (Leber-Qi-Stagnation), das Holz entzieht der Erde die Basis (Leber attackiert Milz/Magen).

Es können ebenfalls Ungleichgewichte entstehen, wenn sich die Postion des kontrollierten und des kontrollierenden Elemente umkehren:

Das Wasser überflutet dann die Erde, die Erde erdrückt das aufkeimende Holz, das Holz macht das Metall stumpf, das Metall erlischt das Feuer, das Feuer verdampft das Wasser. Dies wird als der Verspottungszyklus bezeichnet und dazu finden sich im menschlichen Körper analoge Erkrankungen.

In der TCM werden Funktionen und Erscheinungsweisen in der Natur einer Wandlungsphase zugeordnet. Die Organe der Wandlungsphasen wiederum sind auf vielfache Art und Weise miteinander verbunden:

Je zwei Organe (bzw. beim Feuer sogar vier Organe) sind als Yin- und Yang-Organ einer Wandlungsphase miteinander gekoppelt, beispielsweise die Lunge als Yin und der Dickdarm als Yang-Meridian.

Der Entstehungs-, der Kontroll-, der Überkontroll- und der Verspottungszyklus bringen die Meridiane in eine individuelle aktuelle und chronische Konstellation.

Der gesamte menschliche Körper ist in drei Kammern gegliedert: den Oberen Erwärmer, den Mittleren Erwärmer und den Unteren Erwärmer. Diese drei Kammern werden durch das Organ des Dreifachen Erwärmers geregelt, der in der Westlichen Medizin keine Entsprechung kennt. Beispielsweise finden sich im Oberen Erwärmer die Lunge, das Herz und der Perikard (→siehe Hafer).

Die Meridiane sind wie die Schalen einer Zwiebel um einen Kern (die innerste Schicht) angeordnet. Von außen nach innen liegen drei Schichten mit je zwei Yang-Meridianen gefolgt von drei Schichten mit je zwei Yin-Meridianen. Die Lunge bildet zusammen mit der Milz die erste Yin-Schicht von außen. Diese wird »Tai Yin« genannt (→siehe 6-Schichten-Modell).

Pflanzen und Nahrungsmittel haben bestimmte Affinitäten zu den Wandlungsphasen und entfalten ihre Wirkung dort (→siehe Einordnung der Pflanzen in der TCM).

Im Idealfall finden sich in einer Kräuterrezeptur genau die Pflanzen, die das energetische Ungleichgewicht der KlientIn auszugleichen verstehen.

Beispielsweise braucht es bei einem Yin-Mangel in der Wandlungsphase Erde, die sich ausdrückt im Funktionskreis Magen, eine Yin-stärkende Mischung mit Pflanzen mit dem Bezug zu Erde und im Speziellen zum Magen.

Meistens haben Pflanzen Bezüge zu mehreren Wandlungsphasen.

Die Einordnung der Pflanzen in der TCM

In der TCM werden zur Kategorisierung einer Pflanze oder eines Nahrungsmittels die sogenannten fünf Arzneimitteleigenschaften (Yao Xing) herangezogen.

Es werden bei jeder Pflanze die Geschmacksrichtung(en), die Temperaturqualität(en), die Bezüge zu Leitbahnen oder inneren Organen, die Wirkrichtung und der Grad der Toxizität bestimmt.

Jeder Wandlungsphase wird eine Geschmacksrichtung zugeordnet: süß (Erde), scharf (Metall), salzig (Wasser), sauer (Holz) und bitter (Feuer). Zusätzlich besteht in der chinesischen Arzneimittellehre noch die Kategorie des »neutralen« und »aromatischen« Geschmacks. Eine ausführliche Darstellung zu deren Wirkweise findet sich in dem Kapitel zur Ernährung nach TCM (→siehe ebenda).

Eine Pflanze kann durchaus mehrere Geschmacksrichtungen in sich bergen und hat meistens auch Bezüge zu mehreren Leitbahnen und inneren Organen. Durch die Kombination von mehreren Pflanzen werden die Kontraindikationen der verschiedenen Geschmäcker abgemildert. Je nach bedarf kann auch eine Pflanze herausgesucht werden, die die jeweiligen Geschmäcker in sich birgt. Das Erstellen von Rezepturen nach den Kriterien der TCM soll zwar kurz angerissen werden, würde aber den rahmen dieses Buches Sprengen, da es eine komplette Ausbildung bedarf.

Der süße Geschmack tonisiert die Milz. Die Terminologie beruht aus einer Zeit, in der es keinen Industriezucker gab, sondern nur die natürliche Süße von Getreide beim Kauen im Mund. Er bewirkt eine starke Zentrierung auf das Jetzt und stabilisiert die Bewegungen der Energien um das Zentrum herum. Dies kann auch entspannen. Er vermag bei Erschöpfung schnell zu tonisieren. Der materielle Aspekt von Qi und Blut wird genährt. Deshalb können Babys und Kleinkinder nur durch den süßen Geschmack (Muttermilch, Karotte, Kürbis, Pastinake, Reis) ernährt werden. Durch die Tonisierung von Qi entsteht auch Wärme und ein Gefühl von Stärke, in dem sich manche Menschen auch wieder besser entspannen können. Zudem können einige Pflanzen mit süßem Geschmack die Muskeln über das Nähren der Sehnen entspannen und dadurch bedingte Schmerzen lindern (→siehe Süßholz). Wie eine Prise Zucker beim Brotbacken oder bei einem scharfen Gericht federt der süße Geschmack die Extreme ab. Dies passiert auch emotional, wenn wir etwas süßes essen.Nun es wird verständlich, warum Menschen zu Süßigkeiten greifen, wenn sie sich gestresst fühlen, oder?

Im Übermaß (vor allem bei künstlich erzeugter Süße) wird die Milz überbelastet und Schleim kann sich bilden (→siehe Diät-Magersucht/Fenchel). Der süße Geschmack befeuchtet und baut die Körpersäfte und Blut auf. Im Übermaß läuft im wahrsten Sinne die Nase über (katarrhalische Störungen).

Süße Mittel harmonisieren auch die Wirkungen von anderen Arzneimitteln: die Intensität und Geschwindigkeit wird abgepuffert. Die Wirkung tritt langsamer ein und hält länger an. Übermäßige zerstreuende und aufwärts gerichtete Energiebewegung wird abgemildert. Deshalb muss der süße Geschmack bei bestehender Stagnation aber reduziert werden.

Pflanzen mit süßem Geschmack sind Fenchel, Eibisch, Hafer, Süßholz und Anis.

Der scharfe Geschmack tonisiert die Lunge. Er bewegt gestautes Qi und Blut und löst Stagnation. Er zerstreut die Energien nach außen und reguliert festgefahrenes Qi (Ross 2006:55). Er vermag die Hautporen zu öffnen und den Schweiß zu fördern. Deshalb eignet er sich zum Vertreiben von pathogenen Faktoren (Wind, Kälte, Hitze, Nässe) und Toxinen und ist somit abwehrstärkend. Bekannt ist seine ausleitende Funktion bei Wind-Hitze oder Wind-Kälte (scharfes Hustenbonbon bei Halsschmerzen …). Dabei spielt das jeweilige Temperaturverhalten der Pflanzen eine Rolle: scharf, kühlende Pflanzen (Pfefferminze, Holunder) bei Wind-Hitze und scharf-erwärmende Pflanzen bei Eindringen von Wind-Kälte. Häufiger finden sich scharf-erwärmende Pflanzen (Ingwer, Chilli, Meerrettich, Knoblauch, Angelikawurzel). Der scharfe Geschmack fördert auch den Flüssigkeitsstoffwechsel und kann Nässe und Schleim zerstreuen. Wichtig ist diese Funktion bei Husten und rheumatischen Beschwerden, aber auch wenn wir uns geistig benebelt fühlen. Der scharfe Geschmack hilft, die Öffnungen frei zu legen. Gerade in Kombination mit dem aromatischen Geschmack kann der Nässe und dem Schleim auf den Pelz gerückt werden. Scharf-warme Pflanzen wie Ingwer, Zimt und Chilli können den Kreislauf anregen. Hitze kann umverteilt werden. Dies erklärt den Einsatz von Chilli zur Fiebersenkung.

In Kombination mit dem süßen Geschmack und warmer Thermik vermag er das Yang zu tonisieren. Qi wird dann besser zirkuliert, ohne sich zu stark zu zerstreuen. Äußerlich angewendet kann er pathogene Faktoren nach außen ziehen (Wie zum Beispiel ein Stück Zwiebel auf einem Stich) und Blutstase bewegen. Bei einem Zuviel kann er zu stark austrocknen und das Leber-Yin schwächen.

Der salzige Geschmack kühlt, befeuchtet und vermag zu lösen. Der Salzgehalt unserer Nahrung übersteigt meistens die erträgliche Menge. Die Folgen von zu viel salziger Nahrung können dann wiederum zur Stagnation (»Salzsäule«) führen. Es gibt in der Einordnung westlicher heilpflanzen in die TCM kaum Pflanzen mit salzigem Geschmack. Deshalb ist diese Kategorie vor allem bei Nahrungsmitteln wichtig (→siehe Ernährung).

Der bittere Geschmack leitet die Energien nach unten. Somit erklärt sich seine purgierende und Schleim ausleitende Wirkung auf die Lungen. Er leitet Hitze und Nässe aus. Hier liegt der Hauptaugenmerk der TCM. Die meisten bitteren Pflanzen sind kühlend, Ausnahme ist der Kaffee, der Kakao und die Wachsmyrte (Myrica). Durch die Kühlung wird Hitze beseitigt. Dies findet sich in den westlichen Entsprechungen von antimikrobiell, entzündungshemmend und fiebersenkend.

In der westlichen Tradition der Phythotherapie wird der bittere Geschmack mit der Tonisierung der Verdauungsorgane verbunden. In der TCM entsteht die Tonisierung durch die Fähigkeit des bitteren Geschmacks, das Qi zu bewegen und die physiologische Abwärtsbewegung von Magen und Darm zu unterstützen. Gelöste, entstaute Energie kann dann wieder zur Verfügung stehen. Zum Qi gehört auch das Wei-Qi, das dem westlichen Immunsystem entspricht.

Der Einfluss auf Leber und Gallenblase( Cholagogum und Hepatikum) wird in Zusammenhang mit den sogenannten Bitterdrogen gebracht. In der TCM entspricht das dem Bewegen des Leber-Qi und dem Ausleiten von Nässe aus der Gallenblase (→siehe Schöllkraut).

In der TCM unterstützt der bittere Geschmack die Herz-Energie: Dabei kann er tonisieren wie der kardioton wirkende Herzgespann oder beruhigen wie Hopfen und Baldrian (siebe ebenda).

Der saure Geschmack tonisiert in der TCM die Leber, insbesondere das Leber-Yin. Er wirkt zusammenziehend und hält somit die Körpersäfte und Organe im Inneren. Adstringieren bedeutet in der TCM das Stabilisieren des Qi. Der saure Geschmack hält die Dinge an dem vorgesehenen Platz. Die Haltefunktion wird gestärkt. Ist diese Funktion geschwächt, kommt es vermehrtem Schwitzen, Durchfall, Harninkontinenz oder Organsenkungen. Ein stabiles Qi ist vor Zerstreuung geschützter. Im psychischen Bereich zeigt sich ein nicht gefestigtes Qi in Angststörungen, mangelnder Durchsetzungskraft und Konzentration, Schlafstörungen und Herzklopfen. Wie hilfreich kann da schon ein Hagebuttentee am Abend wirken!

Die TCM fokussiert den Einfluss des sauren Geschmacks auf die Stabilisierung des Qi und die damit einhergehenden ausgleichende Wirkung auf die Psyche. Das Herz-Qi wird vor pathologischen Aufwärtsbewegungen des Qi geschützt. Beispielsweise Weißdorn und Herzgespann können das Herz-Qi auf diese weise stärken und beruhigen. Johanniskraut und Goldrute stabilisieren das Nieren-Qi. Sie wirken der zerstreuenden Wirkung von Angst entgegen (→ siehe Angst).

Der saure Geschmack wirkt zentifugal, dabei aber nicht aktiv bewegend, sondern eher passiv haltend. Er kontrolliert das Aufwärtsbewegen, ohne die Energien wie der bittere Geschmack nach unten zu leiten.

Nicht gewollt verfestigte Strukturen wie beispielsweise zähflüssiger Schleim können aber durch den Genuss von viel sauren Geschmachsstoffen schlechter gelöst werden – Cave: keine sauren Fruchtsäfte bei hartnäckiger Bronchitis! (→siehe Ernährung).

Wenn Toxine aus dem Körper geleitet werden sollen, ist der saure Geschmack kontraindiziert.

Der aromatische Geschmack findet sich nicht in dem Konzept der Fünf Wandlungsphasen, findet aber in der medizinischen Praxis Eingang. Er vereint Qualitäten, die über den Geruchs- und den Geschmackssinn wirken. Der hohe Gehalt an ätherischen Ölen ist für die aromatische Qualität verantwortlich. In der westlichen Aromatherapie sind viele der ätherischen Öle wie Lavendel und Melisse auch für ihre beruhigende Effekte bekannt. Sie blicken auf eine Tradition als Antidepressive zurück, da sie die Sinne beleben und Melancholie vertreiben (Melisse, Rosmarin, Salbei, Ysop). In der Synthese von TCM und westlicher Aromatherapie finden sich folgende gemeinsame Kriterien für eine aromatisch wirkende Pflanze:

Sie hat einen hohen Gehalt an ätherischen Ölen

Sie wirkt bewegend, auflockernd, öffnend oder/und erleichternd

Sie beruhigt, belebt und/oder wirkt verdauungsfördernd und antidepressiv

Der aromatische Geschmack hat auf die Milz einen belebenden Einfluss, so dass diese die Flüssigkeiten und eventuell vorhandene Nässe besser umwandeln kann. Beschwerden durch Nässe wie chronische Sinusitis, Rheumatismus, Übergewicht und Blähungen kann begegnet werden (Wacholder, Angelikawurzel). Die Tätigkeit der Verdauungsorgane wird angeregt. Der Appetit auf das Essen und auch das Leben kann wieder zunehmen (→siehe Magersucht). Ebenso kann durch die Anfeuerung des Verdauungssystems auch bestehendes Übergewicht und kindliches Bauchweh abgebaut werden (Fenchel). Einige Pflanzen wirken dabei auch krampflösend, was zu einer allgemeinen Beruhigung führen kann (Lavendel, Ysop).

Ähnlich dem scharfen Geschmack macht der aromatische Geschmack die Öffnungen frei und belebt oder beruhigt das Herz (insbesondere den geistigen Aspekt) und beschwichtigt das Leber-Yang (→siehe Pfefferminze). Innere Anspannung wird nicht unterdrückt, sondern sanft durch Verteilung gelöst. Eine unphysiologische Aufwärtsbewegung der Energien wird abgemildert. Der scharfe Geschmack hat mehr Yang-Qualität und pustet wie ein starker Wind die Öffnungen frei, währenddessen der aromatische Geschmack eher das Hindernis leichter macht und dadurch der Weg wieder frei wird, ohne dass Energie dabei verloren gehen kann wie beim Einnehmen von Pflanzen scharfen Geschmacks (→siehe oben).

Pflanzen mit aromatischem Geschmack zeichnen sich aus durch ihrer starken Geruch und werden oft auch als Gewürze beim Kochen verwendet.

Pflanzen /Lebensmittel mit neutralem Geschmack werden nur aufgrund anderer Qualitäten eingenommen. Das klassische Beispiel ist warmes Wasser.

Die Temperaturqualität variiert von kalt bis heiß. Dabei bezieht sich die Temperatur auf die auslösende Wirkung im Körper. Ein heißes Syndrom benötigt beispielsweise eine Pflanze von kalter Temperatur.

Pflanzen heißer Thermik erwärmen den Körper stark und verstärken Yang-Aspekte. Das Qi wird bewegt und erwärmt. In diesem Sinne wird der Stoffwechsel und der Kreislauf angeregt. Eingedrungene Kälte wird beseitigt. Beispiele sind Chilli, Zimtrinde und Ingwer. Bei Überdosierung kann eine Kälte- in eine Hitzesymptomatik umschlagen: Zum Beispiel Gelenkbeschwerden, Magenbeschwerden und Schlafstörungen können die Folge sein.

Pflanzen einer warmen Temperatur erwärmen gelinder den Körper und werden bei kühlen Störungen verordnet. Einige ForscherInnen differenzieren weiterhin zwischen »warmen« und »etwas warmen« Pflanzen, die bei kühlen bis neutralen Ungleichgewichten eingesetzt werden. Beispiele der ersten Kategorie sind Meerträubel, Engelwurz und Rosmarin, der zweiten Weißdorn, Fenchel und Wacholder.

Warme Pflanzen tonisieren Yang und Qi. Bei Husten mit Kältegefühlen und (viel) weißem Sputum fördern die das Abhusten. Sie lindern Verdauungsbeschwerden, die gut auf eine Wärmflasche ansprechen.

Gerade die »etwas warmen« Pflanzen können meistens eine längere Zeit eingenommen werden, da es die Milz warm und trocken mag.

Thermisch neutrale Pflanzen wie Brennnessel, Gundelrebe und Herzgespann können bei Hitze- oder Kältesymptomatik einer Rezeptur aufgrund ihrer anderen Wirkspezifika hinzugefügt werden.

Kühle Pflanzen werden bei warmen des Körpers eingesetzt. Sie beseitigen Nässe-Hitze und hemmen Entzündungen. Sie beruhigen und haben mehr Yin-Qualität. Zu ihnen zählen beispielsweise Eibisch, Ringelblume, Ackerschachtelhalm, Baldrian, Veilchen und Spitzwegerich.

Kalte Pflanzen sollen ebenso wie heiße Pflanzen mit Vorsicht eingenommen werden, damit nicht ein neues Ungleichgewicht entstehen kann. Kalte Pflanzen schwächen den Stoffwechsel und können überdosiert zu Durchfall und Schwächung der Selbstheilungskräfte führen. Sie werden meistens mit thermisch wärmeren Pflanzen deshalb kombiniert. Sie werden eingenommen, um feurige Prozesse zu löschen. Zu den kalten Pflanzen gehören Löwenzahn, Rhabarber und Hopfen.

Einige Pflanzen wirken vor allem ausgleichend und können je nach Kombination und Erfordernis kühl bis warm (Schafgarbe, Ysop, Pfefferminze, Weinraute, Salbei) neutral bis kühl (Zaubernuss), Enzian) oder auch kühl bis kalt sein (Löwenzahn). Sie werden auch als Pflanzen variabler Temperatur bezeichnet (Ross2003:25). Diese Pflanzen sind erforderlich, wenn sich im Körper Leere-Hitze oder andere verschiedene Temperaturbedürfnisse abbilden (→siehe Lavendel).

Je nach Kombination mit anderen Pflanzen, Zubereitung, Dosis und Zustand der PatientIn können sie verschiedene Temperatureffekte entwickeln. In einer Pflanze können auch verschiedene Bestandteile sein, von denen einige kühlende, andere wärmende Wirkung haben.

So verwundert es auch nicht, dass sich in der Literatur verschiedene Angaben zur thermischen Wirkung von Pflanzen finden.

Unter »Wirkung« wird der therapeutische Effekt verstanden. Viele Wirkungen wurden bereits bei der Wirkung des Geschmacks erläutert (s.o.). Die meisten Pflanzen verfügen über mehrere Wirkungen, die durch eine entsprechende Kombination mit anderen Pflanzen noch unterstützt werden können. In den Pflanzenportraits finden sich die Hauptwirkungen einer Pflanze. Analog zu der westlichen Medizin finden sich für fast alle Wirkungen Entsprechungen in der TCM. Der Index im Anhang wird Ihnen beim Finden von entsprechenden Pflanzenportraits weiter helfen. Welche Wirkung (en) besonders zum Tragen kommen, hängt auch vom Zustand der PatientIn ab. Einige Pflanzen können beispielsweise anregend und beruhigend wirken. Andere können Schwitzen auslösen oder zu viel Schwitzen reduzieren (→siehe Salbei). Klarer würde es heißen, dass sie regulierend wirken (→ siehe Weißdorn/Lavendel).

Schon Paracelsus prägte den Satz: »Auf die Dosis kommt es an«, ob eine Pflanze giftig oder heilend ist. Mögliche Nebenwirkungen sind bei den einzelnen Pflanzenportraits vermerkt. Bitte beachten Sie auch das Kapitel über Dosierung.

Als Wirkrichtungen kennt die TCM »steigend«, »fallend«, »schwebend« oder »absenkend«. »Aufsteigend« bedeutet, dass die Energien sich nach oben richten wie bei beispielsweise Hitze. »Absenkend« beinhaltet die Qualität, die Energien von oben nach unten zu leiten. »Schwebend« impliziert die Fähigkeit, das Qi zu halten und nach außen zu bringen sowie Kälte und Wind zu zerstreuen wie zum Beispiel Ingwer. »Fallend« beinhaltet eine die Ausscheidung nach unten gerichtete Energie wie durch bittere und salzige Nahrungsmittel.

Unter Toxizität versteht die TCM die möglichen Nebenwirkungen einer Pflanze.

Zusammenstellen einer Rezeptur in der TCM

Auch wenn in diesem Buch jeweils nur eine Pflanze pro Syndrom vorgestellt wird, soll der Vollständigkeit und Verständlichkeit halber die Praxis der Phytotherapie in der TCM erläutert werden.

Die klassischen Rezepturen der TCM sind bis zu 3000 Jahre alt.

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