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400 Jahre Glückstadt: Festschrift der Detlefsen-Gesellschaft zum Stadtjubiläum

400 Jahre Glückstadt: Festschrift der Detlefsen-Gesellschaft zum Stadtjubiläum

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400 Jahre Glückstadt: Festschrift der Detlefsen-Gesellschaft zum Stadtjubiläum

Länge:
740 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 23, 2017
ISBN:
9783746069654
Format:
Buch

Beschreibung

Glückstadt feiert 2017 das 400jährige Stadtjubiläum. Anlass genug, die Geschichte der Stadt in Schlaglichtern zu beleuchten, auch wenn Glückstadt im Vergleich zu den mittelalterlichen Stadtgründungen von Itzehoe, Krempe und Wilster nicht besonders alt ist. Aber die Stadt an der Elbe hat eine besondere Gründungs-, Funktions- und Baugeschichte. So wurde Glückstadt als Planstadt mitten in die unbebauten Wildnisse gesetzt, weil der dänische König Christian IV. (1577-1648) einen Hafen mit Zugang zur Nordsee benötigte, denn der königliche Anteil der Herzogtümer Schleswig und Holstein besaß keinen für Seeschiffe geeigneten Nordseehafen. Auch sollte Glückstadt helfen, die Interessen gegen Hamburg zu wahren und es war gleichzeitig als gesicherter Elbübergang für die Ambitionen Christians IV. im Niedersächsischen Kreis wie auch als Rückzugspunkt im Falle militärischer Rückschläge gedacht. Daher war die Stadt von einem modernen Festungsgürtel umgeben. Zugleich wurde mit der Anlage eines repräsentativen Wohn- und Regierungssitzes, nämlich des Schlosses Glücksburg (1629-1631), auch für die Präsenz des Monarchen selbst gesorgt. Im Schloss und am Schloss selbst wirkten bedeutende Künstler, die der mächtige dänische König in seine Residenz holte. Leider überdauerte diese ihren Bauherrn nur 60 Jahre. Als Rest der Anlage blieb der ehemalige Wirtschaftshof direkt am Hafen, auf dessen Gelände heute das Provianthaus steht.
Als Toleranzstadt bot Glückstadt vielen Glaubensflüchtlingen ab 1619 als religiöse Freistatt eine neue Heimat. Der Jüdische Friedhof, der zu den bedeutendsten des Landes gehört, erinnert uns an diese Zeit. Zahlreiche Künstler wirkten in Glückstadt im Laufe der Jahrhunderte und es lohnt sich, sich mit ihnen zu beschäftigen. Mit dem Detlefsengymnasium verfügt die Stadt über eine der ältesten Schulen in Schleswig-Holstein und die Primanervereinigung mit den jährlich erscheinenden Primanerberichten stellt in Deutschland eine Besonderheit dar. Glückstadt ist mit seiner historischen Altstadt und der besonderen Stadtanlage, seinem Museum und den erhaltenen Adelspalais ein touristischer Hotspot in den holsteinischen Elbmarschen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 23, 2017
ISBN:
9783746069654
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Buch

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400 Jahre Glückstadt - Books on Demand

Dieses Buch ist allen Heimatforscherinnen und Heimatforschern in Schleswig-Holstein gewidmet.

Das Erscheinen dieses Bandes wurde ermöglicht durch die finanzielle Förderung unserer Sponsoren:

Dr. Hans-Georg Helm

Stadt Glückstadt

Sparkasse Westholstein

Lions Club Glückstadt / Elbe

Medienagentur Worm, Glückstadt

Inhalt

Vorwort

Christian Boldt

Georg Günther Kröll und die Festung Glückstadt – Eine Spurensuche

Ernst-Adolf Meinert †

König Christian IV. (1588-1658) und die Elbmarschen

Merten Kröncke

Die Glückstädter Stadtplanung und Christian IV. – Neue Deutungen

Joachim G. Jacobs

Der Jüdische Friedhof von Glückstadt

Jan-Uwe Schadendorf

Der Schleier ist gelüftet – zur holsteinischen Herkunft der Wiebeke Kruse

Denny Krietzsch

Die Magdeburger Bildhauerschule in Glückstadt – Leben und Wirken Georg Kriebels, Hofbildhauer Christians IV (1583–1645)

Gerhard Köhn †

Das Glückstädter Schloß Glücksburg – Sein Verfall und sein Abbruch um 1700

Sven Wiegmann

Das Provianthaus der Festung Glückstadt

Holger Reimers, Susanne Kreth

Das Provianthaus in Glückstadt. 1705 bis 2013

Gerhard Köhn †

Der Ingenieurmajor Christian Gottfried von Dilleben in der Festung Glückstadt im 18. Jahrhundert

Ulrich Euent

Die Glückstädter Werkstatt des Orgelbauers Johann Matthias Schreiber (1716–1771)

Kay Blohm

Von Glückstadt nach Christiansborg / Ghana

Jan Ocker

Das Herzogtum Holstein in den Jahren 1848–1851. Eine Spurensuche zum Verhältnis von dänischer zu schleswig-holsteinischer Gesinnung im heutigen Kreis Steinburg

Fritz Treichel †

Bedeutende, heute unbekannte Glückstädter

Joachim Stüben

August Twesten (1789–1876), ein lutherischer Theologe und Schleiermacher-Schüler aus Glückstadt

H.-Peter Widderich

Bildende Künstler in und um Glückstadt

H.-Peter Widderich

Der Tiermaler August Schenck (1821–1900) – Ein Glückstädter in Frankreich – Hommage á Geerd Spanjer (1905–1992)

Norbert Meinert

Zur Geschichte der „Vereinigung ehemaliger Primaner"

Reimer Möller

Die Polizeiverwaltung der Stadt Glückstadt in der NS-Zeit

Mareke Habakuck

Es führt ein Weg aus Glückstadt!?

Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt †

Detlefsen-Gesellschaft Glückstadt e.V.

Autoren

Vorwort

Liebe Freundinnen und Freunde der Detlefsen-Gesellschaft,

Glückstadt feierte in diesem Jahr das 400jährige Stadtjubiläum und die Detlefsen-Gesellschaft sieht es als ihre Verpflichtung an, einen Beitrag zu diesem besonderen Stadtgeburtstag zu leisten. Aus diesem Grund erschien bereits im April 2017 die Sonderpublikation „Festung Glückstadt" mit über 200 Seiten in Farbe zur Festungsgeschichte der Stadt. Nun wird mit diesem Band die zweite Sonderpublikation dem geneigten Leser vorgelegt. Die 400jährige Geschichte der Stadt wird in Schlaglichtern anhand ausgewählter Aufsätze aus den letzten Jahren beleuchtet. Viele dieser Arbeiten wurden in bereits vergriffenen Vortragsheften der Detlefsen-Gesellschaft oder den Steinburger Jahrbüchern in den letzten Jahren veröffentlicht, sollen an dieser Stelle aber den Geschichtsinteressierten Bewohnern Glückstadts und der Elbmarschen erneut angeboten werden. Um die Authenzität zu wahren, wurde bei älteren Beiträgen darauf verzichtet, die alte an die neue Rechtschreibung anzupassen.

Das Interesse an der eigenen Geschichte war von jeher in Glückstadt groß, bedingt durch das Wirken Prof. Dr. Detlef Detlefsens und dem von ihm als eines der ältesten Museen in Schleswig-Holstein gegründeten Detlefsen-Museums. Auch die im Sinne ihres Namensgebers wirkende Detlefsen-Gesellschaft hat daran einen großen Anteil, erforscht sie doch seit nun mehr 96 Jahren die Geschichte Glückstadts und der Elbmarschen und trägt mit ihren Publikationen dazu bei, das Wissen um die Geschichte der Region zu bewahren. Immerhin ist es für eine Stadt in der Größe Glückstadts eher ungewöhnlich, sich mit einer qualitätsvollen periodischen Publikation wie den jährlich erscheinenden Vorträgen der Detlefsen-Gesellschaft und den Sonderpublikationen zu präsentieren.

Ich danke allen direkt und indirekt Beteiligten für ihr Engagement für die Geschichte unserer Region und deren Vermittlung in interessierte Mitbürger und Mitbürgerinnen.

Borsfleth im Oktober 2017 Christian Boldt M.A.

Georg Günther Kröll und die

Festung Glückstadt – Eine Spurensuche

Christian Boldt

In allen Epochen der Menschheitsgeschichte hat es eine mehr oder weniger entwickelte Wehrbautechnik gegeben. Durch bauliche Maßnahmen sollten passiver Schutz und aktive Abwehr gewährleistet werden. Es kann hier nicht auf die ganze geschichtliche Entwicklung dieser Verteidigungstechnik eingegangen werden, doch soll ein kurzer Blick in die Epoche vor Daniel Specklin und Georg Günther Kröll den fundamentalen Wandel im Festungsbau zu ihrer Zeit sichtbar machen.

Die mittelalterliche Befestigung bestand hauptsächlich aus einer möglichst dicken und hohen Mauer, die dem Feind den nötigen Widerstand gegen Durchbruch und das Erklettern bot. Oft wurde zudem direkt vor der Mauer ein Graben angelegt, der den Angreifern das Anstürmen erschweren sollte. Die Ecken der Ringmauer und besonders lange Mauerabschnitte waren mit eckig oder halbrund vorspringenden Türmen besetzt, um eine Verteidigung der Mauer durch Bestreichen mit Geschossen zu erreichen.¹ Besondere Sorgfalt beim Befestigungsbau erfuhren die Stadttore, die durch Vorwerke gesichert wurden, aber auch Anlass zu repräsentativer Selbstdarstellung gaben: Eine aufwendige Architektur und reicher heraldischer Schmuck zeugten von der Macht und dem Stolz der Stadt.²

Belagerung einer Burg im Mittelalter. Quelle: K.A. Mayer, Geschichte in Bildern, Band I, Stuttgart o.J., S. 45.

Angriff auf die Burg. Quellen: K.A. Mayer, Geschichte in Bildern, Band I, Stuttgart o.J., S. 45.

Über welche Mittel verfügte der Angreifer? Der Angriff beruhte im Wesentlichen auf dem Einsatz von mechanischem Kriegsgerät, das seine Vorbilder in der römischen Antike hatte. Mit den Steinschleudern, die Steinkugeln von 50 bis 70 Pfund schleudern konnten, sollten die Mauern zum Einsturz gebracht werden, was jedoch nur bei schwachen Mauern möglich war. Die Stadtumwallung mit ihren Mauern und Türmen war zur Verteidigung gut geeignet und bot der Bevölkerung den nötigen Schutz. Lange Belagerungen und Aushungern der Besatzung waren die oft erfolgreicheren Mittel zur Eroberung.

Das Aufkommen der Feuerwaffen verursachte eine tiefe Zäsur in der Geschichte der Wehrbautechnik. Immer wirkungsvollere, schnellere Geschütze machten seit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert die Anpassung der mittelalterlichen Wehrbauten an die neue Waffentechnik zwingend erforderlich. Burgen und Stadtbefestigungen des ausgehenden Mittelalters waren den neuen Zerstörungskräften nicht mehr gewachsen. So wurde 1453 die mächtigste Stadt Europas, Konstantinopel, mithilfe von Geschützen durch die Türken eingenommen. Mohammed II. zerschmetterte mit 800 Pfund schweren Geschossen seiner riesigen Geschütze die Mauern. Die Zerstörungskraft der gewaltigen Geschütze verbreitete seitdem Angst und Schrecken im christlichen Abendland.³ Das Geschehen machte die verheerende Wirkung der Kugeln auf die mittelalterlichen Stadtmauern mit ihren hohen Wehrtürmen deutlich. Durch die Gewalt des Schusses wurden riesige Breschen in die dicken und hohen Mauern geschlagen.

41 Jahre später beschrieb Niccoló Machiavelli die zerstörerische Wirkung der Feuerwaffen. Eindrucksvoll schilderte er mit folgenden Worten seine Erlebnisse im Jahre 1494 bei den Kriegszügen Karl VIII. in Oberitalien: „Nichts desto weniger flogen durch die Gewalt des Salpeters, woraus das Pulver gemacht wird, bei der Entzündung die Kugeln mit so erschrecklichem Donner und erstaunenswürdiger Kraft durch die Luft, dass man, noch ehe dieses neue Kriegswerkzeug zu größerer Vollkommenheit gebracht wurde, über alle Werkzeuge lächeln musste, deren sich die Alten […] bei der Belagerung der Städte bedient hatten."⁴ Anschaulich beschreibt Machiavelli die vorher nicht bekannten Sinneseindrücke. Rauch und Donner trieben die Kanonenkugeln auf nicht wahrnehmbarer Flugbahn in rasanter Geschwindigkeit gegen ihr Ziel. Nahezu unsichtbar flogen die Kugeln heran und hinterließen Zerstörungen unbegreiflichen Ausmaßes.

Abschnitt der rekonstruierten Stadtmauer von Istanbul (Konstantinopel). Foto: C. Boldt.

Die Bewältigung des von diesen neuen Waffen ausgelösten Angstphänomens konnte nur gelingen, indem der Versuch unternommen wurde, die scheinbar unerklärlichen Vorgänge wissenschaftlich zu ergründen.⁵ Ein begreifliches, auf Vernunft basierendes System von Angriff und Verteidigung sollte helfen, die wütende Zerstörungskraft in geordnete Bahnen zu lenken. Die mathematischen Wissenschaften gewannen in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung, auch und gerade für die Entwicklung eines neuen Verteidigungssystems, das dem modernen Kriegswerkzeug stand zu halten vermochte. Genaue ballistische Berechnungen und die rasant fortschreitende Entwicklung der Vermessungskunst ermöglichten es zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die Kugelflugbahn zu bestimmen und als Schusslinie auf Papier zu bringen. Dieses „Kartieren sich kreuzender Schusslinien wurde von Künstlern und Ingenieuren wie Leonardo da Vinci, Baldassare Peruzzi, Giuliano da Sangallo und Francesco de Marchi genutzt, um ein neues Verteidigungssystem zu entwickeln. Ziel war es, den für die Verteidigung effektivsten Grundriss zu entwerfen, der eine Flankierung aller Bauteile und die Beseitigung des „toten Winkels, des nicht einsehbaren und deshalb nicht bestreichbaren Mauerabschnitts, ermöglichte.⁶ Ausgangspunkt dieses Systems war das Prinzip des Bestreichens oder auch Flankierens: Die Schüsse der Verteidiger mussten an den Mauerlinien aller Befestigungswerke entlang streichen, um das Eindringen des Feindes zu verhindern.Fast alle bedeutenden Militärschriftsteller des 16. Jahrhunderts sahen in der Beseitigung dieses „toten Winkels die Triebfeder der Entwicklung neuer Befestigungsformen. Die Schusslinie der Kanone und der Sehstrahl des anvisierenden Auges gaben als auf das Blatt projizierte Linien dem einzelnen Befestigungswerk und dem gesamten Verteidigungssystem ihre Grundform.⁷ Die daraus entwickelte geometrische Form wurde zum entscheidenden Kriterium der Wehrhaftigkeit. So schreibt Niccoló Tartaglia 1554 in seinen „Quesiti e inventione diverse, dass nicht die Masse (Substanz), sondern die Form der Mauern ihre Qualität bestimme.⁸

Ausgehend von geometrischen Grundfiguren wie Quadrat, Dreieck und Polygon entstand nicht nur auf dem Papier ein kompliziertes Sternmuster, das die Stadtanlage wie ein Leuchtkranz umgab. Im Kreis sahen die Festungsbaumeister den unausweichlichen Ausgangspunkt für jeden guten Festungsentwurf, womit sie einer Symbolik verhaftet blieben, die im Kreis die Harmonie des Weltkreises repräsentiert sah. Daniel Specklin benennt in seinem Traktat ausdrücklich diese Bedeutungsebene, wenn er schreibt: „Es kann nichts gebawet werden / es muß sein maß und Proportion haben / und dieselbig kann durch anders nicht / dann durch Circkel zu Wegen gebracht werden / durch welches Hülff ein jedes Ding in sein gewiß corpus gefaßt wird. Denn secht an den Himmel vnnd alles daran gehet oder laufft / ist alles von Gott dem Allmächtigen / inn ein Circkelrunde gefasst / deßgleichen Sonn und Monn / und das Erdrich hat alles ein Circkelrundes Corpus."

Zeichnung von Daniel Specklin. Quelle: Daniel Specklin, Architectura von Vestungen, in: The Printed Sources of Western Art 5, ed. by Th. Besterman, Portland 1972, S. 57/58.

Zeichnung von Daniel Specklin. Quelle: Daniel Specklin, Architectura von Vestungen, in: The Printed Sources of Western Art 5, ed. by Th. Besterman, Portland 1972, S. 99/100.

Die mathematisch berechnete kristalline Struktur der Festungssterne war Ausdruck absoluter Gewissheit. Einem kunstvoll geschliffenen Diamanten gleich waren polygonale Festungssterne der Inbegriff von Festigkeit, mathematischer Perfektion und ästhetischer Vollkommenheit.¹⁰

Jedoch tat man sich mit der Umsetzung schwer. In den letzten Jahrzehnten des 16. und den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts trieben die europäischen Herrscherhäuser zwar zahlreiche symmetrisch und regelmäßig konzipierte Neuplanungen der großen Städte voran. Dazu zählen u.a. die königlichen Plätze in Paris durch Heinrich IV. (1604–1606) und die Plaza mayor von Madrid (1617). Jedoch blieben große Entwürfe für ganze Stadtorganismen wie die Pläne für Göteborg (1620), Kopenhagen (1629) und Stockholm (1640) entweder auf dem Papier oder wurden nur allmählich umgesetzt.¹¹

In diesem Zusammenhang stellt die Gründung Glückstadts (1617) eine Besonderheit dar. Hier wurde eine Stadt nach einem idealen Plan in eine unbebaute Landschaft gesetzt und dieser Plan nur leicht an die geografischen Gegebenheiten angepasst. Glückstadt wurde zwar im kleinen Maßstab geplant, ist jedoch schnell zur drittgrößten Stadt des dänischen Gesamtstaates nach Kopenhagen und Flensburg herangewachsen (gemessen an der Bevölkerung). Der Glückstädter Stadtgründer Christian IV. (1577–1648) war ein gebildetes Staatsoberhaupt mit einem ausgesprochenen Interesse für Architektur. Für ihn war die Stadt ein wichtiges Glied in der staatlichen Organisation. Mit ihren Häfen und den Kanälen sah Christian IV. Glückstadt als Element des neuen Merkantilismus, begriff die Stadt aber auch als soziales Gefüge, in dem jede Bevölkerungsschicht ihren ordentlichen Platz hatte, die Korporationen, die Bürger, die Seeleute, die Soldaten und die Armen. Christian IV. sah die Stadt als Gesamtkunstwerk, die so „auf verschiedene Weise der Idealstadt der Renaissance sehr nahekam".¹²

Leider sind die Pläne bis heute verschollen. Es wäre möglich, dass der Architekt, Maler, Offizier und Kartograph Georg Günther Kröll der Urheber dieser Pläne war.

Zu seiner Biographie gibt es bisher in der Glückstadt-Literatur leider nur sehr wenig. Gerhard Eimer vermutet zwar eine Beteiligung Krölls am Entwurf Glückstadts und Kersten Krüger mutmaßt auch, dass Kröll entscheidend am Stadtplan Glückstadts mitgewirkt hat, aber beweisen lässt sich das bisher nicht.¹³ Ich habe dies zum Anlass genommen, mich näher mit der Person Georg Günther Kröll zu beschäftigen, und hoffe im Laufe meiner Forschungen den Urheber der Glückstadt-Pläne ausfindig machen zu können.

Der Name Georgius Ginther Kröl von Bemberch taucht in verschiedenen Schreibweisen in der Literatur auf, so zum Beispiel als Georg Ginther Crail von Bamberg und Georg Günther Kraill von Bemebergh.¹⁴ Über seine Herkunft ist nur wenig bekannt. Das Attribut „von Bemberg bezieht sich nicht auf die oberfränkische Stadt Bamberg. Der Name „Kröll lässt sich anhand der dortigen Unterlagen des Stadtarchives nicht nachweisen. Auch wann er geboren wurde, war in Deutschland lange unbekannt. Auf die richtige Spur kommt man allerdings, wenn man sich ein Ölporträt (115 x 210 cm) eines in voller Körpergröße dargestellten stattlichen schwedischen Offiziers betrachtet, welches im Schloss Skokloster nördlich von Stockholm hängt. Rechts neben dem Kopf des Offiziers ist sein Wappen abgebildet, links steht folgende Inschrift: I(pse). N(omine). T(itulo). / Georg. Ginther. Kräill. / De. Bemeberg. Philomathes / Natus. Anno Christi. 1625. / -. μ &. 68921 = 1625 - 41 = 1584. 13. October / Pinxit Anno Christi 1624. Der königlichschwedische Kapitän Georg Ginther Kräill von Bemeberg, der sich mit seinem Hund selbst porträtiert hat, bezeichnet sich hier als Liebhaber des Wissens bzw. der Mathematik und verschlüsselt sein Geburtsjahr auf kuriose Weise: 1625 weniger die Kubikwurzel von 68921 = 1625-41 =1584.

Kröll tritt für uns 1617 in das Licht der Geschichte. Utrecht, den 8. August 1617, sind die Widmungsbriefe datiert, die „Georg Ginther Kröll von Bemberg bzw. „Georgius Ginther Kröl von Bemberch an den dänischen König Christian IV. sowie den dänischen Feldmarschall und Statthalter im Fürstentum Schleswig-Holstein Gerd Rantzau richtet und die er in seinem 1618 in Arnhem in den Niederlanden gedruckten dreibändigen Werk „Tractatus Geometricus et Fortificationis ... vorausschickt. Er erklärt in dieser Widmung, dass er im Dienst des dänischen Königs und Statthalters gestanden und die große, von letzterem empfangene Guttat nicht vergessen habe. Anschließend an den hier umschriebenen dänischen Dienst hat er offenbar in den Niederlanden studiert. Er hat das ausführliche und mit zahlreichen Kupferstichen versehene Werk zur Geometrie und Architektur in seiner „Hochteutschen Muttersprach geschrieben, um „so vil in meinem Vermogen stehet, den Teutschen Namen helfen zu furdern".¹⁵

Georg Günther Kraill von Bemeberg, Selbstporträt mit Hund von 1624. Quelle: Sammlung Schloss Skokloster in Schweden.

Nach seiner Zeit in dänischen Diensten trat Kröll 1620 als Kapitän und Fortifikationsingenieur in schwedische Dienste und machte dort rasch Karriere. Das war nicht ungewöhnlich, denn Gustav Adolf II. von Schweden hatte bereits 1611 seinen Ingenieur Monickhoven nach Holland geschickt, um niederländische Ingenieure anzuwerben, die damals als führend auf ihrem Gebiet galten. Er sah in Moritz von Oranien seinen Lehrmeister in der Kriegs- und Befestigungskunst und stand in brieflichem Kontakt mit dessen Theoretiker Simon Stevin, der die Ausbildung der Ingenieure an der Universität Leiden beachtlich vorangebracht hatte. Auch erkannte Kröll die Bedeutung der Niederländer für die Stadtplanung seines Konkurrenten Christian IV., dessen neue Stadtanlagen in den an Schweden grenzenden Provinzen Schonen, Halland und Blekinge den Anstoß für die schwedische Stadtplanung gegeben hatte. Im Jahre 1613 setzte der König ein Ingenieurkorps aus überwiegend ausländischen Technikern ein, die die Grundlagen für die schwedische Militärkartographie legten.

In diesem Zusammenhang steht das erfolgreiche Wirken Georg Günther Krölls in schwedischen Diensten. Er nahm 1621 an der Belagerung von Riga teil, stieg 1622 zum Feldquartiermeister in Preußen auf, 1628 zum Generalquartiermeister in Pommern, 1630 zum militärischen Kommissar auf Rügen, 1635 zum Oberst und Generalquartiermeister (übrigens laut einer schwedischen Quelle zum ersten überhaupt in der schwedischen Geschichte) und wurde 1636 pensioniert.¹⁶

Titel des dritten Teiles von Georgius Ginther Kröl von Bemberch, Tractatus Geometricus et Fortificationis, Arnheim 1618.

Kröll machte sich nicht nur als Offizier und Ingenieur, sondern auch als Kartograph, Kupferstecher und Porträtmaler einen Namen. 1621 fertigte er eine Karte zur Belagerung von Riga an. 1634 wurde er in den schwedischen Ritter- und Adelsstand erhoben. Nach seiner ersten Ehe mit Dorothea Brackel, der Tochter des Kommandanten von Gent Jobst Eberhard Brackel und Witwe des schwedischen Statthalters von Kalmar, Henrik Camhus, schloss er um 1624 eine zweite Ehe mit Christine von Massenbach, der Tochter des Statthalters des Schlosses in Stockholm Hans von Massenbach aus der preußischen Linie des schwäbisch-fränkischen Geschlechts. Diese brachte ihm das Gut Ökna (heute Herrökna) in Södermanland ein. Kröll starb dort am 1. Januar 1641 und wurde in der benachbarten Kirche von Gryt begraben. Seine dort noch erhaltene steinerne Grabplatte ziert das Doppelwappen Kräill-Massenbach und eine Inschrift, in der er als „den edle och welborne Herre Herr Georg Günter Kräll von Benenberg, Herre till Ockna och Mora" bezeichnet wird.

Seine Herkunft war in Schweden immer bekannt. Es war kein Geheimnis, dass Georg Günther Kräill von Bemeberg aus Süddeutschland stammte. Seine genauere Herkunft blieb jedoch im Dunkeln. Seit G. Anrep, „Svenska Adelns Ättar-Taflor" von 1858, finden sich zwar in schwedischen historiographischen Werken Angaben über seine angeblichen Eltern und Großeltern (sein Vater sei Jacob Crail/Krail von Bamberg/ Bemebergh, Oberst zu Fuß und Kommandant in Ulm, gewesen, seine Mutter Magdalena von Neippberg, sein Großvater ein Georg Crail/Krail von Bamberg/Bemebergh), aber es gelang weder diese Personen zu identifizieren noch überhaupt ein solches Geschlecht zu finden oder auch nur den mysteriösen Ort Bemberg/Bemebergh aufzuspüren.

Im Zusammenhang der Recherchen zu Georg Günther Kröll bin ich dann auf eine Untersuchung zu den Kröll von Grimmenstein im „Jahrbuch des Historischen Vereins für Württembergisch Franken von 1985 gestoßen, die Walther Ludwig durchgeführt hatte. Er beschäftigte sich darin mit dem Geschlecht der Kröll – eben diesem Geschlecht der Kröll, dem auch der Verfasser des Werkes „Tractatus Geometricus et Fortificationis angehört. Sein Vater und Großvater hießen nicht wie in Schweden angenommen Jakob und Georg, sondern Eberhard und Johann Jakob Kröll. Nur der Name seiner Mutter Magdalena von Neippberg hat sich bestätigt. Von seinem Vater ist nicht bekannt, dass er Kommandant und Oberst in Ulm gewesen wäre, wohl aber war sein Bruder, Johann Reinhard Kröll, 1631 Oberst der Ulmer Garnison.¹⁷

Keiner von all diesen Kröll nannte sich je Kröll von Bemberg, auch wenn sein Vater Eberhard für kurze Zeit das Hofgut Bemberg bei Gerabronn besaß. Hiermit sind nun die wahren Vorfahren von Georg Günther Kräill (so wird er in Schweden genannt) gefunden. Auch „Bemberg" ist aufgetaucht. Beachtenswert ist, dass sich in seinem 1618 gedruckten Werk noch die Namensform Kröll findet. Auf den richtigen Weg führt dann die Erkenntnis, dass das Wappen der deutschen Kröll und der schwedischen Kräill formal identisch ist. Im Schild befinden sich jeweils zwei gekreuzte zweizinkige Geräte, sogenannte Kröle, auf einem Dreiberg. Kröl oder Kräuel nannte man früher ein Gerät, das an einer Stange mehrere im rechten Winkel abstehende spitze Zinken hatte und das man unter anderem dazu verwenden konnte, Fleisch oder Wurst aus einem siedenden Kessel zu holen. Die Helmzier zeigt entweder ein zweischwänziges Fischweib oder eine bekleidete Frau, die je einen Fisch in ihren Händen hält. Hier ist es eine Frau. Dieses Wappen ist seit 1392 in der Familie bezeugt. Seine Farben sind seit dem 16. Jahrhundert bekannt: Schwarze Kröle stehen in weißem Schild auf einem gelben Dreiberg (siehe auch Abbildung Seite Seite →). Georg Günthers Wappen weicht davon nur durch einen grünen Dreiberg ab.

Stadtkirche Waldenburg, Totenschild des Amtmanns Christoph Kröll. Foto: B. Peter.

Zum Beinamen „von Bemberg ist Georg Ginther Kröll vermutlich über das bereits erwähnte Gut Bemberg gekommen, das sein Vater 1591–1597 besaß. Stammsitz des Geschlechts ist Bemberg keineswegs und vor Georg Günther hat sich auch kein Kröll nach Bemberg benannt. Es scheint, dass er, als er in dänische Dienste trat, das Bedürfnis gehabt hat, seine adlige Herkunft zu dokumentieren. Da die Krölls keinen Stammsitz besaßen, griff er zu dem Namen des Gutes, das sein Vater kurze Zeit besessen hatte. 1636 benutzte er sogar die Formel „erbgesessen zu Bemeberg. Die Erfindung diente sicherlich der Stützung seines adligen Status in Schweden.¹⁸


1 Zum Wehrbau im Mittelalter ist besonders das Standardwerk der Burgenkunde zu empfehlen: Bodo Ebhardt, Der Wehrbau Europas im Mittelalter, Würzburg 1998[Reprint].

2 Vgl.: Marion Hilliges, Das Stadt-und Festungstor, Berlin 2011, S. 23.

3 Zur Belagerung Konstantinopels siehe Dudley Pope, Feuerwaffen. Entwicklung und Geschichte, Wiesbaden 1971, S. 36ff.

4 Niccolò Machiavelli: Sämtliche Werke in 8 Bänden, aus dem italienischen übersetzt von Johann Ziegler, Bd. 3, Karlsruhe 1833, S.311f.

5 Zur Bewältigung der Angst vgl. den Einführungsvortrag von Prof. U. Reinisch Angst, Sublimierung und Kulturierung auf der Tagung „Festung im Fokus – Mathematische Methoden in der ‚architectura militaris‘ des 16. und 17. Jahrhunderts und ihre Sublimierung in der ‚architectura civilis‘", 3.10.2008-5.10.2008 in Dresden.

6 Christof Baier/Marion Hilliges: Festungsbau als mathematische Kunst, in Maß, Zahl und Gewicht, Berlin 2008, S. 108.

7 Christof Baier/Ulrich Reinisch: Schußlinie, Sehstrahl und Augenlust: zur Herrschaftskultur des Blickens in den Festungen und Gärten des 16. bis 18. Jahrhunderts, in: Visuelle Argumentationen: die Mysterien der Repräsentation und die Berechenbarkeit der Welt, hg. Von Horst Bredekamp, München 2006, S. 35-59.

8 »[…]per la forma delle sue mura, & non per la materia […]«. Machiavelli zitiert nach Wolfgang Schäffner, Diagramme der Macht, in: Politische Räume. Stadt und Land in der Frühneuzeit, Berlin 2003, S. 135.

9 Daniel Specklin, Architectura von Vestungen, in: The Printed Sources of Western Art 5, ed. by Th. Besterman, Portland 1972, Vorrede zum Inhalt, Capitel II.

10 Baier/Hilliges 2008, S. 110.

11 Zu Göteborg: Henning Langenbach, Festungsbau in Göteborg. Bauruine und Rekordprojekt: 1619-1660, Hamburg 2004 (Beiträge zur deutschen und europäischen Geschichte, Band 32).

12 Gerhard Eimer, Die Stadtplanung im schwedischen Ostseereich 1600-1715, Stockholm 1961, S. 153.

13 Ebenda, S. 156 f.; Kersten Krüger, Albrecht Dürer, Daniel Speckle und die Anfänge frühmoderner Stadtplanung in Deutschland, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, 67 (1980), S. 94.

14 Vgl., dazu den Thesaurus-Eintrag zu Kröl von Bemberg, Georgius Ginther auf http:// thesaurus.cerl. org/record/cnp00951473.

15 Tractatus Geometricus et Fortificationis, Arnheim 1618.

16 Walther Ludwig, Georg Günther Kröll und der Hof Bemberg bei Gerabronn, in: Jahrbuch des Vereins für Württembergisch Franken 69 (1985), S. 267-281.

17 Walther Ludwig, Georg Günther Kröll und der Hof Bemberg bei Gerabronn, in: Jahrbuch des Vereins für Württembergisch Franken 69 (1985), S. 267-281.

18 Ebda.

König Christian IV. (1588-1658)

und die Elbmarschen

Ernst-Adolf Meinert¹⁹ †

Zur Person

Christian IV. ist der volkstümlichste dänische König, trotz seiner Niederlagen. Das romantische Lied „Kong Christian stod ved ho/jen mast..." ist eine bekannte Hymne. In Glückstadt ist seit 1980, als ein Gedenkstein an der Kirche eingeweiht wurde, geradezu ein Christian-Fieber ausgebrochen: ein Lokal am Markt, ein Sportverein und eine Schule erhielten seinen Namen.

Er wurde am 12. April 1577 auf Schloss Frederiksborg geboren. Sein Vater war König Friedrich II., seine Mutter Sophie von Mecklenburg-Güstrow. Nach dem Tode seines Vaters 1588, Christian war minderjährig, wurde zunächst eine Vormundschaftsregierung unter seiner Mutter und Mitgliedern des Reichsrates eingesetzt. 1593 übernahm er in Schleswig und Holstein, 1596 in Dänemark und Norwegen die Herrschaft als siebenter Oldenburger. Er gilt als der erste richtige Däne auf dem Thron. Neben Dänisch und Deutsch sprach er noch Latein, Französisch und Italienisch. 1597 heiratete er Anna Katharine, die Tochter des Hohenzollern Joachim Friedrich, damals Administrator des Erzbistums Magdeburg, 1598–1608 Kurfürst von Brandenburg. Nach dem Tode seiner Frau heiratete er Kirstine Munck zur linken Hand. Die letzten 20 Lebensjahre begleitete ihn die Bauerntochter Wiebeke Kruse aus Föhrden-Barl. Christians vier Schwestern wurden politisch klug verheiratet und verschafften ihm weitreichende Familienverbindungen. Die älteste war mit Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel vermählt, die zweite heiratete König Jakob von England, den Sohn der Maria Stuart, die dritte den Herzog Johann Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf, die vierte den Kurfürsten Christian II. von Sachsen.

Büste Christian IV. Foto: Norbert Meinert, 2014.

Herrschaftsgebiet

Zu seinem Herrschaftsgebiet gehörte Dänemark mit seinen heute schwedischen Gebieten Halland, Schonen und Blekinge. Auch die Ostseeinseln Ösel, Gotland, Öland und Bornholm gehörten dazu. Christian war auch König von Norwegen mit seinen umfangreichen Nebenländern Island, Grönland und den Färöern. Von Schleswig und Holstein gehörte ihm der königliche Anteil, den gemeinschaftlichen regierte er in jährlichem Wechsel mit Gottorf. Insgesamt beherrschte er eine riesige Fläche, aber nur knapp eine Million Menschen. Die Wirtschaftskraft war halb so groß wie die des kleinen Herzogtums Württemberg. Haupteinnahmequelle war der Sundzoll, den König Erich von Pommern 1426 eingeführt hatte.

Politik

Seine Ostseepolitik wurde beeinflußt durch die Erinnerungen an die Kalmarer Union, als Dänemark die drei nordischen Reiche dominierte. Schweden unter dem Hause Wasa war ausgeschert, jetzt gab es Spannungen zwischen der evangelischen Linie in Schweden und Finnland und der katholischen, die in Polen regierte. Nachdem 1611 der schwedische König Karl IX. gestorben war, griff Christian ein. Er wandte sich gegen Gustav Adolf, den jungen Nachfolger. Der Streit ging um den Titel „König der Lappen den beide Häuser beanspruchten. Christian führte den sogenannten „Kalmarkrieg (1611–1613) vorwiegend mit deutschen Söldnern, die Herzog Georg von Braunschweig-Lüneburg und Herzog Ernst-Ludwig von Sachsen-Lauenburg angeworben hatten. Im Mai 1612 wurde die Elfsborg am Götaelv, einziger Zugang Schwedens zum Kattegatt, im August Kalmar erobert. Jetzt mischten sich die Seemächte England und die Niederlande ein und vermittelten den Frieden von Knäred. Elfsborg blieb bis 1619 in dänischer Hand, bis Schweden die ausgemachten 1 Millionen Rtlr. bezahlt hatte. Dies Ergebnis war enttäuschend. Eine Entscheidung war nicht gefallen. Lediglich die dänisch-schwedische Feindschaft war vertieft worden.

Christian wandte sich nun den Problemen an der Südgrenze seines Reiches zu. Da war zunächst die Stellung zu Hamburg. Die Stadt beherrschte den Elbhandel, besonders den mit Getreide. Hier war die Stadt Krempe tangiert. Seit 1598 wurde die Stadt als Festung erneuert, doch der König kam zu der Einsicht, daß Krempe als Basis gegen Hamburg ungeeignet war. Ein Versuch mit Itzehoe brachte auch nicht viel. 1609 mußten die Bauern auf dem Broock an der Stör eine Sandwurt auffahren zum Bau einer Schiffswerft. Hier wurde die „Makellos auf Kiel gelegt, ausgebaut und ausgerüstet. Doch die Fahrt zur Elbe geriet zum Fiasko. Bei Schloß Heiligenstedten kam das Kriegsschiff auf Grund, kenterte, als die Ebbe fortschritt, und lief voll Wasser, als die Flut einsetzte (5. August 1612). Man brauchte zwei Jahre, um es wiederaufzurichten. Den König wird kaum getröstet haben, dass das schwedische Kriegsschiff „Wasa in Stockholm nach nur 800 m Fahrt kenterte und versank. Nach diesen Misserfolgen richtete der Dänenkönig den Blick auf die Rhinmündung, den südlichsten Punkt seines Herrschaftsgebietes an der Elbe, denn auf der anderen Rhinseite hatte der Schauenburger Graf mit Stammlanden an der Weser zu sagen. Er beschloss, hier eine Stadt, eine Festung und einen Kriegshafen zu bauen. Dazu musste das Gebiet eingedeicht werden. Über Anlage und Befestigung der Stadt berichtete der erste Stadtschreiber Wulber Gabel. Die Nachricht fand sich im Knopfe des 1648 abgewehten Glückstädter Kirchturms: „1616 ist diese Stadt Glückstadt abgestochen, 1618 ist die Kirche zu bauen angefangen. 1619 auf Allerheiligen, da ist die erste Predigt in der Kirche geschehen. 1620 ist der Wall hinter der Kirche angefangen und den Sommer 10 Compagnien dänische Soldaten daran gearbeitet und ist auch der Haffen gemacht worden. 1621 ist das Fleth in der Stadt verfertiget. 1620, den 3. Februar haben nebst dem ersten Bürger-Meister Weichbolt von Ancken und Wülber Gabel²⁰, Stadtschreiber, und 70 Einwohner ihren bürgerlichen Eyd geleistet."

Alle diese Maßnahmen waren gegen Hamburg und dessen Anspruch auf Selbständigkeit gerichtet. Die Stadt klagte vor dem Reichskammergericht in Speyer. Dessen Spruch vom 6. August 1618 erkannte Hamburgs Reichsunmittelbarkeit an. Dagegen setzte Christian Gewalt. Er zog Truppen zusammen, errichtete bei Fuhlsbüttel ein befestigtes Lager und blockierte die Stadt. Hamburg mußte nachgeben. 1621 kam der Steinburger Vertrag zustande. Er sah die Erbhuldigung und eine erhebliche Geldentschädigung vor. Christian hatte gesiegt, wenn auch um den Preis der Hamburger Gegnerschaft. Mit großen Städten hatte er kein Glück. 1605 und noch einmal 1615 eilte er seinem Schwager Herzog Heinrich Joachim von Braunschweig-Wolfenbüttel zur Hilfe, als dieser versuchte, Braunschweig zu erobern – in beiden Fällen vergebens. Die Gründung Glückstadts richtete sich nicht nur gegen Hamburg, sie war auch nützlich in der Bistumspolitik. Seit der Reformation diente der Landbesitz der Bischöfe zur Versorgung nachgeborener Fürstensöhne. So wurde der jüngste Bruder Christians, Herzog Ulrich, Bischof von Schleswig und residierte in Schwabstedt. Als er 1624 starb, zog Christian den Landbesitz kurzerhand ein und machte daraus das Amt Schwabstedt. Die Gottorfer Herzöge beanspruchten das Bistum Lübeck mit Eutin, dazu das Erzbistum Bremen mit Bremervörde und Stade. Herzog Johann Friedrich war 1596–1634 Bremer Erzbischof. Die Welfen besaßen die Bistümer Verden und Osnabrück. Das waren lediglich Gewohnheitsrechte, hier konnte ein unternehmungslustiger Fürst einhaken. So betrieb Christian seit 1617 den Plan, seinen damals achtjährigen zweiten Sohn Friedrich als Nachfolger aufzubauen: als Koadjutor, als Gehilfe des Bischofs mit Nachfolgerecht. 1618 wurde Friedrich im Dom zu Verden als Koadjutor gewählt, 1621 zum Koadjutor in Bremen, 1624 in derselben Funktion in Halberstadt. 1622 Bischof in Verden. Für den Anfang waren das gute Erfolge, aber der Preis war hoch, denn die Gottorfer und die Weifen sahen ihre Versorgungsmöglichkeiten schwinden und reagierten feindlich. In diese Zeit fällt der Ausbruch des großen Krieges in Deutschland, des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648). Das Konzil zu Trient (1545–1563) hatte die katholische Kirche gegenüber den Reformationskirchen gestärkt. Diese waren in sich zerstritten: Lutheraner standen gegen Calvinisten, diese hatten sich wieder gespalten. Gegen die vordringende katholische Macht, getragen von den Jesuiten, schlossen sich die Protestanten zur Union zusammen. Oberhaupt wurde der reformierte Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz (1608). Dagegen formierten sich die katholischen Mächte in der Liga unter Herzog Maximilian von Bayern; beide stammten aus dem Hause Wittelsbach. Kurfürst Friedrich war der Schwiegersohn König Jakobs I. von England, er hatte damit eine Nichte König Christian IV. geheiratet. Der große Krieg begann in Böhmen. Kaiser Rudolf hatte im Majestätsbrief 1609 den böhmischen Ständen volle Religionsfreiheit gewährt. Sein streng katholisch erzogener Nachfolger Ferdinand II. wollte den Majestätsbrief kassieren. Dagegen opponierten die böhmischen Adligen unter Führung des Grafen Matthias von Thum. Die kaiserlichen Statthalter wurden aus den Fenstern der Prager Burg gestürzt, Ferdinand als böhmischer König abgesetzt und der Führer der Union, Kurfürst Friedrich von der Pfalz, zum böhmischen König gewählt. Die katholische Liga ließ ihr Heer unter Tilly nach Böhmen einmarschieren. Die Truppen Friedrichs wurden am 8. November 1620 in der Schlacht am Weißen Berge geschlagen. Friedrich mußte fliehen, die Union löste sich auf. In Böhmen wurde ein furchtbares Strafgericht gehalten. Kurfürst Friedrich, der Winterkönig, wurde geächtet, verlor die Pfalz mit der Kurwürde an Bayern. Der Krieg gegen die Parteigänger des Winterkönigs zog sich nach Norden, nach Westfalen und an die Weser. Damit waren auch die Interessen des Niedersächsischen Reichskreises berührt. Seit der Reichsreform des Jahres 1521 war das Reich in Verteidigungskreise unter einem Kreisobristen eingeteilt. Zum Niedersächsischen Kreis gehörten Holstein, Mecklenburg, Sachsen-Lauenburg, Braunschweig-Lüneburg, Braunschweig-Wolfenbüttel, Holstein-Pinneberg, die Erzbistümer Magdeburg und Bremen, die Bistümer Halberstadt, Hildesheim, Lübeck, Ratzeburg und Schwerin und die Hansestadt Lübeck. Die Leitung hatten bisher im Wechsel die Erzbischöfe von Magdeburg und Bremen. Doch der Kreistag zu Lüneburg wählte König Christian IV. als Herzog von Holstein zum Kreisobristen. Damit wurde das Signal auf Krieg gestellt, denn Christian war entschlossen, gegen die Armee der Liga vorzugehen. Dazu schloß er Bündnisse mit England und den Niederlanden, obwohl die Unterstützung von dort gering bleiben mußte, weil beide Mächte im Krieg mit Spanien waren. Von Frankreich war wenig Hilfe zu erwarten. Lediglich einige Söldnerkontingente wurden zugesagt. Auch die Unterstützung durch die Norddeutschen hielt sich in Grenzen. Die Hansestädte blieben neutral, von dort kamen weder Geld noch Truppen. Gottorf und das Erzbistum Bremen waren feindlich gesinnt, Braunschweig-Lüneburg und Sachsen-Lauenburg hielten zum Kaiser. Die Mecklenburger waren willig, aber schwach, Magdeburg und Braunschweig-Wolfenbüttel mußten als schwer zu verteidigende Außenposten gelten. Schweden führte Krieg in Polen. Trotz dieser trüben Bilanz: König Christian IV. wollte losschlagen. Christians Armee zählte 18000 Mann, zumeist Deutsche. Er musterte sie auf der Nordoer Heide, dazu wohnte er auf der Steinburg. Die Artillerie zählte 46 Geschütze. Die dänische Flotte kreuzte in der Nordsee. Tilly stand in Ostwestfalen, Mansfeld am Niederrhein. Die dänische Armee querte die Elbe von Haseldorf nach Stade. Von dort ging der Vormarsch weiter über Bremervörde nach Rotenburg und weiter nach Verden. Die Kreishilfe, 7000 Mann, wurde auf der Loccumer Heide gemustert. Weiter ging es nach Hameln. Hier hatte der König Unglück: Beim Ritt über die Wälle der Stadt stürzte er mit dem Pferd in eine Grube und verletzte sich schwer. Das führte zu monatelangem Stillstand der Bewegungen, weil die Stellvertretung nicht geregelt war. Für den Winter zog sich die Armee auf die Weser-Elbe-Linie zurück, das Hauptquartier war Rotenburg. Inzwischen erhielt der deutsche Kaiser eine eigene Armee: Wallenstein stellte im Egerland ein Heer auf. Für ihn warb der Herzog von Braunschweig-Lüneburg Truppen an. König Christian war darüber empört. Wahrscheinlich gehört das berühmte Löwendenkmal, früher vor dem Glückstädter Schloß am Hafen, heute im Park von Rosenborg in Kopenhagen, in diesen Zusammenhang.

Ernst von Mansfeld verlegte seine Truppen nach Lauenburg, bei ihm war auch Christians Lieblingsneffe, der tolle Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel. Wallenstein konnte im Dezember 1625 einen ersten Erfolg erringen: Er eroberte die Dessauer Elbbrücke. Mansfeld rückte elbaufwärts vor bis in die Mark Brandenburg, der tolle Christian drang nach Hessen vor, mußte sich aber vor den Truppen der Liga zurückziehen. Auf dem Rückmarsch starb er, erst 26 Jahre alt – für Christian ein herber Verlust. Ein Angriff zur Rückeroberung der Dessauer Elbbrücke im April 1626 scheiterte. Im Juni zog Mansfeld, verstärkt von 10000 Mann unter Johann Ernst von Weimar, nach Schlesien und von dort über den Jablunka-Paß in die Slowakei. Er wollte den Fürsten von Siebenbürgen, Gabriel Bethlen, gegen den Kaiser unterstützen. Wallensteins Heer zog ihm nach. Aber Bethlen verglich sich mit dem Kaiser; Mansfelds Zug war vergebens. Er wandte sich nach Venedig. Auf dem Wege dorthin starb er in Sarajewo, sein Heer löste sich auf.

Das Löwendenkmal im Park von Schloß Rosenburg in Kopenhagen. Fotos: C. Boldt, 2012.

Inzwischen drang Tilly nach Norden vor und belagerte Göttingen. Christians Entsatzversuch kam zu spät. Die Stadt kapitulierte am 1. August 1626. Christian zog sich nach Norden in Richtung auf Wolfenbüttel zurück, von Tilly energisch verfolgt. Bei Lutter am Barenberge stellte er sich. Jede Seite zählte etwa 20000 Kämpfer. Nach hartem Ringen wurde Christian geschlagen und erlitt schwere Verluste. Er selbst entging nur knapp der Gefangennahme. 22 Geschütze und 73 Fahnen fielen Tilly in die Hände. Mit den Resten der Armee querte Christian die Elbe bei Schnakenburg. Tilly folgte nicht, sondern eroberte Hoya, Verden und Rotenburg. Die Elbe von Dömitz bis Glückstadt trennte zunächst die Gegner. Von Blankenese aus besetzte Christian erneut Buxtehude und Stade. England schickte 3000 Mann unter Oberst Morgan, Frankreich einiges Geld, die Niederlande 1,3 Millionen Gulden, die für die Ausrüstung der unfertigen Festung Glückstadt verwandt wurden. Jetzt begannen auch die Niedersächsischen Reichsstände von Christian abzufallen. Den Anfang machten der Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel und der Erzbischof von Bremen; die Mecklenburger Herzöge wollten Frieden vermitteln, die Hansestädte blieben abweisend. Dänemark rüstete neu, eine Kriegssteuer wurde beschlossen und im Ausland geworben. Franzosen, Schotten und Engländer kamen ins Land. Neue Führer waren Georg Friedrich von Baden und Graf Matthias von Thum. Inzwischen rückte Wallenstein aus Schlesien an, Tilly forcierte die Elbe, am 28. Juli wurde bei Bleckede eine Brücke geschlagen. Graf Thum räumte Lauenburg, der Markgraf von Baden ging auf Wismar und die Insel Poel zurück. Der kaiserliche Einbruch in Holstein erfolgte in

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