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Project Cross: Der Tod trägt rot

Project Cross: Der Tod trägt rot

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Project Cross: Der Tod trägt rot

Länge:
509 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 27, 2017
ISBN:
9783746084572
Format:
Buch

Beschreibung

Der Waisenjunge Jake Black sieht schwarz. Sein armseliges Leben scheint sich auf Langeweile und Gewöhnlichkeit zu beschränken. Umso größer ist die Überraschung, als es von einer Handvoll Zombies und allerlei anderen seltsamen Gestalten aus der Bahn geworfen wird. Und als wäre das nicht genug, gerät er in die Fänge einer dubiosen Organisation, für die er nicht mehr als ein Spielball ist. Seine Vergangenheit mutiert zum Lügen- und die Gegenwart zum Scheingebilde, was auch nicht durch seinen äußerst sarkastischen und zwielichtigen Begleiter Sly Osiris verbessert wird. Denn dieser hat selbst noch mit einigen Leuten ein Hühnchen zu rupfen ...
Herausgeber:
Freigegeben:
Nov 27, 2017
ISBN:
9783746084572
Format:
Buch

Über den Autor

Nick Richter, Jahrgang 1999, begann bereits in sehr jungem Alter, Geschichten zu schreiben. Allerdings störte und langweilte ihn stets die Beschränkung auf ein einzelnes Genre, weshalb er sich mit sechzehn Jahren dazu entschloss, jegliche Kategorisierung hinter sich zu lassen und eine Mixtur aus vielen verschiedenen Stilen zu schaffen. Nick Richter liebt Sarkasmus und Ironie, beides spiegelt sich überaus deutlich in seiner Arbeit wieder. Seine Artworks und Cover gestaltet er selbst. Er lebt mit keinem Hund im Südwesten Deutschlands.


Ähnlich wie Project Cross

Buchvorschau

Project Cross - Nick Richter

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ein neuer Auftrag

Jake

Eine erste Begegnung

Monster

Osiris

Das Haus

Im Untergrund

Noch tiefer im Untergrund

Operation

Gefangenentransport

Neuer tag, neue Probleme

Pech gehabt

Die Stadt Der Gesetzlosen

Joe

Flucht

Fragen und antworten

Bloody Jack

Empfangskomitee

Unbrauchbare Hinweise

Zwickmühle

Planänderung

Durchschaut?

Schlechte Nachrichten

Attentat

Planänderung

Das Team

Drabville

Der plan

Selbstmordkommando

Verletzungen und Aufzüge

Diskussionen und Chaos

Levelaufstieg

Schläge und schnitte

Überraschung

Ein wenig Schmerzen

Level 5

Gnadenlos

Sharx

Psychopathen können wütend sein

Cross

Erwachen

VORWORT

Dies ist kein Roman, sondern eine Schilderung von Tatsachen. Spätestens nach den ersten drei Kapiteln wird der potenzielle Leser dies zweifelsohne als Lüge abtun, doch wenn er oder sie denkt, mich würde das auch nur im Geringsten interessieren, liegt er falsch. Mir ist egal was du denkst, mir ist egal was jeder einzelne von euch da draußen über das denkt, was er gleich lesen wird.

Ich schreibe diese Zeilen nicht in der Absicht einen Hit auf der Bestsellerliste zu landen oder irgendjemanden zu unterhalten. Außer mich selbst natürlich.

Zudem sind die nachfolgenden Seiten nicht dafür gedacht jegliche schriftstellerische Normen zu erfüllen, nein, ich kümmere mich nicht um Dinge wie die richtige Zeichensetzung und wer sich von Kleinigkeiten wie Rehctschreibfelehrn stören lässt, so gering deren Anteil auch sein mag, der sollte genau jetzt das Buch zuklappen.

Ahhh … ich fühle mich schon viel freier.

Auch jedes Lektorat kann mir mal gehörig den Buckel runterrutschen. Klischees, durchgeknallte Charaktere, völlig abwegige Situationen und zuweilen harte Sprache sind keine Seltenheit und eine Korrektur der Handlung durch unwissende Personen würde diese logischerweise verfälschen. Tatsachen entsprächen dann nicht mehr Tatsachen. Was den Sinn dieser Erzählung verfehlen würde.

Dieser Auftakt unter dem Titel „Project Cross – Der Tod trägt rot", ist also keine Unterhaltungsliteratur im eigentlichen Sinne – obwohl sie mich selbst und einige der Beteiligten durchaus unterhalten hat. Wichtige Menschen werden sterben, denn die Realität kennt keine Protagonisten, auch wenn ich für diese Geschichte einen solchen gewählt habe. Bei Bedarf oder plötzlich eintretendem Tod werde ich ihn selbstverständlich ersetzen.

Ich weiß Dinge. Nahezu unerschöpfliche Informationsquellen machten und machen es mir möglich die vorliegenden Ereignisse – welche zum jetzigen Zeitpunkt noch immer in vollem Gange sind und nur darauf warten weiterhin protokolliert zu werden – in beinahe vollkommen korrekter Form darzulegen. Vielleicht werde ich es mir erlauben an manchen Stellen Kommentare meinerseits an das Geschriebene anzulehnen, mein Genie wird sich also deutlich in den folgenden Seiten widerspiegeln. Ob jeder dieses Genie begreift, bleibt abzuwarten, allerdings bezweifle ich dies stark. Es ist nicht leicht zu durchschauen.

„Weshalb verraten Sie uns all diese Ereignisse?", mag sich manch einer fragen, doch hier muss ich enttäuschen. Vielleicht aus Wut, vielleicht aus Freude, vielleicht aus Rache, vielleicht aus Trauer, vielleicht als eine bloße, neutrale Entladung meiner schriftstellerischen Ader…vielleicht werdet ihr es nie erfahren. Vielleicht. Manches Wissen sollte im Dunklen verweilen.

Doch nun lasst uns beginnen … es krabbelt mir bereits in den Fingern.

~ Ich

EIN NEUER AUFTRAG

Auftragskiller sind böse Leute. Und Zachariah Thorn war böse. Sein Job war es Leute skrupellos und ohne Umschweife zu töten und er liebte es. Er erledigte seine Arbeit immer mit größter Sorgfalt, er kannte keine Gnade und er konnte unter gegebenen Umständen improvisieren. Alles Eigenschaften die den perfekten Söldner ausmachten.

Thorn lief einen breiten, mit Kies bestreuten Pfad hinab, geradewegs auf ein steinernes Herrenhaus zuhaltend, hinter dem eine zerklüftete Steilküste zum Meer hin abfiel. Es bestand ausschließlich aus Erkern und kleinen Türmchen und wirkte, als hätte sich ein verrückter Architekt sein ganzes Leben lang daran ausgetobt.

Durch die Stille der Nacht drang nur das leise Zirpen der Grillen und fernes Meeresrauschen an sein Ohr. Der Kiesweg war jetzt zu Ende. Ihn trennten lediglich drei hölzerne, halb verfallene Stufen von einer massiven Eichentür die aussah, als wäre sie seit Jahrhunderten nicht mehr geöffnet worden.

Der Mann betrachtete Fenster zu denen in diesem Fall wohl eher die Bezeichnung Fensterrahmen passte. Die meisten der Scheiben waren herausgebrochen oder hatten im Laufe der Jahre Risse und Flecken bekommen. In manchen Öffnungen flatterten zerrissene Stoffbahnen, die ehemalige Gardinen zu sein schienen, wie aufgeschreckte Fledermäuse herum, doch hinter ihnen ließ sich nichts als Dunkelheit erkennen.

Zachariah wandte sich nun wieder der Tür zu. Irgendwo begannen einige Kirchturmglocken zu läuten. Thorn zählte in Gedanken mit. Nach dem elften Schlag setzte wieder Stille ein. Er nickte zufrieden.

Pünktlich.

Wie immer. In seinem Beruf konnte man sich keine Fehler erlauben. Nichts durfte schief gehen. In seinen bisherigen 123 Dienstjahren war ihm noch kein einziger Patzer unterlaufen. Vielleicht war das auch der Grund weshalb sein Auftraggeber gerade ihn ausgewählt hatte.

Zachariah griff nach dem silbernen Türklopfer in Form eines Löwenkopfes und hob ihn an. Zweimal ließ er ihn gegen die Tür donnern. Ansehnliches Knallen ertönte. Er pfiff leise durch die Zähne. Dann schwang die Tür auf und ein langer, mit einem roten Samtteppich ausgelegter Gang erschien vor ihm. Er wurde nur leicht vom einfallenden Licht der Sterne und des Mondes beleuchtet. In gleichmäßigen Abständen zweigten Türen nach links und rechts ab. Doch nichts deutete auf seinen Auftraggeber hin.

Noch während er darüber nachdachte wie sich wohl die Tür geöffnet hatte, vernahm er ein Geräusch. Es war zwar nur leise, nur ein flüchtiges Rascheln in der Dunkelheit, aber es reichte aus um ihn in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen.

Er spannte all seine Muskeln an, ging leicht in die Knie und verlagerte sein Gewicht auf die Zehenspitzen. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Doch sein Verstand blieb scharf. Er achtete auf jedes noch so kleine Zeichen. Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper. Da war Irgendetwas. Irgendetwas das nicht ins Bild passte.

Er hatte jahrelang auf solche Momente hin trainiert und auch jetzt ließen ihn seine Reflexe nicht im Stich. Instinktiv drehte er seinen Kopf – und ein ohrenbetäubendes Krachen zerschlug die Stille des Hauses. Ohne weiter zu überlegen ließ sich Thorn auf den Boden fallen, zog die Beine an den Körper, rollte sich auf dem Teppich ab und sprang in einer fließenden Bewegung wieder auf, während die abgefeuerte Kugel hinter ihm das Holz der Wand durchpflügte.

Im gleichen Moment ging das Licht an. Zuerst konnte er nichts in der gleißenden Helligkeit erkennen, doch nach kurzer Zeit begann seine Umgebung an Formen und Farben zuzunehmen und die Umrisse des Gangs tauchten vor seinem Sichtfeld auf. Doch es war nicht der Gang der seine Aufmerksamkeit erregte.

Vor ihm stand ein Mann. Es war ein kleiner, dicker Mann, der ihm da freundlich lächelnd die Hand hinhielt. Zwei winzige, kluge, blaugraue Augen, die von vielen feinen Lachfältchen umgeben waren, musterten Thorn interessiert von oben bis unten.

Zachariah beschloss dem Fremden nicht seine Hand zu reichen. Er traute ihm nicht. Und er war gefährlich.

Der Kleine zog die Augenbrauen hoch und steckte die Hand in eine Tasche seines grauen Nadelstreifenanzuges zurück, der sich über dem gewaltigen Bauch straff spannte. Unter dem Stoff stach der Umriss einer kleinen Handfeuerwaffe hervor. Das Ganze sah etwas seltsam aus, da der Anzug ihm gleichzeitig zu eng und zu lang war und Zachariah fühlte sich unwillkürlich an einen Waldwichtel mit Glatzkopf erinnert. Die dicke Knollnase im Gesicht des Mannes machte diesen Eindruck komplett.

„Sie sind also der berühmte Mr Thorn?" Der Mann schaute zu ihm auf.

„Doktor Sharx", erwiderte Thorn ausdruckslos.

„Der bin ich!, bestätigte dieser mit hoher Fistelstimme, „Wollen wir gleich zum Geschäftlichen kommen?

„Sie haben gerade versucht mich umzubringen", stellte Zachariah sachlich fest.

„Ähem, Sharx hüstelte mit einem empörten Unterton. „Ich habe lediglich Ihr Können überprüft.

„Ich könnte jetzt tot vor Ihnen liegen."

„Das stimmt zweifellos, allerdings wären Sie dann nicht im Ansatz so gut wie man sich erzählt. Dieses Risiko musste ich eingehen, denn ich kann schließlich nicht jeden Dahergelaufenen in mein Tun einweihen. Das wäre mein Ruin."

„Aber mich werden sie einweihen?" Die Frage klang weniger nach einer Frage als nach einer Feststellung.

„Ich fürchte das muss ich wenn ich ihre Hilfe erwarten will. Oder nicht? Ach übrigens, wollen wir nicht du zueinander sagen? Schließlich sind wir ja schon beinahe wie Freunde."

Thorn ersparte sich eine Antwort. „Um was geht es?"

„Sie sind ein Killer, richtig?"

„Korrekt."

„Folgen Sie mir bitte!" Der Doktor schlenderte zu einer etwa zwei Meter hohen, seltsamen Tür hinüber. Sie war von tausenden Rissen und Kerben übersät und die Klinke war herausgebrochen. Der Mann stieß sie auf. In dem angrenzenden Raum hob er seine Hand und ließ sie einladend einen Halbkreis beschreiben.

„Herzlich willkommen in meinem Arbeitszimmer! Machen Sie es sich bequem!" Er ging auf einen riesigen, braun lackierten Schreibtisch zu. Thorn betrachtete das Zimmer mäßig interessiert. Der Kronleuchter im Flur warf einen dämmrigen Schein in den Raum, doch die spärliche Einrichtung war nicht gerade eindrucksvoll. Ihm war klar, dass dieses Anwesen ohnehin nicht die tatsächliche Heimat oder Arbeitsstelle des Mannes war. Er war anscheinend viel zu wichtig um einem Fremden, der dazu noch ein Söldner war, seinen eigentlichen Aufenthaltsort zu verraten.

Hinter dem Schreibtisch stand ein Fenster offen, das es irgendwie geschafft hatte im Laufe der Zeit noch nicht zusammenzubrechen. Ein paar Motten flatterten am Rahmen herum. Zachariah ließ seinen Blick weiter wandern, bis er an einem großen schwarzen Wandschrank hängen blieb, der vor einer vor Schmutz starrenden, zerrissenen Blümchentapete stand. Er war mit weißen Porzellan Tellern und Tassen gefüllt.

Sharx hatte es sich derweil in einem tiefen, weichen Ohrensessel mit Lederüberzug bequem gemacht, in dem er fast verschwand.

Der Holzfußboden knarrte als sich Thorn auf ihn zubewegte.

„Es geht um einen Mann. Sein Name ist Osiris. Mr Sly Osiris. Der Doktor schaute lächelnd auf. „Wie es der Zufall so will, befindet er sich gerade hier in South Serene. Also direkt vor unserer Nase. Nun ja. Fast. Er wird sich höchstwahrscheinlich nicht gerade auf einem Silbertablett servieren. Halten Sie also die Augen offen!

Doktor Sharx beförderte irgendwo aus den Tiefen seiner Tasche einen braunen Papierumschlag zutage. Er schob ihn über den Tisch.

Thorn beäugte den Umschlag misstrauisch.

„Darin befindet sich ein Foto und ein Steckbrief Ihrer Zielperson mit einigen brisanten Informationen." Sharx hielt kurz inne und Thorn steckte den Umschlag ein.

„Soweit ich weiß haben wir jetzt alles geklärt. Ich wünsche Ihnen viel Spaß!"

„Die Bezahlung", knurrte Zachariah mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme.

„Ach ja, richtig. Sharx lächelte wieder und zog einen Stapel gebündelter Scheine aus seinem Anzug. Er zählte sie vor den Augen des Killers zusammen. Dann nickte er zufrieden und warf das Bündel auf den Tisch. „Ein kleiner Vorschuss.

Zachariah schnappte sich das Geld und ließ es in seinen langen, an den Enden zerrissenen Umhang gleiten. Nicht, dass er sich keine besseren Kleider hätte leisten können – er fühlte sich in seine alten, abgetragenen Sachen einfach am wohlsten. Auf Unwissende hätte er vermutlich wie ein Obdachloser gewirkt.

„Auf Wiedersehen! Und … darf ich ich Sie wirklich nicht Zachariah nennen?", fragte Sharx, wieder mit seinem freundlich-heimtückischen Grinsen im Gesicht.

Thorn überhörte den und er erwiderte auch den Gruß nicht.

Er verließ das Zimmer und noch während er über die Schwelle trat, vernahm er einen letzten Satz des dicken Mannes.

„Nehmen Sie sich in Acht."

Doch wenn der Doc auch nur im Ansatz geglaubt hatte, er könne Thorn verunsichern, so hatte er sich getäuscht. Zachariah zweifelte nie an sich selbst. Und das tat er auch beim Verlassen des alten Hauses nicht.

Stattdessen war jetzt der Killerinstinkt in ihm erwacht.

JAKE

„Mein allerliebstes Tagebuch. Tut mir wirklich leid, aber ich habe nicht die geringste Ahnung was und genau so wenig Lust, hier etwas reinzuschreiben und deshalb möchte ich mich kurzfassen. Tagebücher sind der letzte Dreck. Und meiner Meinung nach ist das hier nur ein weiterer, komplett sinnloser Versuch, aus Leuten wie mir ehrenwerte junge Männer zu machen. Vermutlich soll ich durch dich, mein Tagebuch, Disziplin lernen. Das Problem ist nur, dass mich das einen Scheiß interessiert. Ich bin kein Kleinkind mehr, und mache das was ich will und nicht das, was irgendein hirnverbrannter Riesenaffe aus einem Kinderheim versucht, mir jahrelang in den Kopf zu setzten. Doch bevor ich meine Notizen für den heutigen Tag beenden werde, noch eine kurze Anmerkung: Liebes, liebes Tagebuch – du kannst mich mal."

Frustriert schlug der Junge das Buch mit dem hässlichen roten Einband zu, und schleuderte es gegen die Wand. Ein paar Seiten rissen heraus und flatterten wie welke, verblichene Blätter zu Boden.

Sein Bettnachbar schrak von seiner Lektüre für Hochintellektuelle auf, und sah ihn verwirrt an. Seine aufgerissenen Augen sahen hinter den dicken Brillengläsern noch größer aus, als sie sowieso schon waren und der Junge hatte schon Angst, dass sie aus den Höhlen springen und über die knarzenden Dielenboden des Schlafzimmers davon rollen würden. Doch höchstwahrscheinlich wären sie bereits an der Hornbrille seines Gegenübers hängen geblieben.

„Du kannst den Mund wieder zuklappen, Alan."

Der Brillenträger schloss seine Kiefer und es ploppte.

„He, Jake! Das gibt 'ne ordentliche Strafe wegen dem kaputten Buch", ließ sich von der anderen Seite des Raumes die hämische Stimme eines vierschrötigen, rothaarigen Raufbolden vernehmen.

„Ich weiß", seufzte Jake und ließ sich nach hinten, auf seine alte, mit einem ordentlichen Bettlaken versehene Matratze, fallen. Die Betten waren bequem, das musste man dem Waisenhaus lassen.

„Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!", bellte der Rotschopf und Jake tat ihm den Gefallen. Er hatte im Moment keine Lust noch so spät am Abend eine weitere Auseinandersetzung – wie sie zwischen ihnen nicht selten vorkam – heraufzubeschwören. Bei ihrer letzten Rauferei hatte Jake ihm den Mittelfinger gebrochen, weil er einen harten Fausthieb seines Gegners mit dem Ellenbogen abgeblockt hatte. Das hatte dem vorlauten Bengel einiges an Respekt Jake gegenüber eingebracht, was jedoch lediglich hieß, dass er es sich zweimal überlegte, bevor er seinen Lieblingsgegner angriff. Und ein zweimaliges Überlegen glich in seinem Quadratschädel nicht mehr, als die Entscheidung zwischen einem belegten Brot mit Käse oder einem belegten Brot mit Wurst. Wobei er bezüglich dieses Beispiels zweifellos beide verdrückt hätte.

„Zufrieden?", fragte Jake mit hochgezogenen Augenbrauen als er ihn anschaute und sah befriedigt dabei zu, wie die Gesichtsfarbe des Vierschrötigen von einem käsigen, sommersprossigen weiß, zu einem dunklen Rot wurde. Vielleicht war die Idee ihn zu provozieren doch nicht so schlecht …Es war so furchtbar angenehm.

„Bleib ruhig, Ron!", raunte ein magerer, aber sehr drahtiger Typ namens Sam. Er war hyperaktiv und konnte keine Sekunde vollkommen still sein. Und das nicht einmal wenn er schlief. Ständig wälzte er sich hin und her, stöhnte und schnarchte wie ein drittklassiger Trompetenspieler.

„Halt einfach die Klappe, Sam." Ron kniff seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.

Sam hielt die Klappe.

Jake konnte im dämmrigen Schein der Deckenlampe erkennen wie Rons Kiefermuskeln mahlten. Es sah ziemlich beeindruckend aus und er wunderte sich nicht, warum Ron unter den Kindern als der Boss des Waisenhauses angesehen wurde. Er war mit seinen sechzehn Jahren der Älteste und der Stärkste und jeder, der sich ihm widersetzte, bekam es entweder mit seinen Kumpanen Mesut, Sam und George zu tun, oder, wenn er Pech hatte, direkt mit Ron. Und das bedeutete meistens eine gebrochene Nase. Jake vermutete, dass Ron in ihm einen Rivalen sah, der seine Macht über die Kinder in Frage stellte. Jake hätte alles dafür gegeben, um in einen anderen Schlafraum zu wechseln, doch er bezweifelte, dass das etwas genutzt hätte. Er war ein ziemlicher Außenseiter im Heim. Er war klein, kleiner noch als Madame Brown, und das mochte etwas heißen, und so schlank, dass er vier Mal in eins von Rons Hosenbeinen gepasst hätte.

Ron stand auf. „Rede anders mit mir, Kleiner. Er grinste streitlustig. Zwischen seinen krummen, gelblichen Vorderzähnen war eine große Lücke, in die mühelos noch ein weiterer Schneidezahn gepasst hätte. Seine drei Freunde erhoben sich ebenfalls von ihren Betten und Mesut griff seinen Arm. „Hör auf, Schwester Alice kommt jeden Moment. Du weißt was dann los ist.

Ron blieb einen Moment stehen und ließ seine Fingerknöchel knacken. „Für 'nen schnellen Schlag dürfte es noch reichen."

Jake lächelte freundlich. „Für einen Schlag dürfte es noch reichen? Um dir auch noch den zweiten Mittelfinger zu brechen? Wäre aber ziemlich blöd für dich, weil du sie mir dann nicht mehr richtig zeigen könntest."

„Das wirst du bereuen, Black. Ich werde dich –"

„Halt die Luft an, Fettsack. Ich könnte deine Bestellung vergessen."

„Und ich könnte dich einfach dazu zwingen, das Zeug mitzubringen."

„Ne, ich glaube mit zwei gebrochenen Mittelfingern kannst du das nicht."

Ron brüllte und stürzte sich auf ihn. George, ein riesiger Typ, mit ebenso riesigen Ohren, einer gut dazu passenden Nase und Händen, so groß wie Schaufeln versuchte ihn noch zurückzuhalten, doch er kam zu spät. Er verfehlte Ron um Haaresbreite und kam mit einem lauten Krachen auf dem Holzfußboden auf. Jake rollte sich blitzschnell zur Seite, woraufhin Ron mit einem Aufheulen inmitten der Matratze landete. Das Bettgestell gab unter seinem Gewicht ein gequältes Quietschen von sich und Ron wurde von den Sprungfedern unter dem Stoff zurückgeschleudert. Er krachte daneben auf die Dielenbretter und in diesem Moment wurde die Zimmertür aufgestoßen. Sieben Augenpaare drehten sich in Richtung des Eingangs.

Schwester Alices Silhouette stand breitbeinig wie ein Cowboy im Türrahmen, wobei sie allein durch die Masse ihres Körpers fast das gesamte Licht aus dem Gang hinter ihr aussperrte. Sie schlug mit einem lauten, lateinischen Fluch die Hände über dem Kopf zusammen und stampfte auf. Vermutlich waren Flüche wie diese nicht gerade das, was sie ihren Schülern als Lateinlehrerin hätte beibringen sollen.

Jake wandte den Kopf und sah wie Thomas Thompson, ein Junge mit dunkelblonden Haaren und Plattfüßen, sich Schwester Alices unanständigen Ausdruck heimlich auf einem Zettel notierte. Er hatte die seltsame Angewohnheit, Flüche und Schimpfwörter zu sammeln und mittlerweile hatte er einen ziemlich umfangreichen Wortschatz zusammengearbeitet.

Alices schrille Stimme erscholl erneut aus Richtung Türrahmen. „Wer war der Auslöser für dieses … unaussprechliche Chaos?"

Alle Insassen des Raumes deuteten auf Jake. Alle außer dem hochintelligenten Alan, der gerade dabei war, sich unter seiner Bettdecke so klein wie möglich zu machen.

Schwester Alice funkelte Jake wütend an. „Das gibt eine Woche lang Hausarrest! Die Pausen zwischen den Unterrichtsstunden sind mit einbezogen."

Ron, der sich mittlerweile wieder auf seinem Bett befand, ließ ein unterdrücktes Kichern vernehmen, doch Alice bekam natürlich rein gar nichts mit.

„Weißt du eigentlich, was du uns Tag für Tag antust?, fragte die Heimtante. Und dann begann sie ihm die typische Standpauke zu halten. „Wir haben dich großgepflegt, seit du auf den Stufen dieses Hauses aufgetaucht bist. Du warst ein Baby, ganz in verdreckte, braune Leinentücher gewickelt und niemand wusste, wo du herkamst, oder wer du warst. Es gab nur ein Objekt, dass uns etwas Aufschluss über dich gab. Weißt du was es war?

„Ja, ich hatte –"

„Du weist es wirklich nicht? Gut, dann werde ich es dir erklären. Du hattest einen zerknitterten Brief bei dir, in dem sich die Kopie einer Geburtsurkunde befand. Deine Eltern sind Will und Margret Black. Sie sind verheiratet, doch aus irgendeinem Grund haben sie beschlossen dich auszusetzen. Wir haben nach ihnen gesucht, Polizei und Stadtverwaltung Bescheid gegeben, doch deine Eltern waren unauffindbar. Kurz nachdem du entbunden warst, nannten sie dich Jake und dann … nun ja. Warst du im hier. Und trotz dieser vielen Unklarheiten haben wir dich bei uns aufgenommen, haben dir zu Essen und zu Trinken gegeben und dir alles, was du zum Leben brauchst beigebracht. Wir haben dich in diesem wunderbaren, gottgesegneten Gebäude, mit all den anderen Jungen und Mädchen unterrichtet und dich immer fair behandelt. Und nun sag mir, Jake, womit haben wir die von dir gestifteten Unruhen verdient? Ich, für meinen Teil, bin mit meinem Latein am Ende."

Eine Pause entstand.

„Ich hoffe wirklich, du besserst dich. Nimm dir ein Beispiel an Ron und seinen Freunden. Aus ihnen werden einmal anständige Männer werden."

Jake lachte verbittert in sich hinein, doch Alice plapperte schon weiter. „Übrigens – zum zweiten Mal – wie hat dieser Streit überhaupt angefangen?"

Mesut Sungur sog scharf die Luft ein. Ron kicherte wieder.

„Ich warte", drängte Alice und trommelte mit ihren rosa Fingernägeln an den Türrahmen.

Jake hob das zerfledderte Tagebuch auf und hielt es hoch.

Alan schielte hinter seiner Bettdecke hervor und rückte die dicke Brille zurecht.

Für einen kurzen Moment wurde es totenstill im Raum. Alle hielten den Atem an und Schwester Alice stoppte ihren Trommelwirbel.

Dann rastete sie aus. „Das gibt auch noch Nachtischverbot!", kreischte sie und Alans Bettdecke wurde von einem nassen Sprühregen überzogen.

„Jetzt wird geschlafen, es ist schon nach zehn Uhr!", tobte Alice, löschte das Licht und schlug die Tür hinter sich zu.

Alle im Raum atmeten hörbar aus und kurz darauf brach Ron in schallendes Gelächter aus. „Hab ich's nicht gesagt?", grölte er und schlug sich auf die dicken Schenkel.

Jake ließ sich in sein Kissen zurückfallen und schloss die Augen.

„Er bekommt nicht einmal mehr Nachtisch!"

Jake wollte etwas Fieses erwidern, doch er biss sich auf die Zunge. Für heute hatte er genug von der Schwester. Seine Gedanken schweiften wieder zu den Bestellungen ab und er verfluchte, wie schon unzählige Male zuvor diesen einen Tag vor einem Jahr, an dem er so verdammt unvorsichtig gewesen war.

Er war bereits als Kind mit Leib und Seele dem Taschendiebstahl verfallen und in jener verhängnisvollen Nacht, in der er zu einem neuerlichen, verbotenen Ausflug durch das schlafende Haus aufgebrochen war, hatte ihn ausgerechnet der schlimmste Mensch der Welt dabei erwischt. Ron war ihm gefolgt, als er den Schlafraum verlassen hatte, und hatte sich schließlich durch ein knarrendes Dielenbrett verraten. Dies war jedoch leider Gottes erst geschehen, nachdem Jake mithilfe eines selbst gebastelten Dietrichs das Schloss zum Zimmer des Heimleiters geknackt, und alles was dahinter lag gründlich durchsucht hatte. Seine Ausbeute waren einige Schlüssel zu verschiedenen Räumen des Hauses und ein höllisch scharfes, schwarz lackiertes Klappmesser mit gefährlich langer Klinge gewesen.

Ron erpresste ihn mit dieser Entdeckung bis heute und so war Jake mittlerweile zu einer Art eingestelltem Taschendieb geworden. Ron würde sicher einmal ein Gangster werden. Schon jetzt war auf dem besten Weg dazu. Er terrorisierte die Kinder wo immer er konnte und sein Treiben reichte von verbotenem Süßigkeitenhandel und fiesen Streichen bis zu Erpressung und Schlägereien. Und letzteres stand für Jake auf dem Plan, wenn er nicht den für heute verlangten Schokopudding, die übrigen Chipstüten und ein paar streng geheime Unterlagen des Heimleiters mitbrachte. Ron liebte es, seine fette Nase in Angelegenheiten zu stecken, die ihn nichts angingen. Das war vermutlich die einzige Eigenart, die sie beide miteinander teilten.

Jake griff unter das Kopfende seines Bettes und ließ vorsichtig seine Hand an der Wand hinuntergleiten, bis sie am Boden ankam. Dort griff er nach der Fußbodenleiste und zog ein kurzes Stück von ihr heraus, wodurch ein kleiner Hohlraum in der Wand zum Vorschein kam. Es hatte ihn drei Nächte gekostet, das Geheimfach heimlich und ohne Licht in die Wand zu kratzen, doch es hatte sich als nützlich erwiesen.

Er griff in das Loch hinein, packte den Dietrich und die gestohlenen Schlüssel und stopfte alles in seine Hosentasche. Er hielt kurz inne und einer plötzlichen Eingebung folgend holte er zusätzlich das Messer hervor und ließ es in die Innentasche seines Mantels gleiten. Dann verschloss er die geheime Kammer sorgfältig. Leise begann er im Kopf bis zweihundert zu zählen.

Zweihundert Sekunden später war es Zeit aufzubrechen und er schlug die Decke zurück. Im Gegensatz zu den Anderen lag sein gestreiftes Nachthemd noch ordentlich vom Zimmermädchen zusammengefaltet unter dem Kopfkissen, und er trug stattdessen über der typischen Kleidung des Kinderheims – einem weißen Leinenhemd – seinen dunkelbraunen Mantel, welcher im Gegensatz zur hellen Heimkleidung weniger auffällig im Dunkeln war.

Das Bett knarrte als er sich erhob.

Er war sich nicht sicher, warum er das hier tat, eigentlich hätte er einfach die Abreibung von Ron, Mesut, Sam und George und die Strafe von den Heimtanten kassieren können und alles wäre vorbei gewesen, doch vermutlich brauchte er einfach einen regelmäßigen Adrenalinkick und etwas auf das er sich freuen konnte um mit dem langweiligen Leben im Waisenhaus fertig zu werden.

„He, Kleiner, gehste los oder was?"

Jake nickte, wurde sich dann bewusst, dass es im Zimmer außer einem leichten Mondschein vom Fenster her stockduster war, und gab schließlich ein kurzes „Hm" von sich.

„Ich warne dich. Wenn du auch nur etwas vergisst, oder erwischt wirst …" Ron ließ den Satz unvollendet, doch Jake wusste was gemeint war. Er stopfte sein Kopfkissen unter die Decke, damit es für eine eventuell hereinplatzende Schwester Alice zumindest für den Moment so aussah, als schliefe er und ging dann mit ausgestreckten, tastenden Armen auf die Tür zu. Von Zeit zu Zeit übersprang er die Bretter von denen er wusste, dass sie knarrten und dann war er an der Tür angelangt. Er öffnete sie nur einen winzigen Spalt breit, sodass er sich gerade noch hindurchzwängen konnte, denn die Angeln hätten seit mindestens dreihundert Jahren neu eingeölt werden müssen.

Das Waisenhaus stand am äußersten Stadtrand von New South Serene inmitten eines typischen Wohnviertels, und während außerhalb von „Tante Daisy's Waisenhaus das einstige Dorf „Little Serene zu einer, von Parks, Touristenattraktionen, riesigen Hotelanlagen und Wolkenkratzern durchwachsenen Metropole herangewachsen war, schien die Zeit im Kinderheim stehengeblieben zu sein. Von außen wie von innen sah es wie ein Bauwerk aus dem achtzehnten Jahrhundert aus, und genau so ging es dort auch zu. Die Strafen konnten zuweilen ziemlich heftig ausfallen, alles war spartanisch eingerichtet und es gab keine technischen Geräte im Haus. Fast Keine. Außer dem Laptop des Heimleiters, einem großen Flachbildschirm im Fernsehzimmer, vor dem sich einmal in der Woche das gesamte Heim versammelte und einem kleinen Radio in der Gemeinschaftsküche, die zugleich das Esszimmer war.

Des Weiteren waren die Schlafräume für Jungen und Mädchen streng getrennt und befanden sich aneinandergereiht an entgegengesetzten Wänden des Flurs in der zweiten und dritten Etage des Hauses. Das vierte Stockwerk war für die Kinder tabu, warum wusste natürlich keiner.

Es gab viele Spekulationen und Gerüchte über diesen Teil, doch nur Ron und Jake wussten, dass sich dort lediglich einige Erholungszimmer für gestresste Aufpasser und das Büro des Heimleiters befanden. Über den Dachboden war ausschließlich bekannt, dass dort allerlei Gerümpel gelagert und verstaut wurde und in der ersten Etage war das Wohn- und Fernsehzimmer mit der riesigen Küche für etwa achtzig hungrige Mädchen und Jungen. Der Keller dagegen bildete eine Turnhalle, die mit Abstand Jakes Lieblingsort im Waisenhaus war.

Jake schloss die Tür leise wieder hinter sich und hielt kurz inne, damit sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Er entschied sich dafür, dem Heimleiter-Büro zuerst einen Besuch abzustatten. Ein paar Sekunden später tappte auf Zehenspitzen den vor ihm liegenden Gang entlang, wobei er mit seiner rechten Hand die Wand entlang tastete.

Jake betrat unter leisem Knarzen eine enge Holztreppe auf der anderen Seite des Flurs, die in eine Wendung vollführte und schließlich vor einer Tür mit abgegriffener Keramikklinke endete. Er drückte sie langsam herunter und lauschte mit gespitzten Ohren den Gang hinab. Verschlossen. Natürlich. Jake hockte sich hin und begann mit seinem Dietrich im Schloss herumzustochern.

Er hatte mittlerweile Übung darin, doch aus irgendeinem Grund schien die Tür ihm heute den Weg verweigern zu wollen. Er schnaubte nach einer erfolglosen Minute missmutig vor sich hin und war drauf und dran sein Werkzeug einzupacken und es vorerst in der Küche zu versuchen, als er die Schritte hörte.

Ihm sträubten sich alle Nackenhaare, er hielt inne und lauschte. Jemand kam näher. Jake drehte den Kopf leicht zur Seite und lauschte noch angestrengter. Nein, es war nicht nur Jemand, es waren zwei Jemande. Jake konnte Stimmen vernehmen, die sich leise in der Dunkelheit unterhielten. Die Erste war etwas dumpf, gleichzeitig jedoch zittrig und gehörte zweifellos dem Heimleiter, die Zweite aber musste die eines Fremden sein, denn Jake hatte sie noch nie gehört. Es war eine Männerstimme, jedoch seltsam sanft und ruhig und fast schon zu freundlich.

Jake musste den Fremden nicht sehen, allein der Klang seiner Worte reichte aus um ihm einen Schauder über den Rücken zu jagen. Er blieb stocksteif stehen, unfähig sich zu rühren und lauschte nur wie hypnotisiert dem Gespräch.

„… gerne bei mir einstellen", sagte der Fremde gerade.

„Gewiss, gewiss", erwiderte Heimleiter Max Bishop und räusperte sich.

Die Beiden waren mittlerweile so nah, dass Jake das leise Rascheln ihrer Kleidung vernehmen konnte. Blitzartig riss er sich aus seiner Starre und begann wieder hektisch mit dem Dietrich im Schlüsselloch herumzustochern. Die Personen mussten sich bereits kurz vor den ersten Stufen der Treppe befinden und unweigerlich würden sie hier heraufkommen. Zum Umdrehen und Abhauen war bereits viel zu spät, doch wenn er hier bliebe, dann saß er ziemlich in der Patsche.

Er konzentrierte sich voll und ganz auf den Dietrich und das Schloss, doch seine Hände waren plötzlich schweißnass und das Werkzeug rutschte ihm wie ein glitschiges Stück Seife pausenlos durch die Finger.

Mit einem Mal ertönte unter ihm ein lautes Knarzen – Bishop und der Fremde hatten die Treppe betreten. Gleichzeitig wurden die Wände neben und vor ihm in ein flackerndes, orangenes Licht getaucht. Wahrscheinlich leuchtete der Heimleiter seinem Gast mit einer Kerze oder einer Öllampe den Weg. Mit Elektrizität wurde wo auch immer möglich gespart, da die Stadt kaum finanzielle Unterstützung für die Unterkunft bereitstellte.

Sie waren unheimlich nahe.

Jake kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Was war nur mit diesem verdammten Schloss los!? Warum konnte es nicht einfach wie immer – Klick. Jake atmete erleichtert aus und drückte die Klinke ein zweites mal nach unten. Die Tür schwang auf. Zum Glück gab sie keinen Ton von sich. Er schlüpfte hindurch.

In der vierten Etage war es genauso dunkel wie in der dritten. Jake schloss die Tür leise wieder hinter sich, zum Abschließen war es jetzt zu spät. Er hoffte nur, Max würde es in seiner Unterhaltung nicht auffallen oder merkwürdig vorkommen. Auf Zehenspitzen huschte er an der Wand entlang, ohne dass er irgendein Ziel verfolgte. Seine Fingerspitzen ertasteten eine Vertiefung in der Wand, die er sofort als Holzrahmen mit eingelassener Tür enttarnte. Er wagte es nicht die Tür zu öffnen und sich im Inneren des Raumes zu verstecken, aus Angst, es könnte sich um einen Schlafraum der Heimtanten handeln und drückte sich stattdessen so dicht wie möglich mit dem Rücken in das viereckige Loch in der Wand.

Er atmete einmal tief durch, dann hielt er die Luft an um keine Atemgeräusche mehr zu machen.

Die Tür wurde aufgestoßen. Jake konnte im Licht der Kerze in Max' Hand nur die hagere, etwas gedrungene Gestalt des Heimleiters und die Silhouette eines schlanken, mittelgroßen Mannes erkennen, die genau auf ihn zusteuerten.

Er zitterte am ganzen Leib, seine Lungen begannen schon zu brennen und er schloss die Augen.

Was wenn sie mich hier finden?, dachte er. Andererseits – was konnte schon passieren? Bishop würde ihn wohl kaum von hier verbannen … Egal, Mr Heimleiter würde sich schon etwas anderes einfallen lassen müssen. Nachtischverbot und Hausarrest stand außer Frage, dafür hatte Alice bereits gesorgt.

Die Männer waren vielleicht noch zwei Meter von ihm entfernt, er drückte sich enger an das alte Holz der Tür und umklammerte mit seinen Händen krampfhaft die Türrahmen, während der Heimleiter von Zeit zu Zeit sein übliches „Hier entlang bitte und „Kommen Sie mein Herr, kommen Sie hören ließ.

Dann flackerte das spärliche Licht der Kerze über ihn hinweg, spiegelte sich in seinen glänzenden Augen wider und dann waren die Männer an ihm vorbei. Sie hielten auf eine nicht weit entfernte Tür auf der entgegengesetzten Seite des Flurs zu. Für einen kurzen Moment konnte Jake im Kerzenschein das rasierte, braunäugige Gesicht eines gutaussehenden Mannes Mitte Dreißig erkennen, doch trotz seiner Nettigkeit und dem leichten Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, fühlte sich Jake in seiner Gegenwart auf Anhieb unwohl.

Schließlich kamen beide vor einer weiß gestrichenen Tür zum Stehen. Das Büro des Heimleiters. Max Bishop griff umständlich in die Innenseite seines abgewetzten Tweedanzuges und zog einen riesigen Schlüsselbund hervor.

„Hm, hm", murmelte er, während er die Schlüssel gegen den Kerzenschein hielt. Nach einer Weile schien er sich entschieden zu haben. Max wählte einen Langen mit riesigem Bart, stecke ihn ins Schlüsselloch und drehte zweimal. Dann griff er nach dem reich verzierten Messingtürknauf und die Männer traten ein. Ein Klicken ertönte und für einen kurzen Moment konnte Jake die gesamte Innenausstattung des Raumes im gleißenden Licht eines Kronleuchters erkennen, dann viel die Tür ins Schloss.

Jake atmete erleichtert aus und schloss die Augen, als er gierig frischen Sauerstoff in seine Lungen sog. Die Beiden hatten ihn nicht bemerkt. Wie war das möglich? Beinahe hätte er laut aufgelacht. Der alte Max hatte sich nicht einmal gewundert, dass die Tür nicht abgeschlossen war!

Jake ließ seinen Blick langsam hinüber zur Bürotür wandern, aus der nun angespanntes Gemurmel drang und obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte, wurde er vom unter der Tür hervorquellenden Lichtschein wie eine Motte magisch angezogen. Seine Beine bewegten sich beinahe von selbst und kurz darauf hockte er vor der Tür auf dem Boden und starrte wie hypnotisiert durch das Schlüsselloch.

Der Heimleiter war in seinem riesigen Ohrensessel hinter dem Pult halb verschwunden und wühlte hektisch in einem dicken Blätterstapel herum, während der Fremde scheinbar gelassen und vollkommen ruhig im Zimmer umherstolzierte.

Dann erhob Max seine Stimme. „Es tut mir wirklich leid Sir, aber ich kann es nicht finden." Er sah auf und plötzlich waren die Augen des Fremden starr auf ihn gerichtet. Von seiner anfänglichen Lockerheit war nichts mehr zu spüren.

„Hören Sie, zischte er , „ich habe keine Zeit für diese Späße. Die können Sie mit Anderen treiben, aber nicht mit mir. Er machte einen Schritt, der schon fast einem Sprung ähnelte auf Bishop zu.

Der alte Mann zuckte zusammen und soweit es Jake erkennen konnte, begann seine Unterlippe zu zittern. „E… entschuldigen Sie mein Herr, aber es gibt ihn nicht. Sie müssen mir glauben, ich –"

Plötzlich bewegte sich der Mann erneut, doch Jake konnte ihm mit seinen Augen kaum folgen, als er mit unmenschlicher Eleganz und Geschwindigkeit über den Tisch sprang und sich vor Max aufbaute.

Die Augen des Heimleiters quollen beinahe aus ihren Höhlen als er stammelte: „S… Sir, was zum … verzeihen Sie … a… aber was haben Sie vor?"

„Nun, wenn Sie sich weiterhin meinem Willen widersetzen, dann werden Sie das ziemlich schnell am eigenen Leib zu spüren bekommen." Ein kaltes Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Ja …ja, aber … aber wir haben hier keinen Cross. I… i… ich kann wirklich nichts für Sie tun mein Herr", piepste Max nun mit unverhohlener Angst in der Stimme.

Ohne eine weitere Vorwarnung schoss die Hand des Mannes nach vorne und lange, schmale Finger schlossen sich um den faltigen Hals Bishops. Er würgte und bäumte sich in seinem Sessel auf, doch der Fremde hatte keine Schwierigkeiten ihn wieder unter Kontrolle zu bringen.

Jake zuckte vom Schlüsselloch zurück. Kalter Schweiß brach ihm aus. Der Mann meinte es ernst. Nur … was wollte er von diesem Cross? Er presste sein Gesicht erneut an das Schlüsselloch. Der Fremde hatte Max noch immer am Hals gepackt.

„Das ist deine letzte Chance, alter Mann, oder ich breche dir dein mickriges Genick."

Max röchelte nur noch und brachte dann mit letzter Kraft ein „Bitte, b… bitte, S… S… Sir" heraus.

Plötzlich entspannten sich die Züge des Mannes etwas und er lockerte seinen Griff. Max holte röchelnd Atem und stöhnte leise. Dann wurde sein Hals wieder zusammengepresst und der Fremde riss ihn unbarmherzig nach oben. Jake war sich nicht sicher, doch die schlaffen Füße des Mannes schienen kurz über dem Boden zu schweben.

Bishop legte seine schwachen Hände um das Handgelenk des Mannes und versuchte sich an ihnen nach oben zu ziehen, doch es war vergeblich. Der Fremde ging mit ihm an der ausgestreckten Hand hinter dem Pult hervor und als sie unter dem Kronleuchter in der Mitte des Zimmers standen, blitzten seine strahlend weißen Zähne auf.

„Hör mir jetzt gut zu", seine Stimme war kaum mehr ein Flüstern, „du wirst dir in wenigen Sekunden ziemlich wehtun, wenn

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