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Löhndorff Gesamtausgabe #1: Yanktsekiang - Ein China-Roman

Löhndorff Gesamtausgabe #1: Yanktsekiang - Ein China-Roman

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Löhndorff Gesamtausgabe #1: Yanktsekiang - Ein China-Roman

Länge:
328 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
4. Aug. 2019
ISBN:
9781386783763
Format:
Buch

Beschreibung

Ein Jahr saß der Deutsche Hans Wendt unschuldig in einem chinesischen Gefängnis.Jetzt ist er wieder frei, aber völlig mittellos – und er hat nach chinesischem Denken "sein Gesicht verloren". Der Geschäftsmann Tschang Pi bietet ihm einen Job weiter flussaufwärts an. Wendt soll Unregelmäßigkeiten in einer Mine untersuchen. Auch Tschang Pi und seine Tochter Ma Yü reisen auf demselben Dampfer nach Norden – sowie die Deutsche Ursula Kirsten, die ebenfalls in den Diensten des Geschäftsmannes steht und sich um Tschang Pis junge Tochter kümmern soll. Auf dieser Fahrt kommt Wendt mit den beiden Frauen in Kontakt, und er verliebt sich in Ursula. Deren Wege trennen sich jedoch bald wieder – das Schicksal wird aber dafür sorgen, dass sich die beiden Liebenden wenige Wochen später unter dramatischen Umständen wiedertreffen werden.

Es ist die Zeit des blutigen Krieges zwischen China und Japan – und die in China lebenden Europäer werden in die Auswirkungen dieses Krieges mit hineingezogen. Hans Wendt und Ursula Kirsten sind davon betroffen – aber auch die junge Ma Yü …

Ernst F. Löhndorff stellt mit diesem Roman unter Beweis, dass er ein exzellenter Kenner Chinas und dessen Kultur war. In wortgewaltiger bildhafter Sprache erzählt er von dem ungewissen Schicksal zweier Menschen, die in den Wirren des Krieges zueinander finden.

Freigegeben:
4. Aug. 2019
ISBN:
9781386783763
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Löhndorff Gesamtausgabe #1

Buchvorschau

Löhndorff Gesamtausgabe #1 - Ernst F. Löhndorff

ERNST F. LÖHNDORFF

YANGTSEKIANG

EIN CHINA-ROMAN

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von pixabay mit Steve Mayer, 2017

Redaktion und Korrektorat:  Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau,  herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EIN JAHR SAß DER DEUTSCHE Hans Wendt unschuldig in einem chinesischen Gefängnis.Jetzt ist er wieder frei, aber völlig mittellos – und er hat nach chinesischem Denken „sein Gesicht verloren". Der Geschäftsmann Tschang Pi bietet ihm einen Job weiter flussaufwärts an. Wendt soll Unregelmäßigkeiten in einer Mine untersuchen. Auch Tschang Pi und seine Tochter Ma Yü reisen auf demselben Dampfer nach Norden – sowie die Deutsche Ursula Kirsten, die ebenfalls in den Diensten des Geschäftsmannes steht und sich um Tschang Pis junge Tochter kümmern soll. Auf dieser Fahrt kommt Wendt mit den beiden Frauen in Kontakt, und er verliebt sich in Ursula. Deren Wege trennen sich jedoch bald wieder – das Schicksal wird aber dafür sorgen, dass sich die beiden Liebenden wenige Wochen später unter dramatischen Umständen wiedertreffen werden.

Es ist die Zeit des blutigen Krieges zwischen China und Japan – und die in China lebenden Europäer werden in die Auswirkungen dieses Krieges mit hineingezogen. Hans Wendt und Ursula Kirsten sind davon betroffen – aber auch die junge Ma Yü ...

Ernst F. Löhndorff stellt mit diesem Roman unter Beweis, dass er ein exzellenter Kenner Chinas und dessen Kultur war. In wortgewaltiger bildhafter Sprache erzählt er von dem ungewissen Schicksal zweier Menschen, die in den Wirren des Krieges zueinander finden.

Vorspiel

... WEIT VON HIER, IN einem Land, das den meisten von euch nur aus den purpurnen Schleiern wunschkräftiger Träume auftaucht, wenn die Gedanken auf den windschnellen Zauberrossen eines sehnsüchtigen unstillbaren Fernwehs reiten – dort braust ungestüm oder fließt rauschend und wälzt sich streckenweise fast lautlos, aber geladen mit unheimlicher Macht, ein gelber Strom. Und wunderbarerweise nennen ihn die gelben lächelnden Bewohner jenes Landes den „Blauen Strom". Yangtsekiang!

In der einsamen, großartigen Bergwelt, wo die uralten, geheimnisvollen Klöster der roten Lamas in grauen Felsentälern wachen, wo der zottige Yak die verschneiten Pässe überklettert, wo seltsame, klappernde Gebetsmühlen und flatternde, zerrissene Fahnen auf unzugänglichen Gipfeln das „Reich der Dämonen beherrschen und wo das feierliche eintönige „Om Mani Padme Hum der betenden Mönche gleich gedämpften Gongschlägen hallt, dort sprudelt er in kristallener Bläue aus den schimmernden Brüsten der Eisriesinnen im Lande des ewigen Buddha. Yangtsekiang!

Später, wenn seine Wasser auch manchmal noch mit bläulich seidigem Glanz dahinströmen, wird er gelb. So gelb wie die Haut der rätselhaft lächelnden, geduldigen Menschen, die an seinen Ufern in Städten, Dörfern oder Hütten geboren werden, leben und sterben. Gelb wie die Gegend, die er durchfließt! Gelb wie die Prachtgewänder der alten Mandschukaiser, die diese Farbe zur herrschenden erhoben. So gelb wie die Segel und das Holz der Dschunken, die er trägt, weiterbefördert, verschont oder vernichtet. Gelb wie die unermesslichen Sümpfe und Seen, die er bildet, wenn er grollend seine Dämme durchbricht, die stellenweise achtzig Meter hoch senkrecht ansteigenden Ufer mit einem riesigen Schwall überflutet und die gelbe Erde nebst Hunderttausenden von Menschen und Tieren erbarmungslos verschluckt.

Not und Tod, Zwist und Verzweiflung bedrohen diese gelben Menschen, aber fast immer lächeln sie. Warten sie und lächeln, lächeln ...

Verlorenes Gesicht

Im Büro des Gefängnisdirektors von Hongkong war es sehr heiß. Zwar brummten die elektrischen Ventilatoren unermüdlich, doch brachten sie keine Kühlung, denn durch die offenen Fenster und Türen quoll unablässig, als unsichtbarer Strom, die feuchte, erschlaffende Tropenwärme.

Vom zweiten Hof her ertönte das jammernde Geschrei eines chinesischen Taschendiebes, der von einem als „Hongkongpolizist" im britischen Dienst stehenden Landsmann mit kräftigen Stockhieben zu einem Geständnis ermuntert wurde.

Der weiß uniformierte und wohlbeleibte Gefängnisdirektor zwinkerte vergnügt mit den hellen, fettunterpolsterten Augen. Sein rundes, glattrasiertes Gesicht legte sich in wohlwollende Falten, und mit den kurzen, knubbligen Fingern der Rechten trommelte er einen unhörbaren Marsch auf der tintenbespritzten Tischplatte. Dabei betrachtete er aufmerksam einen ihm gegenüberstehenden Mann. Dieser war groß und breitschultrig und trug das aufreizend rote Haar nach der Gefängnissitte halb-kurz geschoren. Sein sommersprossiges Gesicht war beinahe regelmäßig und hätte gutmütig ausgesehen, wenn nicht das mächtige Kinn und ein zeitweiliger trotziger Zug um den Mund ihm etwas Draufgängerisches verliehen hätten. Erhöht wurde dieser Eindruck noch durch die kühn blickenden, grau-blauen Augen. Er steckte in einem groben, hässlichen Drillichanzug, der um die Hüften viel zu weit und überall in unregelmäßigen Abständen mit plumpen roten Pfeilen bedruckt war.

Wieder zwinkerte der Beamte in schlecht verhehlter Zufriedenheit, wie sie ein gutes zweites Frühstück und eine vortrefflich bezahlte, mit wenig Mühe verbundene Stellung mit sich bringen. Das Geschrei im Hof verstummte. Wie gewaltiges und doch gedämpftes Summen, von einzelnen schrillen oder metallisch klirrenden Lauten ununterbrochen durchgellt, hing der Lärm der menschenvollen Stadt in der Luft. Von der Bai wehte das Tuten eines großen Passagierdampfers herüber und erstickte plötzlich in dem überirdischen, wütenden Aufheulen eines britischen Torpedobootes.

Die Finger des Uniformierten hörten auf zu trommeln. Und mit wunderbarer, von langer Übung zeugender Geschicklichkeit sank er etwas tiefer in seinen Sitz zurück und schwenkte gleichzeitig die kurzen Beine vor sich auf den Tisch, sodass das Tintenfass von den weißbeschuhten Füßen eingerahmt war.

Sorgfältig entnahm er dem Bastetui eine Manila, biss die Spitze mit den kräftigen Zähnen ab und zündete sie genießerisch an. Nun warf er einen raschen, gewohnheitsmäßigen Blick auf das große, an der Wand hängende Bild des englischen Königspaares und sprach dann vorwurfsvoll, wie man mit einem Kind redet, das man nicht gerne bestrafen will, zu dem Rothaarigen: „Aber mein bester Mister Wendt, ich dachte wirklich Wunder, was Sie mir zu eröffnen hätten, als Sie um diese dringende Unterredung nachsuchten! Es ist die achte seit Ihrem Hiersein!"

„Ich habe um diese Unterredung bereits vor sieben Wochen vorschriftsmäßig gebeten, Sir!", erwiderte der Angeredete mit fester Stimme.

Behaglich nickte der Dicke. „Weiß ich, weiß ich, mein lieber Wendt – oder soll ich Sie, wie ich es eigentlich müsste, Gefangener Nummer 638 nennen? Nun, ich will ein Auge zudrücken, da Sie ein weißer Mann sind und eine geachtete Stellung einnahmen, ehe Sie den beklagenswerten Pfad der Sünde und Finsternis beschritten!"

Er machte eine kleine Pause, und es schien, als ob er wohlgefällig dem Echo seiner eigenen Stimme nachlausche, ehe er weitersprach: „Ein Gefängnisdirektor in Seiner Majestät – Gott segne sie! – Kronkolonie Hongkong hat sehr viel zu tun und kann nicht gleich jedem Gesuch nachgeben!"

„Aber ich bin unschuldig, Sir, vollkommen unschuldig, und ich protestiere immer wieder gegen diesen schmachvollen Rechtsspruch, der mich, auf eine abgekartete Sache hin, zu einem Jahr Gefängnis verurteilte!"

„Weiß ich, weiß ich, mein Lieber. Unschuldig sind sie immer alle! Doch das war Sache des Richters, der Sie verdonnert hat. Sogar Ihr eigener Konsul will nichts mehr von Ihnen hören, da er von Ihrer Schuld überzeugt ist! Aber warum denn diese echt deutsche Hast und Überstürzung, lieber Wendt? Nehmen Sie sich doch, da Sie ja schon geraume Zeit im Fernen Osten sind, ein Beispiel an orientalischer Geduld oder, noch besser, an britischer Gelassenheit. Ihr Jahr ist ja fast herum, es fehlen nur noch ein paar Wochen daran. Glauben Sie mir, es hat schon mancher schuldig oder unschuldig im Kittchen gesessen und wurde nachher doch ein angesehener, von Seiner Majestät – Gott segne sie! – geadelter Mann. Aber Sie müssen vernünftig werden. Nur um mir, der ich gar nicht befugt bin, solch dummes Zeug anzuhören, wieder mal Ihre sogenannte Unschuld anzupreisen, haben Sie meine wirklich kostbare Zeit in Anspruch genommen?"

Er schielte nach der Uhr, ob es noch nicht an der Zeit sei, in den Klub zu gehen, und fuhr dann fort: „Ich dachte, heute wirklich etwas anderes, Vernünftigeres von Ihnen zu hören. Sie haben doch die beste Gelegenheit, Ihre Mitgefangenen auszuhorchen! Zum Beispiel könnte man annehmen, dass Sie bei den gemeinsamen Spaziergängen mit dem Gesindel – hehehe, klingt nett, nicht wahr? – also dass Sie bei diesen, der Freude und Erholung gewidmeten Spaziergängen rund um den zementierten Hof unseres Institutes – hehehe! – allerlei zu hören bekommen! Sie sprechen doch ganz leidlich Kantonesisch und auch etwas Mandarin und könnten den Behörden außerordentliche Dienste leisten, wenn Sie herausbrächten, ob Ihr gelber Zellennachbar zu den Piraten der Bias Bai gehörte, die neulich den kleinen Küstendampfer ausgeplündert haben? Unverschämtheit so etwas, dicht vor Hongkong! Und ob das einäugige Halbblut – der Wärter berichtete mir vorhin wahrhaftig, dass der Kerl sich eine Ratte gezähmt hat, die in seiner Zelle aus- und einschlüpft! – ob dieser Bursche bei dem Überfall in der Nathan Road neulich in Kaulun drüben beteiligt war!

Aber stattdessen kommen Sie her und stehlen mir meine kostbare Zeit, um mir zu erzählen, dass Sie unschuldig sind. Goddam, Mann, man hat doch bei Ihnen, dem kontrollierenden Ingenieur der Bahn zwischen Kaulun und Hankau, als Sie in Kanton einstiegen, im Koffer ganz beträchtliche Mengen von Heroin und Kokain gefunden, die Sie in die Kronkolonie Seiner Majestät – Gott segne sie! – einschmuggeln wollten. Es war doch Ihr Koffer! Und zwölf Monate für ein solches Delikt sind eine milde Strafe!"

Angriffslustig schob Wendt sein Kinn vor und protestierte hartnäckig: „Ich bin aber unschuldig, Sir! Irgendein Chinese oder auch ein Weißer, vielleicht war es sogar ein Brite, der neidisch auf meinen schönen Posten war, hat das Rauschgift in meinen Koffer gepackt, als ich im Speisewagen saß!"

„Well, well, möglich ist alles. Aber das geht mich doch nichts an! Tatsache bleibt, dass es eine Ungeheuerlichkeit sondergleichen ist, wenn ein Beamter, wie Sie es waren, Heroin und Koks schmuggelt. Die Herren der Eisenbahndirektion, der, wie Sie wissen, auch einflussreiche Chinesen angehören, waren, wie ich nachträglich hörte, sehr ungehalten über Sie, und einer davon, der sehr ehrenwerte Mister Tschang Pi, hat das Höchstmaß an Strafe für Sie verlangt!"

Wendt stieg das Blut ins Gesicht. „Was, Tschang Pi? Der mich seinerzeit in Schanghai in Dienst stellte? Das ist doch fast unmöglich!"

„Derselbe! Aber, goddam, Mann – hehehe – nehmen Sie die kleine Sache doch nicht so tragisch! Wenn Ihre Zeit herum ist, treten Sie in unseren Polizeidienst oder, wenn Ihnen das nicht passen sollte – nun, China ist groß und steckt voller Möglichkeiten für tüchtige Leute –, gehen Sie doch in die Armee des Marschalls Tschiangkaischek! Vielleicht haben Sie dabei Gelegenheit, dem sehr ehrenwerten Eisenbahnpräsidenten und Millionär, Herrn Tschang Pi, ordentlich eins auszuwischen! Und gleichzeitig, wenn Sie in des Marschalls Hauptquartier sind, können Sie Augen und Ohren aufbehalten. Sie wissen, England liegt viel am Frieden der Welt – und der Secret Service zahlt recht gut, wie ich, Ihnen im Vertrauen zu sagen, von gewisser Stelle aus ermächtigt wurde. Hehehe, trefflich, nicht wahr? Der Ferne Osten bietet, wie ich ja schon sagte und wie Sie auch wissen, ungeahnte Möglichkeiten!"

Die grau-blauen Augen des Deutschen weiteten sich vor Staunen.

„Secret Service?"

„Ja!, nickte der andere und beobachtete verstohlen das Gesicht seines Gegenübers, auf dem sich ein nachdenklicher Zug ausprägte. „Bin ich dann, fragte Wendt langsam, „bin ich dann, wenn ich aus dem Gefängnis komme und in Ihre Dienste trete, wieder ein Gentleman, das heißt, ein Ehrenmann?"

Eine lange Pause entstand. In der Bai tuteten hastende Dampfer. Propellerdröhnen drang vom Flugplatz KaiTak herüber. Pfiffig betrachtete der Brite den Deutschen, ehe er begann: „Da Sie im Kittchen saßen – natürlich nicht! Aber machen Sie sich doch einen Dreck daraus, solange Sie schönes Geld verdienen. Old England zahlt gut, wissen Sie!"

„Es hat immer gut gezahlt für Dinge, die für seine eigenen Landeskinder zu schmutzig waren. Sagen Sie denen, die Sie beauftragt haben, dass sie sich zum Teufel scheren mögen!", stieß der Deutsche schweratmend hervor.

Mit leiser Geringschätzung blickte ihn der Direktor an. Er setzte seine ausgegangene Manila in Brand und blies eine dichte Rauchwolke gegen die Decke des Zimmers. Endlich sprach er in völlig verändertem Ton: „Was faseln Sie da eigentlich von Secret Service und Bezahlung? Die Gefängnisluft hat Ihr Gehirn durcheinandergebracht. Ich werde Ihnen den Anstaltsarzt schicken, Wendt!"

Wie aus den Wolken gefallen, starrte ihn der Deutsche an.

„Sie haben mir doch eben selber angeboten, in den Dienst des Secret Service zu treten, Sir!", schrie er fast.

Eine neue Rauchwolke stieg zur Decke empor, und dazu schnarrten die Worte: „Ihr Hirnkasten scheint ernstlich gelitten zu haben! Oder pflegen Sie lebhaft zu träumen, Nummer 638? Ich habe Sie doch lediglich gefragt, was Sie nach Ihrer Entlassung zu tun gedenken. Ob Sie zum Beispiel in der Kolonie bleiben wollen? Nun?"

Wendt schluckte ein paar Mal, und seine Finger zuckten. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Mit bitterem Hohn, eintönig erst, aber von Wort zu Wort in größere Erregung geratend, rief er: „Möge Gott Ihnen diese höhnische Komödie, die Sie hier mit einem Unschuldigen aufführen, vergeben, Sir! Ich wiederhole, dass ich unschuldig bin. Unschuldig! Aber was macht das in diesem Land aus! Sie selber wissen es ja genau, dass der Weiße, der hier draußen einmal im Gefängnis saß, wenn er auch nicht recht ahnte, warum – sein, wie die Chinesen sagen, Gesicht verliert! Das heißt, kein anständiger oder als solcher geltender Mensch will mehr etwas mit ihm zu tun haben, und ehrliche Arbeit findet er nimmer. Es bleibt ihm wirklich nichts anderes übrig, als ein Verbrecher zu werden. Oder – er lachte hell auf – „dem britischen Secret Service schmutzige Handlangerdienste zu leisten. Ehe ich jedoch das tue, schließe ich mich lieber jenen Kreisen an, mit denen ich ja in diesem Gefängnis so vertraut wurde. Und dann mag Tschang Pi sich in Acht nehmen!

Die letzten Worte schrie er und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch, sodass eine Flut grüner Tinte sich über die weißen Hosen des Beamten ergoss.

Ein baumlanger, khakigekleideter Sikhpolizist stand plötzlich auf der Schwelle, aber der Dicke winkte ihm, zu verschwinden. Denn er besaß reichliches Phlegma, war im Grunde genommen kein Unmensch und würde die ruinierten Beinkleider vom Staat vergütet bekommen.

Deshalb blieb er ruhig sitzen und sagte, nachdem der Sikh wieder verschwunden war, wohlwollend: „Nummer 638, Mister Wendt, entweder sind Sie ein Dummkopf oder ein Idealist – aber zwischen beiden ist der Unterschied manchmal sehr gering. Ich glaube jetzt selbst beinahe, dass Sie unschuldig sitzen! Gehen Sie in Ihre Zelle zurück, ich kann Sie nicht länger Ihrer Arbeit, für Seine Majestät – Gott segne sie! – Matten zu flechten, entziehen!"

Er drückte auf den Klingelknopf. Zwei geschmeidige eurasische Wärter kamen herein, und Wendt folgte ihrem stummen Wink. Seufzend nahm der allein gebliebene Direktor die Beine vom Tisch und betrachtete die grünen Flecke an den Hosen. Dann zuckte er die Achseln und rief: „Lantschu!"

Ein britischer Beamter

Die gelbe spanische Wand, die eine Ecke des Zimmers abschloss, wurde zur Seite gerückt. Ein junger Beamter saß in der Ecke auf einem Hocker. In der Hand hielt er Bleistift und Stenogrammheft.

„Alles mitgeschrieben, Lantschu?"

„Gewiss, Sir!"

„Gut! Ehe Nummer 638 entlassen wird, muss der in Schanghai weilende Eisenbahnpräsident gewarnt werden. Ich glaube zwar, dass der hitzköpfige Deutsche seine Drohung nicht ernst gemeint hat, aber darüber zu entscheiden geht mich nichts an."

„Sehr wohl, Sir!"

„Gut, ich ziehe mir jetzt ein paar andere Hosen an und will dann in den Klub. Der Boy soll den Wagen vorfahren. Und wenn meine Frau anruft, so bin ich bei einer wichtigen Sitzung und kann nicht gestört werden!"

„Sehr wohl, Sir!"

Der dicke Gefängnisdirektor ging hinaus. Hinter ihm schnitt Lantschu eine höhnische Grimasse und klatschte sich dann leise, aber unzweideutig, auf die Verlängerung seines Rückens. Das war zwar nicht sehr fein, aber Mr. Lantschu konnte nichts dafür. Denn er trug zwar einen wunderschönen weißen Anzug, Seidenhemd und dazu eine farbenfreudige Krawatte, die aus den geheiligten Gefilden Londons, von Saville Row, stammte, hatte korrekt gescheiteltes, mit Pomade angeklebtes Haar, war im „Majestic in der „Des Voeux Road allabendlich einer der graziösesten befrackten Tangotänzer, der je eine sich langweilende Großkaufmannslady über das Parkett führte – auch war er wohlbestallter Beamter der Gefängnisdirektion in Seiner Majestät – Gott segne sie! – Kronkolonie Hongkong – aber seine zu ihren Ahnen versammelte Mutter war eine wirklich hübsche und zierliche Chinesin aus der Provinz Yünrian gewesen – deren Schönheit leider höher als ihre Moral bewertet wurde.

Und so teilten sich denn in Lantschus Vaterschaft: erstens ein Branntwein liebender Schwarzer von den Antillen, der später im Plafen zu Vera Cruz von Deck eines amerikanischen Öltankers über Bord fiel und an zu viel Wasser starb; zweitens ein verschollener britischer Tommy, der das Licht der Welt in einem obskuren Haus des Londoner Whitechapels erblickt hatte; drittens ein diebischer Mandschure, der nach einem missglückten Tagewerk im Jahre 1938 zu Kanton am lieblichen Ufer des Perlflusses niederkniete, worauf ihm nach guter alter Sitte der hinter ihm stehende Henker den Kopf abschlug, und viertens ein norwegischer Kohlentrimmer, der längst in einem Osloer Trinkerasyl das Zeitliche gesegnet hatte.

Es gab sogar Stimmen in Wan Chai, jener bunten Gegend Hongkongs, wo Lantschu wohnte, die behaupteten, es wären mindestens zehn „fremde Teufel" bei der Erzeugung dieses braven britischen Beamten beteiligt gewesen! Lantschu, wenn er diese Lästerungen hörte, lachte geschmeichelt und befahl seiner Frau – einem vom Leben zerzausten Russenmädel, die eine von den Behörden heimlich gestattete Opiumkneipe führte, den ärgsten Schreiern für eine Zeitlang schlechtes Opium für ihre Pfeifen zu geben.

Wie dem auch sei, Lantschu hatte, wie so viele Mischblütige, nur die schlechten Eigenschaften seiner Eltern geerbt, und deswegen schnitt er jetzt hinter dem Rücken seines hohen Vorgesetzten jene unehrerbietige Grimasse. Und nachher, als die Luft rein war und sein phlegmatischer Gebieter längst andächtig auf der Terrasse des Hongkong Klubs saß, den dritten Whisky-Soda – sechs Finger Whisky und ein Finger Sodawasser – schlürfte und dabei sein mühseliges Dasein beseufzte, erlaubte sich Lantschu, den Gefangenen Nummer 638, aus purer Freude am Übeltun, einen Tag auf Wasser und Brot zu setzen. Irgendein Grund dafür, falls der Direktor fragen sollte, ließ sich ja leicht finden.

Allerlei aus Hongkong

Die Zelle war 2 Meter lang und 1,50 Meter breit. Eine an der Wand befestigte, eiserne Klappbettstelle, auf der eine dünne, schmutzige, graue Regierungsdecke gleichzeitig als Ober- und Unterpfühl diente, und in der Ecke ein zerbeulter angerosteter Eimer bildeten die ganze Einrichtung. Die weiß getünchte Wand wies zahlreiche Kreuz- und Querrisse auf. Oben, unter der Decke, saßen Moskitos klumpenweise und warteten auf die Abendstunden. Tageslicht drang reichlich durch die Gittertür, hinter der ein kurzer, breiter, von großen Fenstern erhellter Korridor unmittelbar in einen viereckigen, von hohen Mauern umgebenen, betonierten Hof mündete.

Gerade waren die Insassen eines anderen Gefängnisteils dabei, ihren vorgeschriebenen Spaziergang zu machen. Die Korridortür, neben der ein eurasischer Beamter saß und die Nuditäten eines Londoner Magazins studierte, war offengeblieben, und Wendt konnte somit von seiner Zelle aus die Spaziergänger beobachten. Es waren meist Chinesen der Kuliklasse, ein paar besser angezogene Mischlinge und einzelne Europäer darunter. Sie saßen wegen Diebstahls, Überfalls, Schmuggels, Mädchenhandels und anderer Delikte, wie sie in Hongkong und dem gegenüberliegenden Kaulun gang und gebe sind.

Vorschriftsmäßig marschierten sie um das Innenviereck des Hofes, wobei der Hintermann dem vor ihm Schreitenden beide Hände auf die Schultern legte. Dadurch bildeten sie eine ununterbrochene Kette. Aufseher, mit glimmenden Zigaretten in den Mundwinkeln, schlenderten umher und passten auf, dass die Sträflinge nicht miteinander sprachen oder flüsterten.

Wendt kannte das. Auch er war zweimal am Tag, seit er hier weilte – ihn dünkte das eine unvorstellbare Zeit! –, Glied einer solchen Menschenkette. An der einen Seite des Hofes befand sich eine durch farbige Striche gekennzeichnete Stelle, wo bei den häufig stattfindenden Exekutionen eine Art Podium mit Falltür und Galgen aufgeschlagen wurde. Wendt hielt es für eine unangebrachte Brutalität, dass man diesen Hof für die Spaziergänge der Gefangenen wählte. Er wunderte sich auch manchmal, warum man die Sträflinge nicht zur heilsamen Erziehung und Abschreckung antreten ließ, wenn jemand aus ihrer Mitte gehängt wurde.

Er zog seine Drillichjacke aus, setzte sich auf sein Bett und dachte an die Freiheit, die ihn binnen wenigen Tagen erwartete. Den Direktor hatte er seit jener denkwürdigen Unterredung nicht mehr gesehen, und seine Beschwerde wegen der üblen Behandlung, die ihm Mr. Lantschu angedeihen ließ, war in den Papierkorb gewandert.

Jeder Gefangene muss Matten aus einer sehr harten Schilfart flechten. Mechanisch flochten Wendts Finger, während er nach dem Hof schaute. Er seufzte. Nur noch einige Tage, und er wurde entlassen! Von seinen weißen Bekannten würden die meisten ihn nicht mehr kennen wollen, und einige andere, sogenannte „gute Kerle", würden ihm, wenn sie niemand beobachtete, einige Dollars in die Hand drücken. Denn wer als weißer Mann einmal im Gefängnis saß, der trägt, noch mehr in den Tropen als sonst wo, eine Art Kainszeichen, und keiner gibt ihm ehrliche Arbeit.

Keiner? Oh, gewisse Chinesen, Eurasier und im verborgenen Hintergrund auch Weiße können solche Schiffbrüchigen immer sehr gut für ihre dunklen Zwecke gebrauchen. Eine Zeitlang wenigstens! Bis sie wieder ins Gefängnis wandern oder in einer Opiumhöhle verkommen oder auch eines Tages mit einem Messerstich im Nacken aus dem Hafenbecken gezogen werden.

Wendt hatte bei den gemeinsamen Spaziergängen im Hof schon mancherlei mehr oder weniger deutliche Angebote erhalten; auch Adressen und Stichworte waren ihm zugeflüstert worden.

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