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Ein Augenblick genügt: Mit besonderen Momenten das Leben von Kindern bereichern. Wahre Geschichten.
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eBook287 Seiten3 Stunden

Ein Augenblick genügt: Mit besonderen Momenten das Leben von Kindern bereichern. Wahre Geschichten.

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Über dieses E-Book

Können Sie sich noch an Augenblicke in Ihrer Kindheit erinnern, die Ihr Leben geprägt haben? Lassen
diese Erinnerungen Sie lächeln oder wehmütig zurückblicken?

Wir alle haben es in der Hand, ebensolche Momente im Leben unserer Mitmenschen wahr werden zu lassen. Dazu bedarf es nur weniger Augenblicke. Schenken Sie Kindern, denen Sie begegnen, einfach Ihre volle Aufmerksamkeit. Das kann Ihr eigenes Kind sein, ein Kind aus der Nachbarschaft oder ein Kind, das weinend im Supermarkt steht und nicht weiterweiß. Manchmal genügt ein Moment, um ein ganzes Leben positiv zu verändern! Die wahren Geschichten in diesem Buch beweisen es.
SpracheDeutsch
HerausgeberGerth Medien
Erscheinungsdatum24. Feb. 2014
ISBN9783961221912
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    Buchvorschau

    Ein Augenblick genügt - Wess Stafford

    Einleitung –

    Was alles in einem Augenblick möglich ist

    Es gibt in jeder Kindheit einen Augenblick, in dem die Tür sich öffnet und die Zukunft Eingang findet.

    Graham Greene

    Ich hatte nie vor, dieses Buch zu schreiben. Ich habe auch nicht die Initiative dazu ergriffen – es hat sich einfach ergeben. Das möchte ich Ihnen gerne erklären. Mein erstes Buch Liebe, die ankommt: Warum jedes Kind zählt – und auch kleine Schritte die Welt verändern ¹ umfasste 352 Seiten. Aber nur drei Seiten dieses Buches bilden die Grundlage für das vorliegende Buch Ein Augenblick genügt.

    Sechs Jahre ist es her, seit das erste Buch auf Englisch erschien. In der Zwischenzeit reiste ich um die Welt und hielt Vorträge über den Wert der Kinder. Immer wieder musste ich die schöne und gleichzeitig schmerzhafte Geschichte meiner eigenen Kindheit in Westafrika erzählen. Dabei konnte ich beobachten, wie meine Zuhörer plötzlich auffällig in sich gekehrt waren, als ich über die Empfindsamkeit und Verletzlichkeit eines kind­lichen Herzens sprach. Wenn ich davon redete, wie weich und formbar der Geist eines Kindes ist, wie er an weichen Ton oder feuchte Erde erinnert und nur darauf wartet, liebevoll berührt, zärtlich umarmt oder mit angemessenen Worten ermutigt zu werden, dann wurden viele meiner Zuhörer von eigenen Erinnerungen sichtlich überrollt. Wie oft sah ich es in ihren Gesichtern, dass sie in ihre eigenen Geschichten eingetaucht waren und mir gar nicht mehr richtig zuhörten. Ihr Gesichtsausdruck wurde nachdenklich, die Blicke schweiften in die Ferne, sie kehrten zurück in ihre Kindheit und verloren sich in ihren Gedanken und Er­­innerungen.

    Manchmal fragte ich meine Zuhörer direkt: „Wer hat Ihnen geholfen? Was hat die Person gesagt? Was hat sie getan? Wer hat an Sie geglaubt, ehe sie selbst an sich glauben konnten?" Dann glitzerten Tränen in den Augen und ich konnte leises Schluchzen hören. Als ich einmal in den Niederlanden war, musste ich mitten in meinem Vortrag innehalten und meinen Übersetzer trösten, der unter der Last seiner eigenen Erinnerung zusammenbrach.

    Ich durfte lernen, dass Gott immer etwas Besonderes ­vorhat, wenn er uns eine Begegnung mit einem Kind schenkt, selbst wenn sie nur einmalig und flüchtig ist.

    Oft bin ich Stunden nach einem Vortrag immer noch in dem Saal, weil die Menschen Schlange stehen, um mir ihre eigene Geschichte zu erzählen. Wir lachen, weinen und umarmen uns, ehe wir als Seelenverwandte ­auseinandergehen. Die kurzen Augenblicke, die wir zusammen verbrachten, haben uns gestärkt, uns dankbarer und zielgerichteter werden lassen. Wenn ich Bücher signiere, erlebe ich zusammen mit meinen Zuhörern Zeiten bewegender Erinnerungen und tiefer Dankbarkeit. Aus aller Welt erreichen mich E-Mails, in denen Leser mir mitteilen, wer sie in ihrer Kindheit segnend beeinflusste und wie sie diesen Segen heute als Erwachsene weitergeben.

    Von Gott geschenkte Gelegenheiten

    Ich konnte also gar nicht anders, als dieses Buch zu schreiben. Aus den Geschichten anderer Leute durfte ich lernen, dass Gott immer etwas Besonderes vorhat, wenn er uns eine Begegnung mit einem Kind schenkt, selbst wenn sie nur einmalig und flüchtig ist. Wer sich einen Augenblick Zeit für ein Kind nimmt, hat die Möglichkeit, dessen Leben in die richtige Bahn zu lenken. Es kann gut sein, dass das Leben dieses Kindes in genau diesem einen Augenblick nachhaltig beeinflusst wurde.

    Jedes Mal, wenn Sie einem Kind begegnen, haben Sie die Möglichkeit und die Verantwortung, das Leben des Kindes positiv zu verändern – oder eben manchmal auch negativ. Ein einziges Wort kann ein ganzes Leben beeinflussen, ein ermutigender Satz, eine Umarmung im richtigen Moment, ein einfühlsames Gebet, ein Lob, das Festhalten einer kleinen Hand oder das Trocknen einer Träne – alles kann so schnell gehen und so lange nachwirken!

    Jeder von uns ist dazu in der Lage. Dafür brauchen wir keine Ausbildung. Keiner kann sich damit herausreden, dass er mit Kindern nichts anfangen, er nicht mit Kindern umgehen könne oder keine Ahnung von Kindern habe. Denn jeder Erwachsene hat schon einen Doktortitel im Fach „Kindheit erworben. Wer erwachsen ist, hat dieses vielschichtige Thema bereits achtzehn Jahre lang erforscht. Als Sie selbst ein Kind waren, haben Sie aus erster Hand alles gelernt, was es an Wissenswertem zum Thema „Kindheit gibt. Jeder weiß, wie es sich anfühlt, wenn man Recht bekommt, und leider auch, wie es ist, wenn einem Unrecht geschieht. Ihre Jahre als Kind sind verantwortlich für das, was Sie heute tun, und haben Sie zu der Person gemacht, die Sie heute sind.

    Entwicklungspsychologen haben längst erforscht, dass die grundlegenden, starken Werte, die Weltanschauung und das Selbstwertgefühl bereits in frühester Kindheit angelegt und fest in einer Person verankert werden. Vielleicht fordert uns Gott deshalb so nachdrücklich auf, für die Menschen einzutreten, die sich selbst nicht verteidigen können (Sprüche 31,8).

    Geschichten über Geschichten

    Dieses Buch soll kein Lehrbuch sein, sondern ich möchte viele Geschichten erzählen, so wie ich es aus meiner Kindheit in Afrika kenne. Ich wuchs in einem afrikanischen Dorf auf, in dem es weder Strom noch Fernsehen oder Radio gab (außer Kurzwellensendern). Deshalb versammelten wir uns abends am Lagerfeuer und erzählten uns Geschichten. Wichtiger als gut jagen, fischen oder ein Stück Land bestellen zu können, war es in unserem Dorf, eine Geschichte spannend erzählen zu können.

    Ich glaube, dass Jesus auch Geschichten liebte. Egal, wie wichtig ihm seine Botschaft war, er verpackte sie meistens in eine Geschichte. Manchmal erzählte er, zum Verdruss seiner Zuhörer, nichts weiter als eine Geschichte. Anscheinend wollte er, dass die Leute lange über seine Gleichnisse nachdachten und die Botschaft erst nach und nach entschlüsselten.

    Vom Kleinkind, das abends ins Bett gebracht wird, bis hin zum Akademiker, der viele Titel erworben hat – jeder liebt Geschichten und lernt aus ihnen. Wenn ich am Sonntag eine gute und logisch aufgebaute Predigt mit drei wesent­lichen Punkten gehört habe und deren Zusammenfassung sogar im Gemeindebrief nachzulesen ist, dann werde ich mich im Laufe der Woche trotzdem nur noch an die Witze und Beispiele erinnern, die der Pastor erzählte, um seine Botschaft zu veranschau­lichen. Die tiefen Wahrheiten, um die es eigentlich ging, bekomme ich vermutlich nicht mehr zusammen.

    Ich habe die Geschichten in diesem Buch in sieben thematische Teile gegliedert. Die ermutigenden und die warnenden Beispiele sind gemischt, ähnlich wie im wahren Leben. Wir können im Voraus nie wissen, wann unser Verhalten bei dem anderen einen lebenslangen Eindruck hinterlässt. Deshalb ist es so wichtig, dass wir immer behutsam und freundlich miteinander umgehen.

    Vielleicht sagte einmal jemand zu Ihnen: „Du hast aber eine schöne Stimme." Dieser Satz prägte sich Ihnen so ein, dass Sie später das Singen zu Ihrem Beruf gemacht haben oder dass Sie seit damals immer wieder andere Menschen mit einem Lied beschenken. Alles begann damit, dass sich jemand die Zeit nahm, diesen einen Satz zu Ihnen zu sagen.

    Mag sein, dass jemand beobachtete, wie Sie sich auf dem Spielplatz einem anderen Kind gegenüber sehr liebevoll verhielten. Die Person nahm sich die Zeit, Sie auf Ihr freund­liches Wesen anzusprechen und Sie zu loben. Wahrscheinlich können Sie sich nicht mehr an die genauen Worte erinnern, aber Sie wuchsen zu einem rücksichtsvollen, großzügigen, freund­lichen Erwachsenen heran. Es macht Ihnen große Freude, anderen zu helfen. Vielleicht haben Sie sogar einen entsprechenden Beruf gewählt.

    Es gibt in jedem Leben ­Schlüsselmomente, die eine große Bedeutung haben.

    Es gibt in jedem Leben Schlüsselmomente, die eine große Bedeutung haben. Wenn Sie einen Schauspieler nach einem solchen Augenblick fragen, wird er fast immer eine Geschichte vom ersten Auftritt oder von der ersten Bühne erzählen. Vielleicht war die Darbietung nicht gelungen, aber der Applaus, der dann folgte, tat unendlich gut. Von da an erinnerte sich die Person immer daran, wie schön es war, andere zum Lachen oder zum Weinen bringen zu können. Dieser erste Applaus hat ihrem Leben die Richtung gewiesen und seither nutzt die Person jede Gelegenheit, um vor Menschen zu spielen.

    Auf den folgenden Seiten werden Sie die Lebensgeschichten von Ärzten, Missionaren, Soldaten, internationalen Leitern, berühmten Sportlern, Politikern und vielen anderen kennenlernen, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie erinnern sich noch an diesen einen entscheidenden Moment in ihrem Leben, an dem alles begann.

    Sie werden auch die Geschichte von Adolf Hitler lesen, der an einem bestimmten Punkt auf die Abwärtsspirale gesetzt wurde, auf der er Millionen unschuldiger Menschen mit sich in den Abgrund riss. Im Alter von elf Jahren wurde er so grausam gedemütigt, dass es im Rückblick verständlich und sogar vorhersagbar ist, wie er von da an um jeden Preis danach strebte, anderen überlegen zu sein.

    Ein Augenblick kann sich leider nicht nur positiv auf das Leben eines Menschen auswirken und einen mitfühlenden, fürsorg­lichen, zuversicht­lichen und leistungsfähigen Menschen hervorbringen, sondern ein Augenblick kann genauso schnell negative Konsequenzen haben. Ein solcher Moment kann eine Wunde verursachen, die nicht aufhört zu eitern und ein ganzes Leben zerstören kann. Beides ist in einem Augenblick möglich. Im Laufe der letzten Jahre hat es mich immer wieder tief berührt, wenn ich mich in meinen Vorträgen vorsichtig den dunklen, traurigen Geschichten zugewandt habe. Oft reagierten die Zuhörer schnell und heftig auf die Erzählungen. Sie wurden zurückversetzt in entsetz­liche Kindheitserinnerungen. Plötzlich sahen sie sich wieder als das kleine Mädchen, das verletzt, missbraucht und zerstört wurde. Der Kopf sank schwer auf die Brust, Tränen flossen. Die Menschen hörten mir nicht mehr zu, sondern ihre eigene Geschichte spielte sich erneut vor ihrem inneren Auge ab. Die bösen Worte klangen ihnen immer noch in den Ohren. Sie konnten sich genau an den Ort erinnern, an die Möbel, sogar an den Geruch. Die Erinnerung an die Verletzung und die Schmerzen ist in die Seele eingebrannt, präzise und klar, und sie überschattet das ganze Leben.

    Im Gegensatz dazu setzt die Erinnerung an einen ermutigenden Augenblick unglaub­liche Freude frei. Vor längerer Zeit hielt ich einen Vortrag vor einer Gruppe von Lehrern, die in Nairobi in Kenia zu einer Konferenz zusammengekommen waren. Sie hatten mir eine Stunde Redezeit eingeräumt, doch wie so oft war ich schon nach 45 Minuten fertig. Lehrer sind ganz besonders intensive Zuhörer und ich konnte genau beobachten, wie viele von ihnen gedanklich wieder in ihre Kindheit zurückkehrten und sich die besonders schönen oder auch besonders schmerzhaften Augenblicke ihrer Kindheit lebhaft vor ihrem inneren Auge wiederholten.

    Ich brach meinen Vortrag ab und sagte: „Möchte einer von Ihnen gerne eine Geschichte erzählen, an die er jetzt gerade erinnert wird?"

    Ein junger Mann in der dritten Reihe erhob sich. Er stellte sich vor als ein junger Lehrer im ersten Berufsjahr, der große Freude an seiner Arbeit hatte. Dann sprach er über seinen mühsamen schulischen Beginn als Erstklässler. Er stotterte entsetzlich, war schüchtern und fühlte sich einsam, selbst im überfüllten Klassenzimmer. Den ganzen Tag wartete er darauf, dass die letzte Stunde endlich zu Ende war und er nach Hause gehen konnte. Das ging so lange, bis die Klassenlehrerin eines Tages seine Not erkannte und ihr beherzt entgegentrat. Sie lobte seine Arbeit, schrieb ermutigende Kommentare auf seine Arbeitsblätter und umarmte ihn gelegentlich, was er als Kind sonst nicht erlebte.

    Er liebte seine Lehrerin und beschloss schon damals, eines Tages auch Lehrer zu werden.

    „Und heute stehe ich hier als dankbarer, begeisterter Lehrer – das verdanke ich alles meiner dama­ligen Klassenlehrerin und ihrem Glauben an mich." Alle klatschten in der Annahme, dass seine Geschichte damit zu Ende wäre.

    „Haben Sie ihr jemals erzählt, welchen großen Einfluss sie auf Ihr Leben hatte?", fragte ich.

    „Nein", sagte er mit weicher Stimme.

    „Denken Sie, die Lehrerin ahnt überhaupt etwas davon?"

    „Ja, jetzt weiß sie es", antwortete er mit Tränen in den Augen.

    Betroffenes Schweigen legte sich über die etwa vierhundert versammelten Lehrer. Wir nahmen an, dass die beherzte Lehrerin verstorben war und er vielleicht davon ausging, dass sie ihn vom Himmel aus sehen und hören konnte.

    Doch als er sich wieder gefasst hatte, drehte er sich um, zeigte quer durch den Raum in die hinterste Ecke und fuhr fort: „… weil sie dort hinten sitzt."

    Wir schnappten nach Luft, drehten uns allesamt in die Richtung, in die er jetzt schaute, und entdeckten die alte grauhaarige Frau. Ihre Augen waren feucht, als sie unter tosendem Applaus langsam aufstand, so souverän, wie sie als Lehrerin immer aufgetreten war.

    Es war mir, als hätte ich Geigen spielen gehört, während die beiden aufeinander zugingen, sich in der Mitte des Raumes trafen und sich lange und herzlich umarmten.

    An dieser Stelle beendete ich meinen Vortrag. „Ich möchte dem nichts mehr hinzufügen, erklärte ich. „Ich denke, wir haben alle verstanden, um was es mir heute ging. Was wir hier miterlebten, sagt mehr, als viele Worte es könnten.

    Ich hoffe, dass Sie beim Lesen der eindrück­lichen Geschichten in diesem Buch Zeit finden, sich an Ihre eigene Kindheit zu erinnern. Wer hat Sie beeinflusst? War es Ihre Mutter? Ihr Vater? Hatten Sie eine ähn­liche prägende Erfahrung wie dieser Lehrer? Immer wieder höre ich Geschichten von Menschen, die in ihrer Kindheit von einem Erwachsenen begleitet wurden, einem Opa, einer Oma, einem Pastor, einem Jugendleiter oder einem anderen Kind. Vielleicht war es auch ein Fremder? Wenn Sie beim letzten Kapitel dieses Buches angekommen sind, dann werden Sie überzeugt sein, dass wir alle Großes bei anderen bewirken können, wenn wir nur mitfühlend und mit offenen Augen unterwegs sind und die Gelegenheiten nutzen, die sich uns bieten.

    1 Asslar: Gerth Medien 2012

    Kapitel 1 –

    Ein Augenblick, in dem ein Kind gerettet wird

    Mein Freund Jerry Schemmel ist Sportreporter und in seiner Region bekannt als die „Stimme der Colorado Rockies", eines Baseballteams aus Denver im U S -Bundesstaat Colorado. Er war 1989 an Bord des Katastrophenfluges 232, als eine Maschine der United Airlines von Denver nach Philadelphia fliegen wollte und nach einem Hydraulikausfall auf der Landebahn des Flughafens Sioux City in Iowa zerschellte. Jerry wurde aus dem Flugzeug geschleudert und landete unversehrt in einem Getreidefeld. Während er erleichtert feststellte, dass er unverletzt war, und entsetzt auf das brennende Flugzeug starrte, hörte er das Weinen eines Babys, das aus dem qualmenden Flugzeugrumpf drang. Er stürmte mitten hinein in den Ort des Grauens. Als er vor Rauch nichts mehr sehen konnte, folgte er der Stimme des Kindes und barg schließlich ein elf Monate altes kleines Mädchen namens Sabrina Michaelson. Ihre Geschichte wurde in dem beeindruckenden Buch Chosen to Live veröffentlicht.

    Als Jerry in meinem Büro saß und mir diese Geschichte erzählte, wäre ich am liebsten aufgesprungen und hätte gerufen: „Super! Genau das hätte ich auch getan!"

    Aber hätte ich es wirklich getan? Hätten Sie es getan?

    Es gibt kaum etwas, das uns in den Abendnachrichten mehr bewegt als der Bericht eines Feuerwehrmannes, der ein vor Kälte zitterndes Kind aus einem gefrorenen Teich rettet – oder das Bild eines blutenden Soldaten, der mit seinem verletzten Freund auf den Schultern aus dem Kampfgebiet rennt, während auf ihn geschossen wird und Bomben ringsum explodieren. Dieses selbstlose Verhalten kann man weder im Vorfeld beschließen noch einüben. Entweder hat ein Mensch die Fähigkeit, sich heldenhaft zu verhalten, oder er hat sie nicht. Der Augenblick, in dem wir uns als Held bewähren müssen, kommt unerwartet und wir reagieren – oder tun es nicht –, ohne Zeit zum Nachdenken zu haben.

    Es gibt keine zweite Chance, keinen „Was-wäre-wenn"-Spielraum. Im entscheidenden Moment ist den Menschen, die sich heldenhaft verhalten, die Reichweite ihres Verhaltens oft selbst nicht bewusst. Vielleicht realisieren sie das auch nie. Ist das Leben des Kindes wichtiger als mein eigenes Leben? Wenn ich bei dem Versuch, sie zu retten, sterbe, wird ihr Leben in Zukunft mehr Gutes für die Welt bewirken, als mein Leben es getan hätte? Für solche Überlegungen ist keine Zeit.

    Wenn Jahre später bekannt wird, welch ein wunderbarer Mensch aus diesem Kind wurde, dann erfüllt das den Retter mit Befriedigung. Doch wenn er nie wieder etwas von dem Menschen hört, sollte er nicht enttäuscht sein, denn ein Leben ist grundsätzlich wertvoll, unabhängig davon, was der Mensch zustande bringt. Tatsache ist: Jedes Kind ist wertvoll. Ihr Schöpfer hat die Kinder im Leib ihrer Mutter liebevoll geschaffen, jedes Einzelne von ihnen. Eines nach dem anderen wurde geboren. Jedes lebt und stirbt zu seiner Zeit. Und immer wieder muss eines von ihnen durch einen selbstlosen Helden gerettet werden … Die Retter sind in der Regel keine Politiker, Millionäre oder Prominente, sondern meist ganz gewöhn­liche Leute mit einem außergewöhn­lichen Herzen.

    Die Menschen, die am verletzlichsten sind

    Nachdem die Kamera das Gesicht eines kleinen Jungen oder Mädchen in Großaufnahme gezeigt hat, schwenkt sie wieder in die Totale und präsentiert den Zuschauern der Abendnachrichten die Not leidenden Massen. Parallel zum Schwenk der Kamera wechselt auch die Einstellung des Zuschauers von Mitleid zu Desinteresse. Die Zahl der hungernden Kinder ist größer, als wir erfassen können. Der Großteil der Bevölkerung resigniert angesichts der überwältigenden Herausforderung, und selbst mitfühlende Menschen sind wie gelähmt und finden sich damit ab, nicht wirklich etwas tun zu können. Der große britische Staatsmann Edmund Burke ist bekannt für seine Aussage: „Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen."

    In unserer verrückten, schnelllebigen Zeit passiert es so leicht, dass die Schwächsten, die Verletzlichsten und Kleinsten unter die Räder kommen. Sie brauchen unseren Schutz, unseren Augenblick der Aufmerksamkeit, um nicht überrannt zu werden. Wir müssen ihnen helfen, denn sie sind auf unsere Hilfe angewiesen.

    Auf diesen Gedanken kam ich, als ich unlängst auf einem Highway in Oregon unterwegs war. Ich fuhr an einer Reihe von orangefarbenen Pylonen vorbei und auf den Warntafeln las ich: „Baustelle. Zu schnelles Fahren wird mit doppeltem Strafmaß geahndet. Wer einen Arbeiter verletzt, zahlt 15.000 Dollar Bußgeld und riskiert eine Gefängnisstrafe."

    Ich muss wohl kaum erwähnen, dass mich diese Warnung sofort erreichte, ich die Geschwindigkeit drosselte und sehr darauf achtete, den Bauarbeitern nicht zu nahezukommen. Ich wollte auf keinen Fall riskieren, diese Strafe zu bekommen … und natürlich wollte ich auch keinen Arbeiter verletzen. Leider muss ich zugeben, dass meine Überlegungen in genau dieser Reihenfolge abliefen.

    Diese Warnung war nötig, weil wir in unserem Alltagstrott oft vergessen, auf die Menschen und die Ereignisse um uns herum zu achten. Doch diese Bauarbeiter mussten sich mitten auf der Autobahn auf ihre Arbeit konzentrieren und sich darauf verlassen können, dass wir auf sie aufpassen würden. Sie waren auf dieser Straße besonders gefährdet.

    Als ich die Baustelle hinter mir ließ und wieder schneller fuhr, dachte ich weiter über diese Zusammenhänge nach. Sollten wir in Bezug auf das Wohl der Kinder nicht genau dieselbe Einstellung haben? Kinder sind in vielerlei Hinsicht gefährdete Personen in unserer Welt. Sie sind schon vollauf damit beschäftigt, heranzuwachsen, und können nicht an all die Gefahren denken, die sie umgeben. Es liegt in unserer Verantwortung, auf die Kinder zu achten.

    In unserer verrückten, schnell­lebigen Zeit passiert es so leicht, dass die Schwächsten, die Verletzlichsten und Kleinsten unter die Räder kommen.

    Wenn ein Kind in unserer Nähe ist, sollten wir immer wachsam sein, nicht nur, um es nicht zu verletzen, sondern auch, um es notfalls aus einer Gefahr zu befreien und es liebevoll auf seinem Weg zu unterstützen. Jede Verletzung, die ein Kind von einem Erwachsenen erleidet, sollte mit der doppelten Strafe belegt werden! Vielleicht könnte das dazu beitragen, dass Raubüberfälle nicht mehr auf Läden ausgeübt werden, in denen Kinder einkaufen, oder dass nicht mehr in Häuser eingebrochen wird, in deren Vorgärten Spielzeug liegt, ganz nach dem Motto: „Hiervon lassen wir lieber die Finger, da scheinen Kinder zu sein." Vielleicht könnten solche Gesetze auch dazu beitragen, dass weniger Kinder sexuell missbraucht werden.

    Jedes Mitglied der Gesellschaft ist dafür verantwortlich, die Kinder, die uns anvertraut werden, zu schützen, zu versorgen und zu segnen. Jedes Leben ist von Natur aus wertvoll und nicht aufgrund einer erbrachten Leistung. Aber mitunter kommen auch beide Faktoren zusammen, wie ein Mann namens Herb Gilbey entdeckte.

    Nachbarschaftshilfe

    Wenn der Schneesturm tobt und der Wind ums Haus pfeift, dann ist jeder froh, der in seinem warmen Haus bleiben kann. Herb Gilbey ging es an jenem Abend im Jahr 1918 nicht anders, als ein Schneesturm über den US-Bundesstaat South Dakota hinwegfegte. Er war ausgesprochen zufrieden damit, sich an einer Tasse heißer Schokolade zu wärmen und aus dem Fenster zu schauen.

    Aber dann hörte er ein Klopfen an der Tür. Sein Nachbar, ein Apotheker, war überraschend zu ihm herübergekommen. „Komm rein, komm schnell ins Warme!", sagte Herb und schob seinen Freund ins Wohnzimmer.

    Als der Nachbar seinen Schal von seinem Kopf abwickelte, erkannte Herb sofort, dass es ihm nicht gut ging. Ihm war bekannt, dass der Mann derzeit sehr viel arbeiten musste, weil überall in der Stadt Menschen an einer schweren Grippe erkrankt waren. In der Zeitung hatte gestanden, dass derzeit zwanzig Millionen Amerikaner erkrankt und Tausende bereits gestorben waren.

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