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Zwei Bräute zu viel
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eBook337 Seiten6 Stunden

Zwei Bräute zu viel

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Über dieses E-Book

Colorado, Ende des 19. Jahrhunderts: Die Schwestern Kat und Nell Sinclair lassen das zivilisierte Maine und ihre Familie hinter sich und machen sich auf den Weg in eine unkultivierte Bergarbeitersiedlung im Westen. Dort wollen sie ein neues Leben beginnen. Als "Bräute auf Bestellung" kennen sie ihre zukünftigen Ehemänner nur aus Briefen. Nell träumt von Romantik, während Kat diese Verbindung nur eingeht, um versorgt zu sein.

Doch als die beiden Damen den kleinen Ort erreichen, ist keiner der beiden Herren in Sicht. Die wohlerzogenen Sinclair-Schwestern sind in der lebhaften Stadt am Ende der Zivilisation nun ganz auf sich selbst gestellt. Doch Gottes Gnade ist auch an diesem Ort nicht fern ...
SpracheDeutsch
HerausgeberGerth Medien
Erscheinungsdatum31. Juli 2013
ISBN9783961220779
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    Buchvorschau

    Zwei Bräute zu viel - Mona Hodgson

    1

    Portland, Maine, 1895

    Jetzt hab ich dich!«

    Kat sah von ihrem Tagebuch auf und schaute zum Tisch hinüber, wo Nell mit einem breiten Grinsen dasaß. Nell und Ida hatten an diesem Sonntagnachmittag besonders angeregt gespielt. Beide waren sehr ehrgeizig, und Kat verspürte nicht das Verlangen, eine der beiden zu einer Partie Dame oder einem anderen Spiel aufzufordern.

    Ida saß angespannt auf der Kante eines gepolsterten Stuhls. Die älteste der vier Sinclair-Schwestern war es nicht gewohnt zu verlieren, wie an ihrer gerunzelten Stirn unschwer zu erkennen war. Sie starrte auf das Spielbrett, aber die Anordnung der roten und schwarzen Steine wollte sich einfach nicht ändern. Als sie schließlich einen Stein rückte, schnappte sich Nell den roten Spielstein, und ihre blauen Augen blitzten auf.

    »Jetzt steht es fünf zu zwei, Ida.« Vivian, die mit sechzehn die jüngste der vier war, verkündete den Spielstand vom Sofa aus, wo sie mit Sassy, ihrer Siamkatze, saß.

    »Damit hat sie dich vom Thron gestoßen, liebe Schwester.« Kat schlug ihr Tagebuch zu. »Die Sinclairs haben eine neue Dame-Königin.«

    Während Ida so tat, als nehme sie sich eine Krone vom Kopf, stand Nell auf und strich ihr Kleid glatt. Dann setzte Ida die unsichtbare Krone auf Nells blonden Haarschopf. »Hiermit präsentiere ich euch die neue Dame-Königin.« Ida knickste ehrerbietig. Alle vier kicherten.

    Kat nahm ihr Tagebuch und ging zum Fenster. Die karierten Vorhänge waren mit Stoffbändern zurückgebunden und bildeten den Rahmen für einen idyllischen Ausblick. Die Ahornbäume und die Eiche im Garten waren mit tiefroten und goldgelben Blättern geschmückt, und ein paar Eichhörnchen tobten herum, während eine Handvoll Blätter wild durch die Luft wirbelten wie herbstliche Akrobaten.

    Akrobaten in Herbsttönen.

    Wild herumwirbeln …

    Kat eilte zum Sekretär zurück und hielt die Worte in ihrem Tagebuch fest. Ihr Bleistift flog regelrecht über die Seite. Der Sonntag war der inspirierendste Tag der Woche. Sie hatte an diesem Ruhetag Zeit zum Nachdenken, was sie immer erfrischend fand und auf neue Gedanken brachte.

    Nell räusperte sich. »Ich nehme nicht an, dass du gerade einen Beitrag für den ›Portland Press Herold‹ verfasst und darin von meinem Sieg berichtest?«

    »So großartig dein Sieg auch war – ein Bericht über unsere klägliche Schlacht ist nicht so sehr Kats Fall.« Vivian lachte. Ihre freche kleine Katze passte sehr gut zu ihr.

    »Wenn Nell die Schriftstellerin in unserer Familie wäre, würden wir alle eine hochromantische Liebesgeschichte zu lesen bekommen«, wandte Ida ein, als sie das Spielbrett ins Regal zurückstellte.

    »Ich glaube eben an die große Liebe«, hielt Nell ihr achselzuckend entgegen. »Ist das so schlimm?«

    »An die Liebe zu glauben ist ganz und gar nicht schlimm, mein Schatz.« Als sie die herzliche Stimme ihres Vaters hörten, blickten die vier zur Tür. Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte er am Türrahmen. Er trug einen Anzug mit Fischgrätenmuster und hatte seinen rotbraunen Bart ordentlich gestutzt.

    »Wir haben eine neue Dame-Königin, Vater.« Nell deutete mit erhobenen Händen eine Krone auf ihrem Kopf an. »Mich.«

    »Welch eine bescheidene Siegerin.« Auf seinem Gesicht zeigte sich ein schwaches Lächeln, und Kat bekam ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Irgendetwas stimmte nicht.

    Während Vater sich zu den vier Mädchen an den Tisch setzte, kam Tilda schlurfend herein und stellte das Teetablett auf den Mahagonitisch. Sie arbeitete schon seit zehn Jahren als Hausangestellte bei den Sinclairs, und Kat würde niemals vergessen, wie liebevoll sie bis zum Tod für ihre Mutter gesorgt hatte, damals, vor acht Jahren. Tilda goss heißen Apfelsaft in die Tassen und richtete sich langsam auf.

    Kat hob ihre Tasse an, sog den aromatischen Duft tief ein, nahm ein Stück Zitronengebäck vom Teller und reichte diesen dann Ida.

    »Ihre Herrschaft wird nicht von Dauer sein«, wahrsagte Ida und setzte sich aufrecht hin. »Nächsten Sonntag werde ich mir meine Krone zurückholen.«

    »Meine Mädchen – eigenwillig und doch zugleich zarte Pflänzchen.« Vater hob seine Tasse hoch. »Das hat mich durchgetragen, als eure Mutter starb.« Nachdem er einen Schluck von dem Apfelsaft genommen hatte, stellte er seine Tasse wieder ab. »Ich habe Neuigkeiten für euch, und ich zähle dabei auf eure Eigenständigkeit.«

    Während Kat darüber nachdachte, was für Neuigkeiten das wohl sein mochten, bei denen Vater auf ihre Eigenständigkeit hoffte, schluckte sie den letzten Bissen ihres Gebäckstücks hinunter.

    »Was für Neuigkeiten sind das, Vater?« Nell hatte die Frage gestellt, bevor Kat sie aussprechen konnte.

    »Meine Arbeit hier wird nächstes Jahr im Mai beendet sein.«

    »Das ist ja schrecklich.« Vivians leere Tasse stieß klirrend gegen ihre Untertasse. »Das können sie doch nicht machen!«

    Nell runzelte angesichts von Vivians pessimistischer Einstellung die Stirn. Das war etwas, über das sich die beiden häufig uneins waren. »Du wirst bald etwas Neues finden, Vater«, wandte sie daher ein. »Da bin ich mir ganz sicher.«

    »Nell hat recht.« Kat konnte nicht glauben, was sie soeben gesagt hatte. Seit sie denken konnte, hatte ihr Vater für Wyatt Locomotive gearbeitet, und hier in Portland gab es sonst nicht viele Möglichkeiten. »Bis Mai sind es noch acht Monate. Bis dahin hast du wahrscheinlich sogar etwas Besseres gefunden.« Dabei hoffte sie, dass ihre Stimme zuversichtlicher klang, als ihr zumute war.

    Vivian schob ihren Stuhl zurück und verschränkte beleidigt die Arme. »Ganz egal, wie viel Zeit sie dir noch einräumen, du hast ihnen viel mehr gegeben.«

    »Nun ja, sie haben mir ja nicht ganz gekündigt«, entgegnete er seufzend. »Sie haben mir eine Stelle als leitender Eisenbahningenieur angeboten. In Paris.«

    Nell schnappte nach Luft, und Vivian stieß einen Schrei aus. Erschrocken sprang Sassy von Vivians Schoß und versteckte sich unter dem Sofa. Kat saß regungslos und entgeistert da.

    Ihr Vater würde eine Stelle in Frankreich annehmen.

    Während für die meisten Schriftsteller eine Stadt wie Paris exotisch und verlockend gewesen wäre, empfand Kat nicht so. Sie liebte das Leben in Maine und hatte ihr gesamtes Leben in Portland zugebracht. Hier hatte ihre Mutter gelebt, und hier war sie auch gestorben.

    Ida rieb sich den Nasenrücken, was ein sicheres Zeichen dafür war, dass sie wieder einmal Kopfschmerzen bekam. »Ich kann nicht aus Portland weggehen, Vater. Ich stecke mitten in meiner Ausbildung zur Sekretärin.«

    »Ja«, erwiderte er, »darüber habe ich mir ebenfalls Gedanken gemacht.« In diesem Augenblick kündigte die Wanduhr die volle Stunde an, und Vater wartete alle vier Schläge ab, bevor er fortfuhr. »Dieses Haus gehört der Firma«, erklärte er und legte die Handflächen auf die Stuhllehne, »und in Paris werden sie mir nur ein Ein-Zimmer-Apartment zur Verfügung stellen.«

    Das flaue Gefühl in Kats Magen verwandelte sich rasch in Übelkeit. Sie konnte es nicht fassen, dass Vater sie hier zurücklassen wollte. Sie war zwar schon fast neunzehn und hätte darauf vorbereitet sein sollen, aber nachdem ihre Mutter bereits gestorben war, war er alles, was ihnen geblieben war.

    »Du willst uns hier zurücklassen?«, fragte Nell mit dünner Stimme.

    »Ich darf nicht mit nach Paris?«, flüsterte Vivian.

    Vater erhob sich und ging langsam zum Kamin. Er nahm das Bild ihrer Mutter vom Kaminsims und starrte es an, als könne es ihm Kraft geben. »Ich muss es tun«, erklärte er. »Ich sehe keine andere Möglichkeit.«

    Ihr Vater wirkte so verlassen, dass Kat beinahe aufgestanden wäre und ihn in den Arm genommen hätte. Auch wenn es ihr nicht gefiel, so wusste sie doch, dass die Entscheidung, die Stelle in Paris anzunehmen, für ihn genauso hart sein musste wie für sie. »Wir kommen schon klar, Vater.«

    »Das weiß ich, Kat. Ich vertraue auf jede Einzelne von euch. Eure Mutter hat euch zu außergewöhnlichen jungen Frauen erzogen.« Vater stellte das Bild wieder auf das Kaminsims zurück. »Ich muss sicher sein, dass für euch vier gut gesorgt ist, bis ich wieder zurückkomme. Deshalb werden Vivian und Ida hier in Portland bei Tante Alma bleiben, bis sie mit ihrer Ausbildung fertig sind. Dann werden sie zu dir und Nell nach Colorado gehen.«

    »Colorado?«, fragte Nell mit zitternder Stimme.

    »Ja. Ich denke, Colorado wäre der beste Ort für euch«, meinte er und betrachtete sie traurig. »Die Städte dort wachsen schnell, die Berge sind von einmaliger Schönheit, und ich war oft geschäftlich dort.« Vater griff wieder nach seiner Tasse und nahm einen großen Schluck. »Dort gibt es gute, zuverlässige Männer, und so sehr es mich auch schmerzt, euch gehen zu lassen: Colorado bietet euch viele Möglichkeiten. Und das wünsche ich mir für meine Mädchen.«

    Fragen über Fragen stiegen in Kat auf, und ihr wurde etwas mulmig. Wovon sprach Vater da? Welche Möglichkeiten? Und was hatten die Männer in Colorado mit ihr und Nell zu tun? Kat warf Ida einen fragenden Blick zu, aber ihre große Schwester erwiderte ihren Blick genauso entgeistert.

    »Nach dem Krieg sind viele Männer hier aus dem Osten nach Westen gezogen, wo sie in den Minen, bei der Eisenbahn und in den Geschäften gut verdienen. Manche sind sogar regelrecht reich geworden. Vivian ist noch nicht im heiratsfähigen Alter. Aber der Rest von euch schon, und ich fürchte, es wird Zeit, dass wir Ehemänner für euch finden.« Er schüttelte langsam den Kopf. »Ida muss zuerst ihre Ausbildung abschließen, aber ihr beide solltet im Anzeigenblatt von Cripple Creek in Colorado Annoncen aufgeben.«

    »Annoncen?« Mehr als dieses eine Wort brachte Kat nicht heraus.

    »Ja, mein Schatz. Heiratsannoncen.«

    Kat hielt sich die Serviette vors Gesicht und versuchte, ihre Bestürzung zu verbergen. Es war eine Sache, in den Westen zu reisen, um einen Mann zu finden. Aber eine Zeitungsannonce aufzugeben war noch einmal etwas ganz anderes. Wohlerzogene, gutsituierte Damen taten so etwas einfach nicht.

    Aber ein Blick auf den schmerzlichen Gesichtsausdruck ihres Vater verriet ihr, dass ab jetzt alles anders sein würde.

    2

    Cripple Creek, Colorado, 1896

    Während Kat in ihr Tagebuch schrieb, versuchte sie, das gleichmäßige Rattern des Zuges auszublenden.

    Ein Abenteuer. Mit diesem Wort will ich die Reise beschreiben, auf der Nell und ich uns befinden. Es ist keine romantische Liebesgeschichte, sondern vielmehr ein Abenteuerroman. Die Geschichte zweier Schwestern.

    »Mein Name ist Lucille Reger. Ich fahre mit meiner Mutter zu meiner Tante.«

    Kat legte den Stift auf ihr Tagebuch und wandte sich dem Mädchen zu, das ihr gegenüber saß.

    »Ich bin Kat Sinclair«, sagte sie und betrachtete ihre Mitreisende, die einige Jahre jünger war als sie selbst. Lucille war gemeinsam mit ihrer Mutter, die jetzt zusammengesunken gegenüber von Nell saß und so fest schlief, als hätte sie seit Tagen kein Auge zugetan, in Colorado Springs zugestiegen. Das Mädchen hatte die Nase die meiste Zeit in ein zerlesenes Exemplar von »Grimms Märchen« gesteckt. Aber jetzt lag das Buch auf ihrem Schoß. »Und das ist meine Schwester, Nell.«

    Die Angesprochene sah von dem Brief in ihren Händen auf und lächelte das Mädchen freundlich an. »Hallo, Lucille.«

    »Schreiben Sie ein Buch, Miss Kat Sinclair?«

    »Das ist nur mein Tagebuch.« Bei diesen Worten schlug Kat den weichen Ledereinband zu. »Meine Schwester und ich sind vor fast einer Woche in Maine losgefahren, und ich habe über unsere Fahrt geschrieben.«

    Nell zog eine Augenbraue hoch und sah zu Kat hinüber, während sie einen weiteren Brief aus dem Bündel auf ihrem Schoß zog. »Du könntest aber ein Buch schreiben, wenn du wirklich wolltest.«

    »Vielen Dank, aber – «

    »Ich würde das Buch auch lesen, wenn darin Prinzessinnen vorkommen«, warf Lucille ein. »Oder eine böse Hexe.« Der Zug machte einen weiteren Bogen um einen Berg, und die strohblonden Locken des Mädchens wippten auf seinen Schultern. »Schreiben Sie über so etwas?«

    »Manchmal schreibe ich über meine Schwester.«

    Nell stieß sie mit dem Ellbogen an. »Die liebe Prinzessin.«

    »Ich schreibe lieber Gedichte und halte die Ereignisse in meinem Tagebuch fest. Ich bin nicht wirklich eine Schriftstellerin.«

    Nell schnaubte. »Und wie nennst du das dann, wenn du einen Artikel für den ›Portland Press Herold‹ schreibst?« Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster und richteten die Aufmerksamkeit ihrer Mitreisenden auf ihre Sommersprossen.

    »Geschichte«, erwiderte sie. Sie hatte zwei Artikel für diese Zeitung geschrieben, und selbst wohlwollend betrachtet war das keine regelmäßige Tätigkeit gewesen. Kat war dankbar für die ermutigenden Worte ihrer Schwester, aber jetzt, da sie in den Westen fuhr, um einen Minenarbeiter zu heiraten, würden ihre Tagebucheinträge wohl ihre einzige schriftstellerische Tätigkeit sein. Es wäre vermutlich besser, wenn sie ihre volle Aufmerksamkeit auf dieses neue Kapitel in ihrem Leben richtete – ihre Zukunft in Colorado an der Seite von Mr Patrick Maloney. Kat verstaute ihr Tagebuch und zog ein Briefbündel heraus. Es war viel kleiner als das von Nell.

    Sie standen erst seit drei Monaten in Briefkontakt mit ihren zukünftigen Bräutigamen, aber es waren die hoffnungsvollsten Wochen gewesen, die sie und ihre Schwester erlebt hatten, seit Vater seinen Umzug nach Paris verkündet hatte. Kat konnte kaum glauben, dass sie Patrick nun tatsächlich kennenlernen sollte.

    Lucille hob ihr Buch hoch. »Ich lese gerade ›Aschenputtel‹. Das ist meine Lieblingsgeschichte. Was lesen Sie?«

    »Das hier sind Briefe von meinem Prinzen«, sagte Nell lächelnd und blickte ihr Gegenüber strahlend an.

    Lucilles blaue Augen wurden groß. »Sie heiraten einen Prinz?«

    Nell zog eine handkolorierte Fotografie ihres Zukünftigen aus einem verschlissenen Umschlag. »Das ist Judson Archer«, erklärte sie und betrachtete sein Gesicht zum bestimmt zwanzigsten Mal in dieser Woche.

    »Er sieht tatsächlich aus wie ein Prinz.« Lucilles Locken wippten, als sie bestätigend nickte.

    Nell tippte auf das Briefbündel in Kats Schoß. »Meine Schwester hat auch einen Prinzen.«

    Lucille sah zu Kat auf. »Haben Sie ein Bild von Ihrem Prinz?«

    Kat wollte Patrick Maloney nicht als ihren Prinzen bezeichnen. Sie hatte ihn ja noch nicht einmal getroffen, aber er war Vorarbeiter in einer großen Mine, er suchte eine Frau, und er hatte ihr Geld für die Zugfahrt geschickt. Das hatte ausgereicht, um Vater zu beruhigen, und so bemühte sich Kat ebenfalls, optimistisch zu sein. Sie zog Patricks Bild aus seinem letzten Brief. Sie hatte ihn an dem Tag bekommen, an dem Vater verkündet hatte, dass sie und Nell nicht noch einige Wochen warten konnten, um die beiden Männer zu heiraten, die sie zur Frau haben wollten. Und gleich am nächsten Tag waren sie und Nell in Portland in den Zug nach Westen gestiegen.

    Kat rutschte auf die Sitzkante vor, um Lucille die Blechfotografie zu zeigen. Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Mir gefällt sein Kinn, aber ich glaube nicht, dass ein Prinz einen solchen Hut trägt.«

    Dieses Mädchen war viel zu frühreif für sein Alter. Auf dem Bild trug Patrick eine Melone mit einer Straußenfeder im Hutband. Aber die Kleidung allein entschied wohl nicht darüber, ob jemand nicht zum Prinzen taugte – oder zum Ehemann. Ihr fielen ein Dutzend Antworten auf die Bemerkung des Kindes ein, sie hielt es aber für besser, nichts zu erwidern.

    »Hast du gesehen, was für tiefblaue Augen mein Judson hat?« Nell betrachtete weiterhin verträumt ihr Bild.

    »Die Fotografien sind handkoloriert, Nell. Die Farbgebung ist sicher sehr schmeichelhaft.«

    »Aber aus ihren Tiefen spricht die Hingabe.«

    Aus ihren Tiefen spricht die Hingabe. Kat seufzte. Und dabei warf man ihr immer vor, dass sie eine blumige Sprache verwendete.

    Sie sah nach unten und betrachtete Patricks bodenständiges irisches Gesicht mit dem akkurat gestutzten Oberlippenbart. Sie strich mit dem Finger über seinen Kiefer und stellte sich dabei vor, die Bartstoppeln zu spüren. »Weißt du, was das Grübchen in seinem Kinn bedeutet?«

    »Dass er so störrisch ist wie ein Maultier.« Nell kicherte, und Lucille machte sie nach.

    »Es ist ein Zeichen für seine Entschlossenheit.« Sie hatte diese Theorie selbst aufgestellt. Aber wenn man die Kürze von Patricks Briefen bedachte, konnte es durchaus zutreffen. Was machte es schon, wenn er nicht so wortgewandt war wie Nells Judson? Er hatte sich nur einfach schneller entschieden. Außerdem war er Vorarbeiter in der Mary-McKinney-Mine und bei der freiwilligen Feuerwehr, also musste er wohl auch ein sehr fleißiger Mann sein.

    »Mrs Judson Archer.« Das sehnsüchtige Flüstern ihrer Schwester erinnerte an den romantischen Klang einer Flöte in einer Rhapsodie, als sie einen der Briefe zur Hand nahm und daraus vorlas. »›Meine liebste Nell, ich zähle die Tage, bis du nach Cripple Creek kommst und ich dich zu meiner geliebten Frau nehmen kann. Bis zum fünften Juni ist es noch viel zu lange hin.‹«

    Patrick hatte offensichtlich zu viel zu tun, um fortwährend Briefe zu schreiben. Und wahrscheinlich war er auch zu schüchtern, um solch persönlichen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Aber das störte Kat nicht. Sie konnte ja das Schreiben übernehmen.

    »Er schreibt vom fünften Juni. Aber heute ist erst der achtundzwanzigste April.« Lucille erhob sich, um nach dem Brief zu greifen, und wäre aufgrund des Ratterns des Zuges beinahe auf Nell gefallen, bevor sie sich wieder setzen konnte.

    »Wir waren gezwungen, unsere Reise vorzuverlegen, weil unser Vater früher aus Maine abreisen musste als erwartet.« Nell schob Judsons Bild und den Brief wieder in den zerknitterten Umschlag und steckte das Briefbündel in ihre Tasche. »Wir haben ihnen Telegramme geschickt, um ihnen mitzuteilen, dass wir einige Wochen früher anreisen werden.« Nell versuchte, etwas Ruß vom Ärmel ihres Kleides zu wischen.

    »Ich will Ihre Prinzen unbedingt sehen! Werden sie Sie am Bahnhof abholen?«

    Kat zog eine Augenbraue hoch. Lucille klang viel zu verträumt für ihr Alter.

    »Ja, sie werden da sein.« Nell sah auf den nackten Ringfinger ihrer linken Hand.

    »Werden Sie sie heute noch heiraten?«

    Nells geschlossenen Lippen entwich ein nervöses Lachen.

    Kat seufzte. Ihre Schwester war viel zu geduldig mit dem Kind. »Nein.«

    »Kats Prinz hat uns die Adresse einer Pension geschickt, in der wir bleiben können, bis wir heiraten.«

    Ihre Schwester gab Nell mit einem Blick zu verstehen, dass es jetzt genug war.

    »Sie ist doch nur neugierig«, flüsterte Nell.

    »Aber du ermutigst sie auch noch.«

    Der stampfende Rhythmus des Zuges verlangsamte sich, als er einen Berghang hinaufschnaufte. Augenblicke später öffnete der Schaffner die Tür des Abteils, und mit ihm kam ein eiskalter Windstoß herein und weckte Lucilles Mutter.

    »Was ist?« Die Frage hätte auch genauso gut von ihrer Tochter stammen können, die mit dem Finger auf den untersetzten Mann mit der Nickelbrille deutete.

    Der Schaffner hatte den Daumen in die Knopfleiste seiner gestreiften Weste gehakt und verkündete: »Noch eine Viertelstunde bis zur Eisenbahnstation von Cripple Creek, meine Damen.«

    Nell sah an ihrem beschmutzten Leinenkleid hinunter. »Wir sehen schrecklich aus … von Kopf bis Fuß voller Ruß. Ich wünschte, wir hätten noch Zeit, uns in der Pension frisch zu machen, bevor wir unsere zukünftigen Ehemänner treffen.«

    »Wir müssen einfach das Beste aus dem machen, was wir haben«, erwiderte Kat seufzend. »Schließlich werden sie uns und unser Gepäck zur Pension bringen.« Sie holte ein Taschentuch und einen Spiegel aus ihrem Beutel, und Nell tat es ihr gleich.

    Als Kat sicher war, dass sie ihr Möglichstes getan hatte, um für den Mann, den sie schon bald ihren Gatten nennen würde, so gut wie möglich auszusehen, wandte sie sich zum Fenster, um ihr neues Zuhause zu betrachten. Doch bei dem Anblick verschlug es ihr den Atem. Über einer von Bäumen gesäumten Anhöhe stiegen weiße Wolken auf, und unter den kahlen Zweigen waren holzgedeckte Dächer zu erkennen. Die Stadt war weitaus größer, als sie erwartet hatte. Schneebedeckte Gipfel umgaben den Ort und erinnerten sie an den geriffelten weißen Rand an Mutters Lieblingsschüssel. Im Osten erhob sich Pikes Peak, und die Lichtstrahlen der Sonne fielen auf die violett gefärbten Hänge der Bergkette im Westen. Am liebsten hätte Kat ihr Tagebuch wieder hervorgeholt, aber ihr blieb nicht mehr genug Zeit zum Schreiben.

    »Das sind die berühmten Rocky Mountains«, flüsterte Lucilles Mutter, als sie ihre mit einer Perle verzierte Hutnadel zurechtsteckte.

    In diesem Moment ertönte das schrille Pfeifen des Zuges und kündigte ihre Ankunft an. Kat hängte sich ihren Beutel um, rückte ihren Hut zurecht und steckte ihn gut fest, während Nell ihren Wollmantel nahm und den Samtkragen glatt strich.

    Kat trat ans Fenster, um zu sehen, ob sie eine Melone mit einer Pfauenfeder entdecken konnte, aber in der dicht gedrängten Menschenmenge auf dem Bahnsteig konnte man nichts erkennen.

    »Hier hat es gebrannt.« Kat sog die Luft durch die Nase ein und deutete auf das verkohlte Bahnhofsgebäude. Nell nickte und sah zu dem schwarzen Hang hinter der Station. »Wo sind wir da nur hineingeraten?«, flüsterte Kat.

    Nell straffte ihre Schultern. »Wir wussten doch, dass es nicht leicht werden würde«, sagte sie und versuchte, dabei zuversichtlich zu klingen. »Es wird alles gut werden. Du wirst schon sehen.«

    Das musste es wohl. Vater war viele Tausend Meilen entfernt, in Frankreich, und Ida und Vivian mussten sich darauf verlassen, dass sie beide hier den Weg für einen Neuanfang für alle vier Sinclair-Schwestern ebneten.

    Schließlich kam der Zug quietschend und kreischend zum Stehen, und plötzlich kam Bewegung in die Fahrgäste. Männer stopften Zeitungen in ihre Taschen und setzten breitkrempige Filzhüte und Melonen auf. Die anderen drei Frauen im Abteil steckten Haarnadeln fest, rückten Schals zurecht und hängten sich bei ihren männlichen Begleitern unter.

    Kat und Nell hielten ihre Taschen fest und stellten sich zu den anderen in den Mittelgang, der sie schließlich wieder auf festen Boden und zu ihren Prinzen führen würde.

    Nell sah, wie die junge Frau vor ihr sich bei ihrem Mann einhakte. Die beiden gingen lachend durch die Tür, und Nell spürte tief im Innern das Verlangen nach einer solchen Geborgenheit.

    Schon bald würde sie am Arm von Judson Archer durch Türen gehen!

    Die Reisenden in der Nähe der vorderen Wagentür nahmen ihre Umhänge und Übermäntel von den Haken. Als Nell den Ausgang erreichte, warf sie sich ihren Umhang über, zog ihn eng um die Schultern und knöpfte ihn zu.

    Sie betraten den Bahnsteig und bewegten sich mit der Menge wie Schafe in einer Herde. Nachdem sich die Neuankömmlinge und die Wartenden begrüßt hatten, verlief sich die Menge allmählich, während Nell weiter nach irgendeinem Zeichen ihrer Zukünftigen Ausschau hielt.

    Doch niemand am Bahnsteig sah Judson ähnlich, und Mr Maloneys Pfauenfeder hätte man schwerlich übersehen können. »Sie sind nicht hier, Kat.«

    »Sie kommen sicher noch.« Kats angespannte Kiefermuskeln standen im Widerspruch zu ihren Worten.

    »Wo ist denn Ihr Prinz?« Lucille stand mit großen Augen vor ihr, einige Schritte von ihrer Mutter und einer Frau entfernt, von der Nell annahm, dass es sich dabei um ihre Tante handelte.

    Kat hatte recht – sie hatte dem Kind zu viel erzählt. Das Mädchen war eine Fremde und noch dazu sehr jung, und jetzt musste sich Nell Fragen stellen, auf die sie keine Antwort wusste.

    »Wahrscheinlich wurden sie aufgehalten. Schließlich haben wir sie mit der Nachricht von unserer verfrühten Ankunft überrascht.« Nell sah zu Kat. Ihre Schwester stand mit hochgezogenen Augenbrauen und zusammengepressten Lippen da und gab mit keiner Miene zu erkennen, dass sie ihr gleich zu Hilfe kommen würde. »Oder vielleicht war es auch nur ein Missverständnis. Das wäre nicht verwunderlich. Es kann so viel schiefgehen, wenn man ein Telegramm schickt.«

    »Komm jetzt, Lucille«, rief die Mutter des Mädchens von der Bahnhofstür aus. Das Mädchen drehte sich mit hängenden Schultern zögernd um. Nell seufzte. Sie hatte ihre Lektion gelernt – sie würden niemandem mehr den Grund für ihr Kommen nennen.

    Innerhalb von wenigen Minuten waren ihre beiden Koffer die einzigen, die noch auf dem Bahnsteig verblieben waren. Alle waren gegangen, und sie standen allein da.

    Nell ließ sich auf ihren Koffer sinken. Die späte Vormittagssonne blendete sie. »Wir haben ihnen doch telegrafiert. Sie müssten hier sein!«

    »Lass uns noch eine Viertelstunde warten.« Auch Kat ließ sich auf ihren Koffer sinken.

    Doch niemand kam.

    Eine halbe Stunde später machte sich Nell auf die Suche

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