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Am Horizont Schwarz

Am Horizont Schwarz

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Am Horizont Schwarz

Länge:
251 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 19, 2018
ISBN:
9783740755980
Format:
Buch

Beschreibung

Inga und der drei Jahre ältere Lukas wohnen in derselben Straße. Kurz vor Ingas fünfzehnten Geburtstag wird aus ihrer jahrelangen Freundschaft unverhofft eine Beziehung. Die kauzige Saxophonistin Inga und der physikvernarrte Grufti Lukas fühlen sich durch ihre Liebe zum Nachdenken und Unfug treiben tief verbunden. Bis Inga zunehmend daran zweifelt, dass sie Lukas und all seine Geheimnisse wirklich so gut kennt, wie sie immer glaubte. Sie merkt bald, dass sie im Schnelldurchlauf erwachsen werden muss. Auf jeden Fall schneller, als Lukas es ist. Eine schräge, philosophische und emotionale Reise durch Freundschaft und Liebe zwischen Musikunterricht, Subkultur und Theorien über das Universum.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 19, 2018
ISBN:
9783740755980
Format:
Buch

Über den Autor

Nika Sachs ist 1987 in Frankfurt am Main geboren und lebt mit ihrer Familie unweit ihres Geburtsortes. Bereits in der Kindheit und Jugend zeichnete, sang und schrieb die vielseitig kreative Synästhetikerin. Neben Erzählungen und Bilderbüchern für Kinder schreibt sie leidenschaftlich gerne über das Komische und Unkonventionelle des Alltags.


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Buchvorschau

Am Horizont Schwarz - Nika Sachs

Über das Buch

Dies ist eine fiktive Erzählung aus dem Leben von Inga Hallbecker, die kurz vor ihrem fünfzehnten Geburtstag plötzlich in einer Beziehung mit ihrem besten Freund Lukas landet. Sie erzählt von den Veränderungen in ihrem Leben, dem Erwachsenwerden und der Hoffnung, dass Lukas ihr seine Geheimnisse anvertraut.

»Am Horizont Schwarz« ist die Vorgeschichte zu den Tagebüchern, die Lukas als Erwachsener schreibt. Von ihnen ist der erste von zwei Bänden im September 2017 unter dem Titel »Schneepoet« bei Twentysix erschienen.

»Am Horizont Schwarz« und »Schneepoet« können unabhängig voneinander gelesen werden. Jedoch erschließen sich in dieser Geschichte viele Hinweise erst, wenn der »Schneepoet« vorab gelesen wird. Zwischen den Handlungszeiträumen der beiden Romane liegen über zehn Jahre, demnach sind Lukas’ Tagebücher keine Jugendbücher.

Nika Sachs

Am Horizont Schwarz

Für meine längsten Freunde

sowie meinen Bruder

Wir hatten eine nicht immer einfache,

aber dafür aufregende Jugend

Inhaltsverzeichnis

15

Bla im Weltraum

Ski-Cargo

Überseechaos

Mathematik ist ein Gemüse

18

Techno-Beerdigung

180 Puls

APHFT

Hirnfrost

137 Pferde

Pleiten, Pech und Weihnachtsbaum

Feuerwerk der Biere

Tag eins

Magie

Frei

Über das Denken denken

Heidelbe(e)rg

Schneekugel

Zukunftsmusik

Kopfgewitter

Ruinös

Strebergarten

Wave Grusel Treffen

Magnetismus

15

»Du gehst vor!«, befehle ich.

»Wieso?«

»Weil du nur die Hälfte von mir wiegst. Ganz einfach.« Lukas rollt mit den Augen und dreht sich um. Er hasst das, dass ich dauernd sage, er sei zu dünn. Dabei beneide ich ihn darum, so viel essen zu können. Seit letztem Jahr fühle ich mich unwohl mit meinem Hintern. Dem sieht man jetzt jedes Stück Kuchen an. Wenigstens sieht’s obenrum langsam auch so aus.

Schon die zweite Sprosse knarzt verdächtig. »Tu dir nicht weh, ich hab Geburtstag«, rufe ich besorgt nach oben.

»Du wolltest eine Feier zu zweit. Darf die bitte wenigstens spannend sein?«

»Darf sie, aber ohne Krankenhaus, okay?«

Lukas winkt mich zu sich hoch.

Ich finde die Idee mit dem Baumhaus scheiße, aber ich folge ihm. Vor ein paar Jahren kam mir der Nussbaum vor wie ein Riese in unserem Garten. Jetzt bin ich fast auf Augenhöhe mit dem Baumhaus. Eigentlich ist es gar kein richtiges Haus, es ist eine überdachte Plattform aus Paletten. Noch scheint es uns beide zu tragen, aber es knirscht in allen Ecken.

Wir sitzen nebeneinander am Rand und lassen die Beine baumeln. Es ist frisch, die Sonne kommt immer wieder durch. Ich mag den September. Nicht nur, weil ich da Geburtstag habe, sondern weil ich gerne zuschaue, wie sich alles verändert. Hier am Waldrand sowieso.

»Bist du schon aufgeregt?«, fragt er.

Ich schüttele den Kopf. »Nö. Ich weiß ja, dass du mir immer furchtbare Sachen schenkst.«

Er lächelt verschmitzt und schweigt. Es ist früher Sonntagnachmittag, die Welt um uns herum dreht sich gleichgültig weiter. Heute ist mein fünfzehnter Geburtstag und meine eigene Welt hat seit ein paar Tagen ein Gleichgewichtsproblem. Es heißt Lukas (mit K), kommt aus Frankreich und war bis vor Kurzem noch mein bester Freund. Ich popele nervös an den Fäden vom Riss herum.

»Darf ich dich küssen?«, frage ich leise. Dabei schaue ich weiter auf mein Knie. Keine Antwort. Mal eben schnell rüberschielen.

Er schüttelt verständnislos den Kopf.

»Du bist doof, Inga.«

»Ich weiß.«

»Hör auf damit!«

»Mit was?«

»Mit Doofsein, Mensch!«

Lukas legt seinen Arm um meine Schultern und gibt mir eine Kopfnuss.

»Du bist blöd, Typ. Das war eine ernst gemeinte Frage.«

»Du hast noch nie so viele idiotische Fragen gestellt wie in letzter Zeit, glaube ich!«, stellt er zu Recht fest.

»Du warst auch noch nie mein Freund. Fester bester Freund, mit verliebt und so …«

»Halt die Klappe, Hamster, und küss mich endlich!«

*

Eine Stunde später sitzen wir am Esszimmertisch bei meiner Oma, die zwei Straßen weiter wohnt. Auf die Familienversammlung hab ich eigentlich keine Lust. Ich platze allein vom Betrachten der Kuchen: Frankfurter Kranz, Streusel-Pflaume, Fantakuchen.

»Oh Gott, ich sterbe, ist mir schlecht«, sage ich wehleidig und halte mir den Bauch. Kommentarlos schiebt Lukas den Rest von meinem Kuchen auf seinen Teller. Ich verfolge sein genüssliches Grinsen mit Verachtung. »Du bist so ekelhaft, ey!«

Papa steht auf und nimmt die leere Kaffeekanne vom Tisch. »Ey«, äfft er mich nach. Danach verschwindet er in der Küche. Er nervt die ganze Zeit schon rum, dass ihm meine Sprache nicht passt.

»Waren doch erst vier!«, rechtfertigt sich Lukas. Ich rolle

mit den Augen und greife nach der Wasserflasche vor mir. »Und? Wie ist das so, mit fünfzehn?«, fragt Tante Sabine. Sie sitzt mir gegenüber und sieht mich übertrieben neugierig an.

Was fragt die solche Sachen? Wie soll das schon sein?

»Fast wie vierzehn, nur ein Jahr älter!« Ich werfe Mama einen hilflosen Blick zu. Sie ist die Einzige, die halbwegs weiß, was abgeht. Gefühlschaos. Wie ernst das genau zwischen uns ist, hat sie aber noch nicht auf dem Schirm.

Sabine nervt einfach weiter: »Ist doch spannend, ich meine, als ich fünfzehn war … Na ja, also, ist ja auch Wurst.« Bla. Meine Fresse. Sie redet echt ohne Punkt und Komma. Ich würde sie gerne ignorieren, aber ich steige zwangsläufig wieder in ihren Monolog ein, als sie »Supermarkt« und »vorgestern« sagt. »Ich war schon an der Kasse, da wollte ich jetzt nicht durch den ganzen Flur rufen, wie süß ich das mit euch beiden finde.« Mir schwant Übles.

Plötzlich verstummt das Quietschen und Klappern der Gabeln und Untertassen. Nur das Schlürfen von Opa ist noch zu hören. Alle starren mich an. Das wird der schlimmste Geburtstag, den ich je hatte. Ich wünschte, ich wäre ein Hummer. Dann würde keinem auffallen, dass ich rot werde, weil meine Familie so peinlich ist. Wenn nur meine eigene anwesend wäre, könnte ich es ja halbwegs verkraften, aber Lukas’ Eltern Monique und Dieter sitzen auch am Tisch.

»Was denn? Wir haben uns halt mal geküsst. Kann das Thema jetzt wieder weg?«, frage ich in die Runde und versuche, die Situation einfach zu ignorieren. Keine Chance.

»War ja nur eine Frage der Zeit«, wirft Dieter ein. Lukas schweigt, seine Hand wandert unter dem Tisch unauffällig auf mein Knie.

»Jaja, so fängt es immer an. Bei uns gab es ja keine Aufklärung, die Mädchen wurden quasi direkt schwanger. Aber ihr seid ja nicht so dämlich. Du nimmst doch sicherlich die Pille, oder?« Die Frage aus der Hölle. Nicht von Sabine, sondern von Oma. Opa räuspert sich. Falscher Film – ich bin in meiner ganz eigenen Folge von ›Die versteckte Kamera‹ gelandet. Papa hängt sich wie zu erwarten auch rein. »Quatsch, sie ist fünfzehn, das ist doch viel zu früh für so was! Die beiden kennen sich seit zehn Jahren – sich jetzt noch Hals über Kopf ineinander zu verlieben? Wohl kaum!« Das wünscht er sich vielleicht. Dabei schaut er zu Recht unsicher zu mir rüber. Sorry, Paps, denke ich mir.

»Zu früh für was? Die Pille? Pah, sagt der Schwager, der mit zwanzig Vater wurde!«, quakt Sabine rein. Mir ist so oder so schon schlecht, egal, was ich jetzt sage, der Tag ist gelaufen. Ich will nur noch raus. Mama presst die Lippen aufeinander und versucht, ihr dämliches Grinsen zu unterdrücken. Wenigstens sie hält sich anständig zurück.

Lukas drückt mein Knie und ergreift – jedoch nicht ganz so diplomatisch – für mich das Wort: »Inga und ich sind seit einer Weile ein Paar. Wir schlafen miteinander und wissen, was wir da tun. Ja, sie nimmt die Pille. Regt euch doch mal ab jetzt!«

Stille im Raum.

Omi stochert wieder auf ihrem Teller rum und steckt mit einem Seufzer ein Stück Kuchen in den Mund. Sie wirkt, als hätte sie nur auf so eine Aussage gewartet. Papa ist kreidebleich, Mama grinst, Opa fummelt an seinem Hörgerät rum und Dieter wirft Lukas einen Wir-müssen-mal-in-Ruhe-reden-Sohn-Blick zu. Da Dieter aber selten bis nie redet, und sich noch viel seltener aufregt, ist das – denke ich – halb so wild.

Moni bricht als Erste das Schweigen. »Also, ich freu mich für euch, Inga.« Das glaube ich ihr sogar.

Ich hab das Gefühl, auch gleich mal brechen zu müssen.

»Entschuldigt mich, ich muss kurz sterben gehen«, nuschle ich in mich hinein und flüchte. Lukas folgt mir, läuft ein paar Meter hinter mir auf dem Bürgersteig her und ruft ein paar Mal meinen Namen. Ich bin sauer auf mich selbst. Wahrscheinlich habe ich noch nie etwas Peinlicheres erlebt als dieses Tischgespräch. An der Straßenecke bleibe ich stehen und mache die Augen zu. Alles schwankt in meiner Welt. Was für ein Scheißgeburtstag. Ich drehe mich um, Lukas steht direkt vor mir und breitet die Arme aus.

»Danke, dass du mir den beschissensten Moment meines Lebens geschenkt hast!«, beschwere ich mich und wische mir die Wuttränen aus dem Gesicht.

Er drückt mich an sich. »Hör doch mal auf, Inga. Die kommen schon wieder runter. Meine Eltern wollten mich letztes Jahr auch in ein Kloster stecken. Und die haben viel mehr mitbekommen, als sie wollten …« Das ist wohl wahr. Wenn mich meine Eltern nackt, mit einem fremden Mädchen im Wohnzimmer überrascht hätten, wäre ich vor Peinlichkeit implodiert. Ich würde mich gerne so über ihn lustig machen können, wie ich es sonst auch getan habe. Es geht nicht mehr. Irgendwie sehe ich das jetzt anders. Ich bin ein anderer Teil von ihm geworden. Was auch immer Lukas tut, ist jetzt auch das, was ich tue. Überhaupt nervt es mich jetzt, dass ich über vieles nicht mehr unbeschwert lachen kann. Letztes Jahr fand ich es lustig, was er über sich und die Mädchen erzählt hat. Jetzt frage ich mich, ob ich nur eine von vielen sein werde. Das kann ich ihm natürlich nicht sagen, weil wir gerade mal seit zehn Minuten offiziell ein Paar sind. Was für ein Mist.

Ich schweige, obwohl ich so vieles sagen möchte.

Mein Handy vibriert in der schwarzen Umhängetasche. Ich löse mich langsam aus Lukas’ Umarmung und hole das Telefon heraus. Mama hat mir eine SMS geschickt. Es sei »alles okay, wir sehen uns heute Abend. Kussi, Mama«. Aha. Ich atme tief durch und stecke das Handy wieder ein. »Können wir ein bisschen laufen? Ich muss mal hier weg.«

»Du schaust mich an wie ein trotziger Gnom, Inga. Tut mir leid, aber das ist süß.« Ich seufze und nehme widerwillig seine Hand, die er mir hinhält. Wir laufen schweigend durch unsere Siedlung. Der Wind fegt durch die Straße und der Himmel zieht sich zu. Vielleicht hätte ich mir eine Jacke anziehen sollen. Ich stecke meine freie Hand in die Bauchtasche meines Kapuzenpullovers und denke vor mich hin.

Seit ein paar Monaten stehe ich so neben mir, nichts ist mehr selbstverständlich. Wir waren befreundet, haben jeden noch so komischen Moment miteinander geteilt. Für mich war es normal, dass wir Eins-a-Pupswettbewerbe veranstalten können, uns erkältet des Todes noch nicht eklig finden und nichts zwischen uns peinlich ist. Ich wusste auch alles über seine aufkommenden Fantasien und die darauf folgenden Erfahrungen mit Mädchen. Die hat er mir ja brühwarm erzählt. ›Sie heißt so und so und sie hat echt schöne Brüste‹, und so was. Die Erste, mit der er vor nun fast anderthalb Jahren geschlafen hat, stand tierisch auf ihn – er aber nicht so tierisch auf sie. Nach dem dritten Date war ihm das klar, deshalb hat er den Kontakt abgebrochen. Lukas wollte keine weitere beste Freundin, nur um etwas Körperliches zu bekommen, das er mit mir nicht hatte. Ich habe nicht verstanden, was ihm plötzlich so sehr gefehlt hat, dass er es immer wieder wollte. Nur das. Ohne Verpflichtung, ohne jemandem emotional wehzutun. Das war noch nie seine Art. Er fand das nicht fair, einem Mädchen Hoffnungen auf mehr zu machen, wenn er nicht verliebt war. Es hat mich anfangs für ihn gefreut, dass er da so seine Erlebnisse hat. Mit einem, zwei … dreizehn Mädels. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es für ihn ein Sport ist, möglichst viele verschiedene, meist etwas ältere Mädels mehr oder weniger zwanglos zu daten. Es ergab sich irgendwie einfach. Was hätte ich dazu sagen sollen? Er ist drei Jahre älter als ich, das kam mir alles in Ordnung vor. Dass er ein sympathischer Idiot ist, mit dem man gerne redet, finde eben nicht nur ich. Seit dem vergangenen Frühling hat es mich aufgeregt. Aber nicht, weil er dauernd davon erzählt hat, was er macht, sondern die Tatsache, dass ich dabei kein Teil von ihm war. Ist das Eifersucht? Kein Plan. Schule hat genervt, meine Klasse hat genervt, alles hat genervt. Nur er nicht. Vielleicht wollte ich ihn nicht teilen, immerhin war er mein bester Freund und Ende. Anscheinend nicht und Ende.

Lukas erzählte im Mai von seinem Kino-Date mit Kathi. Sie war bis zum Sommer auf unserer Schule und hat Abi geschrieben. Diese doofe Kuh, die nur rumlästert und außer gut aussehen nix kann. Schon allein vom Beobachten war sie mir zu blöd. Da wurde mir bewusst, dass ich es absolut nicht mehr cool finde, wie nah er anderen Mädchen kommt. Vor allem denen, die ich superscheiße fand. Die Vorstellung, ihn für immer und ewig mit so einer saublöden Tussi zu teilen, ging gar nicht. Ein Plan musste her. Ich bin ein Einzelkind – ich mache alles mit mir selbst aus, weil ich viel zu oft im Fokus vieler Familiengespräche stehe, bei denen jeder alles besser weiß. Als ob es kein anderes Thema gäbe, das man dauernd aufgreifen muss als meine Zukunft! Da das aber nun mal so ist, habe ich in den letzten Jahren schnell gelernt, weniger zu fragen und dafür mehr auf meine Weise zu lösen. Weniger Gerede, weniger Drama.

Mama hatte ich erzählt, dass ich die Pille mal testen wolle, weil meine Haut so schlecht war. Bei meiner Klassenkameradin Dani hatte das auch funktioniert. Sie hat mir das bestimmt nicht geglaubt, aber zum Glück auch nicht weiter nachgefragt. Ich hätte ihr ja schlecht sagen können, dass ich mich neben meinem besten Freund doof fühle, weil ich nicht mitreden kann. Seit Ostern nehme ich also die Pille und meine Haut ist noch immer so scheiße wie vor Ostern. Lukas wusste das bis letzte Woche nicht. Der hat ja nicht mal mitbekommen, dass ich auf ihn stehe. Vielleicht war mir das selbst bis dahin nicht so klar. Auf jeden Fall ist mir Dienstag nach der Schule irgendeine Sicherung im Kopf durchgebrannt.

Wir hatten zeitgleich aus und sind gemeinsam zu ihm gelaufen. Das machen wir oft, Lukas hilft mir mit Mathe und dem ganzen anderen Scheiß, der wegen mir in der Schule weg kann. Manchmal frage ich mich, ob ich bescheuert bin. Ich hab Latein gewählt, weil ich mich vor ihm nicht blamieren will. Dabei könnte ich keine bessere Nachhilfe in Franze haben als ihn und seine Mama. Jetzt ist es eh egal, ich quäle mich in meiner Winzklasse, bestehend aus vier Jungs und einem Typ, der mir eher vorkam wie ein bärtiges Mädchen, so durch. Läuft scheiße, Latein liegt mir auch nicht. Mathe kann ich ja leider nicht abwählen und Physik muss ich noch ein Jahr durchziehen. Da muss ich seine Hilfe annehmen.

Der Dienstagnachmittagsplan bestand aus Pizza und Hausaufgaben. Wir kamen damit genau bis zum Flur.

Ich feuerte meinen Rucksack unter die Garderobe und schlüpfte aus meinen Vans. Lukas saß in der Hocke vor der Kommode und kramte in der Schublade. Ich stellte mich neben ihn und warf einen Blick in das Chaos aus Büroklammerdöschen, Papierzeugs und Briefumschlägen.

»Mir ist eben der Verschluss vom Armband abgegangen. Ich glaube, wir haben keinen Sekundenkleber mehr.« Er schob die Schublade zu und legte das Armband auf die Kommode. »Erinnerst du mich nachher daran, dass wir einen kaufen?«, fragte er, sah zu mir hoch und stand auf.

Ich nickte stumm und bewegte mich keinen Millimeter. Mein Blick verfolgte starr seine Bewegungen. Wir standen uns so nah gegenüber, dass ich mir plötzlich seltsam vorkam. Als ob ich da nicht hätte stehen dürfen. Die Sekunden vergingen, ohne, dass einer etwas sagte. Der einzige Gedanke in meinem Kopf war: Scheiße. Mir war bisher nie etwas unangenehm mit ihm gewesen. Ich wusste, wie es sich anfühlt, neben ihm einzuschlafen und aufzuwachen, nackt mit ihm durch den Garten zu flitzen und mir ein Badezimmer mit ihm zu teilen. Wir kannten uns in- und auswendig, aber es war nie mehr als Freundschaft.

Bis jetzt.

Ich wollte unbedingt wissen, wie es ist, ihn zu küssen. Ich schien die Einzige zu sein, die es nicht wusste. Genau deshalb tat ich es in diesem Moment auch. Einfach so. Kopf aus, Augen zu – meinen besten Freund küssen.

Der wehrte mich weder ab, noch wirkte er sonderlich überrascht. Wir standen im Flur und zerstörten ziemlich zärtlich unsere Freundschaft. Mit meinen Armen um seine Hüften und seinen Händen um mein Gesicht. Das war er also, mein erster Kuss. Ich schenkte ihn dem Menschen, der mich am besten kannte. Da sich mein Gehirn seit diesem Jahr in einer ziemlich unkontrollierten, andauernden Umbauphase zu befinden schien, wurde alles nur noch schlimmer. Ich Esel starrte ich ihn danach an und fragte, ob ich nackt mit ihm sein dürfe.

Nackt. Hallo? Gehirn? Wie so ein Idiot!

Spätestens da hätte ich an seiner Stelle gelacht. Er lachte aber nicht. Und auch sonst schien er das nicht komisch zu finden. Stattdessen fragte er nur, ob ich mir der Konsequenzen meiner Wünsche im Klaren sei. Konsequenzen, was auch sonst. Ja, nein, vielleicht, ich wusste es nicht. Genau das antwortete ich ihm auch. Ich rechnete damit, dass es jetzt aus und vorbei sei, keine Freundschaft mehr – ich hatte es bestimmt versaut. War ja auch total doof von mir, mal eben zu beschließen, dass ich ihn zu sehr mag. Was will so ein Typ mit fast achtzehn von mir?

Es kam anders. Lukas sagte, dass ich alles

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