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Die Geschichte der Juden in Elmshorn 1685 - 1918: Band 1

Die Geschichte der Juden in Elmshorn 1685 - 1918: Band 1

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Die Geschichte der Juden in Elmshorn 1685 - 1918: Band 1

Länge:
730 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 14, 2017
ISBN:
9783746021881
Format:
Buch

Beschreibung

Elmshorn besaß über 260 Jahre eine jüdische Gemeinde. Diese hatte sich über eine lange Zeit der Isolierung soweit assimiliert, dass sie einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung der Stadt hatte. Die Juden besaßen Anfang des 19. Jahrhunderts einen Anteil von acht Prozent der Bevölkerung. Nach der Emanzipation von 1869 verminderte sich die Anzahl der Gemeindemitglieder so stark, dass sie zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus nur noch 0,5 Prozent der Bevölkerung stellten. In nicht einmal 10 Jahren vernichteten dann die Nationalsozialisten eine 260-jährige Symbiose, die oftmals sehr segensreich für die Stadt war. Erst 2003, also 60 Jahre nach der Vernichtung jüdischen Lebens in Elmshorn, gründete sich hier eine neue Gemeinde. Der erste Band umfasst die Zeit der Isolierung über die Assimilation bis zur Emanzipation und den ersten Weltkrieg. Der zweite Band enthält die Zeit von dem Antisemitismus über die Diskriminierung und Verfolgung mit dem Terror bis hin zur Vernichtung der Jüdischen Gemeinde von Elmshorn.
Herausgeber:
Freigegeben:
Dec 14, 2017
ISBN:
9783746021881
Format:
Buch

Über den Autor

Der Autor Harald Kirschninck studierte an der Universität Hamburg Geschichte und Chemie, absolvierte die beiden Staatsexamen für das höhere Lehramt, arbeitete 25 Jahre als Pharmareferent und veröffentlichte elf Bücher über die Geschichte und die Schicksale der Juden von Elmshorn. Heute arbeitet Harald Kirschninck als Heilpraktiker in Elmshorn und auf Norderney. Zeitgleich erscheint ein Buch über die Geschichte der Juden auf Norderney von Kirschninck unter dem Titel "Nordseebad Norderney ist judenfrei!". Die Geschichte der Juden von der Niederlassung bis zur Deportation.


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Buchvorschau

Die Geschichte der Juden in Elmshorn 1685 - 1918 - Harald Kirschninck

Inhalt

Vorwort

Die Grafschaft Rantzau

Die Gründung der jüdischen Gemeinde und die ersten Jahre in Elmshorn

Die Elmshorn unter königlicher dänischer Herrschaft

Berufsleben der Elmshorner Juden

Niederlassung

Uetersen und die Juden

Itzehoe und die Juden

Das Schutzgeld

Der Friedhof an der Feldstraße

Streit um die Beerdigung

Austritt aus dem Judentum und Mischehen

Der Fall des Seeligmann Salomon

Die jüdische Jurisdiktion

Die Gemeindeorganisation und die Synagoge

Entstehung des Gemeinderegulativs

Die jüdische Schule

Die Emanzipation

Postemanzipation

Legate

Elmshorner Juden als Soldaten

Der erste Weltkrieg

Anhang

1 Schutzbrief von Berend Levi vom 14.1.1685

2 Hausierverbot 19.7.1734

3 Regulativ für die Israelitische Schule in Elmshorn

3 Regulativ für die Israelitische Gemeinde in Elmshorn

Abkürzungen

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungen

Bibliografie:

Vorwort

Nur wer seine Vergangenheit kennt, vermag seine Folgerungen aus der Lehre der Geschichte zu ziehen. Daher ist es sehr wichtig, die Geschichte lebendig zu halten. Wo ginge dieses besser und einprägsamer als in der Geschichte der eigenen Umgebung, der Geschichte des eigenen Heimatortes. Dieses Werk entstand aus einer Staatsexamensarbeit über die „Juden in Elmshorn zur NS-Zeit und wurde über die Jahre zu einer „Geschichte der Elmshorner Juden von 1685 – 1945. Die Quellenlage zur Geschichte der Juden in Elmshorn, aber auch zur Geschichte in Schleswig-Holstein, ist für die Zeit vor dem Nationalsozialismus gut. Obgleich zu Kriegsende, zum Teil aber wohl auch noch danach, viele Dokumente über die Ausplünderung und den Holocaust von den Nationalsozialisten vernichtet worden sind, gibt es aber doch auch über diese Epoche eine große Zahl an Quellen, aus denen geschöpft werden kann. Wegen der Fülle des Materials und der wichtigen Bedeutung der Juden für die Geschichte Elmshorns habe ich das Werk in zwei Bände geteilt. Der erste Band befasst sich mit der Gründung der Gemeinde, zeichnet ein Bild des Lebens der Juden in unserer Stadt von der Ausgrenzung und Isolierung über die Assimilation bis zur Emanzipation mit der Phase der Postemanzipation. Der zweite Band schließlich führt über den Antisemitismus von der erneuten Diskriminierung über die Verfolgung zur Vernichtung der jüdischen Gemeinde und des jüdischen Lebens in Elmshorn. Die Geschichte der Juden in Elmshorn, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Bevölkerungsanteil von acht Prozent stellten, umfasst einen Zeitraum von 260 Jahren. In den 12 Jahren des Nationalsozialismus wurde diese gründlich zerstört, so gründlich, dass es erst im Jahre 2003 gelang, erneut eine jüdische Gemeinde in dieser Stadt zu gründen.

Auf dem Weg zu dieser nun fertig gestellten Arbeit habe ich Unterstützung von vielen Personen erhalten, bei denen ich mich ganz herzlich bedanken möchte. Da wären zu nennen die mittlerweile verstorbenen Anna Lötje, geb. Lippstadt, Rudolf Baum, Christian Rostock und Gerhardt Cordts und einige mehr. Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei Heinz Hirsch und Rudolf Oppenheim, die mir über die Jahre zu Freunden geworden sind. Weiterhin wären auch die „Elmshorner Nachrichten" zu nennen, die es mir ermöglichten, ihre alten Jahrgänge zu Hause durchzuarbeiten. Es gäbe noch weitere Personen zu nennen. Ich habe in den Bänden viele Worterklärungen in den Anmerkungen näher erläutert. Mögen hierunter auch für viele Leser einige geläufige Begriffe sein, so dachte ich dabei vor allem an jüngere Leser, denen ich nicht zumuten wollte, gerade an der Geschichte bis 1933, mit einem Wörterbuch zu sitzen. Bei den alten Quellen gab es einige schwer leserliche Worte oder Absätze, die ich mit den Auslassungszeichen (…) gekennzeichnet habe. Diese Unleserlichkeit erklärt sich zum einen aus den Handschriften, zum anderen an dem Zustand der Quellen. Im Anhang habe ich einige wichtige Quellen in der vollständigen Originalfassung abgedruckt.

Harald Kirschninck

Die Grafschaft Rantzau

Die ersten Juden in Schleswig-Holstein ließen sich um das Jahr 1600 in Hamburg, Altona und Wandsbek nieder. Sicher hatte es schon vorher Verbindungen der christlichen Bevölkerung in Holstein mit ihnen gegeben, da ihr Haupterwerbszweig im Hausierhandel, d.h. im Verkauf ihrer Waren an der Haustür auf dem Lande, bestand. Die Juden waren nach ihrer Herkunft zu unterscheiden: Zum einen die Sepharden (1) und zum anderen die Ashkenasen. (2) Die Sepharden kamen aus Portugal. Sie hatten dort gezwungenermaßen den christlichen Glauben annehmen müssen. Im Zuge der Inquisition (3) flüchteten sie aus Portugal und kamen um 16oo auch nach Hamburg.

Abb.: Jüdische Siedlungen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Aus: Juden in Preussen, a.a.O.,S. 62f.

Hier gaben sie sich zunächst als Christen aus, erregten aber schon 1603 den Verdacht, Juden zu sein und begannen von nun an, auch als solche aufzutreten. (4)

Zur gleichen Zeit wie die Sepharden waren auch die Ashkenasen nach Hamburg gekommen. Diese wurden auch als „Deutsche Juden" bezeichnet und stammten zum einen aus dem osteuropäischen (vor allem polnischen) Raum und zum anderen aus dem deutschen Reichsgebiet. Nach Graupe lassen die Namen der Hamburger Juden den Schluss zu, dass diese aus den lippischen und schaumburgischen Gebieten stammten. Da die Schaumburger Grafen seit dem Mittelalter auch Grafen von Holstein waren und ihnen die holsteinische Grafschaft Pinneberg gehörte, dürfte dieses auch naheliegend sein. (5) Bald nach der Erbauung von Glückstadt im Jahre 1616 ließen sich dort portugiesische Juden nieder. Christian IV. von Dänemark (6) versuchte 1629, die Sepharden verstärkt nach Glückstadt zu ziehen, indem er den Kauf-, Handels- und Handwerksleuten freie Religionsausübung zusicherte. Der Grund dafür lag sicher in der Absicht des Königs, Glückstadt zu einem großen Handelsplatz und Seehafen zu machen. Glückstadt sollte zu Hamburg in Konkurrenz treten. (7) Da die Sepharden hierzu vom König wegen ihrer sehr guten Handelsbeziehungen nach ganz Europa gebraucht wurden, konnten sie gewisse Bedingungen stellen, die ihnen auch erfüllt wurden. Am 16.Juni 1630 erhielten die Glückstädter Juden das Privileg, das ihnen völlige Handelsfreiheit in allen dänischen Landen, unbeschränkte Religionsausübung, Straffreiheit für frühere Vergehen, Befreiung von der Einquartierung in Kriegs-und Friedenszeiten, eigene Gerichtsbarkeit in Bagatellsachen, unbeschränkte Zulassung zu den akademischen Berufen u.a.m. gewährte. (8) Aber damit war es noch nicht genug. Die Sepharden fürchteten die Konkurrenz der deutschen Juden und erreichten, dass diese aus den Herzogtümern Schleswig und Holstein ausgeschlossen wurden. 1641 fiel Altona an Dänemark. Die Ashkenasen Altonas konnten wegen ihrer großen Anzahl nicht aus den Herzogtümern ausgeschlossen werden, sodass das Privileg der Glückstädter Sepharden hier seine erste Einschränkung erfuhr. Aber noch im Jahre 1649 wurde den deutschen Juden die Niederlassung in Friedrichstadt mit der Begründung verwehrt, sie seien Ashkenasen. Erst 1677 erhielten sie die Erlaubnis, dort eine jüdische Gemeinde zu bilden. (9) Die rechtliche Stellung der portugiesischen Juden in Holstein blieb bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts stets eine bedeutend günstigere als die der deutschen Juden. (10) Bis ungefähr 1850 war es den Juden nur erlaubt, sich in den Städten und Flecken Altona, Elmshorn, Friedrichstadt, Glückstadt, Kiel, Lübeck-Moisling und Wandsbek niederzulassen. 1649 ging das Amt Barmstedt mit dem Flecken Elmshorn aus gottorpischen Händen in den Besitz der Grafen von Rantzau über. Durch Vermittlung des Gottorper Ministers Graf von Kielmannsegg wurde es für die Summe von 101.000 Rreichsthalern und für die Güter Rantzau im östlichen Holstein im Wert von 70.000 Reichsthalern und Korbüll bei Husum (30.000 Reichsthaler) an den königlichen Statthalter in den Herzogtümern, Graf Christian Rantzau (11) verkauft. Bald nach der Übernahme des Amtes Barmstedt wurde Graf Christian als Gesandter des dänischen Königs an den kaiserlichen Hof von Wien geschickt, um eine Erneuerung des erledigten Lehens (12) des Herzogtums Holstein zu erwirken. In Wien trat Graf Christian sehr prunkvoll auf und verstand es, sich auf diese Weise Eindruck zu verschaffen:

„Es hielt sich dieser Legat über die Maßen stattlich. Er fuhr alle Tage mit zwei Caretten, jede mit sechs Pferden bespannt, zu Hofe; sein ganzer Comitat (Dienerschaft) bestand in 120 Personen, die alle in grüner Liberey, dick mit Silber verbrämet, ausstaffiret waren."

Nachdem er verschiedene Audienzen beim Kaiser gehabt hatte,

„präsentirte er im Namen seines Principalen, des Königs von Dänemark, 8 von Farbe und Tugend gleich schöne Pferde, welche in Königsfarbe Sammiten in Gold zum zierlichsten gestickten Decken, die ganz auf die Erde hingen, bekleidet waren. Die Decken waren in Silber in Gold gemengten Spitzen verbrämet, auf beiden Seiten das Adlerwappen, und in demselben diese Buchstaben F:R:D: (Fridericus Rex Daniae (13)." (14) Dieses Auftreten beeindruckte den Kaiser so stark, dass er das bisherige Amt Barmstedt am 16.November 1650 zur Reichsgrafschaft erhoben hat. (15) Damit unterstand die Grafschaft direkt dem Kaiser in Wien. Als Reichsgraf gewann Christian v. Rantzau umfassende neue Vergünstigungen. So stand ihm u.a. das Recht zu:

„mit rotem Wachs zu siegeln, Münzen mit seinem Bildnis schlagen zu lassen, erledigtes Erbe einzuziehen, Asyl zu gewähren, Juden aufzunehmen, Hochgericht, Stock und Galgen zu setzen, er hatte also das Recht auf Leben und Tod, genoss Befreiung von fremder Gerichtsbarkeit, durfte Schlösser bauen und befestigen, Wochen- und Jahrmärkte verordnen, Mühlen, Fischteiche anlegen, Erzlager abbauen. Nach dem Palatinat (16) durfte er Ritter schlagen, Hof- und Pfalzgrafen ernennen, Doktoren, Magister, Licentiaten, gekrönte Poeten creiren, Wappen- und Städterecht verleihen." (17)

Die neue Reichsgrafschaft Rantzau umfasste die beiden Kirchspiele Elmshorn und Barmstedt und 23 weitere kleine Dörfer. Ihre Größe betrug 4,5 Quadratmeilen oder 228 Quadratkilometer. Die Krückau bildete die südliche Grenze, sodass der Flecken Elmshorn nördlich der Au zur Reichsgrafschaft und die Dörfer Vormstegen und Klostersande unter königlicher und klösterlicher Jurisdiktion lagen. Die Au war damit nicht nur Grenze eines Verwaltungsbezirks, sondern auch eine politische. Die nördliche Grenze der Grafschaft lag beim Pfahlkrug. Graf Christian v. Rantzau verstarb am 8. November 1663, erst 49-jährig, in Kopenhagen. Sein Nachfolger wurde der einzige Sohn Detlev von Rantzau (18). Detlev vermachte im Jahre 1669 dem König von Dänemark testamentarisch die Grafschaft, falls seine Söhne ohne männliche Nachkommen sterben würden. Als eine Bedingung sollte das Gebiet für immer von der Grafschaft Pinneberg getrennt bleiben und auch unter königlicher Herrschaft den Namen „Grafschaft Rantzau" tragen. (19) Die Menschen in der Grafschaft um das Jahr 1830 werden von Rauert folgendermaßen beschrieben:

„Die Landbewohner der Grafschaft männlichen Geschlechts sind in der Regel gesunde, kräftige, grösstentheils hübsche Leute, von mehr als mittelmäßiger Größe; von dem weiblichen Geschlechte lassen sich nicht alle diese Eigenschaften rühmen. Wenn es auch stark und in der Regel wohlgenährt sein mag, so ist es doch weder dem Bildhauer noch dem Maler zum Modelle zu empfehlen. Die Kleidung der Landbewohner ist sehr einfach, Bauern und Knechte sieht man in der Regel mit kurzen Jacken und Hosen und die Frauen in Röcken von eigengemachten Zeugen einhergehen. Wohlhabendere tragen mitunter Jacken, selten Röcke, von Fabrikzeugen. Merklich unterschieden ist die Kleidung nicht von der Kleidung der Geestbewohner angränzender Districte; das Einzige, was einem Fremden hiebei auffällt, ist die Verzierung der drei-stückigen Hauben der Frauen, welche zu beiden Seiten des Gesichts angebracht ist, und in einem hohl geglätteten oder eingelegten, an beide Backen fest anschließenden weißen Striche oder Borde besteht. Die Stirn bleibt dage-gen ganz frei. Nur die verheiratheten Frauen und Wittwen tragen diese Zierde, wogegen sie bei den Hauben der Mädchen stets fehlt. Die Kleidung und Lebensweise der Marschbewohner dagegen ist vornehmer und unterscheidet sich nicht von der Kleidung und Lebensweise der angränzenden Marschbewohner (...) Die Lebensweise der Eingesessenen der Kirchspiele Barmstedt und Hörnerkirchen ist sehr einfach, aber durchaus nicht dürftig zu nennen. Das Gesinde lebt mit der Brodherrschaft in fast patriarchalischem Verhältnisse. Alle essen an einem Tische, aus einer Schüssel. Teller findet man selbst bei manchen wohlhabenden Bauern nicht und der Gebrauch der Gabel ist durchgehend unbekannt. Nicht zu loben ist das viele, und namentlich Fleischessen. In der Regel kömmt des Morgens, bevor die Arbeit beginnt, schon eine große, mit gepökeltem Rindfleische und Speck angefüllte Schüssel, nebst einer andern Schüssel mit dickgekochten Erbsen oder Klösen auf den Tisch, woraus sich jeder nach Belieben nimmt und das Fleisch auf einem hölzernen Bricken mit Hülfe seines Messers und der Finger für den Mund aptirt (20). Des Mittags kommen nach der Vorspeise, welche gewöhnlich in geronnener Milch oder Grütze besteht, dieselben Schüsseln neu gefüllt wieder auf den Tisch, und ebenfalls des Abends. Man darf sich deshalb nicht wundern, daß auf den größeren Bauernstellen neben drei bis vier selbst gemästeten großen Schweinen zwei bis drei aus der Marsch oder auf Märkten gekaufte und mit 40 - 60 Rthl. bezahlte Ochsen jährlich verzehrt werden. Während des Sommers wird außerdem noch zwischen Frühkost und Mittagsessen, sowie zwischen Mittag-und Abendessen ein Butterbrod gegessen. Der Bauer selber und die Seinigen trinken auch wohl noch des Morgens und Nachmittags Caffee. Thee wird selten getrunken. Von dieser Lebensweise kommen wahrscheinlich die dicken Bäuche bei allen Frauenzimmern und die Lauheit und Langsamkeit der Männer bei der Arbeit, worüber man Auswärtige, die sich in der Grafschaft niederlassen, klagen hört, die selten Gesinde halten oder bekommen können, wenn sie ordentliche Arbeit verlangen und das übermäßige Fleischessen abstellen wollen. Nachdem des Morgens eine Stunde beim Essen zugebracht worden, wird spät an die Arbeit gegangen, frühe, gewöhnlich schon vor 11 Uhr Mittag gemacht und einige Stunden geruht; des Abends kehrt man ebenfalls frühe wieder zur Fleischschüssel zurück (...) Dazu kömmt der Umstand, daß die meisten Stellen, auch die kleineren, mit Altentheilen sehr beschwert sind. Ist der Bauer 40 - 50 Jahr alt, so hält er sich für einen alten Mann, und zieht auf die Freiheit, mit welchem Ausdrucke das Altentheil hier characteristisch bezeichnet wird, übergiebt seinem Sohne oder verkauft seine Stelle und bedingt sich dabei bedeutende Leistungen aus. Um ganz außer Sorgen zu leben, bleiben gewöhnlich seine Kinder auf dem Hofe. Der neue Besitzer muß sie bis zu ihrer Confirmation erziehen und ernähren und in Krankheitsfällen bis zum 25. Jahre zu sich nehmen. Oft sind Stellen mit 2 und 3 Altentheilen beschwert, wobei auch ein betriebsamer Wirth nicht wohlhabend werden kann (...)" (21)

Abb.: An diesen Orten durften sich die Juden in Schleswig und Holstein im 17. und 18. Jahrhundert niederlassen.

Anmerkungen:

1) Sepharden= Bezeichnung der Juden aus Spanien (Sefarad) und Portugal, die im 14. und 15. Jahrhundert über Europa, Nordafrika, Lateinamerika und den Orient zerstreut wurden. Kulturelle und materielle Blüte im 17. Jhd. Sind auch anthropologisch von der Mehrzahl der Ashkenasim unterschieden (ausgesprochen südländischer Typus). zit. n.: Philo-Lexikon: Handbuch des jüdischen Wissens. Unveränd. Nachdr. d. 3. vermehrten und verb. Aufl. von 1936. Königstein/Ts. 1982

2) Ashkenasen= aus Deutschland und Frankreich stammende Juden, die jetzt etwa 90% aller Juden umfassen. zit. n.: Philo-Lexikon, a.a.O.

3) Inquisition= Untersuchung der Ketzerei, richtete sich nicht allein gegen die Juden, sondern war Werkzeug der Religionspolitik des Mittelalters.1480 eingeführt. Um 1500 greift die Inquisition nach Amerika über, wohin zahlreiche spanische Juden geflohen waren, 1536 wird sie in Portugal, 1586 in den Niederlanden wirksam; in Deutschland gab es keine Inquisition. 1808 hebt Napoleon die Inquisition auf. zit. n.: Philo-Lexikon, a.a.O.

4) Heinz Mosche Graupe: Die Statuten der drei Gemeinden Altona, Hamburg und Wandsbek. Quellen zur jüdischen Gemeindeorganisation im 17. und 18. Jahrhundert. Teil 1. Hamburg 1973. S.11.

5) Ebenda

6) Christian IV. v. Dänemark: 1577-1648; König von 1596-1648

ür Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Band 40). S. 62

8) Victor: Die Emanzipation der Juden in Schleswig-Holstein. Hamburg 1913. S.6. ebenda

9) ebenda

10) ebenda, S.8

11) Graf Christian Rantzau: geb. 1614, gest. 1663; Statthalter der Herzogtümer Schleswig und Holstein; Gouverneur und Amtmann zu Steinburg, Süderdithmarschen und Langeland. Ihm gehörten die Güter Breitenburg, Lindewitt, Giesingholm, Neuendorf, Drage und Rantzau in Wagrien. Ließ Münzen prägen; stiftete das Elmshorner Armenhaus (Präbendenstift); er war zuletzt Minister und Präsident des Staatsrats. Matthias H.T.: Die Grafschaft Rantzau. Altona 1840. Neudruck Elmshorn 1983. S. 5.

12) Lehen= Einräumung eines weltlichen oder geistlichen Gutes auf Lebenszeit gegen persönliche, besonders militärische Leistungen und Hofdienste zugunsten des Leihenden (Lehnsherr) bei gegenseitigem Treueverhältnis.

13) Fridericus Rex Daniae= Friedrich, König der Dänen

14) Noodt, Johann Friedrich: Versuch einer unparteiischen historischen Nachricht der Ranzov. Familie, o. Ortsangabe 1733, S. 65. zitiert bei: Struve, Konrad: Die Geschichte der Stadt Elmshorn. Teil I. Elmshorn 1936 - 1956.S. 136.

15) Ebenda

16) Palatinat= Die Pfalzgrafenwürde; sie wurde insbes. im 17. Und 18. Jahrhundert als ein Mittel der kaiserlichen Politik verwendet.

17) ebenda

18) Detlev von Rantzau: geb. 11. Mai 1644, verst. 1697. Er war Vizestatthalter der Herzogtümer, nach dem Tode des Statthalters wurde er dessen Nachfolger. Amtmann und Gouverneur zu Rendsburg und Geheimrat. nach Rauert: S. 8f.

19) Rauert ,a.a.O., S.7

20) Aptieren= herrichten

21) Rauert, a.a.O., S.54ff

Schutzbrief von Behrend Levi. LAS Abt. 113. Nr. 186

Die Gründung der jüdischen Gemeinde und die ersten Jahre in Elmshorn

Unter Graf Detlev soll 1685 die jüdische Gemeinde in Elmshorn gegründet worden sein. Diese Jahreszahl ergibt sich aus dem ersten überlieferten Schutzbrief, den Graf Detlev zu Rantzau dem Juden Berend Levi am 14. Januar 1685 ausgestellt hatte. (1)

„ Wir Detlef des Heiligen Römischen Reichsgraf zu Rantzau - auch Graf zu Löwenholm, Herr auf Breitenburg, Ritter, fügen hiermit männiglich, vornehmlich aber Unsern Beamten Unserer Reichsgrafschaft Rantzau, in Gnaden zu wissen, daß wir einen Juden namens Berend Levi, nach beigebrachter guter Nachricht seines Wohlverhaltens, samt seinem Weibe, Kindern und Gesinde in Unsern landesobrigkeitlichen Geleit- Schutz und Schirm aufgenommen und ihm hinfüro in Unserm Flecken Elmshorn zu wohnen, auch daselbst und in andern Orten Unserer Grafschaft Rantzau ihm Handel und Wandel, Kaufen und Verkaufen, Geld ausleihen und dergleichen ehrliche Hantierung zu treiben gnädig verwilligt haben. Tun auch solches hiermit und kraft dieses Briefes derogestalt, daß bemeldeter Jude Berend Levi nebst seinem Weibe, Kindern wie Gesinde von dato an, in Unserm Flecken Elmshorn wohne, daselbst sich häuslich niederlasse, nach Ordnung, wie solches in Deutschland und sonsten im Römischen Reiche gebräuchlich und zugelassen, seinen Handel und Wandel in Kaufen und Verkaufen, Geld ausleihen und wie solches obstehet, der Juden Gebrauch nach,Nahrung in Unserm Flecken Elmshorn und Dörfern (treibe). Jedoch soll er und diejenigen von Unsern Untertanen, die ihres Geldes etwa zu leihen begehren würden, von jedem Rthlr. mehr nicht denn wöchentlich 3 Pfennige bei Vermeidung Unserer ernstlichen Strafe nehmen und genießen. Weniger die Zinsen zu der Hauptsumme schlagen, noch dann der andern Judenschaft gleich weiteren Vorteil suchen, am allerwenigsten sollen aber weder Er noch diejenigen auf Kirchen- oder andern gestohlenen Gütern wissentlich Gelder ausleihen oder sie insgesamt deswegen unzulässig an sich ziehen, auch wenn je solches geschehen und ein oder anderer Unser Untertanen, dem solches Gut entfremdet worden, sich anmelden wird, demselben solche Güter wieder abfolgen zu lassen, schuldig sein. Gleichergestalt sollen sie die Pfänder, worauf sie das Geld leihen und ihnen zugebracht worden, vor Endigung eines Jahres zu veräußern keineswegs befugt, sondern hiervon ihren creditoren Nachricht zu geben schuldig sein. Dafern aber ungeachtet solcher Verwarnung, nach verflossener eines Jahres Frist, selbiges nicht wieder eingelöst würde, alsdann möge ihnen erlaubt sein, dieselbe ohne fernere Auf-sprache, jedoch mit Consens der Obrigkeit zu distrahiren (2). Wenn auch bemelter Jude oder diejenige Geld auf bloße Obligationes (3) ausleihen würden, sollen ihnen von Unsern p.T. (4) Inspectore zur Wiederbezahlung ihres ausgeliehenen Geldes auf bedürfenden Fall gebührlich geholfen werden. So sollen auch ferner Er und diejenige in Unserm Flecken Elmshorn befugt sein, zu ihrer Notdurft zu schlachten und das Fleisch, so ihnen übrig, bei Pfunden um einen billigen Preis nach dem die Schlachter daselbst ihr Fleisch ausbringen, unschädlich zu verkaufen, hingegen sollen Er und diejenigen Uns als Landesherrn zum jährlichen Tribut jede Familie 6 Rthlr. in Unser reichsgräfliches Register jährlich auf Nicolai zu bezahlen schuldig sein, auch sich sonst überall leidlich, gezeihlich und gehorsam erweisen. Im gleichen an Unsern Sabbathen oder Sonn- und Festtagen weder offne Tür und Laden halten, noch einige Schacherey oder Handlung treiben, sondern sich darunter nach Unsern publicierten Constitutionen (5) und andern Unsern christlichen Untertanen und Einwohnern gleich betragen, am allerwenigsten aber an ihren Sabbathen und Festen weitläufige Zusammenkünfte anstellen, Lampen anstecken, Lauber- oder andere Hütten aufrichten, und sonst etwas fürnehmen und beginnen, wodurch etwa unter Unsern Untertanen einige Aergernis, Verdruß und Weitläufigkeit veranlaßt werden könnte. Vielmehr ihre Devotion (6) und Andacht (soweit dieselbe im Römischen Reiche unter der Christenheit ohne Schändung und Lästerung des Sohnes Gottes zulässig und tolerabel ist) in ihren Häusern in stiller Gelassenheit verrichten. Würde auch dieser Jude mit Tode abgehen (maßen dann derselbe et consorten vor ihren Toten und Verstorbenen einen gewissen Ort Landes für eine Grabstelle von Evert Toschlag mit Unserer Consens erhandelt hat) mögen gleichwohl seine nachgelassenen Kinder, so lange ihnen gefällig ist, ihre Wohnung und Nahrung daselbst continuiren und diese Freiheit genießen, welche jedoch zu ändern, auch nach Befindung gar aufzuheben, Wir Uns vorbehalten. Befehlen darauf allen und jeden Unserer Beamten und Bedienten in Unserer Grafschaft Rantzau, besagten Juden Berend Levi nebst den Seinigen geleitlich sicher und ungehindert wohnen, und dieselben in keinerlei Weise in ihrem Gewerbe turbiren (7) zu lassen. Urkundlich haben Wir diesen Schutzbrief eigenhändig unterschrieben und mit Unserm gräflichen Insiegel bestärken lassen. So geschehen auf Unserm gräflichen Hause Rantzau den 14. Januar 1685. gez. Detlev Graf Rantzau" (8)

Dieser Schutzbrief ist das Dokument zur Gründung der jüdischen Gemeinde in Elmshorn. Ob es aber nicht vorher schon eine Gemeinde gab, lässt sich zwar nicht beweisen, jedoch vermuten. Tatsache ist, dass Berend Levi nicht erst 1685 nach Elmshorn kam, sondern schon 1680 hier lebte. (9) Da er ein nicht unvermögender Jude war, wie auch aus dem Schutzbrief hervorgeht, und dementsprechend auch Gesinde besaß, ist es möglich, dass er die nach dem jüdischen Glauben nötige Zahl von zehn erwachsenen Männern (Minjan) zur Gründung einer Gemeinde schon vorher zusammenbrachte. Zudem war und blieb die Ausstellung eines Schutzbriefes eine Ausnahme. Es ist daher nicht erwiesen, dass Berend Levi der erste Jude in Elmshorn war, denn auch später lebten die meisten jüdischen Familien ohne Schutzbrief in dem Flecken.

Nach der Ausstellung des Schutzbriefes für Berend Levi wuchs die Zahl der Juden in Elmshorn sehr schnell an, so daß schon 1688 ein eigener Praeceptor (10) für den Unterricht der Kinder angestellt werden konnte.(11) Die Gemeinde kam zunächst sehr gut mit ihren christlichen Nachbarn aus, zu gut wie der damalige Hauptpastor Magister Nikolaus Petersen (12) meinte. In seiner Schrift „Gravamina (13) beschwerte sich Petersen am 4.Juni 1694 darüber, daß „ sonderlich königliche Untertanen (Anmerkung von Struve: Vormstegener) am Sonntage mit ihnen Handel treiben, will nicht sagen schachern und wuchern, an ihren Sabbaten mit Wagen ausspannen und Handarbeit ihnen dienen und auf ihren Kirchzeiten und Verschneidungsfesten mit ihnen essen und trinken. Er habe öfters die Gemeinde gewarnt, sie möchten nicht so familiär mit diesem verstockten Volk verkehren, auch kein scandulum (14) geben, sonderlich mit der schnöden profanation (15) unseres christlichen Sabbats. Diese Leute zwackten ihr weniges Schutzgeld in der Grafschaft den Untertanen zwanzigfach ab. (16)

Petersen ereiferte sich darüber, dass Christen an den Sabbaten für die jüdischen Mitbürger Handreichungen ausführten. Auf diese Hilfestellung seitens der Christen waren die Juden angewiesen, da es ihnen von ihrem Glauben her untersagt ist, am Sabbat zu arbeiten. Nicht einmal die Kerzen in der Synagoge durften sie auslöschen und auch zu kochen war ihnen nicht erlaubt. Aus diesem Grunde benötigten sie die Hilfe ihrer christlichen Nachbarn. Häufig bezahlten sie hierfür auch Sabbatfrauen. In der späteren Synagoge wurde eigens ein christlicher Kirchendiener angestellt. Aber nicht nur den Juden wohlgesonnene Bürger gab es in Elmshorn.

Im Jahr 1688 schrieb der damalige Kirchspielvogt (17) Prätorius in einem Brief über einen Dragonerüberfall auf Elmshorner Juden. Nach seinem Bericht hatte der betrunkene Dragoner Buglaton in Levis Haus den jüdischen Schulmeister angetroffen und war mit ihm in Streit geraten. In dessen Verlauf ging er mit dem Bajonett auf den Lehrer los. Durch den hinzukommenden Juden Meyer Bleyander wurden die Streitenden getrennt. Kurze Zeit später betraten zwei Korporale mit einigen Dragonern das Haus des Juden Bleyander. Sie griffen den sich dort ebenfalls aufhaltenden Schulmeister und einen weiteren Juden sofort an und wollten den Lehrer mit in ihr Quartier schleppen. Dieses wurde aber durch Nachbarn verhindert. Schließlich stellte sich Prätorius vor den Schulmeister und bat den Inspektor um Hilfe. (18) Aus dem Brief von Joachim Bocatius (19) an den Grafen zu Rantzau vom Dezember 1688 ging allerdings hervor, dass dieser Beistand der Obrigkeit nicht aus Menschlichkeit geschehen war. Bocatius begründete dem Grafen gegenüber das Eingreifen und macht hier deutlich, daß sie, „obschon die insolentien (20) nur an einem Juden verübt wurden", wegen des den Elmshorner Juden zugesagten Schutzes dazwischen treten mussten. (21) Die Dragoner übertraten nicht selten das Recht. Kurz vor dem Überfall auf die Juden verprügelten 3 - 4 Dragoner in Elmshorn auf der Straße einen christlichen Einwohner. (22) In der Grafschaft gab es drei Klassen von Juden: Zum einen waren es die Schutzbriefinhaber mit ihren Familienangehörigen, zum anderen die Juden ohne Schutzbrief, die aber ebenfalls Einwohner Elmshorn waren. Daneben gab es noch eine dritte Gruppe von Juden ohne Wohnsitz, die kein Heimatrecht in der Grafschaft besaßen. Die Schutzbriefinhaber waren die privilegierten Juden. Es wurden nur sehr we-nige Schutzbriefe ausgestellt.

Im Oktober 1726 baten Joseph Simon und Aaron Levin den König um Schutzbriefe:

" Allerdurchlauchtigster Großmächtigster Souverainer Erb-König und Herr! Dero hohe Königl. Gnade, welche sie jederzeit denjenigen widerfahren laßen, die sich in aller Unterthänigkeit zu Ihro Majestät Füßen werfen, macht uns so kühn, daß wir in tiefster Demuth uns unterstehen, diese geringe Bittschrift allerunterthänigst zu überreichen, da wir Endes-Unterschriebenen Joseph Simon, Schulmeister zu Helmenshorn (23), welcher bereits in die 9 Jahr gewohnet, und Aaron Levin, der Profession nach ein Sänger daselbst, sich gänßlich niederlassen, wir aber solche Freyheit allda nur nicht lange vermuthen können, wann wir nicht durch besondere Königl. Gnade darinnen geschützet werden. Also ergehet unsere gantz unterthänigste Bitte an Ihro Königl. Majestät, uns die Hohe Königl. Gnade vor uns zu haben, und uns gnädigst zu erlauben, daß wir bey Auszahlung des Schutzgeldes, welches wir alle Jahr richtig abgetragen, noch ferner solche Königl. Gnade theilhaftig werden und noch lange Zeit dieselben zu rühmen, Ursache haben mögen. Denn da unser Alter bereits herannahet, und unser Zustand es nicht leyden will, unsere Reyse an frembden Oertern wieder vortzusetzen, so wünschen wir wohl einen beständigen Orth unsers Verbleibens zu erhalten, so lange uns Gott das Leben läßt, um uns, samt unsern Kindern, daselbst ehrlich zu ernähren und uns daselbst in Ruhe zu begraben. Wir zweiffeln derohalben nicht, es werden Ihro Königl. Majestät die hohe Gnade vor uns haben und unsere allerunterthänigste Supplique (24) mit gnädigsten Augen ansehen, und uns in unsere demüthigsten Ersuchen allergnädigst erhören. Vor solche unverdiente hohe Königl. Gnade werden wir nicht allein lebenslang tiefstschuldigst verbunden verbleiben, sondern auch uns jederzeit so aufführen, als wie es von Ihro Königl. Majestät, samt dem gantzen Königl. Hause, dem Schutz des Allerhöchsten empfehlen (...)" (25)

Joseph Simon und Levin Aaron erhielten keine Schutzbriefe. (26) Damit blieben Behrend Levi und Levin Leser Singer die einzigen Elmshorner Juden, die einen besonderen Schutzbrief besaßen.

Abb.: Zusammengestellt aus der Umfrage LAS Abt. 65.1 Nr. 1481. © Privatarchiv Kirschninck

Anmerkungen:

1) LAS Abt. 65.1. Nr.1481. Schutzbrief: LAS Abt. 113. Nr. 186.

2) distrahiren=zerstreuen

3) obligationes= hier: Schuldverschreibung

4) p.t. = pro tempore= für eine bestimmte Zeit

5) publicirte Constitutionen=veröffentlichte Bedingungen

6) Devotion= Demut, Unterwürfigkeit

7) turbiren= hier: stören

8) LAS Abt. 65.1. Nr. 1481. Zusatz zum Schutzbrief: LAS Abt.113. Nr. 186.

9) vgl. S. 28f.

10) Praeceptor= Hauslehrer

11) LAS Abt. 113 Nr. 186

12) Magister Nikolaus Petersen: Hauptpastor von Elmshorn; Amtszeit: 1664 – 1701

13) Gravamina= Beschwerden

14) scandulum= Skandal, Aufsehen

15) profanation= Entweihung, Entwürdigung

16) Struve, Konrad: Ein geschichtlicher Spaziergang längs der Marktstraße, dem Flamweg nach dem alten Grenzkrug (Pfahlkrug). 4.Forts. in: Aus der engeren Heimat (AdeH): Nr. 10. 1928

17) Kirchspielvogt: Dieser hatte folgende Aufgaben: Regulierung der gerichtlicher Behandlung unterworfener Erbsachen, Konkursregulierungen, Entwurf aller Verträge, die gerichtlich geschlossen werden, Auktionen durchzuführen, Freischeine für Heiraten auszustellen, Führung des Lageregisters, Führung der Seerolle für den Flecken Elmshorn, Mitglied des Schulkollegiums Mitglied der Präbenden-(Armen)-stiftung, Leiter der Löschanstalten bei Bränden, Untersuchung der Brandfälle, Hebung versch. Steuern und Abgaben, Verwaltung der Polizei, jedoch nur im Auftrage der Administratur, Morgensprache der Zünfte. In der Zeit von 1726 - 1840 amtierten folgende Kirchspielvögte in Elmshorn: 1726 - 1755 Meyer 1755 - 1783 Bornemann 1783 - 1784 Kammerrath Steege 1784 - 1807 H. Fries 1807 - 1814 Feddersen 1815 - 1834 Lichtappel seit 1834 C.M. Fries n.: Rauert, a.a.O., S. 160 ff.

18) LAS Abt. 113 Nr. 186

19) Bocatius, Joachim: Inspektor der Grafschaft Ranzau

20) insolentien= Anmaßungen, Unverschämtheiten

21) LAS Abt. 113 Nr. 186

22) Ebenda

23) gleich: Elmshorn

24) Supplique= Bitte

25) LAS Abt. 65.1 Nr. 1481

26) Ebenda

Die Elmshorn unter königlicher dänischer Herrschaft

Nach dem Übergang Elmshorns unter dänische Herrschaft im Jahre 1727 versuchte die Obrigkeit zunächst einmal, sich einen Überblick über die Juden und ihre Lage in Elmshorn zu verschaffen. Der damalige Administrator (1) v. Blome erhielt von der königlichen Regierung den Auftrag, die Elmshorner Juden zu verhören und danach Bericht zu erstatten. Blome (2) delegierte diesen Auftrag an den Kirchspielvogten Meyer (3) weiter, der alle Juden befragte. Aus den Aussagen der 24 Haushaltsvorstände ergab sich das auf Seite → abgebildete Ergebnis (4):

In seinem Begleitschreiben an den König stellte v. Blome fest, daß die Elmshorner Judenschaft aus gantz geringen und fast bettelarmen Leuten bestehet, die in den vergangenen Jahren jährlich 22 Reichsthaler in das Rantzauische Register bezahlt hätten. Da hierbei einige Juden nichts zu bezahlen brauchten, habe er, Blome, die Verfügung erlassen, dass die Juden, die keinen Schutzbrief besaßen, ebenfalls Schutzgeld bezahlen sollen, und zwar ein jeder 2 Reichsthaler Cronen. Die Elmshorner Bevölkerung sehe die Juden mit gemischten Gefühlen: Bäcker, Höker und diejenigen, die Buden und Stuben zu vermieten hätten, würden diese gerne sehen; anders verhalte es sich aber mit den Kaufleuten und Krämern (auch den Glückstädtern und den aus anderen Orten), die darüber klagten:

" daß sie wenig oder nichts von ihren Waaren absetzen könnten, weilen die Elmshornischen Juden ihre Waaren denen Eingeseßenen auf dem Lande in ihre Häuser brachten, selbige, in Ansehung es mehrentheils schlechte verlegene Güther, um einen geringen Preiß verkauften und ihnen, denen contribuierenden (6) Kaufleuten, großen Nachtheil und Präjudiz (7) zufügeten."

Blome fügte hinzu:

"Wie ich denn auch finde, daß die Juden, und sonderlich auch diejenigen, welche arm sind und von andern ihre Waaren auf Credit nehmen müßen, dem Lande und denen Einwohnern mehr Schaden als Nutzen schaffen, indem dieselben, weil sie nicht angeseßen sind, und wenig zu verliehren haben, vermutlich zum öftern hazardieren (8), allerhand Unterschleif (9) zu machen, mit denen Hamburgern zu colludiren (10), folglich verschiedene Waaren aus Hamburg, Euer königl. Mayt. Verbohts (11) ungeachtet, einzuführen, auch die Eingeseßenen mit schlechten Waaren zu betriegen, nicht weniger entweder selbst mit Diebereyen oder doch Erhandelung gestohlener Sachen einigen (Anm. Verf. Verdienst) zu suchen. Weswegen denn, meiner unmaßgeblichen allerunterthänigsten Meynung nach, denen gesamten Unterthanen in der Grafschaft Rantzau am besten gerathen seyn dürfte, wenn die armen oder sogenannten Betteljuden, welche ihres Unvermögens halber für ihre Mittel keine eigenen Häuser anschaffen können, auch sonsten gar nichts, gleich die meisten Elmshorner Juden, in Vermögen haben, und nur anderer auswärtiger Juden schlechte Waaren für einen geringen Genuß in Comission, abgeschaffet würden, indem dadurch die im Flecken Elmeshorn und Barmstedt wohnenden Kaufleute und Krähmer vielleicht zur Handlung und sonsten encouragiret (12) werden dürften, selber die Waaren um einen billigeren Preiß, als noch bishero nicht geschehen, zu verkaufen. Jedoch mögte wohl nöthig seyn, denenjenigen wenigen Juden, welche 10 und mehr Jahre in der Grafschaft gewohnet, auch Schutzbriefe vorhin erhalten und Frau und Kinder haben, eine gewiße Zeit zu setzen, binnen welcher sie entweder eigene Häuser anschaffen oder auch sich retiriren (13) müßen. Nun würden zwar Euer königl. Mayt., wenn die Elmshornischen Juden weggeschaffet werden sollten, vorerst dererselben Schutzgeld, als jährlich 58 Rthlr., aus dehro Rantzauischen Register verliehren. Es werden sich aber verhoffentlich mit der Zeit, wo nicht vermögende Juden, so ein gewißes Schutzgeld geben, doch wenigstens genugsame andere Einwohner, welche das ordinaire Verbittelgeld (14) erlegen, zu Elmeshorn einfinden und diesen Abgang einigermaßen wieder ersetzen. Wie sich denn schon ein Jude, namens Abraham Meyer, bey mir gemeldet, welcher immediate (15) nach Holland handelt und sich in Elmeshorn ein eigen Hauß bauen oder kaufen, auch jährlich in Euer königl. Mayt. Rantzauischen Register, nebst denen ordinairen Abgiften (16) für sein Hauß, 6 Rthlr. Cronen Schutzgeld erlegen will."(17)

In diesem Bericht lässt sich die Abneigung von Blome gegen die Juden nicht übersehen. Zunächst schiebt er die Begründung der christlichen Kaufleute vor, die in den Juden eine unangenehme Konkurrenz sehen. Obgleich er später zugibt, dass die Kaufleute ihre Waren überteuert verkaufen, stellt er sich dennoch hinter deren Argumente. Schwer wiegt der Vorwurf, die Elmshorner Juden würden mit den Hamburger colludieren bzw. mit Diebstahl oder Hehlerei ihr Brot verdienen. Aus den überliefer-ten Quellen lässt sich dieser, auf alle Juden ausgedehnte, Vorwurf des Diebstahls allerdings nicht belegen. Es hat zu jener Zeit, abgesehen von sehr wenigen Einzelfällen (18), keine Gerichtsverfahren wegen Diebstahls oder Hehlerei gegeben. In dieser Quelle wird auch der Unterschied des jüdischen und des christlichen Handels sichtbar. Während die Christen in ihren Geschäften auf die Kunden warten, ziehen die jüdischen Kaufleute über das Land und verkaufen ihre Waren an der Haustür. Angesichts der sehr schlechten Wegeverhältnisse ist dieses für sie von einem entscheidenden Vorteil. Wozu soll der Kunde einen oft langen und mühsamen Weg über schlammige Pfade und Wege auf sich nehmen, wenn er die Ware frei Haus geliefert bekommt? Dieser Vorwurf des Hausierens wird von den christlichen Kaufleuten sehr häufig gemacht. Die Juden durften aber auch nur auf diese Weise handeln, da es ihnen nicht erlaubt war, offene Läden zu halten.

Die Folge von Blomes Bericht war ein Rescript (19) des dänischen Königs, in dem dieser die Niederlassung der Juden in Elmshorn neu regelte. König Friedrich IV. (20) erließ am 15. Sept. 1727 folgende Verordnung:

"(...) Wir befinden darauf allergnädigst für gut, und bewilligen, daß, so viel obangeregte sich vor der Hand zu Elmshorn befindliche Schutz-Juden anlanget, in so weit dieselbe jährlich ein gewisses an Schutz-Geld in das Gräfl. Rantzauische Register und ohne Nachstand erlegen, auch so lange ein jeder derselben sich ehrlich und unverweislich aufführen, und in Umsatz und Verkauffung ihrer etwa habenden Waaren mit denen Hamburgern oder Lübeckern keine Collusion (21) oder Mascopey (22) treiben, sondern durch glaubwürdige Attestata (23) erweisen, daß sie dergleichen Waaren recta (24) aus Holland oder Engelland über Glückstadt oder Altona erhalten, nach wie vor zu Elmshorn verbleiben und ihr Brodt zu gewinnen suchen mögen. Daferne aber hiernächst andere fremde Juden, sich zu Elmshorn niederlassen zu wollen, sich anmelden würden, wollen Wir nicht gestatten, daß dergleichen Juden mehr daselbst admittiret (25) oder recipiret (26) werden, es sei denn, daß einer oder der andere derselben vorhero erweislich darthue und verificire (27), würcklich so viel im Vermögen und in Effecten (28) zu besitzen, daß er sich ein eigen Haus zu Elmshorn ankauffen könne, überdies auch sich verpflichte, mit der Handlung recta aus Holland oder Engelland etwas Rechtschaffenes anfangen und ins Werk setzen, oder auch einige Manufactur oder Fabrique anlegen zu wollen. Auf welchen Fall dann, und anderer Gestalt nicht, dergleichen fremde Juden mehr als Schutz-Juden zu Elmshorn hinfüro angenommen werden sollen (...)." (29)

Der dänische König verschärfte mit diesem Rescript die Aufnahmebedingungen für neu hinzuziehende Juden. Der Grund dafür mag nicht zuletzt darin zu sehen sein, dass die Elmshorner Juden in der Mehrzahl sehr arm waren. Sie brachten der königlichen Kasse bei weitem nicht die Summe an Schutzgeld, die man sich erhoffte. Daher sollte bei einer Neuaufnahme von Juden darauf geachtet werden, dass diese genügend Geld besaßen. Um dieses sicherzustellen, ordnete Friedrich IV. an, dass die Juden sich ein Haus kaufen sollten. Dieses stellt in der damaligen Zeit etwas Besonderes dar, war es doch den jüdischen Mitbürgern im ganzen deutschen Reich nicht erlaubt, Grundbesitz zu erwerben. Dennoch besserte sich die finanzielle Lage der Elmshorner Juden nicht wesentlich.

Daher folgte am 9. Juli 1736 ein weiteres Rescript:

" Christian der Sechste. (30) Wohledler Rath, lieber Getreuer. Uns ist aus deinem, auf des Schutz-Juden Marcus Meyer zu Elmshorn allerunterthänigstes Gesuch, allergehorsamst abgestatteten Bericht der Länge vorgestellet worden, welchen Abgang Unsere contribuable (31) Christliche Unterthanen daselbst an ihrer Nahrung aus dem Gewerbe derer zu Elmshorn in ungemäßigter Anzahl angewachsenen Juden verspühreten, zu geschweigen, daß die mehriste Individua dasiger Judenschaft nicht allein Unserem Königl. Interesse, in Ansehung ihrer Armseligkeit wenig vortheilhaft, sondern auch dem gemeinen Wohl, in Ansehung ihres betrieglichen Handels und Wandels, auch ihrer zuweilen mit unterlauffenden Diebes Hehlereyen überaus schädlich sind. Wann nun zwar denen von dir designirten (32) Juden, so viel dererselben von Uns nach dem Einhalt derer hierüber ergangenen Rescripten vom 22. Febr. und 15. Sept. 1727, im gleichen vom 29 Novembr. 1731, und zwar nur unter denen darinnen benannten Bedingungen, der Aufenthalt und die Freyheit, sich ehrlich zu nähren, zugestanden worden, die einmal allergnädigst ertheilte Concession nicht wieder benommen werden mag, noch soll, hingegen aber Unsere allergnädigste Willens-Meynung nicht ist, daß die Judenschaft zu Elmshorn sich, zum Nachtheil Unserer Christlichen Unterthanen, immerfort vermehren, sondern vielmehr nach der Hand aussterben solle; So befehlen Wir dir hiemit allergnädigst, hinfüro nicht zu gestatten, daß irgend ein fremder Jude von andern Orten her, oder aber ein dasiges Juden-Kind, so bald es verheyrathet, daselbst zu Gewinnung seines Brodts sich niederlasse, oder fernerhin aufhalte, woferne dieselben nicht behufige Sicherheit leisten, innerhalb 3 Monath ein eigenes Haus anzukauffen, und übrige im allergnädigsten Rescripto vom 15. Sept. 1727 auferlegte Praestanda (33) zu praestiren (34) (...)" (35)

Der dänische König Christian VI. verschärfte also, nach eingegangenen Beschwerden christlicher Kaufleute, die sich durch die Konkurrenz der jüdischen Händler in ihrer Existenz bedroht sahen, die Niederlassungsbedingungen. Nachdem es sich herausgestellt hatte, dass keine großen Schutzgeld-Einnahmen seitens der jüdischen Mitbürger zu erwarten waren, sollte nach dem Willen des Königs die Elmshorner Judenschaft aussterben. Als Gründe werden die hohe Anzahl der jüdischen Gemeindemitglieder angeführt (1727: 27 Steuerzahler) und der Betrug und die Hehlerei einiger von ihnen (wobei diese Anschuldigungen zumeist von den christlichen Kaufleuten ausgingen, die die Konkurrenz fürchteten). Da die Judenschaft zu Elmshorn aussterben sollte, wurde nicht nur den neu hinzuziehenden, sondern auch den schon zum Teil sehr lange dort lebenden Juden der Aufenthalt erschwert. Wurden die einmal gegebenen Konzessionen auch nicht wieder entzogen, so sollten jetzt doch auch die erwachsenen Nachkommen der Elmshorner Juden, sobald sie sich selbständig machten und sich verheirateten, die Auflage erfüllen, sich innerhalb von drei Monaten ein Haus zu bauen oder zu erwerben. Die Alternative dazu bedeutete den Fortzug aus Elmshorn.

Diese beiden Rescripte führten zu großen Härten. Schon nach dem ersten Rescript versuchte Blome, einige länger in Elmshorn wohnende Juden zu vertreiben. So schrieben ein paar von ihnen am 17. Nov. 1730 an den König, dass sie sich, obgleich sie seit vier Jahren regelmäßig ihr Schutzgeld bezahlt hätten und keine Klagen über sie gekommen wären, nach Anordnung v. Blomes innerhalb einer bestimmten Frist ein Haus zu kaufen oder sich aus Elmshorn zu entfernen hätten. Dieses wäre nicht nur ungerecht, sondern auch zu hart, da:

ob gleich für 3 Jahren, dem Vernehmen nach, ein Allerhöchster Befehl an (...) Herrn Conference Rath ergangen seyn soll, daß die nicht angesessenen Juden aus Elmenshorn weichen sollten, jedem noch uns dero Zeit so wenig kund gemachet, als vielmehr das Schutzgeld so nach wie vor von uns eingefordert und bezahlet worden, dahero denn auch die jetzt anbefohlene Räumung uns um so beschwerlicher fällt, als wir in Zeiten keine Nachricht davon erhalten, und nicht allein dadurch auf einmahl aus dem Handel und Wandel völlig gesetzet werden dürften, sondern wir auch bey gegenwärtiger Winterzeit und der gesetzten kurtzen Frist, einige Anstalt zum künftigen Auffenthalt für uns, unsere Frauen und unmündigen Kinder, denen über 50 bis 60 seyn, zumachen wißen, welchem wir noch beyfügen, daß 4 unsere Frauens erst 14 Tagen in den Wochen liegen, 6 derselben aber alle Augenblick ihre Niederkunft vermuthen seyn, also dieselbe, ohne der größten Lebens-Gefahr, sich nicht von dannen hinweg begeben können (...) (36)

Es folgte noch die Bitte um Erlaubnis, in Elmshorn verbleiben zu dürfen oder wenigstens um eine Fristverlängerung bis nach Ostern. Aus der Anlage zu diesem Brief geht hervor, dass den Supplicanten eine Fristverlängerung von 12 Wochen zugestanden wurde. (37)

1736 erhielt v. John (38) die Administratur. Auch der neue Administrator stand nicht auf Seiten der Juden und hegte die gleichen Bedenken wie sein Vorgänger Blome.

"(...) Da nun bey dem Antritt der mir allergnädigst anvertrauten Administration hiesiger Grafschaft ich solchen Allerhöchsten Befehl (39) vorgefunden, und der Haus-Voigt mir eröffnet, daß die seither neu angekommenen Juden bereits vor 4 Wochen räumen sollen, und solches von meinem H. Vorweser in officio effectuiret (40) seyn würde, wenn nicht inzwischen die Veränderung vorgefallen, so habe ich unverzüglich die ordre gestellet, daß selbige, acht in der Anzahl, weilen doch ohnedem mehr als gar zu viel in Elmshorn vorhanden, und unter dem praetext (41) der Verwandtschaft stets noch mehrere an sich ziehen, auf abgewichenen Johannis nicht weiter zu dulden wären, welche meine

Veranstaltung aber der Kirchspiel-Voigt Meyer zu Elmshorn wieder aufzuheben sich erkühnet, und deshalber ich, als mir solches kund geworden, andere hinlängliche Verfügung zu deren Abzug gemacht, jedoch einer davon, Selig Moses, auf des Juden Seligmann Berend Salomons kayserlichen Factors schriftliche Intercession (42) und Versicherung seines ehrlichen Handels zurückgeblieben; Worauf sie dann vieles Geschrey geführet, und endlich derer Judenältesten das Original-Schreiben sub No. 2 nebst der Anlage an mir abgelassen haben; Weile aber,

Allergnädigster König und Herr, ich besagten Juden schon eine lange Dilation (43) der Frist den gantzen Sommer hindurch gegeben, worinnen sie einen allerhöchsten Befehl an mir auszuwürcken sich bemühen können, diese Juden sämbtlich an und vor sich selbst Bettler und zum Theil muthwillige Betrüger sind, darvon sie das vermeintliche Attestatum des Kirchspielvoigts, der gegen meine Verfügung ihren Haus-Wirthen durch den Fuß-Knecht andeuten laßen, die Juden bis auf weitere ordre in ihren Häusern zu behalten, nicht zu reinigen vermag, auch die Elmshörnische Einwohner über den Eindrang derer Juden in ihrer Nahrung sehr geklaget, nicht weniger bey ausgeübten Diebstählen und anderen Betrugs-Vorfällen ich die Bosheit und den Unterschleiff von einigen inne zu werden schon Gelegenheit gehabt, und unter dem Intercessional-Schreiben wohl nichts anders latitiret (44), als daß sie diese starcke Bettel-Famillen sich nicht in Hamburg und Altona auf den Halse lahden, sondern lieber von sich entfernen, und für die kleine jährliche Recognition, der Grafschaft zur Last laßen wollen, welches deutlich genug von ihnen vorher erwähnet ist; so habe ich hierunter weder im geringsten von der obangezogenen Königl. Verordnung sub No. 1 abweichen, noch eine fernere Frist, in Elmshorn zu verweilen, ihnen verstatten können, sondern solches alles Euer Königl. Maytt. allerunterthänigst anzeigen, und dero allerhöchsten Disposition (45) unterwerfen wollen, ob es hierbey sein Bewenden haben, oder mir anderweitiger Befehl zu meinem Verhalten hierinnen allergnädigst beygeleget werden solle (...) v. John." (46)

In der Folgezeit häuften sich die Bitten um das Recht zur Niederlassung. Am 24. Dezember 1737 schrieb die Witwe von Berend Levi, die in zweiter Ehe mit Hirschel Abraham verheiratet war, an den König und bat, die Berend Levi zugestandenen Privilegien auf ihren jetzigen Mann zu übertragen. Gleichzeitig bat sie um Milderung des Schutzgeldes von 6 auf 4 Reichsthaler Courant. (47) Am 5. März 1738 erhielt der König folgenden Bericht:

"(...) nach vorher von dem Justice Rath von John eingezogenen Berichte, hiedurch berichten solle, wie Supplicanten und ihr itziger Ehemann, gleich alle übrigen in Elmshorn befindliche Juden, zu einem rechtschaffenden Handel gantz unvermögend, mithin dem Flecken nicht so wohl zum Nutzen, als nur den Einwohnern, christlicher Nation, schädlich sind, weshalb auch Eur. Königl. May., occasione (48) des von dem Juden Marcus Meyer geschehenen allerunterthänigsten Ansuchens, um fernerhin seinen Aufenthalt in Elmshorn zu genießen, untern 9. Jul. 1736, (...) allergnädigst rescribiret haben, daß zwar die gegenwärtigen unter der Concession begriffenen Juden in Elmshorn zu laßen,

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