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Löhndorff Gesamtausgabe #8 - Unheimliches China

Löhndorff Gesamtausgabe #8 - Unheimliches China

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Löhndorff Gesamtausgabe #8 - Unheimliches China

Länge:
231 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
26. Dez. 2017
ISBN:
9781386676744
Format:
Buch

Beschreibung

Als ich in mein Zimmer im „Gloucester Hotel“ in Hongkong zurückkehrte, saß dort ein Mann, den ich nicht kannte. Er war Holländer und hieß Harmsen – und er hatte schon jede Menge Alkohol getrunken. Zuerst wollte ich ihn hinauswerfen lassen, aber dann bettelte er förmlich darum, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Sein Leben sei nichts mehr wert, sagte er, denn er sei mit Leib und Seele einer schönen Chinesin verfallen, die „Lotos auf blauen Teichen“ hieß. Harmsens erbärmliche Situation machte mich neugierig, und ich beschloss, ihm zuzuhören. In diesem Moment ahnte ich allerdings noch nicht, dass Harmsens Geschichte mich nicht mehr loslassen, sondern sogar selbst verfolgen würde. Bis zu dem Augenblick, an dem das Schicksal über Leben oder Tod entschied!

Freigegeben:
26. Dez. 2017
ISBN:
9781386676744
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Löhndorff Gesamtausgabe #8 - Unheimliches China

Buchvorschau

Löhndorff Gesamtausgabe #8 - Unheimliches China - Ernst F. Löhndorff

ERNST F. LÖHNDORFF

UNHEIMLICHES CHINA

ROMAN

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

ALS ICH IN MEIN ZIMMER im „Gloucester Hotel in Hongkong zurückkehrte, saß dort ein Mann, den ich nicht kannte. Er war Holländer und hieß Harmsen – und er hatte schon jede Menge Alkohol getrunken. Zuerst wollte ich ihn hinauswerfen lassen, aber dann bettelte er förmlich darum, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Sein Leben sei nichts mehr wert, sagte er, denn er sei mit Leib und Seele einer schönen Chinesin verfallen, die „Lotos auf blauen Teichen hieß. Harmsens erbärmliche Situation machte mich neugierig, und ich beschloss, ihm zuzuhören. In diesem Moment ahnte ich allerdings noch nicht, dass Harmsens Geschichte mich nicht mehr loslassen, sondern sogar selbst verfolgen würde. Bis zu dem Augenblick, an dem das Schicksal über Leben oder Tod entschied!

LI’PO: DICHTER DER TANG-DYNASTIE

Ich wache, und Mondstrahlen spielen um mein Lager,

glitzernd wie Raureif für meine staunenden Augen.

Und ich hebe mein Antlitz dem wundervollen Monde entgegen,

dann sinke ich zurück,

und Gedanken an die Heimat kommen.

Fern

Gewaltige gelbe Ströme fließen durch eine gelbe Landschaft, in der gelbe Menschen wohnen; Ströme, die den unnahbaren Gletschern des verbotenen Tibets entspringen, die jahraus, jahrein Abertausende von Menschen und Tieren verschlingen und nach langem Lauf sich in gelbe, von Taifunen aufgewirbelte Meere ergießen.

Bezaubernder und abstoßender Ferner Osten!

Shanghai, Tummelplatz ehrlicher und unehrlicher Abenteurer, ist der Nabel deines unübersehbaren Riesenleibes. Dein Herz und dein Gehirn kenne ich nicht, sie liegen dort, wo die heulenden Sandstürme der Gobi die geschnörkelten Dächer uralter Städte und Pagoden polieren. Singapore und Hongkong sind deine Augen, du fernöstlicher Gigant.

In diesen beiden Städten kommt denjenigen, die abendländische Kultur mit der Muttermilch einsogen, der Gedanke, als ob ihre Augen hier tatsächlich das ganze bunte Durcheinander erfassen könnten - erfassen vielleicht, aber nicht verstehen, denn der Ferne Osten, und besonders China, ist eine Sphinx.

Und in diesem Land alter Weisheit und dämonischen Aberglaubens, in diesen Städten, Dörfern und Tempeln, auf diesen Gewässern und in den Lüften darüber, befriedet von stiller, fremdartiger Schönheit, umlodert von Flammen und Rauch, durchtönt vom Marschtritt angreifender und flüchtender Armeen, dem Krachen niedersausender Fliegerbomben, spielen sich die nachfolgenden Ereignisse ab, die ich niederschrieb gegen Ende des Jahres 1938, fern von hier ... in China.

Obwohl ich im Fernen Osten weile, liegt mir nichts ferner, als ein Buch über chinesische Verhältnisse zu schreiben. Das kann nur ein Chinese selbst; denn um eine derartige Absicht einigermaßen ehrlich auszuführen, genügt es nicht einmal, wenn man ein paar Jahrzehnte hier draußen lebt; oder es gehört eben die Frechheit und Gewissenlosigkeit literarischer Globetrotter dazu.

Ein paar knappe Wochen hier - einige dort, jeweils ein erstklassiges Hotel, nette kleine Flirts, Cocktails, offene Augen und Ohren, etwas Kombinationsgabe - und alles zusammen ergibt ein Buch. Diese Methode nachzuahmen, fällt mir nicht ein, aber ich kann trotzdem etwas über China erzählen. China bescherte mir die seltsamsten Menschen, Erlebnisse und Schrecknisse, China nahm mir beinahe das Leben. Jetzt, da alles vor den Ereignissen des Krieges in die wenigen sicheren oder neutralen großen Küstenorte eilt oder schon geeilt ist, sind diese natürlich wahre Sammelplätze menschlicher Absurditäten geworden.

Hier traf ich ihn, den Holländer Harmsen, unter den dramatischsten Verhältnissen, die es im Leben geben kann. Ich schreibe alles so nieder, wie er es mir berichtete - eine Erzählung, die keinerlei Ausschmückung durch die Fantasie bedarf. Er ist nun tot, ich kenne nur den letzten und tragischsten Abschnitt seines Daseins.

Das Drama seiner Liebe, das von Hongkong über das teilweise zerstörte, ein Flammenmeer bildende Kanton bis zum ebenfalls brennenden Hankau führt und von den Schützengräben bei Shum Chun wieder nach Hongkong zurück reicht, hat als Schicksalsmotiv eine Frau, eine seltsame exotische Frau, in der Liebe und krankhafter Patriotismus sich stritten.

Koloss auf tönernen Füßen

Grünsilberne Schleier , die aus dem Perlfluss steigen, sich rasch verdichten und zu einer erst schillernden, dann langsam grau werdenden Dunstmasse verfärben. Gespensterhaft ruhen Zehntausende von Dschunken und Sampans auf der trägen Strömung.

Der seltsame Duft Kantons, ein Geruch, wie er über jeder größeren Chinesenstadt lagert und den hier die Nebel der Tropenhitze noch mehr verstärken, legt sich wie ein Gewand um den Europäer; ein Gewand, dessen schweren, ungewohnten Falten er sich gern entledigen möchte, wenn es nur ginge.

China wird von vielen fremden Nationen ausgebeutet, doch tut dies dem gewaltigen Reich keinen Abbruch, sondern dient ihm eher zum Vorteil. Doch China rächt sich trotzdem, es rächt sich durch seine Atmosphäre. Diese durchdringt die Gedanken und Handlungen aller Landfremden, und sie alle haben - auch die gesündesten und widerstandsfähigsten - ihre seltsamen Minuten, Stunden und Tage in diesem Land der Makueili, wie man die Geister nennt.

China blieb zweitausend Jahre stehen wie das Räderwerk einer nicht mehr aufgezogenen Uhr, und nun will es seit kurzem, mit den unbeholfenen, aber dennoch zielbewussten Schritten eines Riesen, die verschlafenen zweitausend Jahre einholen und sogar überflügeln. Der Koloss schreitet vorwärts, die Füße gleichen Tonklumpen, von denen die Zehen abbröckeln; das ganze gewaltige Gebilde schwankt, es droht umzufallen und zu zerschellen. Bürgerkriege und Angriffe von außen unterhöhlen den Boden, auf dem der Riese torkelt, bald rückwärts, bald vorwärts taumelt. Aber dennoch geht sein Weg vorwärts. Der Bienenfleiß von vierhundert oder fünfhundert Millionen - über die Zahl streiten sich Berufenere als ich - bescheidener, duldsamer, emsiger Menschen setzt dem Koloss immer wieder neue Gliedmaßen an seine Tonfüße, und deshalb schwankt er weiter. Aber eines Tages wird er fest dastehen, seine riesigen Arme wie Besen benützen und alles Fremde ins Meer fegen - so träumt jeder Chinese. Noch wird sein Patriotismus ausgenutzt von unehrlichen Generalen und Politikern, aber alles dies hält das langsame, zögernde Vorwärtstasten nicht auf.

Frei von europäischem oder amerikanischem Einfluss! - das ist der laut und leise geäußerte Traum eines jeden Chinesen und einer jeden Chinesin.

Aber kenne ich China ? Kann ich mir ein Urteil erlauben? Maskee! Nitschewo! Macht nichts.

Bei Kanton lag Nebel über dem Perlfluss. In Hongkong empfing mich ein Farbenrausch. Hongkong ist eine wunderschöne Stadt, ein Traum, der Wirklichkeit wurde. Britischer Fleiß und britische Kolonisationstüchtigkeit haben es geschaffen. Was machen ein paar Morde, Diebstähle und Schmuggeleien aus, wie sie fast täglich vorkommen. In Hongkong herrscht trotzdem Ordnung, eine unfühlbare, zwanglose Ordnung, aber dennoch ist sie da. Und deswegen ist diese herrliche, fantastische Buntheit, aus der die Terrassenstadt besteht, eines der schönsten Erlebnisse für den Reisenden.

Märchenbunte Bilder in unübersehbarer, sich an Fremdartigkeit und Schönheit förmlich übersteigernder Folge erfassen seine Augen. Er kann in einem erstklassigen Hotel sitzen wie in England und Amerika, oder er kann China um sich haben, wie es leibt, lebt, duftet, stinkt, wie es speist, wie es im Elend auf den Straßen schläft, wie es bettelt und arbeitet, stiehlt und ehrlich ist. Er kann Landschaften innerhalb und außerhalb Hongkongs erleben, die zu den schönsten dieser Welt gehören. Sonnenuntergänge, die aus purpurnen Fluten, goldenen Schleiern, ragenden Bergspitzen, sanften Hügeln und grellroten Dschunkensegeln zusammengewebt sind und ein Gemälde bilden, wie es kein Pinsel wiedergeben kann. Mondschein, in silbernen Bündeln und Flecken auf tintendunkler Flut schillernd ...

Alles, aber auch alles ist schön in dieser Stadt, sogar das Elend wirkt bunt und romantisch; und es gibt wahrhaftig genug Elend in dieser durch den Krieg auf über zwei Millionen angeschwollenen Menge. Hongkong ist mit Flüchtlingen überfüllt, seit die japanischen Bomber über die „gute Mutter Erde" dahinbrausen und chinesische Guerillas Freund und Feind brandschatzen. Hongkong ist so schön, dass ich hier lange Zeit verweilen werde.

Traumland

WanChai Wasserfront !

Draußen auf den schillernden Fluten schwanken Schiffe aus aller Herren Länder, näher unter Land ragen die dunklen Umrisse englischer Kriegsschiffe, und auf der breiten, promenadenähnlichen Hafenstraße herrscht reges Leben: Chinesenfamilien, die sich ergehen, Bettler und Taschendiebe, Omnibusse, die mit großen Scheinwerferaugen heranrollen, anhalten, ein paar Menschen ausspeien und weiterfahren. Manchmal ein Taxi oder leiser Sohlentritt trabender Rikschakulis.

Kleine Kinder, die vor den erleuchteten Eingängen der Häuser spielen. Obdachlose, die zu Dutzenden, Hunderten und Tausenden auf freien Plätzen kauern oder längs der Häuser wie schwarze, ununterbrochene Linien des Elends auf dem Pflaster liegen. Lärm elektrischer Klaviere. Der große Sandsteinbau des Seemannsheims mit Kübelpalmen, welche die Aufgangstreppe einfassen. Geschrei, Gelächter und aus grell erleuchteten Nebenstraßen das Geknatter von Pulverfröschen.

Alte Chinesen mit unbewegten Gesichtern und langstieligen Pfeifen stehen vor ihren Läden. Maskenhaft und spöttisch überlegen mustern sie mich. Ihre Gedanken, die hinter den gelben Stirnen wohnen, sind ebenso überlegen. Kinder treiben sich umher, kaum zehn Jahre alt; ihre Augen sind schwarz und schon voll dunkler, halb verborgener Drohung gegen alles Weiße, alles Westliche.

Soll ich mich wundern, dass schon Kinder in mir dieses Gefühl auslösen? Doch das ist China! Und in China darf man sich nicht wundern, weil sonst keine Zeit für andere Dinge übrig bliebe.

Läden, langen Gewölben gleich, an deren Decken gepresste Enten wie seltsame Missgestalten im Luftzug zittern. Papierlaternen in allen Formen und Farben, von Fingerhutgröße bis zu solchen, in denen ein Mann bequem stehen könnte - grellbunt oder in wundervoll abgestimmten Farbtönen. Hellrotes und leuchtend blaues Neonlicht, das die fantastischen Schriftzeichen der Geschäfte übergießt, und überall raschelndes, murmelndes oder lachendes Leben. Als Zwischenspiel eine Ratte, gefolgt von einer zweiten, die im blitzschnellen Zickzacklauf die Straße überqueren und im Schatten der Hafenmauern oder eines Hauseinganges verschwinden.

Wieder das Geknatter der Pulverfrösche! Von den Fenstern des ersten Stockwerks einer großen Speisewirtschaft hängt ein Riesenkorb, aus dem sich plötzlich Hunderte von Zetteln ergießen, hin und her flattern und langsam auf das schmutzige Pflaster sinken. Quietschendes Gedudel, das hinter einem von Pflanzenkübeln und Wäschestücken verdeckten Balkon hervorkommt. Englische und amerikanische Kriegsschiffsmatrosen, schottische Hochländer und Tommies, ihre Stückchen unter dem Arm, eilen mit bezeichnender europäischer Hast suchend umher. Um sie wogt, flutet und ebbt China, sitzen und gehen Menschen, für die das Wort Zeit nur ein leerer Begriff ist.

Eine geschmacklose, hell erleuchtete Hausfront taucht auf und ein winziger kubistischer Eingang. Die Chinesen, die dort umherstehen, werfen lange Schatten auf die Straße. Innen befindet sich die Bar, die nur alkoholfreie Getränke ausschenkt. Einige Tische, Stühle und Bänke und weiß gekleidete, mich gleichzeitig frech und unterwürfig musternde Chinesenkellner stehen umher. Dann eine große quadratische Tanzfläche, eingefasst von eng nebeneinander stehenden Stühlen. Rechts befinden sich neben dem erhöhten Podium der Musiker noch einige Tische, an denen Tommies sitzen. Vor ihnen blinken Gläser mit Fruchtsaft, doch manchmal greift einer von ihnen nach der verborgenen, mit Whisky gefüllten Hüftflasche.

Schlag neun belebt sich das Tanzparkett, die Reihen der Stühle werden besetzt von Chinesinnen aller Provinzen des großen Reiches: Tanzmädchen, deren Beruf es ist, zu tanzen und krampfhaft lustig zu sein! Einige Halbblütige sind darunter. Die Vollblutchinesinnen sitzen sehr ruhig da, ihre Gesichter, die sie mir manchmal zuwenden, sind Masken. Ich weiß nicht, was sie von mir halten, und wenn ich versuche, mich in ihr Dasein hineinzudenken, so erfahre ich zu meinem Erstaunen, dass das nicht möglich ist. Eine fremde Atmosphäre steht wie eine Mauer zwischen mir und jenen.

Es fällt mir auf, dass keines dieser Mädchen sich auffällig benimmt; still sitzen sie da und warten auf Tänzer, die sehr selten sind, oder tanzen paarweise, und zuweilen lachen sie hell und klingend wie Kinder.

Ich weiß, sie verdienen nicht viel, manche leidet Hunger, und dennoch, keine dieser Asiatinnen drängt sich auf oder wirft etwa mit herausfordernden Blicken um sich. Deswegen ist „Dreamland", dieser Tanzpalast an der Wan Chai Wasserfront, immer schlecht besucht, denn der europäische Kriegsschiffsmatrose, und lediglich solche verkehren dort, geht nur so lange dahin, als der Reiz des Fremdartigen und Neuen ihn in Bann schlägt.

Ich sehe die Gesichter der Tanzmädchen. Sie alle sind eigenartig schön, und alle diese Mädchen sind gut gewachsen, unauffällig angezogen und ohne Aufdringlichkeit zurechtgemacht. Ein Gegensatz zu Europa, diesmal ein wohltuender.

Gesichter mit Pfirsichblütenhaut, bräunliche von der Grenze Siams oder Indochinas, dann zitronengelbe und solche, die im grellen Licht der Neonlampen fast grünlich wirken, und andere wieder, die so weiß sind wie frischer Schnee, dazwischen alle Abstufungen von Hautfarbe. Gesichter, die manchmal lächeln und mich unergründlich anschauen. Dazu moderne Jazzmusik und Tanzende.

Das beste europäische Tanzpaar im „Gloucester" in Hongkong wirkt plump gegen die natürliche Geschmeidigkeit eines chinesischen Mädchens, dessen Leben darin besteht, Abend für Abend mit fremden Männern zu tanzen. Die Chinesin tanzt nicht nur gut, sondern auch anständig; und wenn überhaupt jemand tanzen kann, dann ist es die Chinesin.

Und wieder gehe ich hinaus auf die Straße. Rikschakulis bieten mir ihre Dienste an, lassen aber sofort ab, wenn ich ein lächelndes „Niao" rufe. Sie lächeln dann selbst.

Seltsam, manchmal oder oft - ich weiß nicht, wann und wie und wo - ist Chinas Gesicht ein freundliches, sympathisches. Doch das sind Blitze, die eine Nachtlandschaft erhellen.

Die Hafenstraße ist immer noch belebt. Dunkle Gruppen, auf und ab wandelnde Liebespaare, Kinder, Leute auf Fahrrädern mit rasselnden Klingeln. Die großen, plötzlichen Lichtaugen der Automobilscheinwerfer, die mich rasch umfassen, alles in grelle Fluten tauchen und mich ebenso schnell in weiches Halbdunkel zurücktaumeln lassen. Feuerfrösche krachen.

Die helle Front von „Traumland" versinkt hinter mir ...

Der eigentliche Anfang der Geschichte

Vom Balkon meines Zimmers im siebten Stockwerk des „Gloucester Hotels" zu Hongkong kann ich in eine tiefe Straßenschlucht hinabschauen. Dort unten sehe ich Autos, Rikschas, Palankine, Straßenbahnen und viele, viele Menschen - elegante Weiße, Chinesen, Hindus und andere bunte Rassen. Zu gewissen Zeiten verschmilzt das Gewimmel ineinander, und ich kann mir mit sehr wenig Phantasie einbilden, in die Tiefe des Grand Canon hinabzuschauen, zweitausend Meter senkrecht hinab, wo bunte Nebel und Dünste über dem unsichtbaren Wasser des brüllenden Colorado tanzen ...

Nach diesem Balkon der Träume hatte ich mich soeben zurückgesehnt, denn die Musik im „Cafe wise man" war wirklich nicht schön, eine Beleidigung der Ohren und des Magens, wenn man sich gerade beim Essen befindet. Ich hatte ein sehr spätes Frühstück eingenommen und strebte jetzt zum Hotel zurück, voller Verlangen nach dem Blick auf meine Straßenschlucht.

Der Aufzug brachte mich nach oben. Im Korridor saß der weiß gekleidete Page, der die Schlüssel hütete und gleichzeitig Schuhe putzte - recht schlecht, wie mich Erfahrung lehrte. Maskee! Macht nichts! Mit diesem Wörtchen schüttelt man im Fernen Osten die Dinge ab, die unangenehm und unabwendbar sind. Aber sonst ist das „Gloucester" erstklassig, und ich kann das höchste Loblied auf seine halb wienerische, halb schweizerische Leitung anstimmen.

Mein Schlüssel hing nicht am Brett. Ah, ich hatte ihn ja stecken lassen. Maskee! Ich schritt über den Korridor, öffnete meine Tür und starrte in das käseweiße Gesicht eines gutgekleideten Europäers, der mir einen Revolver entgegen hielt.

Ich handelte rein gefühlsmäßig, meine Hand schnellte vor, ein kleiner Ruck, und dann war der Revolver vorläufig mein. Der Mann hätte mich aber trotz meiner Schnelligkeit dreimal erschießen können, aber anscheinend wollte er es gar nicht. Ein Rundblick überzeugte mich, dass im Zimmer alles unberührt war. Also kein Dieb! Er zitterte am ganzen Leib, sein Gesicht war wirklich grün-weiß, und seine Augen erinnerten mich irgendwie an die eines geprügelten Hundes.

„Nun, wo fehlt es denn?", entfuhren mir die Worte.

Mein unheimlicher Gast stöhnte leise: „Ach!" Also ein Landsmann, denn ich hatte deutsch gesprochen. Wie ein Kind ließ er sich zum nächsten Sessel führen und sank auf dem Polster zusammen.

„Ich wollte ... ich wollte mich erschießen!", flüsterte er. Seine Aussprache des Deutschen war hart und

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