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Löhndorff Gesamtausgabe #5: Aufstieg und Fall des Königs von Feuerland

Löhndorff Gesamtausgabe #5: Aufstieg und Fall des Königs von Feuerland

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Löhndorff Gesamtausgabe #5: Aufstieg und Fall des Königs von Feuerland

Länge:
314 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Dec 27, 2017
ISBN:
9781386964360
Format:
Buch

Beschreibung

Aufstieg und Fall des Königs von Feuerland

Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 284 Taschenbuchseiten.

Der Kartograph und Geologe Julius Popper ist überzeugt, in Feuerland Gold finden zu können, entgegen aller gut gemeinten Ratschläge und Warnungen. Zusammen mit einem Haufen zu Allem entschlossener Männer macht er sich auf den Weg. Dieser Roman zeichnet einen Teil des Lebens von Julius Popper nach, der als anerkannter Wissenschaftler zu großem Reichtum kam. Sein Kampf gegen unfähige Regierungen und Korruption jedoch ist auch ein Kampf gegen Windmühlenflügel.

Freigegeben:
Dec 27, 2017
ISBN:
9781386964360
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Löhndorff Gesamtausgabe #5

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Löhndorff Gesamtausgabe #5 - Ernst F. Löhndorff

Aufstieg und Fall des Königs von Feuerland

Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 284 Taschenbuchseiten.

Der Kartograph und Geologe Julius Popper ist überzeugt, in Feuerland Gold finden zu können, entgegen aller gut gemeinten Ratschläge und Warnungen. Zusammen mit einem Haufen zu Allem entschlossener Männer macht er sich auf den Weg. Dieser Roman zeichnet einen Teil des Lebens von Julius Popper nach, der als anerkannter Wissenschaftler zu großem Reichtum kam. Sein Kampf gegen unfähige Regierungen und Korruption jedoch ist auch ein Kampf gegen Windmühlenflügel.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Requiem

... es war einmal in Buenos Aires.

In einem fashionablen Hotel dieser Metropole wurde ein Toter gefunden. Angekleidet, das Gesicht von der Agonie krampfhaft entstellt, lag er quer auf dem breiten, zerwühlten Bett.

Auf dem runden Mahagonitisch des in abgenütztem roten Samt und unechter Goldleistenspiegelpracht schäbig glühenden Zimmers sah man ferner eine geleerte Portweinflasche, zwei Gläser – davon eines scheinbar sauber – und einen Aschenteller voller Zigarrenstummel.

Untersuchung und Obduktion ergeben tödliche Zyankali-Vergiftung! Selbstmord?

Eine derartige, schnell fertig begründete Hypothese wäre in einer Großstadt nichts Besonderes: Ein paar Zeilen Kleinstdruck im Polizeibericht der Blätter, und die Affäre ist abgetan.

Paciencia, amigos! Geduld, Freunde! Denn der da sterben musste, ist eine bekannte Persönlichkeit, dessen Taten wieder und wieder die argentinische und chilenische Presse mit Sensationen fütterte. Ein Eroberer, der nur einige Jahrhunderte zu spät auf die Geschichtsbühne trat, und deshalb durfte er seine Conquista nicht behalten ...

Ein merkwürdiger Mann. Aber ein Mensch und keine skrupellose, herzlose, zweibeinige Bestie. Einst Offizier, dem der seelenlose europäische Gamaschendienst zu inhaltslos wurde, dann Abenteurer im besten Sinn, Goldsucher, Unternehmer, Naturforscher, Gelehrter. Ein Träumer wohl auch, aber einer, der seine Schlösser im Mond mit unbeugsamer Energie auf Erden verwirklichte. Er hinterließ der Welt seine eigene, wunderbar farbige Lebensgeschichte, aus der wir unter anderem entnehmen, dass er ein Geologe und Topograph ersten Ranges war, der eine der ersten, wirklich brauchbaren Karten von Feuerland und Patagonien zeichnete. Zudem war er Freelance-Journalist und Jurist genug, um seine eigene gute oder schlechte Sache mit glänzendem Schmiss zu verfechten. Und – ein wahrer Freund seiner Freunde.

Ja, er war schon ein Kerl, dieser Mann, der kühn die damalige argentinische Regierung angriff und den korrupten Gouverneur von Feuerland in Ushuaia, jenem seelenlos finsteren Schwerverbrecherzuchthaus am „Aussteigeplatz der Welt", mit List, Diplomatie und, als es nicht anders ging, mit Waffengewalt lange Zeit in Schach hielt.

Ein höchst kurioses Individuum war er, und in Abständen daher auch immer wieder eine südamerikanische Pressesensation: Ein Gentleman von besonderer Art, der einfach, weil er sich im Recht dünkte, einem ganzen Land den Fehdehandschuh hinwarf.

„So einer, und Selbstmord? Wenn das wahr wäre, so würden sogar die Götter im Olymp lachen!, schreibt ein kleines bissiges, in einer obskuren Nebengasse des „Paseo de Julio redigiertes, oppositionelles Boulevardblättchen.

„Mord!, schreiben die anderen. Und: „Täter oder Täterin? ist nun die Frage. Wer brachte es fertig, mit diesem fremdländischen Gringo, der mit allen Wassern gewaschen, von allen Hunden gehetzt, und dennoch ein echter Caballero war, friedlich bei Havannahs und Old Mellow Port zu plaudern, ihm dabei Gift ins Glas zu praktizieren und endlich gar zu verhindern, dass er im kurzen, aber schweren Todeskampf Lärm schlug? Bei der Madonna, wer konnte das Zeug dazu gehabt haben, zu guter Letzt auch noch das eigene Glas auszuspülen und darauf spurlos, aber auch wirklich spurlos, zu verschwinden?!

War es einfacher Raubmord oder vielleicht ein galantes Schäferstündchen, mit vorbereitet tragischem Eifersuchtsdrama? Wer, wer???

Bizarre Theorien und Gerüchte rascheln und flackern wie Pampero und Steppenbrand durch die Zeitungen. Und verrauschen, ersticken, verklingen im bezaubernd gemütlichem Leitmotiv Lateinamerikas: Quien sabe? Manana.

... und der auf Gold aufgebaute Kleinstaat, den dieser Geheimnisvolle in „El Paramo" auf Feuerland schuf, verlor nun endgültig in ihm den letzten, noch übriggebliebenen Mann.

Unwillkürlich drängt sich der Vergleich mit dem unfreiwilligen, gutherzigen, dem „armen Goldkönig von Kalifornien auf, jenem biederen menschenunkundigen Schweizer „General Johann Sutter. Aber beider Charakter und Leben waren gänzlich verschieden ...

Kap Horn Rhapsodie

Hat man heute in unseren , von Kriegen und sonstigen finsteren Zukunftsdrohungen so reichen, schnelllebigen Tagen den sagenhaft gewordenen ungekrönten König von Tierra del Fuego schon vergessen?

Fragt in den Kneipen, Bars und Klubs von Punta Arenas (das sie heute zu Ehren des großen Seefahrers „Magallanes" nennen), erkundigt euch in Ushuaia und anderen Orten. Forscht auf den Estancias der Millionen Schafherden oder auch bei den Pelzjägern und unentwegten Goldsuchern. Auch bei den Arbeitern in den wenigen Kohlenminen könnt ihr Nachfrage halten.

Oh, da erinnert man sich noch an den Caballero Julius Popper, genannt „Don Julio oder „El Coronel oder „The Colonel"! Nur wenige existieren mehr, die ihn selbst kannten; aber alle wissen von ihm und haben eine wahre Saga aus Dichtung und Wahrheit zusammengesetzt und mit den wunschkräftigen Bildern blühender Phantasie umwoben. Es sind einzelne Abenteuer strotzende Bruchstücke, die sich zur schillernden Kette reihen, wenn man sich müht, die losen Perlen aufzuziehen. Eine Geschichte von Tierra del Fuego, Patagonien und dem schwarzen, Schnee umwirbelten, Schiffe und Menschen mordenden Kap Horn. Eine Chronik, die noch keinen phantasiebegabten Jack London oder Joseph Conrad fand.

Nun, dieser Julius Popper stammte aus dem Banat. Als ihm das alte Europa zu eng wurde, quittierte er seine Offizierslaufbahn und reiste, von einer seit Jahren gehegten und theoretisch sorgfältig ausgearbeiteten Idee besessen, in die Neue Welt. Er reiste direkt, soweit es bei den Transportmitteln möglich war, nach dem untersten Zipfel Südamerikas, wo der eisige Gradbogen der Antarktis das wilde Land anhaucht und wo dem Laien unvorstellbare, schwärzliche Riesenwogen zweier Ozeane, vom Orkan gepeitscht, brüllend und rauschend gegen das böse Kap Horn schmettern.

Kap Horn: Stolz und Schrecken der Segelschiffsmänner, die auf hölzernen und eisernen Kästen fuhren und eiserne Herzen hatten und so die schwarz marmorierten, weißmähnigen Titanenrosse der See entweder besiegten oder von ihnen verschluckt wurden.

Dort schiebt der prachtvolle, zweitausendvierhundert Meter hohe Monte Sarmiento sein eisiges Haupt aus Dunst, Nebel und Wolken; er wirkt gewaltig und unbeschreiblich hoch, weil er im Schmuck seiner ungeheuerlichen Gletscher, Wunder strotzenden Buchten und zahllosen Kanäle auf einmal, ganz ohne Vorland, aus dem Meer steigt.

Und es dehnen sich da ineinander verfilzte, nasse oder frostglatte Urwälder unter einem grauen, tropfenden oder Schneeflocken wirbelnden Himmel unheilvoll aus. Schwermütige triste Steppen verlieren sich in violetter Unendlichkeit. Bisweilen aber, wenn die Sonne des kurzen Sommers strahlt und funkelt, dann ist Feuerland wie ein herrliches Märchen der Natur.

Punta Arenas liegt auf Patagonien, doch dem Nimbus nach gehört es eigentlich zur großen Insel Feuerland. Heute heißt dieser allen Seefahrern mindestens dem Namen nach bekannte Ort „Magallanes. Er ist eine mit Luxus und Bequemlichkeit versehene kleine „Großstadt von rund 35 000 Einwohnern geworden. Aber immer noch erkennt man, wenn man die Plaza mit den schönen

Häusern verlässt, die alten Bretterbuden von einst; jene Wellblechsiedlung, deren abenteuerliches Leben so vielen englischen und amerikanischen Romanmagazinen Stoff lieferte. Und immer noch heißt sie mit mehr oder weniger Recht: der „Aussteigeplatz" der Welt. Denn viele, die hingingen oder hingehen, haben alle Brücken hinter sich abgebrochen.

Es lockte und lockt sie immer wieder der fast greifbare, in Wahrheit jedoch so dürftige Glanz des roten und gelben Goldes! Es winkten und winken Vermögen an Edelpelzen zu verdienen, obwohl die Nutria dort heute fast ausgerottet wurde. Und für diejenigen, die ihr Herz vor sich in den Wind werfen, schimmern dort unsagbare, mit brennenden Sinnen zu erlebende Erlebnisse. All das zieht die namenlosen Außenseiter vieler Länder an, die sich dem trügerischen Goldfunkeln auf Gedeih und Verderb verschrieben und sang- und klanglos für immer aus der Welt verschwinden; oder auch plötzlich als tüchtige Geschäftsleute wieder auftauchen ...

Seit Goethals das technische Wunder des Panamakanals vor die bis zuletzt ungläubigen skeptischen Augen einer pessimistischen Welt fertig hinstellte, laufen nicht mehr viele Dampfer durch die Magellanstraße oder die Straße Le Maire oder navigieren vorsichtig um Staaten Island herum. Und jene herrlichen Schwäne aus dem Märchen der Wahrheit, ich meine „die letzten Segelschiffe", von denen heute noch rostige Wrackreste in brüllender Brandung auf schwarzen Klippen sitzen, wo sie milchiger Gischt umtost, ruhelose Möwen und Albatrosse sie umflattern und dunkle Robben um sie herumspielen, ja, diese letzten Zeugen einer alten harten Romantik, die nach oder von den Salpeter- und Guanohäfen der Westküste oder für Weizen nach Portland-Oregon und von dort erst nach Australien segelten, sie sind nun nach dem zweiten Weltkrieg (nachdem sie der erste fast dezimierte) wohl bis auf wenige, wie prächtige Anachronismen wirkende Schiffe von den sieben Meeren verschwunden.

Verschwunden auch oder zurückgedrängt sind die wetterharten Indios, die stelzenden Strauße, die Viscachas und weichfelligen Guanacos. Auf Pampas und Ebenen weiden jetzt nur noch Millionen blökender, mit köstlichem Vlies geschmückte australische Schafe, und es sieht aus, wenn man von einem Bluff auf sie hinabschaut, als ob breite Flüsse, Ströme und Seen langsam, ziellos, wie weißliches Gold und grelles Silber, über das dunkle Land hin und her fluten. Und wenn der lange Winter kommt, mit tiefem, tiefem Schnee, so verschmilzt alles, Tier und Erde, uferlos, hell aufleuchtend und funkelnd, oder schattenlos fahl, zum leise klagendem Ganzen.

Feuerland: Urwelt wildester, majestätischer Größe, düsterer Schwermut, dunkler heroischer Taten und Tragödien, aber auch solcher von wunderbar lieblicher Reinheit – von Freundschaft und Bruderschaft zwischen Natur, Mensch und Tier.

Feuerland: Nest der klirrenden Fröste, kalter peitschender Regen, heulender Nordoststürme. Heimat merkwürdiger Eingeborener, seltsamer Tiere. Fanfaren der Antarktis gleich, lodern kurze Sommer fackelbunt zwischen langen Wintern, und dann steigert sich die Schöpfung zu Paradoxen, die dem Zoologen wundersame Rätsel stellen: farbenprächtige Papageien, langbeinige Nandus oder Avestruzes (Strauße), seidenlockige Guanacos, wie Edelsteine schimmernde Kolibris, stolze schneeweiße Schwäne mit schwarzen Hälsen und Köpfen, Flamingos, die beim Aufflattern den Himmel in eine tönende, rauschende, rosig scharlachfarbene altchinesische Ochsenblutschale verwandeln. Solche Tropengeschöpfe siehst du dann dicht neben dem spautenden Wal, neben grunzenden Seals, naiven See-Elefanten, herrlichen Albatrossen und stellenweise fast unübersehbaren Nationen grotesk lustiger, kindlich vertrauender, liebenswert harmloser, wie verzauberte Menschen einher watschelnder Pinguine. Aus einsamer Höhe aber stößt der Seeadler. Und von schwindelnden, kluftreichen Zinnen schraubt sich der riesige Condor in die Tiefe, wo seine Augen das gefallene Schaf oder Kaninchen erspähten.

Klingende Namen von Seefahrern, Entdeckern und Abenteurern, gleich unsterblichen Melodien, geistern um und über Tierra del Fuego, Patagonien, die Magellanstraße, die Straße Le Maire und Kap Horn.

Feuerland: Weltende, wo Atlantik und Pazifik in donnernder dunkler Symphonie einander in die Arme prallen oder – rar sind solche Tage! – zärtlich lispelnd, in Gold und Silber und Perlmutt gehüllt, sich traumsüß taumelnd vermählen.

Dies alles ist der bunte Rahmen des geheimnisvollen, wilden Landes, in dessen Mitte für viele Jahre die Figur des Julius Popper stand. Die Natur tat ihm nichts, sie schenkte ihm und den Seinen sogar fast mühelos unerhörte Goldschätze, wie keinem zuvor oder nachher. Aber unter den Menschen, die ihm sein Recht weigerten, verlor er alles. Und sie raubten ihm endlich, als er zum letzten Mal in die ferne Hauptstadt Buenos Aires fuhr, um dieses Recht zu verteidigen und wiederzugewinnen – wer kennt die wahren Zusammenhänge und wer kann darüber urteilen? – das Leben.

Es ist die moderne Saga Feuerlands und des Don Julio und auch teilweise diejenige der „Frau, die aus dem Wasser kam und die ihm den Sohn gebar, den der Vater, gleichsam als Omen seines eigenen düsteren Endes prophetisch „Julio Ultima Esperanza taufte. Ultima Esperanza – so nennen sie noch heute das Land: „Letzte Hoffnung".

Stimme des Ozeans

... und hörst du das kalte , wasserstaubatmende Meer verhalten brausen, grollen, glucksen und zischen? Und siehst du dort drüben, ah, dort liegt ...

„Ja, das ist die Küste. Aber es kann noch gute Weile dauern, ehe wir an Land gehen, Colonel Popper, dear!"

In diesiger, Kälte dampfender, seidig-grauer Luft segeln so wunderbar leicht mit weit ausgespannten, fast immer reglosen Schwingen die stolzen Herolde der Antarktis und des schwarzen Kap Horn, die schneeweißen, riesigen Albatrosse. Schieferfarbenes, stumpf-schwarzes, creme und silbrig-marmoriertes Wasser. Aus unermesslicher Tiefe grollt es wie noch verhaltene, sich zum ekstatischen Ausbruch vorbereitende Titanenkraft, in breiten Wogen rollt es einher ...

„Was meinen Sie, Käpt’n Walker?" Der schlanke Mann mit dem van-Dyck-Bärtchen unterbricht seine Musterung der schemenhaften Küste, wo er – nur er weiß es bestimmt, und ein frohes, festes Lächeln geht über sein Gesicht – sagenhafte Reichtümer finden wird. Er nimmt den Kieker vom Auge, hält sich mit der Linken am Leewant fest.

„Weshalb?", wiederholt er, und sein Englisch ist sorgfältig, korrekt und langsam, wie auf wankenden, aber doch nicht fehlenden Stelzen schreitend.

„Ostwind! Darum! Sehen Sie doch genau hin!, sagt der Yankee-Schiffer des guten, in Montevideo beheimateten, aber unter argentinischer Flagge segelnden Schoners „Muchacha Feliz.

„Wissen Sie, Colonel, dear, wenn der kleine Schlepper der Kohlenstation uns nicht einbringt, weil er gerade woanders steckt oder weil sein Käpt’n keine Lust hat, da er recht gut weiß, dass er von mir keinen Cent für diesen Freundschaftsdienst kriegen wird, oder weil er ’nen Longdrink in der „Seven Seas Bar schluckt, und wenn der Wind nicht schralt, dann können wir hier beigedreht schwabbeln und von Zeit zu Zeit halsen und ’nen kurzen Schlag kreuzen. Damit uns nicht dort drüben der Hals voll Salzwasser läuft! – Vielleicht einen Tag oder zwei oder mehr. Quien sabe, wer weiß es!, sagt man hierzulande! Der Seemann schnellt seinen Priem aus dem Mund. Noch ehe das zerkaute Tabakklümpchen das Wasser berührt, ist es von einer im Gleitflug herbeischießenden, schwarzweißen Kaptaube in freier Luft geschnappt und verschluckt.

„Das war eine lange Erklärung, Mister! Rede sonst nicht so viel, wie Sie wissen, aber man ist gefällig. Und Sie, Colonel, dear, haben was an sich, das ...‟ Er deutet auf die bunte Männergruppe, die sich mittschiffs und auf der Back staut. Bärtige Gesichter spähen nach der wieder und wieder, gleich einem Zauberstück, aus Dünsten auftauchenden und verschwindenden Küste. Arme und Hände gestikulieren, rollende Worte, in den weichen Balkansprachen oder in Spanisch und Italienisch, kommen achteraus geweht, wo die beiden hinter dem Rudermann stehen.

„Eine tolle Brüderschaft! Erstaunlich ist mir’s immer von Neuem, dass diese holden Knaben Ihnen so sanft auf Wort und Wink folgen, Mister! Wochenlang hab ich’s nun gesehen und gehört, aber es geht jedes Mal über meinen Horizont, der in Nantucket, woher die besten Seeleute und Schiffe der Welt kommen, groß geworden ist!", brummt der Amerikaner.

... und schrill schneidet der Sturm um Stagen, Wanten und Takelage. Pardunen summen und vibrieren, gleich abgestimmten Harfensaiten ...

Gutmütig erwidert Popper: „Es sind ja fast alles Landsleute von mir. Ehrliche Burschen, die zwar etwas herunterkamen, weil sie Pech in Argentinien hatten; das kann jedem passieren. Ich habe die meisten in Buenos Aires zusammengetrommelt!"

„Salonpuppen und Stehkragenjohnnies kämen auch nicht weiter an der Teufelsküste dort drüben, die an der einen Seite Patagonien und an der anderen Feuerland heißt. Wahrscheinlich deshalb, weil’s so unmenschlich kalt ist. Colonel, nehmen Sie’s nicht übel, ich hab’s ja schon öfters gesagt und fange wieder davon an: Dass Sie dort drüben Gold finden wollen und zwar in Mengen, dass sich’s rentiert, seien Sie mir nicht böse – halte ich für ein bisschen, na, Sie wissen schon!"

„Verrückt? Das wollen Sie doch sagen, Käpt’n Walker!"

Der Yankee verzieht das scharf geschnittene, kluge Gesicht. „Well, das meine ich. Gott weiß, ich gönn’s euch allen, besonders Ihnen. Denn Sie sind ein netter, ehrlicher Gent. Aber eher gibt’s dort an Land Ananasplantagen, Porzellanpagoden und Radschahs, die auf weißen Elefanten reiten, als viel Gold. Die paar Körner, die von halbverhungerten Prospektoren hin und wieder gefunden werden, zählen ja nicht." Bedauernd blickt er dem Rumänen in die braunen Augen.

... und Albatrosse durchsegeln mühelos die heulenden Lüfte, in denen der empor geschleuderte Meeresstaub verdampft. Wunderbar schön gebaut, schrankenlos frei, gebieten sie mühelos dem Aufruhr, kreisen und schwenken hin und her, auf und nieder. Scharf ist ihr wild melancholischer Schrei und sphinxhaft, geheimnisvoll das große Auge. Auf den rollenden, klatschenden, dröhnenden Wogen und ihren Kämmen reiten und schaukeln, wie Flocken, zu Sippen und Familien geordnet, unermüdlich schwatzend, zankend, Hunderte der kleinen Kaptauben ...

Während der Nacht hatte der Schoner mit fliegender Brise Kap Virgenes umrundet und navigierte glücklich durch die flaschenförmige Bucht mit den zwei engen Wasserstraßen. Nun fegte ihm plötzlich der Sturm in die Zähne, und beigedreht schlingern sie auf dem wieder offenen und weiten Fahrwasser. In kurzen Stunden könnten sie am Ziel vor Anker gehen, wenn jetzt dieser kleine Oststurm nicht wäre.

Vorne blitzt es zeitweilig auf. Dort rennt die polternde See gegen eine trostlos aussehende Küste an. Dort ballt sich hinter flachem Sand und einem Geröllgürtel niederes Bergland, kugeln Wolken, verschmelzen ineinander und bilden ein merkwürdig geisterhaftes Gemälde. Aus schwelendem Grau, tiefen bleifarbenen unruhigen Dünsten, flatternden, eilenden milchigen Nebeln und hoher Brandung tauchen ab und zu schattengleiche Gegenstände auf – etwas wie ein kleiner Kai, ein Kran und eine hohe schräge Kohlenschute, nackte Masten kleiner Segler, ein dicker kurzer Dampfer. Alles torkelt hin und her. Bohrt sich aus Dunst und Gischt. Erlischt in kreisenden Nebeln, kommt wieder hervor. Unaufhörlich.

... weiß und gefährlich blitzt die Brandung. Tief, eintönig und dennoch von einer leidenschaftlichen wilden Wucht sind die Geräusche der Wasser, die, von zwei entgegengesetzten Polen gekommen, sich am Kap Horn, dort hinten, weit hinten, rauschend vermengen ...

„Vierzig Jahre befuhr ich die sieben Meere. Davon die letzten Zehn in dieser Gegend, wo der liebe Gott dem Satan einen Zipfel Welt und, was drauf und darum ist, übergeben hat. Und habe allerlei Volk getroffen. Gute und böse, interessante und langweilige Menschen, Leute aus vielen Nationen. Aber noch nie einen netteren und leider gleichzeitig sonderbareren Gent gefahren, wie Sie sind, Mister Popper. Manchmal werden Sie mir fast unheimlich, Colonel, dear!"

Stumm drückt ihm der Rumäne die Hand, und jener redet weiter. „Wenn Sie sich doch auf den Pelzhandel verlegen wollten, so würde ich zu Ihrem Unternehmen Ja und Amen sagen, obgleich Sie auch darin ein komplettes Greenhorn wären. Könnte Sie mit einigen Nutriajägern bekannt machen, Skandinavier fast alle und gute Jungen in ihrer Art. Die würden Ihnen den richtigen Kurs weisen und gute Tipps sagen, denn sie halten etwas auf denjenigen, der von mir empfohlen wird. Aber Gold? Pah, segeln Sie doch nach Australien oder Kalifornien, dort gibt’s Gold klumpenweise in den Bergen. Aber hier auf Feuerland finden Sie nicht genügend, um die Ausrüstung zu bezahlen, und wenn Sie so alt werden wie unser Rip van Winkle!"

„Ich werde aber viel finden!" Ruhig, sicher und ohne Überhebung waren die Worte.

„Well, ein paar kleine Nuggets. Mag sein. Hören Sie, Mister: Mancher hatte den Spleen und suchte, als der Goldrausch wieder über die Neue Welt kam, auch das gelbe Metall auf Tierra del Fuego. Und ging oder geht vor die Hunde. Ohne Mammon! Ihre Gesellschaft wird auseinanderlaufen, Sie auslachen oder noch Ärgeres. Wahrscheinlich, wie ich annehme, haben Sie die letzten Cents in Ausrüstung und Passage gesteckt und alle diese Makkaronijohnnies – bitt’ um Vergebung! – glauben, in drei Wochen Millionäre zu sein!"

„Beinahe, aber nicht ganz. Ich meine die letzten Cents! Aber dort drüben liegt es und wartet. Viel Gold. Das weiß ich so gut, wie ich das Evangelium kenne. Und warum ich’s weiß, würden Sie nicht verstehen. Oder vielleicht? Ich bin nebenbei Geologe, Käpt’n!"

„Und haben in Rumänien daheim, theoretisch auf der Landkarte – von Feuerland gibt’s gar keine, die etwas wert wäre! – geometrische und geodätische Geisterseherei getrieben, wie ich annehme. Pshaw! Ich will aber die Sache anders und menschlicher betrachten und daher sagen: Sie haben ein Girl im alten Lande warten und wollen reich heimkommen. Kann ich begreifen, hätte ja selber beinahe die Maggie daheim genommen, aber sie konnte nicht warten, und jetzt sag’ ich jeden Tag zu mir Gott sei Dank! Aber ich würde, um amerikanisch zu sprechen, ’nen Savvy für solche Idee haben. Denn wegen der Maggies und Lizzies ist schon mancher Mann arm oder reich und manchmal zum

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