Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Der Narr und die Mandelblüte

Der Narr und die Mandelblüte

Vorschau lesen

Der Narr und die Mandelblüte

Länge:
248 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Aug 7, 2019
ISBN:
9781386564751
Format:
Buch

Beschreibung

Der Narr und die Mandelblüte

Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 255 Taschenbuchseiten.

Eine gequälte Kreatur, ein hässlicher Narr, so sieht die Welt Peter, den Engländer. Doch nach einer grausamen Odyssee gelangt er auf die Insel Boro-Boro, und plötzlich wendet sich sein Schicksal scheinbar zum Besseren. Doch sein Herz ist entflammt in Liebe zu einer schönen Frau, der er sich nicht nähern kann, weil sie die Tochter seines Chefs ist. Er hat sich abgefunden damit, dass er den Rest seines Lebens allein bleiben wird, ergibt sich dem Opium und dem Alkohol, bis die Pest auf die Insel gelangt. Und plötzlich steht er im Mittelpunkt.

Freigegeben:
Aug 7, 2019
ISBN:
9781386564751
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Der Narr und die Mandelblüte

Buchvorschau

Der Narr und die Mandelblüte - Ernst F. Löhndorff

Der Narr und die Mandelblüte

Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 255 Taschenbuchseiten.

Eine gequälte Kreatur, ein hässlicher Narr, so sieht die Welt Peter, den Engländer. Doch nach einer grausamen Odyssee gelangt er auf die Insel Boro-Boro, und plötzlich wendet sich sein Schicksal scheinbar zum Besseren. Doch sein Herz ist entflammt in Liebe zu einer schönen Frau, der er sich nicht nähern kann, weil sie die Tochter seines Chefs ist. Er hat sich abgefunden damit, dass er den Rest seines Lebens allein bleiben wird, ergibt sich dem Opium und dem Alkohol, bis die Pest auf die Insel gelangt. Und plötzlich steht er im Mittelpunkt.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Erstes Kapitel: Die Reise nach Boro-Boro

BORO-BORO hatte nach Süden einen schmalen ebenen Küstenstreifen, den das glasklare glatte Wasser einer riffgeschützten Lagune leise schmeichelnd berührte. Der feine Sand war so weiß, dass er unter dem riesigen, grellen Tropenmond wie ein blanker Silbergürtel aussah. Wenn aber die Sonne darauf strahlte, war er violett mit dem schwarzblauen, unruhigen Schattenmuster der Uferpalmen gezeichnet; wenn flimmernde Dunstschichten gleich Feuerfünkchen über Boro-Boro tanzten; wenn die Konturen des Berges im Trugschimmer der grausamen Hitze sich unaufhörlich verzerrten, auseinander und wieder zusammen flossen!

Man konnte meinen, der Fuß des Berges sei ein Riesenbein, das bis an den Knöchel im Sande steckte und dann steil und gedrungen in den Himmel wuchtete. Dieser schimmerte bei Tag hell und zart wie die Seidenschärpe eines andalusischen Mädchens. Im Lichte der Sterne glich er einem voll erblühten Indigofeld am Gangesufer, das vom Monsun gestreichelt wird.

Wie feine Filigrane hoben sich die gefiederten Palmen, die in weiten Abständen den Grat bestanden, vom Horizont ab. Aus dunkel verschatteter Schlucht stürzte weiß schäumend der Bach in vielen Terrassen nach unten. Über seinen Fällen und Strudeln gaukelten kleine Regenbogen hin und her, auf und nieder, und die runden Schultern der Basaltblöcke ragten schwarz und nass glitzernd aus üppigem Grün. Erst wenn der Sonnenball sich ins flammend gerötete Meer stürzte, erlosch der Farbenzauber, und die Landschaft zerlief in dunkler Tusche, mit wahllos eingestreuten silbernen Pinselstrichen.

Auf der anderen Seite des Berges war die Erde flach, mit spärlichen Grastupfern und viel Sand bedeckt. An der Innenseite einer tiefen Halbmondbucht, gegen die das Meer frei und ungehindert schlug, lag die Bretterbuden- und Ölpapierstadt des reichen Chinesen Ah-Quong. Seine Schecks galten von Hongkong bis nach dem Schott el Arab, und seine Dschunken befuhren das Inselmeer nach allen Richtungen. Ah-Quongs Niederlassung ähnelte einem farbenglühenden Märchenbasar aus der endlosen Phantasienkette des Orients, die von Morgen bis Mitternacht und wieder bis zum neuen Morgen währt.

Das war Boro-Boro, die ferne Insel, deren Bewohner manchmal brüllend aus ihrer Ruhe gerissen wurden und dann in langer Prozession mit Räucherstäbchen, duftenden Gefäßen und Ah-Quong an

der Spitze zum Strande wallten, wenn der „Alte Mann im Innern des Berges sich regte, dass dumpfes Grollen durch die schwüle Natur brach und die Insel in ihren Grundfesten erbebte. Ah-Quong opferte nach heimischer Sitte beim Gezirpe und Geschnatter merkwürdiger chinesischer Musikinstrumente den Göttern, um sie zu versöhnen. Weit in die See hinaus warf er eine schimmernde Perle. Am Fuße des Berges entzündete er Räucherwerk und Sandelholz, und alle Menschen, selbst die paar übriggebliebenen Ureinwohner der Insel, jene schlanken, goldbraunen Kanaken mit krausen Bärten und ihre schön geformten Frauen, sanken in die Knie, um den „Alten Mann auf chinesische Art zu ersuchen, ihr Leben zu verschonen.

Das war Boro-Boro, das Eiland in der glitzernden See, auf dem ein Tag oder eine Nacht wie die anderen waren, wenn der „Alte Mann" im Berge nicht gerade grollte! Dort war ein Paradies für Menschen, die Ruhe suchten und ein neues Leben anfangen wollten. Dort ist gut sein!, sagte sich Peter Holders mit seiner hungernden, brutalisierten, in einem verprügelten Körper wohnenden Seele, als er die schlanken Kokospalmen, das grüne Gras und die gleich zuckenden Farbenblitzen durch die duftschwere Luft schwirrenden Vögel erblickte. Die schön geschnitzten Auslegerkanus und die zierlichen Hütten der Kanaken, die am Fuße des Berges an der Lagune, fern von der bunten Stadt des Chinesen wohnten, sah er.

Und seltsam beschwichtigend schlugen der klagende Tenor und die schluchzenden Chorstimmen der braunen Menschen an sein Ohr, während er sich im harten Griff von Mr. Jörgensen, dem ersten Steuermann des Motorseglers „Golden Bough, wand und krümmte. Als ihn so die starken Finger am Genick schüttelten und die Ruderer roh dazu lachten, schaute Peter Holders verlangend hinüber zu den Silberschleiern des stiebenden Wasserfalls; und vor seinem geistigen Auge spielte sich das, was gewesen war, wie ein rasender Filmstreifen ab, und tief in seinem Herzen sang leise Hoffnung: „Dort drüben leben können.

Peter Holders zählte, als er zum ersten Mal den staunenden Blick auf Boro-Boro warf, achtunddreißig Jahre. Er war von Statur klein und schwächlich. Sein Gesicht trug einen Ausdruck von Unterwürfigkeit, und in seinen großen, von weizenblonden Brauen überdachten Augen wohnte jene sanfte Geduld, wie sie uns aus den Pupillen behaglich wiederkäuender Haustiere entgegenblickt. Sein Gemüt war von kindlicher Bescheidenheit, und so kam es, dass er von Starken und Skrupellosen immer wieder zu Boden getrampelt wurde.

Er hatte bereits ein buntes Leben hinter sich. In London fing seine selbständige Laufbahn als Lehrjunge in der alt renommierten Firma „Smalltree, Smalltree & Jones" im Grays Inn Viertel an. Er wurde Clerk oder kaufmännischer Angestellter. Eines Tages packte ihn die Sehnsucht nach dem freien, großen Amerika; er kratzte seine Pennies und Schillinge zusammen und fuhr im Zwischendeck nach New York. Bald musste er erkennen, dass hier von der Freiheit nur die Statue, die diesen Namen trug, übriggeblieben war, und eine böse Zeit begann für den kleinen Cockney als Geschirrwäscher und Landstreicher. Es zog ihn in dem Westen, von dem er aus Indianer- und Goldgräbererzählungen, die er als Junge gelesen hatte, eine undeutliche Vorstellung besaß.

Peter Holders kehrte der Hudsonmetropole den Rücken und wanderte mit einigen Dollars in der Tasche und seinem Bündel westwärts. Sein schwankendes, ängstliches Wesen erlaubte ihm nicht, ein richtiger amerikanischer Hobo oder Tramp zu werden; und statt wie diese kühn auf fahrende Güterzüge zu springen und allnächtlich Hunderte von Meilen zurückzulegen, ging er zu Fuß. Manchmal nahm ihn ein großzügiger Autofahrer ein Stück weit mit. Manchmal sprach er auf Farmen um Tagesarbeit vor, wobei es aber oft geschah, dass der Farmer, der Tramps in schlechtem Andenken haben mochte, einfach die Hunde auf ihn hetzte oder ihm mit der Schrotflinte nachschoss. Einmal versuchte er es doch mit einem Güterzug, der gerade in einer kleinen Station Wasser nahm. Schon nach einer Viertelstunde wurde er entdeckt und von einem rauen Bremser halbtot geprügelt und unter Verlust seines Bündels vom fahrenden Zug geworfen. Mit gebrochenem Bein blieb er am Bahndamm liegen, bis mitleidige Leute ihn ins Hospital brachten. Nach seiner Gesundung wurde er eingesperrt und musste sechs Wochen Steine auf den Landstraßen klopfen, weil er sich gegen die Gesetze vergangen hatte.

Peter Holders kam nach Detroit und erhielt eine Stelle als Kochmaat auf einem der großen Forddampfer, die den Michigansee befahren. Schon nach zwei Tagen lauerten ihm Klu-Klux-Klaner auf und schlugen ihn windelweich, weil er als weißer Mann auf einem Dampfer arbeitete, der fast nur schwarze Besatzung führte. Er hatte noch Glück, zwar musste er wieder ins Krankenhaus, aber außer einer leichten Gehirnerschütterung und einem gebrochenen Schlüsselbein fehlte ihm nichts. Nach seiner Entlassung schlug er bei den Umzügen der Heilsarmee die große Pauke und erhielt dafür Essen und Unterkunft. Später fand er für acht Tage Arbeit als Silberwäscher in einem lebhaften Hotel, verbrühte sich aber die Hand und musste gehen. Von seinem letzten Geld kaufte er sich eine Decke und einige Lebensmittel und wanderte wieder los.

In Kansas City hatte er Glück, denn er fand in einer Bar sofort Arbeit. Er musste zunächst die großen Messingspucknäpfe und andere Dinge säubern, aber schließlich brachte er es bis zum Barkeeper. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich nun der kleine, von allen gestoßene Cockney glücklich. Stolz trug er die weiße Jacke und die Schürze seines Amtes und klebte sich sein spärliches blondes Haar mit viel Pomade glatt auf den Kopf. Er hielt sich eine Sportzeitung, mit deren Hilfe er den Besuchern des Lokals wunderbare Tipps über die Pferderennen in Tennessee geben konnte.

Little Piet, wie sie ihn nannten, begann allmählich zum festen Inventar der kleinen Holzhäusergasse der großen Kansas City zu gehören, als plötzlich seine Hoffnungen gleich einer Seifenblase zerplatzten. Der Chef machte Bankrott, verschwand über Nacht, und der Barkeeper saß von Neuem auf der Straße. Voll Hoffnung fuhr er nach San Francisco und gedachte dort sein Auskommen zu finden. Aber die Lokalbesitzer, bei denen er vorsprach, betrachteten nur lachend den kleinen Mann und schüttelten ihre Köpfe.

„Barkeeper? Sie? Nee, nichts zu machen! Vielleicht fragen Sie mal bei Petrus oben im Himmel nach. Menschenskind, wie wollen Sie denn Frieden stiften, wenn sich Gäste prügeln? Das kommt oft bei uns vor! Die Kerle stecken Sie ja einfach in die Tasche!" Damit ließen sie ihn stehen.

Eine Zeitlang fristete Holders sein Dasein als Fensterputzer, bis die Mitglieder der „Fensterputzer-Gewerkschaft" aufmerksam wurden und ihn verprügelten, wobei er vier Zähne verlor und ein eingeschlagenes Nasenbein davontrug. Sein Gesicht bekam dadurch etwas lächerlich Groteskes. Wenn er seitdem auf die Straße ging, hielt er sich stets im Schutze der Häuser, und seine großen Augen, in denen jetzt die unbestimmte Angst eines ewig Geduckten lag, spähten unablässig nach allen Seiten.

Während jener denkwürdigen Tage, als zehntausend Hafenarbeiter in der „Königin des Pazifik" in Ausstand traten, weil sie pro Stunde vier Cents mehr Lohn verlangten, arbeitete Peter als Streikbrecher. Er fühlte einen merkwürdigen Stolz in sich, als er im Schutze von Miliz und Detektiven mit einem Häuflein seinesgleichen in den Warenschuppen schaffte, während das drohende Tosen der erbitterten Menge gedämpft an ihre Ohren klang. Er arbeitete, und sie mussten hungern! Das war seine Rache für all die Knüffe, Tritte und Verletzungen, die er empfangen hatte, seit er in den Vereinigten Staaten weilte.

Aber wie alle Streiks, so nahm auch dieser sein Ende, und Peter sah sich eines Tages wieder inmitten des Riesenheeres der Arbeitslosen auf der Straße. Er konnte sich durchaus nicht die sorgenvolle Tatsache verhehlen, dass er als Streikbrecher für die kalifornischen Seestädte ein gezeichneter Mann war, denn der Mitteilungsdienst der amerikanischen Gewerkschaften funktioniert außerordentlich gut. Das mindeste, was ihm blühte, war eine Tracht Prügel, dass er hospitalreif wurde. Wenn er an die Gesichter und Drohungen jener Männer dachte, deren Arbeit er unter polizeilichem Schutz ausgeführt hatte, beschlich ihn eine Bangigkeit, die sich rasch zu toller Angst auswuchs.

Darum blieb er tagelang in seinem scheußlichen Zimmer hocken, schaute durch die blinden Fensterscheiben auf den Hof der chinesischen Wäscherei hinab oder zählte mechanisch die Blutflecken von getöteten Wanzen an der verfärbten Tapete. Wenn er sich im Spiegel besah und sein seltsam verbogenes, eingeschlagenes Gesicht ihm entgegenglotzte, stiegen ihm Tränen in die Augen. Auf einmal kamen der Durst nach Schönheit und Neuem und die Wanderlust, die noch immer in seiner geduckten Seele wohnten, mächtig über ihn. Er besaß noch etwas Geld, das drückte er eines Abends einem halb betrunkenen Matrosen in die teerige Schwielenhand, der von der „Golden Bough" an Land gekommen war, um noch eine letzte feuchtfröhliche Nacht zu durchkosten. Anfangs hatte Holders einen ganz anderen Plan gehabt! Er hatte sich einigen Dauerproviant erstehen und dann auf die Lauer legen wollen, bis er sich auf einen Südamerikadampfer schleichen und verstecken konnte. Als er aber in der halb düsteren Kneipe im Erdgeschoss seiner Mietskaserne saß und von glücklichen Zeiten träumte, kam ein breitschultriger, wild blickender Bursche herein, der alle Anwesenden einer unauffälligen, aber genauen Musterung unterzog. Bei Peter, der sich in den äußersten Winkel drückte, machte er halt, betrachtete ihn höhnisch und schritt dann pfeifend in die Dunkelheit hinaus. Tödlich erschrocken dachte Peter sofort, dass es einer der Streikenden gewesen war, der ihn erkannt hatte und jetzt eilte, um seine Kumpane herbeizuholen. Zitternd stürzte er auf die Gasse, schaute sich kaum um und rannte, sich eng an die Häuser haltend, wie ein gehetztes Wild davon. Gänzlich außer Atem, mit hämmernden Pulsen und schweißtriefend kam er in der Marketstreet an, wo er gegen einen blondbärtigen Riesen rannte, der ihn gutmütig wegstieß. Der lebhafte Verkehr um ihn und die hellen Lampen ließen ihn wieder zu sich kommen. Seine Stirn wischend, trat er in eine Kneipe, um sich zu erquicken.

Hier führte das Schicksal Holders mit Bill Hopkins von der „Golden Bough" zusammen, der den kleinen, verängstigten Mann lachend betrachtete, ihm nachher derb auf die Schulter schlug und ein volles Glas in die Hand drückte. Seit Langem war niemand so freundlich zu Peter gewesen, und der burschikose Matrose flößte ihm daher ein Gefühl der Bewunderung ein, das binnen einer Viertelstunde beinahe an Ehrfurcht grenzte.

Wehmütig betrachtete Peter Holders den starkknochigen, gebräunten Seefahrer; der brauchte nicht dauernd in Angst zu leben, den würde niemand quälen und unterdrücken. Der Seemann unterhielt sich weiter mit Holders, der bald einen Beschützer in ihm sah und sich wie eine Klette an Bill klammerte. Von Kneipe zu Kneipe folgte er ihm auf den Fersen. Billy war schon so weit unter Alkohol, dass ihn diese Anhänglichkeit erfreute; er ging jetzt dazu über, sein Schiff, welches er nüchtern eine „alte verdammte, verrottete Arbeitshölle nannte, mit einem schwimmenden Erholungsheim zu vergleichen und das Lob der „Golden Bough und ihrer Offiziere in den höchsten Tönen zu singen. Als Peter wiederholt schüchtern, aber sehr dringend wissen wollte, ob das Schiff nach Südamerika bestimmt wäre, antwortete Billy großartig wie ein Orakel: „Was, Teufel – wo Palmen sind und schwarzhaarige Weiber, da sausen wir hin!"

Auf eine weitere zaghafte Frage entgegnete er im Brustton überzeugten Gönnertums: „Selbstverständlich kann ich dich an Bord verstauen, dass kein Schwein was davon merkt, und dir unterwegs Futter geben. Wenn wir dann drüben ankommen und du über die Landungsplanke bist, machst du dem Käpt’n ’ne lange Nase und rufst ihm zu, er soll dir den Buckel runter rutschen. Der Käpt’n ist nämlich ein übler Satan. Der reine Sklaventreiber, musst du wissen!"

„Aber eben hast du doch noch gesagt, er und die Offiziere wären feine Kerle?", stotterte Peter.

Der Matrose trommelte sich auf der Brust. „Feine Kerle? Gewiss sind sie’s. Alle Menschen sind feine Kerle, wenn sie erst begraben, verbrannt oder ersoffen sind. Weißt du das nicht? ... Aber du kannst mitkommen, wenn du willst. Du gefällst mir. Prost, altes Haus. Prost! Er beugte sich näher und flüsterte rülpsend: „Aber wenn ich dir – hup – die Gefälligkeit tue – hup, hup! Verdammtes Gift, was sich unsereins – hup – die Gurgel hinabkippt – hup —. Das kostet ’ne kleine – hup – winzige Kleinigkeit. Was willst du aufwenden, Genosse? Hup, hup!

Peter griff in die Tasche und legte vertrauensvoll all sein Geld in die Bierpfütze auf dem Tisch. Vielleicht schien ihm, dass er auf diese Art bei dem rauen Manne der See am weitesten kommen würde.

„Hm! Hup! Hm!, brummte Bill Hopkins, indem er das Geld ohne weiteres in die Hosentasche fegte. „Acht schäbige Dollars und darunter – hup – ein Mexikaner. Das ist nicht viel, mein Engel. Aber weil du’s bist! Dafür kann ich mir noch einen anständigen Rausch – hup – und ’ne Pulle zum Anbordnehmen leisten. Topp!

Peter fiel ein Stein vom Herzen. Am liebsten hätte er laut gesungen und gelacht, aber er musste jetzt seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit daran wenden, dass Bill es nicht zu toll trieb. Einmal wurde dieser ärgerlich und schnaufte: „Was willst du ausgemergelter Fatzke eigentlich von mir?"

Schließlich gelang es dem Kleinen, ihn zum Aufbruch zu bewegen, nachdem der letzte Cent über den Schanktisch gerollt war. Mit zwei Flaschen Schnaps in den Rocktaschen musste Peter ihn zum Hafen lotsen, wo sie mit Mühe ein Boot auftrieben, dessen Besitzer bereit war, die beiden für Peters silberne Uhr nach der „Golden Bough" hinauszurudern. Peter verschlug der Schreck die Sprache, als sie statt an einem Dampfer am Fallreep eines schlanken Dreimastschoners anlegten. Der in seine Düffeljacke gehüllte Wachtsmann half ihnen an Bord.

„Nanu?, sagte er, als er Peter entdeckte. Aber der Begleiter lachte: „Alles in bester Butter, Paddy, mein Engel. Ist’n Freund von mir. Da, hast du was vom Fahrgeld! Der andere nahm die dargereichte Flasche und ließ sie zwischen Hemd und Brust verschwinden.

„Allright, willkommen, Mister!", grinste er. Bill flüsterte ihm etwas ins Ohr und wankte dann, ohne sich um Peter zu kümmern, singend nach vorne. Dieser fühlte sich am Arm ergriffen und fortgezogen.

„Fall nicht über die Taurollen!", wurde ihm warnend zugebrummt. Willenlos stieg Peter jetzt hinter Paddy eine eiserne Leiter ins dunkel gähnende Luk hinab, dann beschien die elektrische Lampe einen niedrigen, schlauchartigen Verschlag, in dem viele aufgerollte Segel lagen. Es roch nach Tauwerk und Teer.

„So, hier in der Segelkoje sucht dich vorläufig niemand. Leg dich ganz vorne in die Ecke und schlaf, so lange du kannst. Und komm ja nicht etwa raus, ehe wir Bescheid geben! Sollte dich aber der erste Steuermann finden, so verrätst du ihm nicht, dass wir dir geholfen haben, sonst kriegst du von uns ’ne Abreibung, dass es nur so kracht. – Sag ihm einfach, du hättest dich an Bord geschlichen, als keiner aufpasste", warnte ihn der Irländer im breiten Dialekt der grünen Insel.

Peter fand die Sprache wieder: „Ach Gott, wir gehen doch nach Südamerika?"

„Südamerika, mein Herzchen? Oh, Jesus und Jungfrau Maria! Südamerika! – Nach der Südsee fahren wir, du Rindvieh, du gottseliges!", lachte der Befragte.

Da schrie Peter auf. „Dahin will ich nicht! Lasst mich an Land und gebt mir mein Geld zurück!"

Eine schwere Hand legte sich gewaltsam auf seinen Mund, und eine wütende Stimme zischelte ihm ins Ohr: „Mensch, schrei nicht so, sonst, bei Jesus! steck ich dir ’ne Handvoll Werg ins Maul. Willst du etwa

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Der Narr und die Mandelblüte denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen