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Satan Ozean

Satan Ozean

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Satan Ozean

Länge:
310 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
Dec 28, 2017
ISBN:
9781386432074
Format:
Buch

Beschreibung

Satan Ozean

Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 297 Taschenbuchseiten.

Jack ist ein Abenteurer und als ihm sein Geld ausgeht, will er in San Francisco auf einem Segler anheuern. Stattdessen wird er von dem Seelenverkäufer Swanson schangheit und landet ungewollt auf dem Dampfer „Athabaska“, einem Stationsschiff, das über die Meere fährt und Alkohol schmuggelt, ohne jemals irgendwo anzulegen. An Bord herrschen raue Sitten, der Kapitän und die Offiziere prügeln die Mannschaft gnadenlos. Nach einer Meuterei gerät der Dampfer in einen Zyklon und läuft auf Grund. Den Matrosen gelingt die Flucht. Jack und der Norweger Jensen heuern daraufhin auf dem alten Walfangschiff „Northern Star“ an – doch die gnadenlose Jagd auf die unschuldigen Riesengeschöpfe auf der gefährlichen Route durch das Eismeer wird für Jack zu einer Fahrt durch die Hölle ...

Freigegeben:
Dec 28, 2017
ISBN:
9781386432074
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Satan Ozean

Buchvorschau

Satan Ozean - Ernst F. Löhndorff

Satan Ozean

Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 297 Taschenbuchseiten.

Jack ist ein Abenteurer und als ihm sein Geld ausgeht, will er in San Francisco auf einem Segler anheuern. Stattdessen wird er von dem Seelenverkäufer Swanson schangheit und landet ungewollt auf dem Dampfer „Athabaska, einem Stationsschiff, das über die Meere fährt und Alkohol schmuggelt, ohne jemals irgendwo anzulegen. An Bord herrschen raue Sitten, der Kapitän und die Offiziere prügeln die Mannschaft gnadenlos. Nach einer Meuterei gerät der Dampfer in einen Zyklon und läuft auf Grund. Den Matrosen gelingt die Flucht. Jack und der Norweger Jensen heuern daraufhin auf dem alten Walfangschiff „Northern Star an – doch die gnadenlose Jagd auf die unschuldigen Riesengeschöpfe auf der gefährlichen Route durch das Eismeer wird für Jack zu einer Fahrt durch die Hölle ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Erstes Buch

WHISKY JOHNNY

Seelenverkäufer

O Frisco, o Frisco, du wunderschöne Stadt! hat es mir oft, als ich unten in Honduras an der Beach lag und das Fieber durch meine Adern raste, in den Ohren geklungen. Nun ist mein Kuhreigen in Erfüllung gegangen, ich bin wieder in der Königin des Pazifik, in San Franzisco.

Es ist noch unverändert! Vor den nassen Klippen unterhalb des kühn an die Felsen geklebten „Cliffhouse spielen die schwarzen Seelöwen im weißen Schaum. Vierschrötige Dampfer und schlanke Schoner gleiten durchs „Goldene Tor, und auch die Marketstreet zeigt das alte Gepräge. Nur die Menschen sehen anders aus, viel verbitterter und rücksichtsloser als das letzte Mal!

Elende und doch hoffnungsvolle Wochen sind hinter mir. Sämtliche Redaktionen in Frisco und Oakland suchte ich mit meinen auf See geschriebenen Erzählungen heim ... Erzählungen, in denen die salzige Brise des Ozeans prickelt und durch die der ungeheure Rhythmus der wandernden, ruhelosen Wogen pulsiert.

„Was, ein federfuchsender Seemann? — Und mit diesen klobigen Teerpfoten schrieben Sie das? — Guten Tag, Jack, machen Sie, dass Sie schleunigst verschwinden. Zeit ist Geld!, sagte der kleine Schriftleiter vom „Examiner, bei dem ich zuletzt mein Glück versuchte. Am liebsten hätte ich ihn verprügelt, aber schon stieg hinter der flammenden Wut die dumpfe Traurigkeit eines verfehlten Lebens auf und raubte mir die Kraft. Hinter dem Schreibtisch des Zeitungsmannes führte ein Fenster auf die Bai hinaus. Und da sah ich die See wieder winken.

Mein Geld war zu Ende gegangen, und so begab ich mich zu Swanson, dem Heuerbaas, damit er mir ein Schiff besorge. Ausgerechnet zu Swanson, dessen Ruhm als Seelenverkäufer die Taten des alten Sally Brown, von denen Seeleute singen und singen werden, solange Schiffe nach Frisco-Bai kommen, schon übertrifft!

„Also eine Chance suchst du, Jack?", fragt er und schielt misstrauisch in meine Papiere. Ganz genau will er wissen, ob ich die Fleppen nicht etwa gestohlen oder gefunden habe, denn das sei schon alles da gewesen, seit er sich mit der christlichen Seefahrt befasse. Es spiele aber keine große Rolle! Denn er, Swanson, ist gerne und jederzeit bereit, einem Buchhalter oder Kuhjungen seine Sehnsucht nach blauem, tiefem Wasser und fernen Ländern zu erfüllen. Es wäre aber doch besser, wenn ich ihm reinen Wein einschenkte!

Da sage ich eine Reihe Fahrzeuge her, auf denen ich war; er stellt einige Fragen, die keine Landratte beantworten könnte, und ist nun überzeugt, dass ich wirklich schon Salzwasser geschmeckt habe. Das freut ihn mächtig, er zieht sich an den ringgeschmückten Fingern, dass die Gelenke knacken, und meint dazu in seinem singenden Schwedenamerikanisch: „’nen Segler, mein Junge? Yes, sollst ihn kriegen, sollst ’nen tüchtigen Windjammer kriegen, versteht sich, Jack. Viele sind zwar nicht im Port, aber du gefällst mir, siehst wie ’n anständiger Maat aus. Komm, wollen zu Quong-Lee steuern und die Sache bei ’nem guten Tropfen ins Reine bringen. Habe nichts im Hause, die Prohibitionsagenten sind verdammt scharf hinter mir her. Möchten old Swanson fangen, die blutigen Tölpel, haha!"

Jetzt sitzen wir im Chopsuey-Parlor des Chinamannes in der schmutzigen Gasse der fallenden Sterne. Swanson bestellte „Hootch, wie der gepanschte Schnaps genannt wird. Der dicke Asiate brachte den Stoff in dünnen, bemalten Porzellantassen. Auch ein schmunzelnder Polizist lehnt an der mit Limonadeflaschen dekorierten Bar und genehmigt sich einen gleichen Drink wie wir. Über ihm hängt ein Reklameplakat mit dem Bilde Onkel Sams. Das verschmitzte, ziegenbärtige Gesicht des Schutzpatrons der Vereinigten Staaten drückt unsägliche Zufriedenheit aus, denn er schlürft gerade ein Glas Malzmilch. Wer sollte auch nicht zufrieden und glücklich sein, der die feine, famose Malzmilch trinkt, wie sie „Gebrüder Skinner, Telegraphhill herstellen? Unter Onkel Sams Bauch steht in breiten, goldenen Lettern der Name der Firma und die Worte: „Fort mit dem Alkohol, der frei geborene Amerikaner degeneriert! Nehmt als echte Bürger unseres glorreichen Landes stets nur die wundervollen Erzeugnisse von 'Gebrüder Skinner & Co'."

Der Polizist leert seine Tasse, salutiert Onkel Sam neckisch mit dem Hickoryknüppel und verschwindet. Swanson bestellt eine Auflage nach der andern; ich kann sie gar nicht zählen, so schnell geht es. Und seine Rattenaugen unter dem gelben Haarbüschel funkeln, halten mich in Bann, während sein Mund ununterbrochen redet. Swanson ist anzusehen wie ein Basilisk, der auf einen guten Happen lauert. Seine singende Stimme spricht von Schiffen, Kapitänen, Matrosen und den schlechten Zeiten. Yes, verdammt schlechte Zeiten sind’s, und Marketstreet ist voll von Seeleuten, die Chancen suchen. Aber ich soll nur getrost alles ihm überlassen, und ich werde ein Schiff kriegen. Den besten Segler, der je von der Helling lief! Kapitän und Steuerleute sind perfekte Gentlemen, die jeder Order, die sie notgedrungen geben müssen, ein höfliches „if you please" vorsetzen. Ja, da soll ich an Bord kommen, heute noch, und zeitlebens werde ich es dem braven Swanson danken!

Den feinsten Kasten von Frisco-Hafen will er mir verschaffen; denn er, Schwede Swanson, findet Gefallen am Schnitt meines Bugspriets ... will sagen der Nase ... und es sei jammerschade, wenn ein Kerl wie ich untätig an Land herumliege. Aus reiner Gefälligkeit und christlicher Nächstenliebe will er alles für mich ins Reine bringen. Der Monatslohn oder die zwei, die er vom Kapitän für seine Mühe erhält, sind ja nicht der Rede wert!

Ich lasse ihn schwatzen, bin nicht mehr Greenhorn genug, um sein Engelszungenlied zu glauben. Aber da die Zeiten wirklich miserabel sind und man ohne Hilfe der Schlafbaase kein Schiff findet, muss ich schweigen. Ich hoffe nur, dass es das Schicksal gnädig mit mir macht und Swanson mich nicht auf einen der berüchtigten „Höllenkasten" bringt!

Er glitzert mit den Augen, wie ein Zauberer beschreiben seine Hände, an denen die dicken Brillantringe sitzen, leuchtende Regenbogen durch das Halbdunkel. Und immerfort trinken wir Whisky. Langsam kommt der Chinese näher an den Tisch gerückt. Er hält die gradstielige Pfeife in den Fingern, und auf seinem Gesichte ruht eine feiste, unsäglich verschmitzte Frage.

Wieder leeren wir eine Tasse. Aber warum lacht plötzlich der Chinese, dass die seinen plumpen Leib verhüllende, starre Seide höhnisch knistert? Und warum nehmen die Augen des Schweden mit einmal solch animalisch hungrigen Glanz an?

Und ich ... was ist das? Steht nicht alles auf dem Kopf? Durch mein bleischweres Hirn zucken ganz müde und verwundert die Gedanken: „Schanghait wie ein Greenhorn hat er dich! Gott, was für ein Schiff muss das sein, dass er zu diesem Mittel greift?"

Hallo, nun fahren wir mit vierkantgebrassten Rahen, den sausenden Wind achterkant, den Niagarafall hinab. Hei, wie das donnert, rauscht und zischt! Und aus weiter Ferne höre ich eine Stimme durch das Getöse klingen: „Wäre doch der erste verdammte Sohn einer Seeratte, der bei den Knockout-Tropfen nicht schlafen geht! Sieh doch mal nach, was er in den Taschen hat, Quong, alter Junge!" Dann schlägt Dunkelheit dröhnend über mir zusammen, ich sinke in Abgründe. Tosende, von roten und grünen Blitzen erhellte Tiefen ... bodenlos. Immer tiefer geht’s, und auf einmal ist alles schwarz. Nacht!

SCHANGHAIT

Langsam richte ich mich auf, stoße mit der Stirn an etwas Hartes. Da öffne ich die Augen und schaue erstaunt umher. Das war ein Balken, gegen den ich prallte! Gegenüber sehe ich eine Reihe winziger, geblümter Vorhänge flattern. Durch eine offene Tür strömt ein breiter, funkelnder Lichtkeil. An einer hellen, mit Fingerabdrücken besudelten Wand baumeln Südwester, geteerte Kleidersäcke und hohe Schaftstiefel. Sie scharren sachte hin und her. Dann steht noch ein schmaler Tisch in der Mitte; darauf sehe ich eine Blechschüssel mit undefinierbaren Speiseresten, eine Maiskolbenpfeife und ein Häuflein grober Tabaksasche. Ein seltsamer Geruch von Teer, Kielraumwasser, salziger Brise und sauer gewordener Wäsche hängt gleich einer dicken, unsichtbaren Wolke in der Luft.

Ich liege in einer Schiffskoje. Verdutzt bemerke ich, dass mein guter, für ganze acht Dollar beim Juden gekaufter Anzug und meine Schuhe fehlen. Ich stecke in fettigen, zerrissenen Matrosenlumpen, und die Füße sind nackt. Mit einem Satz bin ich aus der Koje. „Schanghait ... zur See gepresst!", fährt es durch meinen Sinn; denn so viel weiß ich in meinem wahnsinnig schmerzenden Kopfe, dass ich nicht freiwillig hierherkam. — Unter mir hebt und senkt sich ein schmutziger Plankenboden, und noch tiefer dröhnt dumpfes, eintöniges Pochen. Eine Schraube!

Jetzt fallen mir der Reihe nach die Ereignisse der letzten Stunden ein. Die Gasse der fallenden Sterne, der dicke Asiate ... wie hat er doch gelacht, dass sein Leib wie ein Pudding zitterte! Schwede Swanson, der vergiftete Schnaps, alles kommt in mein Gedächtnis zurück. Und, oh, wie tut mein Kopf weh, und was für einen schauderhaften Geschmack habe ich im Munde! „Schanghait!", sage ich wieder und muss lachen über diese groteske Posse des Schicksals. Was würde man drüben im alten Europa sagen, wenn ich dieses Stück erzählte? Würden sie’s glauben, dass längst vergangene Zeiten zurückgekehrt sind? Jene Tage des Sally Brown, der, wenn die Schiffe knapp an Mannschaft waren, seine Handlanger mit Sandsäcken ausschickte, die jedem Unvorsichtigen, der sich nachts im Hafen herumtrieb, eins auf den Kopf gaben. Nachher erwachte er auf hohem Ozean, mit einer dreijährigen Reise vor sich. Pastoren, Studenten und alle möglichen Berufe hat der tüchtige Sally auf diese Art zu wackern Seeleuten gemacht. Und nun trat Swanson in seine Fußstapfen.

Brum-brum!, hämmert die Maschine unten.

DAS SCHIFF „ATHABASKA"

Ein erquickender Windhauch fegt herein und säubert notdürftig die Atmosphäre. Draußen ertönt das Schnalzen und Murmeln der See; einmal höre ich Kommandos und Schritte trampeln. Immer noch verwundert, will ich ins Freie gehen. Da poltert es, und in das strahlende Sonnendreieck auf den Planken schiebt sich eine Gestalt. Ein Mann, breitschultrig, volle sechs Fuß hoch, mit dichten, korngelben Brauen über grauen Augen. Ein prächtiger Kerl, wenn die entsetzliche Nase und der gemeine Gesichtsausdruck nicht wären! Die Natur hat ihr Bestes gewollt, als sie diesen Menschen erschuf, aber die Kraft ging ihr aus, und ein böser Dämon vollendete das Werk.

Er kommt näher, stützt die bloßen, mit blondem Flaum bedeckten Arme in die Hüften, betrachtet mich nachdenklich, ehe seine Stimme wie ein über Bohlen rumpelnder Lastwagen grollt: „Well, Söhnchen, schätze, dass du nun ausgeschlafen hast! Marsch an Deck, der Alte mustert die Mannschaft!"

Verwundert starre ich ihn an, und er fährt fort: „Hast du jemals Salzwasser geschmeckt, he? Gnade dir der Teufel, wenn du kein Seemann bist! Haben wahrhaftig genug anderes Gesindel an Bord. Raus, an Deck nun! Soll ich dich vielleicht erst in Grund und Boden segeln? Bin nämlich der erste Steuermann auf diesem gesegneten Wagen! Bezeichnend hebt er eine gewaltige Hand, und da entfahren mir die Worte: „Bin Seemann, Sir ... aber wie komme ich eigentlich an Bord hier? Die Hand senkt sich, und ein breites Lachen dröhnt: „Segne mich old Nick und seine hübsche Großmutter! Weißt wahrhaftig nicht, dass dich Swanson an Bord jonglierte? Bist auf dem Dampfer ,Athabaska‘. Raus nun mit dir oder ..." Er dreht auf dem Absatz herum und geht hinaus. Ich folge.

Neugierig schauen meine Augen umher. Ich sehe vor mir die kleine, in düsterem Gelb gehaltene Kommandobrücke, über die der Torso des steuernden Matrosen ragt. Es ist ein winziger Dampfer, die Planken sind mit Abfällen aller Art besudelt; die gelben Innenseiten der Reling zeigen überall schmutzige Handabdrücke. Alles macht einen total verwahrlosten Eindruck. Auf einem solchen Schiffe war ich noch nie, hätte auch schwerlich geglaubt, dass es so etwas gibt. Selbst die chinesischen Kulidampfer sind sauberer!

In der Runde wogt dunkelblaues, von Schaum gekröntes Wasser. Kurze, harte Wogen schmettern wie Hämmer gegen die Bordwände; salziger, beißender Gischt sprüht mir in die Augen. Im Westen türmen sich runde Wolken, darunter versank die kalifornische Küste! Alles ist schäumendes Wasser, überall! Blauer, weiß marmorierter Ozean, auf den die Sonne unruhige, golden flimmernde Kleckse malt.

Hinter dem Steuermann ersteige ich die rostige Treppe zum Mittelschiffaufbau, dann gehen wir durch den engen Backbordgang und halten zwischen Brücke und Schornstein. Da steht die Kombüse, und ein stoppelbärtiger, schmieriger Kerl mit dicken Säcken unter wässrigen Augen sitzt auf einer umgekehrten Holzpütze, schält mit einem riesigen Messer Kartoffeln und grinst mir dreist entgegen. Oben über die Brüstung vor der Kajüte lehnen drei Männer in blauen Anzügen und Schirmmützen. Unten drängen sich viele Gestalten, bei deren Anblick ich mich unwillkürlich frage: „Sind das Seeleute?"

Ein berußter Heizer mit nacktem Oberleib schaut einen Augenblick aus der am Schornstein in die Maschine führenden Tür, lacht schallend, wirft einen Zigarettenstummel über die Reling und taucht wieder nach unten. Ich betrachte die Männer um mich. Zwei sind darunter, die mir ganz gut gefallen, der Rest macht einen merkwürdigen Eindruck auf mich.

Mein Führer steigt die Treppe nach oben, sagt dann zu dem einen, aus dessen unheimlich blauem, aufgedunsenem Gesichte die schwarze Stummelpfeife ragt: „Das ist der Schanghaite, Kapitän O’Sullivan! — Ist ’n seebefahrener Bursche! Jener nimmt die Pfeife aus dem Mundwinkel und bellt heiser: „All right, Mr. Bull! Wollen die Leute nun auf Wachen einteilen. Verdamm’ mich Gott, was für eine Bande ist das wieder! Mr. Banks, gehen Sie nach oben und achten Sie darauf, dass der blutige Ochse richtig steuert. Macht er Schwierigkeiten, so geben Sie ihm eins aufs Maul!

Mr. Banks, ein junger, brutal aussehender Mensch mit breiten Schultern, greift an die Mütze und klettert die Treppe zum Steuer hinauf. Der Kapitän steckt die Pfeife wieder zwischen die Zähne, nickt mir zu und krächzt: „Well, Junge, Mr. Bull sagt, dass du Salzwasser kennst! Freut mich für dich, freut mich verdammt blutig für dich! Können dich gebrauchen, wirst es blutig gut an Bord haben, wenn du vernünftig bist! Und nun — Mann — wenn du was zu sagen hast, so lass die Kette rasseln, spuck es raus, Mann!"

Ich öffne den Mund: „Man hat mich schanghait, wie Sie wohl am besten wissen, Sir! Und bin rein ausgeplündert, Sir, habe nichts mit! Auch wollte ich auf einen Segler! Mit allem schuldigen Respekt Ihnen gegenüber, Skipper ... es gefällt mir nicht an Bord bei euch. Scheint ’n merkwürdiges Fahrzeug zu sein, Sir. Kalkuliere wohl, dass Sie mich im nächsten Hafen abmustern, sonst müsste ich Anzeige erstatten, Sir!"

Mr. Bull grinst, die mich Umstehenden machen leise Bemerkungen, und der Kapitän lacht mit einer Stimme, die sich wie die Explosion eines alten, sich hügelauf quälenden Fordwagens anhört: „Anzeigen, mein Junge — haha! Will sorgen, dass dir die Gelegenheit dazu ausgeht. Werde dich schon zwingen, auf See anzumustern. Bist Matrose und weißt genau, dass dies gestattet ist! Und hier auf diesem netten, blutigen Trog bin ich Kapitän; Landrattengesetze gelten hier nicht, sollen verdammt sein und zu Grase gehen! Kleider hast du keine, he? Well, ich bin kein Trödler, und vorerst fahren wir in ’ne warme Gegend. Magst die Sache später mal, wenn du wieder nach Frisco kommst, mit old Swanson austragen; kannst ihm ja deinen blutigen Kneif in die Rippen setzen, haha! Und die andern verdammten Galgenhölzer, die dich da grinsend umstehen, mögen dir einstweilen aushelfen. Sie sind regelrecht vor dem Amt gemustert und haben ihre Lumpen mit; aber nun will ich doch verdammt sein und zur Hölle segeln — habe gute Lust, dir meine Faust in die eckige Fratze zu setzen! Unverschämter Patron, langbeiniger Seeadvokat, der du bist — hast mich zu ’ner blutig langen Rede gezwungen!"

Das alles bellt er heiser heraus, und ich — schweige. Denn ich bin nicht zum ersten Male auf solch einem Kasten, der zur Klasse der „Höllenschiffe" gehört. Schweigen und Order parieren ist da immer das Beste, denn auf See ist der Kapitän wirklich Herr und König!

Die andern verziehen die blassen Gesichter zu belustigtem Grinsen, nur ein riesengroßer, blonder Mann nickt mir ermunternd zu.

Jetzt sucht sich der Kapitän einen anderen aus, fragt: „Na, und du Seeferkel, was bist denn du? Sagtest zwar bei der Anmusterung, du wärest Matrose; aber mich soll doch gleich ein Tigerhai fressen, wenn du nicht wie ein blutiger, liebeskranker Schulmeister aussiehst!"

Verschüchtert kommt die Antwort: „Ich bin Kellner! Von der Brücke hallt es herab: „Sir! hast du zu sagen, wenn du mit mir sprichst, Kerl! Grimmig lachen die Offiziere, dann ruft Bull: „Marsch, lauf zum Koch, sollst Stewarddienst tun!"

Stumm geht der Mann zum Koch, der ihn kichernd in die Kombüse zieht. Nun fällt der Blick des Schiffsgewaltigen auf einen sommersprossigen Jüngling, der offenen Mundes um sich starrt. „Was bist du gewesen, ehe du aus dem Kittchen kamst, Kanonensohn?, krächzt er. Der Junge klappt die Hacken zusammen, legt die Hand an die fettige Mütze und winselt: „Ich wi...wi...will gerne den Ma...ma...matrosen tun, Sir, aber das Wa...wasser hat keine Ba...balken, wie die Ta...tante daheim sagte, Sir!

„Ein Taifun soll dir in die schlaksigen Glieder fahren, Bengel! Tante — Korkweste! Und stottert der verdammte Patron noch wie ein angesengtes Wickelkind! Was dein Beruf an Land war, will ich wissen, Robbenschnauze!"

Langsam ertönt die Antwort: „Ich bin Ho...ho...hotdogman Ka...Kapitän, Sir!" Mit beiden Händen schlägt dieser auf das Teakholzgeländer, beißt wütend auf seinem Pfeifenstiel herum, während Bull wie ein Toller lacht, als er hörte, dass der Junge Hotdogman — Verkäufer heißer Würstchen — gewesen ist.

„Mr. Bull, der Kerl soll auf Ihre Wache. Und Sie, Carlesohn, nehmen den Schanghaiten!, knurrt der Kapitän und fährt fort: „Mein Lebtag will ich Wasser saufen, wenn ihr andern nicht Schuster, mexikanische Generale und entlassene Taschendiebe seid!

Wütend stiert er die Leute an und prüft weiter. Es stellt sich zu meinem großen Erstaunen heraus, dass sich zwei Cowboys, ein Farmer, ein früherer Brauer und eine Anzahl Tramps, die aus den Hopfenfeldern von Oregon kamen, unter dem Haufen befinden. Richtige Seeleute gibt es nur wenige, darunter der blonde Gigant, der mir vorhin zunickte. Ich wundere mich immer mehr. Was für ein Schiff ist das nur? Drüben in Frisco liegen Matrosen in den Straßen herum, weil sie keine Chance finden, und hier wurde eine ganze Gesellschaft Landratten gemustert!

Die Wacheinteilung geht vor sich. Auf einmal dröhnt Bulls Stimme in meine Gedankengänge: „All right, meine Zuckermäuler! Die Backbordwache zur Koje, die meine bleibt an Deck. Und lasst euch sagen, meine feinen Lieblinge, aufmucken gibt es hier an Bord nicht, sonst erlebt ihr euer blaues Wunder! Haltet hübsch die Ohren steif und die Hauptlichter auf — will sagen, eure blöden Augen — und in ’ner Zeit, die ’n Seehund braucht, um dreimal mit der Fluke zu schwabben, seid ihr so etwas wie halbe Matrosen geworden! Gnade euch aber Gott, wenn ihr Geschichten macht! Er wendet sich an den Kapitän, der eben im Begriff steht, die Treppe zu ersteigen, und brummt hörbar: „Meinen Sie, Skipper, dass ein Tropfen ...?

Jener nickt, ruft dem Koch zu: „He, Doktor, schüttle deine faulen Ständer und fisch ein paar Buddeln aus dem Spind!"

Nun geht er nach oben.

RUM

Carlesohn, der zweite Steuermann, verschwindet ebenfalls, und Bull überwacht den Koch, der eine klirrende Last anschleppt. Es sind schwarze Rumflaschen, wie sie von Jamaika kommen. Und schmunzelnd, vor Überraschung leise fluchend, nimmt jeder der Deckwache einen gehörigen Schluck. Wir andern, die wir frei sind, bekommen zwei Flaschen mit. Der Koch, dem ich am nächsten stehe, drückt sie mir in die Hände, und wir marschieren nach vorne.

Gesichter glänzen freudig, und einer der Männer sagt halblaut: „Bei Gott, ein gutes Schiff und verdammt vernünftige Offiziere! Wäre schon früher zur See gegangen, hätte ich das gewusst! Unter ähnlichen Ausrufen gehen wir nach vorn, während die Donnerstimme Bulls hallt: „Deck- aufklaren!

Hinten am Heck, wo die Heizer wohnen, singt jemand. Neben mir schreitet der große Blonde, will mir anscheinend etwas sagen, stößt mich aber nur mit dem Ellbogen bedeutungsvoll an. Die anderen umdrängen mich; ihre glitzernden Augen saugen sich an den Rumflaschen fest. Jetzt sind wir in der Focksel, und ich stelle meine Bürde auf den Tisch. Jubelnd fallen die Männer darüber her; krank und elend schleiche ich hinaus. Da stehe ich an der Reling und schaue über das purpurne Meer, in dem eben der sterbende Tag ertrank. Mit einmal ist der Blonde an meiner Seite, sagt mit skandinavischer Betonung freimütig: „Wir wollen zusammenhalten! Ich heiße Einar Jensen!"

Stumm drücke ich seine Hand, und dann macht sich mein lange zurückgehaltenes Staunen Luft: „Steht denn die Welt der Schiffe Kopf? Warum hat man alle die Landratten gemustert und gibt uns Rum? So etwas erlebte ich

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