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Blumenhölle am Jacinto

Blumenhölle am Jacinto

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Blumenhölle am Jacinto

Länge:
299 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
Aug 4, 2019
ISBN:
9781386458944
Format:
Buch

Beschreibung

Blumenhölle am Jacinto

Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 270 Taschenbuchseiten.

Vom Kautschuksucher zum Orchideenjäger – eine seltsame Karriere, aber durchaus reizvoll. Das erkennt Ernesto, als er von zwei Leuten angeheuert wird. Doch auch die Suche nach seltenen Orchideenarten ist nicht ungefährlich. Krokodile, Zecken, tödliche Ameisen, Schlangen – und nicht zuletzt Indios mit todbringenden Blasrohrpfeilen machen das Leben am Amazonas und seinen Nebenflüssen zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wenn dann noch illegal arbeitende Gummpiraten dazu kommen, wird der Preis für ein paar Blumen erschreckend hoch.

Freigegeben:
Aug 4, 2019
ISBN:
9781386458944
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Blumenhölle am Jacinto

Buchvorschau

Blumenhölle am Jacinto - Ernst F. Löhndorff

Blumenhölle am Jacinto

Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 270 Taschenbuchseiten.

Vom Kautschuksucher zum Orchideenjäger – eine seltsame Karriere, aber durchaus reizvoll. Das erkennt Ernesto, als er von zwei Leuten angeheuert wird. Doch auch die Suche nach seltenen Orchideenarten ist nicht ungefährlich. Krokodile, Zecken, tödliche Ameisen, Schlangen – und nicht zuletzt Indios mit todbringenden Blasrohrpfeilen machen das Leben am Amazonas und seinen Nebenflüssen zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wenn dann noch illegal arbeitende Gummpiraten dazu kommen, wird der Preis für ein paar Blumen erschreckend hoch.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

La Ballenha

Betrieb bei Aasgeier Santiago!

Dünn, als ob entfernter Regen auf Wellblechdächer rieselt, summt eine Gitarre. Laut rauschen die Stimmen trinkender Männer durch den hölzernen Barraum. Merkwürdig schrill und plötzlich in weiches, girrendes Lachen zerschmelzend, wiegt sich auf dem Chaos die oft unterbrochene Unterhaltung der Señoritas.

Pepita! Ihre berückend schönen Finger mit den glänzenden Nagelhalbmonden schlagen die schwirrenden Saiten. Tiefrot hat sie die Lippen heute geschminkt, und nun gleicht ihr Mund der Hibiskusblüte, wenn sie voll geöffnet am Stängel glüht.

Zigarettenqualm, starker Fuseldunst, billiges Parfüm und stäubender Puder vermischen sich mit den mannigfachen Ausdünstungen malerisch zerlumpter, brigantenhaft unrasierter Urwaldmenschen und bilden ein Wolkenmeer über unseren erhitzten Köpfen. Der seltsame, strenge Duft brandet in meine Nüstern und wühlt die Seele zu stummen Melodien auf, die in wilder, primitiver Sehnsucht verklingen.

Als Leitmotiv, kaum vernehmbar, plötzlich scharf und grell beherrschend, ununterbrochen, nie versiegend, zittert das Klirren gespülter und auf den Tisch gestülpter Becher durch Santiagos Pfahlbauhaus.

Der einäugige Sambo Benito übt dies Geschäft mit eintöniger Regelmäßigkeit aus. Sein großer, gelb gesprenkelter Augapfel wacht mit gläserner Starrheit über den Gästen.

Santiago, mit dem einem satt gefressenen Königsgeier täuschend ähnlichen Profil, hockt im gewohnten Winkel, wo das mottenlöchrige Jaguarfell von der verschimmelten Wand baumelt. Tot für die übrige Welt, stiert er vor sich hin; seine gekrümmte Hand hält den Blechbecher voll scharfem, brasilianischem Zuckerrohrschnaps.

Am wackelnden Ecktisch lehnt ein glorreich bezechter Gummisucher, der den Ertrag von sechs Monaten fiebertoller Arbeit in den dampfenden Urwäldern des Rio Xingu nun während einer einzigen, ebenso tollen Nacht hier verjubelt. Und sein Handwerk trägt – das weiß ich aus bitterer Erfahrung genau – das grause Antlitz eines phantastischen Nachtmahrs.

Hinter dem fidelen, Kautschuk suchenden Freibeuter des Sertão sitzt gleich einer turmartigen Masse vor der von Likör besudelten Holzplatte die kuppelnde Ehehälfte Santiagos, genannt La Ballenha, der Walfisch.

Eine Frau mit schmalem, fein geformtem Nofretetekopf, dem die eigensinnige Laune der Natur einen tonnendicken, walfischähnlichen Rumpf als Krönung verlieh! Eine Frau, deren Herz härter als Flint- und Kieselstein ist. Und gleicht ihr Gemüt nicht Eis?

Denn noch nie, seit sie das regierende Zepter über dem alten, geiernasigen Santiago und seinen Gästen schwingt, hat sie letzteren, die doch ihren Verdienst von Monaten und Jahren in ebenso viel Stunden auf den verbeulten, nassen Schanktisch schleudern, auch nur eine einzige Kupfermünze Kredit gewährt.

Siebenhundert Milreis besaßen Pedro Almeira und ich! Der Juwelier zu Rio gab sie uns für einen grünen Stein, den zu ergattern wir vier Indianer da hinten in den schweigenden Urwäldern umbrachten. Dem fünften, einem alten, mit Schlangenbälgen und bunten Federn behängten Medizinmann, der uns seine Stammesbrüder erst auf den Hals hetzte, versetzte der cholerische Pedro einen gewaltigen Kolbenhieb auf den kahlen Schädel, so dass er in das tiefe Bayou hinter den Strohhütten des Dorfes der kleinen, braunen Blasrohrmänner plumpste. Seine eigenen, geheiligten Krokodile nahmen ihn in Empfang und zogen ihn hinab unter die gigantischen Blätter der Victoria regia, die dort gleich Tortenblechen aus einer Riesenküche auf dem dunklen Wasser schaukeln.

Finsteren Mord – denn das ist die sogenannte Notwehr, wenn sie der Gier nach Reichtum entspringt —, salzigen Schweiß und unsagbare Strapazen kostete dieser große grüne Stein, den wir für einen Smaragd hielten. Weshalb wir ihn den roten Männern, die ihn anbeteten, wegnahmen! Und da sie sich’s nicht gutwillig gefallen ließen, brauchten wir eine verdammt fadenscheinige Notwehr; ihnen hat dieser Widerstand gegen die höhere Intelligenz und Kultur des weißen Mannes – einer von uns ist übrigens so braun wie Schokolade, hihi – fünf Krieger gekostet. Der Rest flüchtete in die Büsche, die rauschend hinter ihnen zusammenschlugen. Der Urwald hüllte sich in brütendes, drohendes Schweigen. Wir aber besaßen den Stein. Den herrlichen Smaragd!

Jener Juwelier in Rio de Janeiro bewies uns jedoch mit wortreicher Logik, dass es sich nur um eine ungewöhnlich große, schöne Jaspisplatte handelte. Weil er sie an Liebhaber zu verkaufen gedachte, zahlte er Pedro und mir siebenhundert Milreis dafür.

„Diablo! Ein Museumsstück!", hat der geschmeidige, stehkragentragende Señor zu uns zerlumpten, nach Urwald und Sumpf riechenden Männern gesagt. Langsam und theatralisch zögernd legte er die Geldscheine auf den Tisch.

Ihr Siebenhundert! Wo seid ihr?

Santa Maria y Jesus! Ein kleiner Teil ging natürlich drauf für die Dampferfahrt zurück nach Remate de Males. Den Rest bekamen die Señoritas der Ballenha. Als wir aus den Kanus die Plattform des Hauses erkletterten, sandten sie uns ihre erprobten Blicke zu, die sich wie glühende Angelhaken in die Instinkte unkomplizierter, an Stromdschungeln und monatelanges Urmenschentum gewöhnter Männer hineinbohren. Und dabei können sie schlucken wie halb verdurstete irische Vollmatrosen, jene zarten Señoritas!

Unwiderstehlich tönt unseren Ohren, die nur an die machtvoll brausende Symphonie der Urwaldtiere gewöhnt sind, jenes trügerische Sirenenlied, mit dem man uns die schmierigen Milreisscheine gleich bündelweise aus den Taschen lockt.

Wer kann da widerstehen, wenn die Pepita ihren Hibiskusblütenmund öffnet und kindlich lächelnd um den Betrag für einen neuen Seidenrebozo bettelt? Eine ganze Kanuladung Gummi will ich wetten, dass jeder Mann, der ein halbes Jahr in der Dschungel hauste, nur mit ihren Geschöpfen in Berührung kam und gleichzeitig ein Leben führte wie eine Kreuzung zwischen Affe und Tapir – bald in den Bäumen, bald halstief im Sumpf –, in Anbetung zerschmilzt, wenn Pepita ihm nur ein einziges Mal mit ihren wundervollen Fingern das raue Kinn streichelt. Dabei ist sie doch nur ein Freudenmädchen aus Pernambuco, bei Aasgeier Santiago auf Prozente und das, was ihre schlangenkluge Koketterie einträgt, angestellt.

Pah!, das ist uns bekannt. Wir wissen auch, dass ihre Schwüre und Liebesgesten schamlose Lügen sind, um uns freigebig zu machen. Aber wenn wir ausgehungert und halb ausgebrannt aus der Wildnis taumeln, so können wir doch nicht die erstbeste Frau, die auf der Straße unseren Kurs kreuzt, unter den Arm stecken! Es ist eigentlich teuflisch schade, dass man das nicht darf, und ich meine, die alten Römer hatten mit den Sabinerinnen ’ne wahrhaft glorreiche Zeit! Was bleibt uns also übrig, als zu Santiago zu gehen, und den Señoritas unser schwer verdientes Geld in die willig geöffneten Finger zu stecken ?

Und ist’s auch Theater, was sie uns dafür geben, so spielen sie doch ihre Rolle hervorragend gut, und das bleibt schließlich die Hauptsache für einen Mann, der morgen wieder in den Urwald zurückkriecht und dort vielleicht das gewaltsame Ende findet, das ihm auf Schritt und Tritt droht.

Pedros Anteil von den Siebenhundert wechselte den Besitzer innerhalb vierundzwanzig Stunden. Der meine – val game Dios! – brauchte vielleicht die doppelte Zeit, bis Pepita alles hatte. Schließlich erhielt der Trödler und Bürgermeister Dom Xaime noch meine zwei geliebten Revolver. Der Erlös davon wanderte prompt in die Krokodillederhandtasche einer mir begegnenden, spazieren rudernden Tochter der Freude, deren Augenfeuerwerk ich nicht standhalten konnte, als ich gerade mein Kanu zurück zu Santiago paddelte. Hätte jene – glichen ihre Augen doch nachtschwarzen Teichen, worin Sterne versunken waren! – nicht meiner ersten Liebe in Mexiko geähnelt, dann würde sicher Pepita mit dem Blumenmund auch dieses Geld bekommen haben.

Freund Pedro war den Morgen vorher in das auf vier Pfählen im Sumpf stehende, Kalabus genannte Gefängnis gesteckt worden. Wie nämlich seine Milreis zu Ende gingen, bekam er das heulende Elend, und in diesem Zustande verprügelte er einen schäbig aussehenden Kerl, der sich dann aber als Advokat und Schwiegersohn des Bürgermeisters entpuppte.

Ich plante bereits, zu Pablo Reyes oder zum alten Joaquim zu paddeln. Beide sind Händler, die das Wagnis übernehmen, die sogenannten „wilden Gummisucher" mit Kanu und Proviant auszurüsten, damit sie wieder in den Urwald zurückkehren können. Gar nicht selten machen ihnen dann jene kleinen Indios des Amazonas, die lautlos vergiftete Pfeile aus zwei Meter langen Blasrohren schießen, ein ebenso giftiges Reptil oder sonst ein Zufall den Abschlussstrich unter die Rechnung. Das Kapital geht dann in die Binsen, oder besser gesagt, vor die Gifte.

Häufig genug jedoch kehren solche auf Kredit Ausgerüsteten mit ’ner sündhaften Menge Kautschuk zurück, und der Händler macht sich ungefähr zehnfach bezahlt. Deshalb kann er es sich leisten, dass, wie man zu sagen pflegt, manchen seiner Schuldner der Teufel oder „Urumuha", das Urwaldgespenst, holt.

Beim alten Joaquim, dem ehrlichsten dieser Landhaifische, beabsichtigte ich vorzusprechen, um mich ausrüsten zu lassen. Naturgummi ist noch immer gesucht; denn, frage ich, warum legt man immer noch große Plantagen an, und warum blüht immer noch das traurige Geschäft der wilden Gummisucher, die oft ganze Wälder vernichten ?

Erst ruderte ich aber nochmals zu Santiagos Platz hinüber, um denen dort zu zeigen, dass ich keinen Rei mehr in der Tasche hatte und mir im Übrigen wenig draus mache, dass sie sie mir kunstgerecht ausgeleert hatten. Das war gestern, und nun ist heute, und Pedro sitzt im Kalabus.

Es war gestern, als sich zwischen Ballenha und mir durch den herrschenden Lärm im Schankraum hin folgendes Gespräch entspann.

„Señor sind lustig! Sie haben Ihr Geld mit Anstand verloren und keine Rauferei angefangen, wie jener Abschaum dort!" Ihr fetter, beringter Finger wies verächtlich auf die trinkenden, braungelben Brasilianer, die gerade einen Höllenaufruhr verursachten.

Ich musste lachen. „O Señora, Geld soll seinen Besitzer wechseln, dazu ist es da. Übrigens sind die Banknoten in diesem schönen Lande so unappetitlich schmutzig, dass es mich wie eine Erleichterung befällt, wenn ich die letzte ausgebe! Die Wälder dort hinten zwischen den Zuflüssen des großen Stromes sind allein rein! Ah, Señora, wie ich jene verfluchte, gesegnete Dschungel liebe und die blöde, sich selbst überholende Zivilisation hasse!"

Ihr schöner Kopf beugte sich über den Tisch, und lakonisch kamen die Fragen: „Gummisucher? Pleite?"

Ich nickte: „Si, Señora, und meine beiden schönen Revolver hat nun der alte, wuchernde Satan und Bürgermeister in Person, Dom Xaime Torres."

Mit dem Finger drohend meinte die Frau: „Sie hängen an jenen Waffen?"

Die Hand aufs Herz legend, entgegnete ich: „Señora! Wenn es nicht eine Gotteslästerung oder zumindest eine Beleidigung Ihres Geschlechtes wäre, so müsste ich antworten: Ein schönes Pferd und eine gut eingeschossene Pistole sind für mich das Himmelreich!"

Ihre Augen blitzten lustig. „Lala! Und hat man nicht dreihundert Milreis für seidene Rebozos, Pariser Schuhe und Rubinohrringe wegen einer gewissen Pepita ausgegeben ? He, hat man das? Und wer lag vor Pepitas Füßen, als sie neulich in der Hängematte hinten auf der Veranda saß und La Paloma sang?"

Verblüfft rief ich: „Señora haben Augen wie eine Spinne – milles perdones! Wollte sagen, wie eine Biene. Nämlich etliche Millionen, die alles sehen! – Pepita? Dios, ihr Mund gefällt mir. Auch die Hände! Das ganze Leben besteht ja eigentlich aus Erinnerungen. Und wieso, fragen Sie? Hören Sie, Señora mia! In der Südsee sah ich an einem Wasserfall rote Blüten von den wie Fackeln leuchtenden Flamboyantbäumen flattern. Und manchmal sank eine solche Blüte in den weißen, weit offenen, gewaltigen Kelch einer anderen Blume, die an den schwärzlichen Felsen rankte. Die roten Lippen Pepitas in ihrem weißen Gesicht erinnerten mich an dies Bild von einst. Deshalb kaufte ich Rebozos und Schuhe für Pepita. Ai, Señora, und als ich auf den amerikanischen Schonern fuhr, die den Seelöwen um seines kostbaren Felles Willen von den Pribylowinseln im kalten Beringmeer bis an die liebliche Bai von Jeddo im Lande der aufgehenden Sonne verfolgen – Orte, von denen Sie sicher nie gehört haben –, da legten wir oft dort in Japan an.

Dios mio, Señora, glauben Sie mir, die zierlichen puppenhaften Yoshiwaramädchen von Nippon sind schön wie Schmetterlinge! Es war da eine, Mio-San wurde sie genannt, sie verdiente sich nach üblichem Brauch ihr Auskommen in dem Hause, das die Ampel des Mondes hieß und von uns Matrosen, an deren Händen das Blut unzähliger Seals klebte, viel besucht wurde. Weil wir es liebten, dass zarte Frauenhände uns streichelten! Mio-San hatte Finger, Señora, wissen Sie, lange, schmale, spitze Finger mit Nägeln gleich glänzenden Kolibrikehlen. Und sie konnten streicheln!

Señora, ich denke oft an Mio-San, die ihre Aussteuer im Hause, das die Ampel des Mondes hieß, verdienen wollte, aber vorher an einer schlimmen Krankheit, die wir Matrosen von den breithüftigen Eskimowaihinis der Beaufortsee mitgebracht hatten, zugrunde ging. Deshalb bekam Pepita meine Milreis!"

Die Frau hörte voll Staunen meine Rede an. Jetzt meinte sie: „Sie kamen weit herum. Und nun sind Sie Gummijäger. Ai Virgen! Welch ein Leben!"

Jemand schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser klirrten. An der Tür hielten zwei Mestizen sich umfangen und heulten wehmütig.

„Adios, adios, el ultimo adios! Adios, coqueta, mi amor!"

Pepita ließ die Saiten machtvoll ertönen und betrachtete mich mit sphinxartigem Ausdruck.

La Ballenha begann wieder: „Bleiben Sie noch einige Zeit bei uns wohnen, Señor!"

„Kein Geld mehr!, rief ich kopfschüttelnd, und sie lächelte. „Lassen Sie sich das nicht anfechten. Später können Sie es ja bezahlen!

Meine Verwunderung bemerkend, erklärte sie: „Es ist nicht um Ihrer schönen Augen Willen, Señor – übrigens merkwürdige, stets wechselnde Farben haben Ihre Pupillen –, sondern wegen Ihrer Erzählung. Sie scheinen viel herumgekommen zu sein und Mut zu besitzen. Zwei alte Kunden baten mich, gelegentlich einen solchen Mann zu finden!"

Wieder war das Staunen an mir. „Wer sind jene?"

Die Frau entgegnete: „Die Señores Henderson und Willis. Orchideenjäger!"

Dunkel erinnerte ich mich, einmal etwas über den sonderbaren und seltsamen Beruf der „Blumenjagd" vernommen zu haben, und nickte mechanisch. La Ballenha wartete nicht auf die Antwort, sondern beugte sich näher.

„Womit vergleichen Sie mein Gesicht? Mit welcher Blume? Voll Unmut sah sie an ihrem unförmigen Leibe herab, auf den dieser schöne, fein modellierte Kopf verbannt war, und drängte mit Tränen in den Augen: „Nun, wird’s bald?

Caracho!, hätte ich beinah geflucht. Tränen in den Augen der Ballenha, die für die kaltblütigste Kuppelmutter am Amazonas gilt?

Der Wahrheit gemäß entgegnete ich: „Señora, Ihr Gesicht gleicht einem alten, wundervoll zarten Intaglio, wie es vielleicht der große Leonardo verfertigt haben könnte."

„Schmeichler!", lächelte sie. Dann erhob sie sich, und noch nie war mir die Tatsache so stark bewusst, wie sehr sie ihren Namen La Ballenha, der Walfisch, verdiente als jetzt, wo sie schwerfälligen Ganges hinter die Theke schlingerte.

Tobend prallte der Lärm der Zechenden gegen mein Trommelfell. Drei Tische weiter saß Pepita und baumelte mit den Beinen, deren Füße in Schuhen steckten, für die ich eine ganze Handvoll Milreis bezahlt hatte. Noch immer sah sie mich mit den scheinbar leeren und doch so unendlich viel erzählenden Augen der Sphinx an.

Wieder drehte ich mich um. Dort war die Theke. Neben dem einäugigen, gläserspülenden Benito stand La Ballenha. Nur ihr Kopf ragte über den hohen Tisch. Welch herrliches Profil!, sagte ich mir. Sie sah herüber. Es war, als ob ihre Augen mir durch den Qualm der Zigaretten, durch das Grölen der Urwaldleute zuriefen: „Ei Gummisucher, Abenteurer! Du weiltest in seltsamen Gegenden und scheinst das Seltsame zu lieben!"

Ich schaute wie gebannt hin, und meine Hand kam mit einem Glas in Berührung. Es war halbvoll. Und Cachassa drin! Gleich Feuer brannte das Gesöff in meiner Kehle, aber jene Augen, die mich halb anzogen und halb abstießen, wusch das scharfe Getränk nicht weg!

Schräg da hinten saß Pepita. Plötzlich schlugen ihre Finger volle dröhnende Akkorde.

War das nicht Mio-San?

Wieder schaute ich zur Ballenha. Verflucht, wie mir das alles bekannt vorkam! Ganz verschwommen, aber doch deutlich genug, um mir zu sagen, dass ich die gleiche Situation in den Abenteuern meines Lebens schon oft erlebt hatte. La Ballenha, Pepita, Mio-San und wie sie alle heißen, waren und sind eigentlich doch dasselbe. Alle! Alle!

Und nun sollte ich Blumenjäger werden! Durch die Hilfe jener Frau mit dem Kopfe der Kamee. Plötzlich nickte ich gequält.

Ihr Blick ließ mich jetzt los, ein Lächeln umspielte die Lippen, und mich packte sekundenlanges Grauen, als sie hinter der Theke hervor ins Nebenzimmer ging.

Am späten Abend suchte ich mein gewohntes Zimmer auf, wo zwischen vier kahlen Bambuswänden die Hängematte baumelte, aber ich kam nicht dazu mich hineinzuschwingen. Verworren hörte ich durch die Zwischenwand den Lärm der Trinker. Unter dem Fußboden gurgelte der Strom, als La Ballenha durch die Tür eintrat. Ich zwang mich dazu, nur ihr Gesicht zu sehen, und mit einmal flimmerte dieses unleugbar schöne Antlitz ganz dicht vor mir. Ihre Pupillen wurden riesengroß, und die Stimme war goldene Musik.

„Seltsames sahst du in dieser Welt! Was ist seltsamer als Liebe? Sprich, Muchacho!" Ihre Lippen lagen plötzlich auf den meinen, und halb von Sinnen erwiderte ich ihre wahnsinnigen Küsse. Es verstrich eine lange Minute, dann machte sie sich los und winkte mir zu folgen.

Ein Korridor. Dahinter ein Zimmer, typisch auf südamerikanische Art mit paradeartig aufgestellten Schaukelstühlen möbliert. Aasgeier Santiago saß in der Ecke, die Kalebasse mit Schnaps in der Hand. Er schaute auf, betrachtete mich erschöpft und ließ den Kopf wieder sinken. Jetzt traten wir in ein anderes Zimmer. Und hier waren wir allein. Mein Blick klammerte sich an das Gesicht, das schöne, zarte; nur nichts anderes sehen, nichts Hässliches! – und die Nacht kam, verstrich wie ein schwermütiger, traurig-süßer Traum.

Das war gestern, und nun ist wieder heute!

Tag! Rauch und Qualm! Fuselgestank, schrilles Gelächter. Draußen sengende Sonne. Ich sitze im Schankraum, denn ich warte auf Henderson und Willis. Die Welt der Töne, die mich umwogt, raue, prahlende Worte der Gummisucher, grelles Kichern der Mädchen und Klirren der Gläser – das alles erregt mich und ruft jene ganze blitzende Skala unsagbar trauriger und unerfüllbarer Sehnsucht in mir wach, wie nur der ruhelose, ewig wandernde Abenteurer sie kennt.

Denn die Männer, die augenblicklich den teuflischen Schnaps beinah kübelweise hinuntergießen, haben den Geruch der Urwälder in ihren Kleidern, und die prächtigen Bilder der Wildnis durchschimmern ihre Unterhaltung. Bilder jener köstlichen Wildnis, die mich schon besaß und immer wieder ruft. Wie ein förmlicher Schrei durchtobt ein Verlangen mein Inneres.

Wie stumpfsinnig doch eigentlich diese Mädel dahocken. Pepita auch! Aber dein Mund ist ja wie jene rote, feucht glänzende Blüte, die der Monsun auf die weiß umhüllte Schulter der Balinesin wehte! Deine Hände gleichen jenen der schmalen safrangelben Tochter Nippons in dem traurigen Bambuskäfig, der den lieblichen Namen „Ampel des Mondes" führte!

Blauer Qualm umwogt mich. Gläser rasseln, und Benitos gesundes Auge schraubt sich stechend durch den Raum. Maskenhaft grinst Blatternarben-Jesus, der größte Taugenichts dieser verrückten Urwaldsiedlung.

Cachassa her! Brrr, das brennt! Grölend

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