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DIE LETZTE FIREWALL: SciFi-Thriller
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eBook458 Seiten5 Stunden

DIE LETZTE FIREWALL: SciFi-Thriller

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Über dieses E-Book

"Ein erstaunlicher Ausblick in eine plausible Zukunft." [Brad Feld, Geschäftsführer der Foundry Group]

Inhalt:

Im Jahr 2035 sind Roboter, Künstliche Intelligenzen und Neuralimplantate zu einer Selbstverständlichkeit geworden.
Das Institut für Angewandte Ethik sorgt durch ein soziales Reputationssystem für Ausgleich, um sicherzustellen, dass Menschen und Roboter nicht der Gesellschaft oder sich gegenseitig Schaden zufügen. Doch eine mächtige KI namens Adam hat eine Methode entwickelt, diese Beschränkungen zu umgehen.
Die neunzehnjährige Catherine Matthews hat eine einzigartige Fähigkeit: Sie kann das globale Netz mit ihrem Neuralimplantat manipulieren. Unvermittelt aus ihrem normalen Alltagsleben gerissen muss sie zur letzten Firewall zwischen Adam und seinen Plänen zur Weltherrschaft werden.

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"Eine ebenso hellsichtige wie eindringliche Geschichte über das, was aus der Menschheit werden könnte und über die Maschinen, die sie erschaffen könnte." [Ben Huh, CEO von Cheezburger]

"Ein echter Lesespaß und eine verblüffende Studie über die Technologien der Zukunft: schockierend und einladend zugleich." [Harper Reed, früherer CTO von Obama for America und Threadless]

"Ein faszinierender und hellsichtiger Blick auf unsere Welt und wie sie aussehen könnte, wenn die Computer intelligenter als die Menschen werden. Sehr zu empfehlen." [Mat Ellis, Gründer und CEO von Cloudability]

"Ein phänomenaler Ritt durch eine Welt des Überflusses, in der Menschen zum Spielball einer abtrünnigen KI werden. Wenn sie ihren Geist erweitern wollen, müssen sie dieses Buch lesen!" [Gene Kim, Autor von The Phoenix Project: A Novel About IT, DevOps und Helping Your Business Win]
SpracheDeutsch
HerausgeberLuzifer-Verlag
Erscheinungsdatum30. Apr. 2018
ISBN9783958353121
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    Buchvorschau

    DIE LETZTE FIREWALL - William Hertling

    Haus.

    Kapitel 5


    Beim Treffen der Abteilungsleiter nahm Leon seinen Platz ein. Sobald Mike und er sich gesetzt hatten, füllten sich acht weitere Sitze mit Menschen und zwei mit Androiden, sodass sechs Plätze für die Visualisierungen von KIs frei blieben.

    »Vielen Dank für Ihr Kommen«, sagte Mike. Die Tagesordnung tauchte in dem gemeinsam von der Gruppe geteilten Netzaccount auf und schwebte über der Mitte des Tisches. »Wir haben jetzt vierzig Minuten Zeit für einen ›Runden Tisch‹ mit den Abteilungen. Ich weiß, dass Sonja uns etwas Wichtiges mitzuteilen hat. Ich beende die Runde dann mit den neuesten Infos bezüglich des Budgets.« Mike wandte sich nach links und machte eine einladende Geste zum ersten Redner.

    Vaiveahtoish, ein Androide oder menschenähnlicher Roboter, war Leiter der Abteilung für Naniten-Forschung. Sein bronzefarbenes Visier blitzte auf, als er in geschliffenem Englisch mit leicht ausländischem Akzent zu sprechen begann. »Wir haben damit begonnen, die Version 2.1 unserer Naniten-Richtlinien und Verhaltensregeln zu veröffentlichen.« Während der Android das Konzept vorstellte, zeigte er im Netz Schaubilder mit Änderungen und ihren Auswirkungen. Köpfe drehten sich, um die Daten anzusehen.

    Naniten, mikroskopisch kleine Roboter, waren seit einem Jahrzehnt ein Innovationsprojekt, das von sich ständig weiter entwickelnden Generationen der KIs fortgeführt wurde. Bis zum jetzigen Zeitpunkt war der Einsatz immer streng kontrolliert worden und sie waren nur wenigen, von KIs geführten Forschungslabors zugänglich. Es gab lediglich ein paar experimentelle Freisetzungen und eine einzige kommerzielle Anwendung. Wie die Technologie mussten auch die Verhaltensregeln ständig auf den neuesten Stand gebracht werden.

    Leon, der schon am Vortag mit Vaiveahtoish gesprochen hatte, wusste bereits, was sein Kollege zu sagen hatte und sah sich an dem ovalen Tisch um, der ein notwendiger Kompromiss zwischen dem runden Gleichheitsprinzip und dem verfügbaren Platz war. Das Institut war innerhalb von zehn Jahren von zwei auf acht Abteilungen gewachsen.

    Leon erinnerte sich an den Tag zurück, als er vor mittlerweile zehn Jahren das Institut zum ersten Mal betreten hatte. Er war neunzehn gewesen und hatte seinen ersten Anzug getragen.

    Beschwingt war er über freiliegende Kabel und Bauschutt hinweg geklettert. Zu seiner Linken zogen zwei Frauen mit Schutzhelmen und gelben Westen ein dickes Kabel durch ein neues Loch in der Wand. Vor ihm stand ein Mann auf der vorletzten Stufe einer sehr hohen Leiter und verlegte orangefarbene CAT-10 Glasfaserkabel an der Decke.

    »Bitte, hier entlang«, sagte eine Frau, die ein graues Kostüm und eine verspiegelte Sonnenbrille trug. Sie hatte eine harte Stimme und ihr Jackett beulte sich über der linken Hüfte.

    Leon folgte ihr. Noch vor ein paar Monaten hatte er sich vor den Agenten des Secret Service gefürchtet. Jetzt starrte er ihr nur noch auf den Hintern.

    »Konzentrier dich, Junge. Konzentrier dich«, sagte Mike leise zu ihm.

    Leon zwinkerte dem älteren Mann zu und beobachtete stattdessen die Bewegung ihres Haares.

    Als sie den Korridor hinuntergingen, wurde der Baulärm leiser. Die Agentin führte sie durch eine Tür. Dahinter befand sich ein noch nicht renovierter Konferenzraum: kühle Marmorwände, eine altmodische Wandtafel und keine Fenster. Leon ließ seine Finger neugierig über die alte Tafel gleiten. Danach waren sie weiß. Er wischte die Finger an der neuen, schwarzen Anzugjacke ab und bemerkte zu spät den Schaden, den er damit angerichtet hatte.

    Als er die Kreide hastig abklopfte, rief einer der Agenten laut: »Die Präsidentin der Vereinigten Staaten, Rebecca Smith!«

    Präsidentin Rebecca Smith betrat den Raum, gefolgt von ihrem Tross.

    »Setzen Sie sich doch bitte, meine Herren«, sagte sie, als sie am Kopf des Tisches Platz nahm.

    Mike und Leon nahmen nebeneinander Platz.

    »Mike Williams, Leon Tsarev, das ist Forschungsminister Feld. Brad, darf ich dir Mr. Williams und Mr. Tsarev vorstellen, die Abteilungsleiter des Instituts für Angewandte Ethik.«

    Sie nickten einander höflich zu.

    »Ich habe mir Ihre Vorschläge angesehen, Mr. Williams«, sagte Feld. »Wie ich sehe, haben Sie zwei Abteilungen vorgesehen. Da wäre zum einen die Ethik-Abteilung, die die Grundlagen, die Regeln und die Anreize für die Steuerung ethischen Verhaltens entwickeln soll.«

    »Das ist korrekt«, sagte Mike.

    »Und zum anderen die Abteilung für Programmarchitektur, die sich auf die Umsetzung des Reputationssystems konzentrieren wird. Sie wollen erreichen, dass die KIs sich gegenseitig überwachen. Diesem Team wird Mr. Tsarev vorstehen.«

    Leon sagte zunächst nichts, aber Mike sah ihn bedeutsam an. »Ja, das stimmt«, sagte Leon und versuchte, seine Stimme fest klingen zu lassen.

    Feld sah Leon über den Rand seiner Brille hinweg an.

    »Mr. Tsarev, wie alt sind Sie?«

    »Neunzehn, Sir«, antwortete Leon.

    »Hmm … und Sie sind in der Lage, eine Abteilung zu leiten, weil …?«

    »Weil ich die erste virenbasierte KI erschaffen habe. Ich bin vertraut mit ihrem Design und habe ihre Methode, Entscheidungen zu treffen, die Reputation zu bewerten und ihre Form der Organisationsstruktur studiert.«

    »Ja, ja. Ich zweifle nicht an ihren technischen Fähigkeiten. Aber können Sie eine ganze Abteilung voller Wissenschaftler leiten, von denen jeder älter als Sie sein wird?«

    Leon versuchte sich an einer Antwort, schrumpfte aber unter den Blicken des Mannes zusammen.

    »Brad, es ist bereits entschieden«, ging Präsidentin Smith dazwischen. »Quäl den Jungen nicht.«

    »Also schön«, fuhr Feld fort, »ich werde der Interimsdirektor des Instituts sein, bis ein ständiger Leiter gewählt worden ist. Wir werden von jetzt an zusammenarbeiten.«

    PING. PING. PING.

    Leon kehrte in die Gegenwart zurück, als Mike ihm als ›dringlich‹ gekennzeichnete Nachrichten über das Netz schickte. Verblüfft sah er in die Runde. Sonja Metcalfe, die Leiterin der Abteilung für Sonderermittlungen sprach gerade.

    »Der Fall ist eskaliert und wir werden uns deshalb persönlich damit befassen.«

    Sie wandte sich Mike zu. Leon blinzelte und ging im Netz noch einmal im Schnelldurchgang die letzten Posts durch, wobei er nachdenklich auszusehen versuchte. Er konnte sich auf diese Dinge keinen Reim machen. Unfälle und Morde?

    »Tut mir leid, aber wären Sie so freundlich, das zu wiederholen?«, bat Leon.

    Sonja starrte ihn an. »Passen Sie dieses Mal besser auf«, schickte sie ihm als private Nachricht, die in seinem Gesichtsfeld schwebte und sich auch dann nicht löschen ließ, als er sie über sein Implantat beiseiteschieben wollte.

    Nach einem kleinen Schnaufen sprach sie mit lauter Stimme weiter: »Wir haben hier eine Reihe scheinbar zusammenhangloser Todesfälle.« Sie verstummte und blickte Leon direkt an.

    Mit einer Handbewegung deutete er an, dass sie fortfahren konnte. Er hörte ihr zu. Verdammt. Sie hatte ihm nie wirklich vertraut. Gleich als sie eingestellt worden war, hatte sie sich bei Feld beschwert und gesagt, dass sie nicht glaube, dass ein 24-jähriger in der Lage sei, eine ganze Abteilung zu leiten. Fünf Jahre später war sie immer noch in diesem Denkmuster gefangen.

    »Die Todesfälle ereigneten sich über ganz Nordamerika verteilt, von Boston bis San Diego, von Vancouver bis Guadalajara. Einige scheinen natürliche Ursachen zu haben, wie zum Beispiel Herzanfälle oder Aneurysmen. Andere sind scheinbar Unfälle.«

    Sonja schob einen Todesfall in den Vordergrund und er tauchte im Netz vor ihnen auf.

    »Hier stürzte eine Frau in ihrer Küche und zog sich Kopfverletzungen zu. Andere jedoch sind definitiv Morde.«

    »Wo ist die Verbindung?«, fragte Leon. Trotz der Informationen von Sonja und den Terabytes an Daten vor seiner Nase konnte er das große Ganze nicht erkennen.

    »Wie ich schon erwähnte«, presste Sonja langsam zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »schien es zunächst keine Verbindung zu geben. Aber ein Techniker für Internetdatentransfer wies uns auf einige Übereinstimmungen hin. Er heißt Shizoko Reynolds. Er entdeckte, dass bei allen Opfern extreme Breitbandtransfers über ihre Implantate stattfanden, jeweils im Zeitraum von fünf bis fünfzehn Minuten vor ihrem Tod.«

    Leon fühlte, wie sein Magen sich zusammenzog. Er sah zur Seite und bemerkte , dass auch Mike aschfahl geworden war. Mord durch Gehirnimplantate? So etwas war noch nie geschehen. Mehr als drei Viertel der Weltbevölkerung besaß ein Neuralimplantat. Wenn sie wirklich alle angreifbar waren …

    »Wie hoch ist der Anteil der Fälle, die offensichtlich Morde waren?«

    »Achtzehn Prozent«, sagte Sonja und wartete auf seine Reaktion.

    »Also sind diese Morde nicht über das Implantat verübt worden? Warum sollte jemand physisch töten, wenn er es auf elektronischem Weg tun könnte?«

    »Nein, sind sie nicht«, sagte Sonja. »Die Opfer hatten …«

    »Moment«, sagte Leon, der eine Idee zu entwickeln begann. »Waren das wichtige Persönlichkeiten? Senatoren, Geschäftsmänner ? Man würde doch einen Plan B haben wollen, wenn es mit der einen Methode nicht klappt.«

    »Nein!«, rief Sonja. »Was ich zu sagen versuche, ist Folgendes: Wir haben von einigen der Opfer die medizinische Telemetrie. Ihre Kortisolwerte waren deutlich über der Norm, was nahe legt, dass ihrem Tod ein qualvolles oder traumatisches Ereignis vorausging.«

    »Was ist daran so ungewöhnlich?«

    »Bei einem Autounfall zum Beispiel kann der Körper die Stresshormone erst gar nicht produzieren. Es geht einfach zu schnell.«

    »Über wie viele Todesfälle sprechen wir hier?«, fragte Leon.

    »Sechshundertdreiundachtzig, in weniger als einem Jahr.«

    Leon hielt sich an der Tischkante fest. Das war nicht einfach nur eine Reihe von Todesfällen, das war Krieg im kleinen Maßstab. Gab es eine amoklaufende KI? Oder Menschen, die Gehirnimplantate hackten? Es hatte innerhalb der letzten zehn Jahre keinen Präzedenzfall gegeben. Man würde das Institut verantwortlich machen, weil sie die Bauweise der Implantate abgesegnet hatten. »Und es kann sich dabei unmöglich um Zufälle handeln?«

    »Ja … nein … ich weiß es nicht.« Jetzt war es an Sonja, peinlich berührt zu sein. »Alle Beweise legen allerdings nahe, dass es sich um nicht zusammenhängende, zufällige Todesfälle handelt. Alter, ethnische Herkunft, sozialer Status, Wohnort, alles liegt innerhalb des statistischen Durchschnitts.« Sonja zeigte auf die Daten. »Nur die Mordrate liegt ein wenig über der Norm. Aber ohne den Tipp mit den hohen Bandbreiten hätten wir nie eine Verbindung zwischen den Fällen hergestellt.«

    Leon spürte, wie eine Migräneattacke sich anbahnte. Er sah Mike an, der seinem Blick standhielt und wandte sich dann Sonja zu. »Dieser Netzwerktechniker, Shizoko Reynolds, wer ist das eigentlich?«

    »KI der Klasse IV, irregulär körperlich, japanische Staatsbürgerschaft. Lebt in den USA, im alten Austin Convention Center, das ihm gehört.«

    Leon übersetzte im Kopf die Abkürzungen: KIs der Klasse I waren ungefähr so intelligent wie Menschen. Jede weitere Klasse war um eine Zehnerpotenz intelligenter. Klasse IV waren die intelligentesten, tausendmal schlauer als ein Mensch. Was die Körperlichkeit anging, so waren manche KIs Vollzeitroboter, während andere eine komplett virtuelle Existenz führten. Ein paar wenige, so wie Shizoko, benutzten gelegentlich mechanische Körper.

    Leon klopfte auf den Tisch. »Gibt es Gründe, Shizoko selbst zu verdächtigen? Wie hoch ist seine Reputation?«

    »Etwa 81 Prozent«, antwortete Sonja und holte Reynolds Profil aus dem Netz in den Vordergrund. »Er ist ein Einzelgänger, sonst wäre sie vermutlich höher.«

    Leon ging die Daten durch. »Wer ist an dem Fall dran?«

    »Shizoko teilte seine Erkenntnisse mit dem FBI, die uns wegen des offensichtlichen KI-Aspektes mit einbezogen haben. Seit gestern ist mein gesamtes Team an dem Fall dran. Wir werden weiterhin mit dem FBI zusammenarbeiten.«

    Mike sah Sonja nachdenklich an. »Schicken Sie mir ein tägliches Update.«

    Kapitel 6


    Catherine verlangsamte ihre Schritte nicht, bis sie ein paar Straßen vom Haus entfernt war. Sie fühlte, wie ihr heiße Tränen über das Gesicht liefen und schlang die Arme um sich. Was nützten ihr die ganze Meditation und die vielen Stunden Kampfsporttraining, wenn sie trotzdem jedes Mal ausrastete, sobald Sarah sie provozierte?

    Sie sah zu dem fast vollen Mond auf. Er ließ sie an ihre Mutter denken, die bei den ersten Anzeichen von freiem Himmel und Vollmond immer auf einem Spaziergang bestanden hatte. Cat konnte einfach nicht mehr wütend sein, wenn sie an ihre Mutter dachte. Dafür waren ihr diese Erinnerungen zu kostbar.

    Sie konzentrierte sich darauf, langsamer zu atmen, und begann eine Laufmeditation, bis sie spürte, dass sie ruhiger wurde. Ganz bewusst atmete sie weiter und versuchte ihren Geist zu leeren.

    Als sich ihre Gedanken beruhigt hatten, dachte sie über das nach, was Sarah gesagt hatte. Menschen sollten eigentlich nicht in der Lage sein, das zu tun, was Cat mit ihrem Implantat machen konnte. Sie war bis jetzt noch nie an ihre Grenzen gegangen, aber sie konnte die Datenströme anderer Personen sehen und diese auch trennen. Sie wusste, wohin eine KI als Nächstes fahren würden. Vielleicht machte sie das wirklich zu einem Freak.

    Sie überquerte die Straße und ging in den Park auf der anderen Seite. Ihr Zufluchtsort. Der Duft von nachtblühenden Pflanzen lag in der Luft. Mit ihrem Implantat führte sie eine Geruchsanalyse durch. Dem Ergebnis nach waren es Zitronenlilien. Seltsam, dass ihr das noch nie aufgefallen war.

    Zunächst waren Neuralimplantate in den Vereinigten Staaten nur bei Erwachsenen erlaubt gewesen. Doch als die Vorteile innerhalb eines Jahres nach ihrer Einführung offensichtlich wurden, nahmen die Eltern, die es sich leisten konnten, ihre Kinder mit nach Übersee, um die Implantierung dort durchführen zu lassen. So aufgerüstet, hängten die wenigen Privilegierten ihre Schulkameraden schnell ab. Nachdem es dann zu einem öffentlichen Aufschrei gekommen war, hatte die Legislative es plötzlich eilig, die Gesetze zu ändern. Heute wurden die meisten Implantationen im Alter von vierzehn Jahren durchgeführt, dem offiziellen Mindestalter.

    Aber Catherine hatte als Baby epileptische Anfälle gehabt. Innerhalb eines Jahres waren sie immer häufiger und schlimmer geworden, schließlich lebensbedrohlich. Keine Behandlung schien zu helfen.

    Nachdem ein Arzt ihre Eltern von einer experimentellen Behandlung erzählt hatte, nahm die ganze Familie sofort ein Flugzeug nach Portland, Oregon. Obwohl damals Neuralimplantate praktisch noch unbekannt waren, erhielt Cat nur wenige Tage später eine komplette Gehirnumhüllung, die womöglich erste und einzige OP dieser Art. Das Hauptziel dieses Implantats war, Anfälle zu entdecken und sie zu unterdrücken. Aber als sie vier Jahre alt war, hatte Catherine bereits gelernt, ihr Implantat zu nutzen, um damit online zu gehen.

    Sie hatte damals einen imaginären Freund namens ELOPe, der behauptete, ihr das Implantat verschafft zu haben. Als sie acht Jahre alt war, war der KI-Krieg gekommen, gefolgt vom JOI, dem ›Jahr ohne Internet‹. Als das Netz endlich wieder funktionierte, suchte Cat sofort nach ELOPe, aber er war verschwunden. Cat glaubte, dass sie die einzige Person war, die so früh ein Implantat erhalten hatte, da aber fast alle Unterlagen der Jahre vor JOI verloren gegangen waren, konnte man das nicht mit Sicherheit sagen.

    Tief in Gedanken versunken, kam Catherine an ihrem Lieblingsort im Park an, einer Wiese, die von alten Douglastannen umgeben war. Ein Schrei und ein dumpfer Schlag rissen sie aus ihren Erinnerungen.

    Eine Gruppe von Menschen stand in den Schatten der Bäume auf der anderen Seite der Wiese. Das schrille Kreischen ließ sie zunächst an ein Kind denken, aber das Geräusch war zu verzerrt. Gelächter war über den Rasen hinweg zu hören, das Lachen eines Mannes. Cat sah sich um und empfand plötzlich Angst. Abgesehen von ihr und der Gruppe war der Park leer. Ein neuerlicher Schrei fuhr ihr durch den Kopf, ließ ihre Nervenenden vibrieren, bevor es wieder abbrach. In der Stille danach konnte sie den Pulsschlag ihres Herzens laut in ihren Ohren hören. Sie zögerte nur einen Lidschlag, bevor sie auf die Gruppe zu rannte. Als sie näher kam, erkannte sie denselben kleinen Bot, der ihr schon vor zwei Tagen begegnet war. Vier Männern umzingelten ihn.

    Zwei hielten den zappelnden Roboter fest, während einer ein langes Messer unter seinen verbliebenen optischen Sensor hielt. Der kleine Bot versuchte sich zu befreien, das Pfeifen seiner Servos war deutlich hörbar, aber die Männer waren stärker. Ein dünner Arm war im falschen Winkel weggebogen. Der kleine, grüne Wagen lag umgekippt daneben, ein Haufen Elektronikschrott verteilte sich auf dem Boden.

    »Ihr verdammten Roboter nehmt uns die Arbeit weg!«

    »Schneid dem kleinen Mistkerl das Auge raus!«

    Der Roboter versuchte wieder, sich mit seinem verbliebenen intakten Arm zu befreien.

    Cat spürte, wie das Blut in ihr zu kochen begann und ihre Wut brach sich Bahn. Ihre Wut auf Sarah, über den Tod ihrer Mutter und über eine hoffnungslose Welt ohne sinnvolle Beschäftigung. Es gab Menschen, die daraus das Beste machten, gute Seelen wie Maggie und ihre Mutter. Manchmal schaffte sie es sogar selbst. Aber es gab leider auch andere Menschen. Menschen, die es genossen, zu quälen und zu zerstören. Aber nicht heute Nacht.

    Sie nahm Verbindung mit dem Netz auf, um die Polizei zu rufen, aber der Zugang war gestört. Sie spähte hinein: Die lokalen Knoten waren grau, irgendwie überlastet. Die Männer mussten einen illegalen Störsender verwenden.

    Der Bot stieß einen weiteren Schrei aus, als der vierte Mann seinen verbogenen Arm verdrehte. Das Metall gab nach und der Arm hing nutzlos herab.

    Cat wusste, dass sie es mit den Männern aufnehmen konnte. Obwohl sie noch nie außerhalb des Dojos gekämpft hatte, war es das, auf was sie sich vorbereitet hatte. Sie lief lautlos über den Rasen, ihre Schritte waren leicht. Sie tauchte hinter dem vierten Mann auf, der die anderen anstachelte, ein großer Kerl im roten Sweatshirt.

    Sie griff nach seinem Arm und verdrehte ihn seitlich, eine Technik aus dem Naihanchi Sandan, gefolgt von einer Beinbewegung, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie drehte sich und nahm dabei seinen Arm mit sich, sodass Rotes Sweatshirt auf die Wiese krachte und sein Kopf mehrfach auf dem Boden aufschlug.

    Der zweite Angreifer wandte sich Cat zu. Sie hatte gerade genug Zeit um zu erkennen, dass er in den Zwanzigern war, unrasiert, eine Lederjacke trug und ein Messer in der linken Hand hielt. Er wirbelte geschmeidig herum, senkte seinen Schwerpunkt und stand stabil. An der Art, wie er sich bewegte, konnte sie erkennen, dass er trainierte oder zumindest Kampferfahrung hatte. Er blickte hinüber zu dem Mann, den sie zu Boden gebracht hatte und starrte sie dann abschätzend an.

    Von der Seite hörte sie wieder das Kreischen von Metall. Einer der Männer, die den Bot festgehalten hatten, ließ los, worauf er sich seinen Angreifern entwand. Massig und bärtig packte der Mann Cat von hinten, seine Arme umfassten ihre Schultern. Sie spürte, wie sein Bart an ihrem Hals kratzte. Mit einer geübten Bewegung senkte sie ihren Schwerpunkt, nutzte ihre geringere Größe zu ihrem Vorteil und hob die Arme. Die Bewegung lockerte seinen Griff. Sie rotierte um 90 Grad und sammelte ihr Chi für zwei knappe Schläge in seine Magengegend. Er klappte zusammen und sie nutzte den Bewegungsimpuls seines Oberkörpers, brachte ihre Arme nach unten und ihr Knie nach oben. Sein Gesicht krachte gegen ihr Knie. Er sank in sich zusammen.

    Der Angreifer mit dem Messer kam auf sie zu, ganz auf sie konzentriert. Er verschwendete keine Energie aufs Reden oder auf überflüssige Bewegungen, aber sie konnte sehen, dass er in Vorfreude grinste. Sie behielt die Klinge im Blick, konzentrierte sich aber auf seine Augen.

    Zweimal stieß er nach ihrem Gesicht, beim dritten Mal zielte er auf ihren Bauch, verriet seine Absicht aber durch einen Blick nach unten. Sie drehte sich geschmeidig und ließ die Klinge passieren. Ihre Rechte griff nach seinem linken Handgelenk. Doch ihr Griff war zu locker und das Leder der Jacke zu unnachgiebig, um einen festen Halt zu bekommen. Sie versuchte mit seinem Bewegungsimpuls zu arbeiten und verwandelte ihn in einen Schlag in sein Gesicht, aber er war stark und schnell, traf sie stattdessen mit dem Ellenbogen in den Magen. Sie taumelte zurück und schnappte nach Luft.

    Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der Mann im roten Sweatshirt sich wieder aufrichtete. Und der letzte Mann, der immer noch den Bot festhielt, schwang ihn herum wie ein Spielzeug. Der Bot krachte gegen einen Baum und fiel zu Boden. Von ihm war keine Hilfe zu erwarten. Der Kämpfer mit dem Messer drehte sich und stach wieder nach ihr. Cat wich rückwärts aus, doch nur um in den Griff des vierten Mannes zu laufen. Er packte ihren Arm mit beiden Händen. Sie machte einen Schritt zur Seite, tauchte unter seinem Arm hindurch, eine Bewegung, die seinen Griff gelockert hätte, wenn ihr der Mann im roten Sweatshirt nicht ins Gesicht geschlagen hätte.

    Taumelnd dachte sie an die Grundregeln zurück, die ihr Sensei Flores eingebläut hatte. Die meisten Menschen konnten zwei bis drei Treffer einstecken, bevor ihr Nervensystem herunterfuhr. Sie hatte sich schon zwei Treffer eingefangen, was bedeutete, dass sie langsamer wurde. Und es waren immer noch drei Gegner. Sie war eine bessere Kämpferin als jeder einzelne von ihnen, aber wenn sie einen weiteren Schlag einsteckte, würde sich der Kampf zu deren Gunsten entwickeln.

    Sie hatte eine verzweifelte Idee und trat zwei schnelle Schritte zurück. Wenn Menschen schon unter normalen Umständen nicht mit der Rückkopplung ihres Implantats klar kamen, was geschah dann wohl, wenn sie es absichtlich synchron schaltete und versuchte, ihre Implantate zu überladen?

    Sie sammelte ihre Kraft und legte einen Schalter in ihrem Implantat um. Danach schickte sie einen mentalen Schrei in Richtung der drei durch das Netz. Zwei der Männer griffen wortlos mit den Händen nach ihren Köpfen, brachen dann zusammen und blieben bewusstlos neben dem ersten Mann liegen, den sie zuvor ausgeschaltet hatte. Aber der Messerkämpfer wankte nicht. Er wandte sich ihr wieder zu. Er sah jetzt ängstlich aus, aber die Angst machte ihn nur noch entschlossener. Seine Zähne blitzten im Mondlicht auf.

    Cat wich zurück und zwang sich, ruhiger zu atmen. Er hatte wohl kein Implantat und sie würde gegen ihn kämpfen müssen. So wie er sein Messer schwang, war es ihm egal, wie schwer er sie dabei verletzen würde. Aber das ging für sie in Ordnung. Okinawa Kenpo war ein Karate-Stil, der auf der bitteren Wahrheit einer jeden echten Kampfsituation basierte: Es gibt keine Regeln. Sie kämpfte um ihr Leben.

    Sie beobachtete ihn und ihre Blicke folgten seinen Augen. Sie fühlte ihre Füße auf dem Boden, zog ihr Chi daraus, als er sich wie in Zeitlupe näherte. Sie glitt eine Handbreit nach links, um seinen Waffenarm abgleiten zu lassen, ohne dass er Schaden anrichtete, ähnlich wie bei seiner ersten Attacke. Doch sie drehte sich, als er sie passierte und traf ihn mit der Hand hart am Ohr und beendete ihre Halbdrehung, bewegte sich leichtfüßig, als er an ihr vorbei stolperte.

    Betäubt wie er war, drehte er sich nur langsam und bevor er sein Messer wieder nach oben bringen konnte, kam Cat heran und traf ihn mit einem Kick ans Knie. Sie spürte, wie es knirschend nachgab, und schnellte dann zurück, heraus aus der Reichweite seines Messers. Er stürzte schwer und schrie auf, als er auf sein verletztes Bein fiel, das jetzt direkt am Knie nach hinten gebogen war.

    Trotz des Adrenalins, das durch ihre Adern jagte, wurde ihr beim Anblick des Beines in dieser unnatürlichen Position übel. Sie drehte sich um, die Fäuste immer noch erhoben und sah nach jedem der vier Männer. Weil das Blut in ihren Ohren rauschte, konnte sie nichts hören. Die Schreie des Messerkämpfers schienen wie aus großer Entfernung zu kommen. Jenseits der Wiese sah sie zwischen den Bäumen einen Schimmer aus Silber und Rot. Der Bot, das Opfer der Männer, hatte sich aufgerichtet und lief davon.

    Cat kämpfte mit ihren Gefühlen, wollte ihm hinterher und sicherstellen, dass er in Ordnung war, wollte Dank für ihre Rettungsaktion. Aber der Bot wollte offensichtlich nur weg.

    Sie stand immer noch unentschlossen da, als das Geräusch von Polizeisirenen durch die Bäume zu ihr drang. War die Polizei hierher unterwegs? Hatte der Bot sie gerufen, sobald er außerhalb der Reichweite des Störsenders war? Würde sie Ärger bekommen, weil sie mit den Männern gekämpft hatte?

    Plötzlich bemerkte sie, dass sich keiner der Männer, die sie mit ihrem Implantat angegriffen hatte, noch bewegte. Sie ignorierte den Mann mit dem gebrochenen Bein, denn seine Schreie bewiesen, dass er noch unter den Lebenden weilte. Sie lief zu einem der anderen hinüber und prüfte sein Implantat, während sie nach seinem Puls fühlte. Er hatte keinen und sein Chip zeigte keine Resonanz. Sie lief zu dem Mann im roten Sweatshirt und fand ihn im selben Zustand.

    So eine Scheiße. Sie hatte die Männer getötet.

    Der Klang der Sirenen wurde jetzt lauter.

    Sie trennte sich vom Netz, sodass sie nicht geortet werden konnte, wandte sich um und rannte.

    Kapitel 7


    Leon sah zu Rebecca Smith hinüber, die ihm gegenüber am Konferenztisch saß. Die frühere Präsidentin sah grau und hart aus, nicht so sehr wie ein Schatten ihres früheren Selbst, eher schon wie ein Baum, der unter extremen klimatischen Bedingungen gewachsen war. Sie wirkte fest und sturmerprobt. Widerstandsfähig.

    »Mike, du verstehst die politischen Realitäten nicht«, sagte sie. »Die Menschenrechtspartei will nicht, dass es KIs überhaupt gibt.«

    »Was denken die eigentlich, wie wir das anstellen sollen?«, fragte Mike und seine Stimme hob sich dabei. »Denken die, es genügt, ein paar Computer abzuschalten und die KIs verschwinden von allein? Warum kocht das gerade jetzt

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