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Eine Nacht in Kyrene
Eine Nacht in Kyrene
Eine Nacht in Kyrene
eBook134 Seiten1 Stunde

Eine Nacht in Kyrene

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Über dieses E-Book

In Kyrene kann es während einer stillen Vollmondnacht passieren, dass man sich unverhofft in der Zeit des Urchristentums und im Haus des Simon von Kyrene wiederfindet, falls man gar zu intensiv an ihn und seine denkwürdige Begegnung mit Jesus denkt. Eben dies passiert einem europäischen Touristen auf einer Rundreise durch Libyen. Und dabei verknallt er sich nicht nur gar heftig in eine hübsche Sklavin (und sie sich in ihn), sondern begegnet auch der Jungfrau Maria und dem Apostel Johannes und erfährt dabei so manches, was der offiziellen Lehre der Kirche widerspricht. Überdies gelingt es ihm, einen gefährlichen Konflikt mit der jüdischen Gemeinde von Kyrene zu schlichten. Allerdings erhebt sich bald die Frage: Wie findet er wieder in die Gegenwart und in sein Hotel zurück?
SpracheDeutsch
HerausgeberCassiopeiaPress
Erscheinungsdatum7. Mai 2019
ISBN9783956174520
Eine Nacht in Kyrene
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Autor

Karl Plepelits

Karl Plepelits wurde 1940 in Wien geboren und lebt nach langen Wanderjahren jetzt in der Steiermark. Er studierte Klassische Philologie, Alte Geschichte und Anglistik in Wien und Innsbruck und dissertierte über die griechische Komödie. Er unterrichtete Latein, Griechisch und Englisch, wirkte als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, betätigte sich als Reiseleiter, als Privatgelehrter für Altertumswissenschaft und Byzantinistik und als Übersetzer griechischer Romane der Antike und des Mittelalters. Als literarischer Autor veröffentlichte er Kurzgeschichten und Romane, darunter im AAVAA Verlag: »Denn die Zeit ist nahe. Frauen im Urchristentum« (2011), »Geliebte Römerin. Zwei Leute von heute bei den alten Römern ... und den jungen Römerinnen« (2012), »Zwei Frauen in einem Haus. 4 Erotische Erzählungen« (2012). »Du sollst nicht töten« (Historischer Roman, 2013), »Geliebter Gottesmann« (2013).

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    Buchvorschau

    Eine Nacht in Kyrene - Karl Plepelits

    zurück?

    1

    Es war einmal eine jungfräuliche Jägerin. Sie hieß Kyrene und war die Tochter des Königs Hypseus. Wie Gretchen am Spinnrad zu sitzen, das war ihr ebenso ein Gräuel wie alle anderen hausfraulichen Tätigkeiten. Kyrenes Leidenschaft war die Jagd, aber nicht die Jagd auf Hasen oder Fasane, sondern auf die großen Raubtiere des Waldes, vor denen sie die Herden ihres Vaters zu beschützen trachtete. Sie wagte es sogar, sich unbewaffnet, also quasi sportlich mit diesen Bestien zu messen, sprich, mit ihnen zu ringen. So gewaltig war ihr Mut, so gewaltig ihre Kraft.

    Eines schönen Tages rang sie mit einem ausgewachsenen Löwen, wohlgemerkt, unbewaffnet; noch dazu benutzte sie dabei nur einen Arm. Und was geschah? Sie rang das Untier nieder und ging siegreich aus dem Kampf hervor.

    Dies geschah auf dem Berg Pelion (Pilion in der heutigen Aussprache) in Griechenland. Und damit erregte Kyrene die Bewunderung eines leibhaftigen Gottes, noch dazu des feschesten von allen. Atemlos hatte der jugendliche Gott Apollon dieses unglaubliche Geschehen verfolgt. Die Bewunderung verwandelte sich in Liebe, die Liebe bald in Leidenschaft; und von der Leidenschaft überwältigt, packte er sie, entführte sie in seinem goldenen Wagen übers Meer in einen paradiesischen Garten seines Herrn Papa, des Göttervaters Zeus (der bekanntlich auch kein Kostverächter war), und würdigte sie dort im goldenen Palast der Nymphe Libye seiner Liebe. (Ja, ja, so nennt man das bei Göttern.) Und danach war sie klarerweise die längste Zeit jungfräuliche Jägerin gewesen.

    Wenn Götter sterbliche Frauen „ihrer Liebe würdigen", so bleibt das niemals ohne Folgen. So war es auch in diesem Fall. Der Segen, nämlich der Kindersegen stellte sich prompt ein, und neun Monate später gebar Kyrene ein hübsches Kind, einen Sohn, den sie Aristaios nannte und der ein Wohltäter der Menschheit werden sollte. Denn er erfand die Bienenzucht und die Kultur der Olive. Er war aber auch Verursacher einer heute noch hochberühmten Tragödie. Eine Leidenschaft hatte ihm sein Herr Papa offensichtlich vererbt: die Leidenschaft für schöne Frauen. Und so entbrannte er in leidenschaftlicher Liebe zu einer jungen Frau namens Eurydike. Diese war jedoch bereits mit dem Sänger Orpheus vermählt und liebte ihn sehr (und er sie). Aristaios wollte ihr an die Wäsche, und da stürzte sie in wilder Flucht davon, trat auf eine giftige Schlange, wurde gebissen und starb. Wohlbekannt ist die Geschichte, wie Orpheus daraufhin in die Unterwelt hinabstieg, die Wächter und Götter des Totenreichs durch seinen göttlichen Gesang und sein göttliches Lyraspiel bezauberte und Eurydike schließlich ein zweites Mal verlor.

    Aber noch einmal zurück zu Aristaios. Er verewigte den Namen seiner Frau Mama, indem an der Stelle, wo Apollon sie „seiner Liebe gewürdigt" hatte, eine Stadt gründete und diese Kyrene nannte.

    2

    Kennen Sie die Stadt Kyrene? Nein? Aber falls sie einigermaßen bibelfest sind, kennen Sie sicherlich Cyrene oder Zyrene. Und falls Sie in Ihrer Schulzeit so wie ich langweilige Unterrichtsstunden damit verbracht haben, mit Hilfe Ihres Schulatlas in Gedanken auf weite Reisen zu gehen, so haben Sie zweifellos in Nordafrika eine Landschaft mit dem klangvollen und einprägsamen Namen Kyrenaika oder Cyrenaika entdeckt – nicht hingegen die Stadt Kyrene oder Cyrene (Zyrene), nach der diese Landschaft heute noch benannt ist.

    Mittlerweile bin ich alt genug zu wissen, warum nicht: ganz einfach, weil unser Schulatlas kein historischer Atlas war. Und Kyrene oder Cyrene (Zyrene) ist eben eine historische Stadt, die heute nur noch als ausgedehntes (und, nebenbei bemerkt, außerordentlich sehenswertes) Ruinenfeld existiert. Und ich bin auch alt genug zu wissen, dass die Kyrenaika (Cyrenaika) eine von drei ursprünglich eigenständigen Landschaften ist, die seinerzeit von den Italienern zu ihrer Kolonie Libyen zusammengeschweißt wurden (die anderen zwei heißen Tripolitanien und Fessan oder Fezzan).

    Ja, Libyen. Das war einmal ein wunderbares Reiseland, zumindest seit es nicht mehr als Schurkenstaat gehandelt wurde. Zahlreich begannen daraufhin Gäste ins Land zu strömen. Groß war die Neugier auf das „Nordkorea Arabiens", auf die Wunder der Sahara, auf die reichen und unglaublich gut erhaltenen Überreste aus der griechischen und römischen Antike, die man bisher bestenfalls aus Büchern kannte. Aber nur für sieben fette Jahre war es Touristen vergönnt, Libyens Schönheiten gefahrlos zu genießen, Libyens Schätze gefahrlos zu bewundern, nämlich von 2004 bis Februar 2011. Damit ist es nach dem schrecklichen Bürgerkrieg und der Ermordung des Langzeittyrannen Gaddafi nun wohl für mindestens sieben magere Jahre vorbei. Heute gilt Libyen zwar nicht mehr als Schurkenstaat. Aber es versinkt zusehends im Chaos, besonders seit sich die fürchterliche Terrormiliz, die sich Islamischer Staat nennt, hier breitgemacht hat, und es scheint immer gefährlicher zu werden, als Europäer das Land zu bereisen oder etwa auch als christlich-koptischer Gastarbeiter aus Ägypten hier zu leben. (Unter den Libyern selbst scheint es ja keine Christen zu geben – keine Christen mehr, muss es natürlich korrekterweise heißen.) Und es zerreißt mir das Herz, wenn ich daran denke, wie dieses so interessante Land von einem blutrünstigen und grenzenlos eitlen Tyrannen ins totale Chaos gestürzt wurde.

    Zu Libyens faszinierenden Schätzen gehört auch Kyrene (Cyrene, Zyrene). Ja, wie heißt es nun richtig: Kyrene oder Cyrene oder Zyrene? Oder vielleicht so, wie die libyschen Fremdenführer sagen: Sirene? Die müssten es doch am ehesten wissen. Sollte man meinen. Indes, nichts wäre irriger als diese Annahme. Denn wie ich inzwischen gemerkt habe, haben sie zur griechischen und römischen Kultur nicht die geringste Beziehung, geschweige denn zur griechischen oder lateinischen Sprache.

    Fest steht: Kyrene-Cyrene-Zyrene-Sirene ist eine griechische Gründung, und ihre Bewohner, zu denen seit der Zeit Alexanders des Großen auch zahlreiche Juden zählten, sprachen bis zur Eroberung durch die Araber und noch lang danach, also auch während der römischen Jahrhunderte, Griechisch und nannten ihre Stadt Kyrene, und zwar nach der dem Apollon geweihten Quelle Kyre, die noch heute nahe dem Tempel des Stadtgottes Apollon entspringt. (Wenig überraschend wählten die historischen Gründer von Kyrene den feschen und jugendlichen Opa des mythischen Stadtgründers zum Schutzpatron der Stadt und des zu ihr gehörigen Territoriums.)

    So wollen wir denn die Stadt von nun an Kyrene nennen und die nach ihr benannte Landschaft Kyrenaika und nicht anders. Ist nun die Aussprache mit TS oder gar nur mit S falsch? Nein, falsch nicht. Aber auch nicht griechisch. Schuld an dieser Verwirrung sind (wie auch sonst meistens) die alten Römer. Die haben das griechische Kappa grundsätzlich mit C ins Lateinische transkribiert. Dieses wurde nämlich während der gesamten Antike stets wie K ausgesprochen, ab dem fünften Jahrhundert jedoch vor E und I oder Y plötzlich wie TS (später im Französischen und Englischen gar nur wie S). Und dadurch wurde zum Beispiel aus dem dreiköpfigen Höllenhund Kerberos plötzlich ein Cerberus (Zerberus), und die aus der Odyssee bekannte Zauberin Kirke verwandelte sich unverhofft in eine Circe (Zirze), sodass heutzutage verführerische Frauen ihre männlichen Opfer nicht mehr „bekirken", sondern eben becircen (bezirzen).

    Nennen sie mich meinetwegen pervers. Aber becircen (bezirzen) können einen Griechennarren wie mich nicht nur verführerische Frauen, sondern auch griechische und römische Kulturschätze und Ruinenstätten. Und an solchen ist Libyen unfassbar reich. Deshalb stellte das Reich Gaddafis für mich lange Zeit eine schmerzliche Lücke auf meiner privaten archäologischen Landkarte dar. Aber dafür versuchte ich nun, ab 2004, mein bisheriges Versäumnis doppelt und dreifach nachzuholen. Denn, ich gestehe es offen, ich war einfach „bezirzt", konnte mich (wie an einer verführerischen Frau) nicht satt sehen. Außerdem war der Besuch der antiken Stätten und archäologischen Museen in Libyen jedes Mal für mich so viel wie eine Zeitreise, eine Reise in die Vergangenheit, ein Eintauchen in die Kultur der klassischen Antike, in das pralle Leben der alten Griechen und Römer.

    3

    Alles begann am Palmsonntag des Jahres 2006. Da landete ich in Tripolis und trat meine dritte geführte Rundreise durch Libyen an. Schon zum dritten Mal gedachte ich also Gaddafis Reich zu erkunden und mich wie mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit katapultieren zu lassen.

    Und so gelangte ich programmgemäß auch wieder nach Kyrene.

    An dieser Stelle muss ich ein zweites Geständnis machen. In Kyrene lasse ich mich nicht nur in die Vergangenheit katapultieren. In Kyrene fühle ich mich gewissermaßen zu Hause. Hier kenne ich eine ganze Reihe von (einstigen) Bewohnern. Ich kenne, um nur die bekanntesten zu nennen, zwei berühmte Philosophen. Beide heißen sie Aristippos. Sie waren Großvater und Enkel (nicht zu vergessen die Philosophin Arete, Tochter des älteren und Mutter des jüngeren Aristippos). Ich kenne den berühmten Mathematiker und Geographen Eratosthenes, der zum ersten Mal in der Weltgeschichte den Erdumfang berechnet hat (übrigens nahezu exakt). Und ich kenne schließlich meinen Namensvetter, Herrn Simon von Kyrene, den Vater der Herren Alexander und Rufus, der, wie die Evangelien berichten, von den römischen Soldaten gezwungen wurde, Jesu Kreuz zu tragen.

    Mit diesen und weiteren Bekannten halte ich bei jedem Besuch Zwiesprache, während ich inmitten meiner Mitreisenden unserem eigenen Reiseleiter und dem einheimischen Fremdenführer

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