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Wie ein Mantel aus Schnee
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eBook344 Seiten4 Stunden

Wie ein Mantel aus Schnee

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Über dieses E-Book

Eine Jugendliche macht Erfahrungen, die ihr Weltvertrauen auf eine harte Probe stellen. Von der Mutter in ihren Bedürfnissen nie richtig wahrgenommen, erlebt Chris auch den Vater, nach dessen Liebe sie sich sehnt, als unzuverlässig. Das Buch ist der autobiografische Roman einer schwierigen Kindheit und Jugend. Nur die Großeltern bieten immer wieder eine Zuflucht. Ein junger Onkel wird zum Vertrauten und Helfer. Und in der Beziehung zur jüngeren Schwester Marie stellt sich Chris eine Aufgabe, an der sie wachsen kann. Auch wenn Kälte und Erstarrung sich schon früh auf ihr Leben gelegt haben - wie ein Mantel aus Schnee: Am Ende steht Hoffnung. Wie ein Mantel aus Schnee ist das Debut einer Autorin aus der ersten Nachkriegsgeneration, eine autobiographisch gefärbte Erzählung über die inneren und äußeren Zustände in unserer Republik im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.
SpracheDeutsch
HerausgeberCassiopeiaPress
Erscheinungsdatum13. Juli 2015
ISBN9783956174599
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    Buchvorschau

    Wie ein Mantel aus Schnee - Anne C. Krusche

    WIE EIN MANTEL AUS SCHNEE

    Roman von Anne C. Krusche

    In alter Rechtschreibung

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

    © by Author

    © dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

    www.alfredbekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

    Roman © by Anne C.Krusche und Edition Bärenklau, 2015

    Cover © by Steve Mayer (Layout) – E.Valmar, 2015

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 330 Taschenbuchseiten.

    1. digitale Auflage 2015 Zeilenwert GmbH

    ISBN 9783956174599

    Inhalt

    Cover

    Titel

    Impressum

    1

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    Eine Jugendliche macht Erfahrungen, die ihr Weltvertrauen auf eine harte Probe stellen. Von der Mutter in ihren Bedürfnissen nie richtig wahrgenommen, erlebt Chris auch den Vater, nach dessen Liebe sie sich sehnt, als unzuverlässig.

    Das Buch ist der autobiografische Roman einer schwierigen Kindheit und Jugend. Nur die Großeltern bieten immer wieder eine Zuflucht. Ein junger Onkel wird zum Vertrauten und Helfer. Und in der Beziehung zur jüngeren Schwester Marie stellt sich Chris eine Aufgabe, an der sie wachsen kann. Auch wenn Kälte und Erstarrung sich schon früh auf ihr Leben gelegt haben - wie ein Mantel aus Schnee: Am Ende steht Hoffnung.

    Wie ein Mantel aus Schnee ist das Debut einer Autorin aus der ersten Nachkriegsgeneration, eine autobiographisch gefärbte Erzählung über die inneren und äußeren Zustände in unserer Republik im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.

    1

    Es ist eine heiße Sommernacht, als die Wehen einsetzen. Ausgerechnet ein Sonntag, an dem der Arzt, der das Vertrauen der blonden Frau genießt, frei hat.

    Die Luft ist drückend, auch im Kreißsaal, in den sie von der Schwester geführt wird. Ihr Gang hat jetzt nichts Stolzes mehr. Wehen kommen in immer kürzeren Abständen, und sie ist von den wenigen Schritten erschöpft. Dabei hat sie sich sehr auf dieses Baby gefreut. Doch die Angst vor den Schmerzen ist nun größer als die Freude. Starr liegt sie da, von ihrer Stirn perlt Schweiß. Zwischendurch wimmert sie ein kaum hörbares ‘Nein’.

    Ob es daran liegt, daß ihr Doktor nicht da ist?

    Eine ältere Hebamme, die wenig Vertrauen ausstrahlt, weist sie an und schimpft, wenn die junge Frau unter den Wehen aufstöhnt.

    „Wo ist der Doktor? fleht sie. „Sie haben viel Zeit, kommt es gleichgültig zurück. „Ich rufe ihn schon, wenn es soweit ist. Sie sind nicht die erste, die ein Kind kriegt. Aber nicht alle stellen sich so an. Zudem ist es kein Notfall!"

    Mutlos sinkt die blonde Frau zurück. Bei jeder Wehe beißt sie sich in die Hand. Bis auch das nicht mehr ausreicht und sie vor Schmerz zu schreien anfängt. Schließlich läßt sich die Hebamme herbei, nach dem Arzt zu läuten. Der Bereitschaftsarzt, der kommt, ist gerade mit der Ausbildung fertig, muß nun an diesem Sonntag seine erste Entbindung leiten.

    Die Kreißende gerät in Panik. Sie glaubt das Hämmern kleiner Fäuste, das Trampeln kleiner Füßchen zu spüren - ein überdeutliches ‘Laß mich raus, es ist zu eng’. Noch hofft sie auf eine Narkose. Der Arzt schreit sie hilflos an: „Soll ich denn alles alleine machen? Wenigstens pressen müssen Sie!" Sie wimmert, hat keine Kraft mehr.

    Als die Betäubungsspritze kommt, hat das Menschenjunge die Orientierung verloren. Es ist eng, immer wieder versucht es, zu entkommen, verfängt sich und hängt fest. Schließlich drückt ihm etwas Helles aus Stahl von beiden Seiten den Kopf ein und zerrt es ins Licht.

    Das Wesen, das die Eltern Chrissy nennen werden, ist, wie der Arzt erleichtert mitteilt, gesund.

    Als die erste Mahlzeit fällig ist, saugt Chrissy, fuchtelt mit den Händchen, saugt fester, was ein jammerndes ‘Sie hat mich gebissen’ zur Folge hat.

    Chrissy ist stur. Aus ihrer Mama kommt ein Jammern, aber keine Milch, wenn Chrissy hungrig ist. Man hält ihr schließlich ein langes Glasding hin. Wenn sie daran saugt, jammert Mama nicht. Chrissy ist satt und zufrieden.

    Sie weiß nicht, daß ihre Mama solche Angst vor der Geburt gehabt hat, weil ihr erstes Baby dabei gestorben ist. Sie liebt Chrissy, ist aber noch immer von großer Furcht erfüllt. So bemüht sie sich sehr, nichts falsch zu machen. Vieles kommt ohne Worte bei dem kleinen Wesen an, und es wird ein sehr unsicheres und mißtrauisches Kind.

    2

    Chrissy blickt mit großen, erstaunten Augen in die Dunkelheit hinaus. Sie hört auf dem Rücksitz des alten DKW, wie Mama und Papa miteinander sprechen. Sie sind lustig. Chrissy versteht nur wenig. Für ihre zwei Jahre ist das alles sehr aufregend. Zum ersten Mal sieht sie Schnee. Der Wagen rutscht, die Straße ist glatt, doch zum Glück in der Finsternis nicht belebt. Mama und Papa lachen, sie haben viel Spaß. Chrissy fühlt sich wohl. Nur müde ist sie. Und nach einiger Zeit schläft sie ein.

    Sie wird wach, als sie von Mama geweckt wird. „Komm, Chrissy! Wir machen mit Papi eine Schneeballschlacht! Verschlafen steht Chrissy auf der Straße. „Guck mal, Fred, sie weiß gar nicht, wo sie ist! Chrissy fühlt, wie sie hin und her gedreht wird und verliert völlig die Richtung. Sie hört ihre Eltern lachen. Es schneit jetzt wieder. Immer dichter werdende Flocken. Hilflos weint sie vor sich hin. Und wie durch Nebel hindurch das Lachen der Eltern. Es erscheint ihr endlos.

    „Komm, es wird Zeit, wir packen sie wieder ein", sagt Papa. Und Mama faßt aus dem Nichts nach ihr. Chrissy brüllt. Sie wird vor Angst und Zorn stocksteif. So fühlt sie sich auch später im Auto noch. Sagen kann sie noch nichts. Sie ist zu klein und zu hilflos, um alles zu verstehen. In dieser Nacht verliert Chrissy im Dunkeln das Wichtigste überhaupt: Vertrauen.

    3

    Es ist seltsam, immer soll Chrissy eine Mütze tragen, wenn Mami mit ihr draußen ist. Mami besteht trotz Chrissys Wutgebrüll auch bei großer Hitze darauf. Reißt sie sich die Mütze vom Kopf und es sind Leute in der Nähe, ruft ihr die Mami zu: „Peterle, komm her!" Chrissy begreift nicht, warum sie plötzlich draußen ein ‘Peterle’ sein muß.

    Erst später hat die Mama ihr erzählt, wie sehr sie sich geängstigt hat, als Chrissy mit zwei Jahren noch immer keine Haare bekam. Weil die Leute nicht über ihr armes Kind lachen sollten, habe Mama das tun müssen. Chrissy spürt, daß es keine Angst gewesen ist. Von Anfang an spürt sie die Lüge und daß sich ihre Mutter geschämt hat, weil ihr Mädchen keine Haare besitzt. Und auch Chrissys beängstigende Wutanfälle entstehen, weil die Mama so gut wie nie hinhört, wenn Chrissy etwas mitteilen will. In den nächsten Jahren wird sie nie merken, warum ihr Kind in ihrer Nähe so oft zu einem Bündel Wut werden muß.

    4

    Chrissy geht mit der Mama spazieren. Trotz ihrer Schwäche unternimmt sie viel mit ihrem Kind. Sie gehen durch Parks und über Friedhöfe, weil es da schön ruhig ist. Und weil es Mama braucht, denn Chrissy ist ein anstrengendes Kind. Auch in den Zoo gehen sie zusammen. Die Gorillas und Schimpansen dort sind Chrissy unheimlich, weil sie so laut und so schnell sind. Und es bestärkt Chrissy in ihrer Angst, weil die Mama immer fürchtet, daß ihre Kleine laut wird oder Wutausbrüche bekommt. Dabei heult Chrissy nur los, weil sie immer ‘an der Hand’ gehen soll. Denn die interessantesten Dinge sind dort, wo Mama nicht hin will. Chrissy mag Käfer, Steine und - Hundehaufen. Und manchmal gelingt es ihr, sich loszureißen. Wird sie dann eingeholt, bekommt sie zu hören, wie böse es ist, das zu tun. Wo doch die Mama sich immer so viel Mühe mit ihr gibt.

    Eines Tages hat Mama dann eine Idee. Bei den Zoobesuchen hat sie sich gemerkt, wieviel Furcht Chrissy vor den Affen empfindet. Und so erklärt sie ihr liebevoll, daß die Affen nur in Käfigen sind, weil ihnen als Kindern vom Weinen und Jammern die Haare zu einem so dicken Fell gewachsen sind, daß ihre Mamas sie nicht mehr anziehen können. Als Chrissy wieder einmal jammert, sucht ihr Mami ganz lieb den Rücken nach Haaren ab. „Halt still, Chrissy, hinten wachsen sie immer zuerst. Wir müssen sie gleich auszupfen, sonst wächst dir ein Fell und ich kann dir nicht mehr helfen. Wir wollen doch nicht, daß unsere Chrissy zu den Affen in den Käfig muß."

    Und sie zupft irgendwo ein Härchen aus. Lange braucht die Mami nicht nach Haaren zu suchen. Chrissy weint nicht mehr. Sie ist jetzt verständig genug, nicht in den Käfig zu wollen. Wenn sie traurig ist oder wütend wird, tritt sie nur um sich oder wird innerlich ganz steif. Aber Mama ist stolz auf ihre Idee - nur nicht ganz, wenn Chrissy um sich schlägt oder gar nach ihr tritt. Dann ist sie verzweifelt. Sie kann sich nicht erklären, woher dieses Verhalten kommt.

    Trotz allen Unkenrufen hat Chrissy am Ende doch noch Haare bekommen. Zum Glück auf dem Kopf und nicht auf Rücken, Armen, Händen oder Beinen.

    5

    Chrissy kann nicht verstehen, warum Mama immer tut, als sei mit Chrissy etwas nicht in Ordnung. Besonders dann, wenn sie krank ist. Chrissy fühlt sich mit Erkältungen nicht krank. Aber Mama fühlt sich nur wohl, wenn das Kind im Bett liegt und hilflos ist. Sie sorgt dann immer sehr lieb für Chris, bringt ihr Zwiebelsaft ans Bett als Mittel gegen Husten. Zum Essen gibt es Zwieback und heiße Milch oder Bananenbrei. Langweilig wird es so nie, denn die Mama erzählt oft schöne Geschichten und singt ihr am Abend vor, damit sie einschlafen kann. Wenn Papi es hört, findet er das nicht gut. Vielleicht ärgert sich Papi, weil er nicht singen kann oder weil Chrissy der Mami so ausgiebig zuhört.

    Chrissy muß nun viel ‘krank’ sein, weil es der Mama dann besser geht. Doch wenn sie einmal ernsthaft krank ist, muß die Großmama sie pflegen, weil die Mama Angst hat, es nicht richtig zu machen. Richtig krank bedeutet also für Chrissy, daß sie zu den Großeltern kommt. Das ist im Harz. Es ist weit weg von der Mama. Für sie ist bei Chrissy nur alles in Ordnung, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

    Etwas später ziehen Mama und Papa mit Chrissy auch in den Harz. Chrissy gefällt es dort sehr. Der Wald ist gleich vor der Tür, sie sieht, wie Hasen über die Wiesen laufen, und hört das Plätschern der Bäche. Sie freut sich über das Singen der Vögel und nimmt neue Gerüche in sich auf. Besonders begeistert ist sie, daß im Haus einige Mäuse wohnen. Mama fürchtet sich davor, und Papa muß Fallen dagegen aufstellen. Aber die Mäuse gehen nicht in die Fallen, auch Speck oder Käse überlisten sie nicht. So geht Papa mit dem Hammer auf Mäusejagd. Und Chrissy muß sehen, wie der Papa sein erstes Erfolgserlebnis hat. Danach geht sie ihm lange aus dem Weg.

    6

    Eines Morgens ist Chris allein im Wohnzimmer. Und weil es so verdächtig ruhig ist, geht die Mama sehen, was das Kind schon wieder angestellt hat. Sie findet es an der Glastür zur Veranda. Es sieht auf den ersten Blick alles sehr friedlich und unbeschädigt aus. Doch dann hört sie das Murmeln ihres Kindes. Scheint unverständliches Zeug zu sein, was die Kleine da brabbelt. Indem sie sich langsam und vorsichtig auf das Kind zu bewegt, sieht sie, wie das kleine Ungeheuer das ganze Türglas mit seinen Fett- und Marmeladefingerchen vollschmiert. Dazu murmelt es vor sich hin: „Pfui, du bist srecklich ungezogen. Die Mami hat dich gar nicht mehr lieb!" Und wieder ein paar neue Fingerspuren.

    Bei allem, was Chris hört und sieht, ist sie aufmerksamer als die Mami ahnt. So hat die Mami gesagt, als in der Küche Wasserdampf aus dem Kaffeekessel kommt: „Vorsicht, Chrissy! Das ist ganz heiß und brennt!, denn passieren soll der Kleinen nichts. Behütet wird sie sehr. Und als es an einem der kommenden Vormittage sehr nebeliges Wetter ist und die Mami mit ihr einen Spaziergang machen will, meint Chris nach einem Blick nach draußen: „Nein, da gehn wir nich hin. Da verbenn wir ja.

    7

    Mama entscheidet nun, daß Chrissy in den Kindergarten soll. Da Chrissy aber sicher nicht verstehen wird, was ein Kindergarten ist und warum sie dort hin soll, beschließt die Mama, vorher auf keinen Fall mit dem Kind darüber zu sprechen. Warum auch? Chrissy regt sich immer so auf, wenn etwas über den kindlichen Horizont geht. Deshalb ist es sicher besser, sie vor vollendete Tatsachen zu stellen. Daß Chrissy ‘nie etwas versteht’, liegt daran, daß Mama nie zuhört, wenn ‘das Kind’ Fragen stellt. So kann sie nicht begreifen, daß Chrissy nur deshalb nichts versteht, weil ihr nichts erklärt wird. Und Chrissy fragt auch so viel, weil sie kein Vertrauen mehr hat. Mama ist sehr unglücklich, ein so hysterisches Kind zu haben. Immer dieser Jähzorn, wenn es etwas nicht begreift. Nie widerspricht die Kleine. Also stimmt etwas nicht mit ihr. Auf die Idee, Chrissy zuzuhören, kommt sie nie. Und so kommt es, daß Chrissy nur noch mit Wutanfällen reagieren kann.

    Eines Morgens macht sie sich dann mit der seltsam unruhigen Chris, die immer spürt, wenn sie etwas nicht wissen soll, auf den Weg. Sie erzählt ihr alles Mögliche, zeigt ihr Weidenkätzchen, die erst unter Naturschutz und dann in Mamas Vase stehen, einen flüchtenden Hasen, ein besonders schönes Spinnennetz voll Tau und macht sie aufmerksam, wenn ein Vogel singt. So daß Chris bis zur Ankunft im Kindergarten ahnungslos ist. Auch ist ja zuerst alles harmlos. Viele Kinder sitzen an langen Tischen und frühstücken. Mama redet mit einer dunkelhaarigen dicken Frau in weißer Schütze.

    „Komm, Chrissy, sagt die Fremde, „ich zeige dir die anderen Kinder. Und sieh mal, wir haben hier so schöne bunte Laubsägearbeiten, und ein Kasperletheater haben wir auch! Chris dreht sich um, die Mama ist weg. Sie hört nur noch, wie die Tür hinter ihr ins Schloß fällt. Sie brüllt verzweifelt, will hinterher. Da merkt sie, wie sie festgehalten wird. „So, heißt es, „du setzt dich jetzt hier hin und hörst auf zu brüllen! Chris denkt gar nicht daran. Tränen der Wut und Enttäuschung laufen über das kleine Gesicht mit den jetzt vor Wut grasgrünen Augen. Und weil sie nicht aufhört, zu schreien, bekommt sie ein Pflaster auf den Mund. So bleibt ihr nur, die Kindergartentante so doll wie möglich zu treten und eine Tracht Prügel einzustecken.

    Als die Mama mittags Chris abholen will, wird ihr mitgeteilt, daß man ein derart ungezogenes Kind nicht brauchen könne. Auf dem Rückweg jammert die Mama, wie schlimm das doch alles für sie sei. Chris stampft mit dem Fuß auf und schreit ihrer Mutter ins Gesicht: „Die doofe Tante hat mich gehauen! Weil das schlecht zu überhören ist, reagiert die Mami auf ihre eigene sanfte Art: „Sieh mal, Chrissy, es ist nicht schön, daß du so ungezogen bist. Erhobener Zeigefinger. „Du darfst nie lügen! Wutgetrampel kleiner Füße auf dem Waldweg. „Hab nicht gelogen, die Tante hat gehaut! Zum Glück ist der Mama klar, daß Kinder lügen, deshalb bekommt Chris mit dem Handrücken einen Klaps auf den Mund.

    8

    Dann ist die Mama für sehr lange Zeit beim Papa im Ruhrgebiet. Wie lange, kann Chris nicht sagen, weil sie noch zu klein für solche Zeitbegriffe ist. Sie weiß nur, einmal ist sie mitgewesen. Und die Mama ist mit ihr zu einem großen Laternenzug gegangen. Zum Zusehen. Und erzählt hat sie ihr diesmal auch etwas. Nämlich daß der Zug an den heiligen Sankt Martin erinnert, der in der Kälte seinen warmen Mantel mit dem Schwert geteilt hat, um die Hälfte einem Bettler am Straßenrand zu geben.

    Als Chrissy dann wieder zu Hause bei den Großeltern im Harz ist, kommt der Umzug vom großen Haus am Wasserfall in ein kleineres, aber sehr schönes Haus in der Stadt. Alles wegen Chrissy. Sie ist jetzt fünf Jahre alt und soll schon eingeschult werden. Der Weg vom Wasserfall bis in die Schule ist für ein so kleines Mädchen zu beschwerlich. Dem Großvater fällt der Umzug sehr schwer, aber er liebt Chrissy. So findet der Haustausch ohne Bitterkeit statt, obwohl er viel zurücklassen muß: ein wirklich wunderschönes Haus mit einem Balkon, der die ganze Front einnimmt, einen riesigen Garten mit viel Rasen, großen Rhododendronbüschen und Rosen. Da wächst alles sehr gut, weil dort auch die Jauchegrube eingelassen ist. Chrissy findet es sehr spannend, wenn der Wagen aus der Stadt kommt und die Grube leerpumpt. Sie ist auch die einzige Bewohnerin des Hauses, die nicht klagt, daß es stinkt, wenn die Grube geleert wird. Zum Entsetzen der Großmutter geht sie immer so nahe heran, daß sie einmal fast hineingefallen wäre. Die Aufregung der anderen versteht sie nicht.

    Auch ein großer Obstgarten gehört dazu. Um an die Straße zu kommen, muß man über eine kleine Brücke gehen. Ein Teil des Waldes gehörte dem Großvater früher auch. Und das alles läßt er zurück. Genau wie die Fabrik, die nicht mehr in Betrieb ist, weil der Großvater im Krieg nichts für einen Herrn Hitler produzieren wollte. Das ist aber vor Chrissys Geburt gewesen. Als Chrissy diese Geschichte von den Großeltern später erzählt bekommt, ist sie sehr stolz auf ihren Großvater. Und dieses Gefühl wird immer anhalten.

    Chrissy ist nicht unbedingt begeistert von dem Umzug. Aber der Großvater erklärt ihr, das Haus am Wasserfall sei einfach zu weit von den Geschäften entfernt. Und wenn sie alle im Ort wohnten, könne die Großmutter auch mal in die Stadt. Allerdings zeigt es sich ein paar Jahre später, daß der Berg, an dem das neue Haus liegt, zu steil für die Großmutter ist.

    Das neue Haus ist weiß, hat aber leider kein Plumpsklo. Aber drei Klos mit Wasserspülung. Der neue Garten ist kleiner. Ein Rosenbeet führt vom Gartentor bis zum Treppenaufgang. Vor dem Wohnzimmer ist eine sehr große helle Veranda, die mit wunderschönen dicken Säulen an den Ecken einen Balkon für das obere Wohnzimmer stützt. Die Veranda wird an der einen Seite von einer dichten hohen Hecke, die bis an den Balkon reicht, begrenzt. In dieser Hecke sind viele Vogelnester. Einige dieser Nester findet Chris einmal an Ostern beim Eiersuchen. Die Großeltern sind traurig, weil Chris nachsieht, was in den Eiern ist.

    Vom Balkon aus kann man sehr schön im Dunkeln das alljährliche Feuerwerk sehen, das immer zur Kirmes und dem sogenannten Hexenfest stattfindet. Die Großmutter verspricht Chrissy, sie dürfe es diesmal direkt im Kurpark ansehen. Chrissy freut sich sehr auf dieses Abenteuer. Zuerst ist sie traurig, daß die Großmutter den Weg nicht mit ihr machen kann, weil es zu weit ist und man außerdem sehr lange stehen muß. Aber der Großvater will sehr gerne mit der Enkelin gehen. Wenn sie ehrlich ist, ist es die Großmutter, mit der einfach immer mehr los ist. Deshalb ist Chris erst etwas traurig. Der Großvater ist doch immer sehr ruhig.

    Und dann steht Chris an Großvaters Hand im Kurpark. Und das Tollste ist, daß der Großvater sie, als das Feuerwerk losgeht, die ganze Zeit auf seinen starken Schultern sitzen läßt und daß es ihm auch nicht zu viel wird, ihr alles zu erklären. Der Großvater ist immer glücklich, wenn Chris bei ihm ist und ihn fordert. Denn dadurch, daß er sehr ruhig ist, ist er auch oft allein.

    9

    Und Weihnachten mit den Großeltern ist auch sehr schön. Da geht der Großvater mit ihr einkaufen. Sie nehmen dann einen Schlitten mit, auf dem Chris fast die ganze Zeit sitzen und sich vom Großvater ziehen lassen darf. Sie muß nur aufpassen, daß die Milchkanne und die Einkaufstasche nicht vom Schlitten purzeln. Gibt es mal keinen Schnee in der Weihnachtszeit und es ist langweilig, geht er mit Chris zur Hauptstraße in das Geschäft mit den großen Pappen und den Anziehpuppen zum Ausschneiden. Dem Großvater hat sie nie etwas erklären müssen. Er versteht sie immer so.

    Was für Chris auch ganz neu ist, sind Nachbarn. Chris ist keine Grenzen gewohnt. Aber zum Glück sind die Nachbarn alle sehr lieb.

    Eine große Veränderung für Chris ist die Einschulung. Die Großmutter geht mit ihr hin. Sie ist stolz auf ihre Enkelin. Chris ist noch so klein, daß sie allen anderen Kindern auffällt. „Ach, wie süß, ist die aber noch klein", sagen sie und sehen auf sie runter. Dann kommt der erste Schultag. Dazu muß sie in die dunkle Schule mit den vielen Kindern und Lehrern hinein und eine finstere steile Treppe hinauf. Vorne tanzen einige Kinder und singen ‘Heini, Heini, was ist Heini dumm! Patscht mit allen Fingerchen im Tintenfaß herum.’ Also, der ist ja wirklich blöde. Das weiß Chris genau, daß man das nicht darf. Und dabei geht der schon länger zur Schule als Chris. Und ist so schrecklich blöd.

    Oft bringt sie der Großvater zur Schule. Chris hat ihre kleine Hand in seiner großen Hand versteckt und fühlt sich mit ihm immer ganz sicher. Auf dem Rückweg kommt Chris am Spielplatz vorbei. Und seitdem ihr der Großvater das Schaukeln beigebracht hat, kommt sie oft erst spät nach Hause.

    Eine Lehrerin hat sie, die wohnt ganz in der Nähe, die Mami findet sie ‘reizend’. Kein Kind mag diese Lehrerin, weil sie so streng ist und auch schlägt. Aber eine so reizende Dame! Wie gemein, daß sich diese Kinder solche Lügen über sie ausdenken. In den ersten Schulwochen hat Chris einmal die Idee, von einer Banane, die sie in der Pause gerade aufgemacht hat, als die Glocke bimmelt, abzubeißen. Sofort ist die Dame aus der Nachbarschaft zum Schimpfen an Chrissys Pult. „Was fällt Dir denn ein? Wir haben jetzt Unterricht. Leg die Banane gefälligst weg! Chris ist eher erstaunt als erschrocken. Zumal ihr die Großmutter erklärt hat, eine Banane, die man aufgemacht habe, müsse gleich gegessen werden, weil sie sonst braun wird. Das versucht sie nun der aufgebrachten Dame an ihrem Pult zu erklären. Weit kommt Chris aber nicht damit. Die Lehrerin hört nämlich nicht zu. Als Ausgleich dafür bekommt Chris eine Ohrfeige, daß sie denkt, ihr Kopf sei ab. Aber irgendwie ist sie nicht sonderlich beeindruckt. Die Lehrerin muß wohl sehr dumm sein, wenn sie nicht weiß, daß offene Bananen braun werden. Und so sagt Chris freundlich, aber bestimmt: „Na, dann kann ich sie jetzt wohl essen! Vorne an der Tafel steht eine puterrot angelaufene und sichtlich ratlose Dame, die sich auf dem Heimweg bei Chrissys Großeltern beschwert. Dazu ist die Nachbarschaft ja praktisch. Die Großmutter amüsiert sich über die pfiffige Reaktion der Enkelin und sagt der Dame, das Kind sei im Recht gewesen. Von nun an macht die Pädagogin auf dem Heimweg einen Bogen um die Großmutter von Chris.

    Überhaupt ist das mit der Schule so eine Sache. Der Klassenlehrer hat seinen Spaß an der quirligen Chris. Zum Entsetzen der Mutter und zur Freude der Großmutter ist er recht nachsichtig. Eines Tages erzählt er der Großmutter, als er sie zufällig in der Stadt trifft, die Chris habe sich mitten in der Stunde umgedreht und zum Jungen hinter ihr ‘du Arschloch’ gesagt. Auf seinen leichten Tadel „Aber Chris, so etwas sagt man doch nicht, sei die kühle Antwort gekommen: „Sie wissen gar nicht, warum ich das gesagt habe. So sei er, sämtlicher pädagogischer Fähigkeiten auf einen Schlag beraubt, vor unterdrücktem Lachen fast geplatzt und habe nun sehen müssen, wie er den Unterricht ohne größere Ausfälle beenden konnte.

    Eine Freundin hat Chris auch gefunden. Es ist ein lustiges blondes Mädchen mit langen Zöpfen, das vor keinem Schabernack zurückschreckt. Zu den Spezialitäten der fürchterlichen Zwei gehört es, im Winter regelrechte Eisbälle zu formen und dann offene Fenster zu suchen. Jeder Treffer wird bejubelt - ungeachtet der Tatsache, daß die Kinder dann auch entdeckt werden. Aber am liebsten liegen die Mädchen friedlich im Wohnzimmer von Sabines Mama rum und hören dem ‘Lachenden Vagabunden’ von Fred Bertelsmann zu. Dann sehen die Kinder aus, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Und Sabines Mama fällt auch lange darauf rein.

    Wie gesagt, lange - aber leider nicht ewig. An einem Nachmittag verfallen Chris und Sabine auf die verhängnisvolle Idee, Friseur zu spielen. Dabei ist eigentlich alles die Schuld der Großen. Auf dem Schulweg kommen die Kinder täglich an einem Frisiersalon vorbei, aus dem die Damen mit frischen Locken und manchmal neuer Haarfarbe heraustreten und die Nasen so hoch in die Luft stecken, daß es an ein Wunder grenzt, daß sich keine von ihnen ein Bein bricht. Zuerst sind die Kinder damit beschäftigt, bewundernd ‘oh’ zu rufen - oder, wenn sie jemanden nicht leiden können, ‘je’. Auch den Gang à la ‘Hans-Guck-in-die-Luft’ ahmen sie nach. Nur ist das auf die Dauer langweilig. Also schreitet man eines Nachmittags, als die kleinen Chaoten ganz sicher

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