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Die Hürde des Lichts
Die Hürde des Lichts
Die Hürde des Lichts
eBook110 Seiten1 Stunde

Die Hürde des Lichts

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Über dieses E-Book

Das Leben der Hauptfigur B. zu Hause, in der Bahn nach A. und auf dem Werksgelände wird offensichtlich von einer subtilen, nie wirklich in Erscheinung tretenden Gewalt bis in die intimsten Bereiche überwacht, von Kontrolleuren, einem geheimnisvollen Bahnarzt, von Hundepatrouillen ebenso wie einer seltsamen dünnen Gestalt oder der Nachbarin an der Grundstücksgrenze. Es scheint, als gäbe es keinen sicheren Halt. B. wird Teil unübersehbarer Massen, und er fragt sich, ob das Mitgeschobenwerden nicht das Natürliche ist, "wie vollkommene Freiwilligkeit”. Der Briefträger jedoch und später dessen Frau nehmen wenig Notiz von dieser Gewalt, ja sie entwickeln sich zu einer Art Gegengewalt der Sorglosigkeit und Freiheit. Wie in einem seltsam zukünftigen Märchen läßt der Autor seine Figuren agieren, in einer Welt der Zwänge, und es wird dem Leser nicht leicht gemacht, Täter von Opfern zu unterscheiden. „Aber das Unerwartete des Romans ist für mich nicht dieses… Ende, sondern der kafkaeske Versuch, die unserer Verdrängung zum Opfer fallenden Anteile der Wirklichkeit bildhaft darzustellen.“ Karl-Heinrich Lumpp
SpracheDeutsch
HerausgeberCassiopeiaPress
Erscheinungsdatum11. Aug. 2015
ISBN9783956174742
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    Buchvorschau

    Die Hürde des Lichts - Rudolf Stirn

    Lumpp

    Die Hürde des Lichts

    B. litt unter ihrem Mißtrauen. Sie schaute ihm zu, und in ihren Augen war dieser besondere Funke. Ein Lachen ging von ihr aus, das ihn einholte, auch wenn er rasch fortging. Auf dem Weg nach A. hörte er ihr Lachen.

    Weit von ihm abgerückt stand sie und hatte die Fenster geöffnet. Ihr Lachen wehte in die Gärten hinaus. Vergeblich hielt er sich die Ohren zu.

    B. versuchte es mit Trinken. Er begann alles Mögliche in sich hineinzuschütten, um zu vergessen. Ihr Lachen hatte einen unheimlichen Durst in ihm geweckt.

    Wenn es ihm dann übel war, stand er an die Wand gedrückt, und nach einiger Zeit gelang es ihm zu erbrechen.

    In den Gärten standen sie hinter den Bäumen und hörten ihn. Über ihren Köpfen schwang noch das Lachen. Luftsprünge, schrie sie hinab, beugte sich weit aus dem Fenster. Sie hielt Ausschau nach betretenen Nachbarn.

    Oft begann es mit einem Schluckauf. Es war eine kleine Schwäche von ihm, auf die sie zu warten schien. Ihre Reden wiesen auf ihr bevorstehendes Lachen. Gleich würde sie wieder nachgeben. Es war nur ein Weg übrig, auf den sie ihn trieb. Er rannte dann, atemlos, stürzte in die Nacht davon, immerzu A. entgegen. Erschöpft und eingezwängt, ein Bahnfahrer, so wollte es enden. Ihr Lachen riß sie fort von ihm. Aus dem Fenster schwebte sie, wurde leicht, und es hob sie ganz hoch hinauf. Bäume, Gärten. Die Nachbarn schwer, betrunken von dem herabtropfenden Licht der Sterne. Luftsprünge.

    War B. fort, schloß sie die Fenster. Alles schien jetzt zerbrechlich und klein. Sie sammelte heruntergefallene Schmetterlinge auf. Nägel hingen schwarz aus dem rissigen Putz. Bilder über den Boden zerstreut, über die sie sich hinwegrettete. Fensterschatten, in welche sie stürzen konnte.

    B. flog durch die Nacht nach A. Er flog, ein schlecht befestigter Mensch. Die nackte Welt. Die dahinrollende Bahn. Das Lichtergefunkel in seinem Herzschlag, der sich bäumende Atem. So war B. unterwegs, mit geschlossenen Augen.

    Die Karte, forderte eine Stimme.

    Die Hände flatterten, sie kannten den Weg nach A.

    A.war kein Trugbild, war ein unüberwindliches Bedürfnis. Hinter der Stimme ragte die Uniform ins Licht, aus ihren Ärmeln krochen Tiere, Hände. Tiere, Hände.

    B.hielt den Händen die Karte hin, sah, wie die Tiere sie zerrissen. Die Tierhände zerrissen seine Karte. Im Sausen des Fahrtwinds verlor sich der Weg nach A.

    Wie der dicke Mann umlagert wurde. Offensichtlich ein Arzt. Es gab wieder Ärzte für die Bahnfahrer, B. sah seine hängenden Backen. Er starrte in die geduldig blinzelnden Augen. Dieses bläßliche Blau, unerschütterbar durch die andrängende Neugier.

    B. starrte auf die schweren Hände, die unbeweglich auf den dicken Schenkeln lagen. Ein Bauer, ein vom Land hierher verirrter Bauer. Auch die Arzttasche, zwischen die Beine gestellt, konnte den Eindruck nicht mildern. Manchmal war es B., als bewache der Arzt nur seine Tasche. Irgendeine Anweisung vielleicht, gegen die zu verstoßen ihn nichts verlocken konnte. Mochte es dringende Falle geben, B. jedoch hatte nie einen Bahnarzt seine Tasche öffnen sehen. Dringende Falle, wer wollte entscheiden, wann ein solcher sich je ereignete?

    Waren nicht alle bemüht, die blinzelnden Augen des Dicken auf sich zu lenken? Fahrtziel schien nur dieses kleine, unbeirrbare Blau, mit dem dieser Mann die Bahnfahrer an sich band.

    Wandte B. sich aber um, erweckten alle den Anschein, keiner Hilfe zu bedürfen, denn für die Beförderung galten strenge Bedingungen. Manche mühten sich, gelangweilt dreinzublicken. Nur daß die Enge der Bahn und die Vielzahl ihrer Benutzer solche Haltung erschwerte. Ob der Mann mit der Tasche überhaupt etwas wahrnahm von dem, was die Fahrt nach A. in Gang gesetzt hatte?

    Wenn A. nahe war, suchten die Hände. Aus den Manteltaschen kramten sie Reste der Nacht hervor. Die Hände klammerten sich an den Faden. Ein Endchen, das zwischen seinen Fingern pulste. Sie strichen darüber und lauschten dem unhörbaren Ton. Ton aus A., Leitton. In der Hand quoll die Karte, für die er bezahlt hatte. Ein Papierberg aus Angst. Vor A. lagen die Angstberge, kleine fliehende Hügel mit Morgenschimmer. Pferderücken. B. ritt auf Geräuschen nach A. In den Händen der Faden, dünnster Zügel.

    Der Bahnton nur noch ein singender Kreis. Eng an eng stand B., eine kleine Kerbe im Schattenrücken. Vorwärts. In die Hallen, schrie es in ihm empor. Keine nach außen brechende Stimme. Eine still arbeitende Zuversicht. B. war gewillt. B. hastete vor. B. raste zurück. Eine unbezwingliche, vom Mondlicht genährte Hast.

    B. im schäbigen Mantel, den Kragen kratzend hochgestellt.

    Aus der Bahn geworfen vor A. Einen Augenblick Umkehrwünsche. Übermächtig. Der Gang schon schleichend. Schatten an Schatten geduckt.

    Warum nicht Heimfahrt, Verkriechen in Bett und Krankheit? Die Schritte ganz kurz. Ganz kleine Schritte. Das sich nähernde Gewirr.

    Das große Werkstor in A. Die emporgereckten Nacken der Hallen. Die Mähne zwischen den gelben Schloten. Schwefelgezirpe.

    Bis zu welchem Punkt noch, schrie die Neugier. Wetteiferte mit der Geduld, der Zerknirschung, der Angst.

    Die Station von A., hoch über dem Hallengelände. Hoch genug für die Übersicht. Von dort treibt die Schattenherde dem Tor zu. B. zählt nicht die Schritte. Sein Atem entflicht die Linien. Sein Herz zählt die Gedanken, die Atemzüge. Schritte nach A. Im Gehen Verluste, schwindende Deutlichkeiten.

    Als die Kassen auftauchten, das Dunkel der Eingänge schon undurchdringlich erschien, stand B. einen Augenblick still. Stand B.s Herz einen Augenblick still. Schwand, schwoll. Versank. Vertropfte in Ratlosigkeit. In A.

    Seit B. Bahnfahrer war, machte er Beobachtungen. Nahm Vorgänge wahr. Bemerkte, was ihm bisher entgangen war.

    Wind warf es von den Straßen hoch, trieb es in die Gesichter, bedeckte die Nacken mit Staub. Hallenstaub. Der Weg von der Station zu den Hallen gab ihm Gewicht.

    Großzügig geschmückte Plätze nahm er jetzt wahr. B. sah die Wimpel flattern. Er sah den Fahnenschmuck. Aus den Bahnen stiegen die Hallenbesucher. Alle Bahnen warfen Besucher an Land. Sie stiegen hinab nach A.

    Alle Plätze senkten sich, hatten Neigung den Hallen zu, brachten die nicht abreißende Bewegung hervor. Bahnfahrer wurden Hallenbesucher.

    Auf dem Weg nach A. war nicht jeder bereit. Mancher wurde ganz spät erfaßt. Andere entschlossen sich, von den Fahnen im Augenblick überredet. Auf den Fahrten war es noch ohne Bedeutung.

    B. sah die Plätze, als wären sie eben der Leere der Nacht entstiegen. Schwarz, die Fahnen unberührt von den Blicken, wie neu. Die Wimpel nickten. Die Wirkung ganz unerhört. Man schien zu erproben, wieviel ein Fahnenmeer zu bewegen vermochte.

    Solche Beobachtung lenkte ab. Half B., den Weg zu den Kassen zu gehen.

    Sein Körperzustand erschien ihm gut. Für einen Erfolg war nichts von geringer Bedeutung. Körperlich war er gerüstet. Die Lunge atmete, das Herz schlug kräftig.

    In Gedanken ging B. seine physischen Stärken und Schwächen durch. Auf dem Weg nach A. wurde deutlich, was Stärke, was Schwäche war. Früher war es ihm als Standpunktsache erschienen. Er konnte ruhigen Auges allen Befragungen entgegensehen.

    Brachte jemand die Sprache darauf, wollte B. nicht unvorbereitet sein. Unablässig prüfte er sich, versuchte sich jede denkbare Enge vorzustellen. Es war ja nicht sicher, ob es in A. zur Sprache kam.

    Denn hier spielten Worte herein, die man ihm als Kind verboten hatte. Vielleicht galt es in. A., die Verbote zu überspringen. Vielleicht half es B., die Lacher auf seine Seite zu ziehen.

    Auf der Gartentreppe hörte B. ihn nach Luft ringen. Der Briefträger war immer atemlos, obwohl Treppensteigen sozusagen zum Beruf gehörte.

    So viele Stufen, sagte er anklagend, wenn er oben war. Er brachte nicht jeden Brief ins Haus, nur die wichtigsten, wie er beteuerte. Offenbar wußte er, welche Briefe wichtig waren, hatte den Blick für Absender, konnte Inhalte nach dem Gewicht abschätzen. Manchmal machte er den Gang, weil er sich über das Unkraut auslassen wollte.

    Der Briefträger war stets auf Gespräch aus, bestellte Grüße an B., wenn dieser auf Schicht war. Er ließ sich nicht abwimmeln, sobald er B. im Haus vermutete. Stand B. ihm gegenüber, fragte er, die Hand auf der Briefträgertasche, ob dieser die Zeitungen schon gelesen habe.

    Mit den Augen leuchtete er in B.s Gesicht, immer angriffslustig, doch auch zu plötzlichem Rückzug bereit. Dann wirkte er ratlos. Hatte ihn ein in B.s Gesicht bisher unentdecktes Unglück entmutigt?

    Du vertrödelst Zeit

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