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crystal.klar

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crystal.klar

Länge:
368 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
24. Jan. 2018
ISBN:
9783946086376
Format:
Buch

Beschreibung

Als Dominik Forster zum ersten Mal durch die Tore der Nürnberger Hauptschule tritt, beginnt sein Leben als Underdog. Erst Drogen und Crystal Meth machen den ängstlichen Jungen zu dem Menschen, der er immer sein möchte, und mit dem Einstieg ins Drogengeschäft beginnt der vermeintliche Aufstieg, umgeben von vermeintlichen Freunden: er wird zum Topdog. Dieser Weg führt ihn ins Gefängnis, in eine Welt aus Brutalität, die einzig zwischen „Mann“ und „Opfer“ unterscheidet und in der die Zeit nur
genutzt wird, um den nächsten Coup zu planen … Entzug und Therapie helfen Dominik Forster aus diesem Teufelskreis auszubrechen und das selbstbestimmte Leben zurückzugewinnen, das er heute führt. Dieses Buch markiert einen Teil seines Weges. Ein Roman, ein Bekenntnis, eine Bewältigung der Vergangenheit, die dem Leser rückhaltlos die zerstörte Welt einer Jugend vorführt, die im Bann von Crystal Meth steht, der Droge Nummer 1 einer egomanischen Leistungsgesellschaft. Ein Vorstoß, wie es ihn seit Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo nicht mehr gegeben hat.
Herausgeber:
Freigegeben:
24. Jan. 2018
ISBN:
9783946086376
Format:
Buch

Über den Autor

Dominik Forster ist seit 2013 als ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Suchtprävention in Nürnberg tätig. Daneben ist er Mitbegründer des Mountain Activity Clubs, einem gemeinnützigen Verein für Prävention und Peerarbeit, und beteiligt am Projekt Spotting - selektive Prävention für junge Risikokonsumenten/innen, das vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird.


Buchvorschau

crystal.klar - Dominik Forster

Dank

[ PROLOG

Ich starre auf die Digitaluhr des serienmäßigen Navis in unserem schwarzen VW Touareg. Lange Zeit konzentriere ich mich einzig auf den digitalen Minutenzeiger. Mein starrer Blick bewirkt, dass meine Augenlider zu zittern beginnen, meine Augen austrocknen und brennen. Ein seltsames, zuckendes Rauschen dringt durch den Nebel meiner Konzentration. Immer und immer wieder.

Die ersten Sonnenstrahlen und ein lauwarmes Lüftchen machen den Tag zum schönsten des Jahres. Neben mir befinden sich noch drei Typen an Bord. Reisner, Bockhans und Haller. Drei, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Haller sieht aus wie ein Steuerberater. Dicke Brille, schmalzige Haare und Wampe. Dem steht die Unsportlichkeit förmlich ins Gesicht geschrieben. Dafür verfügt er über einen ausgezeichneten Verstand. Ganz anders Bockhans, der ist groß, fast zwei Meter, dünn, mit wildem Haarschnitt und einem total lässigen Vokabular. Der Dritte ist Reisner. Reisner sieht aus wie Sid, das Faultier aus Ice Age. Keiner benutzt das Wort »Alter« so oft wie er.

Vom Zentrum Nürnbergs fahren wir Richtung Nordstadt. Wir passieren den Stadtpark. Mein Blick wendet sich von der Digitalanzeige ab, schweift umher, bleibt bei spielenden Kindern im Park hängen. Für jenen kurzen Moment des Vorbeifahrens schnürt sich meine Brust zusammen und ich wünsche mir nichts so sehr, wie wieder ein Kind zu sein und dort zu spielen und zu tollen. Ich schwitze vor Aufregung und schiebe nervös meinen Unterkiefer hin und her. Mit meinem rechten Fuß tippe ich auf und ab. Eins, zwei – kurze Pause – drei, vier, fünf, sechs … Während mein Körper sich gegen meinen Willen bewegt, kreist er nun in mir, dieser verzweifelte Wunsch, wieder ein Kind zu sein. Naiv und unbeschwert. Wie schön das war, weiß man erst, wenn die Jahre vorbeigezogen sind.

Meine linke Hand umklammert die schwarze Sturmmaske, meine rechte liegt auf der Maschinenpistole, genauer gesagt der MAC-10, der amerikanischen Variante einer Uzi!

Unser Plan steht. Wir sind auf dem Weg, uns alle Zutaten zu holen, die wir für die Herstellung von Crystal-Meth benötigen. Die pharmazeutischen Bestände des Städtischen Klinikums wurden erst kürzlich aufgefüllt, so dass sich vor Ort genug Pseudoephedrin und andere Chemikalien wie Ammoniak, roter Phosphor, Bioethanol, Aceton, reiner Alkohol, Xylol und Petroläther befinden sollten. Das wird reichen, um mehr als hundert Kilo herzustellen.

Methamphetamin ist die stärkste Form der gängigen Amphetamine, gerne auch Speed genannt. Das Meth, das auf den Straßen verkauft wird, hat im Schnitt einen zehnprozentigen Reinheitsgrad und wird für achtzig Euro gecheckt. Das heißt, wenn wir ein Kilo mit Bittersalzen auf fünf Kilo strecken, wäre unser Meth immer noch doppelt so gut wie der Straßendurchschnitt. Um Chefanbieter zu werden, wollen wir es aber nur um die Hälfte aufstrecken. Unser Meth soll einen Reinheitsgrad von ca. fünfundvierzig Prozent haben. Das Kilo verkaufen wir für fünfzigtausend Euro. Macht bei hundert Kilo reinem beziehungsweise zweihundert Kilo gestrecktem Meth einen Verkaufswert von fetten zehn Millionen Euro!

Meth ist nicht nur irgendeine Droge. Meth bedeutet ungebremstes Selbstbewusstsein. Meth bedeutet, ich kann alles, ich bin alles! Immer, auf Knopfdruck und endlos! Meth schenkt dir die Illusion, glücklich, überlegen und unbesiegbar zu sein. Garantiert! Es gibt dir alles, was du noch nie gewagt hast zu haben. Es gibt dir das Gefühl, jemand zu sein! Besser noch, es gibt dir das Gefühl, DER zu sein! Meth ist somit auch höchst interessant für die zahlungsstarke Klientel, für Möchtegerns und Emporkömmlinge, die andere ausbooten und übertreffen müssen. Die Überlegenen, die Sieger und Macher, die immer auf dem Punkt sind, keine Fehler machen, Leistung bringen, ohne müde zu werden, konzentriert und überzeugend. Geiler Stoff für geile Sieger! Das sind unsere Kunden! Der Rest wird von alleine kommen. Wer glaubt schon, nur mit frustrierten, desillusionierten Jugendlichen Kohle machen zu können.

Unser Kumpel Mark arbeitet im Krankenhaus. Er verschafft uns Zugang und sorgt dafür, dass wir nicht gleich entdeckt werden. Für den Fall, dass wir doch frühzeitig auffliegen und jemand Alarm schlägt, haben wir zwei Ablenkungsmanöver geplant. Am Hauptbahnhof und am Flughafen werden um 14.30 zeitgleich zwei kleine Kofferbomben hochgehen. Nix großes, nur ein bisschen Peng und Panik, keine Toten und Verletzten. Genug aber, damit die Bullen alle Hände voll zu tun haben und die panische Menge wieder beruhigen müssen. Ein kleiner Krankenhausdiebstahl steht da hintenan.

So der Plan. Unzählige Nächte habe ich mich schlaflos herumgewälzt und überlegt, ob ich mitmachen soll. Eigentlich wollte ich keine Drogen mehr anfassen und versuchen, gerade zu leben. Ich bekomme aber einfach keinen Fuß auf den Boden! Dauernd wird mir meine Vorgeschichte um die Ohren gehauen, von allen bekomme ich wieder und wieder ein »Nein« zu hören. Ich bekomme keine Wohnung, ich bekomme keine Arbeit, ich hab Schulden und eine Privatinsolvenz am Laufen und mein neues Leben ist grau und trist. Klar, es ist nicht nur schlecht, ich habe ein paar Freunde und eine Familie, die sich freut, dass ich jetzt ein anständiges Leben führen will, doch davon kann ich mir verdammt nochmal nichts kaufen. Ich bin jung, gerade mal dreiundzwanzig Jahre alt, ich kann was und will was, will anständig mein Geld verdienen und niemandem auf die Nerven gehen. Aber ich will kein beschissenes Hartz IV und keine beschissene Assibude, wo keiner wohnen will und dir die Penner vor die Tür kotzen. Ich will einfach nur eine, eine einzige kleine Chance! Aber Arschlecken! Die Türen fallen zu, sobald die Deppen Knast hören! Dominik, der Loser; keiner will dich, keiner braucht dich. Hunderte sinnlose Bewerbungen, ranzige Bude, Hartz IV, Sachbearbeiter, die mich spüren lassen, dass ich selbst schuld bin, die mir am liebsten den Finger zeigen würden, einer von zahllosen Vorbestraften und Drogenabhängigen, ein Nichts, ein Niemand, eine Last. So sieht mein ehrliches Leben aus. Fickt euch! Dann halt wieder die andere Nummer! Ich hab mich entschieden und in meinem Kopf sprüht es nur so vor Kriminalität und Tatendrang, mir ist fast schwindlig vor Wut und Hass. Der Drang, im Geld zu schwimmen, endlich wieder jemand zu sein. Schluss mit dem Penner, Schluss mit dem Kratzen, Bitten und Betteln.

Diesmal hat ALLES Hand und Fuß. Jetzt bin ich hier mit ein paar anderen Ex-Knackis, die das Gleiche durchgemacht haben wie ich. Die genauso verraten wurden, die genauso viel Scheiße fressen müssen und die genauso entschlossen sind, dieses eine Ding, heute, hier und jetzt durchzuziehen. Möge nur bitte keiner den Helden spielen und uns aufhalten wollen!

Die Fahrt zum Krankenhaus kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Gleich hört sie auf, diese Anspannung, diese unerträgliche Anspannung. Im Kopf geh ich noch einmal unseren Plan durch. Jeder von uns weiß, was zu tun ist, jeder weiß, wann er wie zu handeln hat.

Wir sind da, die Tür springt auf … SHOWTIME!

KINDHEIT ]

Ich bin als normales Kind in einer normalen Gegend in der Nürnberger Südstadt aufgewachsen. Ich lebte dort mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder in einer Vierzimmerwohnung, zweites Obergeschoss, typisches Mietshaus, eines von tausenden.

Unsere Hausverwalterin war eine alte, fette und verbitterte Hexe, hatte es sich offensichtlich zur Lebensaufgabe gemacht, allen auf den Nerv zu gehen. Ihr Lebensinhalt bestand darin, stets darauf zu achten, welcher Mieter wann und wo gegen eine ihrer heiligen Regeln verstieß.

Ihr Mann war eigentlich ganz cool, leider stand er voll unter dem Pantoffel seiner Frau. Ihr Sohn war definitiv nicht das hellste Licht am Kronleuchter. Dümmer als er waren nur noch seine Freunde. Wenn er von seinem Vater ein neues Fahrrad bekommen hatte, sah man seine Freunde am Spielplatz neben ihm herrennen. Die konnten sich so ein Bike natürlich nicht leisten. Wie man nur so doof sein kann? Er fand das natürlich super. Er fühlte sich wie ein König. Ich hasste diesen Arsch, muss allerdings gestehen, dass auch ich selbst einige Male bei ihm zu Hause gewesen bin. Allerdings nur, um Süßigkeiten abzustauben. Für zwei Stunden spielen gab es Schokolade und Gummibären ohne Ende.

Die ganze Wohnung stand voller schwerer Holzmöbel, richtig spießig. Im Fernsehen lief immer das Erste.

***

Zwei Stockwerke über uns wohnten Regina, die beste Freundin meiner Mutter, und deren beiden Kinder. Mit Sebastian und Claudia verstand ich mich sehr gut. Sie war fünf Jahre und er drei Jahre älter als ich. Claudia war sehr nett und zum Entsetzen meiner Freunde fand ich sie wirklich hübsch. Meine Freunde, denen ich auf dem Spielplatz von ihr erzählt habe, lachten mich aus und meinten, ich sei eklig.

Mit Sebastian und seinen Freunden spielte ich damals ständig Fußball. Ich fand es toll, als kleiner Scheißer schon mit den Großen kicken zu dürfen. Ich wollte später unbedingt zum Club, als Profi viel Geld verdienen und irgendwann mit Ronaldo zusammen in einer Mannschaft spielen. Fußball war einfach super. Ich bolzte jeden Tag – egal mit wem und egal gegen wen – bis die Straßenlaternen angingen und ich nach Hause musste.

Das Größte war für mich, wenn mein Vater abends nach der Arbeit noch zu uns auf den Bolzplatz kam und mit mir und den anderen aus der Nachbarschaft gekickt hat. Mein Papa war einfach super. Er kam mir immer riesig vor, obwohl er nur eins siebzig groß ist. Damals hatte er kräftiges, langes schwarzes Haar, eine runde Brille und einen runden Bauch. Dafür Arme wie Popeye, der Seemann. Zusammen waren wir ein super Team und verstanden uns blind. Jeder meiner Freunde hätte gerne so einen Papa gehabt. Ich war mächtig stolz auf ihn. So stolz, dass ich in der siebten Klasse einen ganzen Aufsatz über ihn geschrieben habe. Thema: Wie ich einmal werden will! Die meisten wollten Superheld oder Polizist werden. Ich wollte einfach nur werden wie mein Papa.

***

Mit neun Jahren bin ich dann vom Werkstattdach gefallen. Eigentlich sollte ich da schon tot sein.

Mein Dad besaß eine kleine Autovermietung. Für die Firma veranstaltete er jeden Sommer ein kleines Grillfest im Hinterhof. Ich fand es furchtbar langweilig, die ganze Zeit mit den Erwachsenen am Tisch zu sitzen, zwischen den blöden Aschenbechern und Bierflaschen. Also habe ich lieber in der Einfahrt Fußball gespielt.

Reinhard, Papas bester Freund und Kollege, ein super Fußballer, hatte mir coole Fußballtricks gezeigt: wie man mit dem Außenrist schießt und sowas. Die hab ich dann versucht, alleine nachzuahmen. Auf diese Weise habe ich meinen Ball aufs Werkstattdach geschossen. Also stieg ich zunächst auf einen kleinen Zaun, vom Zaun auf einen Baum und vom Baum auf ein kleines Trafohäuschen, von dort schließlich rüber aufs Werkstattdach. Wow, ich war mächtig stolz auf mich und wollte meinem Papa zeigen, wie ich da alleine hochgekommen bin. Nur habe ich ihn gar nicht mehr gesehen. Er mich vermutlich auch nicht. Keiner hat mich gesehen. Als ich vom Dach hinunterschaute, bekam ich voll die Panik. Es waren locker fünf Meter, und ich hatte keine Ahnung, wie ich da je wieder heil runterkommen sollte. Ich beschloss, auf die andere Seite zu gehen. Auf halbem Weg stieß ich auf so eine Kuppel aus Kunststoffglas. Da wollte ich unbedingt durchschauen! Ab dem Moment weiß ich nichts mehr.

Aufgewacht bin ich auf der Intensivstation im Krankenhaus, mit Schläuchen und Drähten im Körper. Die Ärzte erzählten mir später, dass ich ununterbrochen geschrien habe. Vermutlich, weil ich nichts mehr gehört hatte. Ich bin aus fünf Metern ungebremst mit dem Kopf auf den Betonboden gekracht. Diagnose: dreifacher Schädelbasisbruch mit Innenohrabriss. Die Knorpel in meinem Ohr hatte es in die Schädelmitte gedrückt und mein Trommelfell zerfetzt. Ich hätte eigentlich tot oder zumindest behindert sein müssen.

Drei lange Wochen blieb ich im Krankenhaus, davon eine Woche auf der Intensivstation. Mein Vater wich die ganze Zeit nicht von meiner Seite, er war immer da. Als ich im Koma lag, las er mir aus meinem Lieblingscomic vor. Immer und immer wieder, solange, bis ich aufgewacht bin. Meine Mutter kam jeden Tag mit meinem kleinen Bruder zu Besuch.

Sie erzählte mir später, dass die eine Seite meines Kopfes ganz normal ausgesehen habe, während die andere auf die dreifache Größe angeschwollen war. Ähnlich wie bei einem Wasserkopf – völlig entstellt.

Dennoch ging es mir überraschend schnell wieder besser. Allerdings dachten die Ärzte, dass mein Kopf etwas abbekommen habe, weil ich den ganzen Tag lachte. Aber das war Blödsinn! Ich war einfach nur froh und glücklich, so viel Zeit mit meinem Vater verbringen zu können. Gemeinsam erforschten wir das Südklinikum, welches erst neu gebaut worden war. Mein Papa schob mich dabei mit dem Rollstuhl durch die Gegend und jedes Mal bekam ich eine Pizza. Ich fand das alles herrlich aufregend, es ging mir gut.

Meine Verletzungen sind schnell abgeheilt, übrig blieb nur eine große Narbe hinter dem linken Ohr. Nach sechs Monaten hab ich wieder Fußball gespielt, als wäre nix gewesen, und selbst Kopfbälle waren für mich kein Problem. Das Kicken war natürlich gegen den ärztlichen Rat, aber nichts konnte mich davon abhalten, auf dem Bolzplatz zu stehen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, was das Leben noch mehr zu bieten hätte. Ich war elf Jahre alt geworden.

***

Mit der Zeit entwickelte ich neben dem Kicken eine neue Leidenschaft. Ich ging auf den Aktivspielplatz. Auf dem Aktivspielplatz, der nur ein paar Blocks von unserer Wohnung entfernt lag, konnte man sich selber Holzhäuser bauen. Hämmer wurden gegen Pfand verliehen, und um eine Hunderterpackung neuer Nägel zu bekommen, musste man zunächst zweihundert kaputte Nägel einsammeln. Auf dem ganzen Gelände lagen Berge von Brettern und Dielen herum. Die stammten zumeist von alten Häusern, die eingestürzt oder abgerissen worden waren, weil man den Platz für was Neues brauchte und das Alte sich nicht mehr rentierte.

Der Stichtag für die Benutzung des Aktivspielplatzes war der vierzehnte Geburtstag. Wenn man erst mal über vierzehn war, durfte man nur noch als Besucher kommen. Die meisten aber kamen gar nicht mehr, die hatten dann besseres zu tun, wie zum Beispiel rumhängen, rauchen oder mit Mädchen rummachen.

Umso besser für uns Kleine. Ich war dort immer mit meinem besten Freund John Reuel. Seine Eltern waren die totalen Herr der Ringe-Freaks. Sie zogen sich komisch an und hatten nicht besonders viel Geld. John Reuel wurde oft gehänselt, aber ich mochte ihn. Ich hatte ihn, als ich sechs Jahre alt war, beim Dauerschaukeln auf dem Spielplatz kennengelernt.

Zusammen haben wir über tausend Nägel gesammelt. Genug, um ein super Haus zu bauen. Es sollte höher und schöner als alle anderen Häuser zusammen sein, wir haben wochenlang daran gebaut.

Irgendwann allerdings war es dann vorbei. Fußball war noch immer der Dauerbringer, nur hab ich dort natürlich lieber mit dem talentierteren Antonio zusammengespielt als mit John Reuel. Ein klassischer Interessenkonflikt. Leider hat John Reuel nicht verstanden, dass beim Fußball eben andere Qualitäten gefragt sind, als die, die er mitbrachte. Das gab Streit, und das war das Aus mit Elrond! Wenn ich am Abend nach Hause kam, war ich von oben bis unten voller Dreck. Ich musste mich schon im Hauseingang ausziehen, aber auch dann rieselte noch genug Dreck in den Hausflur.

Spielen und draußen sein war das Wichtigste für mich. Falls ich deshalb wieder mal nicht für die Schule lernen konnte, hatte ich einen todsicheren Trick gegen eventuelle Abfragekatastrophen entwickelt. Wenn ein Lehrer eine Frage gestellt hat und ich die Antwort nicht wusste, habe ich mich wie ein Wahnsinniger gemeldet. Man stelle sich einen Klassenstreber vor, der seinen Arm mit schnipsenden Fingern in die Höhe reißt und förmlich darum bettelt, aufgerufen zu werden. Es hat fast immer geklappt; ich wurde selten aufgerufen! Stattdessen hat es immer die Schüler erwischt, die unauffällig in der Gegend herumsahen oder ihren Kopf in ihre verschränkten Arme pressten und sich unsichtbar machten. Der Trick müsste wohl noch immer funktionieren. Auch später habe ich mir dieses Prinzip immer wieder zunutze gemacht. Auffällig ist unauffällig! Natürlich muss man die Situationen abwägen und bereit sein, hoch zu pokern. Manchmal klappt es auch nicht … dann musst du improvisieren.

***

Bis zu meinem dreizehnten Geburtstag ging ich echt gerne in die Schule. Alle meine Freunde waren dort. Dummerweise habe ich dann den Sprung auf die Realschule verpasst und musste auf eine Hauptschule wechseln.

Die Schule stand in dem Ruf, eine der schlimmeren Schulen Nürnbergs zu sein. Heute würde man sagen: eine Brennpunktschule. Es gingen die Gerüchte um, dass jeder, der neu auf diese Schule kommt, sich prügeln müsse und mit dem Kopf in die Toilette getaucht würde und lauter solche Dinge mehr. Selbst Lehrer würden immer wieder mal bedroht und geschlagen.

Von heute auf morgen änderte sich alles. Ich kam in eine Klasse, die wild zusammengewürfelt war. Ich kannte niemanden und ich fand auch keinen cool; mich wohl auch keiner. Vom ersten Tag an hatte ich überhaupt keine Lust, in diese Schule zu gehen, geschweige denn in diese Klasse.

Ich war schon immer sehr klein und dünn, nur war mir das bis zu diesem Zeitpunkt nie so bewusst gewesen. Hat ja auch nie jemanden gestört. Jetzt aber waren alle in meiner Klasse mindestens einen Kopf größer. Selbst die Mädchen! Das war echt krass.

Vor meinem ersten Tag in der Schule bin ich schon mit einem mulmigen Gefühl eingeschlafen. Eigentlich war mir die ganze Woche schon kotzübel, wenn ich nur daran gedacht habe, dass bald das neue Schuljahr beginnt und ich auf diese verrufene Schule muss.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Fahrrad. Der regnerische Morgen und die dicken Wolken am Himmel machten mir den Schulweg auch nicht gerade erträglicher. An meiner alten Schule ist alles bunt und neu gewesen. Die jetzige war rostrot und alt, der Pausenhof grau in grau. Vor der Schule standen lauter Jugendliche, die rauchten. Mir rutschte schon jetzt das Herz in die Hose. Ich wollte mich eigentlich mit einem Fußballkumpel treffen und mit ihm zusammen in die Schule gehen, damit es leichter fällt. Doch daraus wurde nichts, weil seine Klasse erst später Schulbeginn hatte. So musste ich meinen ersten Gang also alleine antreten. Schritt für Schritt ging ich auf die Eingangstüre zu. Ich erinnere mich noch gut an diesen enormen Geräuschpegel. Das lag vermutlich auch daran, dass die Schule mehr als doppelt so groß war wie meine alte Schule, und so erschien mir auch mit jedem Meter alles größer und größer. Ich hätte mich am liebsten in meinem Scout-Ranzen, auf den Dinosaurier gestickt waren, versteckt. Apropos Schulranzen: Keiner außer mir hatte eine Büchertasche! Alle hatten einen coolen Eastpak-Rucksack, der lässig über die Schulter geschwungen wurde.

Ich schlängelte mich also, es war bereits kurz vor acht, total gehetzt durch das Treppenhaus. Da war es – mein neues Klassenzimmer. Ich atmete dreimal tief durch und öffnete die Türe. Für einen Moment herrschte völlige Stille. Die Sonnenstrahlen, die durch die Fenster blitzten, hatten mich kurzzeitig blind gemacht. Für ein paar Sekunden sah ich nur noch Sternchen. Alle Blicke waren wohl auf mich gerichtet. Ich wollte etwas Cooles sagen, doch schnürte mir ein fetter Kloß den Hals zu. Jeder Tisch war besetzt, außer, na klar: der ganz vorne.

Ohne jemanden eines Blickes zu würdigen, ging ich dorthin, setzte mich und verschränkte die Arme. Ich hatte große Mühe, mit meinen Füßen den Boden zu berühren. Dann wurde es wieder lauter.

Als die Lehrerin das Klassenzimmer betreten hatte und sich vorstellte, blickte ich unauffällig durch die Meute. Alles komische Typen. Ich konnte mir nicht vorstellen, mit irgendeinem von denen ein Gespräch zu beginnen, geschweige denn mich anzufreunden.

Ich saß da und begann mir leidzutun. Die Zeit zog sich dahin. Dann kam der erste Pausenschlag. Und damit die Angst!

Die Pausen hatte ich mir richtig schlimm vorgestellt, sehr viel schlimmer als den Unterricht, da war ja zumindest ein Lehrer im Zimmer! Bitte, bitte ich will nicht den Kopf ins Klo getaucht bekommen, stammelte meine innere Stimme. Und jetzt drückte meine Angst unaufhörlich auf meine Blase. No way out! Vorsichtig betrat ich die Schultoilette. Uff, alleine! Es roch nach Urin und Rauch. Um mich herum beleuchteten Neonröhren vergilbte Fliesen. Schnell rein in eine Kabine und die Türe verschließen. Mein Blick wanderte nach oben und ich bemerkte, dass über mir Gitter montiert waren. Wofür die wohl gut sein sollten? Damit da keiner drüberklettern kann? In der Grundschule gab es so was jedenfalls nicht!

Ich versuchte zu pinkeln. Bei mir ist das etwas eigen. Ich habe Probleme zu pinkeln, wenn ich mich unwohl fühle. Auch wenn ich dringend muss, es kommt einfach nichts!

In dem Moment knallte die Tür auf und ich hörte Schritte und Gepolter. Mehrere Personen schrien herum und traten gegen die Kabinen. »Ey, Kleiner, raus mit dir, aber schnell. Los, Mann, mach die Tür auf.«

Oh Gott! Ich atmete schneller, wurde nervös. Scheiße, genau so etwas wollte ich doch vermeiden. Es polterte erneut.

»Mach jetzt die scheiß Tür auf!«

Zitternd und total verängstigt öffnete ich die Tür, nicht wissend, was gleich passieren würde. Vor mir standen drei ausländische Schüler mit Kippe im Mund. Der eine zog an seiner Zigarette, pustete mir den Rauch ins Gesicht, packte mich mit beiden Händen am Kragen, riss mich aus der Toilette und drückte mich gegen die Wand.

»Du hast hier nichts zu suchen, verstanden! Verschwinde, und wenn du jemandem was sagst, dann fick ich dich. Verstanden?!«

Ich war noch nie in meinem Leben so brutal angegangen worden. In mir stieg die Panik hoch, drückte mir den Atem ab.

Ich konnte nur irgendwas dämlich daherstammeln: »Ich wollte doch nur auf die Toilette«, oder so ähnlich. »Was willst du, Toilette? Mann! Werd bloß nicht frech, sonst setzt es gleich was! Geh woanders in die Hose kacken! Los, ab!«

Er packte mich am Nacken, stieß die Tür auf und schubste mich in den Vorraum, in dem sich die Waschbecken befanden. Ich verlor das Gleichgewicht und knallte mit dem Kopf voll gegen die Tür. Sofort stand ich wieder auf und rannte auf den Gang, als wäre der Teufel persönlich hinter mir her. Mein Atem ging schwer, mein Kopf schmerzte und war knallrot. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, zu zittern. Auf dem Gang lief ich wie ein aufgeschrecktes Huhn hin und her. Von links und von rechts bekam ich Rempler ab, die ich nur noch teilweise wahrnahm. Langsam tauchte alles in einen stummen Nebel ab, wie in Zeitlupe tobte das Leben um mich weiter, drang aber kaum noch zu mir durch. Mir war kalt und ich wollte weinen, oder noch besser, sterben.

Den restlichen Tag bekam ich vom Unterricht so gut wie nichts mehr mit. Mein Blick galt einzig der Uhr. Ob die Typen wohl auf mich warteten? Ich hatte denen doch überhaupt nichts getan. Die zweite Pause blieb ich allein im Klassenzimmer.

Nach Ende des Unterrichts stürmten alle aus dem Klassenzimmer. Ich ließ mir extra viel Zeit und überlegte mir, ob ich der Lehrerin vielleicht den Vorfall schildern sollte, ließ es aber letztendlich sein. Ich schlich zu meinem Fahrrad, das ich am Hintereingang der Schule abgestellt hatte.

Von weitem sah ich die drei am Ausgang stehen. »Oh Mann, bitte nicht«, wimmerte ich leise vor mich hin.

Eine Weile stand ich völlig ratlos da. Wie sollte ich denn jetzt an denen vorbei zu meinem Fahrrad komme? Stehenlassen konnte ich es auf keinen Fall. Andererseits war es nur eine Frage von Augenblicken, bis sie mich entdecken würden. »Ey, Junge, komm mal her. Hast du Geld?«

Ich wollte weglaufen, blieb aber wie festgewurzelt stehen. Meine Füße gehorchten mir nicht. Sie kamen näher und näher. Dann standen sie in einem Halbkreis um mich herum.

Warum ich, warum ausgerechnet ich? Was zum Teufel wollen die bloß von mir? »Junge, was schaust du mich so behindert an? Brauchst du ein neues Passbild, oder was?« »Lass mich doch in Ruhe, ich hab dir gar nix getan.«

Der Türke lachte mich aus. Die anderen beiden sagten die ganze Zeit über kein Wort, hatten die Arme verschränkt und glotzten mich an. Anscheinend war er ihr Anführer. »Ich muss dir wohl eine Lektion erteilen, oder was …?«, setzte er mich unter Druck.

Er ballte die Faust, als plötzlich ein Lehrer auftauchte. »Hey, was ist denn hier los? Lasst den Jungen in Ruhe!« »Scheiße, Mann! Kommt Jungs, wir verziehen uns.«

Der Türke fuchtelte mit seiner Hand vor meinem Gesicht und grinste mich fies an: »Wir beide sind noch lange nicht fertig, Kleiner. Ich finde dich!«

Und weg waren sie. »Ist alles in Ordnung mit dir? Was wollen die denn von dir?«, fragte mich der Lehrer. Er wirkte sehr nett und ernsthaft besorgt. »Ich weiß es nicht; ich muss jetzt aber gehen. Vielen Dank für Ihre Hilfe.«

Ich rannte schnell zu meinem Fahrrad. Der Ranzen, halb so groß wie ich, wippte auf und ab und zog mich förmlich zu Boden. Die Entfernung zu meinem Fahrrad kam mir wie eine Ewigkeit vor. Hastig sprang ich aufs Rad und fuhr nach Hause.

Noch im Hausgang fiel mir das Atmen schwer. Kaum hatte ich den Schlüssel in das Schloss gesteckt und umgedreht, spürte ich endlich die vertraute Wärme. »Na, wie war der erste Schultag?«, flötete meine Mutter mit erwartungsvoller Stimme aus der Küche. Ich schloss erst einmal die Türe. Meine Mutter war gerade am Kochen, was mir ganz recht war. Sie hätte bestimmt gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich wollte ihr aber keine unnötigen Sorgen bereiten, also atmete ich kurz durch. »Alles in Ordnung. Bin nur total erledigt. Ich lege mich noch ein bisschen hin, okay?«, antwortete ich und versuchte dabei fröhlich zu klingen. »Na klar, mein Schatz. Ich hebe dir was vom Essen auf.«

Ich schmiss mich aufs Bett. Decke über den Kopf. Mir war speiübel. Mir graute vor dem morgigen Tag.

Die kommenden Tage und Monate passierte seltsamerweise nichts Weltbewegendes. Ich wurde jedoch mehr und mehr zum Außenseiter. So sehr, dass ich mich selber nicht mehr wiedererkannte.

Ich gewöhnte mich allmählich an die Sticheleien von meinen Mitschülern, die zum Beispiel meine Federmappe hin und her warfen oder hochhielten, da ich wegen meiner Körpergröße nicht an sie dran kam.

Zuhause habe ich nichts davon erzählt und versucht, die negativen Erlebnisse beiseitezuschieben und zu verdrängen. Zugleich aber wuchs in mir eine Wut.

***

Sobald ich aus der Schule kam, ging ich auf den Fußballplatz, um abzuschalten und Spaß zu haben. Beim Kicken hatte ich ihn wenigstens noch. Auf dem Bolzer war ich immer noch der alte Domi. Umgeben von meinen Freunden fühlte ich mich wohl, bis, ja bis wir im Winter dann Eisfußball gespielt haben. Eisfußball war eine coole Sache. Durch das Herumgerutsche war es einfach sehr viel schwerer, mit dem Ball zu jonglieren, und wir landeten dauernd auf der Fresse. Es machte uns höllisch Spaß. Zu viel Spaß! Diagnose: schwere Leistenzerrungen auf beiden Seiten.

Der Arzt versicherte mir, dass dies keine schlimme Verletzung sei, er so etwas schon tausendmal behandelt habe und ich in drei Wochen wieder spielen könne. Das war für mich aber schwer vorstellbar, denn im Moment konnte ich nicht einmal richtig laufen. Und wie ich befürchtete, sollten sich meine Verletzungen noch eine ganze Weile hinziehen. Um genau zu sein: Ich sollte bis

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