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Tod des Meisters

Tod des Meisters

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Tod des Meisters

Länge:
124 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
27. Jan. 2016
ISBN:
9783956175336
Format:
Buch

Beschreibung

Der vorliegende Erzählband von HWM lässt sich keiner einheitlichen Erzählgattung unterordnen, er umfasst Geschichten, die im Realismus angesiedelt sind, wie „Briefe von einer Reise zum Meer“, stark metaphorisch geprägte Texte, wie die Titelgeschichte „Tod des Meisters“, surrealistische Elemente erscheinen in „Chrysantheme“ und „Das Phantom“ lässt sich der Phantastik zuordnen. Daneben fehlt auch Grotesk-Skurriles nicht, wie in „Montags nicht zuverlässig“ oder in „Verdammtes Amerika“. Das Gros dieser Erzählungen stellt im eigentlichen Sinne Experimente in einem breitangelegten Variationsspektrum dar, die sich zum Ziel gesetzt haben, den inneren Kern der Sprache freizulegen. Nicht epische Breite, sondern Reduktion der Sprache auf Bedeutungen bildet das Credo der Erzählungen von HWM.
Herausgeber:
Freigegeben:
27. Jan. 2016
ISBN:
9783956175336
Format:
Buch

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Tod des Meisters - Herbert-Werner Mühlroth

HWM.

Das Verhehrende an Tirol (Essay)

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Briefe von einer Reise ans Meer

1.

Zwischen ihnen ist etwas „Unerlöstes geblieben, etwas, das für immer gegenwärtig bleiben sollte, auch wenn sie sich getrennt hatten. Eine Wehmut, die er damals bereits in ihren Augen bemerkte, als er ein Jahr nach dem mit ihr verbrachten anarchischen Sommer in die Stadt zurückkam, wo sie vormals wohnten, um einen Vortrag zu halten, dem auch sie beiwohnte. Er fühlte sich zwei Stunden lang von ihren Blicken verfolgt. Sie war eine Schönheit, die nicht dem hypertrophen Schönheitsideal der Zeit entsprach, aber gerade deswegen erschien sie ihm umso attraktiver. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen und stützte die rechte Hand unters Kinn. Ihr kurzes blondes Haar fiel gerade auf die geballte Faust und ihre Unterlippe schien ihm eine Spur dünner zu sein als sonst. Ihre hellblauen Augen waren leer und starr. Etwas jedoch regte sich in ihnen, das merkte er sofort. Sie sah ihn die ganze Zeit über an, ohne sich jedoch zu Wort zu melden. Ihm schien, als ob sie etwas von ihm erfahren wollte, etwas über ihn herausfinden wollte, was sie in der Zeit ihres Zusammenseins nicht herausfinden konnte. Bisweilen schien es ihm, als ob sie seinen Blick fesseln wollte, als ob sie sich in ihn hineinbohren wollte, und er empfand dies als eine übergroße Vertrautheit, die er ihr gerne gewährt hatte, auch jetzt, da ihre Liebe beendet war. Er sprach zum Publikum, jedoch es war ihm, als ob er nur zu ihr allein sprechen würde, und er hatte große Mühe, den Blick nicht dauerhaft auf ihr ruhen zu lassen. Er empfand die ganze Sanftheit, die dieses Gesicht ausstrahlte, ihren Gleichmut, ihre Rätselhaftigkeit. Sie lächelte so geheimnisvoll, und er rätselte die ganze Zeit über, was dies bedeuten solle. Er kannte sie so gut, daß er wußte, es könnte so vieles bedeuten. Und er wußte gleichzeitig auch, daß er es nie erfahren würde. Das machte ihn unruhig. Vielleicht hat dieser Blick, den er so gut kannte, ihn jahrelang nicht losgelassen, vielleicht war es dieser Blick, sagte er sich oft, an dem alles hing. Er spürte darin keinen Vorwurf, keine Enttäuschung, nur eine Art Trauer. Er erinnerte sich, daß ihr gemeinsamer anarchischer Sommer mit ihrem Satz „Alles findet eine neue Form endete. Das hat sie ihm danach in einem Brief, den sie unmittelbar nach ihrem Sommer der Anarchie, als sie ans Meer gereist war, an ihn geschrieben hatte. Völlig unerwartet meldete sie sich dann doch noch zu Wort. Sie fragte irgendeine Belang-losigkeit und ihm war klar, daß unter der Oberfläche ihrer Frage eine andere, wesentlichere steckte, die er jedoch nicht beantworten konnte, die er schmerzlich unbeantwortet lassen mußte. Es war die Hoffnung auf eine Antwort, die sie anders nicht mehr zu erlangen hoffte. Er überspielte seine Unsicherheit und entgegnete ihr etwas ebenso Belangloses. Er bedauerte dies im Nachhinein, daß er die Frage, die sie ihm zwischen den Zeilen gestellt hatte, nicht beantworten konnte, denn er wußte, daß er sie zum letzten Mal sah. Er dachte an die Worte aus ihrem Brief: „Es ist Herbst und kühl geworden. / Die sanften Wellen haben die Spuren im Sand verwischt. / Der Wind hat die Worte der Redenden davongetragen. / Die Luft ist farblos und / die Städte sind leer."

Er konnte sich später nicht mehr daran erinnern, was sie ihn gefragt hatte. „Doch sie finden einen Widerhall in der / glasigen Oberfläche des seichten Wassers, diese Frage, die aus so vielen unbeantworteten Fragen bestand. Die Glasscheibe, die das innere vom äußeren Leben abtrennt. Erst viel später hatte er das verstanden, was es für sie damals bedeutet hatte: „Die starren Linien lösen sich auf / sie geraten in Bewegung / das Feste wird flüssig. Alles war damals, in diesem anarchischen Sommer, auf der Suche nach einer neuen Form, nach einem anderen Leben.

2.

Nach diesem Sommer ist sie alleine ans Meer gereist. Sie schrieb ihm von dort: „Auf dem Weg dahin, viel weites Land. Es gab nur noch die drei Grundelemente Erde, Wasser und Luft. Und der Himmel ging in die Erde über in einem spitzen Winkel. Still hielt die Leidenschaft. Sie war am Grunde angelangt. Die Welt hatte sich für sie zerteilt und aufgelöst. Sie war im Herzen der Welt. Das Seinige hatte sich ihr geöffnet, aber nicht weit genug, denn er hatte sich immer wieder zurückgenommen. Er hatte ihr seine Gedanken geschildert und in diesen Gedanken war diese Welt, die sich ihr eröffnet hatte. Sie hatte ihn verstanden – mit ihrem Gefühl. Er wollte, aber er konnte nicht mehr daran glauben, daß es möglich wäre, in dieser Welt zu leben. Und so hat sie die Reise ans Meer alleine angetreten. Und sie schrieb ihm vom Meer: „Der Wind blies die überflüssigen Gedanken weg. Das Licht wurde durch einen dichten Nebelvorhang gedämpft und stach nicht.

Er liebte ihre Art zu dichten, ihr Gefühl lag offen vor ihm, wenn er ihre Briefe las. Er verspürte dann eine mächtige Sehnsucht nach ihr, die Erinnerung an den eben zu Ende gegangenen Sommer stimmte ihn traurig und er grübelte, wie es dazu gekommen ist, daß diese Liebe nicht bestehen konnte.

Er träumte dann von dem Anfang, als er sie kennenlernte. Sie trafen sich auf einer privaten Feier und sind als die letzten Gäste geblieben. Den ganzen Abend hatten sie mit kaum jemand anderem gesprochen als mit ihm. Als sie alleine waren mit dem Gastgeber, bat er sie, ihm ein paar Gedichte von Hölderlin vorzulesen. Ohne zu fragen nahm sie das Buch und las daraus vor. Er wollte ihre Stimme hören, auf ihren Tonfall achten, in dem sie rezitierte. Er fand, daß sie den erwarteten und erwünschten Tonfall gut getroffen hatte. Schließlich sind sie gemeinsam weggegangen, ohne zu wissen, wohin sie gehen werden. Sie gingen eine Weile am Neckar entlang und schließlich schlug er ihr vor, zu ihm mitzukommen. Nach einigem Zögern willigte sie ein. Sie setzten sich auf sein Bett und blickten sich gegenseitig in die Augen. Ihre Augen erschienen ihm unbeschreiblich sanft. Sie lächelte ihn seltsam traurig an. Da sagte er, daß er sie küssen möchte, er hatte keinen anderen Gedanken mehr. Sie sagte nichts und im nächsten Moment war es geschehen. So brennend heiß war ihr Wunsch nach gegenseitiger Berührung.

Er dachte oft an sie, während sie am Meer weilte, und dann las er ihre Briefe wieder und wieder, denn es schien ihm, als ob sie aus einem Teil seines Inneren kämen: „Ab und zu denke ich an Dich, in den sonderbarsten Augenblicken. Manchmal muß ich lachen, manchmal werde ich still und manchmal ein bißchen traurig. Aber ich bin nicht ungern traurig, weil ich dann merke, daß ich empfinde, mehr als wenn ich die ganze Zeit rede oder ständig mit etwas beschäftigt bin."

Ihren letzten Brief vom Meer schrieb sie unter dem Eindruck eines Büchner-Stücks: „`Ich liebe dich, wie das Grab …`, schade, daß Du es nicht auch sehen kannst." Sie liebte es manchmal, sich hinter seltenen und zutreffenden Zitaten zu verstecken, aber diesmal fiel die Auflösung ihm gar nicht schwer.

3.

Er wollte, daß es mit ihr alles anders werde. Er wußte nicht, wie dies zu bewerkstelligen sei, aber er war entschlossen, die gängigen Verhaltensmuster zu verlassen. Sie sollte sein Gefühl mit ihrem Gefühl verstehen. Und sie verstand es auch. Sie forderte insgeheim von ihm eine Gewißheit, die er ihr unmöglich geben konnte. Er wehrte sich dagegen, da er glaubte, daß durch ihren Wunsch alles zerstört werden würde. Er staunte später über seine Hartnäckigkeit. Doch er liebte sie innig und tief. Er spielte manchmal seine Gefühle absichtlich herunter aus Angst, daß doch wieder etwas Gewöhnliches aus ihrer Liebe werden konnte, die unausgesprochen zwischen ihnen schwebte, er wollte sie nicht in Fesseln legen.

Der Abschied am Ende des Sommers war kurz und schweigsam. Nachts fuhren sie zu einem See. Nackt standen sie auf dem Bootssteg und hielten sich fest umklammert. Sie zitterten und ihre Haut versuchte, sich der Kälte zu erwehren. Sie preßten sich an einander, als ob sie zusammenwachsen wollten und eigentlich wollten sie das auch. Es war eine absurde, für sie selbstverständliche Hoffnung. Sie erwarteten, daß sie in diesem Augenblick zusammenwachsen, denn sie wußten, wenn es nicht geschehen würde, werden sie für immer getrennt sein. Sie bebten, doch sie dachten nicht daran, sich von einander zu lösen. Die Zeit war aufgehoben

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