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Was sind psychische Störungen? (Telepolis): Grundlagenfragen, gesellschaftliche Herausforderungen, Alternativen zur Biologie

Was sind psychische Störungen? (Telepolis): Grundlagenfragen, gesellschaftliche Herausforderungen, Alternativen zur Biologie

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Was sind psychische Störungen? (Telepolis): Grundlagenfragen, gesellschaftliche Herausforderungen, Alternativen zur Biologie

Länge:
284 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 11, 2018
ISBN:
9783957881700
Format:
Buch

Beschreibung

Psychische Störungen werden immer häufiger diagnostiziert – und sie können prinzipiell jeden treffen. Allein die Diagnose Depression erhalten inzwischen rund fünf Millionen Deutsche jährlich, doppelt so viele Frauen wie Männer. Trotz der großen persönlichen und gesellschaftlichen Bedeutung erfährt die Öffentlichkeit aber nur wenig über die Hintergründe. Und selbst Fachleute hinterfragen nur selten verbreitete Vorurteile. So lassen sich beispielsweise über 200 Formen von Depressionen begrifflich unterscheiden. Doch für alle soll dieselbe Therapie wirken?Dieses Buch will Wissenslücken eines der wichtigsten Themen unserer Zeit schließen: Der Abschnitt über Grundlagen fasst den heutigen Kenntnisstand aus Wissenschaft und Philosophie zusammen. Was sind eigentlich psychische Störungen? Wer entscheidet darüber und welche Interessen spielen dabei eine Rolle? Was trägt die Hirnforschung zum Verständnis und zur Behandlung bei? Danach werden einzelne Störungsbilder detailliert diskutiert. Im Mittelpunkt stehen hier die Aufmerksamkeitsstörung ADHS und Depressionen. Im dritten und letzten Teil werden psychische Störungen im Kontext unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft behandelt. Inwiefern könnten zunehmender Stress, überzogene Leistungsanforderungen und Perfektionismus für die steigenden Diagnosen verantwortlich sein? Und was ist von den Berechnungen zu halten, die Menschen mit psychischen Störungen als Kostenfaktor darstellen?Die Erkenntnis, dass psychische Störungen keine naturgegebenen Dinge sind wie Atome oder Pflanzen, sondern von Experten gemachte Definitionen, ist von großer Bedeutung. Deren Unterscheidung von "normal" und "gestört" beeinflusst unser aller Leben.Stephan Schleim ist Assoziierter Professor für Theoretische Psychologie an der Universität Groningen und schreibt seit über zehn Jahren sowohl für Fachzeitschriften als auch für ein breites Publikum. Seine Darstellung ist wissenschaftlich fundiert, wichtige Fachausdrücke werden verständlich erklärt.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 11, 2018
ISBN:
9783957881700
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Was sind psychische Störungen? (Telepolis) - Stephan Schleim

Inhaltsverzeichnis

Titel

Einleitung

Grundlegendes zur Einführung

Die amtliche Fassung

Was sind psychische Störungen? - Teil 1

Wenn es ums Geld geht

Was sind psychische Störungen? Teil 2

Aus Sicht der Wissenschaftstheorie

Was sind psychische Störungen? – Teil 3

Ein Blick auf die Schaltkreisepsychiatrie

Was sind psychische Störungen – Teil 4

Wenn Psychologie politisch wird: Milliarden zur Erforschung des Gehirns

Oder: Was sind eigentlich psychische Störungen?

Sieben Einzelbeispiele: Störungsbilder

30 Jahre Aufmerksamkeitsstörung ADHS

Verbreitung, Drogen und Therapien geben uns Rätsel auf

ADHS und die Suche nach dem Heiligen Gral

Die Krise der molekularbiologischen Psychiatrie

Misophonie: Die nächste psychische Störung?

Ein Verwirrspiel von Hirnforschern

Genderdysphorie

Psychische Störung oder nicht?

Es gibt keine Depressionen

Wie der Psychologie- und Psychiatrieprofessor Peter de Jonge die psychische Gesundheitsversorgung revolutionieren will

Was sind Ursachen von Depressionen?

Ein offener Brief an die Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Mehr über Ursachen von Depressionen

Politische Brisanz einer millionenfach vorkommenden psychischen Störung

Es gibt keine Schizophrenie

Der bekannte Psychiater und Professor für Psychiatrische Epidemiologie über Sinngebung und neue Ideen für die psychische Gesundheitsfürsorge

Gesellschaftliche Erklärungsansätze

Beinahe jede(r) Zweite gilt als psychisch gestört

Forscher bestreiten dennoch eine Zunahme psychischer Störungen, während sie weiter am Gehirnmodell festhalten

Verursachen psychisch Kranke finanziellen Schaden?

Ökonomische Konstrukte und ihre Folgen

Kapitalismus und psychische Gesundheit

Warum man einen Zusammenhang nicht bestreiten kann

Der Preis fürs perfekte Leben

Warum sich Frauen und Männer kaputt arbeiten

Fußnoten

Impressum

Einleitung

Das Thema psychische Gesundheit gewinnt immer weiter an Bedeutung. Wir erinnern uns beispielsweise an Prominente aus dem Profisport, die über den Kampf mit einer psychischen Störung berichteten oder deren Leben mit einer Selbsttötung ein tragisches Ende nahm. Gleichzeitig werden es Gesundheitsökonomen nicht müde, auf die gesellschaftlichen Kosten durch Verdienstausfälle oder Frührenten hinzuweisen, die durch psychische Störungen entstünden. Zu guter Letzt behaupten die führenden Epidemiologen Europas, jährlich seien rund 40% der Bevölkerung von mindestens einer Störung betroffen; eine Zunahme sei jedoch nicht festzustellen.

Alle diese Themen setzen die Beantwortung grundlegender Fragen voraus: Was sind überhaupt psychische Störungen? Wie entstehen sie? Wie definieren und diagnostizieren wir sie? Was bedeutet es für jemanden, so eine Diagnose zu erhalten? Wie untersuchen wir die Häufigkeit ihres Auftretens? Wie schätzen wir die Kosten, die damit verbunden sind? Welche Therapien gibt es und wie gut helfen diese den Betroffenen?

Als ich mein letztes Buch schrieb - Die Neurogesellschaft: Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert? (2012) -, legte ich im Vorwort den Grundstein für dieses eBook:

» Hierzu würde es gut passen, eine weitere Untersuchung anzuschließen: warum nämlich Jahrzehnten der klinischen Hirnforschung zum Trotz bis heute keine einzige psychische Erkrankung im Kernspintomographen diagnostiziert werden kann. Zu dieser offenen Frage passt auch die derzeitige Ernüchterung über den nur eingeschränkten Nutzen vieler jahrzehntelang verschriebener psychopharmakologischer Medikamente… Psychiater und klinische Psychologen weltweit kommen auch mehr als ein Jahrzehnt nach der 'Dekade des Gehirns' um die Beobachtung von Verhalten und die Berücksichtigung persönlicher Erfahrungsberichte ihrer Patienten nicht herum. Dieses interessante, aber auch sehr schwierige, eigenständige Thema muss ich auf eine zukünftige Untersuchung verschieben. «

Fast jeder ist betroffen

Dass es sechs Jahre dauern würde, diese Untersuchung in Form der jetzt vorliegenden Sammlung von Aufsätzen durchzuführen, hätte ich mir damals nicht vorstellen können. Erfreulicherweise hat das Thema nichts von seiner Aktualität oder Relevanz eingebüßt. Wenn wirklich 40% der Menschen jedes Jahr von mindestens einer psychischen Störung direkt betroffen sind, dann sind es so gut wie 100% indirekt - etwa durch Freunde, Bekannte und Angehörige mit psychischen Problemen; oder eben auch als Steuerzahler und Versicherte, die das Sozial- und Gesundheitssystem finanzieren. Entscheidend ist ebenfalls: Das Rätsel, warum sich trotz größter Bemühungen bis heute keine einzige psychische Störung zuverlässig mit Gentest oder Gehirnscanner diagnostizieren lässt, bleibt.

Meine eigene Forschung hat mir erlaubt, drei forschungsstarke psychiatrische Universitätskliniken von innen kennenzulernen. Dort wie auf Tagungen und Konferenzen habe ich es zwar selten mit Patienten, doch oft mit klinischen Psychologen und Psychiatern zu tun gehabt, mit denen ich mich unterhalten oder denen ich bei der Arbeit zuschauen konnte. Davon abgesehen habe ich auch selbst Hilfsangebote in Anspruch genommen.

Bis heute finde ich frappierend, dass betroffenen Laien sowie ihren Angehörigen wichtiges Kontextwissen fehlt: Dass etwa die Interpretation der psychischen Probleme eines Patienten und schließlich auch die angebotene Hilfe davon abhängen, welches Wissen ein Arzt oder Psychotherapeut von psychischen Störungen hat, also wie diese Fachleute ausgebildet sind.

Bedeutendes Hintergrundwissen

Ein Psychoanalytiker oder tiefenpsychologischer Psychotherapeut wird insbesondere nach unverarbeiteten Kindheitstraumata suchen; ein Systemtherapeut wird sich vor allem das Funktionieren in Beziehungen - Freundschaften, Familie, am Arbeitsplatz - anschauen; ein kognitiver Verhaltenstherapeut wird hauptsächlich den Umgang mit störenden Gefühlen und Gedanken untersuchen.

Bei einem Psychiater ist von entscheidender Bedeutung, ob er biologisch, phänomenologisch oder sozial ausgebildet ist. Verkompliziert wird das in der Praxis durch zahlreiche Mischformen und dadurch, dass detaillierte Informationen über die Ausbildung eines Therapeuten oder Psychiaters, wenn überhaupt, nur schwer zugänglich sind.

Dass diese Unterschiede von großer Bedeutung sind, lässt sich leicht veranschaulichen: Stellen wir uns vor, dass jemand wegen zu viel Stress erschöpft ist und zu einem Psychoanalytiker oder Tiefenpsychologen geht. Dieser wird mit dem Patienten wahrscheinlich über dessen Kindheit und Beziehung zu den Eltern sprechen und dabei vielleicht Maßnahmen übersehen, mit denen man dem Betroffenen schnell helfen kann, nämlich neuen Stress zu verhindern. Dabei kann es natürlich sein, dass das heutige Problem von Kindheitserfahrungen abhängt, also die ferne Vergangenheit die Zukunft beeinflusst.

Ein Verhaltenstherapeut mag dem Betroffenen vor Augen führen, wie er seine Probleme selbst vergrößert, und Techniken zum besseren Umgang mit Stress beibringen. Dabei wird er vielleicht vernachlässigen, dass die Verhaltens- und Denkmuster eine längere Geschichte haben. Ein biologischer Psychiater wiederum mag in den Symptomen Ausdruck einer Gehirnstörung sehen, die es medikamentös zu beheben gilt. Das bietet vielleicht schnelle, kurzfristige Hilfe, blendet aber die Lebensumstände eines Menschen aus und verhindert so womöglich deren Anpassung, sodass die Symptome immer wieder oder auf andere Weise zurückkehren.

Das Auge des Betrachters

Für alle diese Fachleute gilt dasselbe wie für alle Laien und alle Wissenschaftler, also schlicht für alle Menschen: Unsere Wahrnehmung, unser Denken und Fühlen, unser Sprechen und Entscheiden hängt wesentlich davon ab, welche Erwartungen und welches Hintergrundwissen wir haben. Mit anderen Worten: Wenn wir über psychische Gesundheit sprechen, dann haben wir es mit einem hohen Maß an Subjektivität zu tun.

Diese Subjektivität versuchen Fachleute, unter Führung der USA, zwar seit den 1980er Jahren durch das Einführen und Verbessern standardisierter Symptomlisten für die Diagnose psychischer Störungen zu reduzieren. Doch selbst wenn die Kriterien formalisiert und objektiviert, schwarz auf weiß auf Papier stehen, müssen diese natürlich von einem Subjekt gelesen, verstanden und angewandt werden: Nämlich von dem Experten, der bei der Diagnose vor Ihnen sitzt.

Ist ein Leiden klinisch signifikant? Ist die Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen noch kulturell typisch oder schon Ausdruck einer Depression? Antworten auf diese Fragen liegen letztlich auch im Auge des Betrachters. Oder man könnte sagen: Medizin bleibt Menschenwerk. Diese Feststellung wird denjenigen widerstreben, die stets die Wissenschaftlichkeit von klinischer Psychologie und Psychiatrie betonen; geht es dort doch um die Überwindung des Subjektiven, um Erkenntnis und Praxis, die so objektiv wie möglich ist.

Suche nach dem Heiligen Gral

Deshalb wurde und wird die Suche nach Genen, Gehirnzuständen oder allgemein Biomarkern für psychische Störungen so vehement vorangetrieben: Man hofft, dass die Natur letztlich dem Experten die Unsicherheit abnimmt; man hofft, das subjektive Auge des Betrachtes durch die objektiven Verfahren der Mikrobiologie zu ersetzen. Dass auch diese Wissenschaft von menschlicher Begriffs- und Theoriebildung sowie verfügbaren Instrumenten abhängt, soll hier nicht weiter diskutiert werden. In einigen Essays dieses eBooks wird dargelegt werden, warum die Suche nach Biomarkern der Suche nach dem Heiligen Gral gleicht und es daher nicht überrascht, dass sie bisher so erfolglos war.

Stattdessen soll hier an einem Beispiel aus der Kunstgeschichte die Interpretations- und Verständnisleistung nachvollzogen werden, vor die sich auch ein klinischer Experte gestellt sieht, der einem Menschen mit psychischen Problemen begegnet: Was geht in diesem Menschen vor? Woran leidet er und wie schlimm ist dieses Leiden? Wie stark ist er in seinem Alltag und beim Verfolgen seiner Lebensziele eingeschränkt? Ist der Mensch behandlungsbedürftig, arbeitsunfähig, vielleicht sogar in Lebensgefahr?

In Jahren des Studiums, in Jahren der Ausbildung, vor allem aber im jahrelangen Umgang mit Menschen lernt der Experte, vor dem Hintergrund fachlicher, formaler und kultureller Regeln Antworten auf diese Fragen zu geben. Dabei hat er es mit einem Gegenstand zu tun, der sich permanent verändert und der auch auf die Fragen und Entscheidungen des Experten selbst reagiert, nämlich mit einem Subjekt. Das ist wahrlich keine einfache Aufgabe.

Ein Beispiel in Hermeneutik

Wir haben es bei diesem einfachen Beispiel stattdessen mit einem bloßen Kunstwerk zu tun, das für einen bestimmten Zweck angefertigt wurde und sich nach dem letzten Pinselstrich des Meistermalers nicht mehr verändert. Es ist ein Beispiel mit einer theologischen Dimension, auf die ich hier aber nicht hinaus will; wohl bin ich mir der Tatsache bewusst, dass man es nicht ganz ohne diese Dimension verstehen kann. Einigen wir uns für das Beispiel aber darauf, dass es einen Menschen in einer existenziellen Situation darstellt:

Auf dem Gemälde Christus im Garten von Gethsemane von ca. 1617 hat der niederländische Meistermaler Gerard van Honthorst (1592-1656) eine Szene aus dem Lukasevangelium (22: 43-44) dargestellt. Bild: S. Schleim

Das Gemälde stammt aus einer Sammlung der Hermitage in St. Petersburg. Ich sah es auf einer Ausstellung in der Amsterdamer Hermitage. Einer Person, die mit unserem Kulturkreis vertraut ist, dürfte unmittelbar deutlich sein, dass hier Jesus abgebildet ist. Links oben schaut ein Engel auf ihn herab. Rechts im Hintergrund sind Soldaten mit Fackeln angedeutet. Überlegen Sie sich, was im hier abgebildeten Menschen vor sich geht. Welchen Gemütszustand hat der Maler hier ausgedrückt? Suchen Sie nach einer eigenen Antwort, bevor Sie weiterlesen.

Wenn Sie sich die Mühe gemacht haben, dann haben Sie vielleicht verschiedene Informationsquellen verwendet: Ihre Intuition und Empathie, wenn Sie sich das Gesicht und die Körperhaltung des Mannes anschauen; Symbole aus dem situativen Kontext wie den Engel oder die Soldaten, die, wenn man mehr über die Szene weiß, auf Jesu bevorstehende Verhaftung hindeuten. Vielleicht haben Sie sogar die Bibelstelle (deren Authentizität übrigens umstritten ist) herausgesucht und gelesen: Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. Wenn man weiter denkt, sieht man in der Farbe des Umhangs vielleicht sogar einen Hinweis auf Blut, also die Kreuzigung.

Verschiedene Antworten

Mir fiel im Museum auf, dass in der Bildunterschrift von Todesmut die Rede war. Der junge Kunstkritiker, der den Beitrag für den Audioführer verfasst hat, brachte den Ausdruck Jesu ganz anders auf den Punkt: Warum ich? Das wäre also eher Verzweiflung und Wut. Diese beiden Interpretationen widersprechen sich schon. Jedoch entsprach keine von beidem dem Gemütszustand, den ich erkannte: nämlich Hingabe, Ergebung. Jesus weiß um sein Schicksal. Vielleicht hegt er innerlich einen anderen Wunsch, doch ist er sich der Tatsache bewusst, dass hier größere Mächte im Spiel sind, denen er sich vertrauensvoll fügt.

Wie gesagt, mir ging es hier nicht um die theologische Dimension. Entscheidend ist, dass es verschiedene Informationsquellen gibt; und auch wenn die Antwort in gewissem Maße im Auge des Betrachters liegt, so ist sie begründbar und nicht völlig willkürlich. Neben subjektiven Eindrücken gab es Kontextwissen und Schriftquellen, auf die man sich stützen kann. Wer es sehr ernst nimmt, könnte mehr über die Umstände herauszufinden versuchen, unter denen das Gemälde entstanden ist. Falls Sie das Fallbeispiel interessiert, können Sie die lebendige Diskussion dazu in meinem Blog lesen.

Was wir hier getan haben, ist die hermeneutische Methode anzuwenden: Es geht um das Verstehen des Gemütszustands des Menschen Jesus auf dem Gemälde. Dafür haben wir mithilfe verschiedener Quellen einen Sinnzusammenhang hergestellt. Diese Methode ist typisch für die Geistes- und Rechtswissenschaften. Sie ist aber aller objektiven Wissenschaft zum Trotz auch unvermeidlich für die Arbeit klinischer Psychologen und von Psychiatern. Dass dies im universitären Studium vernachlässigt, wenn nicht gar unterschlagen wird, ist eine verpasste Chance in der Ausbildung dieser Experten.

Die Expertensicht

Das weiß eine Person, die mit psychischen Problemen Hilfe sucht, vielleicht gar nicht. Vielleicht ist sie gar in einer Krisensituation und froh, überhaupt irgendeinen Experten gefunden zu haben. Die Ausbildung, das Hintergrundwissen und der formale Rahmen dieses Experten wird aber die Einordnung der Probleme, die mögliche Diagnose, damit auch die Therapie und so schließlich den Krankheitsverlauf entscheidend mitbeeinflussen. Im schlimmsten Fall geht das so weit, dass Fachleute und Pflegepersonal nach einer ersten Diagnose nur noch die Symptome sehen, die dazu passen, und alles andere aus dem Auge verlieren.

In der Wissenschaft kennt man diesen Fallstrick als Bestätigungsfehler. Für wie neutral halten Sie beispielsweise die Beobachtung und das Urteilsvermögen von jemandem, der felsenfest davon überzeugt ist, Frauen könnten nicht einparken, Männer könnten nicht kochen oder dass ausgerechnet er im Supermarkt immer in der längsten Schlange warten muss? Es wäre naiv zu denken, dass solche Effekte bei Experten nicht auftreten können.

Was vorgefertigte Denkmuster für einen Patienten bedeuten können, wird an dem Fallbeispiel der Wissenschaftlerin Nev Jones von der University of South Florida deutlich. Sie litt während ihres Studiums selbst an Wahnvorstellungen und erforscht heute Entwicklungen in der Psychiatrie. In einer Reportage über sie wird die Situation geschildert, wie sie mit einer Freundin in eine psychiatrische Klinik ging, als sie große psychische Probleme.

Dort seien sie von einer Krankenschwester aufgenommen worden, die gar nicht mit der Patientin, sondern nur mit der Freundin gesprochen habe - und dabei unverblümt ihre Vorurteile über Schizophrene zum Besten gegeben habe: Diesen könne man kaum helfen, ihr Zustand würde sowieso immer schlimmer werden und daher müsse man sie vor allem vom Rest der Gesellschaft isolieren.

Folgenschwere Entscheidungen

In dem Interview (Es gibt keine Schizophrenie) mit dem Schizophrenie-Experten Jim van Os in diesem eBook wurde - unabhängig von diesem Beispielfall - genau dieses Denken kritisiert: Van Os will die Diagnose abschaffen, da sie einen Patienten förmlich vernichten könne. Wenn dieser mit dem Stigma Schizophrenie versehen werde, stürze ihn die angebliche Aussichtslosigkeit und die Isolation von seinem sozialen Umfeld womöglich erst recht in eine schwere Krise. Tragischerweise erzeugen die klinischen Experten mit so einer schlimmen Vorstellung von der psychischen Störung den hoffnungslosen, vernichteten Patienten, den sie in der Vergangenheit schon so

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