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Arztroman Sammelband Drei Romane - Zur Rettung bleibt nur wenig Zeit / Ein Mörder in Bergesfelden/ Sie dürfen als Frau nicht versagen - plus Extra Story

Arztroman Sammelband Drei Romane - Zur Rettung bleibt nur wenig Zeit / Ein Mörder in Bergesfelden/ Sie dürfen als Frau nicht versagen - plus Extra Story


Arztroman Sammelband Drei Romane - Zur Rettung bleibt nur wenig Zeit / Ein Mörder in Bergesfelden/ Sie dürfen als Frau nicht versagen - plus Extra Story

Länge:
457 Seiten
5 Stunden
Freigegeben:
Apr 30, 2019
ISBN:
9781540119407
Format:
Buch

Beschreibung

Er ist ein Versager – das hat sein Vater schon immer gesagt. Hoch verschuldet und ohne Geld kehrt er nach Hause zurück, und als sein Bruder ihm in dem elterlichen Betrieb keinen Hilfsjob geben will, beschließt Dieter Bechner, seinem Leben ein Ende zu setzen. Im letzten Augenblick wird er gerettet und in die Mohnhaupt Klinik eingeliefert. Die Notfallärztin Dr. Alena Bärwald hat ihn nicht nur wiederbelebt, sondern kümmert sich auch danach um seine seelischen Nöte, damit Dieter neuen Lebensmut fasst. Er verliebt sich in die attraktive Ärztin, doch sie weist ihn ab, und da bricht für den jungen Mann eine Welt zusammen ...

Freigegeben:
Apr 30, 2019
ISBN:
9781540119407
Format:
Buch

Über den Autor

A. F. Morland schrieb zahlreiche Romane und ist der Erfinder der Serie Tony Ballard.


Buchvorschau

Arztroman Sammelband Drei Romane - Zur Rettung bleibt nur wenig Zeit / Ein Mörder in Bergesfelden/ Sie dürfen als Frau nicht versagen - plus Extra Story - A. F. Morland

EXTRA-STORY: Liebe ist die beste Therapie

Kurzer Arztroman von A. F. Morland

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

DER MITTELSTÜRMER DER gegnerischen Fußballmannschaft legte einen sehenswerten Sololauf hin. Er überspielte jeden, der ihm den Ball abnehmen wollte, und näherte sich mit Volldampf Marcus´ Tor. In diesem kritischen Augenblick war guter Rat teuer. Marcus Amberg stand unter Strom, seine Nerven vibrierten. Wenn er jetzt einen Fehler machte, war das Spiel verloren.

Jörg Clementi, der Trainer, war aufgesprungen. Blass vor Entsetzen und mit Augen, so groß wie Tennisbälle, verfolgte er das Geschehen. Marcus stand wie festgeleimt auf der Torlinie. Der schnelle Gegner schnaufte wie eine Dampflok heran. Wenn Marcus im Tor blieb, konnte der Stürmer sich die Ecke aussuchen, in die er den Ball schießen wollte, also musste der Tormann ihm entgegenlaufen. Wie ein Kastenteufel flitzte er aus seinem Gehäuse. Der gegnerische Torjäger schlug einen Haken, Marcus hechtete nach dem Ball, wurde von einer Schuhspitze getroffen, ein Schmerz durchglühte sein Knie, er biss die Zähne zusammen, stöhnte auf, riss den Ball an seine Brust und ließ ihn nicht mehr los. Die Gefahr war gebannt. Jörg Clementi warf die Arme befreit hoch und jubelte mit den vielen Fans der Mannschaft, die er betreute. Der Stürmer ließ sich spektakulär fallen, um einen Elfmeter herauszuschinden, doch der Schiedsrichter ließ sich nicht täuschen - und Marcus Amberg war mal wieder der Held des Tages. Dank seiner hervorragenden Leistung brachte seine Mannschaft den sechsten Auswärtssieg in Folge nach Hause.

Dementsprechend hoch ging es auf der Heimfahrt im Bus her. Alle wussten, wer der Vater dieses wichtigen und nur hauchdünn ausgefallenen Sieges war, und sie feierten ihren Helden mit übermütigen Liedern und Sprechchören.

Jörg Clementi setzte sich neben Marcus. Der Himmel erhalte dir noch recht, recht lange deine Superform, mein Junge. Als der Knabe unsere Verteidiger überspielte, blieb mir vor Schreck fast das Herz stehen. Ich dachte, jetzt klingelt es.

Marcus grinste. Du hast nicht mit meiner Umsicht, mit meiner Schnelligkeit und mit meinem Mut gerechnet, wie?

Du bist der beste Schlussmann, den wir jemals hatten. In dieser Form bist du für uns unentbehrlich, deshalb solltest du sehr auf deine Gesundheit achten.

Das tue ich, gab der dunkelhaarige, gutaussehende Tormann zurück.

Was ist mit deinem Knie?, erkundigte sich Clementi.

Der Typ wollte es mir kaputttreten - ist ihm aber nicht gelungen.

Du bist nach diesem Zusammenstoß kurz gehumpelt.

Der Schlag hat höllisch weh getan, sagte Marcus.

Ich sehe dich in letzter Zeit immer wieder mal humpeln.

Marcus lachte. Zeig mir einen Fußballer, der keine Wehwehchen hat.

Clementi sah nachdenklich auf Marcus´ Knie. Warum gehst du nicht mal in die Heideck-Klinik und lässt dich durchchecken?

Wozu? Man würde nichts finden.

Tu´s mir zuliebe, sagte der Trainer, damit ich besser schlafen kann.

Na schön, gab Marcus nach, wenn ich dir damit eine Freude mache, werde ich mich um einen Termin bemühen.

Ich danke dir, mein Junge.

Was der hagere Klinikchef Dr. Stefan Heideck dem Tormann eine Woche später eröffnen musste, war leider absolut nicht erfreulich: Man hatte in Marcus´ Bein ein Sarkom, eine bösartige Geschwulst, entdeckt.

Das Sarkom ist ebenso gefährlich wie das Karzinom, erklärte Dr. Heideck dem betroffenen Patienten, weil es wie dieses mit seiner Zellwucherung in die gesunde Umgebung eindringt und ebenfalls Metastasen, zumeist in Lunge oder Leber, entstehen lässt.

Marcus Amberg starrte den Chefarzt entgeistert an. Und - was – nun?, presste er gequält hervor.

Je früher wir etwas gegen Ihr Leiden unternehmen, desto größer sind die Erfolgschancen.

Was werden Sie tun, Dr. Heideck?, fragte der junge Sportler mit belegter Stimme.

Ich werde Sie operieren?

Marcus riss entsetzt die Augen auf. Sie wollen mir mein Bein abschneiden? Er schüttelte heftig den Kopf. Das - das lasse ich nicht zu!

Ich habe von einer Operation gesprochen, Herr Amberg, nicht von einer Amputation.

Was ist, wenn sich bereits Metastasen gebildet haben? Dann - dann werde ich sterben, nicht wahr? Bitte sagen Sie mir die Wahrheit, Dr. Heideck. Muss ich sterben?

Der Klinikchef erklärte, man könne sehr viel für Marcus tun. Er sprach von Strahlentherapie, von Chemotherapie, von Perfusionstherapie mit Zystostatika, von Hormontherapie... Doch Marcus hörte ihm nicht mehr zu. Für ihn war an diesem schönen, klaren, sonnigen Tag die Welt eingestürzt. Er hatte jeglichen inneren Halt verloren, gab sich selbst auf. Durch den tristen Nebel, der ihn umgab, drangen Worte, die ihm Mut machen sollten, die von ihm verlangten, dass er jetzt stark war, dass er kämpfte. Aber wozu sollte er kämpfen, wenn doch von vornherein feststand, dass er nur verlieren konnte? Er würde nie mehr in einem Tor stehen. Der Fußball war sein Leben gewesen. Dr. Heideck hatte ihm dieses Leben mit wenigen ernüchternden Worten genommen. Der Klinikchef hatte mit seiner niederschmetternden Diagnose ein grausames Todesurteil ausgesprochen.

Marcus hatte nicht die Absicht, sich gegen die Krankheit aufzulehnen, sich zu wehren, denn wenn er das tat, würde sein Siechtum nur noch länger dauern. Wenn er diese Welt, auf der er so gerne gelebt hatte, schon unbedingt verlassen musste, dann sollte es so rasch wie möglich geschehen. Je beharrlicher Dr. Heideck auf Marcus einredete, desto mehr schottete dieser sich ab. Verbittert schloss der junge Tormann mit seinem Leben ab.

Er war davon überzeugt, dass er keine Zukunft mehr hatte, und nichts und niemand vermochte ihn von dieser selbstzerstörerischen Meinung abzubringen. Er wurde operiert, aber er erholte sich nach dem Eingriff nicht. Wieder einmal war Dr. Heideck mit dem Phänomen konfrontiert, dass ein Mensch nicht gesund werden kann, wenn er nicht gesund werden will. Keine der Behandlungen zeigte Wirkung. Marcus dämmerte apathisch vor sich hin. Er wollte niemanden sehen, nahm am Leben nicht mehr Anteil, wartete nur noch stumm und ergeben auf das Ende.

An einem grauen Montagmorgen erschien die hübsche blonde Pflegerin Carina Mohn nach einem dreiwöchigen erholsamen Urlaub auf Lanzarote wieder zum Dienst in der Heideck-Klinik. Sonnengebräunt und vital betrat sie Marcus Ambergs Krankenzimmer. Sie hatte von der Oberin erfahren, wie es um den Patienten stand, und hoffte, ihn mit ihrer fröhlichen, unbeschwerten Art ein wenig aufmuntern zu können.

Guten Morgen, sagte sie freundlich. Ich bin Schwester Carina. Wenn ich irgendetwas für Sie tun kann - nur keine Hemmungen, ungeniert heraus damit.

Marcus sagte nichts.

Carina betrachtete den Kranken neugierig. Sie sind Marcus Amberg, der Fußballer, nicht wahr?

Er wandte sein blasses Gesicht von ihr ab. Bitte gehen Sie, Schwester. Ich möchte meine Ruhe haben.

Jedermann in der Klinik kennt Sie. Nur ich nicht. Ich interessiere mich nämlich nicht für Fußball, wissen Sie. Zweiundzwanzig Männer streiten sich um einen einzigen Ball. Ich finde das albern. Warum gibt man nicht jedem einen? Carina brachte sein Bett in Ordnung. Sind Sie prominent?

Er schwieg.

Vielleicht sollte ich Sie um ein Autogramm bitten, sagte Schwester Carina. Würden Sie mir ein Autogramm geben?

Wozu?

Carina zuckte die Achseln. Na ja, wir haben nicht jeden Tag einen berühmten Fußballstar in unserer Klinik. Haben Sie schon mal in der Nationalmannschaft gespielt?

Nein.

Das kommt noch, meinte Schwester Carina zuversichtlich. Wenn Sie wirklich so gut sind, wie man sagt, kann der Bundestrainer Sie nicht mehr lange übersehen.

Marcus´ trauriger Blick verdunkelte sich. Ich werde nie mehr Fußball spielen.

Aber natürlich werden Sie das, widersprach die schöne Pflegerin ihm guter Dinge, und wenn das Fernsehen dann das Länderspiel überträgt, in dem Sie im Tor stehen, werde ich allen stolz das Autogramm zeigen, das ich von Ihnen bekommen habe.

An diesem Montag vollzog sich in Marcus Amberg eine kaum merkliche Wandlung. Er redete wieder, nahm in vermehrtem Maße Anteil an den Dingen, die um ihn herum passierten, aß mehr, hatte endlich wieder Appetit.

Seine Werte besserten sich allmählich, er erholte sich langsam, nahm an Gewicht zu, bekam wieder Farbe, und sein verlorener Lebensmut stellte sich wieder ein. Jedermann in der Klinik wusste, dass Schwester Carina dieses Wunder bewirkt hatte. Auch Marcus war sich dessen bewusst, und Dankbarkeit erfüllte sein Herz. Längst schon war im klargeworden, dass er diese frische, junge, schöne Pflegerin nicht nur sehr gerne sah, sondern dass er auch ungemein viel für sie empfand. Er wollte plötzlich wieder leben - für sie, für Carina Mohn, diesen sanften blonden Engel, ohne den es ihm nicht möglich gewesen wäre, zu genesen. Tief drinnen in seinem Herzen keimte eine große, starke Zuneigung, und es machte ihn - als er Carina eines Tages seine Liebe gestand - sehr, sehr glücklich, zu hören, dass sie seine Gefühle mit der gleichen Intensität erwiderte.

Nach einer sechswöchigen Nachkur in einem bekannten Schwarzwald-Sanatorium kehrte er zu seinem Verein zurück, ein halbes Jahr nach seiner Operation stellte Jörg Clementi ihn wieder in die Kampfmannschaft und er war besser denn je.

Er kam ins Nationalteam, und Dr. Heideck meinte kopfschüttelnd, während er das spannende Match in seinem Büro auf dem Bildschirm verfolgte: Kaum zu glauben, dass dieser Mann auf keine unserer Behandlungen mehr ansprach.

Carina schmunzelte. Tja, Chef, nun wissen Sie es: Liebe ist die beste Therapie. Sie verließ das Krankenhaus und fuhr heim, in das Haus, in dem sie seit kurzem mit Marcus wohnte, und in dem sie mit ihm unbeschreiblich glücklich war.

ENDE

Sie dürfen als Frau nicht versagen

Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.

Er ist ein Versager – das hat sein Vater schon immer gesagt. Hoch verschuldet und ohne Geld kehrt er nach Hause zurück, und als sein Bruder ihm in dem elterlichen Betrieb keinen Hilfsjob geben will, beschließt Dieter Bechner, seinem Leben ein Ende zu setzen. Im letzten Augenblick wird er gerettet und in die Mohnhaupt Klinik eingeliefert. Die Notfallärztin Dr. Alena Bärwald hat ihn nicht nur wiederbelebt, sondern kümmert sich auch danach um seine seelischen Nöte, damit Dieter neuen Lebensmut fasst. Er verliebt sich in die attraktive Ärztin, doch sie weist ihn ab, und da bricht für den jungen Mann eine Welt zusammen ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

1

Als Dieter Bechner aus dem Bus gestiegen war, blieb er noch einen Augenblick stehen. Die anderen Leute, die mit ihm den Bus verlassen hatten, strebten nach allen Seiten davon. Dieter kannte keinen von ihnen, und er war auch froh, keinen Bekannten getroffen zu haben. Es war eben doch eine lange Zeit, die er nicht in seiner Heimatstadt geweilt hatte.

Langsam setzte er sich in Bewegung, ging fast wie ein alter Mann die sommerliche Straße entlang. Früher hatte er immer seine Freude an den blühenden Büschen in den Vorgärten gehabt. Heute verschwendete er keinen Blick dafür. Wie in Trance ging er weiter, und dann, an der Kurve, sah er die Tankstelle und die Werkstatt seines Bruders. Daneben das alte Einfamilienhaus, in dem sie alle aufgewachsen waren, Wolfgang, Martin und er selbst, Dieter Bechner.

Er fragte sich, ob er den Mut hatte, es Mutter zu sagen.

Sie wird es erfahren, dachte er. Es geht kein Weg daran vorbei. Schon der Gedanke presste ihm das Herz zusammen. Aber auch das Gespräch mit Wolfgang würde nicht leicht sein.

Als er die Tankstelle erreicht hatte, betankte ein junger Mann im blauen Anzug gerade ein Auto. Aber für Dieter war es ein Fremder. Er ging an ihm vorbei direkt auf das Büro seines Bruders zu, vor dem ganz groß stand: „Reparaturannahme".

In der Werkstatt wurde gerade das Blech einer Karosserie zerschnitten. Ein höllischer Lärm drang bis auf die Straße hinaus. Monteure in grünen Anzügen hasteten umher, und auch diese Gesichter waren Dieter alle fremd.

Er trat ein, zog die Tür hinter sich zu und stand dann vor der langen Theke, die noch aus Vaters Zeiten stammte. Ein fremdes blondes Mädchen saß hinter der Schreibmaschine und tippte etwas. Links stand ein junger Mann im weißen Kittel. Auch ihn kannte Dieter nicht. Der junge Mann im weißen Kittel blickte von dem Prospekt auf, in dem er geblättert hatte, sah Dieter an und fragte: „Was kann ich für Sie tun?"

„Mein Name ist Bechner. Ist mein Bruder da?"

Der junge Mann war zunächst etwas verblüfft, dann lächelte er, als habe er verstanden und sagte: „Ja, was machen wir denn da? Ihr Bruder wollte nicht gestört werden. Der Steuerberater ist bei ihm. Wissen Sie, wir bekommen nächste Woche eine Betriebsprüfung und ... Na, Sie können sich denken, wie das ist."

„Sagen Sie trotzdem, dass ich da bin. Es ist dringend."

„Natürlich, ich werde ihn holen!" Der junge Mann ging durch die Tür nach oben, und Dieter dachte in diesem Augenblick:

'Wie oft bin ich schon als Kind durch diese Tür gerannt. Früher, da waren wir meistens, wenn schlechtes Wetter war, hier in der Reparaturannahme bei Vater. In die Werkstatt durften wir nicht wegen der Unfallvorschriften, aber hier sind wir oft gewesen.'

Die Tür bewegte sich, und Dieter dachte schon, der junge Mann käme zurück. Aber es war eine junge Frau, die hereinkam. Blond, ein wenig pausbäckig, und auch sonst nicht zu mager geraten.

Als sie Dieter sah, war sie nur einen kurzen Augenblick lang überrascht. Dann strahlte sie ihn an und kam ihm sofort bis zur Theke entgegen. „Hallo, Dieter! Dass du dich hier noch mal sehen lässt!", rief sie strahlend und reichte ihm die Hand über die Theke. Er lächelte etwas verlegen, fand so recht keine Antwort und dachte an die Zeit, da sie beide, Ingrid Möller und er, miteinander fangen gespielt hatten. Aber das war schon lange her, viele tausend Ewigkeiten!

„Studierst du immer noch?", fragte sie.

Er zögerte nur ein paar Sekunden, dann nickte er. „Ja, ja", sagte er knapp.

Dieses kurze Zögern schien sie verblüfft zu haben. Aber sie ging nicht weiter darauf ein, lächelte wieder und meinte: „Du wirst sicher nicht bleiben wollen, oder?"

„Ich muss mit meinem Bruder sprechen!"

„Warum gehst du nicht durch?"

„Es sind alles Fremde hier, die mich nicht kennen. Ich kann nicht einfach durchgehen."

„Dein Bruder hat viele Sorgen jetzt. Sie machen bei ihm eine Steuerprüfung, meinte Ingrid Möller schmunzelnd, „und du weißt, vor der Steuer hat er eine panische Angst.

Dieter wurde der Antwort enthoben, denn da tauchte sein Bruder auf.

Er hat sich überhaupt nicht verändert, dachte Dieter. Groß, breitschultrig, so war er immer gewesen. Sein kantiges Gesicht drückte Energie und Entschlossenheit aus. Aber das Lächeln in diesem Gesicht, das sich jetzt zeigte, verriet zugleich Skepsis, ja sogar ein wenig Ablehnung.

„Dass man dich mal wieder sieht, sagte er, kam zur Theke, und sie drückten sich die Hände. „Du hättest einfach durchkommen können!, fuhr Wolfgang Bechner fort.

Er war fast einen Kopf größer als sein Bruder. Und zwischen diesen beiden Brüdern, das zeigte sich schon in ihrem Äußeren, lagen nicht nur elf Jahre Altersunterschied. Im Grunde trennten die beiden Welten.

Dieter wusste das. Und er hätte tausend andere Wege lieber getan als diesen hierher.

„Warst du schon bei Mutter?", fragte Wolfgang Bechner.

Dieter schüttelte den Kopf.

Da schien der ältere Bruder alles zu verstehen. „Aha!, meinte er. „Nun komm mal mit rauf! Ich habe zwar gerade den Steuerberater da und bin unheimlich unter Druck, aber ein paar Minuten kann ich für dich abzweigen.

Dieter folgte seinem Bruder wie ein begossener Pudel. Im Vorbeigehen warf er Ingrid noch einen kurzen Blick zu, um seine Lippen stand dabei ein schmerzliches Lächeln.

Ingrid lächelte nicht. Sie sah ihn betroffen, fast besorgt an, und sie hatte den Mund halb geöffnet, als wollte sie ihm etwas zurufen, aber es drang kein Laut über ihre Lippen. Dann schloss sich schon hinter ihm die Tür, und er folgte seinem Bruder die Treppe hinauf.

Es gab da oben ein kleines Zimmer mit einer Couch, einem runden Tisch und zwei Sesseln. Hier hatte Vater immer die Kunden empfangen, die ein Auto kaufen wollten. An der Seite stand ein Regal, und es war auch jetzt noch mit Prospekten gefüllt, mit Preislisten und all dem, was man zum Autoverkauf benötigt.

Wolfgang deutete auf einen der Sessel und sagte: „Setz dich doch! Bist du mit dem Wagen gekommen? Dieter schüttelte den Kopf. „Mit dem Bus.

„Aha", meinte Wolfgang Bechner wieder, und es klang nach Verständnis.

„Ich habe kein Geld mehr dazu. Ich kann das Auto nicht mehr halten."

„Mit einem Wort, erwiderte Wolfgang, „du bist durchgefallen, zum zweiten Mal. Also kein Vordiplom, kein Fortgang des Studiums, ein Studium, das du selbst gewollt hattest. Gegen die Empfehlung Vaters, der damals noch lebte, gegen meine Empfehlung. Nur hinter Mutter konntest du dich verschanzen. Sie hat es für dich durchgedrückt. Sie hat erreicht bei Vater, dass der Herr Sohn studiert, statt wie die anderen ein anständiges Handwerk zu lernen.

„Martin hat das anständige Handwerk auch nichts genützt", erwiderte Dieter in gereiztem Ton. '

Wolfgang, der immer noch stand, nickte bedächtig. Alles an ihm wirkte bedächtig, nicht nur dieses Nicken; so empfand es jedenfalls Dieter. Bei Wolfgang war alles stets geradlinig und überschaubar gewesen. Realschule, mittlere Reife, Lehre, Gesellenzeit, Meisterprüfung, genau wie Vater es vorgeplant hatte. Und er war ein guter Meister, das wusste Dieter. Davon hatte Vater schon immer geschwärmt.

„Du kommst nicht weiter, Junge, hörte er seinen Bruder sagen. „Ich habe dir damals schon geraten, wenn du wirklich dein Abitur machen musst, dann lerne nach dem Abitur etwas Anständiges. Studium! Was bringt uns das denn? Was kannst du damit anfangen? Es wimmelt von Akademikern. Sie unterbieten sich gegenseitig. Sie jagen sich die Posten ab. Aber hier, er klopfte auf den kleinen Tisch, „... hier wird anständiges Fachwissen gefordert. Praxis - nicht grüne Theorie. Das alleine zählt. Ich würde sonst etwas geben, wenn ich noch zwei erstklassige Fachkräfte kriegen könnte. Die hätten wir dringend nötig. Gute Monteure, das ist es, was wir brauchen. Vor vier Wochen, da waren ein paar Studenten hier. Die wollten die Semesterferien bei mir arbeiten. Ich habe sie weggeschickt. Was will ich mit denen?"

„Ich wollte dich auch um Arbeit bitten", sagte Dieter.

„Das heißt also, du kannst nicht weiterstudieren und möchtest jetzt irgendwo arbeiten, erwiderte Wolfgang Bechner und sah seinen Bruder wie etwas an, das er taxieren musste, wo er abzuwägen hatte, ob er damit überhaupt etwas anfangen konnte. „Im Grunde bist du ein Ungelernter, ein Hilfsarbeiter. Aber wenn ich dich so ansehe, Sport hast du nie getrieben, immer nur diese Musik, jede freie Minute die Trompete und Musik mit einer Band. Statt in den Semesterferien zu lernen wie die anderen oder zu arbeiten, bist du in ganz Europa herumgezogen und hast mit diesen anderen Typen, die du um dich versammelt hast, Musik gemacht. Was hat es dir gebracht? Nichts! Für ein paar Glas Martini oder was immer ihr trinkt, habt ihr gespielt - ganze Nächte lang. Und was dabei herausgekommen ist in Geld, das habt ihr wieder gebraucht, um zu leben. Nichts ist dir geblieben. Mit der Musik hast du dir die Zeit genommen, um zu lernen. Jetzt hast du die Quittung. Das zweite Mal durchs Vordiplom gefallen! So ein Glück, dass Vater es nicht mehr erleben musste!

„Es ist ein sehr schweres Studium. Ich hätte dich mal sehen wollen!", sagte Dieter.

„Mich!, meinte Wolf gang bissig. „Was ich anfasse, das gerät mir. Und wo ich weiß, dass die Trauben zu hoch hängen, da versuche ich mich nicht. Ich greife nicht nach den Sternen. Ich kenne meine Grenzen. Und du bist ein Traumtänzer. Im Grunde hast du schon als Kind nie etwas Vernünftiges machen können. Wenn man dich zum Rasenmähen geschickt hat, da hast du die Erdbeeren mit abgemäht. Immerzu dummes Zeug! Und später noch, da haben sie dich Charlie Brown genannt. Charlie Brown, der nur Unsinn im Kopf hat. Unsinn und deine verdammte Trompete! Im Übrigen schuldest du mir noch fünfzig Mark davon, die ich dir damals geliehen habe. Ich nehme nicht an, dass du sie mir zurückzahlen kannst!

Dieter Bechner senkte den Kopf. „Nein, kann ich nicht", erwiderte er. Ihm war, als würgte ihm etwas die Kehle zu. Dieser Triumph seines Bruders, den hatte er wohl in einem gewissen Maße erwartet, aber das jetzt war der reine Hohn. Natürlich hat er recht, sagte er sich. Aber er braucht es doch nicht so zu sagen. Ich bin doch sowieso schon am Boden zerstört. Und dann kommt er noch.

„Ich habe mir selbst schon Vorwürfe genug gemacht. Ich weiß, dass vieles falsch war, sagte Dieter, ohne seinen Bruder anzusehen, „aber ich bin gekommen, um dich um Hilfe zu bitten.

„Mich um Hilfe bitten? Wolfgang lachte schallend. „Du hast mich schon tausendmal um Hilfe gebeten, und ich habe dir ebenso oft geholfen. Aber irgendwann muss doch einmal Schluss sein.

„Mein Gott, das eine Mal noch! Ich war ja schon auf dem Arbeitsamt. Aber es ist so, wie du sagst. Ich bin ungelernt. Für die bin ich noch nicht einmal ein Hilfsarbeiter. Abgebrochener Student, hat er zu mir gesagt."

„Recht hat er gehabt, sagte Wolfgang. „Das hättest du dir vorher überlegen sollen. Ich will dir noch etwas sagen, mein lieber Bruder. Vor drei Jahren hätte ich im Sommer dringend jemand gebraucht. Ich hatte dich gebeten, ob du in den Semesterferien nicht zu mir kommen könntest, in der Reparaturannahme wäre ein Posten für dich gewesen. Aber nein, mein Herr Bruder musste nach Spanien, um dort Musik zu machen, um die Urlauber zu erfreuen mit seinem Trompetenblasen. Ja, du hast mir was geblasen, als ich dich fragte, ob du mir helfen könntest. Damit wolltest du nichts zu tun haben. Und noch etwas fällt mir jetzt ein. Einmal, als du hier deine Ferien gemacht hast, kurz vor Vaters Tod war das, da ist uns - ausgerechnet am Samstag - Carlo, der italienische Wagenwäscher, krank geworden, und ich sagte zu dir: 'Könntest du nicht mal dabei helfen, die Wagen zu waschen?' Ich wollte es auch tun. In so einem Augenblick müssen alle zusammenhalten. Aber du! Ausgelacht hast du mich. Diese Dreckarbeit wäre nichts für dich, und Mutter hat dir beigestanden wie immer. Vater wusste es gar nicht. Wenn er es gehört hätte, was du gesagt hast, und was auch Mutter gesagt hat, vielleicht hätte er den Herzinfarkt damals schon bekommen. Gegen Aufregung war er unheimlich allergisch. Weißt du, Junge, irgendwann ist Schluss. Ich habe dich ein paarmal gebettelt, mir zu helfen. Du hast es nicht getan. Was erwartest du jetzt von mir?

Dieter knetete seine Hände. „Ich weiß, dass vieles falsch war. Es tut mir auch leid heute. Manchmal muss man eine auf den Kopf kriegen, um zu begreifen, was läuft. Aber könntest du nicht wenigstens ... ich meine, könntest du nicht ..."

„Bist du schon nicht mehr imstande, wie ein normaler Mensch zu reden, dass du so herumstotterst? Du hast doch früher keine Hemmungen gehabt, mir die Meinung zu sagen. Aber falls du Arbeit suchst, ich suche keine Ungelernten. Die Plätze für Ungelernte, die man anlernen muss, die sind bei mir alle besetzt. Das Einzige, was ich brauche, das sind hervorragende Fachkräfte. Leute, die einen Vergaser einstellen können, eine Zündung. Die ein Getriebe auseinandernehmen und wieder zusammensetzen, dass man es auch gebrauchen kann. Vater hat dir das beibringen wollen. Mir hat er es beigebracht, als ich noch ein Kind war. Aber du, du hast nicht mal hingesehen. Und dann hat er mich oft geschickt und hat gesagt: 'Zeig dem Kleinen, wie das gemacht wird.' Martin hat aufgepasst. Jammerschade um den Jungen, dass er verunglückt ist."

„Es wäre dir wohl lieber, ich hätte auf dem Motorrad gesessen, was?", fragte Dieter.

„Ich weiß nicht, erwiderte Wolfgang Bechner. „Vielleicht hast du recht. Vielleicht wäre es mir lieber gewesen, du hättest auf dem Motorrad gesessen, denn Martin war ein hervorragender Kraftfahrzeugschlosser. Der hatte einen ordentlichen Beruf, und was hast du?

„Ich werde auch eines Tages einen ordentlichen Beruf haben. Mein Gott, die Jahre des Chemiestudiums sind doch nicht umsonst."

„Ungelernter Hilfsarbeiter, das bist du. Kein Mensch interessiert sich für dein Chemiestudium. Du hast es ja nicht abgeschlossen, nicht einmal das Vordiplom."

„Also du kannst mir nicht helfen?"

„Geh doch zu Mutter! Du bist doch immer zu Mutter gegangen, hast sie angepumpt. Wie viel Hunderte, wie viel Tausende Mark hat sie dir im Laufe der Jahre zugeschanzt!"

Dieter schwieg. Er konnte seinen Bruder nicht mehr ansehen. Mochte Wolfgang tausendmal recht haben, er hasste ihn dafür, was er jetzt sagte.

„Nein, ich werde nicht zu Mutter gehen. Ich habe nur eine Bitte. Ich besitze praktisch keinen Pfennig mehr. Vielleicht kannst du mir fünfzig Mark leihen!"

„Leihen? Wolfgang lachte höhnisch. „Dir etwas leihen, heißt schenken. Du musst etwas genauer mit den Wörtern umgehen. Er zog seine Brieftasche heraus, schlug sie auf und holte einen Hundertmarkschein heraus. „Da, ich schenke ihn dir. Leihen tu ich dir nichts. Ich habe dir zuletzt etwas geliehen, als du noch ein kleiner Junge warst und habe erleben müssen, was du unter diesem Wort verstehst. Hier, ich schenke es dir!"

Der Stolz in Dieter war größer. „Ich könnte dich anspucken", sagte er, drehte sich abrupt um, ohne das Geld nur anzufassen und stürmte hinaus.

Unten sprach Ingrid Möller gerade mit einem Kunden, einem älteren Manne, als Dieter an ihr vorbei zu der Schwingtür an der Theke ging.

„Auf Wiedersehen, Dieter!", rief Ingrid, und sie lachte dabei.

Als er sich aber kurz zu ihr umdrehte und sie sein Gesicht sah, verflüchtigte sich dieses Lachen jäh. Erschrocken blickte sie ihn an, und ihr war, als hätte sie das Bild eines Geistes erblickt. Aber da hatte er sich umgedreht und die Tür hinter sich geschlossen. Sie streckte ihre Hand aus, als wollte sie ihn festhalten.

Der Kunde, der vor ihr stand, hatte das gar nicht bemerkt. Er blätterte in einem Ersatzteilkatalog, sah jetzt auf und tippte mit dem Finger auf eine bestimmte Stelle im Katalog und sagte zu Ingrid: „Hier steht fünfundfünfzig Mark, und Sie haben über sechzig verlangt!"

Verwirrt wandte sich Ingrid ihm wieder zu. Sie brauchte ein paar Sekunden, bis sie überhaupt begriff, was er wollte. Dann murmelte sie: „Na ja, die Mehrwertsteuer kommt noch dazu."

In diesem Augenblick kam Wolfgang Bechner die Treppe herunter, öffnete die Tür zum Büro, sah Ingrid an und fragte: „Ist er weg?"

Ingrid nickte. „Er sah ganz merkwürdig aus."

Aber Wolfgang Bechner hob nur die Schultern und wandte sich um, um wieder die Treppe hinaufzugehen.

Als die Tür hinter ihm zuklappte, zuckte Ingrid Möller zusammen.

„Bernd, sagte sie zu dem jungen Mann, der an der Schreibmaschine, saß und eine Rechnung schrieb. „Kannst du dich bitte um den Kunden kümmern? Ich muss mal dringend weg.

Der junge Mann erhob sich zögernd und missmutig, aber Ingrid Möller war schon draußen. Sie rannte über den Werkstatthof und sah Dieter gerade in die Ecke zur Straße einbiegen.

„Dieter, Dieter!", rief sie.

Er drehte sich nicht um, ging einfach weiter. Aber es kam gerade ein Lastwagen vorbei. Vielleicht hat er es nicht gehört, dachte Ingrid und rannte weiter. Fast hätte sie noch ein Autofahrer umgefahren, der gerade von der Straße in den Werkstatthof einbog. Ingrid hatte jetzt den Fußweg erreicht, war bis auf zwanzig Schritt an Dieter heran und rief weiter: „Dieter, Dieter!"

Da blieb er stehen, drehte sich um, sah sie wie geistesabwesend an.

Als sie ihn endlich erreicht hatte, war sie so atemlos, dass sie zunächst gar keinen Ton herausbrachte.

Ein eigenartiges, ja seltsames Lächeln stand in Dieters Gesicht. Irgendwie kam er ihr wie entrückt von dieser Welt vor.

„Mein Gott, warum bist du weggelaufen? Was ist mit dir? Was ist passiert? Hast du dich wieder mit ihm gestritten?", fragte Ingrid.

Dieter schüttelte den Kopf. „Nein, Ingrid, gestritten haben wir uns diesmal nicht. Ich glaube, man kann sich gar nicht mit ihm streiten. Ich bin an allem selbst schuld. Er ist, wie er ist. Er kann nicht aus seiner Haut. Ich habe es mir selbst zuzuschreiben. Er versteht mich nicht. Ich versteh’ ihn nicht. Aber er ist im Recht, und ich habe keinen Anspruch darauf, dass er mich begreift. Wie sollte er auch? Ich habe zu viel getan, was ihn schmerzen müsste. Früher habe ich mich über ihn amüsiert. Ich habe ihn belächelt, und selbst heute, wo ich sehe, dass er es weiter bringt als ich, möchte ich nicht so sein wie er. Auf seine Art ist er glücklich oder empfindet das, was er für Glück hält."

„Du bist so bitter,

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