Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Die Zuhörerin: Erzählungen
Die Zuhörerin: Erzählungen
Die Zuhörerin: Erzählungen
eBook153 Seiten2 Stunden

Die Zuhörerin: Erzählungen

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Über dieses E-Book

Auf wie vielen Ohren sind wir eigentlich taub, wenn wir uns dem Sog des Alltags hingeben? Tove Janssons Figuren sind jedenfalls gesegnet mit gespitzten Ohren und messerscharfer Beobachtungsgabe.
Die finnisch-schwedische Autorin erfrischt bereits in diesen frühen literarischen Meisterwerken mit ihrem unverwechselbaren Blick und klaren Stil.

Tove Jansson erzählt von Menschen, die so gut zuhören, dass man sich als Sprechender selber besser versteht, von Menschen, denen auch das Leiseste nicht entgeht, und von anderen, die plötzlich nach innen lauschen. Seismografisch fangen ihre Figuren leiseste Schwingungen zwischenmenschlicher Beziehungen oder unterschiedlichster Stimmungen der Einsamkeit auf und beschenken den Leser dadurch mit Wahrnehmungen und vielleicht sogar Wahrnehmungsorganen, die ihm im Alltag abhanden gekommen sind. Man könnte aber auch sagen: Wenn Tove Jansson erzählt bzw. ihre Figuren erzählen lässt, dann möchten wir ganz Ohr sein – denn das kann sich hören lassen.
SpracheDeutsch
HerausgeberVerlag Urachhaus
Erscheinungsdatum15. Feb. 2018
ISBN9783825161651
Die Zuhörerin: Erzählungen
Vorschau lesen
Autor

Tove Jansson

Tove Jansson (1914–2001) was born in Helsinki and spent much of her life in Finland. She is the author of the Moomin books, including Comet in Moominland and Finn Family Moomintroll. Born into an artistic family—her father was a sculptor and her mother was a graphic designer and illustrator—Jansson studied at the University College of Arts, Crafts and Design in Stockholm, the Finnish Academy of Fine Arts, and L’École des Beaux-Arts in Paris. In addition to her Moomin books, she also wrote several novels, drew comic strips and worked as a painter and illustrator. In 1966, she was awarded the Hans Christian Andersen Medal for her body of work. Jansson had a studio in Helsinki but spent most of her time at her home on a small island called Klovharu.

Mehr lesen von Tove Jansson

Ähnlich wie Die Zuhörerin

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Die Zuhörerin

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

    Buchvorschau

    Die Zuhörerin - Tove Jansson

    Tove Jansson

    Die ZUHÖRERIN

    ERZÄHLUNGEN

    Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer

    Urachhaus

    INHALT

    Die Zuhörerin

    Sand löschen

    Kindergeburtstag

    Der schlafende Mann

    Schwarz-weiß

    Brief an ein Idol

    Eine Liebesgeschichte

    Der Andere

    Im Frühling

    Das stille Zimmer

    Der Sturm

    Graue Duchesse

    Vorschlag für eine Einleitung

    Der Wolf

    Der Regen

    Die Sprengung

    Lucios Freunde

    Das Eichhörnchen

    Impressum

    DIE ZUHÖRERIN

    Tante Gerda war fünfundfünfzig, als es anfing. Die ersten Hinweise darauf, dass sich etwas veränderte, fanden sich in ihren Briefen. Die Briefe wurden unpersönlich.

    Tante Gerda war eine ruhige, gut situierte Person von durchschnittlichem Äußeren, nichts an ihr war aufregend, störend oder peinlich. Aber sie war eine gute Briefschreiberin. Nicht brillant, natürlich nicht, auch nicht amüsant, aber jedes Detail, das man Tante Gerda mitteilte, wurde einer Prüfung unterzogen und nie irgendwelchen betulichen Ratschlägen ausgesetzt. Man hatte sich daran gewöhnt, dass sie sofort antwortete, vielleicht nicht unbedingt eifrig, aber umsichtig und mit ernsthaftem Interesse. Ihre Briefe endeten oft mit Wünschen für einen guten Arbeitsherbst oder für ein angenehmes Frühjahr, diese großzügig bemessene Zeitspanne schien dem Empfänger volle Freiheit zu gewähren, sich mit seinem nächsten Brief etwas Zeit zu lassen.

    Tante Gerdas Briefe zu lesen war, als dürfe man die eigenen Erlebnisse noch einmal voller Spannung durchleben, aber diesmal auf einer größeren Bühne, dramatisiert und geklärt, und vom Chor aufmerksam beobachtet und interpretiert. Und gleichzeitig in der ruhigen Gewissheit, dass sie das Vertrauen, mit dem sie so oft belohnt wurde, noch nie missbraucht hatte.

    Inzwischen ließ Tante Gerda seit einiger Zeit Wochen und Monate verstreichen, bevor sie antwortete, und wenn sie endlich schrieb, war der Brief von würdelosen Entschuldigungen entstellt, die Schrift war groß und ausladend und der Briefbogen nur noch auf einer Seite beschriftet. Und der Kommentar, das meisterhaft detaillierte Mitgefühl, hatte nichts mehr von seiner ursprünglichen Wärme.

    Wenn ein Mensch das verliert, was man als seine Essenz bezeichnen könnte, den Ausdruck seiner schönsten Eigenschaft, ist es manchmal, als würde sich die Veränderung erweitern und mit erschreckender Geschwindigkeit die gesamte Persönlichkeit überwältigen. Genau das geschah mit Tante Gerda. Sehr schnell vergaß sie Geburtstage. Ihr entfielen Namen, Gesichter, Versprechen. Sie kam zu spät, sie, die sonst immer wartend im Treppenhaus saß und dennoch die Erste war. Ihre verspäteten Geschenke waren zu teuer, zu groß und unpersönlich und von peinlichen Entschuldigungen begleitet. Nie mehr liebevoll ausgedachte Gaben, die sie selbst angefertigt hatte. Nie mehr schöne, rührende Weihnachtskarten, diese Collagen aus gepressten Blumen, Engeln und, ganz selten, Pailletten. Mittlerweile kaufte sie teure Glitzerkarten mit aufgedruckten Wünschen für Glück und Freude.

    Die Boten, die Tante Gerda demnach jetzt aussandte, waren traurige Zeugen ihrer Veränderung, eines gewaltigen, bedrückenden Mangels an Aufmerksamkeit.

    Man trägt ja all jene, die man liebt, mit sich, sie sind ständig anwesend, und die Welt ist voller Möglichkeiten, ihnen Zuneigung zu zeigen, das kostet so wenig und bewirkt so viel. Tante Gerdas Geschwister, ihre Nichten und Neffen und Freunde, alle sagten sich, Gerda habe ihren Stil verloren. Sie trage zu wenig Verantwortung und das Alleinleben habe sie egoistisch gemacht, oder vielleicht sei es auch die unvermeidliche Vergesslichkeit, die das Alter mit sich bringe. Aber eigentlich wussten sie, dass die Veränderung tiefer ging, sie war unerklärlich und fundamental und berührte Verschiebungen jener geheimnisvollen Schichten, welche Wesen und Würde einer Person formen.

    Tante Gerda wusste, was mit ihr geschah, aber sie verstand es nicht. Alles, was sie früher freiwillig und als Folge ihrer eigenen Sanftmut getan hatte, verwandelte sich mit rasender Geschwindigkeit in eine überwältigende Anstrengung. Sie wurde von Selbstvorwürfen geplagt. Die größten Schwierigkeiten schien es ihr zu bereiten, eine bestimmte Uhrzeit einzuhalten, pünktlich zu sein. Tage, die von einer Einladung unterbrochen oder beendet wurden, erhielten eine eigene Zeitrechnung, bereits am Morgen waren sie unberechenbar und voller Ängste. Man könnte vielleicht sagen, sie waren auf eigenartige Weise zweigeteilt. Auf der einen Seite standen Tante Gerdas aufrichtige Vorfreude und all die Dinge, die sie vorbereitet und dabeihaben wollte, wenn sie ihr Haus verließ, auf der anderen Seite stand eine große Unsicherheit, die sich auf Namen, Gesichter und Worte bezog und auch auf das Gefühl für Zusammenhänge und Details, die eigentlich noch liebevoll hätten ergänzt werden müssen.

    Und vor allem war da die feindselige Zeit. Die Zeit, die sich ununterbrochen einer bestimmten festgelegten Sekunde nähert, und in dieser Sekunde beginnt jemand hinter einer Tür zu warten. Eine Sekunde ist weniger als ein Atemzug, und alles, was darauf folgt, ist zu spät, mehr und mehr zu spät.

    Wenn Tante Gerda sich dem berechneten Zeitpunkt des Aufbruchs näherte, wuchs ihre Unruhe ins Unerträgliche. Sie beging seltsame Verwechslungen, irrte sich, als sie auf die Uhr sah, begann kleine unwesentliche Dinge in Angriff zu nehmen, wurde von Müdigkeit übermannt und schlief im Sitzen ein, und falls sie den Wecker gestellt hatte, kam es vor, dass sie genau dann grundlos ins Treppenhaus ging oder den Dachboden aufsuchte, als er läutete. War es der bedauernswerten Frau dann endlich gelungen, zu spät zu kommen, konnte sie es nicht lassen, ihre Gastgeber mit diversen allzu umständlichen, verzweifelten Entschuldigungen zu quälen.

    Die Zeit verging, und es wurde nicht besser. Wenn jemand, den man schätzt, sich danebenbenimmt, und zwar so total, dass niemand rechtzeitig hilfreich eingreifen kann – dann ist das ein Problem. Zum Beispiel hatte Tante Gerda mitten in einem Satz vergessen, ob das Kind eines ihrer Geschwister ein Junge oder ein Mädchen war. Voller Panik verstummte sie, danach sagte sie, sehr leise: »Ich meine, wie geht es deinem lieben Kind …?« Wenn sie Personen traf, die sie schon lange kannte, stellte sie sich ihnen mit Namen vor, und ihre Ängste waren so deutlich spürbar, dass sie allgemein für Verstimmung sorgten.

    All dies muss beschrieben werden, um Tante Gerdas Verhalten im zeitigen Frühjahr neunzehnhundertsiebzig besser verstehen zu können.

    Kann sein, dass man all das nicht genügend beachtet, was ununterbrochen mit jenen passiert, die man liebt, ein ständiges, kompaktes Geschehen, das in seiner ganzen Tragweite vielleicht nur von Personen wie zum Beispiel Tante Gerda erfasst werden kann, das heißt, vor ihrer Veränderung. Die geliebten Menschen legen Prüfungen ab und werden befördert oder auch nicht, sie bekommen mehr Gehalt und Stipendien oder sie bekommen überhaupt nichts oder Kinder oder Geschwüre oder Komplexe, sie haben Probleme mit den Dienstboten, mit dem Beischlaf und dem Trotzalter, mit ihren Wahnvorstellungen und mit dem Geld, vielleicht auch mit dem Magen oder den Zähnen, sie verlieren die Person, mit der sie zusammenleben wollten, oder ihren Glauben oder ihren Beruf oder ihr Selbstvertrauen und verirren sich in Politik und Selbstbetrug, Enttäuschung und Ehrgeiz, sie erleben Verrat und Beerdigungen und alle Arten von Horror, direkt und unverblümt, und mit der Zeit kriegen sie Falten und tausend andere Dinge, die sie so nicht erwartet haben – und all das trug ich in mir, dachte Tante Gerda betrübt, gestochen scharf und deutlich, mir unterliefen keine Verwechslungen! Ich irrte mich nie. Was ist da nur passiert?

    Nachts wachte sie oft auf und konnte nicht wieder einschlafen. Manchmal fragte sie sich, wo die ruhigen und glücklichen Menschen wohl waren und ob solche überhaupt existierten, und ob sie es wagen würde, sich auf diese Art von Personen einzulassen, falls sie ihnen je begegnen sollte. Nein, dachte Tante Gerda. Trotz allem tragen sie insgeheim doch etwas mit sich herum, verbergen eine Last, die sie dann teilen wollen.

    Briefe und Geschenke und die bunten Albumbildchen der Zuneigung sind wichtig. Aber noch wichtiger ist es, von Angesicht zu Angesicht zuhören zu können, das ist eine große, seltene Kunst. Tante Gerda war immer eine gute Zuhörerin gewesen, vielleicht unterstützt durch die Tatsache, dass es ihr Schwierigkeiten bereitete, selbst etwas zu formulieren, und auch durch ihren eigenen Mangel an Neugier. Seit ihrer Jugend hatte sie ihnen zugehört, hatte ihnen ihr Ohr geliehen, während sie über sich selbst und die anderen redeten, sie hatte sie in einer immensen, ausgeklügelten Übersicht aus Lebensläufen in sich getragen, lauter Lebenslinien, die sich überschnitten und nebeneinander herliefen. Sie lauschte mit dem ganzen großen, flachen Gesicht, regungslos, leicht vorgeneigt und mit gesenktem Blick, manchmal sah sie auf, rasch und offensichtlich schmerzlich betroffen. Sie rührte ihren Kaffee nicht an und ließ die Zigarette herunterbrennen. Nur in den kurzen Pausen, die selbst ein größeres Drama für triviale, aber notwendige Erklärungen zulässt, gestattete sie sich einen heftigen Zug an der Zigarette, kippte den Kaffee in sich hinein und stellte die Tasse behutsam und ohne zu klirren ab. Tante Gerda war, eigentlich, nichts als Stille. Hinterher ließ sich unmöglich rekonstruieren, was sie gesagt hatte, vielleicht nur ein atemloses Fragen: »Ja? Ja …?«, oder ein kurzer Ausruf des Mitgefühls.

    Während die Jahre vergingen und die Last der Einsicht in Tante Gerdas Innerem wuchs, fühlte sich niemand beim Gedanken daran, wie viel Gerda über sie alle wusste, beunruhigt. Sie verließen sich auf die Fähigkeit der Tante, etwas bewahren zu können, sie ließen sich von dem seltsamen Ausdruck von Unschuld und Neutralität, der ihr anhaftete, verleiten. Es war, als würde man einem Baum oder vielleicht einem anhänglichen Tier etwas erzählen. Und immer wurde einem die leichte Übelkeit erspart, die sonst darauf folgt, wenn man sich ausgeliefert hat.

    Inzwischen war es, als hätte Tante Gerda ihre Unschuld verloren. Ihr großes Gesicht lauschte genau wie bisher, halb geöffnet und geglättet, ihre kurzen Ausrufe waren die gleichen, hatten aber etwas von der früheren Scheu verloren, sie sprachen nicht mehr von der schlichten Freude, etwas erfahren zu dürfen, um es verstehen und dadurch lieben zu können. In Tante Gerdas Augen lag nicht mehr der gleiche Schmerz, und sie hatte sich eine irritierende, hilflose Handbewegung zugelegt, die, vielleicht, um Entschuldigung bat.

    In jenem Winter und Frühling gab es nicht viele, die Tante Gerda anriefen, ihre Wohnung wurde still und sehr friedlich. Inzwischen hörte sie nur noch dem Aufzug zu und gelegentlich dem Regen. Oft saß sie am Fenster und beobachtete die Veränderungen der Jahreszeit. Die Wohnung hatte einen Erker, halbkreisförmig und recht kühl, jetzt im März war das Fenster von einem schönen Gitter aus Eis verziert. Die dicken Eiszapfen, fein ziseliert vom herabrinnenden Wasser, färbten sich gegen Abend blau. Niemand rief an und niemand kam. Tante Gerda erschien das Fenster wie ein großes Auge, das über die Stadt, den Hafen und den zugefrorenen Meeresstreifen hinausblickte. Die neue Stille und Leere empfand sie nicht nur als Verlust, sondern auch als eine kleine Erleichterung. Tante Gerda fühlte sich wie ein Ballon, losgelassen und in eine eigene Richtung strebend. Aber, sagte sie sich dann, bei ernsthafter Überlegung ist das ein Ballon, der an die Decke prallt und nicht weiterkommt. So kann man nicht leben, das war ihr klar, der Mensch ist nicht dafür geschaffen, frei zu schweben, er braucht einen festen irdischen Punkt aus Sinn und Sorgen, um sich nicht in Verwirrung zu verlieren.

    An einem Tag, als das Tauwasser draußen vom Dach tropfte, beschloss Tante Gerda, ihr Gedächtnis zu trainieren, um auf das einfache Niveau zurückzufinden, auf dem sie sich früher so selbstverständlich bewegt hatte. Sie stellte eine kleine Liste über all die lieben Menschen zusammen, an die sie sich erinnern konnte, und über deren Kinder und Enkelkinder und weitere Verwandte, und versuchte sich ernsthaft ins Gedächtnis zu rufen, wann sie alle geboren waren. Das Blatt Papier war viel zu klein. Tante Gerda

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1