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Besessen von Pop
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eBook286 Seiten3 Stunden

Besessen von Pop

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Über dieses E-Book

1967 beginnt Lutz Dammbeck ein Studium an der Leipziger Kunstakademie. Statt vom dort gelehrten Kanon des Sozialistischen Realismus ist er fasziniert von Cartoons und Rockmusik - er ist besessen von Pop, oder dem, was er dafür hält.
Dammbecks Buch ist die ironische Beschreibung dieser Besessenheit, die sich nach und nach aus naiver Schwärmerei in eine kritische Betrachtung verwandelt, die auch nach Hintergründen diesen Wahns fragt. Was ist Pop, und was nicht? Sind Breker, Jünger, Céline oder Pound ebenso Pop wie Jefferson Airplane, Warhol oder die Psychoanalyse? Wer sind nun die Priester, die vormals für Besessene und Wahnsinnige zuständig waren, bis in der Moderne der Wahnsinn säkularisiert wurde?
So verwandelt sich Dammbecks noch in Leipzig gefundenes Thema, die Suche nach der "Leerstelle Herakles", in ein sich bis heute fortschreibendes Gesamtkunstwerk aus Filmen, Bildern und Installationen, das pointiert und witzig in der Kunst- und Kulturgeschichte der letzten vierzig Jahre das Unterste zuoberst kehrt und in einem offenen System zusammenführt, was zunächst disparat erscheint: Nazikunst, das größte Glück der größten Zahl, Adorno, LSD, Internet und Rockmusik.
Der Entstehungsgeschichte dieses Gesamtkunstwerks folgend, hält er Rückschau und reflektiert Gegenwärtiges - witzig, kritisch, mitreißend.
SpracheDeutsch
HerausgeberEdition Nautilus
Erscheinungsdatum31. Okt. 2012
ISBN9783960541301
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    Buchvorschau

    Besessen von Pop - Lutz Dammbeck

    Personenregister

    I Kindheit

    Langsam kam das Dröhnen und Rasseln näher. Ich kletterte auf die kleine Fußbank unter dem Wohnzimmerfenster und schaute auf die Adolf-Hitler-Straße, die nun schon seit acht Jahren Karl-Liebknecht-Straße hieß. In langen Kolonnen zogen russische Panzer in die Leipziger Innenstadt. Sie sollten dort den Aufruhr beenden, der am 17. Juni 1953 in Leipzig und anderen Städten der sowjetischen Besatzungszone aufgeflackert war. Auch mein Vater war mit einigen Jockeys von der Rennbahn am Leipziger Scheibenholz in die Innenstadt gelaufen, um sich das anzuschauen.

    Mein Vater war Trainer für Rennpferde. Seit ich acht war, half ich in den Sommerferien im Stall aus. Ich führte die ruhigen Pferde zum Morgentraining, rieb sie danach mit Stroh trocken, fütterte sie und half bei der sommerlichen Heuernte. Mittags nahm mich mein Vater mit ins Café. Das lag im Barfußgäßchen in der Leipziger Innenstadt nahe dem Alten Rathaus. Dort trafen sich an den Wochentagen Jockeys, Trainer, Pferdebesitzer und Zocker, und ab und an gesellten sich auch hübsche und stark geschminkte junge Frauen dazu. Mir gefiel diese Mischung aus Sport, Zirkus und Geschäftemachen. Die Gespräche am Caféhaustisch drehten sich meist um den nächsten Renntag, um die Gewinnchancen für dieses oder jenes Pferd, aber oft auch um den verlorenen Krieg. Einer der Pferdebesitzer, Inhaber einer orthopädischen Werkstatt, wollte die Jockeyblusen seines kleinen Rennstalls in den Farben des Regiments gestalten lassen, in dem er bis zum Kriegsende als Leutnant gedient hatte. Ihm wurde von der Runde am Cafétisch abgeraten. Da gehst du ab nach Sibirien, hieß es, da verstehen die Russen keinen Spaß.

    In den 1950er Jahren sorgten bald Gesetze und Verordnungen für das Verschwinden des sogenannten Mittelstands. Danach gab es kaum noch private Besitzer von Rennpferden. Stattdessen wurden »volkseigene« Rennställe gegründet, die Phantasienamen erhielten, was eine Vielfalt vortäuschen sollte, die nicht existierte. Auch das Pferderennen in der DDR war nun in einem einzigen volkseigenen Betrieb organisiert.

    Einer der ehemaligen Pferdebesitzer, ein Bankbeamter, war mit einer Opernsängerin liiert. Die Sängerin war eine dramatische Erscheinung, die mich durch ihr üppiges schwarzes Haar und ihre riesigen angeklebten schwarzen Wimpern faszinierte. Sie schenkte meiner Mutter zwei Freikarten für eine Aufführung von Peer Gynt im Leipziger Schauspielhaus. Die weibliche Hauptrolle spielte eine der Leipziger Diven, Marilou Poolmann, die in einer Szene nackt unter einer Art Gazevorhang auftrat. Am nächsten Morgen betrachtete meine Mutter besorgt das Produkt meiner fiebrigen Jünglingsphantasien, das ich nächtens mit Hilfe des Schulmalkastens angefertigt hatte, und meldete mich in einem privaten Zeichenzirkel an.

    Der wurde geleitet von einer ehemaligen Bauhausschülerin, Frau Gödel-Schütze, und fand in deren geräumiger Altbauwohnung statt. Dort trafen sich einmal in der Woche Kunstinteressierte verschiedenster Altersgruppen und Milieus, die zeichneten und aquarellierten. Frau Gödel-Schütze, die Käthe Kollwitz frappierend ähnlich sah, gab Korrekturen, wobei sie jedes Mal ihren mächtigen Busen an mich drückte. Ich war der Jüngste. In den Arbeitspausen wurden Schallplatten aufgelegt und über die Musik diskutiert. Meist war das Jazz, aber auch moderne Musik etwa von Olivier Messiaen. In den hohen, alle Wände des Malzimmers bedeckenden und bis unter die Zimmerdecke reichenden Regalen standen Kunstbände und Bücher von Böll und Grass, die man sich auch ausleihen durfte. Die mit Kunstwerken und Wohnutensilien zugemüllte und dunkel verhangene Wohnung war eine Klause, die mich eine erste Ahnung vom Geist der Kunst lehrte.

    Während der Schulferien fuhr ich mit meiner Oma in ihr Heimatdorf in Oberfranken, das direkt hinter der Zonengrenze lag. Einer ihrer Cousins leitete dort eine Edeka-Filiale. Ich bekam während der vier Ferienwochen ein eigenes Zimmer. Das war ein kleiner Verschlag hinter einem Vorhang zum Laden, in dem ein altes Sofa stand und zahlreiche Lebensmittelkisten abgestellt waren. Allerdings war darunter auch ein kleiner Schatz: eine Rama-Kiste mit zerlesenen Westernheften, die ich bis tief in die Nacht im Schein meiner Taschenlampe schmökerte. Mit den Dorfkindern ging ich oft zu dem immer frisch geharkten Sandstreifen vor dem Stacheldrahtzaun, wo wir auf die Jeeps mit den amerikanischen Soldaten warteten, die uns Schokolade und Kaugummis schenkten. Im kleinen Gasthof des Ortes stand einer der wenigen Fernseher, dort sahen wir uns 1960 die Übertragungen von den Olympischen Spielen in Rom an.

    Fuhr ich mit meinen Eltern an die DDR-Ostsee, machten wir in Westberlin Station und wohnten beim Bruder meines Vaters im Hansaviertel. Meine Mutter traf sich dann manchmal in einem der großen Hotels am Kudamm mit der Witwe ihres ehemaligen Arbeitgebers in Leipzig, dem Musikverleger Wilhelm Zimmermann. Während mir vom Zimmerkellner ein riesiges Wiener Schnitzel serviert wurde, tauschten die beiden Frauen Erinnerungen aus. Wilhelm Zimmermann galt nach den Nürnberger Rassegesetzen als Vierteljude. 1934 wurde er in die Reichsmusikkammer aufgenommen, aber später als »Nicht-Arier« wieder ausgeschlossen und stand dann im »Juden ABC der Musik«. Dass und wie er eine Arisierung wieder rückgängig machen und den Verlagsbetrieb bis Kriegsende in Leipzig am Laufen halten konnte, war oft Gegenstand von Gesprächen und Vermutungen bei Familientreffen gewesen. 1954, nach dem Tod des Verlegers, wurde der Verlag dann von Leipzig nach Frankfurt am Main verlagert.

    Das Verhalten der Erwachsenen gegenüber dem Westen war für mich als Kind rätselhaft. Im neuerbauten Leipziger Zentralstadion, das hunderttausend Zuschauer fasste und in dem später die Massenübungen der Turn- und Sportfeste abgehalten wurden, spielte 1956 eine ostdeutsche Mannschaft gegen den 1. FC Kaiserslautern. Fast alle im Stadion unterstützten lautstark die Gäste aus dem Westen. Als Fritz Walter, einer der Helden von Bern, mit einem Fallrückzieher die Lauterer zum Sieg schoss, tobte das Stadion. Ich verstand das nicht. Das waren doch nicht Unsere, das waren doch Fremde! Aber die sind aus dem Westen, wurde ich von meinem Vater belehrt. Scheißkommunisten. Fast jeden Sonntag hörte sich die Familie gemeinsam nach dem Mittagessen eine Radiosendung im Rias an. Meist waren es Reden und Ansprachen von Politikern, die den Landsleuten im Osten versprachen, dass sich bald für sie etwas ändern würde. Reden, reden, immer nur reden, tut endlich was, schimpfte mein Vater. Es war das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah. Schweigend löste sich die Familienrunde auf.

    Es dauerte lange, bis wir einen eigenen Fernseher besaßen. Meist ging ich zu einem Schulfreund, um dort Westfernsehen zu gucken. Dieser Fernsehapparat wurde nun fast jeden Nachmittag zum regelmäßigen Treffpunkt nach der Schule, um Fury, Lassie, Texas Rangers, Wyatt Earp anzuschauen, abends war dann Richard Kimble auf der Flucht. An den Wochenenden waren wir oft bei einer ehemaligen Schulfreundin meiner Mutter eingeladen, um den neuen Durbridge oder Kulenkampff zu sehen. Als wir dann ein eigenes Gerät hatten, sahen wir im Familienkreis Familie Hesselbach, die Aktuelle Schaubude oder den Blauen Bock mit Heinz Schenk. Niemand aus meiner Klasse schaute sich die Sendungen im Ostfernsehen an, ausgenommen die Tochter eines Volkspolizisten, die deshalb von allen bemitleidet wurde.

    Irgendwann in den 1950er Jahren begannen meine Eltern, zwei Zimmer unserer Wohnung an Messegäste zu vermieten. Die kamen aus dem Rheinland, eine Familie aus Gummersbach, Herr und Frau Schumacher, zwei Söhne, zwei Vertreter und ein Chauffeur. Die wohnten dann zum Teil in unserer Wohnung und auch bei anderen Familien im Haus, was meine Mutter organisierte. Zunächst handelte Herr Schumacher mit Stahldraht. Als die Firma in Insolvenz ging, vertrat er Canada Dry, und in unserer Wohnung stapelten sich unzählige Limonadenkisten. Dann handelte er wieder eine Zeit lang mit Schrauben, die er in der DDR und ČSSR produzieren ließ und dann im Westen verkaufte.

    Die Firma Schumacher brachte alles, was für einen Messestand und dessen Betrieb nötig war, in großen Holzkisten mit, einschließlich einiger Fässer Kölsch. Die riesigen Kisten standen zunächst in unserer Wohnung, ehe sie zum Messegelände transportiert wurden. Zum Ritual, das zweimal im Jahr stattfand, gehörte, dass ich am Ankunftstag mit dem aus Weidenruten geflochtenen Wäschekorb meiner Mutter ins Wohnzimmer ging, wo Herr Schumacher in einem Sessel neben einer der geöffneten Kisten saß.

    Ich hielt den Korb hin, und er griff in die Kiste und warf in schneller Folge Sardinenbüchsen, Schokolade, Zigaretten, Flaschen mit Wein, Whiskey und Campari, Dosen mit Würstchen und Gulaschsuppe, Kaffeebüchsen, Filtertüten und vieles mehr, was es im Osten nicht gab, hinein. Alles war bunt und roch gut.

    Zur Frühjahrsmesse schauten sich Schumachers und meine Eltern gemeinsam die Übertragungen des Kölner Karnevals im Fernsehen an. Dazu trug man Hütchen, dekorierte mit Luftschlangen und tanzte Polonaise.

    Zur Messe fuhren Schumachers mit einem großen Daimler, den ein Chauffeur in grauer Livree mit Schirmmütze lenkte. Die tägliche Abfahrt zum Messegelände war für die Nachbarschaft ein Ereignis. Der Chauffeur hielt den Fond des Wagens auf, und Schumachers stiegen ein. Stand der Wagen vor dem Haus, wurde von Passanten oft heimlich mit der Hand auf die Kotflügel des großen Daimlers gedrückt, und das leichte Nachgeben der Federung mit einem kennerischen Lächeln quittiert, das der DDR den Todesschein ausstellte. Das war der Westen! Wahnsinn.

    Wann gehen wir in den Westen, war eine in vielen Familien diskutierte Frage. Bei uns schien es 1961 so weit zu sein. Meine Mutter hatte schon begonnen, mit der Post erste Pakete mit Bettwäsche und Kleidung nach Frankfurt am Main zu schicken. Mein Vater war zufrieden von einer Erkundungsreise aus Frankfurt zurückgekehrt. Er hatte Zusagen von mehreren Geschäftsleuten, deren Pferde er dort trainieren sollte. Dann wurde meine Großmutter krank.

    Als ich mich am Morgen des 13. August 1961 in der Umkleidekabine des Tennisvereins von LVB Leipzig – der Verein wurde von den Leipziger Verkehrsbetrieben finanziert, weshalb viele Straßenbahnfahrer und -schaffner Mitglieder waren – für ein Punktspiel der Jugendmannschaft umzog, riss einer der Spieler die Tür auf und rief in die Kabine: »Berlin ist zu!« Die Punktspiele fielen an diesem Tag aus. Alle Spieler saßen noch eine Weile zusammen, die Älteren rauchten und tranken ein Bier, ehe sie sich wieder auf ihre Fahrräder schwangen. »Das war’s dann«, rief einer beim Wegfahren. Am Abend waren die Wäschepakete aus unserem Flur verschwunden.

    Am Ende der acht Jahre Grundschule stand die Frage, ob ich auf die Erweiterte Oberschule gehen würde, um das Abitur zu machen. Zunächst wurde ich abgelehnt, da mein Vater als Selbstständiger und damit als Kapitalist galt und die vorgegebene Quote von Arbeiterkindern, die auf die weiterführende Schule delegiert werden sollten, an meiner Schule noch nicht erreicht war. Erst die Intervention der Mutter einer Klassenkameradin, die über den nötigen Einfluss verfügte, brachte mir die Zulassung zum Abitur.

    Ich war wie meine Mitschüler Proband eines Schulexperiments, das in einer Kombination von Abitur und Lehre bestand, die wir mit einer Facharbeiterprüfung abschlossen. Ich musste also auch einen Lehrberuf auswählen. Dafür gab es eine Liste mit etwa vierzig Berufsbezeichnungen. Meine erste Wahl war Landschaftsgestalter. Aber dort waren schon alle Plätze vergeben. Freie Plätze dagegen gab es bei den Köchen, Kellnern und Schriftsetzern. Also wurde ich Schriftsetzer. Drei Wochen gingen wir zur Schule, und eine Woche in den Betrieb und in die Berufsschule, wo wir in den Grundlagen des grafischen Gewerbes unterrichtet wurden.

    Die Tage im Betrieb unter den Arbeitern, der »herrschenden Klasse«, brachten jedes Mal das mühsam im Unterricht in der Schule errichtete Phantasiegebäude »realer Sozialismus« zum Einsturz. Die Mitglieder der herrschenden Klasse schimpften auf den Staat und schienen damit nichts am Hut zu haben. Breite Zustimmung bei den Setzern fand lediglich der Fußballklub BSG Chemie Leipzig. Der Fußball in der DDR war neu organisiert worden, und alle guten Spieler wurden in neu gegründeten Sportklubs konzentriert. Die ausrangierten Spieler wurden Betriebssportgemeinschaften zugeteilt und galten als zweite Wahl. Einer dieser Klubs war Chemie Leipzig. Das Stadion lag in Leutzsch, einem alten Arbeiterviertel. Gleich im ersten Jahr wurden die Chemiker, die mangels technischer Fähigkeiten ein robustes und kampfstarkes kick and rush spielten, DDR-Meister. Den Leutzschern, die in den alten sächsischen Landesfarben grün und weiß spielten, gehörten die Herzen der Leipziger Massen. Das verlieh den Siegen gegen die von der Partei aufgepäppelten Spitzenklubs, allen voran der verhasste Stasiklub Dynamo Berlin, eine besondere Würze. Das waren Volksfeste, wo sich in das begeisterte Gebrüll der vieltausendköpfigen Menge auch ein Hauch von politischer Opposition mischte.

    Bei den Setzerinnen und Auslegerinnen an den Druckmaschinen war es dagegen Rex Gildo, der viele Fans hatte. Sexy Rexy. Den Alltag im Betrieb bestimmten Materialmangel, Schlamperei und von Ideologie geleitete Planvorgaben. Staunend vernahmen wir Schüler den scharfen Spott der Arbeiter über »ihren« Staat. Diese Beobachtungen machten mich und die anderen Lehrlinge bald immun gegen die Rotlichtbestrahlung im Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde. Und ich lernte: Es gab zwei Wirklichkeiten, und man konnte in dieser oder jener DDR leben.

    Mir gefielen der proletarische Witz und das Standesbewusstsein der Setzer und Drucker, das sich aus alten Traditionen speiste. Aber auch die Arbeit mit den Bleilettern, das Zusammenbinden der Satzblöcke mit einer Schnur, das Herstellen der Probedrucke und der Geruch von Terpentin und Druckfarbe. Ich zeichnete gern, wollte aber künftig gern was mit Schrift machen. Also bewarb ich mich an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, der HGB, für die Fachrichtung Buchgestaltung.

    Ich war naiv und ahnungslos zur Aufnahmeprüfung gepilgert, ohne zu wissen, was mich dort erwartete. Andere Mitbewerber schienen dagegen genau zu wissen, worauf es ankam. Einige trugen Baskenmütze und warfen mit Fachausdrücken und Referenzen um sich, und eine junge Frau zog mit langer Zigarettenspitze und Federboa die Aufmerksamkeit auf sich. Ein anderer zog überlegen lächelnd schon zu Hause vorgefertigte Einzelteile für Collagen und mitgebrachte Gerätschaften, um diese zu bearbeiten, aus einem kleinen Musterkoffer, mit denen er in Windeseile die Prüfungsaufgaben erledigte und nun Zeit hatte, durch den Atelierraum zu spazieren, um anderen Mitbewerbern Korrekturen und gute Ratschläge zu geben. Es war ein bisschen wie im Zirkus, und mir gefiel das. Nach Abschluss der mehrtägigen Aufnahmeprüfung gehörten wir beide zu der kleinen Schar derer, die angenommen wurden.

    II Studium

    Nach dem Abitur und der Facharbeiterprüfung, zu der auch das für Schriftsetzer traditionelle Gautschfest und die Überreichung des Gautschbriefs gehörten, begann ich 1967 mein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, zunächst in der Buchgestaltung. Dort lehrten Schrift- und Buchkünstler wie Egon Pruggmayer, der die Reihe Diederichs gestaltet hatte, oder Walter Schiller. Der Schweizer Jan Tschichold besuchte die Hochschule und gab Seminare.

    Am Anfang eines jeden Semesters fuhren alle Studenten mit ein paar Dozenten zum Ernteeinsatz nach Mecklenburg. Dort wohnten wir in einer Scheune und halfen den Bauern bei der Kartoffelernte. Nach der Arbeit wurde gezeichnet. Die Studenten der Tübkeklasse verblüfften uns Studienanfänger durch ihre minutiös dem Meister nachgeahmten Naturstudien in der Manier der Altdeutschen. Sich vor dem Ernteeinsatz zu drücken, wurde oft versucht, hatte aber meistens keinen Erfolg. Das gelang nur einem Studenten, der auf die Frage des Rektors nach jemandem mit handwerklichen Fähigkeiten, der bei der Renovierung der Hochschule während des Ernteeinsatzes helfen sollte, sich meldete und auf die Frage: »Wer sind Sie?« antwortete: »Bin nichts, kann alles!« Das wurde honoriert und imponierte mir. Das war lässig, das hatte Stil und schien die Akademie von den anderen drögen Kaderschmieden zu unterscheiden, die die Universitäten in der DDR im Allgemeinen waren.

    Das Studium selbst war locker organisiert. Nach einem strengen und handwerklich soliden Grundlagenstudium suchte man sich eine der Fachklassen. Ich wechselte in die Klasse von Heinz Wagner, in die sogenannte Plakatklasse. Wagner hatte in Weimar Malerei studiert und dort zu einer Gruppe »roter Maler« gehört. Mit einem Bild über die Novemberrevolution hatte er Furore gemacht und war an die Leipziger Hochschule berufen worden. Dann hatte er Walter Ulbricht gemalt, zu dessen Zufriedenheit, wie es hieß. Wagner galt als Filou, der die Tributspflicht an Partei und Ideologie mit einem Augenzwinkern entrichtete. In seine Klasse wechselten die Studenten, die aus den verschiedensten Gründen nicht in die Klassen von Tübke, Heisig oder Mattheuer wollten oder durften, weil sie denen nicht gut genug zeichnen konnten, aber auch diejenigen, die insgeheim Freiräume für einen offeneren Kunstbegriff suchten, als es der an der Leipziger Hochschule verordnete Kanon zuließ.

    Heinz Wagner und sein dekorativ ausgestelltes savoir vivre war das komplette Gegenteil zu den immer frisch gespitzten Bleistiften im weißen Kittel von Werner Tübke und dem grimmigen deutschen Ernst von Bernhard Heisig. Heinz kam einmal im Monat in die Klasse, setzte sich zu uns und hörte zehn Minuten zerstreut und höflich interessiert lächelnd unseren wirren Gesprächen zu und legte fünfzig Mark auf den Tisch. Dann klopfte er dem Nächstsitzenden auf die Schulter und sagte: Ihr macht das schon. Dann ging er wieder und widmete sich seinen Passionen. Das waren schöne Frauen und das Kochen. In seinem Hochschulatelier, in dem effektvoll grundierte, aber ansonsten bis zu seiner Emeritierung unbearbeitete Leinwände an den Wänden hingen, hatte er sich ein kleines Kochstudio eingerichtet, wo er blonde Friseusen und andere Damen der Leipziger Gesellschaft empfing.

    Ein erster tiefer Einschnitt im Verhältnis zum Staat waren die Ereignisse 1968 in Prag. Ich war mit drei anderen Kommilitonen mit dem Zug nach Bulgarien gefahren. Bulgarische Mitstudenten hatten uns eingeladen. Zur gleichen Zeit fanden in Sofia die Weltjugendspiele statt. Schon in Prag und Budapest waren viele französische, italienische und englische Festivalbesucher zugestiegen, die ebenfalls nach Sofia fuhren. Man diskutierte in schlechtem Englisch über den Eurokommunismus und die Kafka-Konferenz 1963, mit der der Prager Frühling eingeleitet worden war. Alle hofften, dass die Entwicklung in der ČSSR etwas in Bewegung bringen würde. Sogar die ansonsten mit unbeweglicher Mimik und fatalistischem Gleichmut ihren Dienst verrichtenden Dozenten im Grundlagenstudium der Hochschule hatten uns Studenten gegenüber zaghafte Andeutungen von Optimismus gemacht. Es schien etwas in Bewegung zu kommen.

    In Sofia trafen nun westdeutsche Maoisten, französische Eurokommunisten und amerikanische Hippies auf fassungslose Bulgaren. Wir waren Beobachter. Vor der chinesischen Botschaft reihten wir uns in die lange Warteschlange ein, wo uns dann im Innern ein kleiner, dicker und uniformierter Chinese mehrere Maofibeln und Propagandabroschüren überreichte, die wir uns beim Hinausgehen unter die Kleidung stopften. Draußen galoppierten unterdessen die Aktivisten vom SDS untergehakt mit Ho-Ho-Ho-Chi-Minh-Rufen durch die Sofioter Straßen. An den Abenden gingen wir zu den Rockkonzerten tschechischer, ungarischer und englischer Bands.

    Von Sofia reisten wir weiter ins Rilagebirge und von dort ans Schwarze Meer. Dort war das geplante Ende der Reise. Beim Übernachten am Strand wurden zwei Mitgliedern unserer kleinen Gruppe

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