Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

1339 Seiten Thriller Spannung - Krimi Ferien Sammelband: Die Bestie und 9 andere Romane

1339 Seiten Thriller Spannung - Krimi Ferien Sammelband: Die Bestie und 9 andere Romane

Vorschau lesen

1339 Seiten Thriller Spannung - Krimi Ferien Sammelband: Die Bestie und 9 andere Romane

Länge:
1,718 Seiten
19 Stunden
Freigegeben:
May 11, 2019
ISBN:
9781386448365
Format:
Buch

Beschreibung

1339 Seiten Thriller Spannung - Krimi Ferien Sammelband: Die Bestie und 9 andere Romane

von Alfred Bekker, A.F. Morland, Theodor Horschelt, Franc Helgath, Glenn Stirling, Horst Bieber

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Horst Bieber: Glück und Zufall

Glenn Stirling: Archibald Duggan und der Köder in Blond

Franc Helgath: Blütenträume und Gangster

Alfred Bekker: Die Bestie

Alfred Bekker: Erwürgt!

Theodor Horschelt: Planquadrat 78

Theodor Horschelt: Mara und die kleinen Männlein

A.F. Morland: Wer killte Cyril Harris?

A.F. Morland: Der Mann mit dem Todes-Ass

A.F. Morland: Der Killer, der zu Carol kam

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Drei Männer werden ermordet – und immer wird ein Springseil um ihren Hals zu einer Schlinge drapiert. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel...

Horst Bieber gewann den Deutschen Krimipreis!

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Freigegeben:
May 11, 2019
ISBN:
9781386448365
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


Ähnlich wie 1339 Seiten Thriller Spannung - Krimi Ferien Sammelband

Mehr lesen von Alfred Bekker

Verwandte Kategorien

Buchvorschau

1339 Seiten Thriller Spannung - Krimi Ferien Sammelband - Alfred Bekker

Dieses Buch enthält folgende  Krimis:

Horst Bieber: Glück und Zufall

Glenn Stirling: Archibald Duggan und der Köder in Blond

Franc Helgath: Blütenträume und Gangster

Alfred Bekker: Die Bestie

Alfred Bekker: Erwürgt!

Theodor Horschelt: Planquadrat 78

Theodor Horschelt: Mara und die kleinen Männlein

A.F. Morland: Wer killte Cyril Harris?

A.F. Morland: Der Mann mit dem Todes-Ass

A.F. Morland: Der Killer, der zu Carol kam

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Drei Männer werden ermordet – und immer wird ein Springseil um ihren Hals zu einer Schlinge drapiert. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel...

HORST BIEBER GEWANN den Deutschen Krimipreis!

ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Glück & Zufall

Kriminalroman

HORST BIEBER

Klappe

SEIN HAUSARZT SCHICKT den arbeitslosen Witwer Martin Hansen auf eine

südliche Insel, damit der endlich seine permanente Wintererkältung

auskuriert. Hansen lernt auf der Insel die in Scheidung lebende Tellheimer Firmenerbin Sara Frenzen kennen, der er verschweigt, dass seine Frau Gunda nicht normal gestorben sondern ermordet worden ist. Das Referat R – 11 und Marlene Schelm hatten sich vorschnell auf den Ehemann als Mörder festgelegt und mussten schließlich von ihm ablassen; der Fehlschlag wurmte das Team noch immer...

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Personen

Martin Hansen: Verwitweter und arbeitsloser Kaufmann

Sara Frenzen/Budde: (Noch) verheiratete Unternehmerin

Benno Frenzen: Ihr Ehemann, mit dem sie getrennt in Scheidung lebt, Laufferstraße 44

Meike Carius: Hansens ledige Nachbarin in der Bergerstraße 39, hat für den Nachbarn viel übrig

Annegret Holzapfel: Reich, aber einsam

Josef Hemmerling: Hartnäckiger Ahnenforscher

Marlene (Lene) Schelm: Erste Kriminalhauptkommissarin im Tellheimer Referat R – 11

Ellen König: KHK im R – 11

Jule Springer: KOK im R – 11

Sigrid Bauer: KK im R – 11

ALLE NAMEN UND TATEN, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Erstes Kapitel

DAS FLUGHAFENGEBÄUDE war primitiv, heruntergekommen und viel zu klein für die Menge der Urlauber, die beim Aussteigen von der Hitze überfallen worden waren und nun alle in den Schatten drängten. Unter dem Dach drehten sich lustlos Ventilatoren, es roch nach Schweiß und Staub, der Lärm und das Durcheinander nahmen immer noch zu.

Er stand mit dem Rücken an der Wand und wartete geduldig. Nichts würde die Maschinerie des Ausladens und der Pass- und Ausweiskontrolle beschleunigen, jede Äußerung von Ärger und Ungeduld verlangsamte sie nur. Die beiden jungen Frauen, die neben ihm gesessen hatten, strichen an ihm vorbei und warfen ihm geringschätzige Blicke zu, die er ignorierte. Den ganzen Flug über hatten sie pausenlos miteinander geschnattert, und sein Gesicht verriet wohl zu deutlich, was er von ihnen und ihrer Intelligenz hielt. Beide Mitte zwanzig, schlank, lange helle Haare, katalogreife Exemplare des „Bleiben-Sie-nicht-einsam"-Angebots von Partnership.com. Irgendwo quäkte ein Lautsprecher erfolglos gegen das Stimmengewirr an.

Wie durch ein Wunder löste sich das Chaos schließlich auf, Koffer und Beutel verschwanden in den bereitstehenden Bussen. Eine kleine Schwarzhaarige verteilte vor den Türen Pappkarten.

„Hansen, Martin Hansen La Molina, sagte er freundlich.

„Herzlich willkommen, Herr Hansen. Bus Nummer fünf bitte. Ihr Ticket."

Niemand setzte sich neben ihn, Einzelreisende waren selten, und er legte im Moment auch wenig Wert auf Gesellschaft. Als Speditions-Kaufmann verstand er sehr wohl, warum die Chartermaschine so früh startete, dass sie noch am selben Tag zurückfliegen konnte, aber das frühe Aufstehen und das lärmige Gedränge auf dem Flughafen hatten ihn verstimmt, er war müde und spürte, dass die bohrenden Kopfschmerzen zurückkehren wollten.

Auf den ersten Blick gefiel ihm die Insel nicht sonderlich. Nachdem sich der Bus über mehrere Serpentinen auf die Landstraße hochgequält hatte, die oberhalb des Flughafens in den Hang hineingebaut war, konnte er das Meer sehen. Tiefblaues Wasser, das sich in matten Wellen an der Felsenküste brach. Die dünnen, zähen Sträucher an den Hängen waren jetzt, im April, noch grün, würden aber schon in wenigen Wochen grau und staubig-braun werden. Schafe zogen durch das Geröll von einer Grasinsel zur anderen, der blanke Fels reflektierte grell das Sonnenlicht. Dann bog der Fahrer in eine Straße ein, die zwischen Felswänden hinunter in die Ebene führte. Links und rechts der staubigen Piste blühten Kakteen. Die ersten Palmen, Getreidefelder und lange, saftig grüne Strecken des scharfen Calzagrases. Kleine Häuser, mit Bougainvilleen überwachsen, die Ebene war sehr viel freundlicher und bunter als die Küste. Ganze Galerien von noch hellroten Stocktomaten säumten jetzt die Straße.

„So, meine Damen und Herren, wir befinden uns jetzt im Tal von Mantoque, dem Zentrum der Landwirtschaft auf der Insel ..."

Ohne dringendes Zureden seines Arztes hätte er die Reise nicht gebucht. Was sollte er allein auf einer Ferieninsel? Er hatte Meike gefragt, die aber am Telefon sofort ablehnte: „Das kann ich mir nicht leisten."

„Was soll ich auf einer Touristik-Insel?" hatte er seinen Arzt gefragt.

„Himmel hilf, legen Sie sich in die Sonne, tun Sie gar nichts und lassen Sie sich durchwärmen. Bei Ihnen bin ich mit meinem Latein am Ende, Herr Hansen, ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was ich gegen Ihre ständigen Erkältungen machen soll."

„Wie wär's mit einem neuen Immunsystem auf Kassenkosten?"

„Sehr witzig."

Einen Versuch schien es wert, hatte er schließlich zögernd zugestimmt. Der Winter war nicht einmal richtig kalt gewesen, sondern nur kühl, nass, windig und unfreundlich, und den ersten Schnupfen samt Kopf- und Gliederschmerzen hakte er im Oktober noch als die übliche Herbsterkältung ab. Das vergeht mit Medikamenten in zwei Wochen und ohne in vierzehn Tagen, tröstete er sich. Doch so leicht kam er diesmal nicht davon, der Schnupfen ging, Husten und Heiserkeit traten auf, verzogen sich für eine scheußliche Magen-Darm-Grippe, das Rippenfell meldete sich mit Stechen und Fieber; nach fünf Monaten streckte Dr. Konrad die Waffen: „Sie werden in die Annalen der Medizin und Pharmazie als der diagnoseresistente Dauerpatient eingehen. Ab mit Ihnen in die Sonne und die Wärme."

„Sie meinen doch in Wahrheit: Weg aus ihrer medizinischen Verantwortlichkeit."

„Völlig richtig. Haben Sie den Begriff psychosomatisch schon mal gehört?"

„Natürlich."

„Einen psychosomatischen Entzündungsherd kann ich nicht heilen oder beseitigen. Den müssen Sie mit sich selbst bereden und vertreiben."

Im Reisebüro hatte ein fremder Mann, der hinter ihm stand, zufällig gehört, dass er sich nach einer Insel erkundigte, auf der es um diese Jahreszeit schon warm, aber nicht brüllheiß war, und hatte ihm Vilona empfohlen, sonnig, immer etwas angenehmer Wind und im Notfall die Hauptstadt Maleja. Dort weht es immer."

„Sie kennen die Insel?"

„Mein Bruder lebt dort. Und nach diesem Winter beneide ich ihn mehr denn je."

Die Angestellte hielt das noch nicht so überlaufene Vilona auch für eine gute Wahl und reservierte ihm sofort in La Molina eine Hälfte eines Doppelbungalows.

„Sie werden es nicht bereuen", versprach der unbekannte Helfer.

Hoffentlich behielt er Recht.

In der Mittagshitze lagen die Dörfer wie ausgestorben, die großen Windräder an den Brunnen bewegten sich nur träge mit langen Pausen. Die wenigen Geschäfte waren geschlossen, alle Holzläden zugeklappt, die Hunde schliefen im Schatten. Voraus tauchten die nächsten Anhöhen auf, traten aus der lila-glasigen Unschärfe heraus, über den Kämmen flimmerte es. Im Bus war es still geworden, die Klimaanlage fauchte leise, aber stetig, trotzdem liefen ihm die Schweißtropfen den Rücken hinunter. Eine Viertelstunde später hatte der Bus das Hochtal durchquert und rollte auf Meeresniveau zurück.

Am ersten Halt stiegen die meisten Fahrgäste aus, auch seine beiden langhaarigen Schnattergänse aus dem Flugzeug; das Hotel war riesig mit monotonen Fensterreihen, die Hansen an ein Gefängnis erinnerten, der gelbe Putz bröckelte an vielen Stellen. 'Die Sardinen streben in ihre Büchse', murmelte er vor sich hin.

Schon die nächste Station war La Molina, ein junges Paar verließ mit ihm den Bus, und als der Bus um die Ecke gebogen war, herrschte eine himmlische Ruhe, die ihm selbst die Wärme erträglich machte.

„Guten Tag, grüßte die Empfangschefin, „buenas tardes, antwortete er automatisch, noch in den Rundblick vertieft. Sie lächelte versteckt.

Im Reisebüro hatte er trocken geschluckt, weil er bei dem Preis seine Reserven angreifen musste. Aber die Bungalow-Anlage La Molina schien den Preis wert zu sein. Ein niedriges Haupthaus mit einem Restaurant, einer Bar und einem winzigen Geschäft für alle jene Artikel, die Reisende erfahrungsgemäß gerne einzupacken vergaßen. Auf der Meeresseite lag ein großer Swimmingpool; er hatte sich mehrfach, auch schriftlich versichern lassen, dass es keinen Animateur und keine zentrale Lautsprecheranlage gab. Das Gelände senkte sich leicht, die Doppelbungalows waren hinter vielen Sträuchern, Hecken und Büschen sehr geschickt versteckt, die Namen der roten, rosa und gelben Blüten kannte er nicht.

„Usted tiene la casa numero cinco."

„Muy bien, vamos."

Auch die gepflasterten Pfade waren so geführt, dass er wenig von den Sitzplätzen vor den Wohnräumen sah. Seine Laune hob sich, er schätzte Distanz und saß nicht gern auf dem Präsentierteller. Hier würde er es wohl drei Wochen aushalten können. In Nummer Sechs, in der anderen Hälfte seines Bungalows, waren die Läden geschlossen und das Sonnenschutzsegel über die kleine Veranda herausgekurbelt.

In aller Ruhe packte er aus, viel hatte er nicht mitgenommen. Die beiden Räume waren angenehm kühl, die dunkelroten Fliesen sogar so kalt, dass er Sandalen anzog. Bücher, die er schon immer lesen wollte, ein kleines Radio und Spielkarten; im letzten Jahr hatte er damit begonnen, Patiencen zu legen, zuerst nur, um die Zeit totzuschlagen, dann mit wachsendem Interesse. Den Schachcomputer hatte er nur für alle Fälle mitgenommen, Spaß hatte er bisher an dem Apparat nicht gehabt, die Maschine schlug ihn zu regelmäßig, und die beiden Rätselbücher verlangten eine Konzentration, die er nur selten aufbringen wollte. Die Langeweile hatte er besiegt; doch den Termin, an dem er von sich ernsthaft sagen konnte, er wisse sich vernünftig zu beschäftigen, schob er immer wieder hinaus. Vielleicht nach diesen drei Wochen.

Eigentlich hatte er nur die Härte der Matratzen prüfen wollen, aber er schlief sofort ein, sobald er sich ausgestreckt hatte. Weil er sich kein Decke übergezogen hatte, weckte ihn die Kühle auf. Am Swimmingpool gab es eine Café-Bar, er brauchte unbedingt einen Kaffee, um wach zu werden. Alle Liegen waren jetzt belegt. Viel Mittelalter, kaum junge Leute, und nur wenige Kinder, die im Wasser herumtollten, Wasserbälle warfen und feindliche Luftmatratzen enterten. Vom jetzt dunkelblauen Meer wehte eine schwache Brise, die nicht wirklich kühlte, aber doch diese Illusion vermittelte.

Immer noch gähnend inspizierte er das Gelände, das größer war als er beim ersten Blick vermutete hatte. Zum Meer hin war ein Holzzaun gezogen, an dem sich unbekannte Blumen hochrankten. Manches erinnerte ihn an Madeira; man musste zwanzig feste Stufen mit einem ordentlichen Geländer zum Sandstrand hinuntersteigen, der an die dreihundert Meter breit war. Links und rechts schoben sich Felsen ins Wasser vor, dort schäumte und toste die auflaufende Flut, vor der Sonne zeichneten die Gischtschleier rasch vergehende Regenboden. Auch der Strand war jetzt belegt, selbst bei Hochwasser blieb ein zwanzig, dreißig Meter tiefer Streifen trocken und der junge Mann, der ihn zum Bungalow gebracht hatte, sammelte Holz, Steine, Taureste und Stücke von zerbrochenen Plastikkisten in eine Tonne auf einem Wägelchen, gezogen von einem Esel oder einem Maultier – Hansen konnte die beiden Arten nicht auseinanderhalten. Unmittelbar an der niedrigen Felswand standen Bänke, er setzte sich und schaute den Mutigen zu, die durch die Wellen tauchten, bevor die kämmten, und amüsierte sich über zwei junge Frauen, die drei kleine Kinder beaufsichtigten. Immer wieder stapften die Knirpse auf die Brecher zu, wurden umgeworfen, verschwanden in Gischt und Schaum, landeten unsanft auf dem harten, feuchten Sand, weinten oder lachten und versuchten es hartnäckig ein nächstes Mal. Zwei Mädchen hatten eine prachtvolle Sandburg gebaut, die sie nun aufgeregt und kreischend gegen das gefräßige Meer verteidigten, der Vater schüttelte nur den Kopf und verweigerte sich, bis sie ihm ein Eimerchen Wasser auf den Bauch kippten und affenartig fix vor dem erzürnten Erzeuger ins Wasser flüchteten. Sie schwammen beide hervorragend, glitten wie Stöcke durch die Wogen und waren nicht gewillt, sich einholen zu lasen, auch von einem wütenden Vater nicht.

Hansens Sohn Ulrich war auch so ein Wassertier, eigentlich hätte er mit Kiemen zur Welt kommen sollen; die zwei Jahre jüngere Uta hatte das Turmspringen entdeckt und verachtete diese gleichmäßigen Schwimmbewegungen. Wann hatte er seine Kinder zum letzte Mal gesehen? Melancholisch trat er die Zigarette aus, warf die Kippe in den Abfallkorb und stieg schwerfällig die Treppe hoch. Er hatte Halbpension gebucht und ging zum Abendessen in das Restaurant, wo ein großes Büffet aufgebaut war. Die meisten Plätze waren noch nicht besetzt, er suchte sich einen kleinen Tisch aus, an dem er hoffentlich allein bleiben würde.

Er hatte seinem Hausarzt verschwiegen, dass es immer mehr Tage gab, an denen er nicht ein Wort zu einem anderen Menschen sprach. Seine Nachbarn schnitten ihn nach wie vor, seit Wochen grüßte er niemanden mehr, dem er im Treppenhaus begegnete, und wenn es nicht einen akuten Wohnungsmangel in Tellheim bei exorbitant steigenden Mieten geben würde, hätte er längst versucht umzuziehen. Aber so sah er nicht ein, dass er eine günstige Wohnung verlassen sollte, nur weil die Nachbarn ihn nicht leiden mochten und gerne vertrieben hätten.

Das Büffet war sehr gut, und er ließ sich verführen, zum ersten Mal Seetang zu probieren, der sich für seinen Gaumen nicht als Delikatesse herausstellte. Dann doch lieber kalter Spargel.

Das Restaurant füllte sich nur langsam. Besser als der Seetang war der einheimische Rote, den ihm die Bedienung empfohlen hatte. Er nahm eine Flasche mit in seinen Bungalow, organisierte sich am Empfang einen Korkenzieher, und als der Mann neugierig, aber sehr höflich fragte, woher er so gut Spanisch spräche, gab er ebenso freundlich-höflich zurück, dass er in Deutschland eine spanische Kollegin gehabt habe, die von ihm Deutsch lernte, während sie ihm Spanisch beibrachte. „Sie war eine gute Pädagogin, bemerkte der Mann, und für dieses Lob bedankte sich Hansen aufrichtig. Der Roman, seit Wochen auf der Bestsellerliste weit oben, hielt nicht das, was er sich von dem Buch versprochen hatte; aber der Rote half, darüber hinwegzukommen. Hansen schlief durch, was ihm schon seit Wochen nicht mehr gelungen war. Die Nachrichten, sowohl die deutschen wie die einheimischen, brachten die übliche Mischung von kriegerischen Auseinandersetzungen und Kämpfen, Flüchtlingsströmen, Hungersnöten und Bombenanschlägen. Die Welt war verrückt geworden. Weil er nach dem reichlichen Frühstück nicht direkt ins Wasser gehen wollte, rückte er sich den kleinen Tisch auf der Veranda in den Schatten des Sonnensegels und mischte seine kleinen Patiencekarten. Er hatte sie kaum ausgelegt, als aus der anderen Bungalowhälfte seine Nachbarin auf die Veranda trat und es sich mit einem Buch bequem machte. Er hatte flüchtig hinübergegrüßt, und sie hatte mit einem „Guten Morgen geantwortet. Dass sie keine Anstalten machte, sich vorzustellen oder ihn nach seinem Namen zu fragen, war ihm nur recht.

Sie mochte in seinem Alter sein, unauffällig hübsch, schlank, mit einer guten Figur. Sie konnte es sich leisten, einen so knappen Bikini zu tragen.

Er achtete nicht weiter auf sie, sondern ärgerte sich über seine Karten, die nach dem Mischen so unglücklich lagen, dass er beim Aufdecken einfach nicht weiterkam. Ihr Buch schien nicht so spannend zu sein, sie ließ sich wohl gerne ablenken und schaute immer häufiger zu ihm herüber. Dann bemerkte sie, dass ihm ihre neugierigen Blicke aufgefallen waren, sie legte ihr Buch ab und fragte: „Entschuldigung, sprechen Sie Deutsch?"

„Ja."

„Darf ich mir mal anschauen, was Sie da spielen?"

„Bitte, gerne."

Sie stand auf und kam mit einem Stuhl auf seinen Teil der Terrasse, setzte sich neben ihn und schaute ihn und die Karten erwartungsvoll an.

„Das ist eine Patience namens La Reine. Die Dame ist heute allerdings ausgesprochen spröde."

Er erklärte ihr die Spielregeln, die sie schnell begriff, aber recht kompliziert fand. In dem Punkt wollte er nicht widersprechen. Er musste diese Partie aufgeben und sie erkundigte sich: „Meinen Sie, dass man hier so kleine Karten kaufen kann?"

„Ich denke schon. Maleja ist doch eine recht große Stadt."

„Und wie kommt man dahin?"

„Wenn ich nicht irre, hält ein Bus direkt vor dem Eingang."

Sie verzog das Gesicht. „Also eine fahrende Sauna?"

„Wenn der Reiseführer nicht völligen Blödsinn erzählt, liegt Maleja an einem Hang gut 500 Meter hoch. Da oben sollte es etwas kühler sein als hier."

„Einverstanden. Und jetzt will ich das Meer nicht zu warm werden lassen. Vielen Dank für diesen Einblick in die königlichen Eigenarten. Ich heiße übrigens Sara Frenzen und komme aus Tellheim."

„Angenehm, Martin Hansen ebenfalls aus Tellheim."

Danach sprang sie auf, schnappte sich ihren Stuhl und verschwand nach nebenan. Minuten später sauste sie aus ihrem Bungalowteil mit einer Liegematte unter dem Arm, einem Sonnenhut auf dem Kopf, mit Strandmantel und Badetasche.

Sehr viel gemächlicher machte er sich eine Viertelstunde später auf den gleichen Weg. Der trockene Sand war warm und beschwerlich weich. Schatten gab es nicht; Wer keinen Sonnenschutz oder einen Sonnenschirm dabei hatte, wurde gefährlich schnell medium gegrillt. Objektiv war das Wasser erstaunlich warm, subjektiv galt es wie immer, den inneren Schweinehund zu überwältigen, wenn man das erste Wasser bis unters Kinn bekam. Hansen war früher viel mit den Kindern ins Frei- und Hallenbad gegangen. Gunda jammerte immer „Meine arme Frisur, weisst du, was das kostet und wie viel Zeit ich beim Friseur verbringen muss?" Die Wahrheit dämmerte ihm erst viel später. Sie hatte wenig Lust, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, andere Dinge interessierten sie sehr viel mehr, sie wollte umschwärmt und umworben sein, Kinder störten da nur. Und wenn schon Wasser, dann bitte in der Karibik vom Deck einer Luxusyacht und nicht im ordinären Frei- oder Hallenbad. Er hätte vielleicht noch weiter über Gundas Undankbarkeit und Untreue nachgedacht, wenn nicht eine besonders hohe Welle ihm eine volle Ladung Gischt ins Gesicht geschleudert hätte.

Sara Frenzen sah er bis zum Abend nicht wieder, worüber er nicht traurig war. Sie war hübsch und erfreulich anzusehen, aber ihr Temperament überstieg nach Monaten der Einsamkeit seine Belastungsgrenze. Einmal glaubte er, sie weit draußen zu erkennen, aber er war sich nicht sicher, und einen Anlass rauszuschwimmen und nachzusehen, gab es ja nicht. Nach einer Stunde hatte er genug Sonne auf den Pelz bekommen und genug Salzwasser geschluckt, er ging in seinen Bungalowteil, duschte -für das warme Wasser sorgten Sonnenkollektoren auf dem Dach – und legte sich zur Siesta, Teil Eins, hin. Prompt schlief er ein.

Am Nachmittag zog er sich doch ein Hemd an, er musste unbedingt Sonnenschutzcreme besorgen, dieses leicht brennende Prickeln auf der Brust, im Nacken und auf den Unterarmen kannte er nur zu gut. Männer und Frauen am Strand hatten mit viel Mühe eine glatte Boulebahn in den feuchten Sand gebaut und er beteiligte sich an den letzten Schönheitsarbeiten und wurde zum Spielen eingeladen. Ein großer Werfer war er nicht, aber mit drei, vier Glückswürfen verhalf er seiner Mannschaft zum Sieg.

„Großartig", lobte einer der Männer.

„Anfängerglück", wehrte er ab.

Als sie alle zum Abendessen aufbrachen, spürte er seine Wadenmuskeln. Was nicht verwunderlich war, im letzten halben Jahr hatte er sich sehr wenig bewegt und zu oft auf der Liege in seinem kleinen Arbeitszimmer gegrübelt. Die Kinder waren entweder in der Schule oder bei seinen Eltern, die ihm angeboten hatten, für Ulrich und Uta das Schulgeld im Internat Lohbergen zu bezahlen, damit er sich in aller Ruhe einen neuen Job suchen könne. Es war wohl ein Fehler gewesen, nur wegen der generösen Abfindung freiwillig zu kündigen; das Geld hatte er gut angelegt, er fühlte sich mit einer Rücklage für den Fall der Fälle wohler und besser. Für sich selbst gab er wenig Geld aus, leistet sich nur jede Woche einen Lottoschein mit sechs Spielen, hatte sogar auf den letzten Drücker einen Schein für drei Wochen abgegeben. Gunda pflegte zu höhnen: „Was soll denn das? Du hast doch so wenig Glück wie Erfolg."

Beim Abendessen saß er wieder alleine, was ihn nicht störte.

Rings um ihn herum wurde viel und laut Deutsch gesprochen. An dem Satz schien was dran zu sein, dass die Deutschen Weltmeister im Verreisen seien.

Zweites Kapitel

ABER GANZ SOLLTE ER seiner Patience-Königin nicht entkommen, Als sie zum Frühstück in das Restaurant kam, blieb sie an seinem Tisch stehen: „Guten Morgen, Herr Hansen, wie geht es Ihnen?"

„Danke, gut. Ihnen hoffentlich auch. Guten Morgen."

„Meinen Sie, Ihre Kraft reicht aus, mich in die Stadt zu begleiten? Abfahrt 11 Uhr 10 vor dem Eingang?"

Große Lust hatte er nicht, aber weil sie ein dringendes „Bitte anfügte, stimmte er zu: „Okay, zehn nach elf vor dem Eingang.

Die Fahrt in dem uralten, lauten Bus erinnerte tatsächlich an eine rollende Sauna, aber in Maleja war das Wetter erträglich, sonnig, aber etwas kühler. Und die Gebäude, Markisen und Vordächer spendeten immer wieder Schatten. Sie fanden ein Geschäft, in dem Sara Frenzen ihre kleinen Spielkarten erstand, und er sagte zu, bei nächster Gelegenheit eine Partie zu spielen oder ihr zu helfen, wenn sie nicht mehr weiterwusste. Dann lud er sie zu einem Eis ein und als sie saßen, fragte sie neugierig: „Wie hat es Sie auf diese Insel verschlagen?"

„Schuld ist mein Arzt, der behauptet hat, er könne mir nicht mehr helfen. Sozusagen austherapiert. Gegen meine pausenlosen Erkältungen würden nur noch Wärme und Sonne und in Maßen Rotwein etwas positiv ausrichten. Ich habe beschlossen, seinem Rat zu folgen, aber alle meine Wunschziele waren schon überbucht."

„Und warum müssen Sie alleine Heilung in der wärmenden Helligkeit suchen?"

„Meine Frau ist im vorigen Jahr gestorben."

„Oh, das tut mir leid. Mein aufrichtiges Beileid."

„Danke. Und die Kinder sind mit den unternehmungslustigen Großeltern auf Foto-Safari nach Südafrika gefahren."

„Pech für Sie."

„Wie steht es mit Ihnen?"

„Kinder habe ich nicht, und noch bin ich verheiratet und lebe, wie vom Gesetz für eine Scheidung gefordert, seit fast einem Jahr von meinem Mann getrennt."

Nach dem Eis bummelten sie weiter. Er dachte daran, neue Sonnenschutzcreme zu kaufen, besorgte die unvermeidlichen Postkarten und Briefmarken und riskierte, in einer Bodega zwei Flaschen eines namenlosen Tischweines zu kaufen.

„Meinen Sie, den kann man trinken?"

„Ausprobieren, bei dem Preis kann man ihn notfalls auch ohne Reue wegschütten."

„Na, ich weiß nicht ... wegschütten."

Er sah sie scharf an, kapierte und begann zu lachen. „Ach so, Sie meinen den Touristenpreis auf dem Schildchen im Schaufenster? Den zahlen nur Touristen und Pauschalreisende."

„Sie haben ihn runtergehandelt?"

„Gnadenlos."

„Die wollen doch auch leben", tadelte sie.

„Keine Angst, die kommen schon auf ihre Kosten. Wenn er nicht nachgibt, sage ich 'nein', und wenn ich zu weit runter will, sagt er 'nein'. Ihr Gesicht reizte zum Lachen. „Feilschen kann ich nicht, meinte sie dann treuherzig.

„Man gewöhnt sich an allem, auch am Dativ. So, jetzt muss ich noch einen Korkenzieher besorgen."

BEIM ABENDESSEN SETZTE sie sich wieder an einen Tisch, an dem schon drei junge Frauen saßen, drei moderne Grazien, wie er sie für sich bezeichnete. Sie fielen selbst am Strand auf, tief gebräunt, sexy Figuren und lange, helle, glatte Haare. Bei zweien war er nicht sicher, ob es sich nicht um die Schnattergänse handelte, die auf dem Flug neben ihm gesessen hatten. Alle drei straften ihn mit Missachtung. Vielleicht täuschte er sich ja. Aber für ihn sahen sie alle gleich aus, auch zu Hause auf der Straße.

Der namenlose Tischwein stellte sich als der reine Genuss heraus. Nach dem ersten Schluck ging er noch mal zum Empfang, um den ausgeliehenen Korkenzieher zurückzugeben. In der Minute verließen die drei Grazien und Sara Frenzen das Restaurant, setzten sich an die Bar und bestellten lautstark vier Proseccos, ein Getränk, das Hansen nicht einmal benutzen würde, um seine schlammigen Schuhe abzuspülen. Mit dem zweiten Roman hatte er einen guten Griff getan, aber mit dem Wein auch, und nach drei Gläsern musste er das Buch sinken lassen und auf die kühlere Veranda gehen. Es war dunkel geworden, am tiefblauschwarzen wolkenlosen Himmel funkelten die Sterne geradezu kitschig aufdringlich. Dass seine Nachbarin zurückgekommen war, hatte er – völlig in Roman und Wein vertieft – überhört. Ihre Verandatür stand auch offen und sie unterhielt sich sich mit ihrem Gast so laut, dass Hansen jedes Wort verstehen konnte. Sie hatte eine helle, sehr klare Stimme, die sich gegen das Rauschen der Brandung mühelos durchsetzte.

„Benno, es ist zwecklos. Ich habe mich entschieden, ich komme nicht zu dir zurück."

„Aber warum denn nicht?! Bitte, Sara! Ich gebe ja alles zu und bitte um Entschuldigung. Es kann doch nicht alles vorbei sein, nur weil ich einmal mit einer anderen Frau geschlafen habe."

„Du wolltest sagen, weil ich dich nur einmal bei deinen vielen Seitensprüngen erwischt habe. Bei deinen zahllosen Affären vorher hast du Glück gehabt, das wolltest du doch sagen!?"

„Wie kannst du so was behaupten, erregte sich der Mann. „Zahllose Affären. Wer hat dir denn den Quatsch erzählt.

„Den Namen werde ich dir nicht verraten, aber seinen Beruf. Er ist Privatdetektiv, ich habe die Detektei vor gut einem Jahr beauftragt, dich zu beobachten, vor allem bei deinen so merkwürdigen wie zahlreichen Dienstreisen."

„Bist du verrückt geworden, du schnüffelst mir nach?"

„Jetzt nicht mehr, mein lieber Benno. Aber ich verrate dir eins: Wenn du glaubst, du könntest nach der Scheidung so weiterleben wie bisher, nichts tun, dir mit meinem Geld einen fröhlichen Lenz machen und weiterhin nur Frauen nachstellen, irrst du dich gründlich. Dann lassen wir die Detektei aufmarschieren und alle Beweise für deinen jahrelangen Betrug und deine Faulheit vor Gericht offenlegen: Einige Urkundenfälschungen dürften noch nicht verjährt sein und was dann auch noch das Finanzamt sagt, wird dich vielleicht überraschen. Für wen oder was hast du eigentlich das viele unterschlagene Geld gebraucht?"

„Wir? Wer ist wir? Du und dein neuer Freund?"

„Wir sind mein Anwalt und ich. Einen verlässlichen Freund hätte ich gerne, aber habe ich nicht. Und neuer Freund? Im Gegensatz zu dir habe ich während der Ehe keine Freunde und keine Liebhaber gehabt. Und ich danke nachträglich meinem Vater, dass er darauf bestanden hat, mit dir vor dem Standesamt einen Ehevertrag zu schließen und Gütertrennung zu vereinbaren."

Hansen hörte bis auf seine Terrasse das schwere Keuchen des Mannes. Sie schlug hart und gezielt zu. Aber sie sollte es nicht übertreiben. Wenn er alles richtig begriffen hatte, stand für den Noch-Ehemann Benno sehr viel auf dem Spiel. Da lag Gewalttätigkeit förmlich in der lauen Luft. Und sie schien es auch zu ahnen. Denn plötzlich sagte sie scharf und drohend: „Und nun verschwinde. Wie ich dich kenne, traue ich dir zu, dass du draußen einen gekauften Zeugen versteckt hast, der jeden Meineid schwören wird, dass wir uns versöhnt und miteinander geschlafen haben."

„Das traust du mir wirklich zu?"

„Das und noch sehr viel mehr. Hau' endlich ab! Und vergiss besser nicht, dass meine Bekannten dich in der Bar gesehen haben. 'Scheidung auf Italienisch' läuft in Spanien nicht."

Der Mann sprang wohl auf, ein harter Gegenstand fiel auf die Fliesen: „Du verdammtes Miststück."

Dann stürmte eine dunkle Gestalt nach draußen auf ihren Teil der Terrasse. Wie und wodurch der Wütende ihn bemerkt hatte, wusste Hansen nicht; Benno stoppte jäh, drehte sich zu ihm und brüllte: „Na, du Schnüffelsau. Kleine Abreibung gefällig?"

Hansen war schon hochgeschossen, als der Mann bremste, griff nach seinem Sessel und kippte ihn instinktiv in Richtung des Berserkers, der auf ihn losgehen wollte und in seiner blinden Wut das sperrige Stück vor seinen Füßen übersah. Er stolperte wie im Bilderbuch, fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, verlor aber doch das Gleichgewicht und stürzte mit einem lauten Schrei in die hohe und dichte Hecke, die offenbar eine Menge stachelige Äste und Zweige enthielt. Benno – so hatte sie ihn doch angeredet? - jaulte auf wie ein geprügelter Hund und hatte alle Lust auf Abreibungen und Schlägereien verloren, als er wieder leicht schwankend auf den Beinen stand. Benno Frenzen entfernte sich manierlich, wenn auch hinkend, während Frau Nachbarin auf ihre Terrasse trat.

„Ist was passiert?" erkundigte sie sich so harmlos, dass Hansen auflachen musste.

„Nix. Ihr Besucher hat bei seinem gewalttätigen Abgang nur meinen Sessel ramponiert und ist dabei in die Hecke gefallen."

Sie schaltete erst jetzt. „Haben Sie hier draußen gesessen?"

„Ja, tut mir leid, ich wollt nicht lauschen, aber Tür und Fenster standen offen und Sie haben beide sehr laut und vernehmlich gesprochen. Und als er abzog, hat er wohl geglaubt, ich sei einer der Detektive, die Sie engagiert hatten."

„Tut mir leid. Und er wollte es Ihnen mal zeigen, wie?"

„Möglich, ich habe nur meinen Sessel umgeworfen, den Rest hat er selbst erledigt."

„Benno war schon immer ein Trottel. Heute verstehe ich nicht, wie ich mal auf ihn hereinfallen konnte. Mein Vater hatte da mehr Menschenkenntnis."

„Liebe macht blind, wenigstens vorübergehend", tröstet er. Sie seufzte so tief auf, dass er Mitleid verspürte.

„Was halten Sie von einem Schluck Weißwein. Sehr gut, sehr preiswert, heimische Produktion."

„Wenn Sie ein Gläschen für mich übrig hätten? Ich könnte es jetzt gut vertragen."

Nach dem ersten Schluck meinte sie bewundernd: „Der ist ja wirklich toll. Woher haben Sie Ihre Weinkenntnisse?"

„Ich war Disponent in einer Spedition. Da bekommt man vieles zu sehen, zu hören und manchmal auch zu probieren."

„Sie waren ...?"

„Ja, man hat mir eine hohe Abfindung angeboten, wenn ich von mir aus kündige. Nach so einem Angebot reizten mich mein Job und ehrlich gesagt auch meine Firma nicht länger. Jetzt suche ich eine neue Stelle. Aber das ist nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte."

„Scheißspiel, was?!" sagte sie unerwartet burschikos.

„Wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, auch bei Ihnen scheint nicht alles so glatt zu laufen."

„Nein, stöhnte sie. „Benno, der faule Schweinehund, lässt keinen Trick aus.

„Wie hat er Sie überhaupt hier gefunden?"

„Ich fürchte, da hat mein Büro nicht dicht gehalten. Doris Klammer ist tüchtig und fleißig, aber sie möchte mehr bewundert werden, und die Rolle und Fähigkeit beherrscht Benno aus dem Effeff."

„Ihr Büro?" fragte er verwundert.

„Ja. Ich habe von meinen Eltern eine Firma geerbt, die Bestecke herstellt. Von Budde die Löffel, Gabeln, Messer – sind ganz einfach besser."

„Ihr Firmenlogo?"

„Seit Gründung der Firma."

Hansen verzog das Gesicht. „Als Werbeslogan heutzutage vielleicht nicht optimal."

Sie lachte. „Nein, bieder, verzopft und altmodisch. Aber wir stehen nicht in harter Konkurrenz zu anderen Herstellern. Unsere Kunden sind in der Regel Großabnehmer, Hotel- und Restaurantketten, Betriebskantinen, Kliniken, Schulen, Behörden und so in der Richtung. In einem normalen Haushaltswaren- und Einrichtungsgeschäft finden Sie uns selten im Angebot."

„Und Benno, so meinen Sie, hat Sie durch die Firma gefunden?

„Ja. Darauf ist er sogar noch stolz. Aber irgendwem musste ich ja meine Urlaubsadresse für alle Fälle hinterlassen. Benno hat natürlich nicht geglaubt, dass ich nach La Molina nur der Erholung wegen gekommen bin. Weil sie ihn dabei so seltsam schräg ansah, schluckte Hansen: „Er meinte mit einem neuen Freund doch nicht etwa mich?

„Doch, doch."

„Der spinnt ja."

„Benno ist auf alle und alles eifersüchtig."

„Wenn ich Ihren Streit richtig verstanden habe, geht es weniger um die eigentliche Scheidung als um den Versorgungsausgleich."

„Völlig richtig. Benno ist offiziell Angestellter in der Firma, die ich von meinen Eltern geerbt habe. Statt meinem Ehemann ein Taschengeld für seine Hobbys auszusetzen – zu den teuersten zählen schnelle Sportwagen – bezieht er von der Firma Budde ein reguläres Gehalt. Formell hat er also gearbeitet und kann er ja arbeiten und für sich selber sorgen ... Und er weiß genau, dass ich ihm, wenn die Scheidung rechtskräftig ist, sofort kündigen werde, also muss er sich eine neue Stelle suchen und er weiß natürlich auch, dass man sich dort nur mit seiner körperlichen Anwesenheit nicht zufrieden geben wird, dass er dort arbeiten und etwas leisten muss. Wie soll er dann noch Zeit für sein geliebtes Hobby finden, Frauen nachzustellen und in sein Bett zu bekommen? Sie schaute düster in ihr Glas und fragte dann fast schüchtern: „Meinen Sie, ich könnte bitte noch einen Schluck bekommen?

„Aber ja. Sie wissen doch, ich habe zwei Flaschen zu Tiefstpreisen gekauft."

„Wie praktisch."

„Jetzt bin ich natürlich erst recht neugierig. Was macht er denn offiziell in der Firma?

„Kundenkontakte pflegen. Was an sich gar nicht nötig ist."

„Wie meinen Sie das?"

„Haben Sie den Begriff „Kantinenschwund schon mal gehört?

„Nein, aber er erinnert mich sehr an einen Begriff, den ich gut kenne und fürchten gelernt habe. Das ist der berüchtigte Lagerschwund oder Verdunstungsverlust bei teuren Flüssigkeiten."

Sie nickte und lachte. „Ich könnte ein Buch darüber schreiben, wie und mit welchen faulen Begründungen Bestecke und Küchengeräte verdunsten, sich in Luft auflösen, mit einem Mal einfach nicht mehr da sind. Der Eigentümer will natürlich dann nicht jedes Mal ein ganzes neues Besteck kaufen, er möchte nachbestellen und deshalb führen wir alle unsere Modelle jahrelang. Zum Wohl."

„Bei gefüllten Flaschen kann man sich Schwund und Verdunstung leichter erklären. Zum Wohl, Frau Nachbarin."

Auch gemeinsam schafften sie die zweite Flasche nicht mehr. Und als sie aufstand, hatte sie leichte Probleme mit dem Gleichgewicht und stützte sich an der Hauswand ab. „Darf ich eine ganz unverschämte Frage stellen?"

„Aber immer."

„Dürfte ich die Nacht bei Ihnen schlafen?"

Hansen sah sie lange an, bis ihr aufging, wie missverständlich sie sich ausgedrückt hatte. Dann schluckte sie. „Ich habe Angst, dass Benno in der Nacht mit Begleitung zurückkommt."

Was Benno, dem Erregbaren, zuzutrauen war. Hansen trat ihr großmütig sein Bett ab und verzog sich auf die Liege im Wohnraum, die eigentlich für Kinder vorgesehen war. Bequem war anders und als er aufwachte, war sie bereits fort.

Drittes Kapitel

DIE NÄCHSTE TAGE SAH und sprach Hansen seine Nachbarin Sara nur selten. Wenn er zum Frühstück kam, ging sie oft schon mit ihren drei Grazien fort, grüßte zwar freundlich, blieb aber nicht stehen. Auch am Strand und im Wasser beachtete sie ihn nicht und schien vor allem keinen Wert auf ein Gespräch mit ihm zu legen. Für die drei Grazien war er ohnehin nur Luft. Nun gut, er war kein Apoll und kein Adonis, aber konnte sich neben den meisten Männer, die La Molina gebucht hatten, doch sehen lassen,selbst in Badehose. Sein Wahlspruch lautete in solchen Fällen: „Wer nicht will, hat gehabt." Aufdrängen war nicht seine Methode. Folglich hielt sich seine Enttäuschung in Grenzen; vielleicht war es Frau Nachbarin nicht recht, dass ein Fremder durch Zufall so viel von ihr und ihren Problemen erfahren hatte. Er langweilte sich nicht, las viel und stellte nach einer Woche erstaunt fest, dass Schnupfen und Heiserkeit vergangen waren, er schlief besser und kämpfte nur einmal mit den scheußlichen Kopfschmerzen, als das Wetter für zwei Tage umschlug. Der brave Tourist schrieb in der Zeit, weil in seiner Bungalow-Hütte festgehalten, seine wenigen Pflichtpostkarten, eine auch an Dr. Konrad, und schwamm auch in diesen Tagen mindestens eine Stunde. Dann setzte er sich einen Abend in die Bar und bemerkte die dritte, nicht blonde, sondern hellbraun-lockige Grazie, die sich intensiv mit einem fremden Mann unterhielt, der Hansen die ganze Zeit über auffällig musterte. Ob die Grazien – dieser Gedanke kam ihm jetzt zum ersten Mal – vom Benno beauftragte Detektivinnen oder vielleicht von ihr engagierte weibliche Bodyguards waren? Er trank seinen Cognac aus und verzog sich in seinen Bungalow, schaltete seinen Schachcomputer an und erzwang zum ersten Mal ein Remis, wenn auch nur auf der untersten Schwierigkeitsebene.

Spät am Abend klopfte Sara Frenzen an seine Terrassentür und hob zur Begrüßung eine Flasche hoch.

„Hallo", sagte er ausdruckslos.

„Hallo. Darf ich reinkommen?"

„Aber bitte."

„Christina hat mir gesagt, dass Sie sie und Jorge in der Bar gesehen haben, und mir geraten, zu Ihnen zu gehen, damit keine Missverständnisse entstehen."

„Wer ist Christina und wer ist Jorge?"

„Christina ist die mit den hellbraunen Locken: eine der drei Frauen, mit denen ich immer unterwegs bin. Und Jorge ist ein Anwalt, den mir mein Noch-Mann auf den Hals gehetzt hat. Christina hat in meinem Namen versucht, mit Jorge ein Waffenstillstandsabkommen auszuhandeln."

„Das klingt irgendwie kriegerisch."

„Eben diese Entwicklung dorthin möchte ich verhindern. Wenn die Ehe schon Krieg war, muss die Scheidung nicht auch noch in einem Blutbad enden."

„Sehr vernünftig."

„Vielleicht. Jorge hat sich von Benno eine Art Verhandlungsmandat geholt, aber Benno überzieht immer noch, er möchte auf jeden Fall auch nach der Scheidung Einfluss auf die Firma Budde behalten und von ihr eine Art Gehalt oder feste Aufwandsentschädigung beziehen."

„Hat er solche Angst vor dem Arbeiten?"

„Sieht ganz so aus, ja. Hast du was dagegen, wenn wir uns duzen?"

„Nein", sagte er überrumpelt.

„Prima. Ich heiße Sara und da liegt eine Abkürzung nicht nahe.

„Also Sara. Und Martin."

„Einverstanden. Darauf müssen wir einen Schluck trinken. Der Korkenzieher liegt nebenan?"

Er sah ihr lächelnd nach. In Nullkomma nichts war sie zurück und setzte sich schwungvoll dicht auf Tuchfühlung neben ihn. Er legte einen Arm um ihre Taille und sie rückte ein Stück zur Seite: „Auch wenn ich dich enttäusche: Ich suche einen Friend keinen Lover."

„Entschuldigung", murmelte er und zog seinen Arm wieder weg.

Der Rest seines Urlaubs verlief viel zu rasch. Jetzt saßen Sara und er beim Frühstück und beim Abendessen zusammen, redeten und lachten über alles Mögliche. Die drei Grazien suchten sich einen eigenen Tisch, und grüßten Hansen jetzt. Die beiden Blondinen flogen mit ihm zurück, hatten diesmal aber andere Plätze und verabschiedeten sich von ihm in Stuttgart sogar ganz freundlich und zuvorkommend. Er fuhr mit der Bahn nach Tellheim; Sara würde erst in einer Woche zurückkommen und hatte versprochen, ihn in Tellheim auf jeden Fall zu besuchen. Er hatte sich fest vorgenommen, intensiv nach einer neuen Stelle zu suchen. Frankfurt bot sicherlich mehr Chancen für einen Speditionskaufmann, als Tellheim, aber die Stadt gefiel ihm nicht sonderlich, da wurde zuviel abgerissen und ständig neu gebaut.

Viertes Kapitel

IM FLUR SEINES HAUSES roch es durchdringend nach Farbe, Lack und Leim. Das alte Ehepaar Schöler im Parterre war ausgezogen und ihre Wohnung wurde renoviert. Er würde die beiden boshaften Alten nicht vermissen, weil er sie verdächtigte, voller Gehässigkeit die bösen Gerüchte über den Mörder Martin Hansen verbreitet, wenn nicht sogar erfunden zu haben.

An der Haustür begegnete ihm ein Nachbar, der ihn nur kurz ansah und grußlos an ihm vorbeiging. Das Spielchen lief also weiter und er wünschte sich, die Schölers möchten an ihrer Gehässigkeit ersticken. Wenn er ehrlich war, hatte er es auch nicht anders erwartet. Er packte aus, räumte seine Sachen weg und begann die Waschmaschine zu füttern. Die Kinder hatten einen Brief aus Botswana geschickt; offenbar drängten sich die wilden Tiere zur Enttäuschung von Opa und Oma und Enkeln nicht gerade vor die Kameras der Fototouristen.

Es gab auch einen unerfreulichen Brief in dem kleinen Poststapel, den seine Nachbarin Meike Carius für ihn täglich aus dem Hausbriefkasten genommen und in seiner Wohnung abgelegt hatte. Meike, vielleicht zweite Hälfte zwanzig, also jünger als er, arbeitete in einer kleinen Baufirma und war in der Bergerstraße 39 die einzige Mieterin, die mit ihm noch redete und den Begriff „Unschuldsvermutung ernst nahm. Sie hatte auf seine Wohnung geachtet, Blumen gegossen und die Post aus dem Hausbriefkasten geholt und seine auf ihren Namen umbestellte Tageszeitung „benutzt.

Hansen mochte die sportliche Frau mit den kurz geschnitten Haare und dem Pony gut leiden. Gunda hatte die neue Nachbarin, die seit knapp vier Jahren auf derselben Etage gegenüber wohnte, anfangs voller Argwohn beobachtet, dann aber gemeint, man könne es wohl mit dieser eisernen Jungfrau aushalten. Seufzend las er weiter: Hansens Schwiegereltern Lothar und Johanna Maas hatten nie daran gezweifelt, dass der ungeliebte Schwiegersohn ihre Tochter Gunda am 31. August vorigen Jahres erschossen und die Leiche im Brockener Forst abgelegt hatte, wo sie am nächsten Tag vom Hund eines Spaziergängers gefunden wurde. Jetzt kündigten die Eltern Maas für das kommende Wochenende ihren Besuch an, um sich aus den Sachen der Tochter einige „Erinnerungsstücke herauszusuchen, „was ja wohl unser gutes Recht ist. Die Fähigkeit, mit jedem Satz, mit jedem Brief ihn und andere auf Neunundneunzig zu treiben, war, wie er spottete, „unermaaslich." Schwiegervater Lothar hatte ihm nach der Beerdigung unverblümt mitgeteilt, dass sie beide ihre Tochter davor gewarnt hätten, das geborene Mittelmaß von Martin Hansen zu heiraten, ihre Tochter hätte was Besseres verdient als einen mittelprächtig verdienenden Speditionsdisponenten und eine Mietwohnung im dritten Stock eines Hauses ohne Aufzug.

Mit der Wohnung war auch Hansen nicht glücklich, aber er hatte damals nehmen müssen, was er kriegen konnte, nachdem das Haus mit der schönen Wohnung im besseren Stadtteil Weidenthal, in der Salemstraße, bis auf die Grundmauern niedergebrannt war. Die Sachverständigen gingen zuletzt von Brandstiftung aus. Vermisst wurde seit dem Feuer eine dreiköpfige Familien aus dem Erdgeschoss, zuletzt als mutwillige oder fahrlässige Brandstifter verdächtigt. Hansen hatte nehmen müssen, was er in der Eile finden konnte; die Bergerstraße 39 hielt keinen Vergleich mit der Salemstraße und Weidenthal aus, aber etwas Neues zu finden, war nicht leicht. Die Mieten in Tellheim stiegen sehr viel schneller als die Gehälter. Und was Gunda, die stundenweise in einem Beautysalon mit dem vielleicht nicht ganz glücklich gewählten Namen „Helena arbeitete, am Monatsende mit nach Hause brachte, war nicht der Rede wert. Immerhin zahlte sie in die Rentenversicherung ein und achtete schon darauf, dass ihre Tätigkeit bei „Helena nicht in Arbeit ausartete

Er hatte seinem Schwiegervater nichts geantwortet, nur einmal trocken geschluckt. Irgendeiner musste der sehr durchschnittlichen und, wie er mittlerweile fand, eher reizlosen, weil nörglerischen Gunda ja den Floh ins Ohr gesetzt haben, sie sei was Besseres und habe einen Anspruch darauf, dass sich andere für sie abrackerten, während sie den verpassten Chancen ihrer schwindenden Jugend nachjammerte. Ihre Ehe hatte sich schon nach der Geburt des ersten Kindes Ulrich als Fehler herausgestellt – mit dem kuriosen Effekt, dass Ehemann Martin viel und lange im Büro arbeitete, um nicht nach Hause gehen zu müssen, und so in der Spedition Kammacher & Söhne eine bescheidene Kariere machte. Freilich stieg sein Gehalt nie auf die Höhe, die es erlaubt hätte, Gundas ebenfalls wachsenden Wünsche und Ansprüche zu genügen. Wozu er bald auch keine Lust mehr verspürte. Gunda begann sich nach anderen Männern umzusehen, was sie nicht einmal verheimlichte.

Über Mittag rief Dr. Konrad an, er wollte sich für die Karte bedanken und natürlich hören, ob sein ärztlicher Rat – Sonne und Wärme plus UV – richtig gewesen sei.

„Ausgezeichnet. Kein Schnupfen mehr, keine Erkältung und Durchschlafen funktioniert auch wieder." Seinen Weinkonsum verschwieg er besser. In dem Punkt war Dr. Konrad etwas altmodisch streng.

Die positive, kaum glaubliche Überraschung erlebte er am Dienstag, als er in seinem Lottoladen seinen Drei-Wochen-Schein prüfen ließ. Er hatte tatsächlich einmal einen Jackpot geknackt. Gut sechs Millionen Euro – nicht zu glauben. Die junge Frau an der Lotto-Einzahltheke schickte ihn zur Lotto-Zentrale in der Berliner Straße und warnte ihn, mit dem Auto zu fahren. Parkplätze seien dort seltener als Nuggets im Stadtpark. Also fuhr er, was er schon lange nicht mehr getan hatte, mit der Bahn zum Lantepark.

Die Berliner Straße war laut, staubig-stickig scheußlich und überfüllt. Für die Angestellten der Lotto-Zentrale gab es Parkplätze auf dem Hinterhof.

Sein Fall erregte keinerlei Aufsehen: Hier erschienen jede Woche Spieler, die mehr als 1000 Euro gewonnen hatten. Damit die Annahmestellen nicht soviel Bargeld vorrätig halten mussten, was auch Einbrecher angelockt hätte, wurden alle Gewinne über 1000 Euro von der Zentrale auf ein Konto des Gewinners überwiesen. Hansen fluchte wieder einmal über diese IBAN-Idiotie, wer sich das in Brüssel ausgedacht hatte, sollte geteert und gefedert und dann lebend gevierteilt werden. Die Freude über sein Glück war nicht so groß, dass sie den Ärger über alltägliche Probleme unterdrückte.

Das Angebot, sich bei der Anlage des Geldes beraten zu lassen, lehnte er so höflich wie entschieden ab, stimmte aber dem Rat zu, so wenig Leuten wie möglich von seinem Glück zu erzählen. Immerhin schien die Sonne heller zu scheinen als vorhin, während er die Lotto-Zentrale verließ und auf die Straßenbahn wartete. Ein Taxi kam nicht in Frage, das wäre Geldverschwendung gewesen. Zu Hause fiel ihm wieder ein, woran ihn der Brief der Schwiegereltern erinnert hatte.

Gunda hatte in einem Beautyshop namens „Helena" gearbeitet oder besser: sich beschäftigt. Er hatte mehr als einmal gefragt, ob sie ihm den Laden nicht mal zeigen könne, was sie immer abgelehnt hatte, bis sich ein bestimmter Verdacht bei ihm festsetzte, was das für ein Schönheits-Salon sein könnte.

„Du mit deiner schmutzigen Fantasie, war Gunda aufgebraust; auf ihre alte Freundin Nelly ließ sie nichts kommen. „Du machst mir meine beste Freundschaft nicht kaputt. Sie hatte es tatsächlich fertiggebracht, dass er Nelly Förster tatsächlich erst auf Gundas Beerdigung vor fast einem Jahr persönlich kennen gelernt hatte.

Immerhin erinnerte sie sich noch an ihn: „Hallo, Martin, wie geht es dir?"

„Mittelprächtig. Und dir?"

„Es ging schon mal besser. Gibt es einen bestimmten Grund, warum du nach so vielen Monaten bei mir anrufst?"

Für so eine Frage hatte er sich schon eine Ausrede zurechtgelegt.

„Gundas Eltern haben mir geschrieben, sie möchten vorbeikommen und sich ein Erinnerungsstück an ihre Tochter aussuchen. Und dabei ist mir eingefallen, dass Gunda erzählt hat, sie habe bei „Helena eine Art Spind. „Ob sich darin was befindet, was die Maasens interessieren könnte?

„Du, das weiß ich nicht. Seit Gundas – hm – Tod habe ich den Spind nicht mehr aufgemacht. Hast du einen Schlüssel für das Vorhängeschloss? Wir Beauty-Frauen haben den Spind nicht mehr benutzt."

„Die Polizei hat mir nach der Beerdigung eine Menge Sachen ausgehändigt, die in Gundas Handtasche waren, darunter auch Schlüssel."

„Bring sie mit und wir probieren sie aus."

„Mach ich. Und wann passt es dir?"

„Wie wär's mit gleich. Ich hab noch zwei Kundinnen im Geschäft, aber die dürften in einer halben Stunde fertig sein."

„Okay, dann mache ich mich auf den Weg. Leanderstraße 44?"

„Genau."

Die verkehrsarme, mit alten Bäumen gesäumte Leanderstraße war keine schlechte Adresse, und das Haus Nummer 44 machte einen gepflegten Eindruck. Über dem Schönheitssalon „Helena" im Parterre hatte ein Zahnarzt seine Praxis eingerichtet, die restlichen Etagen schienen Wohnungen zu sein.

Nelly Förster riss nach dem ersten Klingeln die Tür auf: „Hallo, Martin. Komm rein!"

„Hallo, Nelly." Die Rothaarige hatte ihm schon auf dem Parkfriedhof nicht sonderlich gefallen, auch nicht, dass sie ihn sofort duzte. Sie wirkte auf ihm ordinär, wozu ihre laute und schrille Stimme und ihre – vornehm ausgedrückt – figurbetonende Kleidung viel beitrugen.

„Du bist etwas früh dran. Ich muss dich für ein paar Minuten in die 'Zelle' verfrachten."

„Sperrt ihr alle Männer gleich ein?"

„Nein, wo denkst du hin. Die 'Zelle' ist der Warteraum für Ehemänner und Freunde, die ihre frisch aufpolierten besseren Hälften abholen und freudig für die Reparatur bezahlen wollen."

„Das wollte Gunda mir nie erlauben."

„Nein, die 'Zelle' ist für zahlende Kunden. Die „Helena-Angestellten haben dadrin eigentlich nichts zu suchen.

Das klang so eigentümlich und irgendwie lauernd, das er sofort anbiss. „Du meinst, Gunda hat sich nicht daran gehalten?"

„Nicht immer. Sie war der Meinung, das sei doch ein idealer Ort, Männer aufzureißen, die ihre reparaturbedürftigen Frauen wahrscheinlich satt hatten."

„Ob sie hier ihren Mörder kennengelernt hat?" Einen Versuchsballon war es doch wert.

„Möglich, aber nicht wahrscheinlich."

„Was sagt denn die Kripo dazu?"

„Kripo? Welche Kripo?

„Nachdem man Gundas Leiche gefunden hatte, ist doch bestimmt die Polizei bei dir gewesen und hat sich nach Gunda erkundigt."

„Nein, sagte Nelly so erstaunt, dass er ihr glaubte. „Bei mir ist nie ein Polizist gewesen, um nach Gunda zu fragen.

Merkwürdig. Aber bei ihm, bei Kammacher & Söhne, war die Kripo sofort aufgetaucht und hatte Fragen gestellt, als stünde es bereits fest, dass Hansen seine Frau erschossen hatte. Das verbreitete sich so schnell im Büro, dass viele Kollegen nicht mehr mit einem Disponenten zusammenarbeiten wollten, „der seine Frau umgebracht hatte". Wirklich merkwürdig.

„Na, dann lass uns mal in den Spind schauen."

Einer der Schlüssel passte tatsächlich auf das Vorhängeschloss. Der Spind war leer bis auf einen hauchdünnen, so gut wie durchsichtigen Morgenmantel. Hansen, ein eher praktisch veranlagter Modemuffel, sagte trocken: „Da hätte sie doch besser gleich nackt herumlaufen können."

„Das hat sie an dem Abend wohl auch noch getan."

„Bei wem? An welchem Abend?"

„An dem Abend, an dem sie mir das gute Stück vorgeführt und gefragt hat, ob es zu gewagt sei. Ich habe sie gewarnt. Einen solchen Aufzug würde jeder normale Mann sofort als Aufforderung zu mehr empfinden. Worauf sie nur meinte: 'Dann hat das gute Stück ja seinen Zweck erfüllt.'"

„Mit wem wollte sie denn ins Bett steigen?"

„Seinen Namen weiß ich nicht, ich habe ihn nur einmal von hinten gesehen, als er Gunda abholte. Ich kann mich nur daran erinnern, dass beide in einen auffälligen Sportwagen gestiegen sind. In einen Lamborghini, wenn ich mich nicht irre, knallorange lackiert. Sehr auffällig ... Ja, ich glaube mit Tellheimer Kennzeichen."

„Danke, Nelly. Hier ist der Schlüssel, Gundas Morgenmantel und den Spind brauche ich nicht mehr."

Um 18 Uhr klingelte er nebenan, um sich zurückzumelden, Meike Carius für ihre Hilfe zu danken und ihr sein Urlaubsmitbringsel zu übergeben, eine kleine, aus Metall gefertigte Mühle, die mit vielen winzigen Olivinsplittern besetzt war. Die grünen Steine wurden auf der Insel Vilona gebrochen und sahen aus wie Smaragde. Frau Nachbarin hatte nicht viel Neues zu erzählen. Die Schölers aus dem Parterre hatten sich nun doch entschlossen, in ein Heim zu ziehen, weil sie sich immer schlechter selbst versorgen konnten und sich in Ruhe ein Heim aussuchen wollten, um nicht im Ernstfall nehmen zu müssen, was gerade noch frei war. Ingrid Sturm, die über ihr wohnte, würde in zwei Monaten heiraten und mit ihrem Mann wohl nach Brandenburg ziehen.

„Und wie sah es bei dir aus? Sonne hast ja wirklich mitbekommen, wie man sieht."

Also erzählte er etwas von der Insel, erwähnte aber den Namen Sara Frenzen oder Sara Budde nicht. Meike fragte auch nicht, ob er sich gelangweilt oder interessante Leute getroffen habe. Neidisch wurde sie, als er die preiswerten guten Weine erwähnte.

„Du hättest mitfahren sollen", meinte er.

„Wovon denn? Wenn im Sommer oder Herbst nicht noch ein Wunder geschieht, machen wir zum Jahresende dicht."

„So schlimm?"

„Noch schlimmer. Man sollte meinen, bei diesen Zinsen würden die Leute wie verrückt in Immobilien investieren, aber jeder hält seine Euros offenbar lieber zusammen." Er schwankte einen Moment, erwähnte dann aber seinen Lottogewinn nicht. Er war sich noch nicht sicher, wie weit er ihr vertrauen sollte.

Viele Monate hatten sie sich nur gegrüßt und im Vorbeigehen „Schöne Weihnachten oder „Ein gutes neues Jahr gewünscht. Vor knapp zwei Jahren waren sie sich einmal an der Haustür begegnet und hatten auf der Treppe nach oben freundlich, aber wenig geistreich über das schlechte Wetter und die ewige Flickschusterei an den Straßen des Viertels unterhalten. Während sie ihre Wohnung aufschloss, hatte sie plötzlich gesagt: „Ach, was soll das ewige Versteckspielen. Komm' mal mit rein, du Schüchterner! Verblüfft über die Einladung und das „Du war er ihr gefolgt. In der Diele blieb sie stehen und fragte ihn fast aggressiv: „Weisst du eigentlich, dass deine Frau Männerbesuche empfängt, wenn du im Büro bist?"

Anfangs hatte er es nicht glauben wollen, aber sie beteuerte immer wieder, dass sie ihn nicht belügen und auch Gunda nicht verleumden wolle.

Dass Gunda ihn betrog, glaubte er ohne Weiteres, aber ihn wunderte, dass sie so dumm sein sollte, es in einem Haus zu tun, im dem jeder jeden bespitzelte.

Fünftes Kapitel

AM NÄCHSTEN VORMITTAG ging Hansen auf den Park-Friedhof. An sich zog ihn nichts zum Grab seiner toten Frau, aber er wollte ehrlich antworten können, wenn Lothar und Johanna fragen würden, wann er denn zum letzten Mal auf dem Friedhof gewesen sei. Was sie bestimmt tun würden, schon, um ihn daran zu erinnern, dass er kein Recht hatte, Gunda, die Unvergleichliche, zu vergessen. Das Grab sah ordentlich aus, der Pflegedienst nahm es ja auch vierteljährlich von den Lebenden.

Vom Haupteingang fuhr Hansen mit dem Bus in die Innenstadt und ging nach Jahren zum ersten Mal wieder in eine werktägliche Nachmittagsvorstellung eines Kinos. Was er sich, wie er hinterher fand, auch hätte sparen können. Eine dümmliche Liebeskomödie mit abgegriffenen Gags und schmalzigen, verlogenen Dialogen, über die er überhaupt nicht lachen oder schmunzeln konnte. Da war sein anschließender Schaufensterbummel noch amüsanter. Leider fehlt ihm nichts, er wusste beim besten Willen nicht, was er sich von seinem neuen Reichtum gönnen sollte. Und nach einer Dreiviertelstunde gingen ihm die vielen Menschen und das Gedränge auf den Geist. Zu Hause lag noch ein Roman, den er in La Molina angefangen und wegen der erfreulichen Störung durch Nachbarin Sara nicht mehr zu Ende gelesen hatte. Er war auf der vorletzten Seite, als sein Handy bimmelte.

„Hansen."

„Ich wollte dir nur einen guten Rat geben: Lass künftig die Finger von meiner Frau."

„Ach, du bist also Benno Frenzen, der geldgierige Faulpelz mit den dicken Eiern?"

„Arschloch."

„Gleichfalls."

Der Anruf beunruhigte ihn nicht wirklich, aber ärgerte ihn, und zugleich wunderte er sich ein wenig, dass Benno so hartnäckig war. Was wollte er mit solchen Drohungen und Warnungen erreichen? Das vorgeschriebene Trennungsjahr war bald vorbei; er konnte vielleicht noch widersprechen und die Frist auf drei Jahre verlängern. Aber dann? Außerdem – den Namen Hansen gab es im Tellheimer Telefonverzeichnis mehrmals, Benno musste also seine Anschrift oder seinen Vornamen kennen. Woher, von wem?

Die Schwiegereltern Maas kamen am Samstagnachmittag und benahmen sich, als gewährten sie ihm eine Audienz. Kein Wort darüber, wie es ihm ging. Aber sofort die Frage, ob er nach seinem Urlaub schon auf dem Grab gewesen sei, was er ehrlich bejahen konnte.

„Du hättest uns ruhig einmal eine Karte schreiben können, bemerkte Johanna spitz, und er verschluckte die passende Antwort: „Warum denn?

Sie begann danach, eifrig in den Schränken zu wühlen. Hansen sagte nichts dazu, sondern kochte Kaffee; wenn er ein Gespräch anfing, blieben sie nur noch länger. Aber Lothar fühlte sich bemüßigt, ein kleines Verhör in Form einer Unterhaltung einzuleiten: „Was macht der Job?"

„Welcher Job?"

„Ich denke, du arbeitest wieder."

„Nein."

„Und wovon lebst du?"

Das fand er so unverschämt, dass er Lothar anblaffte: „Ich bettele am Hauptbahnhof. Sein Schwiegervater verstummte gekränkt. Schwiegermutter Johanna kam in der Sekunde ins Wohnzimmer, vollbepackt mit Kleidern, Wäsche, Mänteln und Bett- und Tischwäsche. Unter „Erinnerungstücken hatte Hansen sich was anderes vorgestellt. Aber lohnte es sich, mit diesen beiden Verkniffenen zu diskutieren?

Sie hatte Hansens letzten Satz noch gehört und fragte lauernd: „Wieso? Hat die Versicherung noch nicht gezahlt?

Daher wehte also er Wind. Gunda hatte eine winzige Lebensversicherung besessen, er war als Begünstigter angegeben.

„Nein, ich habe mich noch nicht darum gekümmert."

Es war keine klassische Lebensversicherung, sondern eine kleine Sterbegeld-Versicherung, mit der eine bescheidene Beerdigung und vielleicht noch ein winziger Grabstein bezahlt werden konnten.

„Wieso? Brauchst du sie nicht?"

Er schaute sie gelassen an, gespannt darauf, ob sie den Mut aufbrachte fortzufahren: „Nein? Dann kannst du uns ja das Geld geben."

Aber das wagte sie nun doch nicht. Obwohl Lothar der Große mit Geld nicht umgehen konnte. Als Gunda und Hansen heirateten, war Lothar nicht einmal in der Lage, das bescheidene Hochzeitsessen zu bezahlen. Und die sogenannte Mitgift bestand aus einem Minimum an Wäsche und Geschirr, wie es sich jede alleinlebende Frau anschaffen musste.

Seinen Lottogewinn erwähnte Hansen aus gutem Grund mit keiner Silbe und auch nicht den durchsichtigen Morgenmantel im Spind des Salons „Helena"; Lothar und Johanna hatten ihm auch nicht glauben wollen, dass Gunda, als sie umgebracht wurde, schwanger war und das nicht von ihm; da konnte diese blöde Polizei behaupten, was sie wollte.

Er war froh, als seine Schwiegereltern endlich gingen. Das „Erinnerungsstück" füllte einen großen Koffer, den Lothar stöhnend und ächzend die Treppe hinunterschleppte. Die beiden würden an ihrem Geiz und ihrer Selbstgerechtigkeit noch einmal ersticken und Hansen hatte sich fest vorgenommen, nicht auf ihre Beerdigung zu gehen.

Vor der Tagesschau warf er noch seinen Computer an und rief die Mails auf. Die schönste stammte aus Maleja und sagte kurz: Ankunft kommender Montag Hauptbahnhof Tellheim 17.03 aus Stuttgart. Sara."

Eine Spedition in Cannstatt, an die er vor seinem Urlaub seine Bewerbungsunterlagen geschickt hatte, mailte ihm, er solle doch nach seinem Urlaub einen Termin mit der Personalabteilung vereinbaren.

Zwei Bekannte bedankten sich für die Urlaubsgrüße von der Insel. Er war also doch nicht von aller Welt vergessen.

Spät am Abend klingelte es und ein ein fremder Mann, dem Tonfall nach ein Berliner, stieg zu ihm in den dritten Stock hoch. „Guten Abend, Herr Hansen, sagte er höflich, „Entschuldigen sie bitte die Störung. „Hier- er deutete auf die Wohnungstür gegenüber - „wohnt doch Frau Carius?"

Was in ziemlich großen Buchstaben und sehr deutlich auf dem Schildchen unter dem Klingelknopf stand. Deswegen sagte Hansen nur mürrisch: „Ja, das sehen Sie doch."

„Wissen Sie zufällig, wo Frau Carius früher gewohnt hat? Weder die Frage noch der lauernde Blick gefielen Hansen, deswegen fauchte er den Fremden an: „Nein! Fragen Sie sie doch selber, soviel ich weiß, ist sie zu Hause.

„Ich habe schon bei ihr geklingelt und angerufen. Aber sie meldet sich nicht."

Hansen wusste, dass sie um diese Zeit zu einem Nebenjob aus dem Haus gegangen war, aber das würde er dem Ohrfeigengesicht nicht auf die krumme Nase binden. „Dann müsse Sie ein andermal wiederkommen. Und jetzt belästigen Sie mich nicht weiter."

Er warf die Tür ins Schloss, und der Fremde polterte die Treppe hinunter.

Sechstes Kapitel

AM MONTAG STAND ER pünktlich in der Bahnhofshalle. Ein Blumenstrauß wäre ihm zu unhandlich gewesen, also musste sich Sara mit einer einzelnen, roten Rose begnügen, die er mit viel Liebe ausgewählt und die eine freundliche Verkäuferin sehr sorgfältig eingewickelt hatte. Er war nicht der einzige Rosenkavalier, der mit Blumen bewaffnet eine Frau oder Freundin erwartete. Sie wurden von den Frauen wohlwollend und von den Männern eher neidisch betrachtet. Einige schoben danach ab und belagerten den Blumenkiosk neben dem Ausgang. Hansen überlegte lange, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern, wann er zum letzten Mal mit Blumen in der Hand auf die Ankunft eines Zuges gewartet hatte. Dann, mit der üblichen DB-Verspätung meldete der Lautsprecher, dass der Intercity aus Stuttgart auf Gleis vier einlaufe, sie kam als einer der ersten Fahrgäste in die Halle und zog ihren Hackenporsche hinter sich her, umarmte und küsste ihn.

„Schön, dich wiederzusehen, murmelte er und sie antwortete auch sehr leise: „Ich habe dich vermisst. Danke für die wunderschöne Rose.

Überall wurden Rosenkavaliere stürmisch umarmt, abgeknutscht und vor Freude angeknabbert. Sie gingen Hand in Hand nach draußen. Er zog ihren Rollenkoffer: „Wir müssen ein Taxi nehmen. Um diese Zeit findet man hier keinen Parkplatz und das berühmte neue Parkhaus platzt jetzt schon aus allen Nähten und Fugen."

Taxis warteten zum Glück in ausreichender Zahl, der Fahrer wuchtete ihren Rollenkoffer in den Kofferraum und freute sich, als er das Ziel hörte. Die Erlanger Straße lag in Fünfkirchen, einem Randviertel von Tellheim. Das würde um die vierzig Euro Fahrpreis ergeben, eine gute letzte Tour vor Dienstschluss oder ein guter Schichtbeginn.

Siebtes Kapitel

ELLEN KÖNIG HATTE MARTIN Hansen aufmerksam beobachtet, nicht wegen der einzelnen Rose, sondern weil sie ihn sofort wiedererkannt hatte, was bei ihm wohl nicht der Fall gewesen war. Er hatte sie nur flüchtig angeschaut und gleich den Kopf wieder abgewendet. Er wartete hier auf eine Frau. Also hatte er doch eine Freundin – auch schon gehabt, als seine Frau Gunda ermordet aufgefunden wurde? Der neue Chef der Abteilung Gewaltkriminalität hatte sie und ihre Chefin Lene Schelm mächtig heruntergeputzt, als sie von Hansen ablassen mussten und keinen neuen Verdächtigen präsentieren konnten. Es wurmte die Königin, ihre Chefin Lene Schelm und ihre beiden Kolleginnen Jule Springer und Sigrid Bauer immer noch. Statistisch wurden viele Frauenmorde von Ehemännern, Freunden oder Ex-Freunden begangen, waren also Beziehungstaten und deswegen hatten sie sich auf Hansen konzentriert und die Routine sträflich vernachlässigt.

DENN SO EIN BOMBENFESTES Alibi wie er es liefern konnte, hätten nur wenige Männer vorbringen können. Am späten Nachmittag war das vollbeladene Tankschiff Rebus bei Niedrigwasser aus dem Ruder gelaufen und gegen den Mittelpfeiler der Polzer Autobahnbrücke geprallt und in Brand geraten. Es gelang nicht, den Havaristen freizuschleppen oder das Feuer zu löschen, die Rebus brannte, am Brückenpfeiler wie angekettet, vollständig aus. Nun war die Polzer Brücke die wichtigste Straßenverbindung vom Ostufer zum Tellheimer Westufer, und als die Brücke wegen der Schäden noch am frühen Abend des 31. August gesperrt werden musste, fuhren ein Dutzend Lastzüge der Spedition Kammmacher &

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über 1339 Seiten Thriller Spannung - Krimi Ferien Sammelband denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen