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Werden und Sein: Wie Bodo Ossi wurde

Werden und Sein: Wie Bodo Ossi wurde

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Werden und Sein: Wie Bodo Ossi wurde

Länge:
472 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 22, 2018
ISBN:
9783740774912
Format:
Buch

Beschreibung

Erzählt wird von einer Berliner Familie in den turbulenten Zeiten des 20. Jahrhunderts, bis hin zu den Bedingungen, nach denen die Menschen durch die Teilung der Stadt in West- und Ostberlin, und zwei unterschiedlichen Währungen, miteinander lebten. Mit dem Bau der Mauer, im August 1961, werden die sich über die Jahre entwickelten Verhältnisse gegenseitiger Vorteilsnahme dann jäh unterbunden. Von nun an galten auch für alle Ostberliner die Regeln des real existierenden Sozialismus, denen sich, seit Gründung der DDR, alle außerhalb Ostberlins lebenden DDR-Bürger unterordnen mussten, wenn sie nicht vorher über die Berliner Sektorengrenzen den Weg in die Freiheit gewählt hatten.
Nach dem Fall der Mauer, im November 1989, beginnt für die Ostberliner dann ein schwieriger Integrationsprozess.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 22, 2018
ISBN:
9783740774912
Format:
Buch

Über den Autor

Der Autor ist Zeitzeuge dieses dramatischen Geschichtsabschnittes und hat demzufolge auch viel Autobiografisches in die Beschreibung der privaten und gesellschaftlichen Alltagsbläufe während der unterschiedlichen politischen Phasen in der deutschen Hauptstadt, Berlin, einfließen lassen.


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Buchvorschau

Werden und Sein - Friedrich Milbradt

gemacht.

Kapitel 1

Es war zur Zeit der kaiserlichen Mobilmachung 1914, als Hedwig nach über einem Jahr wieder das Haus betrat, in dem ihre Eltern wohnten.

Sie hatte sich damals in einen zehn Jahre älteren Österreicher verliebt und war von zu Hause fortgelaufen. Vielleicht war es wirklich nur wegen der Generalmobilmachung Österreich/Ungarns, dass ihr Partner mit der Begründung für Kaiser und Vaterland ins Feld ziehen zu müssen, überstürzt in seine Heimat zurückkehrte. Er ließ Hedwig hochschwanger zurück, die nun auf sich allein gestellt, kurz darauf von einer Tochter entbunden wurde.

Den Wochentag und die Uhrzeit hatte sie ganz bewusst gewählt, weil nur ihre Mutter zu Hause sein konnte. Ihr Vater und ihr Bruder arbeiteten beide bei der Bahn. Ihr Vater in leitender Stellung und Walter in der Ausbildung zum Lokomotivführer

In der 1. Etage des Vorderhauses verharrte sie mit klopfendem Herzen vor der Wohnungstür. Die 20-jährige starrte auf das protzige Holzbrett mit dem Namensschild Amelang.

Unwillkürlich presste sie ihre drei Wochen alte Tochter an sich und stellte die Reisetasche, die sie in der anderen Hand trug, ab. Dann betätigte sie den kunstvoll gearbeiteten Türklopfer und wartete.

Nach kurzer Zeit öffnete ihre Mutter die Tür und starrte ihre Tochter an, wie einen Geist. Sie wollte die Tür sofort wieder schließen, doch da hörte sie ein leises Babyweinen aus dem Wickeltuch, das ihre Tochter im Arm hielt.

»Auch das noch, du bringst nur Schande über die Familie. Was werden nur die Leute sagen?«

»Bitte, Mutter…«

»Na, gut, komm ’rein.«

Hedwig stellte die Reisetasche auf dem Korridor ab und legte das kleine Bündel auf das elterliche Ehebett. Ihre Mutter schlug das Tuch zur Seite und sah auf ein sehr kleines Baby mit dichten schwarzen Haaren, ihre Enkeltochter.

Hedwig hielt Abstand, ging dann in die Küche und legte dort ein Kuvert auf den Tisch.

»Ich habe sie schon ins Geburtenregister eintragen lassen.« sagte sie, als ihre Mutter hereinkam. »Sie heißt Herta.«

Mutter und Tochter standen sich wortlos gegenüber und weinten. Dann aber umarmten sie sich. Berta, Hedwigs Mutter, wollte nun Einzelheiten erfragen. Doch bevor sie dazu kam, verließ Hedwig, mit den Worten »Ich muss erst mal auf die Toilette.«, die Küche.

Nach einer Weile ging Berta ins Schlafzimmer. »Hedwig?« Hedwig war nicht da. Berta ging zur Toilettentür und klopfte. Keine Antwort. Sie öffnete die Tür, die Toilette war leer. »Hedwig, wo bist du?« Keine Antwort. Berta ging durch die ganze Wohnung und sah die Reisetasche, die Hedwig auf dem Korridor abgestellt hatte.

Dann kam der Schock… Hedwig war nur gekommen um ihre Tochter loszuwerden und war wieder gegangen.

Sie saß wie gelähmt am Küchentisch. Wie würden ihr Mann Arthur und ihr Sohn Walter reagieren? Mechanisch öffnete sie das Kuvert, dass auf dem Küchentisch lag und entnahm die Geburtsurkunde. Vater: unbekannt. Natürlich! Dann entdeckte sie den Brief, der noch in dem Kuvert war. Hedwig schilderte darin die Umstände ihres Tuns, bat ihre Eltern um Verzeihung und darum, Herta bei sich aufzunehmen.

Im Schlafzimmer fing Herta an zu weinen. Berta holte die Reisetasche. Wie sie vermutet hatte, war darin alles zur Erstversorgung für die Kleine. Der Entschluss von Berta stand nun fest, egal wie das Gespräch mit ihrem Mann heute Abend verlaufen würde. Sie würde ihr Enkelkind aufziehen und so geschah es auch. Herta wuchs bei ihren Großeltern auf.

Den Familienzuwachs nahm in der Nachbarschaft kaum jemand war. Es war in den gehobenen Bürgerhäusern zu der Zeit nicht üblich, sich um die Nachbarschaft zu kümmern. Es sei denn, die späte Geburt erregte hier und da zurückhaltendes Unverständnis, denn Berta und Arthur hatten die 40 schon weit überschritten.

Walter war für Herta der große Bruder und ihre Großeltern nannte sie Mama und Vater, weil Walter seine Eltern auch so ansprach. Sie wuchs wohlbehütet heran. Die berufliche Stellung von Arthur sicherte der Familie auch in den schweren Jahren nach dem Ende des I. Weltkrieges ein, für die damaligen Verhältnisse, gutes Leben.

Hedwig arbeitete als Verkäuferin in einem großen Fachgeschäft für Teppiche, Gardinen und Stoffe an der Leipziger Straße. Von ihrer kleinen Wohnung in der Poststraße, konnte sie das Geschäft bequem zu Fuß erreichen.

In regelmäßigen Abständen besuchte sie die evangelische Kirche im Wohnbereich ihrer Eltern. In einem verglasten Schaukasten neben dem Eingangsportal waren die Ereignisse der jeweils nächsten Tage angekündigt. Auf den ersehnten Namen ihrer Tochter und das Taufdatum, musste sie über ein Jahr warten, denn die kleine Herta war in den ersten Lebensmonaten sehr schwach und anfällig. Aber im September 1915 war es soweit. Hedwig wartete bis ihre Familie mit dem weißen Kissen die Kirche betreten hatte und sah der Taufe ihrer Tochter von der weit entfernten Kirchentür zu. Die Tränen waren stärker. Sie musste die Kirche verlassen, um nicht aufzufallen.

Ein Verhältnis, das sie mit dem erheblich älteren Geschäftsinhaber eingegangen war, sicherte Hedwig die Arbeitsstelle über das Kriegsende und die folgenden Krisenjahre hinaus.

Die vielen Briefe, in denen sie ihre Eltern bat, ihre Tochter sehen zu dürfen, wurden nicht beantwortet.

Inzwischen waren sechs Jahre vergangen. Herta würde in diesem Jahr eingeschult werden. Da fasste Hedwig den Entschluss, sich an ihren Bruder Walter zu wenden. Aber wie? Als Lok-Führer, zu der Zeit war er noch Anwärter, arbeitete Walter unregelmäßig, so wie der Fahreinsatzplan es vorgab. Sie wusste aber, wo der beste Freund von Walter wohnte. Dem gab sie ihre Adresse und einen Brief, mit der Bitte ihn Walter zu übergeben und alles vertraulich zu behandeln.

Die Wochen vergingen. Aber dann, an einem Sonntag, klingelte es und ihr Bruder Walter stand vor ihr. Es war eine merkwürdige Situation. Ihr kleiner Bruder war in der Zeit zum Mann geworden. Sie bat ihn herein und es dauerte eine ganze Zeit, bis sich die beiderseitige Beklemmung löste. Hedwig rannen die Tränen über die Wangen und Walter nahm ihre Hand. Das Eis war gebrochen.

Nach seinem Treffen und der Aussprache mit Hedwig, quälte Walter das Problem, wie er den Eltern den Vorschlag seiner Schwester nahebringen konnte. Eines Abends, nachdem Herta schon schlief, sagte er so ganz nebenbei: »Ich habe mit Hedwig gesprochen«, und sah seine Eltern dabei aufmerksam an. Keine Reaktion. Eisiges Schweigen,

»Ich habe Hedwig getroffen und wir haben uns unterhalten. Dabei hat sie mir einen Vorschlag unterbreitet, den ich euch mitteilen wollte.«

»Wir haben keine Tochter mehr.«

»Ach, und was ist Hedwig dann?«

»Was willst du? Ich habe versucht das alles zu vergessen und nun bringst du Unfrieden, wegen einer Frau, die ihr Kind im Stich gelassen hat.« Arthur war sehr erregt und zündete sich mit zitternden Händen seine Pfeife an.

»Und warum nennst du deine Tochter nicht beim Namen? Nur weil sie in ihrer Not einen Fehler gemacht hat?«

Berta hatte bis jetzt reglos vor sich hin gestarrt, aber nun quoll es aus ihr heraus.

»Jetzt, wo Herta aus dem gröbsten ´raus ist, kommt die gnädige Frau und erhebt Anspruch auf ihr Kind. Nie und nimmer.«

»Aber sie will doch Herta gar nicht aus ihrem jetzigen Leben herausreißen, sie will doch nur Kontakt zu ihrer Familie und ihrem Kind.«, rief Walter und musterte seine Eltern wieder aufmerksam, aber er konnte aus ihrer Körpersprache nur Ablehnung erkennen.

Arthur klopfte seine Pfeife aus. »Ich möchte jetzt nichts mehr davon hören.«

»…und ich auch nicht.« stimmte ihm Berta bei, legte das Nähzeug aus der Hand und verließ das Zimmer. Arthur folgte ihr. Walter blieb allein zurück und hatte das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben.

Es war vielleicht eine Woche vergangen, als Berta ihren Sohn unvermittelt fragte: »Was hat sie denn gesagt?«

»Wer?«

»Na, deine Schwester und wie habt ihr euch denn getroffen?«

Walter erzählte seiner Mutter wie das Treffen mit Hedwig zustande gekommen war.

»Und, wie wohnt sie so?«

Walter merkte, dass seine Mutter einen Weg suchte, um die verfahrene Situation zu retten. Er berichtete wo Hedwig wohnte und wo sie angestellt war.

»Wie denkt sie sich denn das mit Herta, habt ihr darüber auch gesprochen?«

»Ja, das war doch die Hauptsache. Hedwig meint, vielleicht könnte sie als entfernte Verwandte zu Hertas Einschulung eingeladen werden.«

»Was? Wie soll das denn gehen?«

»Weiß ich auch nicht….«

»Ich weiß auch nicht, wie dein Vater darauf reagiert, aber ich werde nachher, wenn er von der Arbeit kommt, mit ihm darüber reden. Du musst ja jetzt zum Dienst.«

»Ja, und ich hoffe, dass es einen Weg gibt, der die Familie wieder zusammenführt.« Walter gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange und verließ die Wohnung.

Der Tag war gekommen. Herta wurde eingeschult. Stolz trug sie ihre Schultüte und wurde von den anderen Mädchen, die keine oder nur eine kleine Schultüte hatten, mit neidischen Blicken bedacht. Neben ihren Eltern und ihrem Bruder Walter, war noch eine Frau gekommen, die ihr als Tante Hedwig vorgestellt wurde. Herta war viel zu aufgeregt, sich darüber zu wundern, dass diese Frau sie zur Begrüßung ganz fest an sich drückte und sie küsste.

In den folgenden Jahren, kam Tante Hedwig regelmäßig zu den Geburtstagen, an den Feiertagen und ab an auch am Sonntag zu Besuch. Für Herta war das immer spannend, weil Tante Hedwig ihr immer etwas ganz Besonderes mitbrachte.

Nach der Einsegnung und Beendigung der Volksschule, begann Herta eine Lehre als Kontoristin.

Die Lehrstelle hatte ihr Hedwig besorgt, die in dem zum Kleinkaufhaus angewachsenen Geschäft an der Leipziger Straße, in leitender Stellung tätig war. Während dieser Zeit, in der sie sich häufig begegneten, baute sich ein festes Vertrauensverhältnis auf.

Kapitel 2

Gegen Ende ihrer Lehrzeit wird Herta von dem Handelsvertreter Rudolf Riemer umworben. Einige Monate später ist sie schwanger. Da sie die Moralvorstellungen ihrer Eltern kennt, wendet sie sich in ihrer Not an Hedwig.

»Hast du denn Rudolf schon gesagt, dass du schwanger bist?«

»Nein, er ist ja viel unterwegs und es ist mir peinlich und ich habe Angst, wie ich es den Eltern sagen soll.«

»Herta, Rudolf muss es schnellstens erfahren. Ihr müsst heiraten.«

»WAS…??? Was sollen denn die Eltern dazu sagen?«

»Ich habe doch eben gesagt, was du tun sollst.«

»Du, ja, aber Mama und Vater…?«

»Vertraue mir, rede mit Rudolf und zwar schnell.«

In der Woche darauf, trafen sie sich wieder.

»Ich habe mit Rudolf gesprochen. Er freut sich auf das Baby und wird alles für die Hochzeit vorbereiten, aber dazu brauche ich einen Ahnenpass.«

»Ahnenpass, warum das denn?«

»Das habe ich auch gefragt. Rudolf sagt, ohne Ahnenpass würde seine Dienststelle einer Eheschließung nicht zustimmen.«

»Ich denke Rudolf ist Handelsvertreter? Wozu braucht er denn da eine Zustimmung zum heiraten?«

»Er hat gesagt, ich solle ihm vertrauen, dann würde alles gut werden.«

»Na gut, das ist ja alles ziemlich merkwürdig, aber er scheint es ja ehrlich zu meinen. Ich glaube, Walter hat sich einen Ahnenpass besorgt. Er wollte sicher sein, dass unsere Familie reinrassigen Ursprungs ist.«

»Dann werde ich mit Walter reden, vielleicht kann man eine Kopie beantragen, denn da sind ja alle Familienangehörigen aufgeführt, bis zu mir und du stehst bestimmt auch drin.«

Hedwig zögerte, aber dann nahm sie die Hand von Herta und fuhr ihr mit der anderen zärtlich über die Bubikopf-Frisur.

»Herta ich muss dir jetzt etwas sagen, was dein Lebensbild verändern wird…«, sie zögerte wieder.

»Was ist denn so wichtig?«

»Mein Kind«, sie machte eine Pause, »ich bin deine Mutter und Mama und Vater, sind meine Eltern und deine Großeltern…«, so jetzt war es raus und nicht mehr zu ändern.

Während Hedwig ein Gefühl von Erleichterung und Stolz empfand, war Herta völlig verwirrt. Sie versuchte alles zu verstehen, aber es gelang ihr nicht. Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Großeltern?...Mama und Vater?... dann ist Walter ja auch nicht mein Bruder...was ist er denn dann?«

»Walter ist mein Bruder und dein Onkel.«, versuchte Hedwig mit tränenerstickter Stimme zu erklären.

Ihre Erleichterung wandelte sich in Mitleid und Sorge, als sie sah, wie Herta versuchte, das eben gehörte zu verarbeiten. Darum rief sie ihre Mutter an und teilte ihr mit, dass Herta heute bei ihr übernachten würde.

Für Berta war das nicht ungewöhnlich, denn das war in der letzten Zeit schon des Öfteren vorgekommen.

Das Gespräch zwischen Mutter und Tochter dauerte bis spät in die Nacht.

Walter war mit seiner Jugendliebe Käthe Brandt verheiratet. Sie wohnten jetzt mit ihrem fünfjährigen Sohn Kurt, im Seitenflügel eines großen Miethauses in der Warschauer Straße.

Hedwig hatte Walter über ihr Gespräch mit Herta informiert und er war ebenso erleichtert darüber, dass die Heimlichkeiten nunmehr ausgeräumt werden konnten. Walter kümmerte sich auch um eine Kopie vom Ahnenpass der Familie. Weil in der Geburtsurkunde von Herta Vater: unbekannt stand, musste Hedwig nun an Eides statt erklären, wie der Vater hieß und dass er Österreicher war.

Der Hochzeit stand nun, bis auf ein Problem, nichts mehr im Wege. Berta und Arthur waren über die Sachlage noch nicht informiert worden. Bis jetzt hatte man diese Unannehmlichkeit vor sich her geschoben, weil alle ahnten oder wussten, dass ein Eklat drohte.

Doch es kam anders. Am Sonntag nach Neujahr 1932 gingen Berta und Arthur im Park spazieren. Berta erzählte den neuesten Klatsch aus der Nachbarschaft. Plötzlich bemerkte sie, dass Arthur nicht mehr neben ihr war. Sie drehte sich um und sah Arthur auf dem Weg liegen. Andere Passanten kümmerten sich schon um ihn und wollten ihm helfen.

Noch bevor Berta dort angekommen war, schrie eine Frau auf. Arthur war tot.

Nach der Beisetzung hatte Walter in seiner Nähe eine kleinere Wohnung für Berta besorgt. Die Berta zustehende Witwenpension reichte nicht mehr für die Wohnungsmiete, zumal die Wohnung ohnehin zu groß war. Aber ehe noch darüber befunden werden musste, welches Mobiliar für den Umzug in die engere Wahl kam, erkrankte Berta schwer und verstarb kurz darauf.

Die standesamtliche Trauung von Herta fand in engstem Kreis statt. Rudolf und sein Freund Alfred, der auch einer der Trauzeugen war, trugen SA-Uniform.

Daran nahm niemand Anstoß und Walter nahm das sogar wohlwollend zur Kenntnis, denn er war schon seit einigen Jahren Mitglied der NSDAP.

Für die kleine Feier war in der Nähe des Standesamtes in einem Restaurant ein Tisch reserviert worden.

»Sag’ mal Rudolf, warum ist denn deine Familie nicht hier?«, fragte Hedwig.

Rudolf zögerte, dann spannte sich sein Körper und er sah in die Runde.

»Irgendwann werdet es ja doch erfahren. Meine ganze Familie gehört diesem roten Gesockse an, der SPD und ein Onkel ist sogar Funktionär in der KPD. Das ist beschämend. Ich aber habe mich der Bewegung des Führers angeschlossen, weil nur er uns wieder zu alter Größe führen kann.«

Walter nickte zustimmend und fragte: »Bist du denn nicht in diesem bolschewistischen Geist erzogen worden?«

»Ja, aber dann habe ich mit Alfred an einer Kundgebung der NSDAP teilgenommen um zu stören. Je länger wir der Rede des Führers zuhörten, umso klarer wurde uns aber, dass wir uns auf einem Irrweg befanden. Wir haben dann den Kontakt gesucht und sind der Partei und später der SA beigetreten.«

»Das habt ihr richtig gemacht.«

»Jawohl Walter und ich freue mich, jetzt in einer Familie zu leben, die dem Zeitgeist entspricht.«

Rudolf stand auf und erhob sein Glas.

»Ich weihe mein ungeborenes Kind dem Führer und bin froh, dass es im Geist des Nationalsozialismus aufwachsen wird. Heil Hitler!«

»Heil Hitler!« , toastete die Runde zurück.

Von den anderen Tischen aus, beobachteten die Gäste die Zeremonie mit einer Mischung aus zustimmender Aufmerksamkeit und peinlicher Zurückhaltung.

Herta wohnte mit Rudolf in Lichtenberg, in einer Zwei-Zimmerwohnung Was Rudolf tatsächlich beruflich machte, wusste Herta nicht und interessierte sie auch nicht. Sie hatte ihre Stellung aufgegeben und war nun Hausfrau.

Ende August 1932 wurde dann ihre Tochter Ursula geboren. Sie erzog die Kleine fast alleine, denn durch seine Vertretertätigkeit war Rudolf nur unregelmäßig zu Hause.

Doch unbeschadet von all dem, führten sie eine harmonische und glückliche Ehe.

Kurz nach dem dritten Geburtstag von Ursula kam Rudolf eines Tages ganz aufgeregt nach Hause und teilte Herta mit, dass er endlich als Freiwilliger in eine Spezialeinheit der Deutschen Wehrmacht aufgenommen worden ist und ihn das mit Stolz und Freude erfüllt.

»Alfred auch?«, fragte Herta.

»Nein, Alfred übernimmt wichtige Aufgaben in der Heimat.« Herta wunderte sich über den Begriff „Heimat" und wollte nachfragen, aber dann wurde sie durch Ursula abgelenkt.

Weihnachten 1935 hatte Rudolf Urlaub und Heiligabend traf sich die Familie. Als die kleine Feier vorbei war, sagte Herta zu Rudolf: »Ich habe noch ein Geschenk für dich!«

»Ja? Was denn?«

»Ich glaube, wir kriegen ein Baby.«

Rudolf nahm sie in den Arm und küsste sie.

»Vielleicht wird es diesmal ein Junge, gib dir etwas Mühe.«, sagte er scherzhaft.

Der Sommer kam und der Geburtstermin rückte immer näher.

»Vielleicht wird es ein Olympiakind, dann bekommen wir eine Ehrenurkunde vom Führer«, sagte Rudolf, als Herta in den Wehen lag.

Das war am 01. August 1936, einem Sonnabend, der Tag an dem die XI. Olympischen Sommerspiele eröffnet wurden. In der Geburtsurkunde stand als Geburtszeit 1:18 Uhr am 02. August 1936.

Ihr Sohn, der den Namen Bodo bekam, war kein Olympiakind geworden, dafür aber ein Sonntagskind und dem Volksglauben nach, sollte das Glück bringen.

Zum Weihnachtsfest 1936 war die Familie wieder zusammen. Nebenbei erzählte Rudolf von einem Auftrag des Führers, zu dem er in vier Wochen

abkommandiert werden würde. Die erstaunten Fragen dazu, beantwortete er nicht. »Strengste Geheimhaltung!«, wie er sich ausdrückte.

Mitte Januar war sein Urlaub beendet.

»Wann kommst du denn wieder?«, fragte Herta, als sie seine Sachen zusammenpackte.

»Ach, das dauert nicht lange.«

»Trotzdem wirst du mir schreiben und wehe nicht.«, sagte sie lächelnd.

»Papa, mir musst du aber auch schreiben.«, sagte Ursula, als sich Rudolf von ihr mit einem Kuss verabschiedete.

»Aber selbstverständlich, mein Mädel.«

Er nahm seinen Sohn auf den Arm, umarmte Herta und drückte sie fest an sich. Ursula hielt sein Bein umklammert. Dann verließ Rudolf die Wohnung.

Anfang Februar bekam Herta Post, aber nicht von Rudolf, wie sie gehofft hatte, sondern vom Reichsluftfahrtministerium. Darin wurde der „Volksgenossin Riemer", im Auftrag des Oberbefehlshabers der Luftwaffe, Hermann Göring, mitgeteilt, dass Oberfeldwebel Rudolf Riemer, in treuer Pflichterfüllung für Führer, Volk und Vaterland, auf dem Feld der Ehre gefallen und auch dort bestattet ist. Unterzeichnet war der Brief vom Stabschef der Legion Condor, Wolfram v. Richthofen. Dem Brief waren noch Hinweise zur Antragstellung für die Hinterbliebenenversorgung beigefügt.

Herta hielt das Schreiben in der Hand und las den Inhalt zum wiederholten Male, ohne zu verstehen, was er bedeute.

Im Nebenzimmer fing Bodo an zu weinen. Mechanisch versorgte sie ihn. Was war mit Rudolf? Das muss ein Irrtum sein.

»Mutti, was ist denn?«, fragte Ursula, als sie sah, wie ihrer Mutter die Tränen über das Gesicht liefen. Herta antwortete nicht, sondern nahm sie nur in den Arm und weinte weiter. Nun fing auch Ursula an zu weinen, nur Bodo krähte satt und vergnügt aus seinem Bettchen.

Es klingelte an der Wohnungstür. Es war Alfred. Die Sekunden, die sie wortlos voreinander standen, kamen Herta wie Minuten vor. Alfred kam herein, schloss die Tür und nahm sie in den Arm. Dann sagte er ihr leise ins Ohr: »Ich weiß…ich habe es eben im Amt erfahren. Ich werde mich um dich kümmern, Rudolf hat mir das Versprechen abgenommen. Du kannst also auf mich zählen.«

Er legte seine schwarze SS-Mütze auf der Garderobe ab und ging mit Herta ins Wohnzimmer.

Die deutsche Wehrmacht hatte Polen überfallen.

Bodo hatte seinen dritten Geburtstag hinter sich und Ursula war in die 2. Klasse versetzt worden.

Onkel Alfred, wie ihn die Kinder nannten, war jetzt Obersturmführer. Das erzählte er an einem Sonntag am Kaffeetisch und ergänzte: »Endlich bin ich einer Kampfeinheit zugeordnet worden und rücke übermorgen aus. Wir sehen uns also für ein Weilchen nicht. Ihr seid artig und hört darauf, was eure Mutter sagt. Das versprecht ihr mir jetzt.« Die Kinder nickten.

»Lauter!«, rief Alfred und die beiden schrien lachend «Jaaa…!«

Wenn Post von Alfred kam, las Herta den Kindern manchmal einige Passagen daraus vor.

Dann kam keine Post mehr, nie mehr. Herta hatte eine Pappschachtel, in der sie die persönlichen Sachen von Rudolf, auch die, die man ihr zuletzt zugeschickt hatte, aufbewahrte. Sie legte die Briefe von Alfred und den Ahnenpass dazu, verschloss die Schachtel mit einer Schnur und stellte sie unten in den Schrank.

Kapitel 3

In den Monaten nach der Pogromnacht vom 9. November 1938, hatte sich die Beziehung zwischen Herrmann Marschner, dem Chef des Kaufhauses, und Hedwig mmer mehr gelockert. Eines Abends kam es aber zu einer Aussprache.

»Was gibt es denn so Wichtiges, das du mich zu dieser Zeit aufsuchst? Ist deine Frau dahinter gekommen, Herrmann?«

»Die Situation ist viel zu ernst, als dass Ironie angebracht wäre«, entgegnete er. »Auf Grund der Ereignisse werde ich das Kaufhaus verkaufen und in die USA zu gehen. Du weißt ja, Gerti hat da …«

»…aber das ist doch kein Grund alles zu verkaufen und das Weite zu suchen.«, unterbrach in Hedwig.

»Lass’ mich bitte ausreden. Sie hat nicht nur deutsche, sondern auch jüdische Wurzeln. Verstehst du nun?«

»Ach, das wusste ich ja gar nicht.«

Dann herrschte eine Weile betretenes Schweigen. Hedwig nestelte nervös an ihrem Taschentuch und Herrmann zündete sich eine Zigarre an.

»Hast du denn schon einen Käufer?«

»Ja, schon seit einiger Zeit. Einen großen Kaufhauskonzern. Ich hoffe, dass das Geschäft reibungslos abläuft. Die Anwälte sind ja optimistisch. Gerti ist gestern nach Schweden abgereist, das ist unauffällig, weil wir jedes Jahr dort ihre Verwandten besucht haben. Ich hole sie dann ab, sobald hier alles geklärt ist.«

»Und wann reist du ab?«

»Wenn alles gut geht, bin ich Pfingsten schon in Schweden.«

»Und die Villa?«

»Die habe ich schon vor einiger Zeit meinem Neffen, Adalbert, überschrieben… «, er streifte die Asche von seiner Zigarre ab, »… und noch etwas. Im Kaufvertrag ist vereinbart, dass du als Direktrice übernommen wirst.«

»Als Direktrice? Herrmann wirklich?«

»Das ist doch das Mindeste, was ich für dich tun konnte.«

Herrmann verließ die Wohnung von Hedwig erst am nächsten Morgen.

Hedwig informierte ihre Tochter telefonisch kurz über die Neuigkeiten und sie verabredeten, dass Herta am Wochenende mit den Kindern zum Kaffee zu ihr kommt.

Kurz nach diesem Telefonat brachte Bodo seiner Mutter einen Brief, der durch den Briefschlitz der Wohnungstür gesteckt worden war. Diesmal war es ein Schreiben vom Oberkommando der Wehrmacht, in der Herta mitgeteilt wurde, dass der Führer, Adolf Hitler, zur Erinnerung an die heldenhaften Leistungen bei der Niederwerfung des Bolschewismus im spanischen Freiheitskampf ein Ehrenkreuz für Hinterbliebene deutscher Spanienkämpfer gestiftet hat. Über die Modalitäten für die Antragstellung, sollte sie sich an die im Schreiben genannte Adresse wenden.

Wunden, die langsam vernarbten, brachen plötzlich wieder auf. Was sollte sie mit einem Ehrenkreuz?

Sie nahm sich vor, Hedwig am Wochenende um Rat zu fragen und legte das Schreiben in die Kennkarte, die man neuerdings immer bei sich tragen musste, denn sie beinhaltete Angaben zur Person und neben einem Passbild auch die Abdrücke beider Zeigefinger.

Am Sonntagnachmittag fuhren sie bis zum U-Bahnhof Klosterstraße. Von da waren es keine zehn Minuten Fußweg bis zur Poststraße, wo Hedwig schon seit Jahren wohnte.

Auf der Straße dorthin standen einige LKW und darum herum, herrschte Menschengewirr mit weinenden Frauen und Kindern und Gebrüll von Männern in SA-Uniform, die mit Gummiknüppeln herumfuchtelten. Herta wollte mit den Kindern schnell an dem Auflauf vorbei, als sie von einem sehr korpulenten SA-Mann angerempelt wurde. Durch den Stoß kam Bodo zu Fall.

»Passen Sie doch auf, wo Sie hinlaufen.«, schimpfte Herta ihn an und hob den weinenden Bodo hoch.

Der Mann in der braunen Uniform blieb ruckartig stehen und musterte die Gruppe. Herta hatte fast schwarze Haare und dunkelbraune Augen und Bodo kam im Aussehen, anders als Ursula, nach seiner Mutter.

»Was willst du…du Zigeunerschickse mit deinen Bastarden? Du kannst gleich mit auf den Wagen.«, brüllte er.

Herta war derart erschrocken, dass sie kein Wort herausbrachte. Doch dann kam ihr das Wissen aus ihrer Zeit mit Rudolf zu Hilfe. Sie sah an den Kragenspiegeln, dass sie einen Rottenführer vor sich hatte.

»Ich werde mich bei Ihrem Sturmführer beschweren, Rottenführer! Holen Sie ihn bitte her!«, sagte sie in scharfem Ton.

»Nun mal langsam, erst zeigen Sie mir mal Ihre Kennkarte.«

Herta holte die Kennkarte aus ihrer Handtasche und gab sie dem SA-Mann. Dann umfasste sie schützend ihre ängstlichen Kinder.

Der SA-Mann klappte die Kennkarte auf, in der das zusammengefaltete Schreiben vom Oberkommando der Wehrmacht lag, er machte es auf, las und wurde blass, verglich noch auf Namensgleichheit und ohne weiter den Inhalt der Kennkarte zu prüfen, nahm er Haltung an und entschuldigte sich bei Herta.

»Das konnte ich ja nicht ahnen, Volksgenossin. Wir haben hier einen Befehl auszuführen. Wenn Sie darauf bestehen, dass ich den Sturmführer herhole, dann werde ich das tun, Ich bitte Sie aber, davon abzusehen.«

Herta nickte und nahm ihre Papiere zurück und verstaute sie wieder in ihrer Handtasche.

Als sie aufblickte, stand der SA-Mann mit erhobenem Arm vor ihr und grüßte »Heil Hitler!«

»Heil Hitler«, grüßten Herta und auch die Kinder mit erhobenen Armen zurück.

Der Rottenführer entfernte sich und die drei gingen weiter. Als sie das Haus von Hedwig erreicht hatten, stürmten die Kinder voraus. Hedwig hatte sie kommen sehen und stand schon mit ausgebreiteten Armen an der geöffneten Wohnungstür um Ursula aufzufangen.

»Mutsch, weißt du, was uns eben passiert ist…«

»Langsam, langsam meine Kleine, erst gibst du mir ein Küsschen und du mir auch.«, sagte sie zu Bodo, der auch ganz aufgeregt angerannt kam. Die Kinder nannten ihre Großmutter Mutsch, weil Hedwig noch nicht Oma sein wollte und von Herta wurde sie mit Hete angesprochen. Erst viel später wurden den Kindern die familiären Zusammenhänge klar.

Als Herta die Wohnung betrat, schlug ihr ein angenehmer Geruch von Kaffee, Kakao und frischgebackenem Kuchen entgegen.

»Was war denn los?«, fragte Hedwig. Noch beim Ablegen der Mäntel begann Herta über das eben Erlebte zu berichten und auch als sie schon am Kaffeetisch saßen, wurde Herta von den Kindern immer wieder auf Details hingewiesen, die ihr unwichtig erschienen.

»Mutsch, dürfen wir uns die Bilderbücher ansehen?«, fragte Ursula.

»Aber ja doch, ihr wisst ja, wo alles liegt.«

Als die Kinder ins andere Zimmer gegangen waren, kam Herta direkt auf ihr Anliegen zu sprechen.

»Hete, ich kann die Wohnung von Rudolfs Rente nicht mehr lange halten. Ich muss mir eine Arbeit suchen und eine Aufsicht für die Kinder finden.«

»Da kommt ja einiges auf uns zu.«, erwiderte Hedwig und berichtete über ihre letzte Zusammenkunft mit Herrmann Marschner.

»Wir stehen jetzt beide vor neuen Situationen und sind alleine auf uns gestellt. Wollen wir nicht zusammenziehen?«

Herta war froh, dass sie nicht den Vorschlag machen musste, denn insgeheim hatte sie auch schon an eine solche Lösung gedacht. In dem nun folgenden Gespräch über Planung und Termine, vergaß Herta vollkommen den Antrag für das Ehrenkreuz und so blieb es auch.

Der Umzug von Hedwig nach Lichtenberg, wurde gefeiert.

Walter, Käthe und Kurt waren gekommen und die Eltern von Käthe, Oskar und Erna Brandt. Man hatte sich lange nicht gesehen, denn Brandt’s wohnten in einer Arbeitersiedlung in Eichwalde.

Sie bestaunten die Wohnung. Zentralheizung, Warmwasser, Balkon.

»Sind denn hier noch Wohnungen frei?«, fragte Oskar.

»Wieso, wollt ihr nach Berlin ziehen?«

»Das ist natürlich ein Traum. Ich muss ja immer zur AEG bis Treptow, da wäre es von hier aus schon bequemer.«

»Das können wir uns doch gar nicht leisten, Oskar.«, warf Erna ein.

»Ich kann mich ja ’mal erkundigen, hier in der Umgebung wurde viel gebaut aber ich glaube Zentralheizung gibt es nicht überall, denn wir haben hier ein Heizhaus auf dem Hof.«

»Herta, das wäre aber sehr nett von dir, ob nun mit oder ohne Zentralheizung.«

Während der Unterhaltung der Erwachsenen, waren die Kinder im Nebenzimmer.

Kurt war Fähnleinführer beim Jungvolk gewesen und vor kurzem in die Hitlerjugend übernommen worden. Stolz war er in der neuen Uniform gekommen. Braunes Hemd, Schulterriemen, schwarzes Dreiecktuch mit Lederknoten um den Hals, die Schulterkordel, die seinen Rang bezeichnete und am Ledergürtel einen Dolch in einer Metallscheide, das Fahrtenmesser.

Gespannt hörten Ursula und Bodo zu, was Kurt über die Hitlerjugend berichtete. Es ging um Heldentum und Kriegserfolge der Wehrmacht, die einzig dem Führer zu verdanken waren. Bodo fragte Kurt, ob die roten Hakenkreuzfahnen, die überall aus den Fenstern hingen, wie die von ihrem Balkon, für den Führer waren, zu dem man »Heil Hitler« sagte und dabei den Arm hoch ausstreckte.

Kapitel 4

Zu den Familien der früheren Kameraden von Rudolf und Alfred pflegte Herta immer noch lockeren Kontakt. Die Kameradschaft hielten die Mitglieder von SA und SS für eine ihrer herausragenden Tugenden. Sie wusste das und machte sich diesen Umstand zunutze. Sie rief einen dieser Bekannten an und erklärte ihm ihr Problem. Für die Betreuung der Kinder brauchte sie für Oskar und Erna eine Wohnung in der Nähe und bat um Unterstützung.

Nach einigen Tagen klingelte das Telefon. Bodo flitzte wie immer als erster auf den Korridor, wo das Telefon auf der Flurgarderobe neben einem Parfümflakon stand. Beide Dinge fand er aufregend. Den Flakon, weil er noch nicht heraus bekommen hatte, woher Mutsch und seine Mutter wussten, dass er wieder einmal den Gummiball gedrückt hatte, um zu sehen wie aus der Düse eine Parfümwolke spritzt und das Telefon, weil unter der Wählscheibe eine Vorrichtung angebracht war, in die zwei 10-Pfennig-Stücke gelegt wurden wenn man anrufen wollte. Meldete sich der Angerufene, dann mussten zwei glänzende Metallstäbe gegeneinander geschoben werden, es machte klick-klack und die Münzen waren verschwunden.

Nach dem zweiten Klingeln kam Herta aus der Küche und musste lächeln, als sie Bodo vor dem Telefon stehen sah. Sie nahm den Hörer von der Gabel und meldete sich: »Riemer.«

»Herta Riemer persönlich?«

»Ja.«

»Volksgenossin, ich rufe vom Wohnungsamt an und bin beauftragt Ihnen mitzuteilen, dass in Kürze eine Wohnung in der Metastraße, ganz in Ihrer Nähe, geräumt werden wird. Bitte geben Sie mir die Anschrift der Leute durch, die dort einziehen sollen, damit ich sie benachrichtigen kann.«

»Das ist ja Prima. Einen Moment

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