Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Arztroman Sammelband 3 Romane: Nur ein Wunder kann noch helfen und andere Romane
Arztroman Sammelband 3 Romane: Nur ein Wunder kann noch helfen und andere Romane
Arztroman Sammelband 3 Romane: Nur ein Wunder kann noch helfen und andere Romane
eBook402 Seiten4 Stunden

Arztroman Sammelband 3 Romane: Nur ein Wunder kann noch helfen und andere Romane

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Arztroman Sammelband 3 Romane: Nur ein Wunder kann noch helfen und andere Romane

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Anna Martach: Nur ein Wunder kann noch helfen

Anna Martach: Zwei Herzen auf dem Irrweg

Glenn Stirling: Mein Leben in deiner Hand

Edith Fahrenholz fühlt sich von ihrem Mann, einem angesehenen und um einiges älteren Rechtsanwalt, vernachlässigt und lässt sich auf eine Affäre mit dem Chirurgen Dr. Martin Münzinger ein, mit dem sie vor ihrer Ehe einmal zusammen gewesen war. Als sie beschließt, sich scheiden zu lassen und wieder als Schauspielerin zu arbeiten, gibt ihr Martin den Laufpass. Zwar erhält sie durch ihren früheren Theaterregisseur Markus Lupius eine kleine Rolle beim Fernsehen, doch glücklich ist sie nicht. Schließlich kommen ihr Mann Holger und sie sich wieder näher – doch dann schlägt das Schicksal mit ganzer Härte zu ...

SpracheDeutsch
HerausgeberBEKKERpublishing
Erscheinungsdatum25. Nov. 2019
ISBN9781386258667
Arztroman Sammelband 3 Romane: Nur ein Wunder kann noch helfen und andere Romane
Vorschau lesen

Mehr von Anna Martach lesen

Ähnlich wie Arztroman Sammelband 3 Romane

Rezensionen für Arztroman Sammelband 3 Romane

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Arztroman Sammelband 3 Romane - Anna Martach

    Arztroman Sammelband 3 Romane: Nur ein Wunder kann noch helfen und andere Romane

    Dieses Buch enthält folgende Romane:

    ANNA MARTACH: NUR EIN Wunder kann noch helfen

    Anna Martach: Zwei Herzen auf dem Irrweg

    Glenn Stirling: Mein Leben in deiner Hand

    EDITH FAHRENHOLZ FÜHLT sich von ihrem Mann, einem angesehenen und um einiges älteren Rechtsanwalt, vernachlässigt und lässt sich auf eine Affäre mit dem Chirurgen Dr. Martin Münzinger ein, mit dem sie vor ihrer Ehe einmal zusammen gewesen war. Als sie beschließt, sich scheiden zu lassen und wieder als Schauspielerin zu arbeiten, gibt ihr Martin den Laufpass. Zwar erhält sie durch ihren früheren Theaterregisseur Markus Lupius eine kleine Rolle beim Fernsehen, doch glücklich ist sie nicht. Schließlich kommen ihr Mann Holger und sie sich wieder näher – doch dann schlägt das Schicksal mit ganzer Härte zu ...

    Nur ein Wunder kann noch helfen

    Dr. Daniel Ingold

    von Anna Martach

    Der Umfang dieses Buchs entspricht 103 Taschenbuchseiten.

    Was tun, wenn das Schicksal erbarmungslos zuschlägt? Die kleine Toni ist schwer krank. Und nicht nur das, noch eine weitere schwierige Patientin beschäftigt den sympathischen Alpendoktor Daniel Ingold. Ausgerechnet jetzt schlägt ein angeblicher Wunderheiler seine Zelte in Hindelfingen auf ...

    Copyright

    Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

    © by Author

    © dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

    www.AlfredBekker.de

    postmaster@alfredbekker.de

    1

    „Du lieber Himmel, Madl, hock dich her. Schaust ja aus, als wolltest gleich in den nächsten Gully fallen. Ist schon recht, dass du hierher gekommen bist, da wird der Herr Doktor was tun, auch wenn’s ein bisserl länger dauern wird, bis sich das bei dir zeigt." Hermine Walther, die überaus kompetente und stets freundliche erste Sprechstundenhilfe bei Doktor Daniel Ingold, schaute das Madl mitleidig an, was gerade die Praxis betreten hatte. Durchscheinend blass und außerordentlich dünn – nein, wirklich nicht mehr schlank, sondern dünn, war die Marietheres Rüscher. Eigentlich könnte man sie als richtig fesches Madl bezeichnen, wenn sie denn auch eine anständige Figur gehabt hätte. Die konnte doch nur schwer krank sein, so dachte Minchen mitleidig.

    Auch die junge Maria Schwetzinger blickte voller Mitgefühl auf die Marietheres.

    „Wir schaun mal, dass wir dich rasch noch dazwischen schieben. Geht’s dir denn arg schlecht?"

    Etwas verständnislos schaute die Marietheres auf die beiden besorgten Frauen. „Mir geht’s eigentlich recht gut, was habt’s ihr denn nur? Ich will doch nur zum Herrn Doktor, weil ich was brauch’, wegen meinem Gewicht, mein` ich."

    Minchen, die gute Seele, nickte verständnisvoll. „Ja, da tät’s wirklich was brauchen. Am besten fünf dicke Mahlzeiten am Tag. Schaust ja aus, als könnt` man dir das Vaterunser durch die Rippen pusten. Hat denn deine Mutter das Kochen verlernt? Oder hast Liebeskummer? Aber net einmal damit wird man so dünn. Die ältere Frau schüttelte den Kopf. „Hättest längst schon mal her kommen sollen, wieviel Kilo hast denn schon verloren? Da steckt doch bestimmt was hinter, was der Herr Doktor herausfinden kann.

    „Ich hab erst vierzehn Kilo verloren", erklärte das Madl.

    Maria schnappte nach Luft und betrachtete die spindeldürre Gestalt. Minchen blieb der Mund offen stehen.

    „Ich will net hoffen, dass das grad dein Ernst war", bemerkte sie tadelnd und warf erneut skeptische Blicke auf die eher nicht vorhandene Figur.

    Empört nickte Marietheres. „Ja, freilich doch. Schließlich muss man heutzutag eine gute Figur vorweisen können, wenn man irgendwo ankommen will."

    „Eine gute Figur hättst dann, wennst außer Haut und Knochen auch noch ein bisserl Fleisch zu bieten hättest. Aber wahrscheinlich hast dir mit deinem Gewicht auch gleich das Gehirn weggehungert", meinte Hermine resolut, die nun erkannte, was mit dem Madl los war. Ja, tat denn das wirklich not, dass ein Dirndl aus Hindelfingen wie eine Hungerharke ausschaute und womöglich noch immer dachte, sie wäre zu dick? Na, der Doktor würde ihr schon das passende sagen, dessen war die Hermine sicher. So was sah er nämlich gar net gern. Das Madl war ja auf dem besten Weg sich selbst zu zerstören. Und weswegen? Weil irgendein Schlawiner, vermutlich in einer von diesen neuzeitlichen Zeitungen, so einen gequirlten Schmarrn behauptet hatte.

    Nein, für soviel Dummheit hatte die Hermine net viel Verständnis. Aber sie hielt sich zurück, der Doktor Ingold würde schon die rechten Worte finden, um der Marietheres den Kopf wieder zurechtzurücken.

    Eines der beiden Sprechzimmer wurde gerade frei, als der Arzt mit einem Patienten herauskam. Abscheu zeichnete sich im Gesicht von der Marietheres ab, als sie feststellen musste, dass der Patient offensichtlich einiges an Übergewicht mit sich herumschleppte und sich augenscheinlich recht wohl damit fühlte.

    „Da, Herr Doktor, nehmen S’ die junge Dame gleich mit, ich denk’, die braucht dringend Hilfe", meinte Minchen und drückte Daniel die Karteikarte in die Hand. Gleich darauf schloss sich die Tür hinter den beiden. Marietheres setzte sich vor den Schreibtisch, und der Alpendoktor reichte ihr freundlich die Hand, während er sein eigenes Erschrecken über das schlechte Aussehen des Madls geschickt verbarg.

    „Was kann ich für dich tun?", fragte er und musterte die fahle Gesichtsfarbe und die tiefliegenden Augen.

    „Ja, schauen S’, Herr Doktor, das ist so. Ich hab da ein paar Probleme – ich mein, ich bräuchte da ein Abführmittel. Sowas richtig Gutes, damit ..."

    Daniel runzelte die Stirn. Er hatte schon fast auf den ersten Blick erkannt, dass es sich hier wohl um die klassischen Symptome von Magersucht handelte, und dieser Wunsch des Madls verstärkte seinen Verdacht. Anorexia nervosa, Magersucht, in den letzten Jahren weit verbreitet unter den jungen Madln, die glaubten, auf eine so radikale Art und Weise einem verrückten Schönheitsideal zu entsprechen. Aber hier in Hindelfingen war ihm das noch nicht untergekommen.

    Er wusste recht gut, dass es nicht viel Sinn machen würde, jetzt einfach nur nein zu ihrer Bitte zu sagen, oder das Madl könnte sich mehr an Obst und Gemüse halten, dann käme mit der Verdauung schon alles wieder in Ordnung. Aber natürlich lag der Fall viel komplizierter. In der Regel stopften die Betroffenen wahllos alles in sich hinein, nur um wenig später den Magen wieder mit Gewalt zu entleeren. Da reichte es nicht aus, mit einem Nein und einem guten Ratschlag das Madl wieder heim zu schicken. Ihr ging es ja darum, nur ja kein Gramm an Gewicht zuzunehmen, deswegen verlangte sie auch ein Abführmittel, damit das wenige, was überhaupt noch in den Körper gelangte, auch wirklich nicht den Eindruck zerstörte, sie hätte eine perfekte Figur.

    Ein Psychologe wäre vielleicht vonnöten gewesen, zu dem würde die Marietheres aber bestimmt nicht gehen, denn schließlich war ihr nicht einmal bewusst, dass es sich hier um eine Krankheit handelte. Es war wohl besser, wenn Daniel erst einmal versuchte, den Grund für diese Krankheit zu finden. Die Marietheres war doch nicht dumm, sie musste schwerwiegende Gründe haben, dass sie sich selbst so etwas antat.

    Daniel Ingold stellte also erst einmal eine Menge Fragen, bis das Madl ihn erstaunt anschaute.

    „Hat das alles wirklich was damit zu tun, dass ich ein Abführmittel haben will?", erkundigte sie sich.

    Jetzt musste der Arzt vorsichtig sein. „Ich halt`s für möglich, dass da noch was anderes dahintersteckt. Hast schon mal daran gedacht, dass das so net ganz richtig ist, was du da tust? Schau dich mal an, Madl, bist im Augenblick so dürr, dass man meinen könnt, eine Hungersnot wär’ in Hindelfingen ausgebrochen. Meinst net auch, dass du deinem Körper da ein bisserl viel zumutest? Schau, du bist noch gar net ausgewachsen mit deinen siebzehn Jahren, und du könntest bleibende Schäden haben, wennst net dafür sorgst, dass sich da alles richtig entwickeln kann. Ich denk’ doch wohl, dass du mal ein fesches Madl werden möchtest, was allen Mannsbildern den Kopf verdreht. Bist jedenfalls auf dem besten Weg dazu, wennst jetzt keine Dummheiten machst."

    Sie schaute ihn abweisend an. „Und wozu soll das gut sein?, fragte sie bitter. „Damit ich mein Leben genauso dumm und sinnlos verbringen muss wie meine Eltern?

    „Und was willst statt dessen tun?", fragte Daniel sanft, der schon ahnte, was jetzt kam.

    „Ich will was werden, raus in die Welt – vielleicht Modell stehen, oder so was. Aber ganz bestimmt net hier in diesem kleinen Ort für den Rest meines Lebens hocken, einen Mann heiraten und Kinder aufziehen, und mich irgendwann fragen, war das jetzt alles? Ich weiß net, ob S’ das verstehen können, Herr Doktor, aber mir ist Hindelfingen zu eng und zu klein. Ich muss weg. Aber das geht nur, wenn man eine perfekte Figur hat und was darstellen kann."

    „Hast net schon mal drüber nachgedacht, dass man das auch tun könnt mit einer ordentlichen Ausbildung und vor allem mit einem gesunden Körper? Schau, Marietheres, du bist doch net dumm. Du könntest nach München gehen und studieren, was auch immer dir Spaß macht. Und dann stehen dir alle Türen offen. Die Schönheit auf dem Laufsteg vergeht rasch und bringt net mal viel ein, denn nur ganz wenige sind so berühmt, dass sie wirklich fürs Leben ausgesorgt haben. Aber mit einer guten Ausbildung ..."

    „Schmarrn, unterbrach sie ihn kalt und stand auf. „Ich hätt’s eigentlich wissen müssen, dass auch Sie mich net verstehen. Niemand hier versteht mich. Aber ich werd’s euch allen noch zeigen.

    Sie rannte einfach hinaus und ließ den verdutzten und über sich selbst enttäuschten Arzt zurück. Na, da hatte er ja wohl voll daneben gegriffen. Dabei wollte er das Madl doch nur behutsam auf den rechten Weg zurückbringen.

    Die Marietheres galt wirklich überall als besonders klug, woher kam also dieser Anfall von Ruhmsucht? Man musste sich wahrhaftig net auf einen Laufsteg stellen, um berühmt zu werden. Dem Madl standen doch alle Wege offen. Nur im Moment wohl kaum. Sie hatte sich da in eine Idee verrannt, und das war auch der Grund, warum sie mit voller Absicht ihren Körper zerstörte. Welch eine Verschwendung! Aber da war hoffentlich das letzte Wort noch nicht gesprochen. Auf jeden Fall wollte Daniel mal die Eltern der Marietheres aufsuchen, vielleicht konnte er da ansetzen – obwohl er in diesem Punkt nicht viel Hoffnung hatte.

    Die Rüschers waren einfache, hart arbeitende Leute mit sechs Kindern. Die scherten sich nicht um die große weite Welt oder irgendwelchen Ruhm, die waren zufrieden, wenn sie ordentlich was auf dem Tisch und alle Kinder anständig angezogen hatten.

    Daniel seufzte. Das würde noch ein harter Brocken werden. Dabei stand ihm grad heut’ noch ein besonders schwieriger Hausbesuch bevor, bei Regina und Antonia Bauer. Erst heut’ früh waren die Untersuchungsergebnisse gekommen. Das kleine Dirndl war schwer krank. Und wie sollte der Alpendoktor das der Mutter beibringen?

    2

    Eigentlich war die kleine Toni ein fröhliches, lebhaftes Kind, der Sonnenschein ihrer Mutter, und das Ein und Alles ihres Vaters. Der war allerdings nicht so oft daheim, wie das Dirndl und auch seine Mutter es gern gehabt hätten. Lukas Bauer war ein hochqualifizierter Techniker und arbeitete auf einer Ölbohrinsel irgendwo im Atlantik, er kam nur alle drei Monate für zwei oder drei Wochen nach Hause. Dieses unstete Leben wollte er so lange noch weiterführen, bis er ausreichend Geld angespart hatte, um ein schmuckes Haus zu kaufen und seiner Familie ein relativ sorgenfreies Leben zu gewährleisten. Auf keinen Fall wollte er sich für ein Haus verschulden und dann womöglich in Gefahr geraten, dieses nicht bezahlen zu können, falls er, aus welchen Gründen auch immer, seine Arbeit verlor.

    Regina hatte sich schweren Herzens damit einverstanden erklärt, aber besonders die kleine Toni litt immer sehr unter der Trennung von ihrem geliebten Vater. Sie sehnte den Tag herbei, da der Lukas endlich für immer in Hindelfingen blieb. Dem Kind war es auch relativ egal, wie der Vater sein Geld verdiente. Das Gehalt war jedoch gerade auf einer Bohrinsel so hoch, dass es vielleicht nur noch ein oder zwei Jahre dauern konnte, bis der Traum wahr wurde. Dann konnte Toni ihren Vater jeden Tag daheim begrüßen und musste nicht mit Tränen in den Augen an der Tür stehen, wenn er wieder für drei Monate verschwand.

    Jetzt aber lag das Dirndl schwach und bleich im Bett. Schon seit mehr als zwei Wochen hatte heftiges Fieber den schlanken, grazilen Körper geschüttelt, die Blutwerte hatten dramatische Formen angenommen und fielen rasch weiter. Ein Verdacht hatte sich in Doktor Ingold gebildet, den er zunächst jedoch gar nicht aussprechen wollte. Aber gewissenhaft hatte er im Labor alles untersuchen lassen, so dass er zwar bestürzt war über das Ergebnis, aber nicht mehr sonderlich überrascht.

    Leukämie – Blutkrebs, lautete die niederschmetternde Diagnose, die der Arzt nun der Mutter vorsichtig beibringen musste.

    Regina Bauer wirkte zunächst gefasst, noch hatte sie das ganze Ausmaß dieses einen Wortes nicht voll erfasst.

    „Es besteht gute Hoffnung auf Heilung, begann Daniel zu erklären. „Wir haben noch recht früh erkannt, was da in der kleinen Toni vorgeht. Und mit einer Chemotherapie und entsprechenden Medikamenten, wie verschiedenen Zytostatika, hat sie gute Chancen am Leben zu bleiben und schon bald wieder ...

    Da war es, das Wort, welches der Regina erst richtig den Schock versetzte.

    „Am Leben zu bleiben?, unterbrach sie den Doktor tonlos. „Ja, aber Leukämie ist doch nur ...

    Daniel schüttelte den Kopf. „Bitte, verwechsele das nicht mit Anämie. Das ist eine Blutarmut, die man heutzutag recht einfach und wirkungsvoll behandeln kann. Leukämie ist Blutkrebs, und wenn wir net schnell mit der Behandlung beginnen ..."

    „Mama, muss ich sterben?", klang in diesem Augenblick die zarte Stimme des Kindes von der offenen Tür her. Toni hatte das Gespräch mit angehört und nur wenig verstanden. Doch der wichtigste Satz war ihr natürlich nicht entgangen.

    Erschreckt schaute die Regina auf und sprang dann von ihrem Stuhl, riss das Kind ganz fest in die Arme und barg das Gesicht an ihrer Brust.

    „Natürlich musst du net sterben, mein Schatzerl. Das ist alles net wahr, was der Doktor da grad sagt. Aber warum liegst denn net im Bett? Ich bring dir doch alles, was du brauchst. Komm, mein Herz, ab zurück unter die warme Decke."

    „Mir ist aber langweilig. Ich will nach draußen zum Spielen", erklärte das Kind. Dabei wirkte es so blass und durchscheinend, dass es den Arzt dauerte. Er nahm Regina die Worte nicht übel, im ersten Schock nach einer solchen Diagnose sagte man rasch etwas, was man nicht so meinte. Die Frau durfte allerdings nicht den Fehler machen, diese Nachricht auf die leichte Schulter zu nehmen oder sie gar zu ignorieren. Je eher die Behandlung begann, umso besser für die Toni.

    Daniel wartete in aller Ruhe ab, bis das Kind wieder im Bett lag.

    „Regina, mach’ dir da jetzt bitte nix vor. Wenn’s mir net glaubst, ist das natürlich dein gutes Recht. Kannst gern den Doktor Huber oder die Kollegen in der Stadt konsultieren und eine zweite Meinung einholen. Wär’ mir sogar recht. Aber spiel net mit dem Leben deines Kindes. Warte net so lang, bis es zu spät ist."

    Wild schaute die hübsche Frau den Doktor an. Ablehnung und Zorn lagen in ihren Augen. Nichts war mehr zu spüren von der Vernunft, mit der sie sonst noch jede schwierige Situation allein gemeistert hatte.

    „Du irrst dich, Daniel, du musst dich täuschen. Das kann net meine kleine Antonia treffen. Du hast recht, ich werd’ noch eine weitere Diagnose einholen. Und dann wirst schon sehen, welch einen Schmarrn du da redst."

    Düster schaute Daniel auf diese personifizierte Verneinung. „Es gibt wohl kaum etwas, was ich mir mehr wünschen tät’ als mich getäuscht zu haben, erklärte er ruhig. „Nur bittschön, schon im Interesse des Kindes – warte net damit. Mach’ es so schnell wie möglich. Dann hast im Zweifel auch schneller die Bestätigung, dass ich mich getäuscht hab. Auch wenn das nicht so ist. Er blickte sie so eindringlich an, dass die Regina endlich begriff, wie dringend seine Worte tatsächlich waren.

    „Ich werd’s gleich morgen tun, versprach sie. „Gleich morgen früh fahre ich mit der Toni in die Stadt.

    „Und – willst den Lukas auch heut’ noch informieren? Ich denk’, er sollt’ das wissen, wenn seine Tochter ..."

    „Nein, auf gar keinen Fall, fuhr die Frau hart dazwischen. „Ich will net, dass er bei seiner Arbeit womöglich Fehler macht, weil er in Gedanken net bei der Sache ist. Er kann auf die Entfernung hin ohnehin nix tun. Ich werd’s ihm erst dann sagen, wenn’s unbedingt notwendig ist. Und bis dahin kann ich mich recht gut allein um mein Kind kümmern.

    Im Augenblick gefiel Daniel das gar nicht, doch er hoffte, die Regina würde noch zur Vernunft kommen. Schließlich konnten die Kollegen ihr auch nix anderes sagen. Diese Diagnose war hieb- und stichfest, niemals würde der Arzt in einer so schwierigen Angelegenheit nicht selbst sicher sein wollen. Daher wirkte er niedergeschlagen, hatte er doch gehofft, gemeinsam mit der jungen Frau sofort den Kampf um das Leben des Kindes aufnehmen zu können. Nun gut, noch war das letzte Wort in dieser Angelegenheit nicht gesprochen. Es würde sich schon alles finden, wenn die Regina erst einmal den Schock überwunden hatte.

    Sie verabschiedete den Arzt jedoch ziemlich spröde und ging dann ins Kinderzimmer, wo die kleine Toni schon wieder eingeschlafen war. Sie drückte zarte schmale Hand des Kindes an ihre Lippen und murmelte voller Verzweiflung viele sinnlose Worte vor sich hin.

    3

    Es war noch ruhig in der Praxis, und die beiden eifrigen Arzthelferinnen hatten sich ein bisserl Zeit genommen, in der Tageszeitung zu lesen. Auch wenn die Kollmannberger Vreni, das lebende Tageblatt von Hindelfingen, alle möglichen und unmöglichen Neuigkeiten herumerzählte, so gab es doch einiges, was man nur aus der Zeitung erfuhr.

    „Ja, da schau her", rief die Hermine aus und beugte sich näher über das Blatt.

    „Was hast denn? Passen deine Lottozahlen?", wollte die Maria wissen und blickte neugierig von ihrem Teil auf.

    „Schmarrn. Ich spiel doch net mal, da sind mir die Chancen einfach zu gering. Nein, schau her, was ich hier grad find’. Da tät`s einen Heilpraktiker geben, den manche Leut’ als Wunderheiler bezeichnen. Und der kommt nach Hindelfingen, um hier wahrscheinlich seine Wunder zu wirken. Mit Garantie."

    „Was? Maria war ehrlich bestürzt. „Wie können manche Leut’ so was denn nur glauben? Als ob’s tatsächlich wen gäb’, der so was kann. Da würd’ ich ja noch eher annehmen, dass der Pfarrer Feininger mit einem Gebet ein Wunder bewirken könnt. Und mit Garantie auch noch? Was ist denn dann, wenn der Patient doch net gesund wird? Kriegt der Tote oder seine Erben das Geld zurück?

    Minchen lachte trocken auf. „Sowas glaubst ja wohl net im Ernst. Wenn wirklich einer sein Geld zurückhaben will, dann ist der Bazi ganz bestimmt verschwunden, oder er hat tausend gute Gründe, warum es denn net geklappt hat. Dann haben die Leut’ eben was falsch gemacht, sich net an seine Anweisungen gehalten, oder es ist gleich eine ganz andere Krankheit. Also wirklich, Garantie, net zu glauben. Wieso tät`s dann eigentlich immer noch so viele unheilbare Krankheiten geben, wo auch unser Herr Doktor net weiter kommt? Das Beste wär’s, solche Schwindler gleich einzusperren, damit’s nie wieder falsche Hoffnungen verbreiten und Unheil anrichten können."

    Minchen regte sich ganz furchtbar über diese Anzeige auf. Allerdings klang das auch reichlich großspurig, was da in wenigen Worten versprochen wurde.

    „Jetzt auch in Ihrer Stadt! Der weltberühmte Friedrich-Jonas Wanninger gibt sich die Ehre, in Hindelfingen seine vielfach bezeugten Methoden zu praktizieren. Haben auch Sie ein Leiden, welches bisher kein Arzt heilen konnte? Dann suchen Sie Friedrich-Jonas Wanninger auf. Selbst in aussichtslosen Fällen hat dieser Heilpraktiker mit Sicherheit eine Möglichkeit, Ihnen zu helfen. Zahlreiche garantierte Erfolge beweisen das tagtäglich. Sie werden mit Sicherheit gesund, oder Sie erhalten Ihr Geld zurück. Melden auch Sie sich schnell an, um noch einen der wenigen begehrten Termine zu erhalten."

    Als Adresse war einer der Bungalows im Feriendorf angegeben, und besonders das fanden die beiden Frauen schlichtweg dreist.

    „Wie kann der Anderl nur so einen Scharlatan aufnehmen?, empörte sich Minchen. Sie, die ohnehin nichts auf ihren Doktor kommen ließ, betrachtete es als persönliche Beleidigung, dass sich jemand anmaßte, jede Krankheit heilen zu können, wo die ärztliche Kunst versagte. Wer gab diesem Kerl das Recht solche Behauptungen in die Welt zu setzen? Das war doch durch nichts bewiesen, denn die Frau glaubte nicht an diese „zahlreichen garantierten Erfolge.

    Ausgerechnet in diesem Moment kam die Vreni Kollmannberger herein und schwenkte ebenfalls eine Zeitung in der Hand. „Habt’s ihr schon gehört, wer nach Hindelfingen kommt?", rief sie aufgeregt.

    Die zornige abweisende Miene von Minchen und Maria sprach Bände.

    „Na, dann muss ich euch das ja net mehr erzählen. Aber wisst ihr auch, dass der Anderl Schwarz versucht hat, die Buchungen rückgängig zu machen, als er hörte, was für ein Bazi sich da als sein Gast angemeldet hat? Da sollt’ man doch tatsächlich meinen, dass der Besitzer von so einem Hotel das Recht hat sich seine Gäste auszusuchen. Aber nix da. Der Anderl bekam sofort einen Brief von irgendwelchen Anwälten, die ihm mit Klagen vor dem Gericht drohten. Und da hat er halt eben nachgegeben. Er meint, es würd’ sich hier in Hindelfingen wohl eh keiner finden, der zu so einem Schwindler und Scharlatan hinläuft. Schließlich haben wir den Doktor, der seine Arbeit ganz ordentlich macht. Was braucht’s da einen Wunderheiler?"

    „Na, da bin ich aber doch froh und dankbar, dass ich eine so gute Verteidigerin hab wie dich", klang in diesem Moment die Stimme von Daniel Ingold auf, der wohl schon eine ganze Weile zugehört hatte. Interessiert betrachtete er die Anzeige und schüttelte dann den Kopf.

    „Net mal wir Ärzte haben die Möglichkeit gegen einen solchen Schwindler vorzugehen. Da soll der Anderl mal schön aufpassen, dass er net ins Fettnäpfchen tritt. Aber glaub’ mir, Vreni, es gibt immer und überall Leut’, die der Meinung sind, dass nur so ein Wunderheiler ihnen helfen kann. Meist haben`s gar keine schwere Krankheit, und weil der Bazi natürlich auch keine Diagnosen stellen kann und darf, muss er sich darauf verlassen, was die Patienten ihm sagen. Da kann er dann natürlich hinterher leicht behaupten, er hat einen Tumor oder was auch immer geheilt, wo die Ärzte net weiterkommen."

    Der Doktor hatte sich selbst ziemlich aufgeregt, so kannten die Frauen den Daniel gar nicht, und sie schauten ihn ziemlich erstaunt an.

    „Man könnt fast meinen, du hättst schon mal deine Erfahrungen gemacht mit solchen Leuten", bemerkte Vreni und forschte aufmerksam im Gesicht des Mannes. Der merkte jetzt auch, dass er vielleicht einen Schritt zu weit gegangen war. Daniel lächelte etwas verlegen.

    „Ja, man könnt` das so sagen. Das war noch, bevor ich nach Hindelfingen gekommen bin. Da hab ich mal so einen Fall gehabt. Und das geht mir heut’ noch nach."

    Die Blicke der Frauen hingen gespannt an seinen Lippen, und der Doktor sah ein, dass er sich allein mit diesen Andeutungen jetzt nicht zurückziehen konnte. Er zuckte die Achseln, es tat ihm leid, dass er sich bei diesem Thema überhaupt so ereifert hatte. Jetzt gab es allerdings kein Zurück mehr, denn besonders die Vreni würde nicht locker lassen, bis sie die ganze Geschichte gehört hatte.

    „Vor einigen Jahren musste ich bei einem Mann die bittere Diagnose Krebs stellen. Er war viel zu spät gekommen, und eigentlich konnt’ man net viel mehr für ihn tun, als die Schmerzen zu lindern und ihm einen friedlichen Tod zu ermöglichen. Aber er klammerte sich ans Leben und fuhr tatsächlich von einem Spezialisten zum nächsten – alles ohne Erfolg. Sein bester Freund gehörte zu den Menschen, die uns Ärzten gar nix glauben und nur gewissen Leuten Vertrauen entgegenbringen – solchen, die ihnen buchstäblich das Blaue vom Himmel versprechen. Nun ja, seiner eigenen Diagnose nach hatte dieser Freund eine akute Form der Leukämie, was meines Wissens nach durch keinen Doktor festgestellt worden war. Doch er wurde natürlich geheilt, wie ihr euch denken könnt, weil er sich ja einem Wunderheiler anvertraut hatte. Überall erzählte er herum, was für Stümper und Dummköpfe wir Ärzte doch sind, und dass nur dieser Wunderheiler etwas bewirken könnte. Allein indem er seine Hände auflegte. Na ja, es kam, wie es kommen musste. Mein Patient ging natürlich auch hin. Obwohl sein Zustand sich ständig verschlechterte, erzählte er allen Leuten und natürlich auch sich selbst, wie gut es ihm noch ginge. Er nahm keine Medikamente mehr, brach die Therapie ab und war vier Wochen später tot. Bis zuletzt hat er net glauben wollen, dass er einem Scharlatan aufgesessen war, ganz im Gegenteil. Er hat ihn sogar in seinem Testament bedacht. Das hat mich besonders arg getroffen, denn dieser Kerl hat meinen Patienten nach Strich und Faden belogen und betrogen. Und er hat sogar noch von seinem Tod profitiert. Versteht mich bitte net falsch. Ich weiß sehr wohl, dass es Menschen gibt, die tatsächlich über heilende Kräfte verfügen. Und vor denen hab ich auch gehörigen Respekt. Manchmal wirkt ja auch schon der Glaube ein Wunder. Aber wenn sich einer hinstellt als Wunderheiler und mit Geld-zurück-Garantie die Heilung einer jeden Krankheit verspricht, dann kann ich daran net mal was Komisches finden. Sobald die Leut’ nämlich tot sind, können sie

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1