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Mein Vaterland zertrümmert: 1918-Kriegsende und Neuanfang in Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen

Mein Vaterland zertrümmert: 1918-Kriegsende und Neuanfang in Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen

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Mein Vaterland zertrümmert: 1918-Kriegsende und Neuanfang in Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen

Länge:
274 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 20, 2018
ISBN:
9783701745715
Format:
Buch

Beschreibung

1918 war ein Jahr der Umwälzungen und Emotionen. Wie haben Zeitzeugen es erlebt? In authentischen Berichten kommen Adel, Bürgertum und Arbeiterklasse zu Wort. Sichtbar werden die höchst unterschiedlichen Bewertungen jenes Umbruchs, der für die einen den Untergang ihres Vaterlandes und ihren persönlichen Zusammenbruch, für die anderen einen hoffnungsvollen Neubeginn bedeutete: Trauer um Alt-Österreich und Monarchie, Hass auf Adel und Habsburger, Schock wegen des verlorenen Krieges, Verbitterung und Resignation, Freude über das Kriegsende, Hoffnung auf bessere Zeiten. Gudula Walterskirchen lässt anhand von bisher unveröffentlichten Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen ein Jahr der großen Zäsur wieder lebendig werden.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 20, 2018
ISBN:
9783701745715
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Mein Vaterland zertrümmert - Gudula Walterskirchen

Literatur

Einleitung

Das Jahr 1918 bedeutete einen tiefen Einschnitt in der österreichischen Geschichte – es veränderte alles. Das wissen wir nicht nur aus der Rückschau, das war auch den Zeitgenossen wohl bewusst. Sie bezeichneten diese Zäsur als den »Zusammenbruch« oder den »Umsturz«, je nach ihrer persönlichen und politischen Einstellung. Besonders dramatisch erlebten die Kriegsteilnehmer und Heimkehrer dieses Jahr. In seinem Familien-Historien-Roman »Der Engel mit der Posaune« lässt der erst kürzlich wiederentdeckte österreichische Autor Ernst Lothar seinen Protagonisten Hans, stellvertretend für viele andere, seine Emotionen als Kriegsheimkehrer beschreiben: »Dass die Menschen zu Hause das Unmaß des Vergangenen nicht ermaßen, fiel ihm im ersten Augenblick auf, es brannte wie Schläge in sein Gesicht. Die Leute gingen herum, sie trachteten fortzusetzen. Aber hier ließ sich nichts fortsetzen! Wien war eine Reichshauptstadt, zu einer Reichshauptstadt gehörte ein Reich; das Reich gab’s nicht mehr. Österreich war die Idee, Nationalitäten zu einer übernationalen Nation zu vereinigen – Vereinigte Nationen, lange bevor es Vereinigte Staaten gab; diese Idee lag in Trümmern.«¹

Dieses Bild der Heimat, die in Trümmern lag, findet sich bei etlichen Zeitzeugen, wie etwa bei Fürst Alois Schönburg-Hartenstein, General und in der Zwischenkriegszeit Heeresminister; oder auch bei Graf Botho Coreth, der sich als 16-Jähriger freiwillig meldete und innerlich zerstört heimkehrte. Zeitlebens verarbeitete er dieses Trauma nicht, den Verlust seiner Ideale und seiner Heimat, wie er sie zuvor gekannt und geliebt hatte.

Diese Trauer um die Niederlage und den Verlust der früheren Größe teilten allerdings nicht alle, viele hatten auch ambivalente Gefühle. Die Nationalisten freuten sich über das Ende des »Völkerkerkers«, allen voran die Tschechen. Aber auch unter den »Deutschen« zeigten sich etliche erleichtert über die Trennung. Fürst Schönburg-Hartenstein etwa merkt in seinem Tagebuch an, er sei trotz allem froh, dass er mit den Böhmen nicht mehr in einem Land zu leben brauche. Er äußerte diese Haltung, obwohl er dort Besitzungen und damit einen persönlichen Bezug hatte. Hier zeigt sich, wie stark die gegenseitige Abneigung der Angehörigen verschiedener Sprachgruppen gediehen war, trotz der langen gemeinsamen Geschichte.

Das Jahr 1918 bedeutete für diese Generation von Österreichern einen tiefen Einschnitt. Das geht aus den zahlreichen Briefen, Tagebucheinträgen und Berichten aus jenen Tagen hervor. Es war nicht nur der Krieg, der verloren war, die Menschenleben, die er gekostet, die vielen Krüppel, die er hervorgebracht hatte, die Not und das Elend, die Krankheiten und was sonst noch an Leid zu ertragen war. Es war darüber hinaus der Zusammenbruch einer Welt, der Verlust der Heimat, all dessen, was vertraut und gewohnt war und worauf man sich verlassen hatte.

Die Briefe und Tagebücher aus der Zeit, oft unter der unmittelbaren Wirkung der Ereignisse geschrieben, geben einen anschaulichen und emotional berührenden Eindruck von dem Zustand Österreichs, einem Land, von dem keiner wusste, ob und wie es weiterbestehen würde. Die Berichte sind lebendig, drastisch, authentisch und gut nachvollziehbar. Viele der in diesem Buch wiedergegebenen Texte sind noch nie veröffentlicht worden, sie ruhten bisher in privaten oder öffentlichen Archiven oder waren längst vergessen.

Interessant sind diese persönlichen Aufzeichnungen, die ursprünglich nicht für die Veröffentlichung bestimmt waren, in ihrer Wahrhaftigkeit und Absichtslosigkeit. Sie wollen nichts rechtfertigen und dienen keinem Zweck, schon gar keinem politischen. Sie wollen einfach beschreiben, was die Schreiberinnen und Schreiber beobachtet, was sie erlebt und was sie dabei empfunden haben. Diese Unmittelbarkeit macht den Wert und den Reiz dieser Texte aus, auch wenn sie stilistisch natürlich keinen literarischen Anspruch erheben.²

Aufschlussreich ist, dass die Berichte mitunter inhaltlich sehr einheitlich sind, in anderen Zusammenhängen aber auch stark differieren, je nach persönlicher und politischer Einstellung, Gesellschaftsschicht, Position, Nationalität oder Herkunft. So etwa kommentiert ein Metallarbeiter die Abdankung des letzten Kaisers und das Ende der Monarchie völlig anders als ein Mitglied des Hochadels. Aber auch innerhalb der Schichten unterscheiden sich die Sichtweisen. Ein Fürst konnte durchaus froh sein über das Ende der Monarchie und ein Handwerker unsagbar traurig darüber, dass es nun keinen Kaiser mehr gab. Es waren nicht alle »kleinen Leute« glücklich über die Ausrufung der Republik, nicht alle entsetzt über den verlorenen Krieg und die Niederlage, etliche froh über das Ende des alten Österreichs und den hoffentlich baldigen Anschluss an Deutschland.

Es herrschten in diesem für Österreich dramatischen, alles verändernden Jahr die unterschiedlichsten Ängste, Hoffnungen, Erwartungen und Vorstellungen, was aus einem selbst, der eigenen Familie und aus Österreich werden würde: ein Land, das seine Größe, seinen Stolz, sein Herrscherhaus, seine Identität und seine weltweite Bedeutung auf einen Schlag verloren hatte. Niemand hätte damals zu träumen gewagt, dass dieser »Rest«, dieser armselige Rumpf, im Jahr 1918 verarmt, gedemütigt und verzweifelt, hundert Jahre später noch existieren würde; dass Österreich zu einem der reichsten Länder der Welt aufsteigen und wieder eingebettet sein würde in einen – freiwilligen – Verbund verschiedener Staaten und Nationalitäten. Doch, zumindest einen gab es: Schließlich war es die Vision Graf Richard Coudenhove-Kalergis, eines glühenden Österreichers und Monarchisten, die mit der Europäischen Union Wirklichkeit wurde.

Kapitel 1

Schlachtfelder und Kriegsleid – Berichte aus dem Grauen

Der Erste Weltkrieg war der bis dahin umfassendste Krieg der Menschheitsgeschichte. Er begann als regionaler Konflikt zwischen zwei Ländern und entwickelte sich innerhalb von Tagen zu einem globalen Krieg, an dem insgesamt 40 Staaten beteiligt waren. Insgesamt kämpften fast 70 Millionen Soldaten, bis zu seinem Ende im November 1918 verloren 17 Millionen Menschen ihr Leben. Er begann bekanntermaßen 1914 mit der sogenannten »Julikrise«: In Bosnien-Herzegowina wurde der Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, ermordet und Österreich stellte ein Ultimatum an Serbien, das man für die Tat verantwortlich machte. Man vertraute mit der Unterstützung des deutschen Kaiserreiches, weitere Verbündete waren das Osmanische Reich und Bulgarien. Serbien weigerte sich, der Forderung nachzukommen, und wurde unterstützt von Russland. Dieses wiederum konnte mit der Unterstützung Frankreichs rechnen, und so befand sich durch die Kriegserklärung Österreich-Ungarns innerhalb kürzester Zeit die halbe Welt im Kriegszustand. Durch den Vormarsch der Deutschen nach Belgien und Frankreich trat auch noch Großbritannien in den Krieg ein, dieser breitete sich sogar auf die Kolonien aus. Im Jahr 1915 erklärte dann noch Italien – in Erwartung von Gebietsgewinnen – Österreich den Krieg. Diesen Wechsel nahm Österreich-Ungarn dem ehemaligen Verbündeten besonders übel.

Der Kriegsverlauf war gekennzeichnet von verhärteten Fronten, Stellungskriegen, grauenvoller Materialschlacht bis hin zum Einsatz von Giftgas und schrecklichen Verlusten an Menschenleben. Als Synonyme des Grauens gelten bis heute die Schlacht von Verdun und die Isonzo-Schlachten.

Im Herbst und Winter 1917/18 standen die Dinge nach dreieinhalb Jahren Krieg trotz großer Verluste an Soldaten und Mangel an Kriegsmaterial und Ausrüstung strategisch nicht schlecht für die Verbündeten Österreich-Ungarn, Deutschland und das Osmanische Reich: Durch die kommunistische Revolution in Russland kam es zu einem Machtwechsel, die Revolutionäre hielten ihr Versprechen und beendeten ihre Kriegsteilnahme. Somit hatten die Mittelmächte keinen Zweifrontenkrieg mehr zu führen und Österreich-Ungarn konnte seine Kräfte nach Süden verlegen, an die Front nach Italien. Dort gelangen einige Offensiven, man hoffte auf einen Friedensschluss. Denn trotz der unerwarteten Erfolge sehnte sich das Volk nach Frieden.

Auch der junge Kaiser Karl, der nach dem Tod Kaiser Franz Josephs im Jahr 1916 auf den Thron gekommen war, strebte von Beginn an einen raschen Frieden an. Doch dies gestaltete sich schwierig. Seine Geheimverhandlungen mit Frankreich, bekannt geworden als »Sixtus-Affäre«, flogen auf, der Bündnispartner, der deutsche Kaiser Wilhelm, war erzürnt. Er wollte weiterkämpfen, er wollte siegen.

Bericht eines Generals

Wie die Herrschenden die weltpolitische Lage und die Kampfhandlungen bewerteten, welche Motive sie antrieben und was sie dachten und sagten, ist mittlerweile gut erforscht und publiziert. Doch was dachten jene, die die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen hatten, die Befehle ausführen mussten, deren Familien darunter zu leiden hatten? Lesen wir zu Beginn, was ein Mann dachte, der weit oben in der Hierarchie der Armee und des sozialen Gefüges der Monarchie stand, ein General und Abkömmling eines alten Adelsgeschlechts:

Es war Juni 1914, als am 28. die Schreckensnachricht von der Ermordung des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Gattin, Erzherzogin Sophie von Hohenberg, eintraf. Wir ahnten: Das ist der Krieg!

So beginnt der Bericht von Fürst Alois Schönburg-Hartenstein über seine Erlebnisse während und nach dem Ersten Weltkrieg. Schönburg-Hartenstein, Jahrgang 1858, stammte aus deutschem Hochadel und diente ab 1877 in der österreichisch-ungarischen Armee. 1878 nahm er an der Okkupation Bosniens teil und machte Karriere, bis zum Major. 1897 trat er in die Reserve und widmete sich der Verwaltung der ausgedehnten familieneigenen Güter in Sachsen, Mähren und Böhmen. Ihm gehörten die Besitzungen Hartenstein, Miletín, Königsfeld (heute: Královo Pole, Anm.) und Alt-Brünn, mit jeweils 1000 bis 1700 Hektar Grundbesitz, sowie eine Jagd beim Tiroler Achensee. Damit zählte er damals zu den reichsten Männern des Landes. Schönburg-Hartenstein hegte auch ein lebhaftes Interesse für die Politik, war Mitglied des Herrenhauses und Obmann der »Mittelpartei« sowie Präsident des österreichischen Roten Kreuzes. Mit Beginn des Krieges trat er wieder in den aktiven Dienst und übernahm verschiedene Kommandos, im September 1917 wurde er zum General und Kommandanten des IV. Korps und im Sommer 1918 der 6. Armee ernannt. In seinen bisher unveröffentlichten Erinnerungen und Briefen aus dieser Zeit an seine Frau beschreibt Schönburg-Hartenstein als Zeuge in der obersten Führungsschicht der Armee und der österreichisch-ungarischen Monarchie anschaulich, offen und detailliert die Ereignisse aus seiner Sicht als hoher Offizier und Mitglied des Hochadels.³ Diese bisher unveröffentlichten Texte aus dem Familienarchiv geben ein wertvolles Zeugnis der damaligen, für die Zeitgenossen und auch die Nachwelt schicksalhaften Jahre. Mit seiner Frau Johanna hatte er sieben Kinder, von denen ein Sohn, Hieronymus, damals schwer krank war.⁴ Über seine Gefühle schreibt Schönburg-Hartenstein rückblickend:

Ich hatte teilweise den aktiven Dienst verlassen, weil mir mein Soldatenberuf ohne je die Aussicht auf seine wahre Betätigung – das Vaterland zu verteidigen –, für mich persönlich unvollkommen erschienen war. Gewiss ist die Verteidigung der höchste Sinn der Vaterlandsliebe, daher auch die Vorbereitungen hiezu, der Friedensdienst. Aber damals, nach dem Tode meines Vaters, sah ich andere Pflichtenkreise vor mir, in welchen ich dem Vaterland nützlich sein konnte. […] Der Gedanke aber, Johanna allein bei meinem armen, todkranken Sohne zurückzulassen, war mir sehr schwer. Zunächst kam zwar nur die teilweise Mobilisierung gegen Serbien in Betracht, aber ich zweifelte nicht daran, dass ein Krieg gegen Russland an Deutschlands Seite und gegen Frankreich folgen würde. Die Spannung während des ganzen Monats Juli war groß, Österreich und Ungarns Völker hielten sie aber gut aus, bis auf die Tschechen, die gleich von Anfang an eine eindeutige Abneigung gegen den Krieg mit Serbien zeigten. Im Ganzen aber war die Stimmung in der Monarchie eine gute. Als endlich die Entscheidung fiel und das Ultimatum an Serbien ungenügend und mit Ausflüchten beantwortet wurde, war der Elan ein fast allgemeiner. Die Reservisten rückten so rasch ein, und zwar nicht etwa nur die Deutschen und Ungarn, sondern von allen Nationen, sogar von den Tschechen, dass weder die Kasernen noch die Depots ausreichten. Auf diesen raschen Ansturm zur Kriegseinrückung war man nicht gefasst.

Im Verhältnis zu früheren Kriegen war die Monarchie besser gerüstet. Ungenügend war jedoch vor allem die schwere Artillerie, ungenügend waren die Feldmunitions-Vorräte, welcher letztere Mangel sich eigentlich bei allen kriegführenden Staaten anfänglich gezeigt hat. Nirgends war man auf einen solchen Munitionsverbrauch gefasst. Noch ein schwerwiegender Übelstand war jedoch bei uns vorhanden: die große Zahl ungenügend ausgebildeter Ersatz-Reservisten in der ganzen k.u.k. Armee und in den beiden Landwehren. Der Überschuss an tauglichen Stellungspflichtigen über das Jahres-Rekruten-Kontingent von 103 000 Mann betrug jährlich 80 000 Mann, die eine achtwöchentliche, durchaus ungenügende militärische Ausbildung in den Ersatz-Kaders erhielten.

Erst im Juni 1912 wurde das Jahres-Rekruten-Kontingent von 103 000 auf 159 000 jährlich erhöht, also um 56 000 Mann, zu wenig und viel zu spät, da uns diese 80 000 Mann jährlich an Leuten Jahr für Jahr fehlten, was für zehn Jahre die Riesensumme von 800 000 Mann ergab; rund zwei Armeen, die wir hätten mehr haben können, im Gegensatz zu allen anderen Großstaaten. Schuld an diesem Versäumnis waren die leidigen politischen Verhältnisse der letzten 15 Jahre und besonders das Verhalten Ungarns gegenüber lebenswichtigen militärischen Forderungen. (Die ungarischen Abgeordneten verhinderten im Parlament wichtige Gesetzesvorlagen wie die Aufstockung des Militärs, Anm.)

Ich fuhr in diesen letzten Julitagen zwischen Vöslau und Wien öfters hin und her, um meine Feldausrüstung zu ergänzen. Als ich am Tage nach der Ablehnung des Ultimatums die Kärntner Straße bei der Oper kreuzte, begegnete ich unserem Gesandten in Belgrad, Baron Giesl, der den Auftrag erhalten hatte, sobald die Antwort Serbiens ungenügend ausfiele, die Pässe zu verlangen und Belgrad mit dem Gesandtschaftspersonal zu verlassen, was zwar nicht nach damaliger Auffassung des Ballhausplatzes, wohl aber nach jener der späteren öffentlichen Meinung, so viel wie eine Kriegserklärung bedeutete. Ich hatte früh in der Zeitung Serbiens unbefriedigende Antwort gelesen. Besonders einen wichtigen Punkt, worin wir verlangt hatten, dass unsere Funktionäre in der Gerichtsverhandlung in Belgrad gegen die Mörder des Erzherzogs und gegen die uns bekannten Hintermänner mitzusprechen und mitzuentscheiden haben müssen. Um diese Forderung hatten sich die Serben mit Ausflüchten gedrückt. Welche Verantwortung für Giesl, sich für den Krieg entschieden zu haben! Ich habe nie begriffen, warum Berchtold (Graf Leopold Berchtold, k.u.k. Außenminister 1912–1915, Anm.) sich diese Letzt- und Hauptentscheidung nicht selbst vorbehalten hat, wiewohl sie auch nicht hätte anders ausfallen können als jene Giesls.

Wladimir Giesl von Gieslingen (1860–1936) war Diplomat und General, seit 1913 k.u.k. Gesandter in Belgrad. Obwohl Giesl nicht zur »Kriegspartei« gehörte, musste er das Ultimatum an die serbische Regierung übergeben und auf Befehl Außenminister Berchtolds das Land binnen 48 Stunden verlassen, weil Serbien die Demarche nicht bedingungslos akzeptierte. Dieser Vorgang ging als »Julikrise« in die Geschichte ein. Dies war zwar keine Kriegserklärung und nicht in Giesls Sinn, er hatte nur einen Befehl ausgeführt, es hieß jedoch, ein »General« habe den Krieg begonnen.

Die Würfel waren gefallen. Am 28. Juli 1914 wurde der Krieg an Serbien erklärt. Die Folge war zunächst nur eine Teilmobilisierung, darunter das IX. Leitmeritzer Korps, zu dem Alexander (der älteste Sohn, Anm.) als Reserveoffizier einzurücken hatte, für meinen erst kürzlich verheirateten Sohn eine schwere Pflicht, die er natürlich sofort erfüllte und an seinem 26. Geburtstag als Ordonnanz-Offizier zu dem 10. Infanterie Divisions-Kommando Josefstadt abreiste. Von seiner jungen Frau (Agathe Prinzessin von Auersperg, Anm.) nahm er in Goldegg schweren Abschied. Die 10. ID (Infanterie Division, Anm.) wurde noch nicht, wie anfangs bestimmt, auf den serbischen Kriegsschauplatz transportiert, sondern rückte erst später, und zwar direkt gegen Russland, ins Feld. Zwei Tage darauf trat allgemeine Mobilisierung ein, Russland hatte durch nicht misszuverstehende Anzeichen zu erkennen gegeben, dass es auf Seite Serbiens in den Krieg ziehe. War das nicht vorauszusehen? Ich glaube ja. […]

Ich muss offen bekennen, dass ich und fast jeder andere in Österreich und Ungarn eine Strafaktion gegen Serbien erhoffte, nach den vielen Provokationen dieses Volkes gegen uns. Man dachte es sich einfacher, nach Abrechnung mit den Serben alle verfügbaren Kräfte nach Norden zu »werfen«. Ich selbst habe im Winter 1889 an den Mobilisierungstransporten des V. Korps Tag und Nacht gearbeitet, als man damals dachte, es komme zum Krieg mit Russland, und weiß, wie kompliziert diese zahllosen Eisenbahn-Instradierungen sind (bei Instradierungen werden Soldaten mittels Marschroute oder Eisenbahn-Requisitionsschein in Marsch gesetzt, Anm.). Wie aber erst der Transport zweier Armeen mit allen Trains und Anstalten vom südlichen Kriegsschauplatz nach Galizien! Wir werden später sehen, dass diese Transporte, obwohl sie im Allgemeinen glatt verliefen, doch zu spät kamen. Die Niederwerfung Serbiens hatte man sich doch zu leicht vorgestellt, Serbien hatte ein kriegsgewohntes, gut ausgerüstetes Heer, das uns noch schwer zu schaffen machte.

Ich nahm Abschied von meinem armen, dem Tod geweihten Hieronymus und meinen Kindern, Johanna begleitete mich noch nach Wien. Ich übergab ihr nicht nur die Sorge um Hieronymus und die anderen Kinder, um unser Haus und Hauswesen, sondern auch das gesamte Vermögen und die Verwaltung unserer Besitzungen in Mähren und Sachsen. Mein Alexander und ich waren im Krieg, mein Zentral-Direktor Forstmeister Stefan war auch eingerückt und ist schon im dritten Kriegsmonat im Norden gefallen. So musste meine tapfere, liebe Lebensgefährtin alles in der Heimat besorgen, sich um alles kümmern, und sie hat das auch in ausgezeichneter Weise getan.

In Wien herrschte Kriegsbegeisterung. Der Kampf gegen Russland, gemeinsam mit Deutschland, ließ uns den sicheren Sieg hoffen. Inzwischen war aber auch England auf Seite Frankreichs und Russlands in den Krieg getreten, was entscheidend für den ganzen Krieg war. Am 1. August nahm ich endgültig Abschied von meinen Lieben und fuhr mit der Nordbahn nach Lemberg, um dort das mir verliehene Kommando über die 11. Marschbrigade zu übernehmen. Es war eine lange Fahrt. In allen Stationen wurden wir von einer großen Menge begrüßt und bewirtet. Die Fahrtzeit verbrachte ich zum größten Teil mit dem Nachlesen von alten und neuen Vorschriften, Reglements und Befehlen, denn ich war 17 Jahre nicht aktiv gewesen und hatte viel nachzuholen. So verging mir die lange Zeit rasch und in Lemberg empfing mich schon ein Offizier meines Brigadestabs und begleitete mich in mein Quartier, in eines der Stadthotels. Ich meldete mich beim Korps-Kommandanten, General d[er] Kav[allerie] v. Kolossváry, einem ausgezeichneten Mann und ehemaligen Flügeladjutanten des Kaisers, der die schwere Aufgabe hatte, den Aufmarsch des größten Teiles des gegen Russland aufgestellten Heeres, zunächst der Armee Brudermann, gegen Osten zu decken.

General Rudolf von Brudermann befehligte die Armee in Ostgalizien, hatte mehrere schwere Niederlagen zu verantworten und verließ deshalb bereits im November 1914 das Heer. Ausführlich beschreibt Schönburg-Hartenstein die Kriegsereignisse an der russischen Front. Bemerkenswert ist dabei, wie rasch die Kriegsbegeisterung nicht nur bei den einfachen Soldaten, sondern auch bei einem hohen Offizier wie ihm angesichts der Strapazen und des Grauens an der Front verflog.

Brief vom 28. November 1914 an Johanna

Ich habe Dir schon einige Tage keinen Brief mehr geschrieben. Es geht uns gut, physisch; moralisch könnte ich nicht sagen, tägliche verlustreiche Rückzugsgefechte sind für Offiziere und Mannschaften deprimierend und wegen der häufigen Nachtmärsche auch sehr ermüdend. Wegen mir möchte ich nicht ein Wort sagen, ich ertrage alles so leicht, aber wenn ich sehe, wie meine armen Landesschützen geschunden werden, oft nutzlos, durch Verluste geschwächt, dann steigt Ärger in mir auf. Man hat nicht recht in Wien, dem Generalstab die Schuld beizumessen. Ich möcht die moderne Armee sehen, die heutzutage ohne Generalstab geführt werden könnte. Fast alle Generalstabsoffiziere sind äußerst fleißige Männer, die ihre Pflicht tun. Die Schuld an unseren Misserfolgen, nebst einigen anfänglichen Missgriffen, trägt die riesige Überzahl der Russen, die eine Folge der neunjährigen ungarischen Obstruktion ist.

Unter »Obstruktion« verstand man die Blockade von nicht genehmen Gesetzen durch Abgeordnete einzelner Nationalitäten im Parlament, indem sie die Verhandlungen dazu durch Lärmen und sogenannte »Pultdeckelkonzerte«, also das Zuschlagen der Pultdeckel, störten. Es wurden auch immer wieder Abgeordnete wegen Obstruktion von der Polizei abgeführt. Durch diese Manöver konnte in dem von Schönburg erwähnten Fall die Zahl der Soldaten nicht aufgestockt werden, was zu einer zahlenmäßigen Unterlegenheit im Krieg führte.

Für den modernen Krieg taugen nur gut und genügend ausgebildete Soldaten, nicht die Ersatzreservisten, Leute, die statt zwei oder drei Jahre nur sechs Wochen ausgebildet wurden und von denen wir, dank der ungarischen Obstruktion, eine Überzahl haben. Apponyi⁵ hat das seinerzeit arrangiert und verschuldet, es gibt keinen Galgen,

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