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Die Bestsellerin: Roman

Die Bestsellerin: Roman

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Die Bestsellerin: Roman

Länge:
219 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
21. März 2018
ISBN:
9783950442670
Format:
Buch

Beschreibung

Die gefeierte Autorin Gisela Berger bricht aus ihrem Erfolgsgefängnis aus und beginnt plötzlich anders zu schreiben. Als Ergebnis ihrer künstlerischen Entwicklung erscheint ihre Sprache jetzt manchen sperrig, ihre Figuren werden widersprüchlicher, die Texte sind weniger gefällig. Sie will nicht mehr länger die umgängliche Schriftstellerin sein, der begehrte Gast in Talkshows und Literaturzirkeln.

Raimund Vogel, ihr Verleger, ist in Sorge. Die Verkaufszahlen könnten sinken. Wird die Starautorin wieder zu ihrer Form zurückfinden? Er greift zu ungewöhnlichen Mitteln… nur einmal zur Überbrückung...

Gisela holt zum Gegenschlag aus und überrascht ihr Publikum, ihre Widersacher und die gesamte Branche mit Fantasie und Entschlossenheit. Genauso wie sich ihre Sprache ändert, verändert sich auch ihr Wesen.

"Die Bestsellerin" ist eine kritische, humorvolle, sinnliche und einfühlsame Betrachtung des Literaturbetriebs aus der Sicht einer Frau, für die Erfolg nicht alles ist, das Schreiben jedoch ihr Leben bedeutet. Begriffe wie Autorenschaft, geistiges Eigentum, Urheberrecht und Plagiat beginnen in Zeiten digitaler Literatur zu verschwimmen. Was bleibt ist die Einsamkeit der Autorin, während sich Buchmärkte nach und nach in globalen Contentbörsenplätzen auflösen.
Herausgeber:
Freigegeben:
21. März 2018
ISBN:
9783950442670
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Die Bestsellerin - Josef Brainin

Josef Brainin

Die Bestsellerin

JOSEF BRAININ

DIE BESTSELLERIN

ROMAN

Dachbuch Verlag

1. Auflage: März 2018

Veröffentlicht von Dachbuch Verlag GmbH, Wien

ISBN 978-3-9504426-7-0

Copyright © 2018 Dachbuch Verlag GmbH, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Autor: Josef Brainin

Lektorat: Nikolai Uzelac

Korrektorat: Lesley Kirnbauer

Satz: Daniel Uzelac

Umschlaggestaltung: Daniel Uzelac

Autorenfoto: Marie Jecel

Besuchen sie uns im Internet

www.dachbuch.at

Gewidmet Wilbirg und Anna

und Mike, dessen frühe Begeisterung für das

Manuskript zur zuversichtlichen Motivation für das Buch wurde.

Hauptbeschreibung

Die gefeierte Autorin Gisela Berger bricht aus ihrem Erfolgsgefängnis aus und beginnt plötzlich anders zu schreiben. Als Ergebnis ihrer künstlerischen Entwicklung erscheint ihre Sprache jetzt manchen sperrig, ihre Figuren werden widersprüchlicher, die Texte sind weniger gefällig. Sie will nicht mehr länger die umgängliche Schriftstellerin sein, der begehrte Gast in Talkshows und Literaturzirkeln.

Raimund Vogel, ihr Verleger, ist in Sorge. Die Verkaufszahlen könnten sinken. Wird die Starautorin wieder zu ihrer Form zurückfinden? Er greift zu ungewöhnlichen Mitteln… nur einmal zur Überbrückung...

Gisela holt zum Gegenschlag aus und überrascht ihr Publikum, ihre Widersacher und die gesamte Branche mit Fantasie und Entschlossenheit. Genauso wie sich ihre Sprache ändert, verändert sich auch ihr Wesen.

»Die Bestsellerin« ist eine kritische, humorvolle, sinnliche und einfühlsame Betrachtung des Literaturbetriebs aus der Sicht einer Frau, für die Erfolg nicht alles ist, das Schreiben jedoch ihr Leben bedeutet. Begriffe wie Autorenschaft, geistiges Eigentum, Urheberrecht und Plagiat beginnen in Zeiten digitaler Literatur zu verschwimmen. Was bleibt ist die Einsamkeit der Autorin, während sich Buchmärkte nach und nach in globalen Contentbörsenplätzen auflösen.

Autor

Josef Brainins Debüt-Roman »Der Staubleser« erschien 2013 im Braumüller Verlag und erreichte noch im selben Jahr die zweite Auflage.

Nach mehreren Berufsjahren in der Verlagsbranche kennt Brainin aber den Buchmarkt nicht nur als Autor, sondern auch aus der Sicht anderer Beteiligter. Nun liegt mit der »Bestsellerin« sein zweites Buch auf, das amüsanten Branchenzynismus übt, hellsichtige Konstrukte, reale Bedrohungen und irreale Fluchtmöglichkeiten entwickelt. Mit der ihm eigenen Sprachfreude gelingt es Brainin, ein nicht immer ganz ernstes, aber sicherlich ernst zu nehmendes Bild der Welt der Verlage, der Schreibenden und der Lesenden zu zeichnen, das vielleicht nicht ganz so ist, aber so sein könnte.

Die Bestsellerin

Anatol begann »auszufransen«, wie Gisela Berger manchmal von ihren Figuren sagte, wenn sie mit ihrer Arbeit unzufrieden war. Seine Handlungen waren nicht konsistent mit ihren eigenen Erwartungen. Anatol begann zu tun und zu lassen, was er wollte. Gisela beneidete ihre Schriftstellerkollegen, von denen sich viele gerne an reale Vorlagen hielten. Sie hatten kein Problem mit der Authentizität. Wenn jemand echt war, dann stellte sich die Frage nicht nach Glaubwürdigkeit der Person und Schlüssigkeit des Handlungsbogens. Greise Väter, Eishockeyspieler, Forscher und Entdecker, Familiengeschichten der Großmutter und die Dorfkinobesitzerin, alle waren durch akribische Recherche legitimiert.

Aber Anatol war Giselas Erfindung, die plötzlich ein Eigenleben begann, das von irgendwoher in ihre Tastatur geronnen war, ohne dass sie es kontrollieren konnte. Da war zum Beispiel seine oberflächliche Beziehung mit der Nachbarin, eine sexistische Girl-next-door-Situation, die jeder Lektor hinterfragen würde. Raimund hatte auch schon begonnen daran herumzukratzen. Anatols Charakter war rücksichtslos streitsüchtig bis zur völligen Vernichtung des Gegenübers. Wirtschaftliche und soziale Konventionen missachtete er weitgehend. Was für ihn zählte, war nur seine Arbeit als Fotograf. Dabei – und darauf legte Gisela sehr viel Wert – hatte Anatols Unangepasstheit ihre Wurzeln in seinem tiefen kryptoanarchischen Verständnis von Freiheit und damit in der Ablehnung von allem, was Anatol als spätkapitalistische Bürgerlichkeit bezeichnete.

Gisela war als Schriftstellerin zu erfahren und zu gewissenhaft, um sich damit zufrieden zu geben, dass diesmal einer wie Anatol ihr Protagonist war und nicht ein anderer. Es beunruhigte sie, wie wissend und eindringlich sie von den bedrohlichen Ahnungen und Motivationen ihrer Hauptfigur schrieb. Im Augenblick des Schreibens empfand sie das als absolut relevant und vertretbar. Später, beim Durchlesen, wunderte sie sich über die eigentümliche Farbe, die ihr Text angenommen hatte. Versuche, manche Passagen tiefgreifend zu überarbeiten, scheiterten. Stilistische Eingriffe, die Monologe und Dialoge verknappten, semantische Veränderungen, die die Intensität von Worten behutsam reduzierten, um auf diese Weise mehr Distanz zwischen sich und dem Text zu schaffen, machten das Ganze nur holpriger und die Lesbarkeit litt. Ihre eigene Unzufriedenheit trieb sie sogar dazu, die noch unfertigen Teile des Buches anderen vorzulesen, um Hinweise zu erhalten, wie sie Verbesserungen erreichen könnte. Die Ergebnisse waren naturgemäß nicht nur vielfältig, sondern auch unbefriedigend.

Je länger sich Gisela mit Anatol abgab, umso deutlicher zeichnete sich die Bedeutsamkeit seiner Lebensthemen für sie selbst ab und damit einhergehend, die Irreversibilität ihres neuen Stils. Gisela begann das nach und nach an der Ausweglosigkeit ihres eigenen Erfolgs festzumachen.

Sie hatte sich in über 20 Jahren schriftstellerischer Arbeit im deutschsprachigen Raum als Gisela Berger etabliert. Sie war eine Marke geworden, sie hatte ihre Zielgruppe und ihren Marktwert und funktionierte tagaus tagein so, dass sie ihren Marktwert kontinuierlich erhöhte. Selbstverständlich konnte sie mit ihren Möglichkeiten gegen diese Vereinnahmung ankämpfen. Sie tat das auch, wann immer sich dazu eine Gelegenheit bot. Sie hatte ihren Staatspreis dem Integrationshaus gestiftet, sie wurde bei der Demonstration gegen die Schwarz-blaue Regierung kurzfristig festgenommen. Sie hatte sich nie ein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um Anliegen von Migrantinnen, um Opposition gegen Männerbünde, um zweifelhafte historische Ansichten zu Heimat und Vaterland ging oder um die erbärmliche Kulturpolitik. Aber immer wieder musste sie feststellen, dass alle ihre Anstrengungen nichts änderten, außer dass sich ihre Auflagen und die Anzahl der Angebote für öffentliche Auftritte erhöhten.

Jetzt schien endlich Bewegung zu entstehen. Wie ganz von selbst. So als hätte ihr Talent genug von der jahrzehntelangen Ausbeutung. Ihre Hauptfigur war nicht mehr ganz so gefällig und widersetzte sich den Korrekturmaßnahmen ihrer Schöpferin. Ihre Texte begannen sperrig zu werden. Manche ihrer Testzuhörer vermissten die Geschliffenheit ihrer Sprache, empfahlen eine Überarbeitung.

Gisela dachte nicht daran. Sie beobachtete sich selbst wie eine Fremde und ließ sich gewähren, hilflos und neugierig zugleich. Es war ihre eigene, sorgfältig trainierte Aufmerksamkeit, die sie nicht mehr nur ihren erfundenen Figuren, sondern endlich auch sich selbst angedeihen ließ.

***

Private Lesungen waren oft peinlich, weil die Distanz fehlte, die Anonymität. Öffentliche Lesungen waren für sie mittlerweile zu einem wirtschaftlich unentbehrlichen Erwerbszweig geworden, aber gewöhnt hatte sie sich immer noch nicht daran. Private Lesungen hatten ja nicht einmal eine finanzielle Motivation. Warum tat sie sich das also an? Warum bereitete sie sich vor, warum wählte sie die Passagen so sorgfältig, als ginge es um den Bachmann-Preis?

Weil sie Profi war, versicherte sie sich immer wieder, deswegen. Fehlerlos, auch in kleinen Dingen perfekt, zumindest besser als die anderen, das war ihr Ziel. Pünktliche Lieferungen von Texten und Korrekturen, zehn Minuten vor der Abfahrt des Zuges am Bahnhof, genaue Recherchen, präzise Antworten auf wirre Interviewfragen, das waren ihre Markenzeichen in der Branche.

Es war auch, was die Leser, meist ja Leserinnen, an ihr schätzten. Ein Handlungsbogen, der sich vereinbarungsgemäß modern an die in sich geschlossenen Sprachmodule schmiegte, der sich nach und nach offenbarte und die Leserinnen durch Einsicht und Erfahrung, vor allem aber durch die Aufmerksamkeit ihrer eigenen Vergangenheit gegenüber berührte. Die narrative Atemlosigkeit, sprunghaft geklitterte Kapitel und Bezüge, die sich erst später erklärten, eine Erzähltechnik, die sie auch in ihrem Vortrag widerspiegelte, verliehen dem Erlebten Authentizität.

Leser und Zuhörer waren mit einem fremden Schicksal konfrontiert, dessen Unerreichbarkeit nicht nur durch die zeitliche Entfernung vergangener Jahre, sondern auch durch die geografische Distanz in eine geheimnisvolle Wolke gehüllt blieb. Die Schilderung befremdlichen Brauchtums, der straffen Familien- und Dorfstrukturen und der Einsamkeit von Alpentälern, in denen mehr Geschichte zum Leben erweckt wurde, als ihre Abgeschiedenheit manchmal erwarten ließ, trugen nicht nur zum ethnografischen Verständnis eines aussterbenden Biotops bei, sondern hatten auch Giselas Sprache gefärbt.

Ihre beiden deutschen Verlage der letzten zehn Jahre hatten an ihren Texten gearbeitet, aber ihr eigener Duktus und die so typische Lautmalerei blieben unverwechselbar. Die charmante Eigenheit, bestimmte Präpositionen anders einzusetzen als herkömmliche Schulbildung forderte, manche archaisch anmutenden Konjugationen, die Zuhörer verunsicherten und angesichts der Autorität der bekannten Schriftstellerin an ihren eigenen Deutschkenntnissen zweifeln ließen, waren Teil ihres persönlichen Sprachraums. Dieser war jedoch der ständigen korrektiven Multiplikationsarbeit von Radio und Fernsehen ausgesetzt, die den Textraum ihrer Bücher nach und nach einengte. Dieser Prozess blieb Gisela nicht verborgen. Sie wehrte sich so gut es ging. Gekettet an ihr Medium Sprache, lebte die Entwurzelte mit der ihr eigenen Konsequenz das Leben einer Emigrantin. Jede Änderung oder Anpassung wäre entweder Verrat an ihrer Herkunft – der sprudelnden Quelle ihrer literarischen Legitimation – gewesen oder ein ernsthafter Einschnitt in ihren in die Jahre gekommenen Broterwerb.

Gisela sah sich um. Sie hatte sich zwar vorgenommen vor der Lesung nichts zu trinken, aber ohne Glas in der Hand fühlte sie sich in dieser zunehmend fröhlichen Abendgesellschaft verloren. Der Gastgeber, ein bekannter und erfolgreicher Rechtsanwalt, war ein Freund aus früheren Tagen. Er hatte zu seinem runden Geburtstag geladen und auch sie zu diesem Abend gebeten. Ob sie aus ihrem neuen Buch lesen wollte? Gerne, hatte sie gesagt, ohne nachzudenken. Dann, erst viel später hatte sie gefragt: Was für Leute kommen denn da hin? Ach, nur Freunde, hatte er gesagt und es vermutlich auch so gemeint. Gisela erinnerte sich an kerzenbeleuchtete Wohnungen und süßen Haschischgeruch in der Luft. Legionen von leeren Dopplern und Bierflaschen in der Küche und jemand hatte seine Gedichte vorgetragen. Alle hatten sie damals Bärte und rochen gleich. Manchmal, wenn man mit einem von ihnen auf einem der leintuchlosen Betten war, musste man schon genau schauen, welcher von ihnen das jetzt war. Alle waren sie damals schlank, langhaarig und leidenschaftlich. Gisela sah den Gastgeber an. Er trug sein Hemd aus der Hose und relativierte somit jenen Dresscode, den sich manche seiner Gäste ihm zu Ehren auferlegt hatten. Vielleicht hatte er es aber auch ein bisschen für sie gemacht. Ein Zeichen. Nein, ich habe nicht vergessen, wo wir herkommen. Auch nach all den Jahren nicht.

Ein Mädchen ging mit einem Tablett vorbei. Der kühle Weißwein tat gut. Was für ein Stimmengewirr. Gisela konnte ihr Gehör so einstellen, dass sie die Bedeutung von Worten ausblendete und alles Hörbare im Raum in einen mächtigen Geräuschstrom einfließen ließ. Und dann begann sie auf diesen Schwingungen akustisch zu reiten, hoch und tief, laut und leise bis ihr schwindlig wurde. Sie hielt ihr Glas fest und lehnte sich gegen die weiße kühle Wand. Eine Brandung umspülte sie. Sie war untergetaucht.

»Alles okay, Gisela?« Sie öffnete die Augen. Dieser kleine Satz hatte sich durch den Wirbel gekämpft und an das Ufer ihrer Wahrnehmung retten können, ohne fortgerissen zu werden.

»Ja, ja, danke – nur ein bisschen heiß hier.«

»Komm auf die Terrasse, dort ist es kühler.«

Gisela folgte dem Gastgeber dankbar. »Ja, hier ist es besser.«

»Wann können wir die Lesung machen, was glaubst du?«

Gisela dachte bei sich, dass er den Satz: Bevor alle zu betrunken sind… aus Höflichkeit ausgespart hatte. »Jederzeit«, log sie ein bisschen.

»Gut, dann sagen wir in fünf Minuten.«

Sie hatte ihre Chance gehabt. Er war nicht gewohnt, zweimal nachzufragen. Sie nickte.

Das Zimmer war viel zu hell. Die Menschen kamen langsam herein. Manche hatten sich noch rasch vom Buffet etwas zu essen mitgenommen, fast alle hielten gefüllte Gläser in den Händen. Man war zumindest kulinarisch vorbereitet, die Lesung über sich ergehen zu lassen. Der Gastgeber dankte allen für ihr Kommen und insbesondere Gisela Berger, die ihn davon enthoben hatte, eine Rede zu halten, die er anlässlich des eigenen Anlasses für durchaus erlässlich hielte. Gut und witzig formuliert, dachte Gisela, die darin ein nostalgisches Zeichen erkannte. Sich als Mitglied einer autoritätslosen Gruppe selbst zu loben, war schon immer uncool gewesen, auch wenn es damals noch nicht so praktisch bezeichnet wurde. Einzelne Gäste, die keinen Sitzplatz mehr gefunden hatten, suchten eine Lehnposition an einer Wand oder einem Möbel. Sie übernahm das Wort und setzte dort fort, wo ihre Vorstellung geendet hatte, bei ihrem neuen Roman, der im Sommer erscheinen würde.

***

Anatol versagte sich. Er war Objekt geworden, das zwischen den Geschehnissen seines Alltags Platz fand wie Dichtungsmaterial. Er füllte es aus, er dämmte. Seine Konturlosigkeit wurde von außen begrenzt. Präzise waren die Beschränkungen, nicht aber er selbst. Damit wurde er austauschbar. Eine reproduzierbare Figur. Gisela beschäftigte sich nicht mehr mit der Entscheidungsfreiheit des von ihr geschaffenen Subjekts innerhalb ihrer Erzählstruktur, die – je nachdem – dessen Scheitern oder dessen Erfolg beinhaltete. Vielmehr war sie mit der Unmöglichkeit eines solchen Romans konfrontiert, mit der absehbaren Ohnmacht des Protagonisten, die sich sprachlich und formal auch auf ihre Arbeit als Autorin auszudehnen begann.

Raimund war fassungslos. Gisela hatte sich ihm entzogen, so wie sich Anatol ihr entzogen hatte. Raimunds Misstrauen gegenüber Anatol war zu hemmungslosem Zorn geworden. Gleichzeitig wusste er, dass Gisela eine Schwelle überschritten hatte, die eine Rückkehr unmöglich erscheinen ließ. Wollte er Gisela Berger nicht vollständig verlieren, dann musste er sehr rasch an ihrer Neupositionierung im Buchgeschäft arbeiten. Das hieß die richtigen Rezensenten neu zu sensibilisieren und die bisherigen Berger-Fans unter ihnen vor Enttäuschung zu bewahren. Eventuell musste der Verlag schleunigst ausgewählte Neuauflagen im Schuber oder so etwas herausbringen und vor allem musste der Film vorangetrieben werden, der noch mehr Marktanteile bringen würde, bevor auch dieses Publikum durch Giselas neue Arbeiten vollständig verloren sein würde.

Raimund versuchte Gisela sehr feinfühlig seine kommerziellen Verlagsstrategien vorzutragen, hatte aber das Gefühl, dass sie ihm kaum zuhörte.

***

Gisela Berger war seit fast genau einem Monat 43 Jahre alt. Es war das erste Mal, dass sie zu Weihnachten nicht zuhause sein würde. Ihre Lesetermine in Hamburg und in Berlin waren dicht gestaffelt. Der Verlag wollte noch einen Impuls für das Weihnachtsgeschäft setzen. Es läuft gut, Gisela, hatte Raimund gesagt, sehr gut.

Ihre Mutter war traurig und gekränkt gewesen. Aber Gisela wusste, es war nicht nur die unerwartete Abwesenheit der Tochter von den Familienfeierlichkeiten, die sie traurig machte, sondern es war auch die routinierte Unterstützung dieser Tochter, die ihr bei den Weihnachtsvorbereitungen fehlen würde. Die Keksbackerei, der Hausputz, die großen Mahlzeiten, die Auswahl, Besorgung und das Verpacken der Geschenke, die langen Nachmittage mit den vielen Kindern aus der Familie, die Besuche und Gegenbesuche der Verwandten – all das waren die jährlichen Fitness-Benchmarks für eine alternde Frau, die von kritischen Familienmitgliedern beurteilt wurden. Analytische Bisse in das saisonale Traditionsgebäck, professionelle Blicke auf Polstermöbel, Teppiche und Vorhänge, Getuschel unter den Tanten, jede selbst am jährlichen Prüfstein der Familie. Wer würde die nächste sein, die die Verantwortung an die kommende Generation abgab?

Raimund war mit der Lesetour sehr zufrieden gewesen, musste aber dringend nach München und hatte sie seinem »lieben Freund Joachim, du kennst doch Joachim…« an den Hals geworfen, der sie für Heiligabend, wie sie hier sagten, in das Borchardt bestellt hatte. Joachim war freier Lektor für Raimund und Gisela kannte ihn vom Sehen. Sie hatten noch nie zusammen gearbeitet, aber er war bei ihren letzten beiden Lesungen in Berlin dabei gewesen und hatte ihr mehrfach gratuliert. Das war offenbar aus der Sicht Raimunds Legitimation genug, um sie zu einem Abend mit ihm zu »verdonnern«. Feiert nur schön, der Verlag übernimmt die Rechnung. Eine seltene Gelegenheit. Raimund sparte sonst bei allem. Einmal wollte er sogar

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