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Jetzt erzähle ich: Die Autobiographie von Jenny Müller

Jetzt erzähle ich: Die Autobiographie von Jenny Müller

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Jetzt erzähle ich: Die Autobiographie von Jenny Müller

Länge:
265 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 21, 2018
ISBN:
9783746058672
Format:
Buch

Beschreibung

Nach allerlei überwiegend unerfreulichen Erfahrungen und Irrwegen landet Jenny in der Wohngruppe einer städtischen Jugendhilfeeinrichtung. Dort schreibt sie auf Anregung der Heimpsychologin zwischen Oktober 2012 und Mai 2013 ihre Autobiographie nieder, unterbrochen von Berichten und Schwänken aus dem WG-Alltag. In dieser Zeit feiert sie ihren sechzehnten Geburtstag.
Wer "Umbra heißt Schatten" gelesen hat, wird feststellen, dass es sich bei Jenny um Ambers alte Schulfreundin handelt.

"Jetzt erzähle ich" ist zwar ein Jugendroman, aber er richtet sich auch an Erwachsene, die ein Interesse an jungen Menschen haben - Eltern, Lehrer, Erzieher ... - und gern ein spannendes Buch lesen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 21, 2018
ISBN:
9783746058672
Format:
Buch

Über den Autor

Ina Kramer wurde in Mülheim an der Ruhr geboren, machte Abitur in Essen, studierte Freie Kunst und Künstlerisches Lehramt an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, unterrichtete vier Jahre lang Kunst an einem Duisburger Gymnasium, malte und nahm an einigen Gruppenausstellungen teil, assistierte Ulrich Kiesow beim Erstellen des Regelwerks für das Fantasy-Rollenspiel Das Schwarze Auge, trug durch Texte, darunter vier Romane, und zahlreiche Illustrationen zur Ausgestaltung der Spielwelt Aventurien bei, betreute als freie Lektorin diverse Romanprojekte, schrieb und schreibt Prosa und Gedichte. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf.


Buchvorschau

Jetzt erzähle ich - Ina Kramer

gekommen

1. Kapitel – Ich, Jenny

Also erstens: Ich heiße Jenny mit J vorne und nicht Dschenny!

Und zweitens: Meine Idee war das nicht, dieses Buch hier. Es war Andreas Idee. Sie hat gesagt, ich soll mal mein Leben aufschreiben. Ein bescheuerter Vorschlag, wenn ihr meine Meinung wissen wollt. Wer schreibt denn mit fünfzehn dreiviertel seine Autobiographie? So heißt das. Okay, Justin Bieber hat seine mit sechzehn geschrieben, aber der ist ja auch ein Popstar, da ist das was anderes. Ich bin nur Jenny Müller, war noch nie berühmt und werde es auch nie sein. Wen sollte da mein Leben interessieren? Müller ist übrigens nicht mein richtiger Nachname, aber ich habe keine Lust, den echten zu verraten. Andrea findet das irgendwie unlogisch. Denn erstens, sagt sie, soll ich mein Leben ja nicht für andere aufschreiben, sondern für mich (was wiederum ich ein bisschen unlogisch finde; ich kenne mein Leben ja schon). Und zweitens würde mich eh jeder wiedererkennen, der mich von früher kennt, ob da nun Müller, Meier oder Merkel steht. Merkel heißt unsere derzeitige Bundeskanzlerin.

Das war mal wieder so ein Scherz von Andrea, den Namen der Kanzlerin mit aufzuzählen. Ich fand es, ehrlich gesagt, auch nicht völlig unwitzig, weil Merkel mit M anfängt, also passt, und weil Frau Merkels Leben wahrscheinlich so ziemlich das Gegenteil von meinem war (ihr Vater war Pfarrer, sagt Andrea). Wahrscheinlich sind Andrea und ich die einzigen, die über so was lachen können. Ich habe dann Andrea auf den Widerspruch hingewiesen, nämlich, dass mich ja wohl kaum einer wiedererkennen könne, wenn ich für mich schreibe, also ich meine einzige Leserin bin. Da hat sie gesagt, ich solle mir einen fiktiven Leser vorstellen. Das ist ein ausgedachter Leser, einer, den es gar nicht gibt, aber geben könnte. Sich selbst hat sie ausdrücklich nicht damit gemeint, denn sie ist ja real, und für sie soll ich auch nicht schreiben (obwohl ich glaube, dass sie meinen Erguss ganz gern lesen würde; irgendwann werde ich es ihr vielleicht erlauben).

Andrea findet es übrigens lächerlich beziehungsweise peinlich, dass dieser Justin Bieber mit sechzehn seine Autobiographie geschrieben hat. Falls er sie überhaupt selbst geschrieben hat, wie sie sagt, und nicht ein Ghostwriter. Ghostwriter sind Leute, die für Leute schreiben, die nicht schreiben können. Alles klar? Ihr merkt schon, bei Andrea kann man ziemlich viele schlaue Wörter lernen. Andreas Begründung, warum sie Justin Biebers Autobiographie peinlich findet, erspare ich euch jetzt. Ich weiß gar nicht, ob sie die überhaupt gelesen hat. Nur das eine sollt ihr wissen: Sie glaubt, dass mein Leben viel spannender oder ereignisreicher war als seins. Dabei kennt sie bisher nur sehr wenig davon.

Wo ich denn anfangen soll, habe ich Andrea gefragt. Im Kindergarten? Bei meinen frühesten Erinnerungen? Aber sie findet, das sei egal, ich könne irgendwo anfangen. Da kam mir komischerweise als erstes Amber in den Sinn, die Zeit mit ihr und alles, was damals so passiert ist. Aber wenn ich das als erstes erzähle, versteht der fiktive Leser ja nichts. Da ist es wohl doch besser, ich fange mit meiner Kindheit an. Obwohl, die ist für meinen fiktiven Leser möglicherweise noch uninteressanter als der Rest. Ich stelle ihn mir nämlich ungefähr in meinem Alter vor und auch so ähnlich drauf wie ich, und ich interessiere mich nur sehr in Maßen für die Kindheitserinnerungen meiner Altersgenossen. Ich werde das Thema also kurz abhandeln, auch wenn Andrea meint, ich solle mir ruhig Zeit lassen. Aber Andreas Vorschlag, den Text in Kapitel aufzuteilen, werde ich übernehmen. Das würde ihn strukturieren, also irgendwie übersichtlicher machen, findet sie, und mir die Arbeit erleichtern.

Gerade kommt mir ein komischer Gedanke: Wenn ich mein ganzes Leben aufschreibe, werde ich nie fertig; ich kann mich einfach nicht einholen. Weil, mein Leben geht ja immer weiter, während ich schreibe. Und wenn ich den heutigen Tag erreicht habe, sind wieder ein paar Wochen oder Monate vergangen, je nachdem wie schnell ich das schaffe. Und wenn ich von diesen Wochen oder Monaten berichte, ist mein Leben in der Zwischenzeit wieder weitergegangen, und das schreibe ich auf, und das dauert, und darüber vergeht die Zeit, und so weiter und so fort...

Das muss ich unbedingt Andrea erzählen, aber vielleicht sind das auch nur ganz bescheuerte Überlegungen.

Andrea ist Psychologin. Sie arbeitet in der Einrichtung, in der ich wohne, im Haupthaus. Da hat sie ihr Büro oder ihre Praxis, und ich besuche sie ein- bis zweimal die Woche, um mich mit ihr zu unterhalten.

Nein, nicht was ihr denkt! Ich bin nicht gaga, und unsere Einrichtung ist keine Klapse. Sie heißt Städtisches Jugendhilfezentrum und besteht aus zwei Häusern mit mehreren Wohngruppen. Ich wohne im „Haus Lotte, das heißt so nach einer Romanfigur von Erich Kästner. Das andere heißt „Haus Emil, auch nach einem Jugendbuch von Erich Kästner, nämlich „Emil und die Detektive". Ich habe es nicht gelesen, soll aber ziemlich gut sein.

2. Kapitel – Die Wohngruppe

Meine Mutter lebt in einer anderen Stadt und hat eine Macke, oder ein Problem, wie Andrea sagt. Ich habe auch einen Vater, klaro, wie jeder Mensch. Aber den kenne ich nicht. Der ist abgehauen, als meine Mutter mit mir schwanger war. Vielleicht ist er ja inzwischen gestorben, dann müsste es heißen, dass ich einen Vater hatte. Ich fänd es okay, wenn er tot wäre. Dann könnte er nämlich nicht eines Tages hier aufkreuzen und so tun, als ob er mich fünfzehn Jahre lang vermisst hätte, der Arsch. Und ich müsste ihn nicht mit den übelsten Schimpfworten begrüßen, die ich kenne und von denen Sackgesicht und Wichser noch die harmlosesten sind.

Meine Mutter glaubt nicht, dass er tot ist. So einer stirbt nicht so leicht, sagt sie. Sie vermutet ihn eher im Knast, oder gerade wieder draußen, oder mit einem Bein schon wieder drin. Ist auch egal. Er sucht mich nicht, ich suche ihn nicht, keiner braucht ihn. Glaube ich zumindest. Aber er sah ziemlich gut aus, das muss ich leider zugeben. Meine Mutter hat mir mal ein Foto gezeigt aus der Zeit, als sie und der Arsch noch zusammen waren und sie schwer in ihn verknallt. Sie behauptet auch, dass ich ihm ähnlich sehe. Ob sie das als Kompliment gemeint oder gesagt hat, um mich zu ärgern, weiß ich nicht. So was ist bei ihr manchmal schwer zu unterscheiden.

Ich finde übrigens, dass ich ihm nicht sehr ähnlich sehe, und seit ich die Haare schwarz gefärbt habe, noch weniger – schwarz, so wie Amber sie damals hatte.

Aber genug jetzt von meinem Alten! Ich hab schon viel zu viel über den geschrieben!

Wo ich gerade beim Schreiben bin, fällt mir ein: Ihr wundert euch sicher, dass ich so wenig Fehler mache, stimmt’s? Das liegt aber nicht daran, dass ich eine Superleuchte in Rechtschreibung und Grammatik bin (obwohl, in meiner jetzigen Klasse gehöre ich in Deutsch schon so ziemlich zu den Besten), sondern am Schreibprogramm. Das korrigiert Rechtschreibfehler automatisch und markiert Grammatikfehler mit einer grünen Zickzacklinie. Ich schreibe nämlich am Computer, an Andreas altem Laptop. Den hat sie mir als Dauerleihgabe für dieses Projekt, wie sie das, was ich hier mache, nennt, zur Verfügung gestellt. In unserer Wohngruppe gibt es zwar auch einen Computer, aber der ist meistens besetzt. Irgendeiner muss immer chatten oder bekloppte Videos auf YouTube gucken oder spielen oder sonstwas.

Naja, ich will nicht ungerecht sein. Vanessa sagt manchmal, dass sie ganz dringend was für die Schule nachgucken muss. In diesem nervigen nöligen Ton, den sie immer anschlägt, wenn sie was erreichen oder sich vor was drücken will. Das Argument Schule/Hausaufgaben zieht bei unseren Erziehern immer, aber hallo. Und dann werden Motz oder Denise, oder wer sonst gerade am Computer sitzt, von dort verscheucht und Vanessa hockt die nächste halbe Stunde vor dem Bildschirm und schreibt Wort für Wort ab, was da steht. Wir haben nämlich keinen Drucker.

Ob auf unserem Computer ein Schreibprogramm installiert ist, weiß ich gar nicht. Darum habe ich mich noch nie gekümmert, weil, ich würde sowieso niemals auf dem Wohngruppenrechner was schreiben. Keinen Schulaufsatz und erst recht nicht meine Autobiographie. Auf keinen Fall! Warum? Blöde Frage. Wenn ich zu den anderen sage: Das ist privat, das geht keinen was an, lasst bloß die Finger davon, dann macht das die doch gerade scharf. Ich wäre noch nicht ganz zur Tür raus, da wüssten sie schon, was ich geschrieben habe, und am nächsten Tag wüsste es meine halbe Schule.

Andreas ausgemusterter Laptop wäre normalerweise auch nicht wirklich sicher vor denen; ich schleppe ihn schließlich nicht ständig mir rum. Motz zum Beispiel habe ich schon zweimal dabei erwischt, wie er an dem Ding rumgefummelt hat. Aber da kann er noch so viel tippen und hacken, der kommt in kein Programm rein. Mein Rechner ist nämlich mit einem Passwort gesichert. Andrea hat mir gezeigt, wie das geht. Tja, und mein Passwort, das wird so leicht keiner rauskriegen. Das ist nicht Jenny rückwärts oder sonst was Kindisches leicht zu Knackendes. Das ist was aus meinem früheren Leben, da kommt keiner drauf.

Vanessa und Motz habe ich schon erwähnt. Da passt es ja, wenn ich jetzt ein bisschen von unserer Wohngruppe und ihren übrigen Mitgliedern erzähle. Ich lebe seit fast vier Monaten hier und habe den Platz einer gewissen Jamila eingenommen, die rausgeflogen ist, weil sie achtzehn geworden ist. Ja, so geht das bei uns: Mit achtzehn fliegt man raus. Ich bin übrigens auch rausgeflogen, nämlich bei meiner Tante, bei der ich vorher gewohnt habe. Rausgeflogen in beiderseitigem Einvernehmen. Find ich gut, die Formulierung: beiderseitiges Einvernehmen. Aber meine Tante ist noch nicht dran, zu der komme ich später.

Wir haben drei Erzieherinnen und einen Erzieher, die sich in unserer Betreuung abwechseln. Mindesten eine oder einer muss immer anwesend sein, auch nachts. Gerade nachts.

Steffi ist die Chefin der Truppe. Sie ist keine Erzieherin, sondern was Besseres, eine Studierte, Sozialpädagogin oder so. Und witzigerweise erzieht sie nicht nur uns (das heißt, sie versucht es), sondern manchmal auch unsere Erzieher. Nicht offensichtlich, aber doch so, dass man es merkt, wenn man Augen und Ohren und Antennen für so was hat. Steffi sieht für ihre schätzungsweise vierzig Jahre nicht schlecht aus, und sie ist mir auch nicht von Herzen unsympathisch, aber, sagen wir mal so, es gibt angenehmere Menschen.

Florian ist lang und dünn, hat einen flusigen Ziegenbart und lässt einem ziemlich viel durchgehen. Abends holt er manchmal seine Gitarre raus und unterhält die Runde mit dämlichen Liedern aus seinem früheren Leben als Pfadfinder. Grauenhaft! Ich verzieh mich immer, wenn er loslegt. Aber er kann ziemlich gut kochen. Alles in allem ist er okay.

Bea ist auch dünn, kann aber nicht Gitarre spielen und kocht immer dasselbe: Spaghetti mit Tomatensauce oder Reis mit Scheiß. Der Ausdruck stammt nicht von mir; so hieß das Essen schon vor meinem WG-Beitritt. Schmeckt aber gar nicht so übel. Bea kennt ungefähr zweitausend Gesellschaftsspiele, und, das muss ich zugeben: Nicht alle sind bescheuert.

Elke ist dick und doof, hat eine piepsige Stimme, die aber total schrill und laut werden kann, wenn sie sich aufregt. Und sie regt sich oft auf, manchmal sogar zu recht. Seltsamerweise sind die beiden Kleinen ganz vernarrt in sie. Sie muss also wohl doch irgendwas Nettes an sich haben, das mir bisher nur noch nicht aufgefallen ist.

Soviel zu den Erziehern. Jetzt zu meinen Mitbewohnern. Wir sind sechs insgesamt. Ich habe, wie gesagt, den Platz von Jamila eingenommen und demzufolge auch ihr Bett und ihre Zimmergenossin geerbt. Die heißt Denise und ist die älteste in unserer Wohngruppe; nächste Woche wird sie siebzehn. Sie besucht die zehnte Klasse einer Förderschule. Auf einer Förderschule war ich auch mal, aber auf einer anderen, also können wir uns nicht über gemeinsame Lehrer oder Mitschüler unterhalten. Wir haben überhaupt nicht sehr viel gemeinsam, zum Beispiel einen total unterschiedlichen Musikgeschmack. Denise hat einen ganz gruseligen: Schlager und Discoscheiß. Ich habe im Gegensatz zu ihr einen sehr guten Musikgeschmack. Den verdanke ich einem früheren Lehrer, Herrn Mewes. Der war klasse, und über den werde ich euch einiges erzählen, wenn es soweit ist. Ich komme mit Denise ganz gut klar, sie nervt kaum, außer, wenn sie mir die letzte Folge von GZSZ erzählt. Das ist eine Daily Soap, und wenn ich die gucken wollte, würde ich das auch tun. Das habe ich Denise schon mehrfach erklärt. Aber sie scheint das irgendwie nicht zu begreifen, denn mindesten dreimal pro Woche muss ich mir anhören, wer gerade in wen verknallt ist, wer mit wem Schluss gemacht hat, wer gegen wen intrigiert und so weiter. Intrigiert sagt Denise natürlich nicht, das ist ein Andrea-Wort und bedeutet: Ränke schmieden. Ja, so hat Andrea es mir erklärt, und da war ich natürlich genau so schlau wie vorher: Ränke schmieden? Also, intrigieren oder Ränke schmieden bedeutet: einen gegen den anderen ausspielen.

Hier kommt eine Zwischenbemerkung: Euch ist sicher schon (unangenehm?) aufgefallen, dass ich Fremdwörter erkläre. Das liegt aber nicht daran, dass ich euch für blöd halte. Vielleicht kennt ihr die Wörter ja alle schon. Ich hatte nur am Anfang gesagt, dass ich mir die fiktiven Leser, also euch, ungefähr so vorstelle wie mich, und zwar so, wie ich war, bevor ich Andrea kennengelernt habe. Damals kannte ich nur ein einziges Fremdwort, nämlich provozieren. Ich wusste zwar nicht, wie das auf Deutsch heißt, aber doch in etwa, was es bedeutet, weil die folgenden beiden Sätze die häufigsten waren, die ich in meiner Kindheit zu hören bekommen habe: Musst du eigentlich immer provozieren? und Lass dich doch nicht immer provozieren!

Also, ich halte euch nicht für blöd, und ihr haltet mich hoffentlich nicht für arrogant oder so, weil ich GZSZ blöd finde. Ich finde es nicht blöd. Ich finde es auch nicht toll. Ich weiß nicht, wie ich es finde, weil ich es nicht gucke. Und ich gucke es nicht, weil man bei einer Daily Soap nicht bei Folge 4236 (keine Ahnung, ob das stimmt, vielleicht sind sie auch schon bei Folge 5813) einsteigen kann. Dann kapiert man nämlich nichts. Und den Nerv, mir von Denise die vorangegangenen 4235 Folgen erzählen zu lassen, habe ich nicht. Selbst wenn sie besser erzählen könnte, wäre mir meine Lebenszeit dafür zu schade.

Denise hat rot gefärbte Haare und neigt zum Dickwerden. Noch geht es, aber sie muss aufpassen. Seit ich sie kenne, hat sie schon vier Kilo zugenommen.

Weiter mit meinen Mitbewohnern. Der jüngste ist Motz. Richtig heißt er Moritz und ist zehn. Motz wird er wahrscheinlich genannt, weil das so schön kurz ist, und nicht, weil er besonders viel motzt. Ich meine, er motzt schon ziemlich viel, aber das tun wir anderen auch. Motz ist ein großer Elke- und Nutella-Fan, daher ziemlich dick, richtig fett, teigig und ungelenk. Und er platzt immer zu den unmöglichsten Zeiten in unser Zimmer. Natürlich ohne anzuklopfen. Er ist wahnsinnig neugierig und schon mehr als einmal beim Rumschnüffeln erwischt worden. Wenn man ihn dann zur Rede stellt, fängt er regelmäßig an zu flennen. Er heult auch, wenn er bei Mensch ärgere dich nicht verliert. Alles in allem also kein Kind, das man brüllend gern adoptieren würde. Kann man auch nicht, weil er schon Eltern hat.

Motz teilt sich das Zimmer mit Patrick, dem zweiten Jungen in unserer WG. Zu Patrick kann ich nicht viel sagen; er ist irgendwie unauffällig. Na ja, eine Macke hat er auch, wie jeder von uns. Manchmal lacht er unvermittelt, wenn es gar nichts zu lachen gibt. Oder er haut sich auf die Schenkel und sagt irgendein Wort, das überhaupt nicht zu der Unterhaltung passt, zum Beispiel kriminell. Patrick ist vierzehn, knapp einsachtzig, hat ziemlich lange braune Haare und kriegt auf der Oberlippe einen kleinen Bart. Vanessa ist, glaube ich, in ihn verknallt.

Womit wir bei Vanessa und Jessica wären. Dass Vanessa eine Streberin ist, habe ich ja schon angedeutet. Und wie die meisten Streberinnen ist sie spindeldürr. Und klein. Sie kaut auch ihre Nägel ab und trägt einen rosa Haarreifen, damit ihr die straßenköterblonden Fetthaare nicht ins Gesicht fallen. Was die Schule betrifft, ist sie unheimlich fleißig, kritzelt stundenlang ihre Hefte voll. Ich glaube ja, dass sie manchmal nur so tut, als ob sie Hausaufgaben machen würde, um nicht staubsaugen oder den Tisch decken zu müssen. Vielleicht irre ich mich auch. Aber dass sie ständig krakeelt „Bin noch nicht mit Hausaufgaben fertig", wenn es in der WG was zu tun gibt, ist schon irgendwie verdächtig. Vanessa ist zwölf, besucht die Realschule und will später Abitur machen und was ganz Tolles studieren.

Jessica ist vierzehn und eindeutig die schönste in unserer Wohngruppe: lange blonde Haare (natur!), blaue Augen, Titten und Arsch, aber schlank und für ihr Alter recht groß. Sie will mal Germany’s next Topmodel werden und übt jetzt schon für das Casting in zwei Jahren, wenn sie sechzehn ist. Bei DSDS will sie auch mitmachen (obwohl ja niemand weiß, ob es die Sendungen in zwei Jahren überhaupt noch gibt). Dafür übt sie leider auch. Leider, denn erstens hat sie keine schöne Stimme, zweitens sucht sie sich für ihre zukünftige „Performance" immer den letzten Pop-Schrott aus, und drittens trifft sie nie, aber auch wirklich nie den richtigen Ton.

Und ich? Wie sehe ich aus? Was ist meine Macke? Ich sehe irgendwie durchschnittlich aus: weder groß noch klein, weder dick noch dünn, weder schön noch hässlich.

Meine Macke ist, sagt Andrea, dass ich keinen leiden kann. Aber das stimmt nicht. Amber konnte ich leiden. Nicht sofort, aber zum Schluss, und am meisten, als ich schon weg war.

Und Herrn Mewes konnte ich auch leiden.

3. Kapitel – Andrea

Gerade ist Motz reingeplatzt, sieht mich schreiben und quiekt: „Was schreibst du denn da? Lass mal sehen! Da hab ich vor Schreck den Laptop ausgeschaltet statt ihn einfach zuzuklappen. Ohne vorher zu speichern! Und jetzt ist alles weg, was ich in den letzten beiden Stunden geschrieben habe. So eine Scheiße! Dieser eklige, neugierige kleine Pisser! Ich könnte ihn erwürgen, hätte ihm zumindest gern eine gescheuert, aber er war zu weit weg. Da habe ich ihn nur angebrüllt: „Raus, du Fettarsch! Blöder Mistpickel! Und jetzt heult er sich an Elkes dickem Busen aus.

Ich hatte angefangen, von meiner Mutter zu erzählen, aber jetzt habe ich keine Lust, alles noch mal zu schreiben. Also schreibe ich was anderes, und zwar was über Andrea, das ich bisher vergessen hatte. Man könnte nämlich meinen – das ist mir beim Durchlesen aufgefallen –, dass ich „Andrea und „du zu ihr sage und dass sie so eine Art Freundin ist. Stimmt aber nicht. Andrea nenne ich sie nur in Gedanken. Mit vollem Namen heißt sie Andrea Stockamp, und ich sage „Frau Stockamp und „Sie zu ihr. Sie ist auch keine Freundin oder mütterliche Freundin. Das würde vom Alter her zwar ungefähr passen, sie ist nur sechs Jahre jünger als meine Mutter, geht aber nicht, weil: Es ist nicht erlaubt.

Das ist auch so etwas, das ich nicht verstehe und das mich manchmal richtig wütend macht. Wenn ich vor oder nach unseren Sitzungen, so heißen die Gespräche, oder abends vor dem Einschlafen über sie und mich nachdenke, dann kriege ich oft fast einen Hass auf sie. Oder wie würdet ihr das finden, wenn jemand, von dem ihr glaubt, dass er sich für euch und eure Probleme interessiert und euch leiden kann und mit dem ihr euch eine Stunde lang ganz toll unterhalten habt wie mit einer guten Freundin, plötzlich auf die Uhr guckt und sag: „So Jenny, die Stunde ist vorbei. Wir sehen uns nächsten Donnerstag."? Da würdet ihr doch sicher auch glauben, dass diese ganze Freundlichkeit und Anteilnahme nur geheuchelt sind, oder?

Andrea hat versucht, es mir zu erklären. Therapeut und Patient dürften keine private Beziehung eingehen, sagt sie; eine professionelle Distanz sei wichtig bei ihrer Arbeit. Außerdem verstoße eine solche

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