Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Bestie ICH in Mexiko

Bestie ICH in Mexiko

Vorschau lesen

Bestie ICH in Mexiko

Länge:
556 Seiten
7 Stunden
Freigegeben:
Mar 28, 2018
ISBN:
9781386586173
Format:
Buch

Beschreibung

Als ich an der mexikanischen Küste von Bord des Schiffes „Walküre“ ging, ahnte ich noch nicht, dass sich von diesem Zeitpunkt an mein komplettes Leben für immer verändern würde. Ich war jung und suchte nach waghalsigen Abenteuern. Denn in Mexiko herrschten instabile politische Verhältnisse, und eine Revolution folgte der anderen. Im Moment waren es die Yaquitruppen des Generals Pancho Villa, die auf dem Vormarsch waren – und diesen mutigen Soldaten wollte ich mich anschließen. Ich wusste nichts von Krieg, Gewalt, Blut und Terror – aber all dies sollte ich bald am eigenen Leib erleben. Es war eine Zeit, die ich niemals mehr vergessen werden, und deshakb will ich davon erzählen. Mit meinen eigenen Worten ...

BESTIE ICH IN MEXIKO ist vielleicht der bekannteste autobiografische Roman von Ernst F. Löhndorff. Mit wortgewaltiger Sprache und faszinierenden atmosphärischen Schilderungen beschreibt der Schriftsteller seine Zeit als Soldat und Offizier in diesen unruhigen Jahren. Man spürt in jedem Kapitel, wie nah Löhndorff selbst an den geschilderten Ereignissen war – und genau das macht diesen Roman auch heute noch zu einem sehr bedeutenden Juwel in der deutschsprachigen Abenteuerliteratur.

Freigegeben:
Mar 28, 2018
ISBN:
9781386586173
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Bestie ICH in Mexiko

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

Bestie ICH in Mexiko - Ernst F. Löhndorff

ERNST F. LÖHNDORFF

BESTIE ICH IN MEXIKO

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

ALS ICH AN DER MEXIKANISCHEN Küste von Bord des Schiffes „Walküre" ging, ahnte ich noch nicht, dass sich von diesem Zeitpunkt an mein komplettes Leben für immer verändern würde. Ich war jung und suchte nach waghalsigen Abenteuern. Denn in Mexiko herrschten instabile politische Verhältnisse, und eine Revolution folgte der anderen. Im Moment waren es die Yaquitruppen des Generals Pancho Villa, die auf dem Vormarsch waren – und diesen mutigen Soldaten wollte ich mich anschließen. Ich wusste nichts von Krieg, Gewalt, Blut und Terror – aber all dies sollte ich bald am eigenen Leib erleben. Es war eine Zeit, die ich niemals mehr vergessen werden, und deshakb will ich davon erzählen. Mit meinen eigenen Worten ...

BESTIE ICH IN MEXIKO ist vielleicht der bekannteste autobiografische Roman von Ernst F. Löhndorff. Mit wortgewaltiger Sprache und faszinierenden atmosphärischen Schilderungen beschreibt der Schriftsteller seine Zeit als Soldat und Offizier in diesen unruhigen Jahren. Man spürt in jedem Kapitel, wie nah Löhndorff selbst an den geschilderten Ereignissen war – und genau das macht diesen Roman auch heute noch zu einem sehr bedeutenden Juwel in der deutschsprachigen Abenteuerliteratur.

Santa Rosalia

Satt leuchtende Sterne hingen tief vom Himmel und spiegelten sich im stillen Wasser des Hafens. Vereinzelte Fische schleuderten silberglänzende Leiber über die Oberfläche, um mit leichtem Klatschen in ihr Element, das blinkende Kreise schlug, zurückzufallen.

Aus schwarzen Schatten, die riesige Segelschiffsrümpfe über schillernde Fluten gossen, schob sich sachte ein Boot, in dessen Hinterteil eine zusammengekauerte Gestalt das Ruder führte. Sprühend tropfte das Wasser wie flüssiges Silber von dem Holz, und hinter dem Fahrzeug wirbelte breites, grünlich phosphoreszierendes Kielwasser.

Ich hing, die erkaltete Pfeife zwischen den Zähnen, im Netz unter dem Klüverbaum, und meine Augen verschlangen das zauberische Bild des exotischen Hafens, der so still und verträumt vor mir lag. Den ganzen Tag hatten wir in glühender Sonnenhitze gearbeitet, um unser Schiff, die stolze Viermastbark „Walküre", die am frühen Morgen in den kleinen Hafen eingeschleppt wurde, an der Kaimauer zu vertäuen.

Zwei Wochen schon lagen wir weit draußen auf Reede mit anderen Seglern, die ihre Ladung gelöscht hatten und nun auf das Ende des eben in Europa begonnenen Krieges warteten. Die „Walküre" war von uns schmuck überpinselt worden, und während wir draußen an der Bordwand auf luftigen Gestellen klebten, mit den Beinen im lauen Wasser schlenkerten und unsere Fäuste den Farbquast führten, blickten wir sehnsüchtig nach dem Land hinüber, das so nahe und doch für uns so unerreichbar lag. Bisher war der Alte, wie wir unseren Alkohol liebenden Kapitän nannten, immer allein mit den Steuerleuten an Land gefahren und hatte uns aus nur ihm bekannten Gründen den Urlaub verweigert.

Zwei Wochen lagen wir draußen und blickten sehnsüchtig nach der Küste.

Es hatte böses Blut auf der „Walküre" schon seit der Ausreise von Liverpool her geherrscht, aber nun war alles vergessen und verziehen, denn wir lagen an der fremden Hafenmauer ... morgen gab es Geld, und die Freuden der mexikanischen Spelunken und Bordelle warteten.

Ich blickte zum flimmernden, opalfarbenen Himmel empor und ließ die vergangenen fünf Monate nochmals an meinem geistigen Auge vorbeiziehen... Hundertunddreißig Tage waren es gewesen, und während der ganzen Zeit hatten wir nichts als Wasser und Horizont um uns gehabt.

Wasser, das so grün wie Smaragd schimmerte, in satter Türkisfarbe blendete oder tief ultramarin wie ein ungeheurer seelenvoller Teppich um die „Walküre" bläute. Manchmal war es dunkel, fast schwarz, von den schneeigen Schaumadern durchzuckt, wenn der Sturm sein gewaltiges Lied sang ... bald war es wie rotes, lebendes Gold, wenn der Westen in grellen Flammen stand; oder es wogte wie gleißendes Gewimmel ineinander verschlungener, mit den Schwänzen spielender Silberschlangen um uns, wenn in feuchten, drückenden Nächten der runde, orange-gelbe Mond wie eine chinesische Papierlaterne vom Tropenhimmel hing und die mit weißen, in seinem Licht perlmuttfarbenen Leinwandpyramiden bekleideten Rahen in der Windstille ächzten, während das Gewirre der Wanten und Taue eine wunderbare, feine, schwarze Filigranarbeit auf das helle Deck zeichneten.

Hundertunddreißig Tage Wasser und Horizont!... Selten, nur selten belebte die Öde ein ferner Segler oder der dunkle Rumpf eines aufkommenden Dampfers mit unendlich langer, bläulicher Rauchfahne.

Nur einmal hatten wir Land gesehen in dichtester Nähe. Das war, als wir Kap Hoorn an der äußersten Spitze von Südamerika umsegelten. Da hingen wir oben in den vereisten Rahen, die knarrend hin und her schlugen, hoch über der wilden See, unsere blutenden, wundgescheuerten Hände mühten sich mit den Segeln, die im Wind wie steife, hartgefrorene und knisternde Bretter standen, und ein wütender Schneesturm zerrte mit Macht an uns, um uns in den brüllenden Kessel hinabzuschleuderten, und warf uns eisige, wie Nadeln stechende Schneekristalle ins Gesicht.

Das Meer, blauschwarz, mit ungeheuren Schaumkronen geschmückt, donnerte und klatschte gegen die Schiffswände, die Albatrosse schwebten mit ausgebreiteten Fittichen unter bleigrauen Wolken und ließen sich triumphierend kreischend vom Sturm tragen. An Backbord ragten die Berge Feuerlands aus den wilden Fluten. Ein unbeschreiblicher Anblick von düsterer, grauenhafter Majestät!

In den Himmel greifende Gigantenberge, von flatternden Nebeln umkränzt, mit schwarzen steilen Abhängen und breiten, blau glänzenden Gletschern, die bis in die tobende, mit furchtbarer Wut anprallende Brandung hingen und von denen die riesigen, meilenlangen, in ganzer Breite andonnernden Wogen manchmal häusergroße Eisungetüme abbröckelten und zusammenschmetterten.

Das war das erste Land, seit wir die englische Küste verlassen hatten. Dann umfing uns der Stille Ozean mit seiner blauen Fläche, seinen fliegenden Fischen und den Herden schwimmender Boniten ... mit seinen unbeschreiblich prachtvollen, in allen Farben spielenden Sonnenuntergängen, die den Himmel mit wundervollem Schmelz überzogen.

Wochen vergingen, und wieder näherten wir uns dem Land, bei Kap San Lucas, das wie eine gelbe Löwentatze in blaues Wasser hinausgriff. Wir kreuzten im smaragdenen Golf von Kalifornien die Westküste von Mexiko aufwärts längs einer einförmig braunen, von keinem Grün belebten, trostlosen Kette von Gebirgen. Vorbei an gelben, steinigen Inseln, die gleich umgekehrten Schüsseln auf dem Wasser schwammen und auf denen große Scharen graviätischer Pelikane wie die friederizianischen Grenadiere in Reih und Glied standen.

Stetig strebten wir dem nahen Ziel zu. Beide Anker wurden ausgeschwungen und alles klar zum Löschen gemacht, da erhielten wir Windstille, die in Gegenwind umschlug, und nun mussten wir Meile für Meile im Zickzack den Golf aufwärts kreuzen. Ungeduldig stampfte der Alte auf und ab, der Segelmacher kratzte am Mast und pfiff, um nach traditionellem Aberglauben den günstigen Wind zu rufen.

Wir, die Mannschaft, dieses toll zusammengewürfelte Konglomerat aus aller Herren Länder, wir brassten alle Augenblicke die Rahen in den ewig wechselnden Wind und hingen fluchend und schweißtriefend in den Tauen, verdammten Gott, den Teufel und alle guten wie bösen Mächte wegen dieser langsamen Segelei; denn wir waren hundertunddreißig Tage nicht an Land gewesen, hatten uns brutalisieren lassen und uns gegenseitig brutalisiert, hatten grün angelaufenen Sabzspeck mit Hartbrot, aus dem wir erst immer die fetten Maden klopfen mussten, gegessen und fades Regenwasser getrunken, hatten, als uns der Tabak ausging, Tee mit Seegras aus den Matrazen geraucht... wir wollten Land nicht nur sehen, sondern auch unter den Füßen spüren.

Ich klopfte die Pfeife aus, turnte über die Reling und hockte mich rittlings auf die Ankerwinde. Über das Vordeck konnte ich in die offene Tür des Mannschaftsraumes sehen. Der gelbe Lichtkreis der Petroleumlampe ließ mich Kurt, den Leichtmatrosen erkennen, der auf einer Kiste saß und das Matrosenklavier spielte.

Durch das Stimmengemurmel drangen die schrillen Klänge eines Gassenhauers. Ab und zu unterbrach ein wieherndes Gelächter der in kommenden Genüssen schwelgenden Seeleute die Musik. Plötzlich brachen die Töne ganz ab, eine harte Faust schmetterte auf den Tisch, und ich hörte Hein, den Bremer, der ein tiefes, wie aus einem Keller hervordröhnendes Organ besaß, von den übrigen begleitet, das alte Seglermatrosenlied von den Goldbänken des Sacramento brüllen: „Blow boys blow, for California ..."

Danach trat eine Pause ein, jemand las mit singender Stimme etwas vor, wurde jedoch nach wenigen Sätzen durch einen wüsten Fluch abgeschnitten, und klirrend brach die Lampe; aus der Türöffnung, die sich nun schwarz von der weißen Wand abhob, flog, wie aus einem Katapult geschleudert, eine Gestalt ins Freie, schlug zu Boden, raffte sich wieder auf und sprang mit dumpfem Brüllen zurück in den gähnenden Rachen der Dunkelheit.

Polternd und stöhnend wälzte sich nun eine quirlende Masse auf das vom Sternschimmer matt erleuchtete Deck, wunderlich fuhren Arme mit geballten Fäusten oder gespreizten Fingern daraus hervor, um dröhnend auf bäumende Körper zu fallen. An den niederen Wänden des Deckhauses huschten gigantische Schatten mit Windmühlenflügeln auf und nieder, hin und her. Flüche und Geschrei tobten, und mir hämmerte plötzlich das Blut in den Schläfen.

Ich wollte mich hinabstürzen; ein gebieterisches Verlangen tobte in mir, das Verlangen, mich in den Knäuel zu werfen und blindlings auf alles, was mir unter die Fäuste kam, loszuschlagen, um all den stillen Groll und die nagende Wut zu verlieren, die sich in Menschen aufspeichern, die lange Monate auf ein paar schwimmenden Planken zusammengepfercht waren, Menschen, die sich gegenseitig in und auswendig kennen ...

Schon lief ich hinab auf das Vorderdeck, da kamen die drei Steuerleute von achtern angestürzt und sprangen in das Gefecht. Flerr Jacobs, der erste Offizier, ergriff einen eisernen Pumpenschwengel vom Mast und schrie, dass er jedem den Schädel damit einschlagen würde, wenn die Balgerei nicht sofort ein Ende nehme. Diese Drohung, verbunden mit den Knüffen des Herrn Ryce, des zweiten Steuermanns, eines haarigen Schotten - seine Hände glichen an Umfang großen Schinken - schafften schnell Ruhe.

Der keuchende Haufen entwirrte sich, atemlos lehnten die Leute an der Reling oder umgaben die Offiziere. Aus dem dunklen Raum schlichen zaghaft die beiden Schiffsjungen. Ryce fragte, was denn eigentlich im Gange sei.

„Der Hein, that bloody dutchman, der las uns vor, dass sich die britische Flotte nicht aus dem Kanal heraus traut. Das lassen wir Engländer uns natürlich nicht gefallen!", knurrte Henry, ein langer Matrose, dessen Backe ein Messerstich zierte, den er einmal in einer Hafenkneipe von Valparaiso erhielt.

„Boys, wir sind doch keine Kinder, dass wir uns das Leben sauer machen sollen, nachdem wir monatelang zusammen herumschwammen, weil drüben im alten Lande ein bisschen Krieg ist!", meinte Jacobs unter beistimmendem Gemurmel und holte eine vierkantige Flasche aus der Tasche, die er dem Engländer bot. Dieser entfernte den Korken, schnüffelte misstrauisch daran und führte sie zum Mund. Der Steuermann fiel ihm lachend in den Arm, als er gar nicht mehr absetzen wollte.

Mit tiefem Grunzen der Befriedigung ließ jener die Flasche fahren, und nun ging der feurige Stoff von Mann zu Mann, mit Ausnahme der beiden Jungen, auch ich nahm einen Schluck des brennenden Fusels, der den die amerikanische Westküste befahrenden Seeleuten unter dem Namen Pisco bekannt ist.

Jacobs eröffnete nun den Engländern, dass sie im Laufe der kommenden Woche abbezahlt würden; sie könnten dann mit einem der kleinen mexikanischen Schoner nach Guyamas, der anderen Seite des Golfs, hinüberfahren und dort ihren Konsul weiter für sie sorgen lassen.

Die Nachricht löste ungeheuren Jubel unter den Beteiligten aus. Wir anderen blickten neidisch auf sie, die das Glück hatten, die alte „Walküre zu verlassen. Martin, ein blonder Schwede mit Augen wie Vergissmeinnichtblumen, fragte, ob auch die Skandinavier gehen könnten, da die „Walküre als deutsches Schiff durch den Krieg ja aufläge, und brummte einen ellenlangen Fluch hervor, als er eine abschlägige Antwort erhielt.

„Väterchen Steuermann, wie sieht es denn an Land aus?", fragte Wassinka, der Russe.

Ryce erwiderte lachend: „Well, ich bin zum ersten Mal hier! Aber ich sage euch, dass das alte Salpeternest Iquique unten an der Westküste ... obwohl nur ein Haufen im Sand vergrabener Häuser und Lehmmauern ... tausend mal schöner ist als dieser Ort, den die Kerle Santa Rosalia nennen ..."

„Gibt’s denn nichts zu trinken? Sind keine Unterröcke zu haben?", meinte der erste Sprecher.

„Dass die Weiber bei der blutigen Hitze Unterröcke anhaben, glaube ich nicht... aber Langhaarige, die darauf warten, euch das sauer verdiente Geld aus den Taschen zu fischen, sind genug zu haben! Hässlich und fett wie die Walfängertonnen," lachte der Steuermann.

„Well, ihr werdet es ja selbst sehen!... sonderbare Zustände! In einer Straße stehen eine Menge kleiner mit Wellblech gedeckter Hütten, und neben den Türen hängen in Nischen die ewigen Lampen und bunte Madonnenbilder. Darunter hocken auf Schemeln weibliche Fettklumpen... wie verunglückte Plumpuddings zur Weihnachtszeit in Oid England ... in grelle, aber verwaschene Seide gewickelt... Arme, Hals und Gesicht gepudert... ich sage euch, was so eine an Puder auf dem Leib trägt, damit kann man ein ganzes fünfmastiges Vollschiff befrachten! Wie ausgegrabene Leichen sehen sie aus, denn braun sind sie von Natur, und durch den Puder werden sie blau und violett! ..."

„Macht nix, nevermind, Steuermann!, unterbrach der Schotte den Bremer. „Schon zweimal lag ich hier vor Anker und kenne das! Sie sind fett, aber so übel nicht und sehr gefällig den Seeleuten gegenüber! Hat man kein Geld, so nehmen sie Kleider, für die Ihnen der Jude in Hamburg keinen roten Cent gibt. Das letzte mal, als ich hier war, bin ich bei der Margarita — sicher ist sie noch drüben, es sind keine zwei Jahre her — die ganze Nacht für ein Dutzend weißer Taschentücher geblieben und kriegte noch frei zu saufen! Wenn es Ihnen komisch vorkommt, dass an den Bordelltüren Heiligenbilder hängen und ewige Lampen brennen, so stecken Sie nur die Nase in die Hütten. Dort werden Sie die Heiligen auch über den Betten sehen, und kein Mensch hier findet etwas Besonderes daran. Die Weiber sind eben bigott, ihre Männer sind mehr auf Revolutionen geeicht!

„Hör’ jetzt mit deinen Weibern auf!, brummte der Schwede: „Herr Ryce soll lieber erzählen, ob es etwas zu trinken gibt!

„Einen Tropfen?, fragte der Offizier: „Yes, genug! Bier, süßen, dicken Wein und brennenden Schnaps. Aber nur in der Woche! An Sonntagen könnt ihr Alkohol nur bis um die Mittagsstunde erhalten; nachher bekommt ihr Sodawasser!

„Warum das?", riefen erboste Stimmen.

Jacobs, der so lange den Zuhörer spielte, sprach gewichtig: „Wegen euch Janmaaten! Über ein Dutzend Schiffe liegen hier, und die Mannschaft besteht nicht gerade aus Leuten, die einer Sonntagsschullehrerin Freude machen würden. Wenn ihr den ganzen Sonntag saufen könntet, so würde das Nest hier bald auf dem Kopf stehen. Aber ihr dürft ja in der Woche abends an Land und könnt euch dann reichlich entschädigen."

„Lasst nur, Maaten, sorgt nicht, wir werden auch Sonntags unseren Tropfen kriegen! Wir gehen einfach jeder mit einigen Flaschen zu den Mädchen, da stört uns keiner, ich kenne das!", lachte der Bremer.

„Nehmt euch nur in acht, dass ihr mit dem Militär nicht in Konflikt kommt!, warnte Jacobs, „es liegen einige Hundert von den Revolutionären hier, die die Herren spielen. Die Kerle sehen aus wie die Vogelscheuchen! Uniform besitzt keiner, jeder trägt, was er hat, meist eine zerlumpte Hose, schmierige Hemden, riesige zerknitterte Hüte und an den braunen Füßen rohe Sandalen. Um den Arm haben sie rote Lappen, sind jedoch mit sehr tüchtig aussehenden Waffen über und über behangen. Ich ließ mir sagen, dass die mit derselben Gemütsruhe einen Menschen zusammenschießen, wie ich hier mit dem Fuß eine Kakerlaken zertrete.

Ryce lachte dazwischen: „Als wir an Bord gingen, saßen die Offiziere der Truppen vor dem Hotel Moderno und schnatterten wie die Affen; uns kam das Lachen an, als wir die Helden sahen! Mit großen goldenen Achselklappen und breiten roten Streifen an zerrissenen Hosen, mächtige Strohhüte auf den Köpfen, kanonenähnliche Revolver um die Bäuche, langen Messern und rostigen Säbeln, so saßen die Herren beim Wein!"

Der Erzähler schwieg, sog heftig an der Pfeife und verließ uns nach einigen Scherzworten, gefolgt von seinen Kollegen. Der eine Junge wurde ihnen nachgeschickt, um einen neuen Lampenzylinder zu holen. Dann gingen auch wir in unsern gemeinsamen Schlaf- und Wohnpalast.

In dem engen, niederen Raum, um dessen Wände die Kojen, je eine über der anderen, liefen, saßen wir auf unseren Kisten, die aus Platzmangel die Bänke vertraten, um den schmalen Tisch, rauchten unsere Pfeifen mit scharfem mexikanischen Blättertabak und lauschten dem Bremer Hein, wie er in einer Mischung von Plattdeutsch und Englisch den Ort Santa Rosalia beschrieb. Doch bald kroch einer nach dem anderen in die Koje.

ICH TRAT WIEDER AN Deck, um der dumpfigen, stickigen Luft, welche die in einen kleinen Raum gepferchte Menschheit, die von den Kojen baumelnden durchschwitzten Arbeitskleider und unter dem Tisch an Nägeln hängenden, mit Tran geschmierten Seestiefel auströmten, zu entrinnen. Ich durfte auch nicht schlafen, weil ich Wachtmann war, der die ganze Nacht bis sechs Uhr früh aufbleiben musste, um die Ankerlampen instand zu halten.

An die Reling gelehnt, sah ich über Bord. Unbeweglich ruhten schlanke Segelschiffskörper auf dem Wasser, die weißen, geschnitzten Meermänner und Seeweibchen ihrer Gallionsfiguren schimmerten matt, und die hohen Masten schienen das sternflimmernde Firmament, das sich wie ein unermessliches Prachtzelt über alles ausdehnte, zu stützen und zu tragen. In Santa Rosalia blinkten verstreute Lichter bis hoch hin an den Berg gleich winzigen Glühwürmchen. Rechts von mir, wo die großen Hochöfen der Schmelze standen, flackerte es blutig rot durch die Nacht, und dumpfes, rollendes Poltern drang an mein Ohr. Die Pumpe, die den Ort mit Wasser versorgte, stampfte rhythmisch.

Morgen wollte ich an Land gehen. Mich lockte das Neue, das Abenteuerliche des Landes, das seit Jahren von Revolution durchtobt wurde. Schon als wir draußen auf Reede lagen, erschienen mir die braunen Menschen, die in gebrechlichen Booten hinausfuhren und uns Apfelsinen verkauften, mit den kühn blitzenden Augen, den weißen Prachtgebissen, den malerischen Lumpen und riesigen Hüten, so verlockend.

Wenn ich dann über den sonnenbeschienenen Streifen Wasser nach den nahen Bergen sah, die in nackter Kahlheit wie eine im Guss erstarrte Eisenmasse aus dem Meer tauchten, wenn ich die steilen Geröllhänge mit den blassgrünen Riesenkakteen und die darüber kreisenden Aasgeier ... die kleinen Lehm- und Strohhütten an die rötlichen Felsen geschmiegt ... wenn ich dies alles erblickte, dann ging etwas in mir auf wie ein Tor. Ich fühlte, ich würde hindurchtaumeln durch dieses Tor, hinein in die Freiheit, fort von diesem Höllenschiff, diesem schwimmenden Gefängnis, in welchem alle Laster und hässlichen Eigenschaften der Welt in Gestalt von Menschen zusammengesperrt waren.

Was hatte ich, noch nicht sechzehn Jahre alt, auf diesem Schiff, das den stolzen Namen „Walküre" führte, alles erleben und durchkosten müssen! Wie hatten wir uns gegenseitig brutal das Leben verbittert, hatten gehungert, gearbeitet wie die Galeerensklaven, tyrannisiert von einem trunkenen Kapitän. Wie die Tiere lebten wir, bis wir selbst auf das Niveau von Tiermenschen herabsanken, deren einzige Unterhaltung sich um Alkohol und Weiber drehte.

Und nun herrschte drüben Krieg, und die „Walküre" konnte den schützenden, neutralen Hafen nicht verlassen ... Dies alles ging durch mein Hirn, als ich an der Reling lehnte, und immer fester wurde der Plan in mir, das Schiff zu verlassen, fortzulaufen. Wieder gaukelten bunte, lockende Bilder prächtiger Tropenlandschaften vor meinen Augen.

Ein Knall wehte matt über das Wasser - schreckte mich aus meiner Versunkenheit. Rollende Gewehrsalven folgten, deutlich sah ich drüben das Aufblitzen der Schüsse, die nun in ein unregelmäßiges Rottenfeuer übergingen. Zwischendurch hörte ich wildes Geschrei; gellende, in hoher Fistelstimme ausgestoßene Jubelrufe ließen mein Blut schneller durch die Adern kreisen, und ein unbändiges Verlangen, teilzunehmen an diesem wilden Leben, durchtobte mich. Nach einiger Zeit flaute das Schießen ab; nur manchmal noch knallte hoch in den Bergen, wo die Häuser von Providencia, den großen französischen Kupferminen, klebten, ein einzelner Schuss. Monotones Summen drang herüber, und schrille Rufe gellten.

Bei uns an Bord schlief alles, keiner hatte etwas gehört. Der Tau fiel dicht herab und bildete auf Deck kleine Rinnsale; fröstelnd holte ich meine dicke Lotsenjacke und schlüpfte mit den bloßen Füßen in die plumpen Holzschuhe, die ich während der langen Reise geschnitzt hatte. So schritt ich klappernd die Planken entlang und begrüßte den Mond, der draußen auf der Reede mit spiegelblanker Scheibe auftauchte und einen breiten Silberfächer über die See deckte. An Land begannen die Hähne zu krähen, in den Schluchten hallte der dröhnende, posaunenartige Schrei eines Esels wider und brach sich in hundertfachem Echo.

In der Kombüse machte ich mir eine Blechtasse des dünnen, unschuldigen Schiffskaffees zurecht, warf einige Zwiebäcke hinein, schöpfte die dicke Lage fetter, weißer Maden, die durch die heiße Flüssigkeit hervorgetrieben wurden, ab ... und hielt, ohne darüber Ekel zu empfinden, denn ich hatte fünf Monate Segelschiffskost genossen, mein frugales Mahl. Danach füllte ich den Herd und nahm draußen mit frischer glimmender Pfeife meine einsame Runde auf. Ungeduldig wartete ich auf den Tag, damit ich ein paar Stunden schlafen konnte, um dann auf Nimmerwiedersehen an Land zu gehen.

Es war mir bekannt, dass ich ein schwieriges Unternehmen vorhatte, denn auf der ganzen Halbinsel, die Deutschlands Größe fast erreichte, gab es nur etwa zwei Dutzend winzige Städtchen, die in ungeheurer Entfernung voneiander lagen, sonst war alles eine öde Bergwüste, wasser- und vegetationslos, mit Ausnahme der Strecken, wo die großen Leuchterkakteen wuchsen. Auf der ganzen Reise, während der dienstfreien Sonntagnachmittage, hatten wir oft die Möglichkeiten des Desertierens besprochen und kamen immer zu dem Endpunkt, dass es unmöglich sei, ohne genügend Geld und Sprachkenntnisse fortzulaufen. Dutzende von missglückten Beispielen, die wir bei unseren mit Heftigkeit geführten Debatten bis in die geringsten Details erörterten, überzeugten uns von den zu erwartenden Schwierigkeiten.

Langsam schritt ich in meinen Holzpantinen auf und ab. Und ich fühlte, dass mich nur noch wenige Stunden von der Freiheit trennten, dass ich bald mit jenen Menschen mit den dunklen Augen in den Rinaldogesichtern verkehren würde, dass ich ihr Leben führen und ihre Abenteuer erleben sollte. Ausgelassene Fröhlichkeit bemächtigte sich meiner; ich nahm die Pfeife aus dem Munde, ließ einen klirrenden, langgezogenen Jodler, wie ich ihn während meiner Kindheit in den Voralpen hörte und lernte, durch die Nacht klingen und freute mich am Echo, das sich in den nahen Bergen brach, vervielfältigt zurückhallte, um endlich seufzend oben in den Schluchten zu ersterben.

Der Morgen kam. Schnell geschieht in jenen Gegenden der Übergang der einzelnen Tageszeiten. Eben sah ich noch einen schmalen, feurigen Streifen hinter mir, von dem viele Lichtstrahlen wie schüchterne Finger über die See streichelten und in das verschwommene Düster der Küste tauchten, die Hänge erkletterten und goldene Reflexe um die starren Gipfel woben; und als ich die Ankerlampe vom Mast geholt und gelöscht hatte, da stand auch schon die Sonne prächtig über dem Meer, und urplötzlich war alles in glänzende Lichtfluten gebadet.

Fischerkähne glitten aus dem Hafen, aus den Häusern und Hütten stiegen weiße Rauchwölkchen in Spiralen nach oben, und der hohe Schornstein stoß eine qualmende, dunkelbraune Wolke aus. Ich weckte den Koch und kroch gähnend in meine Koje. Einer, durch mein Kommen halb wach gemacht, wälzte sich stöhnend auf die Ellbogen und stierte mich aus blöden, glanzlosen Augen an. Ein leises „Damned!", dann warf er sich zurück und fiel alsbald wieder in das Schnarchkonzert ein. Müde wie ich war, dauerte es nicht lange, bis ich den Schlaf fand.

DIE SONNE SANDTE HEIßE Strahlen durch das kleine Bullauge meiner Kojenwand, und das Klappern, mit dem der Junge den Tisch rüstete, weckte mich. Ich trat hinaus, goss mir einen Eimer Wasser über Kopf und Brust. Erfrischt begab ich mich in den Raum zurück und setzte mich an den Tisch, wo schon die meisten der Kameraden, halb bekleidet wie ich, missmutig in den Frikadellen umherstocherten.

Hein fluchte: „Kann denn der Speckritter nichts anderes machen als die ewigen faulen Frikadellen? Heute am Feiertag, wo wir doch das elende Zeug seit zwei Wochen jeden Tag dreimal essen! Wozu kommt denn immer die Stange Eis an Bord, um das Fleisch wenigstens frisch zu erhalten. Das Zeug, was wir heute wieder bekommen, läuft ja bald vom Teller weg, so verrottet ist es! Lauf zum Koch, Billy be damned! Lauf, mein Sohn, und frage ihn, warum wir jeden Tag faules Beef essen müssen, das von Maden so lebendig ist, dass wir nur einen Sattel auflegen brauchen, um darauf an Land zu reiten!, rief er dem Jungen zu, der den sonderbaren Namen „Billy be damned, Willy sei verdammt, erhielt, sobald er in Liverpool an Bord kam, weil seine ersten englischen Worte, die er bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten anwandte, Billy be damned gewesen waren!

Der Junge lief hinaus und kam zurück.

„Der Koch meint, dass das Eis dazu dient, um des Alten Bier kalt zu halten!"

„Den Alten soll der Böse holen samt seinem Bier, von dem wir doch keinen Tropfen erhalten! Was haben sie hinten zum Frühstück?", fragte Hein auf des Jungen Nachricht.

„Eierpfannkuchen und Orangenjam!", antwortete Billy be damned und leckte sich lüstern die Lippen.

Hein erhob sich resolut und kippte den Inhalt seines Tellers zum Fenster hinaus.

„Die Plattfische können den Kram futtern, ich gehe an Land essen!"

Der Beifall, der seinen Worten folgte, wurde durch den ersten Offizier, der den Kopf zum Oberlicht hinabsenkte und rief, es gäbe Vorschuss, unterbrochen.

Die wenigen Schläfer, die noch in den Kojen lagen, schälten sich eilends aus den Decken, als sie das magische Wort hörten, und zusammen begaben wir uns auf das Achterdeck, wo der Kapitän unter dem Sonnensegel saß. Vor sich hatte er die Mannschaftsliste neben einer Stahlkassette, sein Arm berührte eine halbvolle Bierflasche, die auf dem Tischchen stand. Das Auszahlen ging rasch. Jeder Matrose, der Koch, die Zimmerleute, der Meister und der Segelmacher erhielten dreißig Pesos, die Leichtmatrosen zwanzig und die Jungen fünf.

Mit den Worten: „Supt nich to veel! entließ uns der Alte und überhörte Hein, der lachte: „Wenn du man nich to veel supst, min leewe Jung! ...

Nun warfen sich die meisten in die schon seit Wochen bereit gehaltenen Sonntagskleider. Sechs Mann wurden vom Steuermann abgeteilt, um als Ankerwache an Bord zu bleiben, trotzdem dies in dem geschützten Hafen nicht nötig war. Eilig strebten die Urlauber über die Landungsplanke, und die Zurückbleibenden spuckten missmutig über die Reling.

Gemächlich kleidete ich mich an, steckte Pfeife und Tabak zu mir, ein kleines englisch-spanisches Wörterbuch, ein Geschenk des dritten Steuermanns, erhielt seinen Platz in der Brusttasche; alles andere, selbst meinen Taufschein, ließ ich zurück, warf noch einen Blick in den Raum, der so lange meine Heimat war, und schritt hinaus, über die Planke, den Kai entlang, der Stadt Santa Rosalia zu.

Ich ging allein, wie es auch die anderen von mir gewohnt waren. Einen Freund, an den ich mich enger anschloss, besaß ich nicht an Bord, hatte auch noch nie in meinem Leben einen solchen gehabt. Soweit ich in meine Kindheit zurückdenken konnte, immer war ich einsam gewesen.

Während meiner Schulzeit in der alten Kaiserstadt Wien blieb ich immer allein. Von klein auf ein Grübler, pflegte ich gern allein auf einer Waldwiese zu liegen und in den blauen Himmel zu starren oder hinter dem Ofen zu sitzen und Bücher zu verschlingen, wahllos, was ich in dem großen Schrank finden konnte. Ich las viel, was ich nicht hätte in die Finger nehmen dürfen, und zergrübelte mir oft tagelang den Kopf über mir unverständliche Stellen. So wurde ich früh reif.

Mit zwölf Jahren rauchte ich wie ein Vollmatrose den scharfen österreichischen Kommisstabak, stieg den Mädchen nach, las Maupassant, Zola und Goncourt und begriff auch alles, was ich las, vergiftete mir jedoch keineswegs die Seele damit, obwohl ich manchmal einen unaussprechlichen Ekel vor dem Leben bekam.

Gern und mit Genuss schwänzte ich die Schule, wo ich nur konnte. Wenn es regnete, so lief ich stundenlang in der riesigen Stadt umher und drückte die Nase platt an den Spiegelscheiben der großen Buchläden. War das Wetter gut, so befand ich mich in Kaiser Franz Josefs Tierpark in Schönbrunn vor den Käfigen der exotischen Bestien, von denen es eine große Menge dort gab. Da stand ich vor den Löwen und Tigerkäfigen und durchbohrte die Tiere mit den Augen, bis sie blinzelnd wegschauten oder gähnend die blutroten Rachen aufrissen.

Oder ich wanderte in die Berge des schönen und nahen Wiener Waldes, lag in den Auen an den Bächen und sah zu, wie die düsteren Trauermäntel an den Blumenkelchen nippten oder auf den Sonnenstrahlen gaukelten. Ich fing und züchtete Raupen und haschte mit Vorliebe die goldäugigen Blindschleichen oder die marmorierten Ringelnattern. Oft hatte ich eines der Tiere in meiner Tasche oder wand den schuppigen, kühlen Leib um meinen Hals und war untröstlich, wenn meine Gefangenen mir entkamen.

Einmal schwänzte ich mehrere Wochen hintereinander die Schule, was in dem gemütlichen Wien sehr leicht möglich war; aber die Sache kam heraus, und die Folgen, verbunden mit anderen Umständen, ließen meinen Wunsch, zur See zu fahren, plötzlich in Erfüllung gehen. Aber ich blieb immer isoliert, immer allein und wollte auch allein sein.

An Bord der „Walküre" auch. Während der ersten Wochen auf diesem Schiff packte mich ein ungeheurer Ekel. Das, was ich bisher in Büchern las und nur ahnte, das hörte ich nun deutlich Tag für Tag bei den Mahlzeiten von den Kameraden mit zynischer, brutaler Offenheit erörtern. Was ich an schlüpfrigen französischen Schriftstellern nicht begriffen hatte, das ergänzten jene gerne und bereitwillig. Mit drastischer Gewissenhaftigkeit klärte man mich über alles auf.

Ich lernte gemeine Lieder singen und von Weibern reden wie der Pferdehändler über seine Tiere. Fast hätte ich am eigenen Leibe erfahren, wie weit sich menschliche unnatürliche Leidenschaft verirren kann. Wir waren erst wenige Wochen in See. An Bord hatten wir einen sogenannten Meister, einen Schlosser, denn es gibt viel auf einem großen Segler zu schweißen und zu hämmern, auch muss er im Hafen die Dampfwinden in Ordnung halten. Diesem Meister hatte ich oft den Blasebalg seiner primitiven Feldschmiede getreten, und bald merkte ich, wie er, der erst grob und brutal gewesen, plötzlich anfing zu schmeicheln und schön zu tun. Ich ließ ihn gewähren, denn ich wusste nicht, worauf sein Gebaren hinauslief. Bis er eines Abends im Zwielicht des Mannschaftsraumes, in dem wir beide uns zufällig allein befanden, deutlich und handgreiflich wurde. Zuerst war ich verblüfft und entsetzt, dann aber überkam mich eine rasende Wut. Ich ergriff den großen, vollen, zehn Liter fassenden Teekessel und schmetterte ihn in das lüsterne Gesicht vor mir. Der Mann taumelte zurück und ging mir dann zu Leibe.

Dem großen, breitschultrigen Mann war ich nicht gewachsen, und es wäre mir übel ergangen, wenn die anderen nicht, durch den Lärm angezogen, herbeigestürzt wären und ihn weggerissen hätten. Ich erzählte die Ursache des Falles.

„Hundesohn!, fauchte Hein den Meister an, und einer der Engländer rief mir ermunternd zu: „Give it to him, gib es ihm, Bismarck, und das nächste Mal nimmst du nicht den Teekessel, sondern den Hammer und schlägst dem Sohn einer Hündin den Schädel ein!

In einem Anfall innerer Wut versetzte ich wie abwesend: „Yes, das nächste Mal kriegt er den Hammer!"

Jemand lachte im Hintergrund: „Seht euch nur den Bismarck an! Wütend wie ein Stier, und hat ein ganz glattes Gesicht. Boys, das ist ein Schlimmer! Dem merkt man nie an, was er denkt. Und du, mach, dass du an Deck kommst!", brüllte er den Meister an, dem das Blut aus der Nase lief, denn mein Teekessel hatte ihn gut getroffen.

Und eben dieser Mann, dem ich immer nur mit Wut und Misstrauen begegnete, der lief jetzt den staubigen Kai zwischen den schmalspurigen Schienen hinter mir her und rief: „Bismarck! Bismarck! Warte doch!"

Ich ließ ihn verwundert herankommen.

„Geh’ mit mir! Ich will dir das Nest zeigen und gebe einen aus!", sagte er.

Ich überlegte Sekunden, bevor ich antwortete: „Allright, komm!"

DEN ANFANG DES KAIS erreichend, bogen wir in die Straße, die am Wasser entlangführte. Rechts lag die Schmelze, und ich sah braune, halbnackte Männer die glühende, brennende Schlacken in einrädrigen Schubkarren transportierten und einen steilen Hang hinabkippten. Am Wasser, wo aus Brettern und Balken eine Landungsbrücke zurechtgezimmert war, standen lachende Fischer, sie hatten die Beinkleider hochgekrempelt und trugen große runde Strohhüte. Ihre Oberkörper und die Hände waren mit Blut besprenkelt, und nähertretend erkannten wir, dass sie eben zwei riesige Seeschildkröten, wohl jede einen Meter lang, geschlachtet hatten. Das dunkle, bläuliche Fleisch lag, von Legionen Fliegen besät, in Fetzen auf dem Strand.

Die staubige, holprige Straße bog scharf aufwärts, die ersten Häuser zeigten sich. Gleich am Anfang stand ein viereckiges Gebäude mit grünen Tieren, darüber ein Riesenschild mit zwei gemalten Löwenköpfen und der Aufschrift „Cantina del Leon" dazwischen. Ein wackliges Kirchlein, einige hundert kleine Häuser, die Gebäude der Minengesellschaft und die auf einer Anhöhe liegenden, von Zackenmauern umkränzten Kasernen - das war Santa Rosalia. Den Hintergrund bildeten braune, mit wenigen Kakteen bewucherte Berge. Am Abhang eines solchen hing der Ort Providencia, eine Art Vorstadt des Hafens, in dem die Minenarbeiter wohnten.

Langsam schlenderten wir durch den dicken Staub. Überall sah man Seeleute. Dazwischen drängten sich halbwüchsige Jungen mit flachen Blechen voller zuckerglasierter Kuchen auf den Köpfen ... Limonadenverkäufer, Wasserträger, die ihr melodisches „Agua!" riefen, zierliche Senoritas in himmelblauen oder erdbeerfarbenen Seidenkleidern, die hübschen Gesichter entstellt durch dicke Lagen Puder, Honoratioren auf kleinen, langmähnigen Pferdchen, mit silberbestickten Sätteln und mit den riesigen Sporen klingelnd, galoppierten durch die Menge. Blinde oder verkrüppelte Bettler hockten im Staub, und kleine Trupps schwarzer und brauner Esel, hochbepackt mit Holzknüppeln, schwankten gemächlich einher.

Überall standen, saßen oder lagen Soldaten in bunten Lumpen. Jeder trug sein Gewehr bei sich, und alle rauchten. Oft saß eine solche Gesellschaft, die Waffen neben sich, würfelnd und Karten spielend mitten im Weg. Vergebens suchten meine Augen einen Baum oder grünen Busch. Nichts, kein einziger Grashalm, nur Sand, Steine, Staub, Fliegen und unzählige Zigarettenstummel.

Da erblickte ich eine kümmerliche Gartenanlage. Ein paar staubbedeckte Sträucher, denen man es ansah, dass sie nicht wachsen wollten und konnten, umgaben einen weißen, nach allen Seiten offenen Pavillon. Hart daneben am Gitter staute sich eine Menschenmenge, meist Seeleute. Wir drängten näher und standen vor einem schmutzig-weißen, an vielen Stellen blutdurchtränkten Laken, welches, den Umrissen nach zu schließen, eine menschliche Gestalt verbarg. Daneben hockte, kreuzbeinig wie ein Türke, ein Soldat, das Gewehr über dem Knie, die Zigarette im Mundwinkel.

„Was ist denn hier los?", fragte ich.

„Theater, Panoptikum!, lachte jemand, und ein anderer erklärte: „Die Soldaten haben in der Nacht ihren Kommandanten erschossen. Warum, das mag der liebe Gott wissen. Habt ihr denn nicht das Geknalle gehört heute in aller Frühe?

Jetzt wusste ich, was das Schießen bedeutete, das mich an Bord aus meinen Grübeleien aufschreckte.

„Aber warum liegt denn der Leichnam noch da?", staunte der Meister.

„Weil die Kerle hier alle so entsetzlich faul sind! Vielleicht hatten sie auch gerade keine Zeit, weil sie eine interessante Kartenpartie haben!, ertönte die Antwort. „Aber passt auf, gleich beginnt die Vorstellung. Genau wie beim Wachsfigurenkabinett auf der Reeperbahn in Hamburg, der Kerl, der den Toten bewacht, wird gleich zu euch kommen, um einzukassieren!

Kaum hatte er ausgeredet, als sich der Soldat aus seiner bequemen Stellung erhob, den Zigarettenstummel fortwarf und den Schießprügel an den Stein lehnte. Er nahm den zerknüllten Hut vom Kopf, hielt mir denselben hin und zeigte zwei prachtvolle Zahnreihen, als sich seine Lippen öffneten. Eifrig redete er auf mich ein.

Ich warf dem Mann, der bald auf mich einlachte und sprach, bald wild mit der Faust nach den Überresten seines gewesenen Kommandanten drohte, ein Zehncentavostück in den Hut. Andere folgten meinem Beispiel.

Lachend ging er zurück, drehte sich sorgfältig eine neue Zigarette, brannte sie an und zog dann das Tuch hinweg. Vor uns lag ein nackter Leichnam in einer dicken Kruste geronnenen Blutes. Ein Auge stand offen, desgleichen der Mund, während das andere halb aus der Höhle hing. Summend kamen die Fliegen und bedeckten in Scharen den Körper, dessen Oberleib von unzähligen Kugeln durchbohrt und durchsiebt war.

Langsam zog der Mexikaner wieder das Tuch darüber, hockte sich hin und begann eine neue Zigarette zu drehen. Es war der erste auf diese fürchterliche Art zugerichtete Tote, den ich erblickte. Trotzdem der Anblick ohne Zweifel scheußlich war, empfand ich kein Grauen, nur eine Art Neugierde, und obwohl sich die Gedanken in meinem Hirn blitzschnell überstürzten und mir sagten, dass mir das gleiche Los blühen könne, wenn ich meinen Plan, mich in diese Anarchie zu stürzen, nicht aufgab, so schreckte mich das mahnende Beispiel nicht ab. Mein Begleiter zog mich fort, dem Hotel zu, wo wir uns bei einigen anderen Seeleuten niederließen und Wein bestellten.

Wir kamen mit diesen in Unterhaltung und tauschten unsere Erlebnisse von See aus, das alte Lied von harter Arbeit, schlechter Nahrung und Tyrannisierung.

Heiß brannte die Sonne vom leuchtenden Himmel auf den Platz vor uns, der, es war um die Mittagsstunde, fast ausgestorben von Menschen dalag. In Klumpen zu dreien und zu vieren hockten hässliche Aasgeier am Boden oder torkelten schwerfällig einher.

Der Meister forderte mich auf, mit an Bord zum Essen zu gehen, brach aber, als ich dies ausschlug, allein mit den Worten auf: „Na, Bismarck, du scheinst dich ja unter den Halsabschneidern sehr wohl zu fühlen. Bist ein komischer Kerl!"

Noch eine Weile blieben wir sitzen, dann erhoben wir anderen uns gemeinsam, nachdem einer den Vorschlag machte, uns die Bordelle anzusehen. Langsam durch die Straßen wandernd, bogen wir in ein enges, kurzes Gässchen, das an einem Geröllhang endete. Kleine Häuser, wie Streichholzschachteln, aus Lehm gebaut, umgaben den Weg. Aus einigen drang Gitarren klimpern, Weiberkreischen und Lachen.

In manchen Türrahmen saßen oder lehnten neben bunten Heiligenbildern Frauen; die einen mager wie Skelette, andere unförmlich dick, alle mit geschminkten, maskenhaft starren Gesichtem, in den Ohren große, bis auf die Schultern fallende Goldreifen, gekleidet in weiße oder zartfarbene, glatt vom Körper hängende Seide.

Sie winkten und lachten, als wir vorbeizogen. Eine kam heraus, trippelte mit hohen Absätzen über die Straße und hing sich an einen der Kameraden, der sich fluchend und lachend von ihr mitziehen ließ. Eine andere entblößte, als wir uns an ihrer Türe vorbeischoben, den Oberkörper. An ihrem Haus, im Schatten der Mauer, lag schnarchend ein betrunkener Matrose in Arbeitskleidern, die Ärmel über die muskulösen, tätowierten Arme gestreift, mit Holzpantoffeln an den Füßen. Seine rechte Hand umkrampfte eine leere Flasche. Fliegen umsummten den Schläfer und bedeckten ihm Mund und Augen.

Von den drei Mann, die mit mir kamen, war einer nach dem anderen verschwunden, der letzte wurde eben von einem in hellblaue Seide gewickelten Weib in ihre Hütte gezogen. Das eintönige Klimpern der Gitarre und lachende Stimmen, die mir bekannt erschienen, lockten mich in ein Haus. Noch vom Sonnenlicht geblendet, vermochten meine Augen in dem dunklen, fensterlosen Raum nichts zu unterscheiden, doch eine helle Öffnung, die sich scharf abgrenzte, zeigte mir den Weg. Jetzt befand ich mich im Hof, der von hohen Brettern umgeben, zur Hälfte von einer verschlissenen Markise überdacht wurde.

Lautes Geschrei hieß mich willkommen. Auf bunten Decken, über sandigen Boden gebreitet, ruhten fünf Weiber und einige Matrosen, darunter Hein, der Bremer, und der Engländer Henry. Viele Flaschen standen umher neben Tellern voller Datteln und Kuchen.

Hein lehnte mit dem Rücken gegen die Hauswand und hielt ein Weib, aus deren offener Bluse eine volle, samtbraune Brust quoll, im Arm. Der Engländer ließ sich von einer anderen in den Haaren krauen, während zwei mir unbekannte Seeleute mit zwei Mädchen in malerischen

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Bestie ICH in Mexiko denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen