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Mundtot: Stasi-Opfer der DDR-Hastpsychatrie klagt an
Mundtot: Stasi-Opfer der DDR-Hastpsychatrie klagt an
Mundtot: Stasi-Opfer der DDR-Hastpsychatrie klagt an
eBook189 Seiten1 Stunde

Mundtot: Stasi-Opfer der DDR-Hastpsychatrie klagt an

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Über dieses E-Book

Schon als Kind wurde die erste politische Entscheidung gegen Lothar Tiedtke gefällt:
Das DDR-Regime vereitelte seine sportliche Karriere, weil er Verwandtschaft
im Westen hatte. Aus demselben Grund verwehrte man dem jungen Mann, seinen
Berufswunsch zu verwirklichen und zur See zu fahren.
Als Lothar Tiedtke daraufhin offen Kritik am politischen System der DDR übte,
geriet er schnell ins Visier der Staatssicherheit und seine "Zersetzung" wurde lanciert.
Eine von außen provozierte psychische Krise führte zur illegalen Einweisung
in die Haftpsychiatrie. Dort wurde Lothar Tiedtke unter menschenunwürdigen
Bedingungen gefangen gehalten und gegen seinen Willen mit Psychopharmaka
und Elektroschocks mundtot gemacht. Aber dies waren nicht die schlimmsten
Methoden zur Kaltstellung kritischer Bürger, die er dort erlebte.
Was er erst später herausfand: Involviert in die "operativen Maßnahmen" der
Stasi gegen ihn waren seine engsten Familienangehörigen, denen er vertraut
hatte.
Doch mit der Entlassung aus der Psychiatrie endete Lothar Tiedtkes Verfolgung
keineswegs. Bis zum Untergang der DDR und weit darüber hinaus trachtete man
ihm nach dem Leben und versuchte durch Schikanen aller Art, ihn aus dem Beruf
zu drängen und an der Aufklärung seiner Vergangenheit zu hindern.
Die juristische Rehabilitierung blieb ihm versagt, daher will er mit diesem Buch
die Täter anklagen und über das von ihm und unzähligen anderen politischen
Opfern erlittene Unrecht aufklären.
SpracheDeutsch
HerausgeberunderDog Verlag
Erscheinungsdatum23. März 2018
ISBN9783946289050
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    Buchvorschau

    Mundtot - Lothar Tiedtke

    DDR

    Verlustreiche Kindheit

    Ich wurde im Jahr 1958 in Saßnitz auf der Insel Rügen geboren. Mein Vater Harry Tiedtke war Marineoffizier, meine Mutter Sekretärin. Ich habe einen fünf Jahre älteren Bruder, Udo, und eine vier Jahre ältere Schwester, Sabine. Harry Tiedtke wurde Anfang der 1960er Jahre von Saßnitz nach Stralsund an die Offiziershochschule versetzt, 1963 wurde er aus der Marine entlassen.

    Bis zu meinem sechsten Lebensjahr verlief meine Kindheit normal. Meine Mutter arbeitete auf der Post, mein Vater als Waschmaschinenmechaniker. Wir wohnten in einem Offiziersblock in Stralsund.

    Mein Vater hatte ein Verhältnis mit einer Frau aus unserem Haus, deren Ehemann ebenfalls Offizier war. Ich führte später unzählige Gespräche mit meiner Oma darüber. Daher nehme ich an, dass dieses Verhältnis schon seit Jahren andauerte und der wahre Grund für die Entlassung Harry Tiedtkes aus der Marine war.

    1964 verunglückte meine Mutter bei einem Arbeitsunfall tödlich. Ich war damals sechs Jahre alt. Vermutlich wusste sie von dem Verhältnis meines Vaters und war dadurch stark seelisch belastet. Der Unfall, den sie auf dem Bahnhof verursachte, geschah, weil sie unkonzentriert war. Dies konnte natürlich mit ihrem Unglück in der Ehe zusammenhängen.

    In Begleitung einer Kollegin fuhr sie auf einem Elektrokarren auf die Gleise und war sofort tot. Ihre Kollegin Frau Müller* erlitt dabei schwere Verletzungen.

    Das war ein einschneidendes Ereignis, das traumatische Auswirkungen auf mich hatte. Als kleiner Junge verstand ich einfach noch nicht, dass Mutter nicht mehr wiederkommen würde. Ich litt so sehr, dass ich stark abnahm. Man schickte mich schließlich zur Kur.

    In unserem Haushalt lebte auch unsere Oma. Nach Mutters Tod übernahm sie die Erziehung von meinen Geschwistern und mir. Unser Vater verließ meine Geschwister und mich kurz nach dem Todesfall. Er zog aus unserer Wohnung aus und bei seiner Geliebten, die drei eigene Kinder hatte, ein. Sie hatte inzwischen eine Wohnung in der Innenstadt von Stralsund gemietet und war geschieden.

    Die ganze Last der Kindererziehung übernahm meine Oma. Harry Tiedtke war jedoch weiterhin bei uns gemeldet und holte regelmäßig seine Post bei uns ab. Sonst kam er eher selten, nur wenn es mal Probleme mit uns Kindern gab.

    Oma schickte mich ein Jahr lang in den Kindergarten. Dadurch sollte ich etwas aufgeschlossener werden, denn seit dem Tod meiner Mutter war ich sehr ruhig und verschlossen.

    Nach dem Kindergartenjahr kam ich auf die Adolf-Diesterweg-Schule, in die auch meine beiden Geschwister Udo und Sabine gingen. Zu Beginn meiner Schulzeit hatte sich meine Gemütslage noch nicht wesentlich verändert, weshalb Udo und Sabine beschlossen, mich zum Judo mitzunehmen. Es war eine gute Entscheidung, denn durch den Sport besserte sich allmählich mein Zustand.

    In der Schule war ich auf mich alleine gestellt. So recht hat mir keiner geholfen. Udo und Sabine unterstützten sich gegenseitig, Oma hatte mit ihren 65 Jahren aber nicht mehr den Draht, mit mir zu lernen. Ich gab mir Mühe, alles, was mir im Unterricht erklärt wurde, zu behalten. Nach der Schule tat ich aber nicht mehr viel und lernte eher selten. Die Leistungen, die ich in der Schule erbrachte, waren somit das Resultat des Aufpassens im Unterricht. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass meine Noten, wenn man mich entsprechend gefördert und zum Lernen angehalten hätte, bei Weitem besser hätten ausfallen können.

    Stattdessen konzentrierte ich mich ganz auf den Sport. Durch den Kampfsport entwickelte ich Eigenschaften und Fähigkeiten wie Zielstrebigkeit, Selbstvertrauen, Konzentration und auch einen gewissen Fleiß. Nach einigen Jahren, in denen ich Sport gemacht hatte, ging es mir gut. Auch meine schulischen Leistungen waren für ein Kind, das nicht viel lernte, nicht schlecht. Viermal in der Woche stand ich auf der Matte, davon trainierte ich zweimal im Leistungszentrum von Dynamo Stralsund.

    DDR-Meisterschaft im Judo, 1971. Unten rechts Lothar Tiedtke, 32 kg, Rostock

    Hier sieht man mich nochmals im Ausschnitt mit meiner Bronze-Medaille

    Mit zehn Jahren träumte ich das erste Mal von einer Delegierung zur Kinder- und Jugendsportschule (KJS). Nach einer DDR-Meisterschaft war es dann so weit. Nur knapp verlor ich das Halbfinale gegen einen Sportler vom Sportclub Dynamo Hoppegarten durch Kampfrichterentscheid. Mein Gegner wurde im Finale DDR-Meister. Nach dem Kampf wurde ich von Trainern des SC Dynamo Hoppegarten zum Test nach Berlin eingeladen. Ich freute mich riesig, denn ich wollte Europameister oder gar Olympiasieger werden. Bis zum Aufnahmedatum war es noch Zeit und ich erlegte mir ein zusätzliches Kraft- und Konditionstraining auf, um auch genommen zu werden.

    Der große Tag kam und ich fuhr mit einem Sportsfreund, Gerd Krüger, nach Berlin zum Club der Welt- und Olympiasieger. Die Testphase dauerte ungefähr drei Wochen. Wir waren während dieser Zeit im Internat des Clubs untergebracht. Das gesamte Gelände war eingezäunt und man kam nur mit einem Passierschein hinein. Das Training und die Anforderungen waren sehr hoch und ich war mit voller Konzentration und Freude dabei. Ich wollte unbedingt die Berliner Trainer davon überzeugen, dass ich auf die KJS gehörte. Das ganze Umfeld dort gefiel mir sehr gut. Die Turnhallen waren beeindruckend und mit allem ausgestattet, was ein Sportlerherz begehrt. Ich war mir sicher, man würde mich aufnehmen. Meine persönliche Bereitschaft, mich anzustrengen, hatte ich ja schon vor dem Test unter Beweis gestellt.

    Beim Abschlussgespräch sagte man mir dann aber, ich wäre nicht geeignet, ohne es näher zu begründen. Ich verstand die Welt nicht mehr, hatte ich doch in allen sportlichen Prüfungen beste Ergebnisse erzielt. Ich merkte damals, dass man mir nicht die Wahrheit sagte. Es gab einen anderen Grund, den man verschwieg. Die erste politische Entscheidung war gegen mich gefällt worden, denn ich hatte West-Verwandtschaft. Von Omas Seite gab es mehrere Geschwister, die in Westdeutschland lebten und uns besuchen kamen. Auch Oma fuhr als Rentnerin regelmäßig in den Westen. Über diesen Sachverhalt klärte sie mich auf, als ich wieder nach Hause kam. Ich war total enttäuscht. Als Mitglied des Sportclubs Dynamo Hoppegarten wäre ich aber Reisekader der DDR gewesen, und mit Westkontakt war das nicht möglich. Das verstand ich als Kind natürlich nicht und konnte meine maßlose Enttäuschung nicht verbergen. Auch in der Schule sprach es sich herum, dass ich aus diesen Gründen abgelehnt worden war und nicht auf die Kinder- und Jugendsportschule gehen konnte.

    Wenn wir von unseren Verwandten aus dem Westen Besuch bekamen, nutzte ich dies zu zahlreichen Gesprächen. Was mir bei diesen Gelegenheiten vor allem von meinem Großonkel erzählt wurde, brachte ich dann, sehr zum Leidwesen meiner Lehrerin, in der Schule an. Sie unterrichtete Deutsch und Staatsbürgerkunde. Ulrike Schneider* war ihr Name, und anfänglich war sie mir nicht einmal unsympathisch. Es waren meist kontroverse Diskussionen, die ich mit ihr führte und in denen sie mir anfänglich gute Beispiele entgegenhielt. Aber ich redete auch mit meinen Geschwistern Udo und Sabine häufig über Politik, sodass ich mit zunehmendem Alter immer bessere Argumente fand und in Diskussionen immer gewandter wurde. Dadurch konnte ich bei Gesprächen mit Frau Schneider im Staatsbürgerkundeunterricht immer wieder mit praktischen Beispielen aufwarten. Mein Onkel erzählte mir stundenlang mit wachsender Begeisterung von Westdeutschland und ich hörte ihm aufmerksam zu. Diese Fakten kamen in der Schule nicht gut an. Meine Lehrerin vertrat schließlich die Auffassung, dass ich die Klasse negativ beeinflusse. Um den ständigen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, ließ sie mich in der neunten und zehnten Klasse in die FDJ-Leitung wählen, mit dem Ziel, mich auf ihre Seite zu ziehen. Ihr Vorhaben scheiterte jedoch und ich wurde abgewählt.

    In der zehnten Klasse wurde ich neben Beate Frei* gesetzt. Ihre Mutter Renate Frei* war Elternratsvorsitzende und laut Stasi-Unterlagen damals als Informelle Mitarbeiterin (IM) der Staatssicherheit tätig. Es ist daher wahrscheinlich, dass ich bereits als Schüler bespitzelt wurde.

    In einem Vieraugengespräch gab Ulrike Schneider mir einmal zu verstehen, es würde noch einmal ein schlimmes Ende mit mir nehmen. Mittlerweile hasste ich diese Lehrerin. Ihr Staatsbürgerkundeunterricht war gekennzeichnet von Hetzkampagnen gegen den sogenannten Klassenfeind.

    Viele Jahre später sollte ich Ulrike Schneider in der ihr früher so verhassten Gesellschaftsordnung wieder treffen. Sie hatte einfach das Fach „Stabü" gegen Französisch getauscht.

    Abgesehen von ihr fand ich die Schule nicht schlecht und glaubte auch zu wissen, dass ich einen guten Stand innerhalb der Klasse hatte. Ich gab mir immer große Mühe, die Dinge objektiv zu sehen und stets fair zu sein, so wie ich es von meiner Oma und im Sport gelernt hatte.

    * Name geändert

    * Name geändert

    Schmerzhafte Jugend

    In der zehnten Klasse musste ich mich für einen Beruf entscheiden; dafür war das Halbjahreszeugnis ausschlaggebend. Zum ersten Mal setzte ich mich hin und lernte bewusst für dieses Ziel. Mit Erfolg! Ich hatte einen Notendurchschnitt von 2,1 und bewarb mich mit diesem Zeugnis bei der Volkswerft Stralsund als Maschinenbauer. Die Werft antwortete mir, dass sie mich aufgrund des eingereichten Zeugnisses nehmen würden.

    Ich schloss die zehnte Klasse mit einer guten Drei ab und begann die Lehre als Maschinenbauer auf der Werft. Die Lehre machte mir auf Anhieb Spaß. Außerdem konnte ich auch als Lehrling meinem Sport nachgehen. Zum Judosport gesellte sich jetzt eine zweite Sportart hinzu: Kraftsport. Meine Woche war voll ausgefüllt. Jeden Tag machte ich Sport, entweder Judo oder Krafttraining. Durch meine Lehre und den Sport hatte ich einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. In den Sommerferien wurde ich von der Werft außerdem für die Betreuung im Kinderferienlager freigestellt. Darauf freute ich mich immer ganz besonders.

    Ich verstand mich auch gut mit dem weiblichen Geschlecht, so lernte ich bald meine erste Freundin kennen. Sie war zwei Jahre älter als ich und als Unterstufenlehrerin tätig. Uns verband vor allem der Sport, da sie das Fach ebenfalls unterrichtete. Ich war längere Zeit mit ihr zusammen und es wurde nie langweilig mit ihr.

    Bereits im ersten Lehrjahr interessierte ich mich für den Schiffsbau und die Seefahrt. Auch der praktische Teil, das Arbeiten an den Schiffen, machte mir großen Spaß. Doch bei der Arbeit bekam ich mit, dass es auf der Werft nicht gerecht zuging.

    Es gab einen Wettkampf, der hieß „Stärkster Lehrling gesucht". Die Volkswerft Stralsund war ein Garant für den Sieg. Das bedeutete vorzugsweise Training für meinen Sportsfreund Frank Glass* und mich.

    Dieser Wettkampf war gleichzeitig ein Prestigekampf mit anderen Lehrlingsausbildern in der DDR. In der Praxis sah das so aus, dass wir verkürzt arbeiteten und anschließend mit unserem Sportlehrer trainierten. Das fand ich sehr gut. Der Wettkampf fand auch in der DDR-Presse große Beachtung.

    Gegen Ende des ersten Lehrjahres kam es zur Trennung von meiner Freundin, der Sportlehrerin. Ich lernte nämlich eine angehende Kindergärtnerin kennen, die meine große Liebe wurde. Wir konnten uns über alles unterhalten und ich habe ihr voll vertraut. Sie hieß Petra*. Wir hatten eine sehr schöne Zeit und waren Jahre zusammen. Petra hatte eine Zwillingsschwester, und ihr Vater war Fernfahrer und pendelte zwischen der BRD und Österreich. Nach einiger Zeit sprachen wir über Heirat. Der Grund dafür war, dass ihre Zwillingsschwester heiraten wollte, und es sollte eine Doppelhochzeit geben. Das ging mir gegen den Strich. Ich besprach mit Petra meine Situation auf der Werft und ließ sie von meinem Vorhaben wissen, zur See zu fahren. Ich wollte nicht als Werftarbeiter enden, sondern etwas von der Welt sehen. Ich hatte schon immer eine gute Beziehung zum Wasser gehabt. Petra hatte nichts gegen meine Pläne einzuwenden. Wir vereinbarten also zu heiraten, wenn ich bei der Deutschen Seereederei angenommen würde. Die Gespräche mit Petras Vater bestärkten mich in diesem Entschluss. Auch er wusste nur Positives über den „Klassenfeind" zu berichten.

    1978 stellte ich einen Antrag bei der Deutschen Seereederei (DSR). Ich wollte auf große Fahrt als Maschinist gehen. Da ich im Schiffsbau arbeitete, rechnete ich mir große Chancen aus. Es dauerte lange Zeit, bis mein Antrag bearbeitet war. Doch seit meinem Erstantrag lief praktisch alles gegen mich. Nach einiger Zeit erhielt Petras Vater Berufsverbot. Von einem Tag auf den anderen wurde er vom Lkw genommen, ohne Begründung. Erst nach der Wende habe ich durch Akteneinsicht erfahren, dass ich als sein angehender Schwiegersohn der Grund dafür war. Petras Zwillingsschwester hatte sich einen Mitarbeiter der Staatssicherheit als Zukünftigen ausgesucht. Sein Deckname war „Keule", wie ich erfuhr, denn er ist in den Stasi-Unterlagen einwandfrei entschlüsselt.

    An eine Begebenheit mit ihm kann

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