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Nicht allein: Wege geistlicher Begleitung
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eBook344 Seiten4 Stunden

Nicht allein: Wege geistlicher Begleitung

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Über dieses E-Book

"Menschliches Leben bedeutet Unterwegssein. Zu wel­chem Ziel? Wie finden wir die Straße des Lebens?... Gewiss, Jesus Christus ist das Licht selber, die Sonne, die über allen Dunkelheiten aufgegangen ist. Aber wir brauchen, um zu ihm zu finden, auch die nahen Lichter - die Menschen, die Licht von seinem Licht schenken und so Orientierung bie­ten auf unserer Fahrt" (Benedikt XVI., Spe salvi, 49).

Was sich in einzigartiger Weise zwischen Christus und sei­nen Jüngern zutrug, ist seit frühchristlicher Zeit zu einer bedeutsamen Lebenshilfe innerhalb der Kirche geworden. Auch heute suchen Menschen Rat und Beistand für ihr Be­mühen um die Nachfolge Christi und für die Fragen und Probleme ihres Lebens.

Der Begleiter will dem, der sich ihm anvertraut, als Mensch und als Christ zur Seite stehen. Begleitung ist Hilfe, keine Bevormundung. Der Begleitete soll sein Leben in der herrli­chen Freiheit der Kinder Gottes selbstbewusst verantworten und immer mehr hineinwachsen in den Willen Gottes, der möchte, dass das Leben gelingt, dass es lebens- und lie­benswert wird.

In diesem Buch sind Gedanken und Erfahrungen des Au­tors aus fünfzig Jahren als Beichtvater und geistlicher Be­gleiter zusammengetragen.

Der Text fußt durchgehend auf der Heiligen Schrift sowie auf der Weisheit derer, die uns vorangegangen sind im Glauben: der Heiligen. Tragende Themen sind die Berufung zur Heiligkeit, die Gotteskindschaft, das Gebet und der Umgang mit den "Alltagssakramenten" der Eucharistie und der Buße. Aber auch die praktische Verwirklichung der "Alltagstugenden" am Arbeitsplatz, in Ehe und Familie und im ganzen Feld der gesellschaftlichen Beziehungen wird eingehend durchbuchstabiert

So werden diese Seiten wirklich zu einem geistlichen Beglei­ter, der Mut macht und hilft, dass aus dem normalen Alltag in der Welt immer mehr ein überzeugtes und glaubwürdi­ges christliches Leben wird.
SpracheDeutsch
HerausgeberAdamas Verlag
Erscheinungsdatum7. Apr. 2018
ISBN9783937626864
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    Buchvorschau

    Nicht allein - Peter Blank

    handelt.

    I. Gottes Welt

    Salz, Licht und Sauerteig

    In drei plastischen Bildern verdeutlicht Jesus uns die Rolle des Christen in der Welt; es sind die Bilder vom Salz, vom Licht und vom Sauerteig.

    »Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten«, heißt es in der Bergpredigt (Mt 5,13). Die wunderbare Fähigkeit des Salzes besteht darin, dass es der Speise zur Fülle des ihr eigenen Geschmacks verhilft, und zwar auf einem einzigen Weg, indem es selbst verschwindet und sich auflöst. Viele an sich gute Speisen bleiben geschmacklos und nicht selten ungenießbar, wenn das Salz fehlt. Genau das Gleiche ist aber auch dann der Fall, wenn das Salz sich wichtig macht und auffallen möchte; dann verdirbt es die Speise. Wir Christen sind das Salz der Erde.

    »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben« (Joh 8,12), sagt Jesus von dem Licht, das er in unser Leben hineinträgt. Und dann benutzt er dieselben Worte, um uns zu verdeutlichen, dass wir in seiner Nachfolge zum Licht für andere werden sollen: »Ihr seid das Licht der Welt« (Mt 5,14). Das gute, warme Licht blendet nicht; es ist nicht das blendende Leuchten des bengalischen Feuerwerks oder der Wunderkerze, das einen Augenblick fasziniert und Sekunden später die Augen in noch größerer Finsternis zurücklässt. Das gute Licht tut gut. Es ermöglicht die Orientierung und das Wahr-nehmen der Umwelt und der Menschen; es gibt Sicherheit und macht den eigenen Lebensraum hell, angstfrei und einladend. Das Licht ist – wie das Salz – ganz dienend und möglichst anspruchslos. Und doch »soll euer Licht vor den Menschen leuchten« (Mt 5,15). Der Christ ist kein Blender, kein Gernegroß, der sich wichtig nimmt und sich ständig in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und der Gespräche zu stellen versucht. Aber ebenso wenig darf er den Gerneklein spielen, der sich wegduckt und die Talente und Möglichkeiten, die Gott ihm anvertraut hat, vergräbt, das Licht unter den Scheffel stellt. Die Gottesgaben der Glaubensfreude und eines gelungenen, liebenswerten Lebens sollen nach Christi Willen in die Welt hineinstrahlen und diese konkrete Welt, in die Gott mich gestellt hat, ein wenig heller und wärmer machen. Das Licht gehört »auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus«. Die hohe Kunst der Demut besteht darin, dass wir uns einerseits durchaus gut, beispielgebend und gewinnend verhalten sollen, aber uns gleichzeitig jederzeit bewusst bleiben, dass allein Gott der Urheber des Hellen, des Schönen und des Guten ist, nicht wir. Nicht uns sollen die Menschen bewundern und loben, wenn sie unsere »guten Werke sehen«; sie sollen allein den »Vater im Himmel preisen« (Mt 5,16).

    Das Gleiche veranschaulicht auch das dritte Bild des Herrn: das von der Hefe, vom Sauerteig. »Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war« (Mt 13,33). Der Sauerteig macht – wie das Salz – nur dann und in dem Maße Sinn, wie er sich ganz in die Teigmasse hineingibt, ja in ihr aufgeht. Dann allein erfüllt er seine Aufgabe. Sich in Elfenbeintürmen und Ökonischen abzukapseln, wo der raue Wind des Widerspruchs nicht weht und eine abgeschirmte, keimfreie Atmosphäre herrscht, die jede Infektionsgefahr durch die Welt ausschließt, das ist definitiv nicht der Lebensraum, den Jesus Christus den Christen zugewiesen hat. Vermutlich stellt es einen der größten Lacherfolge der Hölle dar, wenn es dem Teufel gelingt, die Hefe in Plastiksäckchen zu verpacken und sie davon zu überzeugen, dass ihr christliches Zeugnis darin besteht, auf der Verpackung – aber bitte deutlich lesbar – das Schild anzubringen: »Echter Sauerteig, bester Qualität«. Dann hätte der »Vater der Lüge« (Joh 8,44) eine entscheidende Schlacht gewonnen. »Ist die Hefe von sich aus besser als der Teig? Sicher nicht. Und doch ist sie das Mittel dafür, dass der Teig gerät und zu essbarer, gesunder Nahrung wird …

    Denkt aber nicht, dieses Bemühen wäre nur eine ornamentale Verzierung, die zu dem eigentlichen Christsein hinzukäme. Wenn der Sauerteig nicht in Gärung gerät, verfault er. Er kann sich dadurch auflösen, dass er den Teig aufgehen lässt, aber auch dadurch, dass er sich in Nutzlosigkeit und Egoismus verliert. Denken wir nur nicht, wir erwiesen Gott einen Gefallen, wenn wir Ihn den Menschen bekannt machen: ›Von der Verkündigung des Evangeliums bleibt mir kein Ruhm. Es ist meine Pflicht‹, als ein Auftrag Jesu Christi: ›Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündigte!‹ (1 Kor 9,16)« (hl. Josemaría, Freunde Gottes (FG), Nr. 257 f.).

    Der Herr will sich unser bedienen, »damit wir – ganz in Gott verankert – an allen Wegekreuzungen dieser Welt Salz, Sauerteig und Licht sein können«, schreibt der heilige Josemaría. »Sei du ganz in Gott – und du wirst die anderen erleuchten, in ihnen Geschmack am Ewigen wecken, sie zum Wachsen bringen, sie innerlich verwandeln. Vergiss aber nie, dass wir dieses Licht nicht hervorbringen, sondern nur widerspiegeln. Nicht wir sind es, die die Seelen retten«, wir sind nichts als Werkzeuge. »Bildeten wir uns je ein, dass das Gute, das wir tun, unser Werk sei, dann … würde das Salz schal werden, der Sauerteig faulen, das Licht sich verfinstern« (FG 250).

    Zweitursachen

    »Erschienen ist uns die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters« (Tit 3,4). »Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht« (Joh 1,18).

    Die unausdenkbare Art, uns die Liebe, die Nähe – das Antlitz – Gottes erfahrbar zu machen, ist die Menschwerdung, ist Jesus Christus: perfectus deus, perfectus homo – vollkommener Gott und vollkommener Mensch. Und die wohl schönste Zusammenfassung des Menschseins Jesu ist seine einzigartige Menschlichkeit im Zugehen auf die Menschen: der liebevolle Blick, der warmherzige, vertrauensvolle Umgang mit jedem Einzelnen, mit dem er zusammentrifft. Das Evangelium vermittelt immer den Eindruck, dass für Jesus der wichtigste Mensch auf der Welt derjenige ist, der jetzt gerade vor ihm steht. So gehören zu den bewegendsten Passagen des Evangeliums jene Szenen, in denen Jesus – scheinbar rein zufällig – einzelnen Menschen begegnet: der Mutter von Nain, der Sünderin Maria von Magdala, dem Hauptmann von Kafarnaum, der Syrophönizierin, dem Blindgeborenen, dem Gelähmten vom Betesdateich, dem Zöllner Zachäus, den zehn Aussätzigen, dem Blinden von Jericho … Diese kleinen Begebenheiten enthalten, zusammen mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, die vielleicht tiefste und nachhaltigste Offenbarung Jesu, in der er uns deutlich macht: So ist euer Gott, so liebt er euch. In der Begegnung mit Jesus werden Menschen gesund, werden getröstet, wissen sich angenommen und können sich annehmen: Sie können Ja sagen zu sich selbst, zu ihrem Leben und zu ihrer Berufung.

    Und Jesus sorgt dafür, dass die so menschliche Art Gottes, zum Menschen zu kommen, in der Kirche weitergeht. Das Durch-Menschen-zum-Menschen-Kommen Gottes ist fast wie die Fortsetzung seiner Inkarnation, seiner Jahre hier auf Erden. Bereits zu Lebzeiten schickt Jesus seine Jünger »in alle Städte und Orte, in die er selbst kommen will« (vgl. Lk 10,1), und dann verspricht er ihnen: »wer euch hört, hört mich … ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Lk 10,16; Mt 28,20). Wer Jesus, bei aller Schwäche, ehrlich zu lieben und ihm nachzufolgen versucht, dem vertraut der Herr das Kostbarste an, was er auf Erden besitzt, seine Brüder und Schwestern, für die er sein Leben hingegeben hat. Jesus sagt ihm wie dem Petrus: Sei jetzt du, in meinem Auftrag und an meiner Stelle, »der gute Hirt« für diese »meine Schafe« (vgl. Joh 10,11 ff.; Joh 21,16). Besonders vom Pfingsttag an haben die Apostel diesen Auftrag wahrgenommen, und zwar so echt und überzeugend, dass die Menschen »sich mitten ins Herz getroffen« fühlen und diese armen galiläischen Fischer vertrauensvoll fragen: »Brüder, was sollen wir tun?« Die, die noch wenige Wochen zuvor geschrieen haben: »Ans Kreuz mit ihm!«, bekehren sich, lassen sich auf den Namen Jesu taufen und wagen einen radikalen Neubeginn ihres Lebens (vgl. Apg 2,37).

    Am Anfang der Kirche gibt es – im Feuer des Heiligen Geistes – die großen Predigten, die vielen Taufen und Bekehrungen, aber zugleich ist da immer die persönliche Sorge um jeden Einzelnen. An vielen Stellen der Apostelgeschichte und der Paulusbriefe wird deutlich, dass viele Bekehrungen in der Urkirche durch diese höchst persönliche Begegnung mit diesem konkreten Jünger des Herrn geschehen. Immer wieder benutzt Jesus – wie der heilige Josemaría zu sagen pflegte – seine Jünger quasi als Briefumschlag, um jenen ganz persönlichen Liebesbrief zuzustellen, den er diesem einen Menschen senden möchte (vgl. Apg 8,27 ff.; 9,10 ff.; 18,26 ff.).

    Gott hat ganz offenbar eine große Vorliebe für »Zweitursachen«. Schon wenn der Mensch ins Dasein tritt, gibt es jene einzigartige Zusammenarbeit zwischen Gott und den Menschen. Wenn Mann und Frau im Zeugungsakt die Voraussetzungen für neues Leben schaffen, bindet sich Gott gleichsam an das Handeln der Eltern und erschafft in diesem Augenblick – für alle Ewigkeit – den Persönlichkeitskern des neuen Menschen: seine unsterbliche Seele. Das Entstehen und Wachsen des Menschen der Liebe zweier Menschen anzuvertrauen reicht tief in Gottes Gedanken über das Wesen des Menschen als Ebenbild Gottes hinein.

    Und genau das Gleiche ereignet sich im Leben des Glaubens. Der Glaube ist ein reines Gnadengeschenk Gottes. Aber keiner von uns hat zum Glauben gefunden ohne ganz konkrete Vermittler der Glaubensgnade, ohne diese Eltern, diese Lehrerin, diesen Kaplan, diesen Freund, diesen Kollegen. Gott will mit seiner Wahrheit, seiner Liebe und Gnade offensichtlich immer »durch Menschen zum Menschen« (M. Scheeben) kommen. Er benutzt Leib und Seele, Hände und Stimme des Priesters, wenn er sagt: »Das ist mein Leib« und so ein armes Stück Brot in sein Fleisch, seine Gottheit und seine Menschheit für uns verwandelt. Und genauso ist Gott es, der durch den Mund des Priesters sagt: »Ich spreche dich los von deinen Sünden« und auf diese Weise dem Menschen das Herz eines neugetauften Kindes wiederschenkt. Aber das gilt keineswegs nur für die Zweitursache des priesterlichen Dienstes. In einem Brief an die ersten Mitglieder des Opus Dei, die alle im Berufsleben stehende Laien waren, schreibt der heilige Josemaría im Jahr 1932: »Gott möchte sich unseres Umgangs mit den Menschen bedienen, unserer Fähigkeit, zu lieben und liebenswert zu sein, um auf diese Weise neue Freunde auf Erden zu gewinnen« (Brief, 9.1.1932, Nr. 75).

    Neue Freunde für Jesus gewinnen, den Lebensweg der Mitmenschen und ihren Weg zu Gott lebens- und liebenswert werden zu lassen, das macht ein Wesenselement der christlichen Taufberufung aus. Und in diesem Sinn ist jeder Christ – ob er es sich nun bewusst macht oder nicht – in Gottes Augen ein geistlicher Begleiter seiner Nächsten, geistlicher Begleiter dieser Ehefrau, dieser Tochter, dieses Kollegen, dieses Bruders, dieses Freundes.

    Jemanden in Jesu Auftrag auf seinem Weg zu begleiten ist Dienst, ist Hingabe. »Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben« (Mt 20,28). In einem italienischen Sprichwort heißt es: »per servire servire – um zu etwas zu taugen, muss man dienen«, insbesondere als geistlicher Begleiter.

    Dienen kann man auch, wenn man müde ist und Sorgen hat, aber es geht nicht mit einem »Stressgesicht«, das ständig auf die Uhr schaut. Dienen kann man nicht mit einem »Klagegesicht«, das angefüllt ist mit allen Katastrophen und allem Bösen auf der Welt. Dienen, das geht nicht mit einem »Opfergesicht« voller Selbstmitleid. Und vollends unmöglich ist das Dienen mit dem Gesicht des Besserwissers und Besserseiers. Wie Bischof Javier Echevarría, der im Dezember 2016 verstorbene zweite Nachfolger des heiligen Josemaría, in einem Beisammensein in Frankfurt am 20. September 2001 sagte: »Als Apostel Jesu Christi brauchen wir ein frohes Gesicht, ein Gesicht mit einem liebevollen Blick, ein Gesicht, das einlädt, uns um jeden Gefallen zu bitten.«

    Begleitung

    Am Anfang der kirchlichen Tradition geistlicher Leitung stehen die Einsiedler in der Wüste, die von ganz unterschiedlichen Menschen mit der Bitte um Rat und Leitung aufgesucht werden. Das wesentliche Ziel dieser geistlichen Begleitung ist die Hinführung zum Gebet, zur Kontemplation, zur Begegnung mit Gott. Und die wichtigste Regel der Wüstenväter war es, nicht zu verurteilen und nicht traurig zu machen, sondern aufzurichten und zu trösten. Von diesen ersten Anfängen an war ein wichtiger Teil der geistlichen Begleitung immer das fürbittende Gebet und das Opfer für den Ratsuchenden, wodurch sich die geistlichen Väter mit ihm vor Gott solidarisierten. Und das Gebet ist es auch, was sie die Situation des anderen mit Gottes Augen sehen und für die eigentlichen Probleme des Ratsuchenden offen werden lässt. Der geistliche Vater ist kein unbeteiligter Ratgeber, sondern er weiß sich für den Schüler verantwortlich; er leidet mit ihm und tritt für ihn vor Gott ein. Er ist kein Fachmann zur Bewältigung von Lebenskrisen, sondern ein Helfer zur Begegnung mit Gott, der seine eigene geistliche Erfahrung weiterzugeben versucht (vgl. Michael Plattig, Ursprung und Entwicklung geistlicher Begleitung, in Handreichung für geistliche Begleitung, Deutsche Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 158, S. 25 ff.).

    Im heutigen Sprachgebrauch hat sich der klassische Begriff der geistlichen Leitung, der – wohl nicht zu Unrecht – mehr die Stellung des Meisters und Lehrers ins Blickfeld rückte, weitgehend zum Ausdruck der geistlichen Begleitung hin verschoben, d.h. zur Rolle des Freundes und Wegbegleiters auf dem gemeinsamen Weg. Der Begriff der »Begleitung« erschließt sich, wenn man auf die Rolle der »Begleitung« in der Musik schaut. Im Lexikon der Musik wird sie so beschrieben: »Begleitung bedeutet, den zweiten Part zu spielen, der normalerweise keine eigene Melodie besitzt; bei der Begleitung geht es ganz darum, den Solisten zu unterstützen, damit dessen Stimme und Melodie besser zur Geltung kommen. Begleitung ist immer abwartend, tastend, ganz dienend. Nur wenn der Solist einmal eine Pause macht, lässt er dem Begleiter den Spielraum, die Melodie eigenständig fortzuführen.«

    Etwas ganz Ähnliches geschieht in der geistlichen Begleitung. Sie ist Hilfestellung, damit der Begleitete selbst sieht und einsieht; damit er sich ehrlich mit den Fakten seines Alltags und mit Gottes Gedanken über sein Leben konfrontiert; damit er seine eigene Melodie findet und diese gut zu singen lernt. Letztlich geht es in der geistlichen Begleitung nur darum, dass der Begleitete konsequent betet: »Dein Wille geschehe«. Aber das bedeutet auch, dass er aufhört, den Willen Gottes als Last und als Einschränkung zu betrachten, sondern ihn als den großen Gewinn, als die wunderschöne Melodie seines Lebens entdeckt: als die Wahrheit, die befreit (vgl. Joh 8,32), die heilt und gut-tut. Und dann geht es darum, den Begleiteten dafür zu gewinnen, »dass er wirklich will«. Aber nicht wie der Begleiter es will, sondern »wie er selbst es will in seinen besten Momenten«, pflegte der heilige Josemaría zu sagen. Und dann fügte der Heilige mit dem ihm eigenen Humor oft hinzu: »Und wenn ich im Moment nicht zu erreichen vermag, dass der andere wirklich will, dann muss ich zumindest zu erreichen suchen, dass er wollen will«.

    Geistliche Begleitung kann so zur wichtigen, vielleicht zur grundlegenden Hilfestellung werden, damit Erkanntes gewollt und das Gewollte verwirklicht wird und dass der Begleitete nach den nie ausbleibenden Fehlschlägen nicht resigniert, sondern immer wieder Mut fasst und neu beginnt.

    In seinem apostolischen Schreiben Evangelii gaudium nennt Papst Franziskus grundlegende Aspekte geistlicher Begleitung, die fast so etwas wie eine Kurzfassung der »Kunst der Begleitung« darstellen. Das Wesen geistlicher Begleitung besteht für den Heiligen Vater darin, die »Nähe und Gegenwart Jesu und seines persönlichen Blicks wahrnehmbar zu machen«. Das setzt voraus, dass der Begleiter bereit ist, sich »vor dem heiligen Boden des anderen die Sandalen von den Füßen zu streifen (vgl. Ex 3,5)« und sich dem anderen zuzuwenden »mit einem achtungsvollen Blick voll des Mitleids, der aber zugleich heilt, befreit und zum Reifen im christlichen Leben ermuntert«.

    »Mehr denn je«, fährt der Heilige Vater fort, »brauchen wir Männer und Frauen, die aus ihrer Erfahrung als Begleiter die Vorgehensweise kennen, die sich durch Klugheit auszeichnet sowie durch die Fähigkeit zum Verstehen, durch die Kunst des Wartens sowie durch die Fügsamkeit dem Geist gegenüber«. Denn nur durch »mitfühlendes Zuhören ist es möglich, die Wege für ein echtes Wachstum zu finden, das Verlangen nach dem christlichen Ideal und die Sehnsucht zu wecken, voll auf die Liebe Gottes zu antworten und das Beste, das Gott im eigenen Leben ausgesät hat, zu entfalten«. Sicher verlangt das Evangelium in bestimmten Situationen auch, »einen Menschen zurechtzuweisen und ihm aufgrund der Kenntnis der objektiven Bosheit seiner Handlungen wachsen zu helfen (vgl. Mt 18,15)«; aber dem Begleiter kommt es nie zu, über die Schuld des anderen zu richten (vgl. Mt 7,1; Lk 6,37). »Ein guter Begleiter lässt freilich fatalistische Haltungen und Kleinmut nicht zu. Immer lädt er ein, sich heilen zu lassen, seine Bahre zu nehmen (vgl. Joh 5,8), das Kreuz zu umarmen, alles hinter sich zu lassen« und sich wieder von neuem auf den Weg zu machen (vgl. Evangelii gaudium, Nr. 169-172).

    Gefährdungen

    Wie fast alles im menschlichen Leben besitzt auch die geistliche Begleitung nicht nur ihre hilfreichen Seiten, sondern auch ihre spezifischen Gefährdungen.

    Ein erster und schwerwiegender Fehler des Begleiters würde darin bestehen zuzulassen, dass der Begleitete die Verantwortung für das eigene Leben de facto an den Begleiter oder Beichtvater delegiert und das möglicherweise auch noch als besonders demütige Fügsamkeit ansieht. Der Begleiter muss jeder Tendenz in diese Richtung entschieden seine Unterstützung verweigern und immer wieder deutlich machen, dass die Verantwortung dafür, dass das eigene Leben als Mensch und Christ gelingt, dass es so lebens- und liebenswert wird, wie Gott es sich wünscht, niemals auf andere abgewälzt werden kann und darf. Weder für mein Alltagsleben, geschweige denn für meine Beziehung zu Gott, für meinen Weg zur Heiligkeit, ist irgend jemand anders verantwortlich als ich selbst. Geistliche Begleitung kann für einen Christen ausschließlich Hilfe zur Selbsthilfe sein, keinesfalls aber ein Abgeben von Freiheit und Eigenverantwortung. »Geistliche Leitung darf nie darauf hinauslaufen, Menschen ohne eigenes Urteilsvermögen heranzubilden, die sich darauf beschränken auszuführen, was andere ihnen sagen. Im Gegenteil: der Sinn der geistlichen Leitung besteht gerade darin, die eigene Urteilsfähigkeit zu stärken … charakterliche Reife, ausreichende Kenntnis der christlichen Lehre, Feinfühligkeit und Willensstärke« (hl. Josemaría, Gespräche, 93).

    Ein zweiter grundlegender Fehler würde darin bestehen, dass in der Begleitung vorschnell versucht wird, die ins Auge springenden Symptome zu kurieren, Therapien zu verordnen und Rezepte auszustellen. Eine verantwortliche Therapie setzt eine gründliche Diagnose des Gesundheitszustandes voraus, was die Stärken und Schwächen in den zentralen Lebensbereichen, die positiven und die belastenden Kapitel der Biografie sowie der guten und weniger guten Entwicklungen in letzter Zeit einschließt.

    Dabei muss immer deutlicher erkennbar werden, welche Tugenden und welche Defizite an bestimmten Tugenden im Charakter und in dieser konkreten Lebensphase des Begleiteten besonders wichtig sind.

    Das Wort »Tugend« hat im alltäglichen Sprachgebrauch ja meist einen wenig guten Klang. Es klingt nach brav und angepasst, langweilig und verschroben. Für die Griechen war areté dagegen die Wesensart des edel gearteten und wohlgebildeten Menschen. Für die Römer bedeutete virtus die gestandene Festigkeit, mit welcher der reife Mann seine Aufgabe in Staat und Familie wahrnahm. Das Mittelalter verstand unter tugent die Verlässlichkeit des ehrenhaften, ritterlichen Menschen. Und all das ist im ursprünglichen Begriff von »Tugend« enthalten. Zuerst einmal ist Tugend ganz schlicht die verlässliche gute Gewohnheit. Zahllose Lebensabläufe wären in unserem Alltag ohne die Selbstverständlichkeit guter Gewohnheiten, von Tugenden, gar nicht zu schaffen, d.h. wenn wir sie jedes Mal ganz neu und »zum ersten Mal« durchführen sollten. Und das gilt nicht nur für unser Tun, sondern auch für unser Denken und Wollen, unsere Gefühle, unsere soziale Kompetenz und unser religiöses Leben. In allen Lebensbereichen ist Tugend die Fähigkeit, leicht, sicher und froh, eben ganz selbstverständlich, das Richtige und Gute zu tun.

    Wenn in einer geistlichen Begleitung nicht die »Haltungen«, die Tugenden, ins Blickfeld gerückt werden, dann stehen immer wieder die gleichen Fehler und Versagen im Mittelpunkt und damit das Gefühl von Überforderung und Resignation. Der einzig erfolgversprechende Weg, um konkrete Fehler zu überwinden, besteht darin, dass man das Blickfeld erweitert, indem man für die entsprechenden Tugenden begeistert, sie als lebenswert und lebbar vor Augen stellt und miteinander darangeht, sie schrittweise zu erlernen. Ohne lohnende und wirklichkeitsnahe Ziele glaubt man nicht daran, dass es Sinn macht, dass es sich lohnt, sich anzustrengen. Alles krampfhafte Bemühen wird zum Hamsterrad, das sich ermüdend im Kreis dreht und wo man selbst auf der Stelle tritt.

    Zusammengefasst: Geistliche Begleitung will Hilfestellung geben, damit der Begleitete sich selbst als Gabe und sein Leben als Aufgabe Gottes dankbar annimmt, dass er klar sieht und ehrlich zu wollen vermag und dass die vermeidbaren »nächsten Gelegenheiten« zu Schwäche und Sünde in seinem Leben mit Gottes Gnade aufhören, die immer wieder gleichen Fallen und Stolpersteine zu bilden.

    Dazu ist die Tugend des Starkmuts unabdingbar, die bekanntlich darin besteht, dass der Impuls zum Guten nicht bei der ersten Schwierigkeit durch Enttäuschung, Langeweile oder Faulheit wieder erlahmt. Wie viel kleines und großes, nebensächliches und wichtiges Beginnen ist in meinem Leben schon zur Bauruine verkommen und dann irgendwann abgerissen und entsorgt worden, weil es genau daran gefehlt hat: an Starkmut, Geduld, Beharrlichkeit und Treue. Und etliche Restbestände von diesen Bauruinen verschandeln immer noch die Landschaft des Lebens wie eine fehlgeplante Autobahnbrücke mitten auf dem Acker. Wie viel an Zeit und Lebenskraft – und vor allem an Gnade Gottes – habe ich in meinem Leben auf diese Weise schon verschwendet.

    Die geistliche Begleitung soll helfen, das Alltagsleben, uns selbst, die Mitmenschen und unsere Aufgaben und Schwierigkeiten ernstzunehmen, aber nicht tragisch. Und wie geht das? Für mich ist dieses Bemühen wunderbar in den drei Grundprinzipien konkretisiert, die der heilige Josemaría häufig Eltern für ihre Erziehungsarbeit empfohlen hat, die aber genauso für die geistliche Begleitung gelten können. Sie lauten: »nicht zu spät kommen«, »nie Anstoß nehmen«, »Trigonometrie beherrschen«. Was heißt das?

    »Nicht zu spät kommen«. Wenn man nicht rechtzeitig die sich andeutenden Probleme und Schwierigkeiten erkennt, benennt, ins Blickfeld rückt und angeht, ist man ständig quasi mit dem Notarztwagen unterwegs. Es wird immer nur »reagiert« und repariert und alles bekommt schnell einen dramatischen, ja tragischen Anstrich. Natürlich muss es – wenn nötig – auch die Notfalloperation und die Strahlentherapie geben, aber für das Leben insgesamt ist die Vorsorgeuntersuchung und das Stärken der Abwehrkräfte ebenso wichtig wie das Antibiotikum und der Herzkatheter.

    »Niemals Anstoß nehmen«. Ein erschrockenes, kopfschüttelndes Entsetztsein und ein – wenn auch unausgesprochenes – Wie-kann-man-nur! hat die gleiche Wirkung; es belastet, zieht nach unten, zerstört ein zusätzliches Stück Selbstachtung und den Glauben an die guten Möglichkeiten, die es gerade aufzubauen gilt. Um jemandem wirklich helfen zu können, muss man immer ein Stück mehr an ihn glauben, als er an sich selber glaubt. Wenn ein Trainer es erreicht, dass der Trainierte sagt: Ich bin eine Katastrophe, hat er erreicht, dass der Sportler das Training definitiv durch die Sportschau ersetzt.

    »Trigonometrie beherrschen«. Die Kunst der »Trigonometrie« besteht in der Erfahrung, dass im praktischen Leben die kürzeste Verbindung zwischen

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