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Stereo-Typen. Gegen eine musikalische Monokultur: Katalog zur Ausstellung im Ferdinandeum
Stereo-Typen. Gegen eine musikalische Monokultur: Katalog zur Ausstellung im Ferdinandeum
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eBook429 Seiten3 Stunden

Stereo-Typen. Gegen eine musikalische Monokultur: Katalog zur Ausstellung im Ferdinandeum

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Über dieses E-Book

Wir alle sind Stereo-Typen. MUSIK BEGEGNET UNS ALLERORTEN: Im Unterrichtszimmer, das auch ein Hörsaal sein kann oder ein Privatraum; in der Werkstatt, dem Ort des akribischen Arbeitens; im Salon, der auch ein Jazzkeller sein kann oder eine Bauernstube; schließlich im Konzertsaal, der genauso gut ein Stadion sein kann, eine Kirche und ein Bierzelt. Überall in diesen Räumen intensiver INDIVIDUELLER oder KOLLEKTIVER MUSIK-ERFAHRUNG begegnen wir ihnen, den Stereo-Typen: Dem Lehrer/der Lehrerin, dem Schüler/der Schülerin, dem Experten/der Expertin, dem Star, dem Fan. Im Zusammenwirken dieser unterschiedlichen Stereo-Typen entstand unsere Musikkultur, deren Rituale und Konventionen wir heute vielfach unhinterfragt akzeptieren. Solche Stereo-Typen gründeten und trugen auch den INNSBRUCKER MUSIKVEREIN, dessen 200-jähriges Gründungsjubiläum Anlass der AUSSTELLUNG "STEREO-TYPEN" ist, zu der dieser dazugehörige Ausstellungskatalog erscheint – Beiträgerinnen und Beiträger aus unterschiedlichen Disziplinen beleuchten in diesem hochwertig bebilderten Band die äußerst interessante und vielseitige Thematik.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum24. Apr. 2018
ISBN9783703009341
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    Buchvorschau

    Stereo-Typen. Gegen eine musikalische Monokultur - Universitätsverlag Wagner

    Direktor

    STEREO-TYPEN GEGEN EINE MUSIKALISCHE MONO-KULTUR: GRUNDIDEEN, DRAMATURGIE, GESTALTUNGSKONZEPT

    Franz Gratl

    Diese Ausstellung versteht sich als eine Einladung an die BesucherInnen, ihre eigene musikalische Prägung zu hinterfragen. Wir haben in der Schau „Stereo-Typen in den Mittelpunkt gestellt, das sind (nach unserer eigenen Definition) Personen, die sich in unterschiedlichster Art und Weise intensiv mit Musik beschäftigen. Die BesucherInnen finden diese Stereo-Typen in inszenierten Musikräumen – und gleichzeitig werden sie selbst zu solchen Stereo-Typen. Diese Stereo-Typen sind gewissermaßen Kämpfer „gegen eine musikalische Monokultur. Unter Monokultur verstehen wir die weit verbreitete Selbstverständlichkeit, mit der Musik – dank moderner technischer Hilfsmittel inzwischen tatsächlich überall und jederzeit – rezipiert wird. Unsere Ausstellung soll nun dazu anregen, das eigene musikalische Konsumverhalten ebenso zu hinterfragen wie die individuelle Erfahrung mit Musik, und nicht zuletzt die Rituale und Konventionen des Konzertbetriebes, die unreflektiert tradiert werden – in allen Musikgenres.

    Der äußere Anlass für die Ausstellung ist ein Jubiläum: 2018 feiern wir 200 Jahre Innsbrucker Musikverein. Wir nehmen in unserer Ausstellung vielfach auf den Musikverein Bezug, weil die Personen, die den Verein gründeten, trugen und belebten, repräsentative „Stereo-Typen waren. Diese Institution prägte das musikalische Leben in Tirol über die 120 Jahre ihres Bestehens. Seine Nachfolgeinstitutionen, das Tiroler Landeskonservatorium und die Musikschule der Stadt Innsbruck, tragen das Erbe des Vereines in die Gegenwart. Unsere Ausstellung will keinen Überblick über die Geschichte des Innsbrucker Musikvereines geben, sondern anhand von Objekten der Vergangenheit und der Gegenwart zeigen, dass unsere Musikkultur allgemein – und beileibe nicht nur im Genre der „Klassik – tief im bürgerlichen 19. Jahrhundert wurzelt: In dieser Zeit entstanden die schon erwähnten Rituale und Konventionen, die wir aufzeigen wollen. Virtuosentum, Überhöhung der Kunst bis hin zu einer „Kunstreligion, Kanonbildung – diese und andere prägende Elemente des Kulturbetriebes im 19. Jahrhundert wirken vielfältig in unsere Zeit hinein. So sehr uns heute das Attribut „bürgerlich fremd erscheinen mag, der Schatten des „langen 19. Jahrhunderts" (nach Eric Hobsbawm die Periode 1789–1914) reicht bis in die Gegenwart.

    Das ephemere, nicht greifbare Medium Musik auszustellen, stellte uns bei der Konzeption dieser Schau vor gewisse Herausforderungen. So begleitete uns von Anfang an der Gedanke, dass Live-Musik in unserer Ausstellung nicht ins Rahmenprogramm verbannt werden soll. Wir sehen die vielfältigen Konzerte und musikalischen Veranstaltungen als zentrale Elemente der Ausstellung. Mit ihnen beleben wir die Musikräume Unterrichtszimmer, Werkstatt, Salon und Konzertsaal.

    GESTALTUNG UND DRAMATURGIE

    Die Ausstellung präsentiert sich als Abfolge von Räumen intensiver Musikerfahrung: Das (Musik-)Unterrichtszimmer, die Werkstatt, der Salon, das Künstlerzimmer (die Künstlergarderobe) und der Konzertsaal. Es handelt sich freilich in der Regel nicht um durch Wände und Decke klar abgegrenzte Räume, sondern um Bereiche, die thematisch zusammengehören.

    Das Unterrichtszimmer, sowohl das Übezimmer in Musikschulen als auch das Klassenzimmer, in dem Musik unterrichtet wird, ist ein Ort, mit dem viele Menschen intensive Erfahrungen und Emotionen positiver wie negativer Art verbinden. Das Herzstück dieses Ausstellungsbereiches bilden vier großformatige Bildschirme, auf denen Videos zu sehen sind. Hier erzählen zwölf Menschen mit unterschiedlichster musikalischer Prägung von ihren Erfahrungen mit Musikunterricht: professionelle MusikerInnen und Laien, die beruflich nichts mit Musik zu tun haben, LehrerInnen, SchülerInnen, Personen des öffentlichen Lebens, „Stars und „Menschen wie du und ich. Es ging uns darum, ein möglichst breites Spektrum an Personen und Erfahrungen einzubringen. Die Videos sollen die BesucherInnen anregen, eigene Erfahrungen zu reflektieren. Die Objekte, die im Unterrichtszimmer gezeigt werden, sind typisches Inventar, das Assoziationen wecken soll: vom Notenständer über das Metronom bis zu einer Auswahl der gängigsten Unterrichtsinstrumente. Diesen werden einige historische Werke und Dokumente aus dem Musikunterricht gegenübergestellt. In einer interaktiven Station haben BesucherInnen außerdem die Möglichkeit, sich spielerisch gleichsam einer Prüfungssituation zu stellen. So kann man seinen individuellen Level austesten – eine Standortbestimmung und zugleich eine Reminiszenz an Prüfungen, Wettbewerbe usw., denen sich jedeR SchülerIn zu stellen hat. Schließlich steht im Unterrichtszimmer ein besonders markantes Kunstwerk: Julia Bornefelds Fantasia e Bagatelle, eine Auseinandersetzung der Künstlerin mit ihrer eigenen musikalischen Prägung in einer Musikerfamilie. Dieses Objekt tritt in Dialog mit einem weiteren themenbezogenen Werk von Julia Bornefeld, dem Gemälde Das Diktat des Metronoms. Am Übergang vom Unterrichtszimmer zum nächsten Raum passiert man einen Vorhang aus hunderten Plastik-Blockflöten. Diese Billigflöten sind ein Verweis auf die Bedeutung dieses Instrumentes als Massen- und Einsteigerinstrument, eine Entwicklung der Mitte des 20. Jahrhunderts (vgl. den Beitrag von Cornelia Stelzer in diesem Band).

    Die Werkstatt ist der Ort der akribischen Beschäftigung mit Musik in nicht-öffentlichem Rahmen. Sie ist ein Raum mit einer sehr speziellen Atmosphäre, einem bestimmten Geruch, einer spezifischen Klangaura: Hier wird gearbeitet, getüftelt. Unsere Werkstatt ist zweigeteilt, nämlich einerseits in die Werkstatt bzw. das Studio des Tontechnikers oder der Tontechnikerin und andererseits in die Werkstatt des Instrumentenbauers oder der Instrumentenbauerin. Ein größerer Gegensatz lässt sich kaum denken: Das Ambiente, in dem der/die TontechnikerIn agiert, ist „clean", technisiert, die Abläufe sind für den Laien kaum nachvollziehbar und passieren an spezialisierten Geräten, dem Mischpult und dem Computer. In unserer Tontechnikerwerkstatt bieten wir den BesucherInnen in einer interaktiven Station die Möglichkeit, an einem Mischpult selbst verschiedene Tonspuren zu bearbeiten, zu verändern und zu mischen. Ganz anders wirkt die Instrumentenbauerwerkstatt: Hier steht die Materialität im Mittelpunkt, eine Vielzahl unterschiedlichster Werkzeuge deutet auf äußerst differenzierte, aber stets mechanische Arbeitsabläufe, der Duft von Holz dringt in die Nase, Instrumente in unterschiedlichsten Bearbeitungsstadien füllen den Raum und verleihen ihm den Eindruck einer kreativen Unübersichtlichkeit. Wir konnten für unsere Ausstellung auf das Inventar der Werkstatt des Geigenbauers Hans Ulrich Roth (1954–2016) zurückgreifen und zeigen in diesem Bereich von ihm gebaute Instrumente, u. a. Nachbauten, denen wir die Originale gegenüberstellen. In dieser Werkstatt sind aber auch Arbeiten anderer Tiroler Instrumentenbauer zu sehen, z. B. des 2017 verstorbenen, weltberühmten Blasinstrumentenbauers Rudolf Tutz, der Streichinstrumentenbauerin Claudia Unterkofler und des Gitarrenbauers Markus Kirchmayr.

    Der Salon ist der Ort der Musikerfahrung in einem halb privaten, halb öffentlichen Rahmen, weiters der Ort der bürgerlichen Repräsentation, schließlich ein Begegnungsraum für soziale Interaktion und die Rezeption der Künste. Unser Salon ist multifunktional. Er ermöglicht die Aufführung von Salonmusik in ihren unterschiedlichsten Facetten von der niveauvollen und vielfach virtuosen Unterhaltungsmusik geselliger Kreise der Romantik über die Salonorchestermusik des 20. Jahrhunderts bis hin zu Jazz und Volksmusik – allesamt Musikgenres, die häufig in einem salonähnlichen Ambiente an der Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit angesiedelt sind. Die Künste als Teil des bürgerlichen Bildungskanons werden überhöht und erfahren quasi-religiöse Verehrung. Entsprechend bildet sich ein ausgeprägter Reliquienkult, in unserer Ausstellung repräsentiert durch eine Haarlocke Beethovens, ein Trinkglas Mozarts und einige andere Objekte. Literatur und bildende Kunst gehören wie Musik zum Kanon; der Salon hat fast den Charakter eines Kultraums für die Künste. Der musikalische Kanon, der bis heute das gängige, sogenannte „klassisch-romantische Konzertrepertoire prägt, geht auf das 19. Jahrhundert zurück. Wir hinterfragen in unserer Ausstellung die Kanonbildung, die Überhöhung der Klassiker, ihre Gegenüberstellung mit „Kleinmeistern. Zudem thematisieren wir kritisch die Rolle der Frau im bürgerlichen Musikleben (vgl. den Beitrag von Michaela Krucsay in diesem Band).

    Das Künstlerzimmer ist ein Ort der Vorbereitung, der Transformation und des emotionalen Ausnahmezustands. In der Enge der Künstlergarderobe ist der Star auf sich allein gestellt, er/sie durchlebt vor dem Auftritt Lampenfieber, Euphorie, Auftrittsangst, Selbstzweifel und Versagensängste. In unserem Künstlerzimmer geben wir den BesucherInnen Gelegenheit, sich in die Rolle eines Stars zu versetzen. Eine angedeutete Garderobensituation wird einer Vitrine gegenübergestellt, die Objekte enthält, die von der Kontinuität des Starkults zeugen: Merchandising-Produkte sind keine Erfindung des späten 20. Jahrhunderts und eine intensive Selbstinszenierung war immer ein Element des Starrummels, der viele Schattenseiten hat und starke Belastungen mit sich bringt.

    Abb. 1: Unfertige Hälse für Streichinstrumente aus der Werkstatt von Hans Ulrich Roth

    Abb. 2: Rolling-Stones-Fanartikel aus dem Besitz von Oswald Gleirscher

    Der Konzertsaal ist schließlich der Ort des kollektiven Musikerlebens. Er bringt Menschen mit unterschiedlichster musikalischer Prägung zusammen und gibt der öffentlichen Darbietung und Rezeption von Musik einen Rahmen. Der Konzertsaal öffnet sich akustisch hin zu anderen Musikräumen der näheren Umgebung: Der Künstler Lucas Norer bietet mit seiner Sound-Installation Musicking die Möglichkeit, in Konzertsäle und Bühnenräume hineinzuhören. Dieser letzte Raum der Ausstellung ist vor allem aber auch ein wirklicher Konzertsaal für Live-Musik mit Bühne und Bestuhlung – und ein Ort zum Verweilen und Reflektieren.

    ZU DIESEM KATALOG IM KONTEXT DER AUSSTELLUNG

    Die Katalogbeiträge sind den Ausstellungsräumen zugeordnet, der Aufbau dieses Bandes orientiert sich an der Abfolge der Räume in der Ausstellung. Die Beiträge bieten eine Vertiefung der bereits skizzierten, für die einzelnen Bereiche zentralen Themen.

    UNTERRICHTSZIMMER

    Cornelia Stelzer thematisiert zum einen die Blockflöten-Renaissance, also die Wiederentdeckung und Popularisierung des Instrumentes ab ca. 1880, zum anderen die Transformation der Blockflöte zum universellen Anfängerinstrument in den 1930er- und 1940er-Jahren. Dieser Beitrag liefert gewissermaßen den theoretischen Unterbau für den „Blockflöten-Vorhang" im Unterrichtszimmer. Auch in den Video-Interviews zu den Erfahrungen im Musikunterricht wird häufig auf die Blockflöte Bezug genommen.

    WERKSTATT

    Josef Focht widmet sich dem Geigenbauer Hans Ulrich Roth, der in unserer Werkstatt eine zentrale Rolle spielt. Focht nimmt Roths theoretisches Opus magnum, den Versuch über den Geigenbau, als Ausgangspunkt für eine Annäherung an die unkonventionelle Arbeitsweise des Instrumentenbauers, seine innovativen Ideen und seinen profunden theoretischen Hintergrund.

    Andreas Holzmann skizziert in seinem Beitrag die Vorund Frühgeschichte der historischen Aufführungspraxis in Innsbruck – mit Bezug auf den Musikverein und einen bedeutenden Pionier, den Gründer des Instituts für Musikwissenschaft der hiesigen Universität, Rudolf von Ficker. Sein Ausgangspunkt ist dabei das Instrumentarium – einige themenrelevante Objekte werden in der Musiksammlung der Tiroler Landesmuseen aufbewahrt.

    SALON

    Andrea Gottdang bringt – zum ersten Mal überhaupt – Licht in die Entstehungsgeschichte von Gustav Klimts berühmtem Porträt des Innsbrucker Musikdirektors Josef Pembaur des Älteren, einer Ikone der Gemäldesammlung des Ferdinandeums. Für die Dauer der Ausstellung hängt das Bild im Salon.

    Michaela Krucsay zeigt die stereotypen Rollenbilder der Frau im Kulturleben und Musikbetrieb des 19. Jahrhunderts auf. Als reproduzierende Künstlerin war die Frau geduldet (allerdings nur als Spielerin einer klar definierten Palette von Instrumenten), das Schöpferische galt als Männerdomäne. Frauen, die sich über gängige Klischees hinwegsetzten, wurden kritisch rezipiert.

    Frauen stehen auch im Mittelpunkt des Beitrages von Maria Elisabeth Nussbaumer Eibensteiner. Sie beschäftigt sich mit der Vintler-Sammlung, einem bedeutenden Notenbestand des 19. Jahrhunderts aus dem Besitz einer Südtiroler Adelsfamilie. Mitglieder der Familie von Vintler – primär Frauen – prägten das Musikleben in Bruneck, einer Stadt mit einem zeitweise erstaunlich liberalen und kulturaffinen Klima.

    Roland Sila behandelt ausgewählte Künstlerfeste: Die „Klassiker" der Literatur und der Musik wurden und werden in Veranstaltungen gefeiert, die Ausdruck der Überhöhung und Kanonisierung von Künstlerpersönlichkeiten sind. Dass solche Künstlerfeste für politische Zwecke instrumentalisiert wurden, lässt sich an vielen Beispielen zeigen.

    KÜNSTLERZIMMER

    Franz Gratls Beitrag ist der amerikanischen Geigerin Guila Bustabo gewidmet und behandelt vor allem ihre Innsbrucker Jahre. Bustabo war ein musikalisches Wunderkind, spielte in den großen Konzertsälen der Welt und arbeitete mit führenden Dirigenten. Ihre NS-Verstrickungen führten zu einem „Karriereknick" nach dem Krieg. Guila Bustabo unterrichtete von 1964 bis 1970 in Innsbruck. Sie ist eine schillernde Figur, deren spannende Biographie hier erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet wird.

    KONZERTSAAL

    Sven Oliver Müller demonstriert anhand einer Untersuchung des öffentlichen Musiklebens in Berlin, London und Wien im 19. Jahrhundert, dass sich darin gesellschaftliche Entwicklungen und Konflikte widerspiegeln. Er verweist auf die „vergesellschaftende Wirkung" von Aufführungsorten und die Bedeutung des kollektiven Musikerlebens als kultureller Kristallisationspunkt.

    Michael Aschauer bietet in seinem Beitrag einen Überblick über die Gestaltung der Konzerte des Innsbrucker Musikvereins von 1818 bis 1918. Er betont das Wechselspiel von Kontinuität und Wandel, regionale Spezifika und Querverbindungen zu internationalen Strömungen.

    Federico Celestini widmet sich in seinem Essay der Stille. Er zeigt eindrucksvoll, dass sie die Grundvoraussetzung und ein wesentliches Element von Musik ist. Dass John Cage, der die Stille in seinen Werken vielfach und höchst originell thematisierte, deren Existenz in Frage stellte, ist einer von vielen Aspekten eines ebenso komplexen wie zentralen Themas, das auch für den Bereich des Performativen hohe Relevanz besitzt.

    Heike Henning beschäftigt sich mit alternativen Konzertformaten für Kinder. Sie schöpft dabei aus einem reichen Erfahrungsschatz und liefert gewissermaßen eine Anleitung für die Herangehensweise an solche Konzerte, die zielgruppenorientiert ihre ganz spezifischen Erfordernisse haben.

    OBJEKTE EINGANGSBEREICH

    1.1

    GUILA BUSTABO (1916–2002)

    Als Lehrerin kaum geeignet, als Musikerin im Kollektiv unterfordert, als Solistin ein Weltstar: Die amerikanische Geigerin Guila Bustabo ist eine außergewöhnliche Musikerin. Als Wunderkind debütiert sie mit 15 in der Carnegie Hall, musiziert in der Folge mit den führenden amerikanischen und europäischen Orchestern. Unter dem Einfluss ihrer dominanten Mutter entscheidet sie sich, während des 2. Weltkrieges in Europa zu bleiben und in Nazideutschland Karriere zu machen. Nach dem Krieg kann sie wegen ihrer Nähe zum NS-Regime nicht mehr an ihre Vorkriegserfolge anschließen. Ab 1964 unterrichtet sie am Innsbrucker Konservatorium und spielt als Tutti-Geigerin im Städtischen Orchester. Ihre geigerische Brillanz entfaltet sie aber nur bei den nun spärlicheren Auftritten als Solistin. Schließlich kehrt sie nach Amerika zurück und lebt zurückgezogen.

    FG

    1.2

    Ermanno Wolf-Ferrari

    VIOLINKONZERT IN D-DUR, OP. 26

    Berlin und Wien: Edition Baltic, 1944

    Erste Seite der Stimme für Solovioline, 34 x 27 cm Innsbruck, TLMF Musiksammlung, M 12785

    Nicht mehr und nicht weniger als „das schönste Konzert der Violinliteratur wollen der deutsch-italienische Komponist Ermanno Wolf-Ferrari und die Geigerin Guila Bustabo in enger Zusammenarbeit kreieren: Das Ergebnis wird 1944 in Wolf-Ferraris Wahlheimat München mit großem Erfolg uraufgeführt. Wenig später kommt das öffentliche Konzertleben im Deutschen Reich kriegsbedingt zum Erliegen. Das Violinkonzert ist einer für Wolf-Ferrari typischen spätromantischen Tonsprache verpflichtet, die auf jeglichen Zeitbezug verzichtet. Der Komponist widmet das Werk „Guila Bustabo in ammirazione (in Bewunderung).

    FG

    1.2

    1.3

    Anonym

    GUILA BUSTABO MIT GEIGE

    ca. 1940

    Fotografie

    Bayerische Staatsbibliothek München/Bildarchiv

    1.3

    1.4

    JOSEPH OELLACHER (1804–1880)

    Joseph Oellacher ist der Prototyp des kulturbeflissenen, humanistisch gebildeten Bürgers. Er ist Apotheker und Chemiker, gründet eine neue Apotheke (die heutige St. Anna-Apotheke), engagiert sich als liberaler Stadtpolitiker und im Landwirtschaftsverein, wirkt in der Volksbildung und befasst sich mit Geologie, vor allem Mineralogie. Er ist begeisterter Amateur-Cellist und legt eine Musikaliensammlung an. Zu seinem Selbstverständnis als profilierter Innsbrucker Bürger gehört es, dass er den Musikverein unterstützt und einige Zeit in dessen Vorstand tätig ist.

    FG

    1.5

    Philipp Maximilian Schmutzer

    ADAGIO UND RONDO FÜR VIOLONCELLO UND STREICHQUARTETT IN A-DUR

    Innsbruck 1852

    Autograph, 5 Stimmen, 32 x 25 cm

    Innsbruck, Archiv des Innsbrucker Musikvereins, A-Ik 4812

    Um 1850 ist Joseph Oellacher Ausschussmitglied des Innsbrucker Musikvereins, an dem der Komponist Philipp Schmutzer als Lehrer für Violoncello tätig ist. Wahrscheinlich nimmt Oellacher Unterricht bei Schmutzer, der 1852 das Kammermusikstück mit solistischem Cello „componiert und seinem Freunde [...] Joseph Öllacher in Innsbruck" widmet. Schmutzer wird im selben Jahr zum Musikdirektor in Feldkirch berufen, tritt aber weiterhin bei Innsbrucker Musikvereinskonzerten als Cellosolist auf.

    FG

    Lit.: Gratl 2008, S. 99–111; Gratl 2009, S. 183–190.

    1.5

    1.6

    Adolf Ost

    JOSEPH OELLACHER

    Innsbruck ca. 1870

    Fotografie, 10,5 x 6,5 cm

    Innsbruck, TLMF Bibliothek, W 4496

    1.6

    1.7

    JOSEF PEMBAUR DER JÜNGERE (1875–1950)

    Josef Pembaur dem Jüngeren ist eine musikalische Laufbahn gewissermaßen schon in die Wiege gelegt: Als Sohn Josef Pembaurs des Älteren, der als Direktor des Innsbrucker Musikvereins über Tirols Grenzen hinaus Ansehen genießt, zeigt Josef jun. früh musikalisches Talent. Er studiert in München Klavier bei seinem Landsmann Ludwig Thuille. In Leipzig und München wirkt Pembaur überaus erfolgreich als Pädagoge. Über Jahrzehnte entfaltet er eine rege Konzerttätigkeit und etabliert sich als einer der berühmtesten deutschen Pianisten seiner Zeit. Vor allem als Beethoven-Interpret ist er berühmt.

    FG

    1.8

    Ludwig Thuille

    THRENODIE IN B-MOLL

    Nr. 1 in: Zwei Klavierstücke, op. 37,

    Leipzig: Friedrich Kistner, 1906

    34,5 x 27 cm, 12 Seiten

    Innsbruck, TLMF Musiksammlung, M 13222

    Josef Pembaur der Jüngere spielt dieses Klavierstück 1912 in einem Innsbrucker Musikvereinskonzert zum Gedenken an den jung verstorbenen Komponisten Ludwig Thuille, seinen Lehrer, im kleinen Innsbrucker Stadtsaal. Die Überfülle an handschriftlichen Eintragungen Pembaurs in den Notentext wirkt fast grotesk, ist aber typisch für den Pianisten. Die Bleistift-Vermerke sind nicht nur aufführungspraktische Anweisungen, sondern auch Elemente einer eingehenden Analyse des Stückes mit Verweisen auf Werke anderer Komponisten. Sie sind wohl als Ausdruck der von Pembaur angestrebten tiefen geistigen Durchdringung des Werkes und auch als Psychogramme zu sehen.

    FG

    1.8

    1.9

    Atelier Müller-Hilsdorf

    JOSEF PEMBAUR DER JÜNGERE

    München 1926

    Fotografie, 30 x 23,5 cm

    Innsbruck, TLMF Bibliothek, W 32398/2

    1.9

    1.10

    HANS ULRICH ROTH (1954–2016)

    Der Geigenbauer Hans Ulrich Roth ist ausgebildeter Musikwissenschaftler und zunächst in München tätig, ehe er seine Werkstatt nach Morsbach bei Kufstein verlegt. Mit beispielhafter Akribie studiert er historische Quellen zur Musizierpraxis und zum Instrumentenbau; er beschäftigt sich mit historischen Instrumenten und eignet sich überlieferte Herstellungstechniken an. Er experimentiert mit ungewöhnlichen Bauformen, hinterfragt Konventionen und geht vielfach eigene Wege. Roth ist auch als Komponist tätig. 2016 stirbt er nach schwerer Krankheit.

    FG

    1.11

    Hans Ulrich Roth

    SONATA QUASI UNA FANTASIA

    Morsbach bei Kufstein 2008

    29,5 x 21 cm, 53 Seiten

    Morsbach bei Kufstein, Privatbesitz Johannes Anker

    1.11

    1.12

    Franz Kimmel

    HANS ULRICH ROTH IN SEINER WERKSTATT

    Fotografie

    München, Privatbesitz Clara Roth-Wintges

    1.12

    1.13

    LAURA-MARIA WALDAUF (* 1998)

    Laura-Maria Waldauf stammt aus einer Familie, in der Musik eine große Rolle spielt. Dass sie ein Instrument erlernt, ist gleichsam vorgezeichnet. Schon als Kind entdeckt sie ihre Begeisterung für die Geige. In der Musikschule der Stadt Innsbruck erhält sie ersten Unterricht, derzeit studiert sie an der Universität Mozarteum Salzburg. Ihr besonderes Interesse gilt der Barockvioline – mit diesem Instrument beschäftigt sie sich als Mitglied des von Ursula Wykypiel initiierten und geleiteten Alte Musik-Nachwuchsensembles „Haller Streicherey" intensiv; zudem musiziert sie als begeisterte Volksmusikantin regelmäßig mit ihren Eltern und ihrer Schwester.

    FG

    1.14

    Antonín Dvořák

    KONZERT IN A-MOLL FÜR VIOLINE UND ORCHESTER, OP. 53, URTEXT MIT HANDSCHRIFTLICHEN EINTRAGUNGEN VON LAURA-MARIA WALDAUF

    Kassel u. a.: Bärenreiter, 2017

    31 x 24,3 cm, 20 Seiten

    Schwaz, Privatbesitz Laura-Maria Waldauf

    1.14

    1.15

    Anonym

    LAURA-MARIA WALDAUF

    Fotografie

    Schwaz, Privatbesitz Laura-Maria Waldauf

    LITERATUR OBJEKTTEIL

    Gratl, Franz, Die Musiksammlung des Innsbrucker Apothekers, Chemikers, Mineralogen und

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