Genießen Sie diesen Titel jetzt und Millionen mehr, in einer kostenlosen Testversion

Nur $9.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Hitler 1 und Hitler 2. Von der Männerliebe zur Lust am Töten

Hitler 1 und Hitler 2. Von der Männerliebe zur Lust am Töten

Vorschau lesen

Hitler 1 und Hitler 2. Von der Männerliebe zur Lust am Töten

Länge:
1,264 Seiten
16 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 27, 2018
ISBN:
9783955101602
Format:
Buch

Beschreibung

Der Geschichts-Prozess um die biografische Doppelformation Hitler 1 und Hitler 2 geht in seine zweite Runde. Am Beginn des ersten Buches stand der Anfangsverdacht, das massenhafte, von ihm initiierte Töten von Männern hätte Adolf Hitler Befriedigung verschafft. Wie bei allen Serienkillern sei seine "normale" Sexualität "low" gewesen. Mit über 50 Zeugen aus Hitlers engem Umfeld wurde in Das sexuelle Niemandsland nachgewiesen: Hitler 2 war entgegen verbreiteter Meinung kein Frauenliebhaber.
Im zweiten Buch stehen nun weitere Beweisführungen bevor. Das Ergebnis: Hitler 1 – also bis Ende 1918 – war jedenfalls von seiner Orientierung her ein Männerliebhaber. Was der erste Hitler-Homo-Biograf, Lothar Machtan, mit drei Freundschaften nachweisen konnte, vermag Pilgrim um weitere Liebes-Beziehungen des jungen Hitlers zu erweitern – zu einem gleichaltrigen Knaben, zwei Jünglingen und fünf jungen Männern. Weiterhin wird in diesem Band die Frage beantwortet: Warum hat Hitler 1 keinen einzigen Menschen ermordet, wenn ihn doch die Triebtäter-Formation eines Serienkillers gekennzeichnet hat? Und warum konnte er es auch als Hitler 2 damit bewenden lassen, andere für sich töten zu lassen? Hinter alledem baut sich die Frage auf: Wie kam es überhaupt zu dieser Deformation von Hitlers Sexualität? Der angeborene genetische Schaden der Serienkiller, der Morbus Orgasmus, ist auch bei ihm angelegt gewesen. Am Ende dieses Buches wartet Pilgrim dann mit einer Sensation auf. Wie verschaffte Hitler sich den Durchbruch zum staatsterroristischen, delegierenden Befehls-Serienkiller? Was musste Ende der 20er-Jahre geschehen, um ihn seinen verhängnisvollen Weg weiter gehen zu lassen? Mit der akribischen Arbeit des Autors beginnt sich das Serienkiller-"Mosaik" zu vervollständigen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 27, 2018
ISBN:
9783955101602
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Hitler 1 und Hitler 2. Von der Männerliebe zur Lust am Töten

Ähnliche Bücher

Ähnliche Artikel

Buchvorschau

Hitler 1 und Hitler 2. Von der Männerliebe zur Lust am Töten - Volker Elis Pilgrim

155)

HOMO

Reise ins Innere des Vulkans A. H.

Das erste Buch vom Ring des Volkstribunen Hitler 1 und Hitler 2 endete in seinen letzten beiden Kapiteln ANALO und PERVERSO im Stil des Enthüllungs-Journalismus. Den US-Geheimdiensten Navy Intelligence und Office of Strategic Services mit seinem Military Intelligence Service Center in Deutschland konnte nachgewiesen werden: Sie haben 1943 den deutschen Reichskanzler Adolf Hitler »pervers« gemacht (NIR: Hitler’s Blindness und Langer Report) und ihn dann 1945 nach dem für Amerika siegreichen Ende des Zweiten Weltkriegs als »normal« hingestellt (MISC: Consolidated Interrogation Report No. 4, Hitler as seen by his doctors). Die US-Geheimdienste brauchten beides, Hitlers »Perversität« für ihre psychologische Kriegsführung, das eigene Volk betreffend, und Hitlers »Normalität« für die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse.

So berechtigt das Vorgehen der US-Geheimdienste historisch war, so blieb ihre Taktik nicht ohne Folgen auf die geschichtsschreibende Wahrnehmung Adolf Hitlers als Mann und vor allem als sexuell handelndes Subjekt. Das Konstrukt von Hitlers »normal« funktionierender Heterosexualität hält sich bis in die Hitler- und Braun-Biografik der Jahrtausendwende. Fast 1000 Seiten mussten aufgeboten werden, um diese geheimdienstliche Erfindung als historisch nicht Fakten-entsprechend zu desavouieren. Das erste Buch von Hitler 1 und Hitler 2 führte einen Geschichts-Prozess mit 50 Zeugen, Materialkonvoluten bzw. Vorkommnissen durch, die im Zusammenspiel den heterosexuellen Hitler eindeutig gekippt haben. Weder auf »normale« noch auf »perverse« Art war Adolf Hitler heterosexuell tätig.

Was aus den Übermittlungen der drei Zeuginnen Henriette von Schirach, Herta Ostermayr und Eva Braun als eine Spielart des Heterosexuellen, das Oral-Vaginale zwischen Hitler und Braun, nachgezeichnet werden konnte, war eine etwa dreijährige Ausnahme-Erscheinung, mit der Hitler sich zwischen 1932 und 1935 vor seiner männlichen Gefolgschaft als heterosexuell intakt darstellen musste, um seine verlängerten Arme und Beine unangefochten für ihn destruktiv bis mörderisch funktionieren zu lassen (ORALO, HETERO; – speziell 8. Ja-Sager). Die kurzfristig eingenommene sexuelle Position Oral-Vaginal zwischen Hitler und Braun hatte nichts mit seinen echten sexuellen Konditionen zu tun.

Was seine Zeitgenossen Helene und Ernst Hanfstaengl und die philosophisch-analytischen Reflekteure, die Grafen Hermann Keyserling und Harry Kessler, an Hitler wahrgenommen hatten, traf seine Wirklichkeit. Hitler war ein sexuelles Niemandsland. Er agierte triebmäßig weder hetero- noch homosexuell provital kommunikativ. Diese Kennzeichnung beschreibt jedoch nur den von den vier Zeugen Realitäts-stimmig erfahrenen interpersonell a-sexuellen Hitler 2.

Ein weiterer Strang der Geschichts-Prozessführung im ersten Buch galt der Freilegung der echten sexuellen Interessen von Hitler 2. Denn er praktizierte nicht etwa sexuell gar nicht, sondern eben nur nicht Person-bezogen. Er betätigte sich sexuell Destruktions-liiert masturbatorisch und geriet dadurch in das Raster der Serienkiller-Kriminologie. Seine Sondererscheinung, ein direktiv-delegierender Serienkiller sui generis gewesen zu sein, wurde sexologisch mit den Mitteln des Serienkiller-komparativen Behaviorismus im Sexuellen Niemandsland vorgeführt. Die Folgen von Hitlers Serienkiller-Wirken, das Entfesseln des Zweiten Weltkriegs und das Betreiben von »Euthanasie« und »Endlösung«, sind unbestritten. Hingegen musste seine Serienkiller-Präferenz, Männer quältöten zu wollen, zunächst im ersten Buch unbewiesen im Raum der Diskussion stehenbleiben. Die Serienkiller-Spezialität, geschlechtsspezifisch lustzumorden, wird nun im ersten Teil des zweiten Buches für Hitler auch biografisch belegt werden können.

Wer unter den Aufsehen erregenden selbst mordenden Serienkillern auf die Quältötung von Männern oder männlichen Heranwachsenden spezialisert war, der handelte aus einer entweder ausschließlich homosexuellen Orientierung (wie die Deutschen Bartsch und Haarmann, der Amerikaner Dahmer und der Brite Nilsen) oder aus einer bisexuellen Konturierung heraus, deren nekrophil-destruktive Verwirklichung allein gegen Männliches ausgerichtet war – so bei den Amerikanern Gacy und Kuklinski und dem Russen Slivko (ONANO). Das Verlangen eines Mannes, nur männliche Menschen quältöten zu wollen, basiert auf seiner homo- oder bisexuellen Orientierung, deren negativer Ausschlag sich auf sämtliche Vertreter des eigenen Geschlechts bezieht.

Eine solche homosexuelle Ganz- oder Teil-Orientierung ist bei Hitler auch in den zwei Jahrzehnten nach Machtans Pionierversuch von 2001 noch nicht derart überzeugend nachgewiesen worden, dass die Weltöffentlichkeit sie akzeptieren konnte. Der neueste Hitler-Biograf, Peter Longerich, hat es 2015 mit seinem Machtan-Verriss auf den Punkt gebracht: »Die These von Machtan, Hitlers Geheimnis, Hitler habe eine gleichgeschlechtliche Lebenslinie gehabt, ist nicht ausreichend belegt und soll daher hier nicht weiter verfolgt werden.« (Longerich 15, S. 1035, Anm. 196) Machtan ging es genauso wie den Pionieren zu Hitlers Wesensveränderung, Lewis und Horstmann, deren Bücher über Hitlers Pasewalk keinen Durchbruch zu einer Neudefinition Hitlers als der in zwei Charaktere und Verhaltensweisen getrennte Hitler 1 und Hitler 2 erbracht haben. Das Unglück der Pioniere: Der Urwald des in die Denkgewohnheiten Eingewachsenen, den sie durchhauen wollten, ist verwuchert mit Falschem, das selbst ein berserkerhafter erster Bearbeiter eines geschichtlichen Problems nicht allein berichtigen kann. Abholzung des Falschen und Anpflanzung des Richtigen scheint bei der übergroßen Geschichts-Sperre A. H. nicht gleichzeitig möglich zu sein bei keinem seiner von ihm hinterlassenen Probleme, die der französische Historiker Plouvier auf 100 hochgerechnet hat. (Plouvier 09)

In den ersten Fassungen von Hitler 1 und Hitler 2 sollte HOMO ein Kapitel im ersten Buch der Serie werden. Unmöglich! Bevor über eine etwaige homosexuelle Orientierung Hitlers nachgedacht werden konnte, mussten Scharen von Einzel-Kapiteln verfasst werden, die jedes Fantasie-Geäst von Hitlers angeblicher »Normalität« und »Heterosexualität« absägten und Wurzel-behandelnd den Wildwuchs ausgruben. Schmerzhafterweise richtete sich diese technique totale oft auch gegen den Neuerer Machtan selbst, der zu viel halluzinatorischen Wildwuchs des Hitler-forschenden Mainstream stehen, ja sogar ganze homosexuelle Phasen von Hitler 1 außer Betracht ließ. Das Match mit der Hitler-Biografik hört im gesamten Zyklus nicht auf: Mit Skizzieren, mit Unvollständigkeiten und dem anmerkenden Hinwerfen ist Adolf Hitler nicht beizukommen. Die Welt hat zu sehr an ihm gelitten. Das von ihm angerichtete Leid war in allen denkbaren Arten, in denen ein Mensch Inner-Spezies wüten kann, zu gründlich und tiefgreifend. Eine noch heute am Phänomen Hitler leidende Welt lässt sich nicht kurz, schnell und oberflächlich abspeisen.

Erneut wird ein Geschichts-Prozess eröffnet: Wer in seiner ersten Zeit als Hitler 2 zwischen 1919 und 1939 bis zum Lostreten des Zweiten Weltkriegs diktatorisch Männer quälen und ermorden ließ (von Saal-Sprengungen bei politischen Gegnern über die »Röhm-Putsch«-Morde bis zum Netz der im ganzen Land errichteten Folterstätten, die im Prinzip nur Männern galten), dem muss eine homosexuelle Orientierung als Grundlage seines Vorgehens zur Verfügung gestanden haben, aus dieser Orientierung heraus er in serienkillender Anti-Vitalität gegen Männliches destruktiv vorgehen wollte, ja es Trieb-deformativ musste.

Dem Geschichts-prozessualen Verfahren kam zu Hilfe, dass getrennt mit den »zwei Hitlers« gearbeitet werden konnte: Die Homosexualität von Hitler 1 und im Gegensatz dazu die des Hitler 2. Beide »Homosexualitäten« von Hitler 1 und Hitler 2 unterschieden sich so extrem voneinander, wie die allgemeinen Verhaltens-Formen dieses deutschen Verhängnis-Mannes in den beiden Lebensphasen Hitler 1 und Hitler 2 voneinander abwichen. Unstrittig ist Hitlers gütig-liebenswürdiger Umgang mit Männlichem allen Alters als Hitler 1 – also vor Pasewalk – zu allen seinen damaligen Existenz-Zeiten. So muss zuerst die homosexuelle Orientierung des Knaben, Jünglings und jungen Mannes bis in sein Alter von 29 ½, bis vor die Tore von Pasewalk, untersucht werden, von da an es mit dieser gütigen Liebenswürdigkeit ein Ende hatte.

Hitlers homosexuelle Orientierung

Hitler 2 war nicht heterosexuell. Das konnte im ersten Buch mit der Technik historischer Fakten-Restaurierung nachgewiesen werden. Hitlers sexuelle Verhaltensweisen waren mit seiner Serienkiller-Anlage eine bizarre Kooperation eingegangen. Der Beleg des ungewöhnlichen Ausdrucks von Hitlers Sexualität gelang per Montage von 50 Zeugnissen/Zeugen-Aussagen/Vorgängen, 50 Neins, denen am Ende nur vier Jas zu Hitlers Heterosexualität gegenüberstanden.

Was die vier Zeuginnen Eva Braun, Anni Winter, Henriette von Schirach und Herta Ostermayr zu einem »Und doch!« hinterlassen haben, erbrachte nicht mehr als ein dreijähriges marginales Nebenher und en passant von Hitlers sexueller Kurzweil mit seinem späteren Berghof-Demo-»Weib«, »Fräulein Braun« (ORALO). Hitlers sexuelle Technik des Sporadischen, des für ihn Nebensächlichen und die Befristung des zu Brauns Gunsten betriebenen oral-vaginalen Show-Business’ auf ungefähr drei Jahre genügen nicht, Hitler 2 als einen »normalen« heterosexuellen Mann zu kennzeichnen, wie es von der derzeitigen Hitler- und Braun-Biografik allein schon mit der Bezeichnung Eva Brauns als »Geliebte« von Hitler versucht worden ist.

Auch wenn Hitlers – ihm schon von seinem ersten medizinischen Biografen Johann Recktenwald bescheinigten – Low-Sex (»Hyposex«) im ersten Buch bestätigt wurde, ist dadurch noch nichts zur sexuellen Orientierung Hitlers gesagt worden. Denn eine Orientierung entblößt ein dauerhaftes, wiederkehrendes, unbefristetes sexuelles »Gehabe« und »Gemache«. Ob Low oder High, Hypo oder Hyper, scheinbar »a« (kalt) oder hot, jeder Mensch hat eine Orientierung, die ihm während seines Aufwachsens im »zweiten (soziopsychischen) Uterus« seines Primärpersonen-Umfeldes eingerichtet wurde. Die Orientierung setzt sich zusammen aus vielen Einzelheiten von Erfahrungen, sodass über jeden Menschen gesagt werden kann, er ist prinzipiell hetero-, homo- oder bisexuell, auch wenn sich die Orientierung nicht immer deutlich zeigt, zuweilen nicht einmal den Betroffenen selbst.

Unzählige Male wurde im ersten Buch darauf hingewiesen: Adolf Hitler war ein auf Männer fokussierter, den Tötungsakt delegierender Serienkiller sui generis. Seine genetische Anlage der Orgasmus-Störung hatte durch seine Einbettung in ein halbwegs harmonisches Mikro- und Makro-Kollektiv von Familie und noch intakter k. u. k. Sittengemeinschaft in Dörfern und im klein- und mittelstädtischen Bürgertum Österreich-Ungarns um 1900 eine Modifikation erfahren. Das Sozialgefüge half dem aufwachsenden Hitler, seine Serienkiller-Anlage zu verdrängen, sodass er bis 30-jährig ein [An]Trieb-schwacher, Willens-reduzierter, weder mörderisch intendierender noch derart tätiger »stiller Serienkiller« geworden war (medizinbiografische, sozial- und Serienkiller-geschichtliche Einzelheiten in INZESTO und SERIO).

Mit dieser Menschheits-unschädlichen Stilllegung von Hitlers genetischem Serienkiller-Potential war im November 1918 Schluss. Der Gefreite und Meldegänger A. H. kam wegen seiner Vergiftung durch eine Gasgranate an der deutschen Westfront des Ersten Weltkriegs in das Pasewalker Reserve-Lazarett. Dort passierte einem Militärpsychiater ein ärztlicher Kunstfehler. Bei einer unsachgemäßen hypnotischen Behandlung von Hitlers als »Kriegshysterie« missdiagnostizierten Stummheit wurde sein Serienkiller-Trieb aus dessen Verdrängung gerissen. Ab November 1918 floss Hitlers militärpsychiatrisch angestochene Quelle der serienkillenden Destruktivität bis zu den der Welt bekannten Multimillionen Toten, die von ihm ab seinem »Politischen Serienkiller-Manifest« (Hitlers zweitem Buch, 1928) beabsichtigt und mit seiner Auslösung des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 verwirklicht wurden.

In HOMO muss nunmehr festgestellt werden, was für ein Serienkiller Hitler Orientierungs-halber war, ein heterosexuell, homosexuell oder bisexuell ausgerichteter oder ein Geschlechter-überkreuzend Agierender. Denn alle Serienkiller kennzeichnet in ihrer Destruktivität eine sexuelle Orientierung.

Die Regel: Serienkiller ermorden Angehörige desjenigen Geschlechts, das sie begehren. Heterosexuelle Serienkiller beziehen sich bio- und nekrophil auf Frauen/Mädchen, homosexuelle Serienkiller auf Männer/männliche Heranwachsende. In sehr geringen Ausnahmen gehören die Opfer beiden Geschlechtern an (so bei den bisexuellen Serienkillern). Und ebenso wenige Serienkiller sind »überkreuz« tätig – liiert mit Exemplaren des einen Geschlechts, jedoch ermordend Individuen des anderen. Der Unterschied zwischen Bisexuellen und »Überkreuzern«, die miteinander verwechselt werden könnten: Die Bisexuellen töten Menschen beider Geschlechter. Die »Überkreuzer« töten Menschen des einen Geschlechts, sind demgegenüber mit Menschen des anderen Geschlechts nicht-mörderisch liiert. Der Begriff »bisexuell« wird nur bezüglich der Opfer benutzt, wenn ein Serienkiller wie der Amerikaner Albert Fish seine Opfer in beiden Geschlechtern suchte. Diese Duo-Streuung muss sich jedoch auf das wahllose Hin und Her von Opern aus beiden Geschlechtern beziehen. Bisexuell ist hingegen nicht der Serienkiller, der sich auf ein Geschlecht fokussiert hat, sich jedoch ähnlich dem Hetero-Mann verhält, der auf Männer umsteigt, wenn Frauen für Sexualität nicht vorhanden sind (Krieg und Gefängnis). Dennis Rader »nahm« bei seinem ersten (Vierfach-) Mord die überraschend angetroffenen männlichen Personen Vater und Sohn seiner überfallenen Familie wie ein Ersatzmahl mit, hat sich jedoch später in allen seinen Morden immer auf Frauen konzentriert. Ebenso speiste sich der Russe Andrej Tschikatilo mit mädchenhaften Knaben ab, wenn er sein Mordtriebziel junges Mädchen für eine längere Zeit nicht erreichen konnte. Beide Serienkiller waren von ihrer Kontur her trotzdem eindeutig heterosexuell – bio- und nekrophil. Die »Überkreuzer« werden nicht bisexuell genannt, weil sie Opfer-spezifisch immer auf nur ein Geschlecht fokussiert sind. Außerdem ist es mangels bisheriger Untersuchungen ihrer Triebstruktur nicht klar, ob die immer Männliches-tötenden, aber verheirateten Serienkiller Gacy, Kuklinski und Slivko aus echten rudimentären Triebinteressen mit Frauen liiert waren oder sich nur der Konvention gehorchend mit Frauen verbanden. Wenn das eines Jahres herausgefunden werden wird, hätte der Begriff »bisexuell« bei diesen Tätern nichts zu suchen. Alle drei wären homosexuell und hätten ihre Orientierung mit sozialen Anpassungs-Leistungen übertüncht.

Die beiden Erscheinungsformen »Überkreuzung von destruktiv und konstruktiv« und »Opfer-bezüglich bisexuell fluktuierend« nehmen nur wenige Prozente innerhalb der Gesamtzahl serienkillend praktizierender Männer ein. Die überwiegende Mehrheit teilt sich das zerstörerische Betätigungsfeld auf folgende Weise: 60-70 Prozent der Serienkiller beziehen sich mit ihrem bio- und nekrophilen Tun auf weibliche Einzelne der Spezies, 30–40 auf männliche (sämtliche Nachweise im ersten Buch).

Für die Definition Hitlers als einen heterosexuellen Serienkiller wäre es nötig gewesen, dass sich sein Destru-Affekt auf Frauen gerichtet hätte wie bei den weltbekannten Anführern dieser Tätergruppe, dem Franzosen Fourniret, den Amerikanern Holmes (Mudgett), Long, Rader und Ridgway, dem Deutschen Kürten, dem Engländer Sutcliff, dem Kanadier Pickton, dem Russen Tschikatilo und dem Österreicher Unterweger.

Auf einen negativen Trieb-Affekt gegenüber Frauen gibt es in Hitlers Biografie keine Hinweise. Das Gegenteil ist an Hitler 2 deutlich geworden: Er mochte prinzipiell alle Frauen. Und Frauen als Opfer wurden in seine Mordprogramme immer nur »mit« einbezogen = »einschließlich« seiner Zielgruppe Männer getötet. Sein mörderischer Impuls richtete sich auf Männer. Hitlers Lostreten der »Euthanasie« im September 1939, der Ermordung männlicher und weiblicher Behinderter aller Art, hatte ausnahmsweise eine sich von seiner sexual-physischen Serienkiller-Anomalie unterscheidende Psychodynamik zur Voraussetzung. Hitler 2 war ein »Geschöpf« der Militärpsychiatrie am Ende des Ersten Weltkriegs und wollte bei seiner Anzettelung des Zweiten Weltkriegs von dieser seiner »Herkunft«, die gerüchteweise ins Land gesickert war, ablenken. Antizipierte Offensive: »Ich, A. H., hab’ gar nichts mit ›Klapse‹ zu tun. Bin genau das Gegenteil. Denn ich lass’ alles darin umbringen!« Auch war Serienkiller Adolf Hitler kein »Überkreuzer« – Männer ermordend und mit Frau zusammenlebend – denn für die Definition eines solchen hätte er eine echt heterosexuelle Langzeit-Beziehung mit mindestens einer Frau haben müssen, wie sie in den Biografien der bekanntesten »Überkreuzer«, den amerikanischen Serienkillern Gacy und Kuklinski und dem Russen Slivko nachzuweisen ist, die alle drei auch Kinder hatten. Eine solche »Überkreuz«-Ausrichtung Hitlers konnte im ersten Buch ausgeschlossen werden, in dem die außersexuelle Funktion und Bedeutung Eva Brauns für ihn freigelegt wurde.

Käme also nur noch in Frage, dass Hitler ein homosexueller Serienkiller war, dass seine nekro- und biophilen Strebungen gleichermassen auf männliche Menschen gerichtet waren. Dieses Ergebnis wäre für das männerbündische »Patriarchat« das Beleidigendste und Schockierendste. Denn alle im Viricorpiarchat inbegriffenen Männer verehren unterschwellig jemanden Total-»Führerischen« wie Hitler. Auch die reflektorisch kritisch mit ihm umgehenden Intellektuellen tun das. Dem in der Hitler-Biografik gegenwärtig gebräuchlichen Begriff »Diktator« für Hitler ist längst etwas Affirmativ-Apotheotisches beigemischt, etwas posthum Untertan-Unterwürfiges. Dieser in der ganzen Welt herrschende Pro-Hitler-Magnetismus (erstes Buch) würde sich in Abstoßung umwandeln, wenn sich erwiese: Adolf Hitler – ein Kategorie-Genosse der vier deutschen homosexuellen Serienkiller Jürgen Bartsch, Fritz Haarmann, Erwin Hagedorn und Max Hossfeld und der bekanntesten schwulen amerikanischen und britischen Serienkiller der Jetzt-Zeit, Jeffrey Dahmer und Dennis Andrew Nilsen.

Lothar Machtan hatte es im ersten Anlauf zum Thema »homosexueller Hitler« schwer, weil er eine Bresche in eine ungeheure gesellschaftliche Versperrung schlagen musste (Machtan 03, S. 449 ff.), aber auch deshalb, weil ihm als klassischem Universitäts-Historiker zu wenig sexualwissenschaftliche Werkzeuge zu Gebote standen, Hitlers homosexuelle Orientierung überzeugend nachzuweisen. Denn Machtan formulierte sexualwissenschaftlich derart »antiquiert«, dass er immer noch von »homosexueller Veranlagung« sprach, also von einem Terminus, den vor allem die homosexuelle Sektion der modernen Sexualforschung längst aufgegeben hat. (a. a. O.) Machtans Benutzung des Begriffs »homosexuelle Veranlagung« trug mit dazu bei, dass er von den homosexuellen Vertretern der Sexualwissenschaft von Anfang an nicht ernst genommen wurde.

Ein Nachweis von Hitlers sexueller Orientierung ist sexo- und soziologisch leichter möglich, wenn sich auf die homosexuelle Orientierung nur von Hitler 1 konzentriert wird. Denn schon bei diesem muss sie sich deutlich gezeigt haben. Die sexuelle Orientierung wird ja bereits im ersten Lebensjahrzehnt eines Heranwachsenden in dessen Psyche eingraviert. Die Frage, ob es eine homosexuelle natürliche Anlage von Zeugung an geben kann, worüber immer wieder genetisch-naturwissenschaftliche Untersuchungen vorgenommen werden, braucht so lange nicht behandelt zu werden, wie nicht das Angeborensein auch bei heterosexuellen Männern untersucht wird, was bisher jedoch vermieden wurde. Denn es könnte sich herausstellen, dass auch bei heterosexuellen Männern hier und da plötzlich auf eine homosexuelle Anlage gestoßen wird, die jedoch wegen einer starken, sie überlagernden heterosexuellen Orientierung lebenslang nicht zur Auswirkung durchbricht. Und schon wäre das Gleichgewicht zwischen angeboren und erworben wieder zugunsten des Letzteren aus der Balance geraten!

Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist etwas sozial Hervortretendes, für deren Nachweis es überhaupt nicht nötig ist, die unvergleichliche Schwierigkeit zu meistern, Sex-Spezifisches als praktiziertes Genital-Bezügliches einer historischen Person belegen zu müssen. Die Gründe hierfür sind bekannt: Über Sex sprach und schrieb man nicht. Historiker gehen bei der Suche nach Zeugnissen darüber meist leer aus (ORALO).

Diese speziell postfeudale, bürgerlich-kapitalistische Verklemmung des Menschen in Sachen Sex hatte in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem solchen Unikum geführt, dass der Psychoanalytiker K. R. Eissler die versteckten Äußerungen des von Jugend auf heterosexuell praktizierenden Johann Wolfgang Goethe nicht mehr verstehen konnte und ein dicklaibiges doppelbändiges Opus darüber verfasste, Goethes erster penetrierender Sex-Akt mit einer Frau wäre im Alter von Ende 30 geschehen, nach Goethes Wiederkehr von seiner Italien-Reise, mit Beginn seines Verhältnisses zu Christiane Vulpius, das zu mehreren Schwangerschaften führte. (Eissler)

Der moderne sexualwissenschaftliche Begriff Orientierung ist zu Recht dem Vokabular vom menschlichen Wandern entnommen worden. Jemand orientiert sich auf seinem Weg durch eine unbekannte Gegend, orientiert sich dabei an Himmelsrichtungen, Tageszeiten, Sonnenstand und nächtlichen Sternkonstellationen. So war es auch bei der Schifffahrt der frühen zivilisierten Menschheit.

Die sexuelle Orientierung ist ein Anzeiger für eine sexual-biografische Marschroute vergleichbar einem Navigations-Kompass auf dem Wasser. Sie ermöglicht ein sozial-sexuelles Sich-Zurechtfinden des Menschen unter seinesgleichen: Mit wem will jemand in die intimste körperliche Berührung kommen? Die sexuelle Orientierung ist nicht starr. Alle wissen, dass es Beiwerk und Modifizierung gibt und immer mal wieder eine Überraschung im Fluss der Bisexualität: Heterosexuell orientierte Männer machen plötzlich späte erste sexuelle Erfahrungen mit ihresgleichen. Oder heterosexuelle Frauen und Mütter mehrerer Kinder werden ab 50 lesbisch. Homo-Männer schiffen im Hetero-Gefilde und zeugen Kinder. Auch gibt es abweichende Zwischenzeiten in Krisen und Kriegen, in denen Männern konstant kurzweilige Amouren mit anderen Männern nachgesagt werden.

Wegen all dieser »Realitäten« fallen die Verfechter der homosexuellen körperlichen Anlage immer wieder hinten runter. Wie mit den Mitteln der Epigenetik beweist sich auch mit diesen Fällen: Die Anlage hat gegenüber der Biografie oft nichts zu vermelden. Hitler 1 war trotz seiner genetischen Anlage zum Serienkillen wegen ihrer Verdrängung nie quälmörderisch tätig und hat solch ein Tun auch nicht im Geiste intendiert. Zu Recht beschrieb Sigmund Freud die Inner-Spezies-Kapazität der Menschen, sich mit einem anderen Exemplar ihrer selbst sexuell in Berührung zu setzen, als »polymorph« = »vielgestaltig«. Bloß Freuds Beiwort »pervers« = »verkehrt« war falsch, ein Ausdruck von Freuds eigener bürgerlich-kapitalistisch verklemmter Zeitgenossenschaft der städtischen Um-1900-Wende-Bevölkerung.

Hitlers homosexuelle Orientierung als ein sozial-sexuelles Verhalten, als ein homo-erotisch tendenziöses Reaktions-Barometer, kann überwältigend Zeugnis-reich nachgewiesen und Machtan damit bestätigt werden.

Einmal ist keinmal!

Es lassen sich für Hitler 1 acht nahe Freunde »dingfest« machen, fast dreimal so viel, wie Machtan vorträgt, bei ihm nur August Kubizek, Rudolf Häusler und Ernst Schmidt. Die allgemeine Hitler-Biografik um die Jahrtausendwende, die Pionierin Brigitte Hamann diesmal eingeschlossen, die das Wien von Hitler 1 durchgekämmt hat, weiß nur etwas von zweien seiner Freunde, von August Kubizek und Rudolf Häusler. Das ist nur ein Viertel der Hitler-Hautnahen. Bei solch reduktionistischer Umgangsweise mit frühen Hitler-Freunden kann keine Klarheit über seine homosexuelle Orientierung erreicht werden. Nur August Kubizek ist allen Biografen bekannt durch sein Buch von 1953 über seine Besuchsfreundschaft in Linz zwischen 1905 und 1907 und sein Zusammenleben in einem Zimmer mit Hitler in Wien 1908.

Rudolf Häusler wurde erst 1996 von Brigitte Hamann gehoben, wegen seiner Gemeinschaft mit Hitler im Wiener Männerheim ab Anfang 1913, seines anschließenden Umzugs mit Hitler nach München und seines dortigen Zusammenlebens mit ihm in derselben Wohnung zwischen Mai 1913 und August 1914. Da die Hitler-Forschung um den frühen Biografen und Mitarbeiter des ehemaligen Hauptarchivs der NSDAP Thomas Orr, der viele Fakten päsentiert hat, einen Bogen macht, erfuhr sie von Hitlers zentral bedeutungsvollem Intimus Häusler nichts (Orr, erstes und drittes Buch). Vor Hitlers Wien von Brigitte Hamann existierte auch Häusler in der Hitler-Biografik nicht. Es gab »weit und breit« nur August Kubizek.

Hitlers Weltkrieg-I-Kamerad und Wahrscheinlich-Lover Ernst Schmidt wird vom Mainstream in der Hitler-Biografik weiterhin vernachlässigt wie weiland Rudolf Häusler, obwohl Schmidt schon 1934 in Ernst Hanfstaengls weltweit erster Hitler-Biografie besonderer Art unter dem Autoren-Decknamen »Heinz A. Heinz« – Germany’s Hitler – ein gesondertes Kapitel bekam. (Hanfstaengl 38, S. 85 ff., drittes Buch) Doch bis zu Hitlers Geheimnis von Lothar Machtan 2001 hat sich niemand in der Hitler-Biografik Ernst Schmidt näher angeschaut, ein Geschichts-schreibendes Versäumnis, da Hitlers nahester und zeitlich längster Freund erst 1985 gestorben ist. (Machtan 03, S. 107)

Mit nur August Kubizek als Jugendfreund Hitlers war bis zur Jahrtausendwende dessen homosexuelle Orientierung einszweidrei »futsch«, denn einen Freund im Leben hat jeder Mann. Aus einem einzigen Jugendfreund zwischen 16- und 19-jährig kann keine homosexuelle Orientierung hergeleitet werden. Auch nicht aus zweien. Denn der Dritte, Ernst Schmidt, hat sich als Hitler-Intimus immer noch nicht allgemein durchgesetzt. Der die Hitler-Schmidt-Zeit des Ersten Weltkriegs in seinem Buch von 2010 Hitlers erster Krieg aufarbeitende Thomas Weber behaftet die Homosexualität zwischen Hitler und Schmidt auf Grund eines dubiosen Zeugen mit einem größt-möglichen Fragezeichen und bleibt deshalb freundlich neutral im »Kann-sein-kann-auch-nicht-sein« stehen, das sich ein Jahrzehnt nach Machtan wieder verflüchtigte. (Weber, T. 12, S. 185 f.) Auf diese Weise werden bereits mit Fragezeichen aus Homos Heteros gedreht – eine notorische, an jeder Ecke aufzuspürende Überbau-Unart des männerbündischen Systems, schwule Berühmtheiten mit verschiedenen Mitteln zu heterosexualisieren. Wie auf den Fall Schubert schon in ONANO hingewiesen wurde, dürfen auch »Kunst-Führer« heute noch nicht so mir nichts dir nichts homosexuell sein.

Bei dem Nachweis von acht engen Jugendfreunden Hitlers in seinem zweiten und dritten Lebensjahrzehnt sieht die Sache gänzlich anders aus. Es handelt sich im Falle Hitlers »und seinen acht Geislein« um acht Knaben/Jünglinge/Männer, mit denen er längere Zeiten – von einigen Monaten bis zu mehreren Jahren – zusammengelebt hat. Hitlers Verbundensein mit seinen Acht fand zwischen 1900 und 1919 statt. Dazwischen immer nur kürzeste oder gar keine Pausenzeiten, so dass gesagt werden kann: Einer hat dem anderen die Klinke in die Hand gegeben. Die Zeiten des wohnenden oder eng-freundschaftlichen Bezugs aufeinander waren zweieinhalb oder fünf Jahre (Seidl), acht Jahre (Hagmüller), mehr als drei Jahre (Kubizek), ein Jahr (Hanisch), ungefähr ein Jahr (Neumann), mehr als zwei Jahre (Greiner) und eineinhalb Jahre (Häusler). Hinzugerechnet werden muss eine für Hitler unübliche Pausenzeit zwischen dem Ende mit Greiner 1911/12 und dem Anfang mit Häusler Februar 1913. Diese Beziehungs-»Pausenzeit« im Leben Hitlers ist immer noch so verdunkelt, dass sie auch für Hitler 1 und Hitler 2 nicht erhellt werden konnte. Nur so viel kann gesagt werden: Die acht Hitler-Freunde sind immer noch nicht alle. In der Hitler-biografischen Wiener Dunkelzeit versteckt sich noch ein neunter.

Beim achten Hitler-Freund, Ernst Schmidt, wurde die erste Zeit der nahen Beziehung von außen diktiert – wegen der vier Jahre des Ersten Weltkriegs. Danach war das Verhältnis jedoch nicht zu Ende, sondern wechselte in eine Besuchs- und Treff-Freundschaft, die auch noch in der Reichskanzler-Zeit anhielt. Da Hitlers drei inzwischen allgemein bekannten Freunde, August Kubizek, Rudolf Häusler und Ernst Schmidt, als seine homosexuellen Verhältnisse von Biograf Machtan behandelt worden sind, kommt es jetzt hauptpersönlich darauf an, die weiteren fünf unbekannten oder unterbelichteten besonders hervorzuheben – Fritz Seidl, Wilhelm Hagmüller, Reinhold Hanisch, Josef Neumann und Josef Greiner. Vor allem fehlen überall, auch bei Machtan, Hitlers Basis-Freunde Fritz Seidl und Wilhelm Hagmüller, die seine homosexuelle Orientierung grell beleuchten.

1. FRITZ SEIDL

Fritz Seidl und Adolf Hitler lebten in einem Alter von 11- bis 12- und möglicherweise bis 15-jährig zwischen 1900 und 1904 zusammen in einer privaten Schüler-Pension in Linz, als sie beide die dortige Realschule in der Steingasse besuchten. Ihre Wohngemeinschaft und ihre Zuneigung für einander kommt zum Vorschein in ihrem einmaligen Briefwechsel 20 Jahre später, der in der Hitler-biografischen Sammlung des Hauptarchivs der NSDAP versteckt ist. Am 11. Oktober 1923 schrieb Seidl an Hitler: »Lieber Adolf – Unter Deinen sonstigen Zuschriften dürfte es Dich doch freuen, an eine Zeit erinnert zu werden als Du und ich auf Frau Sekira’s Bude, Grabengasse 9 (I. Klasse Realschule in Linz) viel Heldenstücke aussannen und in Leonding mit den Haudums usw., bei den Pulvertürmen zu verwirklichen gedachten. Nun freue ich mich von Dir so viel Rühmliches zu hören und wünsche Dir herzlichst Glück. Wenn Dir Zeit bleibt, bitte ich Dich, mir einige Zeilen über Deine Familie zu schreiben. Dieser Tage war Mayrhofer [ – ehmaliger Vormund – ] bei mir und sprachen wir auch über Dich. Also Glück auf – Dein alter Freund Fritz. – Graz.« (BAB NS 26/14, Bl. 6) Bereits fünf Tage später, am 16. Oktober 1923, schreibt Hitler einen jubelnden Brief an Seidl – gut drei Wochen vor seinem Münchener Putsch vom 9. November 1923. Er hatte seine Gedanken an seinen alten Freund Fritz seinem damaligen Sekretär Fritz Lauböck ins Stenogramm diktiert: »München, 16. 10. 23 – Lieber Fritz! Mit unendlicher Freude erhielt ich gestern Deine lieben Zeilen, die mich an die sonnige Lausbubenzeit erinnerten, die wir beide im Verein mit anderen damals verbrochen haben. – Ich war erst neulich in Linz und bin dabei durch all die alten Straßen und Gässchen vorbei an unserem alten Grabenhaus auch durch die … str. [gegangen] und habe zufällig auch dabei an Dich gedacht. Das … [?] Ereignis, dass Du nur [?] noch lebst, und in Graz bist, und mir schriebst [,] hätte ich im Traum [?] dort nicht erwartet, denn eine ganze Reihe der Kameraden sind ja unterdess dem Krieg zum Opfer gefallen … – Ich grüße Dich auf das Herzlichste und bitte Dich, mir wieder zu schreiben. – Dein alter Freund Adolf Hitler.« (a. a. O., Bl. 7)

Der Liebes-Affekt beider Jungs aufeinander wird besonders deutlich in Hitlers Erwiderungsschreiben. Warum sie einander schon länger mochten, enthüllt die Tatsache, dass beide sich bereits von Leonding her kannten, dortige Grundschul-Freunde waren, ab Hitlers Schulzeit in Leonding von Anfang 1899 bis Ende des Schuljahres 1899/1900. Im Februar 1899 waren Hitlers Eltern von Hafeld/Fischlham bei Lambach nach Leonding am westlichen Rande von Linz gezogen, weil Hitlers Vater in Leonding im November 1898 ein Haus gekauft hatte. (Hauner, S. 2, Bruppacher I, S. 13, Sandner I, S. 59 f.) Die Leistungen Adolfs und Fritz’ in der Leondinger Grundschule waren so gut, dass beide die höhere Schule in Linz besuchen durften. Dass sie in dieselbe Linzer Pension kamen, war kein Zufall, der beispielsweise herrscht, wenn Kinder auf ein Internat geschickt werden und selbst keinen Einfluss darauf haben, wer sich in der Unterkunft außer ihnen sonst noch befindet, ja, mit wem sie das Zimmer teilen müssen. Bei Adolf und Fritz war es anders. Beide kannten einander von Leonding her, was aus Seidls Passage zum Ausdruck kommt: »…, als Du und ich auf Frau Sekira’s Bude, Grabengasse 9 (I. Klasse Realschule in Linz) viel Heldenstücke aussannen und in Leonding mit den Haudums usw., bei den Pulvertürmen zu verwirklichen gedachten.« Heißt: In Linz zur Schule gehen, dort zu zweit in einer privaten Pension leben, Streiche »aussinnen«, in Leonding zu Hause sein, wo die »Heldenstücke« in den Ferien und sonstigen schulfreien Zeiten mit alten Dorffreunden, wie »den Haudums«, »verwirklicht« werden sollten.

Die 11-jährigen Fritz Seidl und Adolf Hitler haben einander für ihr Zusammenleben in einer »Bude« derselben Pension bei »Frau Sekira, Grabengasse 9« erwählt. Das wird durch eine Besonderheit untermalt, von der die in der neuesten Hitler-Biografik meist übergangenen frühen Nachkriegs-Hitler-Biografen Walter Görlitz und Herbert Quint berichten: »Gebieterin über diesen Kostplatz war eine alte, knusperhexenhaft häßliche Tschechin, Frau Sekira, die früher in Braunau gewohnt hatte und daher den kleinen Adolf und seine Eltern gut kannte.« (Görlitz/Quint, S. 34) Über Hitlers Eltern kamen Adolf und Fritz zusammen in die Linzer »Bude« bei Frau Sekira. Diese war eine gute Freundin der Hitlers aus Braunauer Zeiten. Und Adolf nahm seinen Spezi Fritz dann mit »aufs Zimmer«.

Seidl weist wörtlich auf das erste Schuljahr in der Linzer Realschule hin. In den Briefen der alten Freunde Fritz und Adolf wird ihre Zeit in der Linzer Pensions-»Bude« nicht limitiert. Seidl bezieht sich nur auf das erste Schuljahr. Hitler selbst war in Linz bis 1904 auf der Realschule, bis zu seiner Lehrer-verursachten Zwangs-»Verschickung« auf die Staatsoberrealschule in Steyr. (Hauner, S. 3, Bruppacher I, S. 15, Sandner I, S. 71) Für die Freundschaft zwischen Hitler und Seidl steht ein Zeitraum von zweieinhalb bis ungefähr fünf Jahren zur Verfügung, zweieinhalb Jahre Mindestzeit, wenn die Jungs nur die letzten eineinhalb Grundschul-Jahre Anfang 1899 bis Mitte 1900 in Leonding und das erste Realschul-Jahr 1900/01 in Linz miteinander verbracht hätten.

Über das Ende der »Buden«-Gemeinschaft zwischen Adolf und Fritz bei Frau Sekira in der Linzer Grabengasse wird von beiden Briefschreibern nichts gesagt. Doch Hitler generalisiert seine Linzer Realschul-Zeit mit Begriffen wie »sonnige Lausbubenzeit«, »die wir beide im Verein mit anderen damals verbrochen haben«. Eine Beschränkung der »Buden«-Zeit mit Fritz auf das erste Schuljahr wird nicht vorgenommen, im Gegenteil, Hitler berichtet Seidl von seinem kürzlichen Besuch in Linz und seinem Gang »durch all die alten Straßen und Gässchen vorbei an unserem alten Grabenhaus«. Das »Grabenhaus« war die »Bude« der beiden Jungs Fritz und Adolf bei Frau Sekira in der »Grabengasse«. Und dabei denkt Hitler an seinen alten »Buden«-Freund Fritz Seidl und fragt sich, ob der noch lebt, da doch »eine ganze Reihe der Kameraden« »dem Krieg zum Opfer gefallen« sind. Die Verschweißung von »Lausbubenzeit« und »unserem alten Grabenhaus« spricht dafür, dass Hitler und Seidl ihr »Buden«-Verhältnis bei Frau Sekira in der Grabengasse auch noch über das erste Linzer Realschul-Jahr hinaus miteinander hatten. Und wegen der Beziehung zwischen den Hitler-Eltern und Frau Sekira noch aus der Braunau-Zeit ist an einen Wechsel Adolfs in eine andere Linzer Unterkunft nach seinem ersten Schuljahr nicht zu denken. Von einem Zerwürfnis zwischen dem Pensionsschüler Adolf und seiner Pensionsmutter Sekira ist nichts übermittelt worden.

Für die Freilegung dieser Art einer homo-erotischen Hitlerschen »Nullnummer«-Freundschaft zwischen Adolf und Fritz ist es nicht nötig, die präzise Zeit der gesamten Dauer dieses Verhältnisses mit Urkunden zu belegen. Es genügt die Kenntnis vom heftigen Affekt der Freunde Adolf und Fritz aufeinander, dazu die belegten zweieinhalb Jahre Mindestzeit, die vielleicht durch einen Schulwechsel von Seidl hätte abgebrochen sein können, oder dadurch, dass Hitler am Ende seines ersten Linzer Schuljahres nicht versetzt wurde (Jetzinger, S. 100 ff., Smith, S. 71, Bavendamm, S. 143 ff.). Hitler blieb in Linz auf der Realschule noch weitere drei Jahre und ließ in seinem Brief an Seidl nichts von einem »Buden«-Wechsel fallen, im Gegenteil, seine Linzer Schulzeit und sein Leben in der »Graben«-»Bude« bei Frau Sekira wirken wie miteinander untrennbar verkoppelt. Und wenn ebenfalls Fritz Seidl in Linz weiter zur Schule gegangen wäre, hätten die Jungs ihr »Buden«-Leben bei Frau Sekira fortsetzen können, auch wenn sie nicht mehr in dieselbe Schulklasse gegangen sind.

Fest steht erst wieder, dass Hitler nach Ende des Schuljahres 1903/04 in die 4. Klasse der k. u. k. Staatsoberrealschule nach Steyr (Bruppacher I, S. 15) Zwangs-verschickt wurde und dort litt. (Goldbacher)

Die Linzer Lehrer der dortigen Oberrealschule müssen sich eingebildet haben, die Beziehung Hitlers zu seinen Kameraden sei dafür verantwortlich, dass er in der Schule nicht reüssierte. Sie hatten recht, denn Hitler konnte sich in Steyr »in sechs der zehn Fächer jeweils um eine Note verbessern«, wie es anhand des noch existierenden Schuljahres-Abschluss-Zeugnisses nachzuweisen ist. (Bavendamm, S. 144) »Mit der Qualifikation hat er die Befähigung erlangt, eine höhere Realschule oder eine technische Schule zu besuchen.« (Bruppacher a. a. O.) Doch er hatte nach seinem Jahr in Steyr von Schule »so die Schnauze voll«, dass er seine Mutter davon überzeugte, ihn von jeglichem weiteren Schulunterricht zu befreien. Nach dem Ende des Schuljahrs 1904/05 in Steyr »drückte« er nie wieder »eine Schulbank«.

Das nimmer endende Hitler-Biografen-Dilemma

Erneut muss in eine Auseinandersetzung mit Hitlers zweitjüngstem Biografen Volker Ullrich (2013/16) eingestiegen werden, der mit zwei Formulierungen die Hitler-Seidl-Beziehung aus Hitlers Biografie heraushält und den ganzen Jugendfreund Fritz Seidl in einer Fussnote versteckt. Und das tut Ullrich innerhalb seines fulminanten Raums von 1100 Seiten, die er dem Anfangs- und »Aufstiegs«-Hitler widmet! (HETERO) Ullrich erfindet zwei Details komplett an den historischen Tatsachen vorbei:

Erstens. »Doch mit dem Übergang zur Staats-Realschule in Linz im September 1900 fand die Sonnen-beschienene Kindheit ein abruptes Ende. Für den Elfjährigen bedeutete dieser Wechsel einen Schulweg zu Fuß von einer Stunde hin und einer Stunde zurück.« (Ullrich, S. 32)

Zweitens. »Seine Mutter meldete ihn daraufhin in der 80 Kilometer entfernten Realschule in Steyr an und brachte ihn bei Pflegeeltern unter. Zum ersten Mal war Adolf Hitler für längere Zeit von seiner Mutter getrennt, und er litt offensichtlich unter Heimweh. Noch als Reichskanzler klagte er darüber, ›wie er sich gesehnt und zergrämt‹ habe, ›als seine Mutter ihn nach Steyr schickte‹«, zitiert Ullrich ein Notat vom 3. Juni 1938 aus den Goebbels-Tagebüchern. (a. a. O., S. 34, 845, Anm. 43)

Erwiderung zu Zweitens: In Steyr bei seinen »Pflegeeltern« war Hitler nicht »zum ersten Mal« »für längere Zeit von seiner Mutter getrennt«. Er hatte schon vier Jahre lang in Linz in einer Pension ohne seine Mutter in Leonding das tägliche Leben verbracht, Wochenend- und Ferienzeiten ausgenommen. In denen fuhr er jedoch auch von Steyr nach Leonding, wobei Steyr von Linz übrigens nicht 80, sondern nur 40 Kilometer entfernt liegt. Hitlers »Sehnen« und »Sich-Grämen« galt nicht seiner Mutter, sondern seinem Freundeskollektiv, seinen Schul-Kameraden in Linz, wenn nicht sogar seinem »Buden«-Leben mit Fritz Seidl in der Grabengasse bei Frau Sekira. Es ist buchstäblich »nicht zu fassen«, was ein Hitler-Biograf alles unternimmt, um seinen Protagonisten »ins Reine« einer »heterosexuellen Kontur ab früher Jugend« zu befördern. Nun ist Ullrich vom »anderen Ufer« her das Gleiche nachzuweisen, was ihm schon vom heterosexuellen Terrain aus vorgeworfen werden musste: Fakten zu verdrehen.

Solch ein »Muttersöhnchen« war der junge Adolf gar nicht, wie Ullrich ihn für dessen heterosexuelle Zurechtbiegung verformt. Die beiden Briefe zwischen Adolf Hitler und Fritz Seidl enthüllen eine knackige Buben-Freundschaft, einen mindestens zehn- bis zwölfjährigen Hitler, der »auf den Flügeln« seiner Orientierung in Richtung Jungs und Jünglinge längst vom elterlichen Haus emotional abgehoben hatte. Und das für bereits vier Jahre lang! Von 1900 bis 1904.

Unempfindlich gegenüber tiefenwirkender Bezugsperson

Hitlers Rausriss aus Linz und seine »Verbannung« nach Steyr war eine der Not gehorchende Schul-pädagogische Massnahme, einen 15-Jährigen plötzlich zu entorten und ihn aus seinen Zusammenhängen mit Freunden, Schule und seinem »Buden«-Zauber bei Pensions-«Muttl« Sekira zu zwingen. Von den neuen »Pflegeeltern« in Steyr ist außer ihrem Namen nichts bekannt (3. AUGUST KUBIZEK). Doch es wird von zwei Leuten geredet, also von einem Hetero-Paar.

Chronist Sandner erwähnt in seinem »Hitler von Tag zu Tag« den vollen Namen des »Pflegevaters« in Steyr, (Sandner I, S. 71), der jedoch verheiratet war, denn zu einem alleinstehenden Beamten hätte Klara Hitler ihren damals 15-jährigen Sohn Adolf nicht »in Pension« gegeben. So spricht denn auch Chronist Bruppacher von den »Cichinis«, bei denen Hitler »unterkommt«. (Bruppacher I, S. 15) Und ein ehemaliger Mitschüler Hitlers aus Steyr sagte in seinem Interview mit Eleonore Kandl Anfang der 1960er unumwunden: »Hitler wohnte damals bei Frau Zichiny auf dem Grünmarkt.« (Kandl, S. XLV) »Frau Zichiny« ist die Ehefrau von Herrn »Cichini«, deren beider Name nur anders geschrieben wurde.

Die »Buden«-Mutter Frau Sekira in der Linzer Grabengasse war eine Alleinstehende, wie Görlitz/Quint sie beschreiben. Solche Personen sind »konträr-sexuellen« Orientierungen immer näher als HeteroPaare, die bloß schon durch ihr räumlich-mobiliarisch auftrumpfendes Mann-Frau-Arrangement jemanden, der zu Mann-Mann strebt, bedrohen. Frau Sekira verdient, in der Hitler-Biografik hervorgehoben zu werden, ja einen festen Platz zu bekommen, hat sie doch eine viel größere Bedeutung für Hitlers Entwicklung als seine erste Wiener Zimmervermieterin, Maria Zakreys, die bei Ullrich dreimal erwähnt wird, übertrieben oft. (Ullrich, S. 42, 45, 51) Die Pensionsmutter eines Jungen ab 11 hat auf jeden Fall einen entscheidenderen Einfluss auf die Entwicklung eines gerade Pubertären als eine Zimmervermieterin ab Ende des zweiten Lebensjahrzehnts. Hitler begann bei Frau Zakreys in Wien im September 1907 mit 18 ½ Jahren zu wohnen, zog jedoch mit 19 ½ im November 1908 schon wieder aus und lebte nicht durchgängig ein ganzes Jahr bei ihr. Seine Zeit dort war wegen des frühen Sterbens seiner Mutter Ende des Jahres 1907 und in den Sommermonaten auf dem Land bei seinen Verwandten im Waldviertel 1908 unterbrochen. (Sandner I, S. 83 ff.) In der »Bude« bei Frau Sekira in der Linzer Grabengasse blieb er indessen vier Jahre von 1900 bis 1904, im Alter zwischen 11- und 15-jährig. Er verließ sie nur für Wochenend-Trips zu seinen Eltern und für die Ferien in Leonding und bei seiner mütterlichen Verwandtschaft in Spital.

Als gute Bekannte seiner Eltern aus Braunau muss Frau Sekira für Hitler in die Nähe einer Tante, ja einer später vier Jahre lang fungierenden Nebenmutter gestellt werden, deren Beziehung zu Hitler in seine erste Braunauer Lebenszeit zurückreicht. Hitler hat von seiner Geburt an zwei Jahre in Braunau gewohnt, bis zum Umzug der Familie nach Passau. Schon in diesen seinen ersten zwei Lebensjahren kann die gute Freundin seiner Eltern als nachbarliche Mitmutter eine prägende Wirkung auf das Kind gehabt haben. Dass Pensions-Mutter Sekira mit ihrer Wohnung für Hitler und seine Linzer Freunde einen – der Hitler-Biografik nicht bewussten – wesentlichen Einfluss auf ihn gehabt haben muss, gesteht er seinem Freund Fritz in seinem Dankesbrief: »Ich war erst neulich in Linz und bin dabei durch all die alten Straßen und Gässchen vorbei an unserem alten Grabenhaus auch durch die …str. [gegangen] und habe zufällig auch dabei an Dich gedacht.« Solch ein Erinnerungs-trunkenes Vergangenheits-Beschreiten macht ein Mann nicht, wenn ihn mit einem Ort nicht Tiefen-selige Erlebnisse verbunden hätten. Etwas Ähnliches wird von ihm zum Beispiel nicht über seine blutsverwandte Tante Theresia übermittelt, die jüngere Schwester seiner Mutter und ihren Bauernhof in Spital, obwohl er dort nach dem Tod seines Vaters 1903 regelmäßig in den Sommerferien zu Gast war. (Sigmund 06, S. 129 ff.) Hitler hatte die retrospektive Berührung mit seiner glücklichen vierjährigen Vergangenheit in Linz kurze Zeit vor seinem Münchener November-Putsch 1923 unternommen. Denn er konnte nicht wissen, ob er diesen geplanten gesellschaftlichen Gewaltakt gegen die bayerische Landes- und die deutsche Zentralregierung überleben würde. Er musste mit seinem Tod rechnen, der dann tatsächlich 16 seiner Mit-Polit-Rabauken und vier Polizisten ereilte. Deshalb wollte er seine glückliche Zeit in Linz noch einmal vor sein geistiges Auge treten lassen. Er war erst 34 Jahre alt.

Geschichte der Kindheit, die 7. Blindstelle der Hitler-Biografen

Erwiderung zu Erstens: Ullrichs Konstrukt vom vier Jahre währenden täglichen Schulweg Hitlers zwischen Leonding und Linz bedarf einer umfassenderen, geradezu strukturalistischen Schelte. Ullrichs Unberührtheit gegenüber Kindbedingungen ist für die gesamte Hitler-Biografik exemplarisch: Ein 11-jähriger Junge soll morgens zwischen sechs und sieben Uhr auf einen einstündigen Schulweg geschickt worden sein, damit er pünktlich zum Unterrichts-Anfang zwischen acht und neun Uhr in Linz eintrifft? Schulstunden-Ende zwischen 13 und 14 Uhr. Mittagessen? Wo? Bei wem? In der Zwischenzeit wäre es 15/16 Uhr geworden. Zu Winterzeiten bereits Einbruch der Dämmerung. Trotzdem um diese Zeit zurück auf den wieder einstündigen Fußmarsch nach Leonding, dem Dorf am westlichen Rande von Linz, um in das Haus seiner Eltern einzukehren? Bei dortiger Ankunft todmüde. Wann bestand Zeit für die Schularbeiten? Denn früh ins Bett, da ja morgen wieder der Zwei-Stunden-Marsch- und Unterrichts-Marathon stattfände.

Abgesehen von diesem soldatischen Fußmarsch-Aufwand – spekuliert für einen 11-Jährigen –, sollten die Eltern von Hitler derart roh und angstfrei den Kleinen in all die Gefahren geschickt haben, die ihm auf diesem Lauf durch eine mittelgroße Stadt hätten drohen können? Ausgerechnet diejenigen Eltern, die schon drei Kinder im Kleinkindalter verloren hatten? Der sechsjährige Bruder Edmund war am 2. Februar 1900, im Jahr von Hitlers Realschulbeginn, gestorben. Deshalb waren Alois und Klara Hitler mit dem 11-jährigen Adolf besonders umsichtig. Sie gaben ihren einzigen überlebenden Sohn in die gesicherte Linzer Obhut einer ihnen noch von Braunau her vertrauten Person.

Doch Ullrich hat es nicht für nötig befunden, die frühen Hitler-Biografen Görlitz und Quint zu Rate zu ziehen, die bei ihm überhaupt nicht vorkommen. Und das geschieht in einer Spezialarbeit über Hitlers Jahre von Geburt an bis 1939! Ullrichs Weglassen des Fritz-Seidl-Zeugnisses über Hitlers Linzer-Pensionszeit in der Grabengasse bei Frau Sekira und seine Unkenntnis der Raritäten bei seinen Vorläufern Görlitz und Quint ist das eine, aber die Kind-inadäquate Vorstellung vom täglich zweistündigen Fußmarsch zwischen Elternhaus und Schule ist das andere, das sogleich zu einem tiefergehenden Verriss der gesamten Hitler-Biografik führt, weil nämlich alle dasselbe Missverständnis verbreiten.

Eine weitere Blamage dieser Historiker-Unter-Sparte kommt zu Tage. Nach Unbelecktheiten von Jura, Familien- und Beziehungsforschung, Gender Studies, Medizin (einschliesslich Psychiatrie), Psychoanalyse und Sexualwissenschaft nun auch noch etwas Siebentes: Ahnungslosigkeit in Pädologie/Pädagogik! Von dieser Ahnungslosigkeit sind alle Hitler-Biografen und -Chronisten gekennzeichnet. Und so rätseln sie vom täglich zweistündigen Fußmarsch des Ab-11-Jährigen zwischen Leonding und Linz, und das für vier Jahre lang.

Die Geschichte der Kindheit ist eines der durchgearbeitetsten Gebiete in der historischen Wissenschaft. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert wirft der Forschungszweig »Kindheit« einen glänzenden Namen nach dem anderen der Kind-misshandelnden und missbrauchenden Gesellschaft vor die Füße: Johann Gottfried Herder, Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi, Ellen Key, Maria Montessori, Eduard Spranger, Lloyd deMause, Philippe Ariès, Alexander Neill, Hermann Gmeiner … Und bei allen in ihren berühmten Schriften steht zu lesen: Kinder und Erziehende müssen einander so nah wie möglich sein und so kontinuierlich wie möglich miteinander umgehen. Entweder wurden die Kinder in den Schulen selbst untergebracht, Stichwort »Internat«, oder die Schulen lagen in der Nähe, höchstens eine halbe Stunde Wegzeit von ihren Wohnstätten entfernt. Ein täglich mehr als zweistündiger Schulweg wäre schon vom pädagogischen Institut nicht toleriert worden, weil solch ein dezentrierend ausschweifendes Herummachen auf den zu langen Wegen jeglicher Konzentration fürs Lernen entgegengewirkt hätte.

Doch die Hitler-Biografen müssen sich eingestehen, von Pädagogik rein gar nichts zu wissen. Gerade für die Erarbeitung der Kindheit des ubiquitären Zerstörers Adolf Hitlers nichts von Pädologie und dem Funktionieren von Pädagogik zu wissen, wirkt sich Bild-verschiefend auf den ganzen Menschen Hitler aus. Denn wie bei jedem ist auch bei den Massenmördern essenziell wichtig, die Rätsel einer Person aus ihrer Kindheit zu heben

Besonders blamabel wirkt sich die Pädologie-Unbelecktheit beim neuesten Hitler-Jugend-Biografen Dirk Bavendamm aus, der die thematische Pflicht gehabt hätte, das Material zur Hitler-Jugend im Hauptarchiv der NSDAP so lange umzupflügen, bis er jedes Zeugnis gelesen und auf dessen Glaubwürdigkeit hin untersucht hat. Auch Bavendamm läßt Görlitz/Quint weg. Wer über Hitler groß-biografisch publiziert, darf sich nicht leisten, eine einzige Vorläufer-Arbeit nicht zu beachten. Jede enthält essentials, die für eine Neuzusammensetzung des Mosaiks »Hitler« plötzlich eine Bedeutung haben können.

Bavendamm widmet dem Problem der Glaubwürdigkeit von Einzelaussagen 30 Seiten Vorwort in seiner Hitler-Jugend-Biografie, die wie Ullrichs Jahre des Aufstiegs unschätzbare Verdienste hat. Doch die Autoren geraten permanent auf Abwege, wenn sie sich ins Sexualpsychische begeben müssen. Auch bei Bavendamm kommt heraus: Er will Hitler nicht »zum anderen Ufer schwimmen« lassen. Da der junge Hitler bis 1914, bis dorthin reicht Bavendamms Jugendbiografie, überhaupt keine sexuellen Beziehungen zu Mädchen und Frauen hatte, bleibt er bei Bavendamm nicht nur ein sexuell unbeschriebenes Blatt, sondern wird »ums Verrecken« jeder Homo-Effekte entledigt, wie sogleich an einem pars-pro-toto-Zitat nachgewiesen werden wird.

Das auch im zweiten Buch sich fortsetzende »Einschießen« auf speziell Ullrich geschieht nicht nur deswegen, weil er bis zu Peter Longerichs neuester Hitler-Biografie 2015 nach Ian Kershaw (1998/2000) zwei Jahre lang ab 2013 der »Neueste« war, weil er es auf den gesamten Hitler abgesehen hat, weil er mit der englischen Fassung seines Buches ab 2016 in der Hitler-Forschung nun ubiquitär wirkungsvoll und sein Buch gemäß The New York Review of Books, Ausgabe Frankfurter Buchmesse 2017, »national bestseller« geworden ist, sondern vor allem auch deswegen, weil Ullrich mit der Darstellung des entmonsterten Menschen Hitler das Persönliche, ja »Normale« des Mannes A. H. plausibel machen will. Gerade bei diesem Ansatz hätte Ullrich Quell[wasser]-rein vorgehen müssen, so dass ihm niemals nur ein einziger Vorwurf hätte gemacht werden können. Und: Von Pädologie und Pädagogik »keine Ahnung« zu haben, geht nicht bei einem Hitler-biografischen Ansatz, den Menschen herauszustellen. Denn zum Menschen gehört auch das Kind, vor allem der Junge, dessen Bedingungen, Verhaltensweisen, Beziehungen und erst recht dessen sexuelle Orientierung. Diese Ahnungslosigkeit setzt sich bei Ullrich fort, weil er auch beim zweiten Hitler-Freund, Wilhelm Hagmüller, noch einmal mit der Zwei-Stunden-Schulwegs-Vorstellung aufwartet. (Ullrich, S. 35) Und wieder wird »die Absicht, die verstimmt«, klar werden: Ullrich stemmt sich mit Biegen und Brechen und wissenschaftlichen Schnitzern der homosexuellen Orientierung Hitlers entgegen: Zwei-Stunden-Schulweg versus Zusammenleben von zwei Jungs in einem Zimmer.

Außen-Spezialisten = Innen-Analphabeten

Die generelle Crux der Hitler-Biografik: Adolf Hitler war die auffälligste und Wirkungs-vollste Person in der männerbündischen »Außenwelt«. Für sie interessieren sich besonders Männer und seit einigen Jahrzehnten auch Frauen, die Fachleute in dieser »Außenwelt« sind – in Geschichte, Militär, Politik, Recht, Soziologie und Wirtschaft. Dort Spezialist zu sein, geht meist einher mit vollständiger Unkenntnis in allem, was von der männerbündischen Gesellschaft »nach innen« gedrängt wurde, in den Rollen-getrennten Bereich von »Hausfrau«, »Mutter und Kind« – das ganze »Interior«-Geschehen des Persönlichen und Privaten.

In HETERO musste Ullrich schon eine Abwrackung gegenüber »Frauen- und Privatsachen« vorgeworfen werden, nun schwächelt Ullrich bei »Kindsachen«. Aus Hitlers Floskel »der weite Weg zur Schule« (Hitler 25, S. 3) entgleitet Ullrich in »Männerfantasien« mit dem zweistündigen Hin und Zurück des 11-Jährigen zwischen Leonding und Linz. Das geschieht selbstredend jetzt wieder, ohne eine Quelle für den Knaben-Fußmarsch anzugeben. Woher hat Ullrich das, wenn nicht aus Mein-Kampf?! Hitlers »weiter Weg zur Schule« ist eine seiner Tränendrüsen in Gang setzenden Floskeln ohne Real-Valuta. Es gab nicht einmal zuvor in Leonding in der Volksschule für ihn einen Weg zur Schule. Sein Vater hatte 1898 ein Haus in Leonding gekauft, das in derselben Straße lag, in der sich Hitlers zukünftige Schule befinden würde, in der [gemäß heutiger Schreibweise] Michaelsbergstraße 16, die Schule hatte die Haus-Nummer 29. (Sandner I, S. 59 f.) Ein Vater, der derart umsichtig auch an die Interessen seines Sohnes denkt, der schickt zwei Jahre später einen 11-Jährigen nicht auf einen täglichen Zwei-Stunden-Fußmarsch zwischen Haus und Schule. Und durch Görlitz/Quint kam heraus: Alois Hitler war sogar besonders umsichtig mit seinem Sohn Adolf, indem er ihn in Linz zur Kost bei seiner guten Bekannten Sekira aus Braunau gab. (Näheres über die Hitler-biografisch verbreitete Fehleinschätzung von Alois Schicklgruber-Hitler in INZESTO)

Mit dem zweistündigen Schulweg zwischen Leonding und Linz werden Hitlers beide frühen Beziehungen zu Jungs aus seiner Biografie gestrichen. Und er selbst wird dabei zu einem Heterosexuellen »von Anfang an« gemogelt. Die Beziehungen Hitlers mit Seidl und Hagmüller liegen in seinem Alter zwischen zehn und 18. Ausgeschlossen, dass sich jemand in seinem zweiten Lebensjahrzehnt so schwul zeigt, wie Hitler es getan hat, wenn er über keine homosexuelle Orientierung verfügt hätte! Aber auf dieser Basis könnte dann ja kaum noch eine »Geliebte« wie Eva Braun aufbauen. Deshalb am besten: Seidl und Hagmüller ausradieren! Weg mit beiden Beziehungen! Seidl und Hagmüller sind in Ullrichs Hitler-Biografie mit seinem Protagonisten nicht liiert. Seidl ist nur Fußnote und Hagmüller nur Mittags-Esser bei Hitlers Mutter Klara. Mit Hilfe solch einer Abschaffung von wesentlichen Personen in der Hitler-Biografie wird die Errichtung eines falschen Hitler-Standbildes vollzogen.

Dass Ullrich wieder einmal bewusst vorgeht, enthüllt er selbst mit einem Zitat aus dem Hitler-Seidl-Briefwechsel, den er demnach kennt. Aber er »kennt« nur eine Passage aus der Hitler-Erwiderung. Alles, was Seidl zum Zusammenleben zwischen Adolf und Fritz enthüllt hat, passt nicht in Ullrichs Konzept des Hetero-Hitlers. Also »kennt« Ullrich es nicht. (Ullrich, S. 844, Anm. 30, S. 31) Und was aus dem Seidl-Hitler-Briefwechsel zitiert wird, betrifft im Original nicht die Zeit, die Ullrich mit Hitlers Ausruf kennzeichnen will. Der Bezug von Hitlers »sonniger Lausbubenzeit« gilt nicht seiner frühen Schulzeit in Lambach und Leonding unter-zehn-jährig, sondern klar und deutlich seiner späteren Linzer Pubertäts-Beziehung zu Fritz Seidl ab 11/12 in der Grabengassen-»Bude« bei Frau Sekira. Fakten-Ausgrenzung, Fragment-Zitat und Bezugs-Fiktion – so wird Wahrheit gekillt!

Der Wahrheitsgehalt des Briefwechsels zwischen Seidl und Hitler ist über »jeden Zweifel erhaben«. So wahr sind generell nicht einmal Amtsschreiben, in denen allerhand gedreht und gewendet werden kann. Doch zwischen Seidl und Hitler im Oktober 1923 über ihre Zeit ab 1900 lebt Wahrheit pur: Zwei Freunde werfen einander die gemeinsam erlebten Tatsachen ihrer Vergangenheit zu. Alles nur für einander bestimmt, ein nacktes »Weisst Du noch?! – Unser Damals!« Nichts für Außen frisiert und kostümiert. Lügen unmöglich, weil unnötig. Dem ehemaligen Genossen soll das Wirklich-Gewesene nur Stichwort-artig in Erinnerung gebracht werden. »Wahrer« gehts nicht!

Hitler-Chronist – kein neuer Papst der Hitler-Biografik

Was Adolf Hitlers Beziehung zu Fritz Seidl betrifft, herrscht die Ungeheuerlichkeit in der ganzen Hitler-Biografik: Alle unterschlagen ihn als ersten und gewichtigen Hitler-Freund. So geht es zu auch beim jüngsten Gesamten Peter Longerich (2015). Das besonders Fragwürdige: Ebenfalls in den Jugend-Biografien von Jetzinger, Smith und Bavendamm, spezialisiert auf Hitlers erste drei Jahrzehnte, wird Seidl nicht erwähnt, auch nicht in Machtans erster Biografie über Hitlers Homosexualität. Und das geschieht, obwohl Seidl mit Hilfe von zwei gewichtigen »Intim«-Zeugnissen einfach da ist und nach ihm an einer allseits bekannten Quelle, dem Hauptarchiv der NSDAP, gegriffen werden kann.

Auf diese Weise ergibt es sich so gut wie von selbst, dass Seidl bei den Chronisten auch nicht vorkommt. Die »verbrannte Erde« in Sachen von Hitlers frühem »Sitten«-Verhalten ist derart signifikant, dass ihr kurz Aufmerksamkeit gewidmet werden muss.

Dafür eignet sich eine Beobachtung zum jüngsten Chronisten Harald Sandner. Denn sein Vierband-Itinerar fungiert nun als Standardwerk, tritt mit Endgültigkeits-Anspruch auf und wird für jede Hitler-Frage herangezogen werden, sowie eine schnelle Auskunft gebraucht wird. Doch nun muss festgestellt werden: Zu Fritz Seidl chronologisiert Harald Sandner in seinem »Hitler von Tag zu Tag« alles falsch. Sandner kennt den Seidl-Hitler-Briefwechsel im Hauptarchiv der NSDAP (heute Bundesarchiv Berlin) nicht. Dadurch erliegt auch er dem Irrglauben, Hitler sei vier Jahre lang täglich zwei Stunden zwischen dessem Haus in Leonding am Rande von Linz und der k. u. k. Staatsrealschule in der Linzer Steingasse 6 hin-und-hergelaufen. (Sandner I, S. 63 ff.) Der ganze Fritz Seidl samt Frau Sekira und ihrer Linzer »Bude« in der Grabengasse 9 fehlt in Sandners Itinerar. Auf zehn Seiten heisst es stattdessen für die vier wesentlichen Hitler-Jahre 1900 bis 1904 monatlich immer nur »FM« = »Fußmarsch«! (a. a. O.)

1Falscher Adolf

Das wäre weiter kein »Beinbruch«. Sandner wird nicht umhin kommen, in jeder neuen Auflage seines Mammut-Werks Korrekturen anzubringen, wie es schon seine Vorläufer Milan Hauner einmal und Paul Bruppacher zweimal getan haben. Doch muss der feuilletonistischen Hitler-Rezeption klargemacht werden: Sandner ist kein neuer Papst der Hitler-Forschung. So hilfreich und Arbeits-ersparend vieles in seiner »Hitler-von-Tag-zu-Tag«-Registratur ist, so wimmelt es andererseits in ihr wie bei Hauner und Bruppacher von Irrtümern, Fehlern, Versäumnissen und – ein Novum bei einem solchen Pauschalwerk in der Hitler-Biografik – von Verdrehungen! Das wird auch noch bei den Hitler-Freunden Wilhelm Hagmüller, August Kubizek und Reinhold Hanisch nachgewiesen werden.

Ein Beispiel für Sandners riskantes Vorgehen: Er druckt ein Lambacher Jungs-Gruppen-Foto von 1897 ab, (Sandner I, S. 57) das Hitler gar nicht darstellt. Sandner verhält sich bei diesem Missgriff so unsorgfältig, dass er den achtjährigen Hitler einfach unter einen anderen »Adolf« subsummiert, der mit Nachnamen Angerer heißt. Ist schon das Gesicht dieses Adolf Angerers dem kleinen Adolf Hitler nicht ähnlich, so hätte Sandner die Chronistenpflicht gehabt, sich das Original-Gruppen-Foto mit der Beschriftung aller Namen der Abgebildeten in der speziellen Akte des Hauptarchivs der NSDAP anzuschauen. Dann hätte er nämlich zusätzlich auch noch registrieren müssen, dass die ersten Bearbeiter des HA-Materials, die siegreichen Amerikaner, eine Notiz unten an den Rand des Bildes gemacht haben: »H. not among them«. (BAB, NS 26/65, KBl. 133, B. 1)

Auf der Basis dieser Zuschreibung einer Fotografie, die Hitler nicht darstellt, passiert Sander der nächste Fehler: »Hitler wohnt im Sängerknabeninstitut (Internat)« in Lambach. (Sandner I, S. 57). Hitlers Sein im Internat war nicht nötig, da seine Eltern im Dorf Hafeld bei Lambach wohnten. Chor und Kirche konnte er diesmal wirklich zu Fuß erreichen. Chronist Sandner ist eine Einzelperson und mit seinem vierbändigen Unternehmen »Heil«-los überfordert. So waren es auch Milan Hauner (1983/05) und Paul Bruppacher (2008/13/14). Eine Hitler-Gesamt-Chronik zu erstellen, wäre die Aufgabe eines Universitäts- oder Instituts-Forschungs-Teams von sechs bis zehn Mitarbeitenden gewesen. Vorwurf an die Universitären und Institutionellen, dass das kein Kollektiv in den drei führenden Hitler-Forschungs-Kulturen, den Anglo-Ländern, Deutschland/Österreich und Frankreich bisher gemacht hat. Stattdessen immer nur neue Hitler-Biografien und -Interpretationen und das Schuldigbleiben schlüssiger Aufhellungen, trotz Bernard Plouviers Liste von den immer noch bestehenden » 100 kontroversen Punkten über Hitler, das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg«. (Plouvier 09) Insofern gebührt den Chronisten Hauner, Bruppacher und Sandner Dank, dass sie als Einzelne und Außenseiter die Hürde einer Hitler-Gesamt-Chronik überhaupt genommen haben, mussten sie doch wissen, dass sie sich entlang der Fehler, Versäumnisse und Irrtümer der Hitler-Biografik »hangeln« und routinemäßig Neuausgaben unternehmen mussten.

Wenn man Sandners Kolossal-Werk mit seinen Vorläufern von Hauner und Bruppacher vergleicht, sticht einer seiner grellsten Nachteile ins Auge: Sandner hat sich bewusst der Hitler-Hetero-Fraktion angeschlossen und nährt mit seinem Vierbänder ab Herbst 2016 den Hitler-Hetero-Wahn, während diese ideologische Zulieferung weder bei Hauner noch bei Bruppacher in der vehementen Weise wie bei Sandner stattfindet. Sandner spricht von Eva Braun als »Hitlers Geliebter« und blendet Lothar Machtans Hitlers[homosexuelles] Geheimnis aus, das in Sandners Literaturliste nicht erscheint, genauso wenig wie französische Publikationen. Und auch die zwei Englisch-sprachigen Werke zu Hitler müssen bei Sandner wie die sprichwörtliche Stecknadel im Heuhaufen gesucht werden, bis sie am Schluss seiner Literaturliste aufblitzen. (Sandner IV, S. 2416)

Die Rechnung bekommt Sandner prompt präsentiert. Er verirrt sich für eineinhalb Jahrzehnte in einer komplett falschen Hitler-Chronik – von 1900 (dem Beginn von Hitlers Realschulzeit und dem »Buden«-Zauber zwischen ihm und Fritz Seidl) bis 1913 (dem Auftauchen von Hitlers siebentem Freund, Rudolf Häusler). Dieser Fauxpas ist Sandner nicht passiert, der Chronist geht ihn »sehenden Auges« ein, da er auch vor der ersten und kritischsten Hitler-Jugend-Schrift kneift, vor Franz Jetzingers Hitlers Jugend. Phantasien, Lügen und die Wahrheit. Anstatt Hitlers Realschul-Zeit Doppelzeugnis-gesichert in Frau Sekiras »Bude« in der Linzer Grabengasse 9 zu rekapitulieren, taucht bei Sandner plötzlich die Zeile auf: »April 1903 Leonding, FM [Fußmarsch]/Linz – Bezug eines Zimmers im Schülerheim (genauer Ort unbekannt).« (Sandner I, S. 69) Eine derartige Verflüchtigung von vier Jahren innerhalb Hitlers Linzer Realschul-Zeit geschieht in einem Werk, das sich im Untertitel den Aufenthaltsorten und Reisen Hitlers widmet.

Ein das gesamte vierbändige Werk Sandners belastender Mangel ist das Fehlen von Data- und Info-Herkünften, vor allem bei kryptischen Mitteilungen wie dem »Zimmer im Schülerheim (genauer Ort unbekannt)«. Es kann ja in der Hitler-Biografik »gut und gern« etwas »unbekannt« geblieben sein. Diese »Unbekanntheit« würde jedoch etwas »gelüftet«, wenn vermerkt worden wäre, woher Sandner dieses und jenes Detail hat.

Schon wieder musste in der Studie über Hitlers Wesensveränderung vom »stillen« zum direktiv-delegierenden Serienkiller ein Nebenweg beschritten werden, um Fehler in der Hitler-Biografik zu korrigieren. Es geht jedoch nicht anders, da beim Chronisten Sandner alles zum HOMO-Hitler falsch ist – von Fritz Seidl bis Ernst Schmidt. Der Beginn der achten Freundschaft von Hitler 1 wird zwar – den Tatsachen entsprechend – exakt datiert, aber den Tatsachen widersprechend als nur eine Kameradschaft präsentiert. (a. a. O., S. 110) Nachdem bemerkt wurde, dass Sandner mit verschiedenen Mitteln in die markantesten Freundschaften Hitlers eingegriffen hat, muss die Korrektur bei jedem einzelnen Freund vorgenommen werden. Mit dem Chronisten Sandner (2016) hat Biograf Ullrich (2013/16) einen Schulterschluss-Hauptmann an die Seite bekommen: Mal eben bei Sandner »reine« Daten Hitlers sich vergewissern wollend, und schon trifft man auf einen in Beton gegossenen Hetero-Hitler. Wie soll sich da die Menschheit je klar werden über ihren größten Bedroher?!

Die unendliche Geschichte von Hitlers Täuschungs-Manövern

Ullrich und Sandner sind die Eisbergspitze: Die Hitler-Seidl-Bezie-hung wird Hitler-biografisch seit über 80 Jahren eliminiert und Fritz Seidl aus allen Biografien ausradiert, so geschehen auch bei den Chronisten Bruppacher und Hauner. Bruppacher schweigt sich zu Hitlers Wohn- und Lebensbedingungen in Linz gänzlich aus. Und Hauner kürzelt wie Sandner: »1903 – Frühling: Während der Schulzeit lebt Hitler in einem Schülerheim für Schuljungens …« (Hauner, S. 3) Als Kindheits-»Anästhesisten« erweisen sich alle Hitler-Biografen, da sie ihn Lebensgeschichts-technisch in die Linzer »Graben-Bude« ab 1900 mit Fritz Seidl bei Frau Sekira nicht früh genug oder überhaupt nicht hereinlassen und auf einen angeblich monate- bis jahrelang erlittenen, mehr als zweistündigen täglichen Schulweg schicken. So geht es unverständlicherweise auch zu bei den in vielem innovativen Hitler-Jugend-Gesamt- und Ausschnitt-Biografen Jetzinger, Smith, Hamann und Bavendamm. Auch sie lassen den pubertären Hitler zwischen Leonding und Linz hin- und herlaufen. (Jetzinger, S. 99, Smith, S. 92, Hamann 96, S. 11 ff., Bavendamm, S. 121) Das ist eines der empfindlichsten Mankos dieser Untersparte der Hitler-Biografik, denn die Fehlbehandlung des pubertären Hitlers und Jünglings hätte derart kontinuierlich in den Hitler-Jugend-Spezial-Biografien nicht passieren dürfen, vor allem deswegen nicht, weil die vorhandenen und leicht zugänglichen Zeugnisse des Hitler-Seidl-Briefwechsels im Hauptarchiv der NSDAP genau das Gegenteil festhalten. Verständlich hingegen, dass die »Gesamten« sich bei dieser Hitler-Nebensache nicht weiter aufhalten und ihn ebenfalls rotieren lassen. Von Bullock und Görlitz/Quint bis Kershaw läuft der 11- bis 14-jährige Hitler homolos total Eltern-bezogen zwischen Leonding und Linz wochentags hin und her.

Dass hinter der Ausscheidung Seidls aus der Jünglings-Biografie Hitlers eine anti-homosexuelle Strategie zum Vorschein kommt, zeigt sich bereits in Thomas Orrs Hitler-Biografie von 1952. Orr war Mitarbeiter des Hauptarchivs der NSDAP und hätte den dort lagernden Briefwechsel zwischen Seidl und Hitler kennen müssen. Aber auch bei Orr kommt Seidl nicht vor, sitzt und liegt Hitler nicht zusammen mit dem gleichaltrigen Freund in einer Knusperhexen-Bude, sondern rennt Freundes-Seelen-allein Schul-täglich zwischen Leonding und Linz hin und her, (Orr, Nr. 41 v. 11. 10. 52, S. 2., die Seidl-Vakanz zu Tage tretend schon in Nr. 40 v. 4. 10. 52)

Der pubertäre Hitler wird zu »Adi rennt« indoktriniert. Frei nach Tom Tykwers stilistisch innovativem Film von 1998 Lola rennt bedeutet »Adi rennt«: Alle Hitler-Biografen halten ihr Kreuz gegen »Adi liebt«, weil das gehießen hätte: »Adi liebt Jungs«.

Sämtliche Biografen sitzen Hitlers Täuschungs-Manöver in seiner ersten, von ihm autorisierten Biografie für den Anglo-Markt Germany’s Hitler auf. Sofort ab 1933 hielt Hitler es für geboten, seine frühe Paarschaft mit Seidl in der Linzer »Bude« bei Frau Sekira, beginnend 1900, aus seinem Werdegang rauszuhalten. Dieses von Fritz Seidl beschriebene »Du und ich auf Frau Sekiras Bude, Grabengasse 9« war zu sehr homo-verdächtig. Es musste für das »rechte« »Führer«-Stand-bild aus Hitlers Lebenslauf herausgeschnitten werden. Den Anfang der »Führer«-Pubertät zusammen mit einem anderen Jungen biografisch umschlungen erlebt, das war zu homo-tief. Und auch noch in einer gemeinsamen »Bude«, das war zu homo-nah. Da konnte zwischen den Jungs unter den zugedrückten Augen der tschechischen »Buden«-Muttl ja alles passiert sein!

Das Streichen von Hitlers Homo-Puerilem wurde in Germany’s Hitler mit einem Trick gemacht. Der Trick hatte zwei Teile:

Erstens. Verlegung von Hitlers Wohnen in Linz um drei Jahre nach hinten – vom 11-Jährigen ab 1900 zum 13/14-Jährigen 1903/04.

Zweitens. Sprengung des Knaben-Paar-Rahmens und personelle Erweiterung auf das Massengeschehen in einem »Schülerheim«. Gänzlicher Wegfall von Fritz Seidl.

Frappierend, was 1934 in Hitlers »autorisierter Biografie«, verfasst vom Insider Hanfstaengl alias »Heinz«, geschieht! »Autorisiert« heisst »kontrolliert«, in Hitlers Fall propagandistisch dirigiert. Hanfstaengl läßt einen »Herrn Keplinger« sagen, Hitler habe vom Anfang der Linzer Realschulzeit an im westlichen Randgebiet Leonding bei seinen Eltern gewohnt, sei sogleich nach Schulschluss zu Mittag nach Hause gelaufen. Deswegen hätten die anderen Schüler ihn kaum gesehen, nichts von ihm gehabt, würden ihn eigentlich gar nicht kennen. Und die Sage von Hitlers Linz-Wohnen erst im dritten Schuljahr 1903/04 wird verschwommen wiedergegeben: Vatertod Januar 1903. Erst danach sei dem nunmehr 14/15-Jährigem erlaubt worden, in Linz zu wohnen. Info: Die gute Mutter hätte ein gutes Herz gehabt, dem 14-jährigen Jugendlichen nicht mehr den täglich zweistündigen Schulweg aufzubürden, den ihm der böse Vater zugemutet hätte, der in Wirklichkeit seinen Braunauer Kontakt zu seiner guten Bekannten Sekira für die Sofort-Unterkunft seines Sohnes in Linz genutzt hatte.

Nun folgt die Story von der »alten Frau«, bei der Hitler in Linz mit anderen Schülern erst 1903/04 zusammengewohnt hätte, aber ohne die Paarschaft mit Fritz Seidl zu erwähnen. (Hanfstaengl 38, S. 24 ff.) Vielleicht war der bei Frau Sekira inzwischen ausgezogen. Und deshalb ging das biografische Eingeständnis über die Lettern: Hitler ganz allein, inmitten von ihm eigentlich unbekannten Mitschülern in eine Linzer »Schülerpension« gezogen.

Wegen dieser Seidl-Verheimlichungs-Tour war unter Hanfstaengls biografischen Nachfolgern kein Halten mehr. Auch die Herausragendsten, in vielem Untadeligen formulierten im Gleichschritt-Marsch mit dem Hanfstaengl-Trick:

Göerlitz/Quint 1952. »Nachdem Adolf während des ersten Leondinger Jahres täglich den weiten Weg nach Linz zurückgelegt hatte, wurde er für die folgenden Schulsemester an einen Kostplatz in Linz gegeben, wenigstens die Woche über; samstags kam er nach Hause … Insgesamt waren bei der Frau Sekira in drei einfachen Zimmern sechs Schüler untergebracht, hauptsächlich Lehramtszöglinge.« (Görlitz/Quint, S. 34)

Werner Maser 1971. »Während seiner Linzer Schulzeit wohnt Hitler bis zum überraschend frühen Tod seines Vaters (im Januar 1903) weiterhin im Leondinger Elternhaus. Danach, im Frühjahr 1903, kommt er in ein Linzer Schülerheim und heckt mit dem nachmaligen Regierungsbeamten Fritz Seidl und den Haudum-Söhnen, von denen einer später Pfarrer in Leonding wurde, ›Heldenstücke‹ aus.« (Maser 71

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Hitler 1 und Hitler 2. Von der Männerliebe zur Lust am Töten denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen