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Reinhold Ruthe - Mit Gott für den Menschen: Autobiografie

Reinhold Ruthe - Mit Gott für den Menschen: Autobiografie

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Reinhold Ruthe - Mit Gott für den Menschen: Autobiografie

Länge:
224 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Dez. 2017
ISBN:
9783863389963
Format:
Buch

Beschreibung

Neun Jahrzehnte Reinhold Ruthe
Offen über Seelennöte zu sprechen, sich selbst zu reflektieren oder Partnerschaft und Familie zu thematisieren, ist heute für viele Christen selbstverständlich. Ein Blick auf den konfessionellen Buchmarkt mit seinen zahlreichen Lebenshilfe-Ratgebern zeigt das anschaulich. Doch das war nicht immer so. Reinhold Ruthe gilt als Wegbereiter der psychologisch fundierten Seelsorge im deutschsprachigen, protestantischen Bereich. Als er in den 60er-Jahren ein christliches Buch zu intimen Fragen eröffentlichte, war das ein Skandal – und ein Bestseller. Wenig später wurde er Sexualpädagoge des CVJM und leitete eine kirchliche Beratungsstelle.
Unermüdlich arbeitete er daran, psychologische Erkenntnisse für die christliche Seelsorge nutzbar zu machen und Menschen zu helfen, deren Probleme bislang wenig Beachtung gefunden hatten. Als Referent, Dozent und Autor prägte er die christliche Öffentlichkeit und eine neue Generation von Seelsorgern. Kein Eisen war ihm zu heiß und mit über 150 Büchern hat er entscheidende Impulse gesetzt. 1927 geboren, schaut er heute – immer noch rege und aktiv – auf ein reiches Leben zurück und erzählt von den Stationen seines Weges durch das Jahrhundert. Die nationalsozialistische Propaganda prägte seine Kindheit. Die letzten drei Kriegsjahre erlebte der Jugendliche als Soldat. Doch sein ganzes Leben erfuhr eine Umkehr, als er sich in der Kriegsgefangenschaft bekehrte. Daraus erwuchs die neue Perspektive:
Gott und den Menschen zu dienen – ein Leben lang.
Herausgeber:
Freigegeben:
12. Dez. 2017
ISBN:
9783863389963
Format:
Buch

Über den Autor


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Reinhold Ruthe - Mit Gott für den Menschen - Reinhold Ruthe

überraschen!

Kapitel 1

Kindheit und Jugend in Westfalen

Am Pfingstsonntag des Jahres 1927 wurde ich in Falscheide, einem kleinen Vorort der späteren Stadt Löhne in Ostwestfalen, geboren. Die Sonne strahlte, der Himmel war blau und wolkenlos, so hat man es mir erzählt.

Das Land zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge verläuft weitgehend flach, lediglich einige Hügel verleihen der Gegend einen anziehenden Reiz. Grüne Wiesen, kleine Wälder und verstreute Bauernhöfe prägen das Aussehen meiner Heimat. Die Menschen sind im Allgemeinen wortkarg, arbeitsam und strebsam. Gefühle werden nur sparsam gezeigt. Herzlichkeit wird praktiziert, aber selten zur Schau gestellt. Man braucht schon eine Weile, um mit ihnen warm zu werden. So jedenfalls hören wir es oft von Fremden, die sich länger dort aufhalten.

Löhne liegt an einem kleinen Fluss, der Werre, die sich durch das Minden-Ravensberger Land schlängelt.

Vor der Ehe gezeugt

Bevor ich auf die Welt kam, spielte sich bei den werdenden Eltern und im Dorf bei den Großeltern ganz schlicht ein Drama ab. Wenn ich jene Zeit richtig verstehen will, darf ich das Geschehene nicht verharmlosen.

Mich beschleicht ein merkwürdiges Gefühl, wenn ich darüber nachdenke. Zwei Welten, damals und heute. Heute Normalität, damals eine Tragödie, eine Schande, eine Blamage erster Güte. Mein Vater und meine Mutter liefen – noch unverheiratet – wie Gezeichnete durch das Dorf. Das war der Pranger seinerzeit. O Gott, o Gott, eine offenbare Sünde in der Schneiderfamilie.

Die Leute dachten konservativ. Recht und Ordnung, gute Sitten und ein anständiges Verhalten waren Pflicht. Man hatte anständig, ehrlich und korrekt zu sein. Jeder schaute über den Zaun des Nächsten und wusste über alles Bescheid. Auch wenn es nur unterstellt war, bloß vermutet.

Meine Eltern mussten heiraten. Wieso mussten sie? Ein Kind war vorzeitig unterwegs. Sie wollten selbstverständlich heiraten. Aber die „anderen Umstände" spielten ihnen einen Streich.

In den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts lebte der Ort von Tratsch und Klatsch, von Gerede, das hinter vorgehaltener Hand weitertransportiert wurde. Das Dorf damals hatte andere Gesetze als Dörfer heute. Es fehlten die täglichen Sensationen, die Horrorgeschichten, die unzähligen Verbrechen, die negativen Nachrichten aus der weiten Welt, wie sie heute in den Medien unters Volk gebracht werden. Stattdessen wurden kleine Gemeinheiten im Ort oder in der Nachbarschaft, Bosheiten der Bewohner, Betrug und Vermutungen über den Gartenzaun gereicht.

Ich bin ganz sicher, meine Eltern liebten sich. Wie komme ich darauf? Sie setzten sich mit dem Namen durch, den sie für mich vorschlugen: Reinhold. Ein Protest ihrer gekränkten Seelen. Ein Ausdruck ihrer Zusammengehörigkeit. Reinhold, der Reine, der Holde, ein Ergebnis ihrer inneren Überzeugung. Meine Eltern sahen in ihrem Tun keine Schande und empfanden mich nicht als einen Makel.

Und der kleine Junge wurde auch noch zu Pfingsten geboren. Pfingsten, das Fest des Geistes, der Menschen in Bewegung bringt. Der Geist von Pfingsten schlägt Brücken des Verstehens. Wo dieser Geist am Werke ist, da gibt es gegenseitiges Verständnis. Er ist der Rechtsbeistand, der Tröster, der Anwalt, wenn wir rufen.

Meine Eltern werden ihn nötig gehabt haben.

Und dann musste meine Mutter auch noch mit Schwiegervater und Schwiegermutter in einem Haus zusammenleben. Vielleicht als die böse Schwiegertochter, die den lieben Sohn verführt hatte. Jetzt musste sich meine Mutter beweisen, jetzt musste sie vieles – jedenfalls in den Augen der anderen – wiedergutmachen. Jetzt musste sie vielen hämischen Blicken begegnen.

Meine Geburt fand zu Hause statt, wie es damals üblich war. Und einige Wochen später war meine Taufe in der Löhner Kirche. Das Pfingstfest wurde von den meisten Bewohnern des Dorfes gefeiert. Meine Eltern waren froh, dass die Geburt ausgerechnet an einem hohen Feiertag der Kirche stattfand.

Aber der schöne, makellose Sonnentag zeigte auch eine dunkle und beschämende Seite. Ich weiß bis heute nicht, wie es meine Eltern und die gesamte Großfamilie erlebt haben, dass meine Mutter und mein Vater heiraten mussten. Im Mutterleib, während der Hochzeitsfeierlichkeiten, rekelte sich schon der kleine Reinhold. Damals war eine Mussheirat eine bittere Pille für alle Beteiligten. Erinnern kann ich mich natürlich an nichts. Der kleine Mensch bekommt zwar viel mit, denn Mutter und Kind sind ja eine unteilbare Einheit, sodass seelische Schmerzen der Mutter auch das ungeborene Baby belasten. Im Nachhinein bin ich sicher, dass ich verschont geblieben bin. Mit Eltern und Großeltern habe ich im Übrigen nie darüber gesprochen.

Woher kommt der Name Reinhold?

Meine Eltern haben es ganz sicher nicht gewusst. Aber ich las im 1958 erschienenen Buch „Pfeiler im Strom von Reinhold Schneider eine Deutung des Namens. Unter der Zwischenüberschrift „Der unbekannte Heilige schreibt Schneider: „Die altehrwürdige Reinoldikirche in Dortmund, deren hoher Turm einst Pilgerscharen den Weg wies, wurde nach der Zerstörung in den Jahren 1943–1945 wiederhergestellt. In Lindlar, im Bergischen, feiert die Steinhauergilde, deren Schutzpatron der Heilige ist, ihr zweihundertfünfzigjähriges Bestehen … Nach einer Abschrift aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts stammte Reinoldus, der Name bedeutet ‚Ratwalter‘, von erlauchten Eltern ab. Er war einer der vier Haymonskinder … Durch göttliche Weisheit erleuchtet, fährt die Legende fort, verließ Reinoldus die Welt, um Mönch in Sankt Pantaleon in Köln zu werden. Hier hat er viele Wunder getan, namentlich zur Pestzeit … Der 7. Januar, der Festtag des Heiligen, soll der Tag der Übertragung (der Reliquien) in die Dortmunder Kirche sein."

Im 87. Lebensjahr schreibe ich an dieser Biografie. Ich habe nichts von dem Heiligen gewusst, versuche auch nicht andeutungsweise einen Vergleich. Wir haben lediglich den gleichen Namen. Und mich interessierte seine Herkunft.

Das Hochzeitsfoto meiner Eltern

Als junger Mann, also viele Jahre später, fiel mir das Hochzeitsfoto meiner Eltern in die Hände. Der weiße Schleier der Mutter, der selbstverständlich getragen wurde, der elegante schwarze Anzug des Vaters und die schicke Fliege vor dem weißen Hemd konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide niedergedrückt aussahen. Der seelische Schmerz offenbarte sich in ihren Gesichtern. Die Aufnahme war in einem Fotostudio gemacht. Kein Hochzeitsbild, sondern ein Leidensbild, kein Höhepunkt des Lebens, sondern ein Tiefpunkt. Die eingefallenen Wangen beim Vater, der schmerzverzerrte Mund der Mutter waren Zeichen eines „Gerichtsurteils", das sie gerade vernommen hatten: ein Jahr Gemeindepranger, Spießrutenlaufen durch die Öffentlichkeit. Keine Eintragung ins Vorstrafenregister.

Ganz sicher weiß ich, dass sie nicht deshalb unglücklich aussahen, weil sie heiraten mussten und sich etwa nicht liebten. Sie litten, weil sich der Sohn zu früh angemeldet hatte. Die ethische Grundeinstellung zu Liebe und Ehe war offensichtlich angekratzt.

Die Taufe des kleinen Reinholds war ein eindrückliches Liebesbekenntnis meiner Eltern. Beide liebten sich unverbrüchlich. Und das Produkt dieser Liebe betrachteten sie nicht als Unfall, sondern als Geschenk Gottes. Sie gehörten fest zusammen, waren ein Paar und sahen in dem reinen und holden Geschöpf ein Zeichen seiner Barmherzigkeit. Ein Leben lang erinnert mich der Name daran, dass ich ein Kind wirklicher Liebe bin. Zeit meines Lebens hat mich dieser Gedanke beflügelt: Ich habe liebevolle Eltern gehabt. Bis zu ihrem Tode war niemals Unfriede zwischen uns.

Aufgewachsen im Bauernhaus

Groß geworden bin ich in einem alten Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert. Die vordere Hausfront bestand bis zur Dachspitze aus Holz. Alles musste alle paar Jahre neu mit Farbe gestrichen werden. Eine mörderische Arbeit! Auf halber Höhe durchzog das Haus eine „Deele" (Diele) aus roten Backsteinen. Hoch über der Deele war eine Decke aus Holzplanken, die den Dachboden bildeten. Er war bis unter die Dachpfannen voll mit Heu- und Strohballen. Diese Deelendecke war lediglich mit breiten, ungehobelten Brettern ausgelegt, die über dicken Baumstämmen angenagelt waren. Immer wieder rieselten Strohstaub und feine Heuteilchen durch die Ritzen auf die Deele, die daher mehr oder weniger jeden Tag gefegt und geschrubbt werden musste. Fast die gesamte Vorderfront des Hauses zur Straße hin bestand aus einer vierteiligen Tür, die in der Erntezeit völlig geöffnet werden konnte, um mit Pferdewagen hineinzufahren. In der übrigen Zeit blieb das große Tor verschlossen, nur eine normale Holztür diente als Aus- und Eingang.

Vor der Tür und neben dem Haus führten ungepflasterte Wege vorbei, die weder geteert noch mit Steinen befestigt waren. Und genau im Winkel neben dem Haus, wo sich zwei Wege kreuzten, befand sich ein übel riechender Mistpfuhl, der damals bei Bauernhöfen üblich war. Alle Besucher und Passanten, die vor dem Haus oder neben dem Anwesen vorbeigingen oder mit dem Fahrrad vorbeifuhren, mussten den Geruch des Mistpfuhles ertragen.

Ich mache keinen Hehl daraus, dass mich schon als Kind dieser stinkende Mist ärgerte und wütend machte. Leider konnten wir nicht darauf verzichten, weil der Mist aus Schweine- und Ziegenstall in diese Grube gekippt wurde.

Gleichzeitig war dieser Mistpfuhl mit einer Jauchegrube und einer Toilette verbunden, die neben dem Ziegenstall untergebracht war. Toilettenschüsseln aus Porzellan gab es zwar schon, aber in Bauernhäusern waren schlichte Plumpsklos aus Holz üblich. Mittendrin ein großes Loch, alles direkt mit der Jauchegrube verbunden. Eine leichte Brettertür diente als Verriegelung. Die Toilette war mit dem offenen Ziegenstall verbunden, sodass sich die Gerüche von rechts und links vermischten.

Iphigenie wehrt sich mit Hörnern und Füßen

Die Ziege war der tägliche Milchlieferant. Ein knochiges und lebendiges Etwas mit großen, neugierigen Augen. Angekettet fristete sie im Ziegenstall neben dem Plumsklo ihr gefesseltes Dasein. Wenn jemand auf selbigem saß, richtete sie sich auf den Hinterbeinen auf und schaute interessiert über den Bretterverschlag, um so in ihr eintöniges Leben ein bisschen Abwechslung zu bringen. Arme Iphigenie.

Ja, der weiße Milchproduzent hieß tatsächlich Iphigenie, „das Land der grünen Wiesen mit der Seele suchend" oder so ähnlich. Wieso ihr armes Dasein mit dem Dichterfürsten Goethe in Verbindung gebracht worden war, blieb mir ein Rätsel. Denn nur im Frühjahr und Sommer wurde sie draußen auf der Wiese angeleint. Dann schaute sie neugierig auf alle Passanten, genoss das schöne Wetter und gab dankbar noch mehr Milch.

Iphigenie war sehr keusch erzogen worden. Sie hatte schöne volle Brüste. An diese Milchzapfstellen ließ sie nur meine Mutter – zum Kummer der ganzen Familie. Schlimm, Iphigenie, die stolze Griechin, sie konnte nur von meiner Mutter gemolken werden. Die übrigen Familienmitglieder ließ das Tier nicht heran.

Nur einmal verreiste meine Mutter zu ihrer Freundin nach Dortmund. Im Ziegenstall brach das Chaos aus. Mein Vater und mein Onkel hatten sich das so ausgedacht: Einer wollte sie festhalten und der andere sollte sie melken. Aber sie hatten nicht mit der streitsüchtigen Iphigenie gerechnet. Sie empfand die Schmach als himmelschreiende Gewalttat. Das Melken wurde zum Drama.

Mein Onkel, ein kraftvoller Draufgänger, hatte vorher noch zu meinem Vater gesagt: „Das wäre doch gelacht, wenn wir das hagere weiße Gestell nicht melken könnten." Nachdem meine Mutter abgereist war, kam er mit dem Fahrrad aus dem Nachbardorf angefahren. Er streifte sich eine Arbeitshose über und ging mit meinem Vater in den Stall. Ich stand im Toilettenraum und schaute über die Balustrade, um dem Spaß aus nächster Nähe beizuwohnen.

Unsere zartbesaitete Iphigenie ahnte schon, was sie erwartete, als die beiden Männer hinter sich die Stalltür schlossen und sich der verängstigten Dame näherten. Iphigenie konnte nicht weglaufen, denn sie war kurz angebunden. Sowie mein Vater auch nur in ihre Reichweite kam, strampelte sie mit Vorder- und Hinterbeinen wie eine Furie. Da beide Männer die Hinterbeine der Ziege nicht anbinden konnten, besaß Iphigenie eine schlagkräftige Waffe. Abwechselnd trat sie rechts und links mit einem Bein zu und traf mal Hände, Arme oder Schienbeine der beiden Männer. Onkel und Vater schrien immer wieder auf.

Mit einer Hand hielt mein Vater einen Blechnapf, mit der anderen versuchte er zu melken. Er ergatterte nur die Hälfte der Milch, die meine Mutter dem Tier sonst abgewann. Der Ringkampf mit Iphigenie ging über einige Runden. Onkel und Vater gewannen schließlich nach Punkten, aber ein strahlender Sieg war es nicht. Außerdem mussten sie einige Blessuren verkraften. Beide fluchten sonst selten, aber hier kannten sie plötzlich viele abscheuliche Flüche, die Iphigenie nur noch wütender machten. Ich muss schon sagen, die Melkschlacht habe ich als Zehnjähriger damals richtig genossen, denn Fernsehen gab es ja noch nicht. Meine kleine Schwester von vier Jahren schaute nur einmal ganz kurz zu und rannte dann ängstlich und voller Mitleid mit Iphigenie zurück in die Küche. So war unsere Ziege. Sie ließ sich gern von Vater und mir füttern, mehr aber auch nicht.

Als der Milchkampf beendet war, ließen sich Onkel und Vater schachmatt und stöhnend in die Sessel fallen. Während Vater in zwei Gläser Bier einschenkte, hechelte mein Onkel, ein erfahrener Handwerker mit entsprechenden Muskelpaketen und kräftigen Händen: „Das strengt ja mehr an, als wenn du einen Morgen Roggen mit der Hand gemäht hast."

Mein Vater meinte kleinlaut: „Wenn du die Milch kaufst, sparst du viel Energie, aber das störrische Luder muss ja gemolken werden. Mein Onkel schüttelte nur seinen Kopf und erwiderte erschöpft: „Leider.

Als ich eine Viertelstunde später neugierig in den Ziegenstall schaute, lag Iphigenie abgekämpft und müde auf dem Stroh und leckte ihre strapazierten Beinchen. Ich hatte den Eindruck, sie blickte mich dankbar an, dass ich ihr nicht auch Gewalt angetan hatte.

Schwalben bringen Glück

Ein besonderes Ereignis war jedes Jahr der Einzug der Schwalben in unser Haus. Wenn der Frühling kam und die Temperaturen anstiegen, kamen die Rauchschwalben aus dem warmen Süden zurück in den kühleren Norden. Der Flug ist eine Strapaze. Sie müssen die trockene und heiße Wüste Sahara passieren, über das Mittelmeer fliegen und schließlich auch noch die Alpen überwinden. Die flinken und eleganten Tiere haben sich an die Menschen gewöhnt. Die Mehlschwalben bauen ihre Nester unter den überhängenden Dächern draußen an Dachbalken oder an die Häuserwände. Die Rauchschwalben fliegen in die Häuser und präparieren ihre Nester etwa vier bis sechs Meter tief im Raum unter den Querbalken des Dachbodens. Es ist ein Wunder, dass die Tiere nach einem halben Jahr in Afrika ihre angestammten Nistplätze wiederfinden. Ob es die Eltern sind, die im Vorjahr ihre Jungen großgezogen haben, oder diese die Brutplätze einnehmen, weiß ich nicht. Kenner der Materie wissen es bestimmt.

Unsere große Vordertür bestand aus vier etwa gleich großen Teilen. Zwei große Flügel, die tagsüber geöffnet wurden, befanden sich in etwa zwei Metern Höhe. Die unteren Flügel blieben über Tag geschlossen. Da wir keine Fenster in den oberen Türflügeln hatten, standen sie bis in die Abendstunden offen. Die Tiere konnten also ohne Anmeldung ihr Sommerquartier beziehen. Meine Eltern, meine kleine Schwester und ich waren glücklich, wenn die nützlichen Vögel wieder daheim waren.

„Schwalben bringen Glück!", meinte meine Mutter. Und sie sagte das nicht nur so daher. Sie wusste es. Sie glaubte daran. Wir konnten die Deele rauf- und runtergehen, konnten fegen und Krach machen, die Schwalben ließen sich nicht irritieren. Sie fühlten sich bei uns geborgen und zwitscherten ihre Lieder.

Schon nach wenigen Wochen flog immer nur noch eine Schwalbe raus und rein. Im Nest lagen nun einige Eier, die abwechselnd von Vater- oder Mutterschwalbe ausgebrütet wurden. Manchmal fütterten sich die Tiere auch, sodass die Brutstätte ununterbrochen besetzt blieb. Noch Ende Juni, wenn die Tage lang und die Nächte kurz waren, blieb ein Flügel der Hoftür bis um 22.30 Uhr offen. Viele andere Vögel hatten längst ihre Schlafplätze aufgesucht, während

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